Seefahrt ist not!

Part 14

Chapter 143,912 wordsPublic domain

Nach dem spielenden Kind, nach dem lachenden Jüngling ist der _Mann_ gekommen, der Riese. Stückwerk ist nicht sein Handwerk: er macht ganze Arbeit. Mit gewaltiger, furchtbarer Kraft drückt er alles Freundliche, Milde, Leichte in Grund und Boden, zermalmt er es zu Staub, bis er allein dasteht. Dann zuckt es in seinen Fäusten, dann reckt er die Arme, dann stemmt er die Beine, dann sprüht es aus seinen Augen, dann glüht und dampft sein Atem und hart lacht es um seine Zähne. Selbst die großen Meister, die Winde, müssen vor ihm ducken, und wollen sie sich ja erheben, so fegt er sie mit Blitz und Donner von dannen. Er weiß, was er zu tun hat, weiß, daß es um Brot und Leben geht, weiß, daß der Winter kommt. Was andre nicht gekonnt haben an all den langen Tagen, in all den milden Monden, das vollbringt er in wenigen Wochen: in unerbittlichem Ernst, in kochendem Eifer, in glühendem Haß, in flammendem Zorn -- und all sein Ernst und Zorn ist wilde, gewaltige Liebe!

Schwer liegt des Sommers Hand auf der Fischerei. Auch Klaus Mewes fühlt sie. Lange Tage treibt der Ewer mit schlaffen Segeln in der Windstille und das Deck ist bratenheiß. Nachts steht der ganze Heben in Flammen und das Schiff erzittert. Wie lang ziehen sich die Reisen hin, wie oft müssen sie in Norderney und Cuxhaven binnen laufen, weil ihnen das Eis geschmolzen ist! Sie fahren wieder viel nach der Weser, denn die Zungen, die nicht freihändig verkauft, sondern in der Halle versteigert werden, sind in Geestemünde ebenso teuer wie in St. Pauli und Altona. Zweimal segeln sie bei scharfem Ostwind nach Jimuiden in Holland, einmal kommen sie nach Esbjerg in Dänemark. Manche Kurre zerreißen sie in den Steinen, sodaß beständig einer mit dem Ausheilen zu tun hat. Lange Wachen gibt es: der Streek dauert drei bis vier Stunden; saure Arbeit, denn die Zungen sitzen mehr im Schlick als im Sand und die Kurre ist oft nicht zu hieven. Einmal verlieren sie das ganze Geschirr: die Kurre hakt ja wohl an einem auf dem Meeresgrunde liegenden Wrack fest: der Ewer törnt auf, steht einen Augenblick fast still, dann aber reißt die Kurrleine und dreihundert Mark sind verloren. Ein andermal treibt eine ostfriesische Jalk gegen sie und macht ihnen eine solche Haverei, daß sie nach der Oste segeln und dort zimmern müssen. Dann wieder liegen sie vor Wind hinter Wangeroog.

Aber Klaus Mewes verliert den Mut und verlernt das Lachen nicht! Und es kommen ja auch schöne, große Reisen: einmal, als die Zungen auf Zweimarkzehn stehen und die Steinbutt auf Einsachtzig, machen sie gute vierhundert Mark.

Klaus Störtebeker ist noch immer an Bord und wenn er auch nicht vor dem hamburgischen Wasserschout angemustert worden ist, so gehört er doch als Viertsmaat zur Besatzung und bekommt seine Heuer so gut wie Hein Mück. Ihm ist jedes Wetter recht, wenn er nur an Bord und bei seinem Vater bleiben darf.

Sie kommen auch einige Male nach Hamburg hinauf, aber sie halten sich auf Finkenwärder nicht lange auf. Klaus Mewes vertröstet Gesa auf den Winter, wenn sie ihn bittet, doch einige Tage zu Hause zu bleiben: er muß fischen! Und den Jungen soll sie vor dem Herbst nicht wieder bekommen: so lange bleibt er an Bord! Und mit der Nachttide wird gefahren, damit sie wieder in die Fischerei kommen und ihnen das Eis nicht wegschmelze!

All ihr Bitten und Flehen nützt ihr nichts: der Wind bläst in die Segel und der Ewer zieht westwärts. Zwar winken die beiden Seefischer vom Achterdeck, aber sie lachen doch dabei und freuen sich, daß sie wieder einmal glücklich der Gefahr entronnen sind, getrennt zu werden.

* * * * *

In der Kürze eines Seeamtsspruches könnte ich nun auch berichten, daß sie einmal im Sturm mit genauer Not über das Watt gesegelt sind.

Es ließe sich aber auch anders schreiben, obzwar es unfinkenwärderisch wäre, denn kein Fischermann machte viel Worte um etwas, das alle Tage vorkommen kann.

Der alte Regenwind, der Südwest, war Baas auf der See. Graue Wolken, eine noch grauer als die andre, trieb er über den Heben.

Klaus Mewes und sein Junