Seefahrt ist not!

Part 15

Chapter 153,947 wordsPublic domain

Im Fischerhaus zu Geestemünde hing ein schlichter Briefkasten an der Wand, unter dem Bilde eines Lloyddampfers und neben dem Sammelschifflein der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Es war nichts Besonderes daran und doch konnte ich ihn nicht ohne die sonderbarsten Gedanken putzen, denn in ihm steckten die Briefe für die Fahrensleute, für die Schiffer, für die Matrosen. Nach schweren Stürmen: wie füllte er sich dann mit Briefen der Frauen, der Mütter, der Bräute! Wie mancher Seemann trat an den Kasten, schloß ihn auf und blätterte den Haufen durch, blätterte auch wohl ein zweites Mal. Fand er einen Brief, wie glänzten dann seine Augen! Mit verhaltener Stimme, der die Freude anzuhören war, bestellte er einen Bittern und setzte sich mit dem Schatz in den Winkel, um zu lesen. Oder er lief spornstreichs nach der Geeste hinunter. Fand einer nichts, so schloß er leise den Briefkasten. Ein andrer schlug ihn knallend zu.

Nun stand Klaus Mewes mit seinem Jungen davor und blätterte die Briefe durch.

»Peter Jonas? De fohrt ne no de Wesser! ... Richard Grube? De Knecht is all lang afmunstert! ... Hein Fock? Hest all Heimweh no dien vergneugten Hein, Geeschen? ... Willem Mees?« ... -- er machte eine lange Pause, denn Willem Mewes war geblieben ... »Paul Külper? De liggt jo blangen uns; den Breef bring em man eben gau dol, Störtebeker!« ... Der Junge war bereit, Briefträger zu spielen, und lief eilends nach der Geeste hinunter ... »Jan Saß? De is no de Ilw, den Breef harrst di sporn kunnt, Trino! ... Hinnik Loop? De kummt woll noch! ... Kassen Husteen, Hinnik Wrie, Hein Külln, Haanrich Kinau ... Seefischer Klaus Mewes, H. F. 125: dat bün ik sülben! August, geef mi mol en lütjen Angostura!«

Er verschloß den Kasten und setzte sich mit seinem Brief an den Tisch. Die Reihen waren stellenweise verkleckst, ein Zeichen, daß Gesa beim Schreiben geweint hatte.

Sie schrieb: warum sie denn immer nach der Weser segelten und nicht einmal nach Hause kämen? Sie komme sich vor wie eine Witfrau, so einsam und verlassen sei sie, und habe Tag und Nacht keine Ruhe ... Klaus Mewes fühlte, wie es ihm im Halse aufstieg, und bekam den Husten. »Dor is obern barg baschen Peper twüschen, August! Den mokst du woll sülben, wat?« sagte er laut und hielt das Glas mißtrauisch gegen das Licht. Dann las er weiter ... Ob sie noch gesund wären, ob den Jungen gar nicht nach Haus verlange? Er möchte doch sofort antworten! Am Deich erzählten sie so viel von ihnen. Was es mit der Haverei gewesen wäre? Sie sagten, daß sie schon in London gewesen wären und immer mitten unter den Englischen fischten: das möchte er doch ja lassen, denn das wären böse Briten, die könnten einen totschlagen, hätte der alte Gerd Eitzen gesagt ... Hein Mücks Mutter sei bei ihr gewesen und habe gejammert, daß der Junge gar nichts von sich hören lasse: wenn er nur nicht über Bord gekommen sei, habe sie gemeint.

Dann kamen wieder Klagen über das lange Ausbleiben. Klaus Mewes wurde es weich ums Herz: er holte sich Black und Posensteel, das heißt Tinte und Feder, um Gesa einen langen Trostbrief zu schreiben. Als er aber die Feder eintunkte, wußte er wieder nicht die Worte zu finden und es wurde wieder einer der berühmten kurzen Briefe daraus, in denen eigentlich nur stand: »Liebe Frau, es grüßt dich dein Mann!«

Als er den Brief zugebackt und durch einen Schlag mit der Faust glattgemacht hatte, ging er aber doch mit dem Bewußtsein einer guten Tat nach dem Ewer zurück, mit den Mehltüten unter dem Arm, rief Störtebeker, der auf einem Eiswagen saß und an einem getrockneten Petermantje kaute, und setzte die Segel auf.

Hein Mück bekam zwischen Großsegel und Besan seinen Segen.

»Segg mol, Hein, schriffst du denn keeneenmol no Hus? Dien gode Moder weet gornix van di af: wat is dat egentlich?«

»Och, dat ole Schrieben, keen hett dor Lust to,« sagte der Koch leichthin, aber damit bekam er den ganzen Ewer gegen sich, sogar Seemann bellte ihn aus, und sie ruhten nicht eher, bis er in die Kapp stieg und schnell einige Zeilen schrieb, die Störtebeker dann noch zwischen dem Losmachen der Stroppen nach dem Fischerhaus trug.

* * * * *

Die Weserfahrerei war aber noch nicht beendet, denn Klaus Mewes mochte sich kein Geld von Gesa schicken lassen, um sie nicht unruhig zu machen. Er hatte deshalb die große Haverei noch nicht ganz bezahlen können. Und weil es ihm ein Greuel war, Schulden zu haben, wie es ihm ein Greuel war, geflickte Segel am Mast oder geflickte Hosen am Leibe zu haben, so segelte er weiter nach der Weser und trug die Rechnungen ab. Auch war ihm bange, daß Gesa den Jungen zurückverlangte.

* * * * *

Einmal lagen sie im Alten Hafen zu Bremerhaven vor der Fischauktionshalle, da machten Kap Horn und Störtebeker eine schöne Reise: sie gingen zu Fuß nach dem Neuen Hafen. Dort lag hinter den weißen Lloyddampfern und den englischen Baumwollkasten ein großes Segelschiff und das war Kap Horns alte Bark »Elisabeth«, auf der er lange Jahre gefahren hatte.

Piekfein hatte der alte Jantje sich gemacht, als er mit dem Jungen an Bord ging, um seinen alten Käppen zu begrüßen. Unter dem Arm trug er einen Beutel voll Fische, mit denen er ihn erfreuen wollte, denn er hing noch immer an dem Ollen, an sien Vadder.

Als sie am Fallreep standen, erstaunte Störtebeker sehr über die himmelhohen Masten und über die mächtigen Rahen, denn so nahe hatte er ein großes Schiff noch nicht gesehen, am meisten aber mußte er sich über die vielen Taue wundern, aus denen er gar nicht klug werden konnte. Dann betraten sie den hohen, grauen Windjammer. Der Alte war an Bord und freute sich über seinen alten Vollmatrosen. Obgleich der eigentlich vor den Mast gehörte, nahm er ihn doch sogleich mit nach dem geheiligten Achterdeck. Und sie kamen in ein langes Schimannsgarn von alten und neuen Zeiten, von alten und neuen Schiffen, von alten und jungen Seeleuten.

Störtebeker lehnte erst, etwas benommen von dem ungeheuer langen Deck, an der Reling und hörte mit fremden Augen zu, dann aber untersuchte er das Schiff genauer, maß und klopfte, befühlte und besah. Er ließ sich von dem Koch, einem vergnügten Dicken, ins Verhör nehmen und lauerte sich einen Löffel Labskaus weg, dann aber getraute er sich nach dem Vorderdeck und peilte das Logis. Auf der Back saßen die Matrosen, die keine Landwache genommen hatten, und klönten. Einer spielte leise auf einer Mundharmonika und machte große Augen. Über dem Vortopp aber stand der gelbe Mond und spiegelte sich auf dem blanken Wasser des Hafens und jenseits des Weserdeiches blinkten die Leuchtfeuer. Schweigend lagen die Dampfer in langen Reihen. Alle Arbeit schwieg. Einzelne Matrosen gingen auf der Kaje vorbei, um die Stadt und ihre Freuden aufzusuchen.

Störtebeker sah alles mit an und machte sich mancherlei Gedanken darüber, wenn auch das meiste noch durch seinen Kopf ging wie ein Traum. So blicken wir, wenn wir Menschen durch unsern Garten kommen sehen, die wir noch nicht kennen: wer sind sie und was wollen sie von uns, bringen sie Gutes oder Schlechtes oder haben sie sich vielleicht nur in der Hausnummer versehen?

Erst guckten die Janmaaten nur wenig auf, als der Junge unter der Fockrah stand, als sie aber hörten, daß er Klaus Störtebeker hieß und ein kleiner Fischermann, ein Schollengreifer war, wurden sie lebendig, nahmen ihn in ihre Mitte und fragten ihn aus. Sie lachten über sein Finkenwärder Fischerplatt und versuchten, es nachzuahmen, sie zogen seine Seefestigkeit in Zweifel und verglichen den Fischerewer spottend mit einem Backtrog, der einen alten Kartoffelsack als Segel und einen Besenstiel als Mast hätte, aber Störtebeker ließ sich nicht verblüffen: mit springenden Augen verteidigte er den großen Ewer und die große Seefischerei und sprach so klug und seemännisch von Fahrt und Wind, daß sie sich verwunderten und mehrmals vor Erstaunen die Hände zusammenschlugen. Er zeigte auch, daß er von großen Schiffen etwas wußte und nannte Rahen und Masten beim richtigen Namen, er kannte Nocken und Pferde, Back und Poop, nur mit den Tauen konnte er noch nicht fertig werden, da war er eigentlich nur der Wanten und Pardunen und Brassen ganz sicher.

»Un wo is Backbord?« fragte der Zimmermann, ein Däne.

»Dor frog dien Großmudder man no,« antwortete Störtebeker, »mi kannst ne förn Buern hebben.«

Er blieb aber bei den Matrosen, bis Kap Horn ihn von achtern aussang. Der Segelmacher, der großes Gefallen an ihm gefunden hatte -- alle alten Seeleute sind wunderlich tiefe Kinderfreunde! --, schenkte ihm einen ausgestopften fliegenden Fisch, und sie entließen den kleinen Seemann mit Adjüst und Good bye.

Der Kapitän nahm ihn mit in seine Kajüte und wies ihm seine kleinen Schiffe, das große Haifischmaul und den aus Holz geschnitzten, wunderlichen Götzen, der mit dem Kopf nickte, wenn man ihn ansah. Auch er freute sich über Störtebeker, und als der eine kleine nautische Prüfung mit Auszeichnung bestanden hatte, bekam er die Reichsprämie von dem Alten: ein weißseidenes Halstuch, das in Tschifu gekauft war.

»Nu gröt dien Vadder, du lütte Seeröver« -- damit wurde Störtebeker zuletzt entlassen, und als er mit Kap Horn auf der Kaje ging, standen die Matrosen auf der Back und guckten ihm nach, wie er hinter Eisenbahnwagen und Baumwollballen im Dunkel der Nacht verschwand. Und sie sprachen noch lange von ihm.

Klaus Mewes aber bewunderte das Halstuch und den fliegenden Fisch und ließ sich das große Belebnis erzählen, während der Knecht mit blanken Augen auf der Bank saß und noch ganz von seinem alten Schiff erfüllt war.

Als der Kapitän der »Elisabeth« den andern Tag etwas in der Bürgermeister-Smidt-Straße zu besorgen hatte, machte er einen Umweg und ging über den Alten Hafen, um die beiden Seefischer wiederzusehen und dem großen Klaus Mewes, von dem sein alter Matrose ihm so viel erzählt hatte, einen Godendag zu entbieten. Aber der Ewer war schon in der Morgenfrühe nach See gesegelt, so daß Käppen Vinnen kein Glück damit hatte.

* * * * *

Einmal hatten sie dicht beim ersten Feuerschiff eingezogen und waren dabei, den Fang zu sichten und die Fische zu kehlen.

Störtebeker nahm die Knurrhähne aus, die er besser halten konnte als die glatten Schollen und die schleimigen Zungen. Da sah er unter dem Tang und den Seesternen einen besonders großen, dicken Steinbutt spaddeln. Er zog ihn heraus und wies ihn herum: »Kiek mol, Vadder, wat förn scheunen Steenbutt, rein en Stoot!«

Er stand dicht am Setzbord -- und der Ewer holte in diesem Augenblick plötzlich weit über! -- da sackte er langsam nach hinten über und fiel über Bord in die See hinein.

Mann über Bord!

Klaus Mewes, der wohlgefällig den Steinbutt betrachtet hatte, erhob sich jäh von dem Hummerkasten, auf dem er saß, warf Fisch und Messer hin, stürzte nach dem Achterdeck und sprang dem Jungen nach, den er unter dem Wasser spaddeln sah, denn die See war sehr klar und man konnte beinahe Grund sehen. Zu spät dachte er daran, daß er die schweren Stiefel hätte ausziehen sollen. Sie waren ihm sehr hinderlich: er faßte den Jungen nicht und hatte Mühe, wieder an die Oberfläche zu kommen. Wie Blei hing es an ihm.

Da schwamm der Junge. »Hol di, Klaus, fix roonen!« »Jo, Vadder!« Bevor er zum zweiten Mal untertauchte, war sein Vater bei ihm und griff ihm unter die Arme. »Lot den Butt doch los, Junge!« »Ne, Vadder!« Zum Glück sah Klaus Mewes den Rettungsring treiben, den Kap Horn über Bord geworfen hatte, und es gelang ihm, ihn zu erfassen, ehe seine Kräfte erlahmt waren.

Mittlerweile hatten der Knecht und der Junge das Fahrzeug herumgekriegt und kamen auf sie zu. Klaus Mewes erfaßte die Leine, die ihm zugeworfen wurde, und nun war Holland nicht mehr in Not: sie wurden an Bord gezogen und konnten sich verpusten.

Störtebeker hatte den Steinbutt noch in der Hand. »Son scheunen Butt schull ik wedder swümmen loten?« sagte er vorwurfsvoll zu seinem Vater, dann aber zog er das nasse Zeug aus und hängte es an den Wanten auf, damit die Sonne und der Wind es trockneten.

»Up See mütten Kummer gewinnt warrn,« sagte er lachend zu Kap Horn, der ihn kopfschüttelnd betrachtete, ging in die Koje, suchte sich trocknes Zeug aus dem Beutel und setzte sich geruhig wieder bei den Knurrhähnen hin, als wenn nichts geschehen wäre. Was war's denn auch weiter: er hatte bloß einmal über Bord gelegen.

Dreizehnter Stremel.

Is de Sommer all her? -- fragen die Frauen, die einander begegnen, denn ein grieser, nebeliger Tag liegt auf der Niederelbe, die bei tauber Tide schwerfällig ebbt. Nach starken, nächtlichen Regengüssen ist die Luft dick geworden. So diesig ist es, daß die Sonne kaum einen Schatten werfen kann. Wie der Mond steht sie am Heben, eine weiße Scheibe ohne Strahlen. Den Daak vermag sie nicht zu vertreiben.

Im Fahrwasser besinnt alle Schiffahrt sich auf die kaiserliche Verordnung und erhebt ihre warnende und sichernde Stimme, um Zusammenstöße zu vermeiden. Die vor Anker liegenden Bagger läuten die Glocke, die kreuzenden Segler blasen auf dem Ochsenhorn und die Dampfer tuten und brummen ununterbrochen auf der ganzen Strecke von Neumühlen bis Blankenese, daß man meinen könnte, mitten im Hamburger Hafen zu sein. Der Rauch, der den Schornsteinen entquillt, hat nicht die Kraft, sich zu erheben. Müde sackt er auf das Wasser. Alle Segel und Schiffe haben etwas Formloses, Gespenstisches.

Wie Herbst ist der Tag.

* * * * *

»Stuten! Weu ok Stuten?«

Metta Greuns, die Stutenfrau, die von dem schriftgelehrten Jan Stihr, der ein bißchen heilig ist, nicht mit Unrecht die Finkenwärder Morgenpost genannt wird, kommt mit ihren mächtigen Kiepen den Deich entlang, die fast größer sind als sie, und singt vor allen Türen.

»Wullt ok Stuten, Greta?« Oder Meetj oder Ilsbeeken oder Trina oder wie die Frau gerade heißt. Zu verwundern ist es, daß sie bei den vierhundert Häusern, die den Elbdeich krönen und die sie abzuklopfen hat, niemals die Gesinen, Geeschen, Sillen, Oleitjen, Trinken, Angken, Wieschen und Ginen miteinander verwechselt.

Nun hat sie den Neß erreicht, setzt die Körbe hin und atmet auf.

»Gesa, wullt ok Stuten hebben?« ruft sie ins Haus hinein. Die Seefischerfrau kommt heraus, bietet ihr Guten Morgen und macht sich über die gelichteten Kiepen her, um sich ihre Rundstücke und Überschnitte auszusuchen, wobei sie deren Frische nach Frauenart durch Bekneifen ermittelt.

Was für schöne Blumen die Gesa auch doch vor den Fenstern hat, denkt die Stutenfrau, die sich zum Ausruhen auf die Bank unter den Lindenbäumen gesetzt hat. Sie will doch sehen, daß sie von den dunkeln Blutstropfen einmal einen Ableger bekomme. Diesmal aber noch nicht, denn sie hat etwas andres auf dem Herzen. Als sie mit dem lokalen Teil und den Nachbargebieten ins Reine gekommen ist, fragt sie teilnehmend:

»Diern, is dat wohr mit dien Jungen?«

Gesa schrickt zusammen, von böser Ahnung befallen. »Wat schall wohr ween?« fragt sie hastig und wird weiß im Gesicht.

»Weest du dor noch nix af?«

»Ne, wat schall ik weeten?« stößt Gesa heraus, »ik weet bloß, wat he gesund un munter an Burd is!«

»Non, non, non, denn ist jo man god, mien Diern! Wenn dut ne weest, denn ist woll Snackeree vanne Lüd; de snackt sik jo eendeel trecht! Non, denn ist jo man god!«

»Wat hebbt se denn doch woll bloß seggt, Metta?«

»Och, denn lot dat man. Harr ik dat weeten, denn harr ik di gorne so verjogt, mien Diern! Föftein Penn giffst du ut: denn kriegst du jo noch wat wedder! Wat is dat ok doch dick van Dook vanmorgen!«

Aber Gesa läßt sich nicht ablenken, sie will wissen, was erzählt worden ist, und läßt der Witfrau keine Ruhe, bis sie es ihr sagt. Am Deich ist erzählt worden, daß der kleine Klaus Störtebeker über Bord gekommen und in der See ertrunken sei. Klaus Mewes sei ihm noch nachgesprungen, aber er habe ihn nicht wiederkriegen können. Wann es gewesen sein soll, weiß sie nicht, sie kann auch nicht sagen, welcher Seefischer es mitgebracht hat, sie weiß nur, daß es erzählt worden ist.

»Schree man ne gliek, mien Diern,« tröstet sie, »is jo bloß Snackeree.«

Aber Gesa hört nicht mehr: weinend wankt sie in ihr Haus und bricht mit einem lauten Aufschrei vor dem Herde zusammen. Ein starkes Schluchzen erschüttert sie und es dauert lange, bis sie sich wieder erheben kann. Dann sitzt sie strömenden Gesichts am Tisch.

Es ist gewiß, es ist gewiß! ruft es in ihr, Klaus ist weg! Das ist mehr als bloßes Gespräch, es ist wahr! Sie hat keinen Jungen mehr, wie sie es geträumt hat! Heftiger fließen ihre Tränen. Nun weiß sie auch mit einem Male, warum ihr Mann nicht mehr nach der Elbe finden kann: dieser grelle Blitz, der in ihre Seele gefallen ist, hat das Dunkel erhellt, das um seine Fahrt lag: er kann ihr ohne den Jungen nicht unter die Augen treten, er mag nicht sagen, daß er ihm über Bord gespült ist! Ob er nun auch noch lacht, der lachende Seefischer, der so sehr an seinem Jungen gehangen hat? Oder ob er ernst und still geworden ist, weil er seinen Störtebeker verloren hat?

Gesa schluchzt wild auf. Warum hat sie es zugegeben, daß er mit zur See kam? Warum hat sie darein gewilligt? Er war doch noch so klein und alles in ihr schrie doch: Es geht nicht gut? Die Mutter, die ihr Kind aufgibt, gibt sich selbst auf: das hast du getan, Gesa, klagt ihre Seele sie an. Nun hatte der kleine Junge im bittern Salzwasser ertrinken müssen und trieb ruhelos auf dem Meeresgrunde zwischen den Muscheln und Steinen umher! So lange Zeit, neun Wochen fast, hatte sie ihn nicht mehr gesehen und nun sollte sie ihn gar nicht mehr zu sehen bekommen! Sie konnte ihm nicht einmal die Augen zudrücken und konnte ihm keine Blumen auf sein Grab pflanzen!

Riesengroß liegt die Angst auf ihr, sie vermag sich ihrer nicht zu erwehren. Stiller geworden, geruhiger, sagt sie sich hundertmal: nein, nein, es ist nicht wahr, es kann nicht wahr sein, es ist Gerede des Deiches, Schnackerei der Leute! Der Junge fällt nicht über Bord und Klaus läßt ihn nicht ertrinken, eher ertrinkt er selbst mit! Nein, nein: ihr kleiner Klaus lebt und lacht, wie sein großer Vater lebt und lacht, und bei Wind und Sonnenschein fischen und segeln sie auf See, die beiden Fahrensleute!

Aber die Angst geht nicht aus ihrer Seele: keine Hoffnung kann sie verjagen. Sie öffnet die Kommodenschieblade und sucht die letzten Briefe von Bremerhaven und Geestemünde heraus. In jedem steht, daß der Junge gesund und munter ist -- und das sollte nicht wahr sein? Ein Mann wie Klaus Mewes sollte lügen können? Gesa kann es nicht glauben und richtet sich an diesen Briefen wieder auf, aber wie eine Schlafwandlerin geht sie die Tage über Deich und Wurt, wartet auf den Briefträger und blickt über die Elbe. Sie hat keinen Schlaf und keine Ruhe mehr, bis sie gewiß weiß, daß ihr Junge lebt. Sie hat so viel an ihm gutzumachen, die arme Mutter -- daß er wiederkäme! Daß er noch lebte! Den Nachbarinnen weicht sie beharrlich aus: sie kann deren fragende Augen nicht ertragen und will nichts hören und nichts sehen. Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ist sie voll Hoffnung, aber nachts gibt sie wieder alles verloren. Ihre Augen sind von dem vielen Weinen geschwollen und um ihren Mund hat sich eine Falte gegraben. Wäre nicht das Viehzeug, das sein Futter und seine Wartung verlangte, so hätte sie sich wohl eingeschlossen und wäre tiefdenkern geworden.

* * * * *

Den fünften Tag hielt sie einen Brief mit dem Geestemünder Stempel in der Hand und riß ihn jäh auf, daß Jan sie verwundert anguckte.

Sie las, daß Störtebeker gesund und munter wäre, dann aber kamen die Zweifel wieder über sie, sie stöhnte auf und zerknüllte den Brief. »Dat lügst du, Klaus Mees, he is verdrunken!« schrie ihre gemarterte Seele. In der Nacht umbrauste der Wind das Haus, daß sie wenig Schlaf finden konnte und keine klaren Gedanken zu fassen vermochte. Ihre Seele war krank und wund und aus dem Rauschen der Linden und Eschen klang ihr die klagende Stimme des Jungen.

Als der Morgen dämmerte, war sie entschlossen, mit der Eisenbahn nach der Weser zu fahren und sich Gewißheit zu verschaffen. Sie mußte Ruhe haben: sie konnte es nicht mehr aushalten. Da zog sie ihr schwarzseidenes Kleid an und machte sich reisefertig. Als sie alles bereit hatte -- es gehörte sehr viel dazu, denn sie war erst wenig mit der Eisenbahn gefahren --, vertraute sie Haus und Hof dem alten Jäger an, der gar nicht wußte, was los war und es auch nicht herausbekommen konnte, denn sie sagte nur, daß sie etwas in der Stadt zu besorgen habe und erst den andern Abend zurückkomme.

Die Frauen, die vor den Türen oder auf dem Deich standen, erwiderten ihren Gruß in etwas langgezogenem Ton, der besagte: na, was hast du denn vor, willst es uns nicht erzählen? Aber sie ging nicht darauf ein, sondern machte, daß sie weiterkam, denn das, was Klaus Mewes ein Quell der Freude und Erquickung war, den Deich entlang zu gehen, jeden anzuholen und vor allen Türen stehen zu bleiben, erschien ihr, der Ortsfremden, wie ein Spießrutenlaufen mit Hindernissen.

Wenn sie vorbei war, steckten die Frauen die Köpfe zusammen und sahen ihr nach.

»Se hett jo man bloß den eenen Jungen,« hieß es dann.

Bei der Post dachte sie daran, ob es nicht besser wäre, nach Geestemünde schlagen zu lassen und ihre Ankunft zu melden. Sie tat es aber nicht, damit Klaus nicht nach See ginge, bevor sie da wäre. Er sollte nicht wissen, daß sie unterwegs war. Wenn sie ihn nicht mehr antraf, konnte sie gewiß bei den andern Ewern die Wahrheit erfahren.

Der Klapperkasten »Courier« paddelte langsam, aber sicher aus dem Fleet und setzte sie zu St. Pauli ab. Dort stieg sie in die Pferdebahn und fuhr nach dem Hannoverschen Bahnhof, den die Hamburger so gern den Pariser nannten.

* * * * *

Der Bahnfahrt ungewohnt, kam sie am späten Nachmittag müde und angegriffen zu Geestendorf an und fragte sich nach der Geeste. Sie erreichte auch den Deich, sah im Westen und Norden die breite Außenweser und ging nach der Kaje hinunter, an der die Fischerewer in langer doppelter und dreifacher Reihe lagen, denn der Wind hatte viele von ihnen hergeweht. Obgleich sie an weiter nichts dachte, als an ihren Jungen und weiter nichts suchte als H. F. 125, sah sie doch, daß hier an der Geeste eigentlich gar nichts Besonderes war; da waren Eisschuppen und da Werften, hüben waren Holzstapel und drüben schmutzige, graue Maschinenhäuser und weiter nichts als höchstens noch Kohlenhaufen: was Klaus wohl hatte, daß er immer so gern nach der Weser segelte, wenn es weiter nichts war als diese graue Ecke, die sich mit dem grünen Deich doch nimmermehr vergleichen konnte?

Sie las die Nummern der Ewer und suchte den Laertes. Fragen mochte sie nicht, obgleich einige Jungen an Deck standen. Da rief Jannis Sloo sie an, der mit einem Norderneyer Schaluppenfischer sprach: »Süh, Gesa, ok mol oberreist?«

Sie gab keine Antwort, sondern ging weiter. »Klaus liggt dor wieder rup,« rief er ihr noch nach, »dor eben vörre Brügg, de Flagg dor, dat is he.«

Die Flagge -- sie mußte bitter und schmerzlich lächeln: so wenig Seefischerfrau war sie, daß sie nicht einmal an das allgemein bekannte Zeichen des Ewers gedacht hatte. Ja, da wehte die deutsche Flagge auf der Besan, wehte lustig und fröhlich, wie sie immer geweht hatte: aber ihr tat sie diesmal weh, weil Klaus sie nicht einmal halbstock gesetzt hatte.

Es wollte schon schummerig werden, als sie vor dem Ewer stand. Tief aufatmend, hielt sie sich einen Augenblick am Pfahl fest. In ihren Ohren sauste es und ihr Herz klopfte schmerzhaft: sollte sie nicht doch noch umkehren?

In der Kajüte brannte schon Licht, weil die Schienkapp aber halb von der Fock bedeckt war, konnte man von der Kaje aus niemand erkennen.

Wie willenlos schlich Gesa sich auf den Ewer und stieg die Treppe hinunter. Dann stand sie auf der dunkeln Diele und blickte durch das rautenförmige Türfenster in die erhellte Kajüte hinein.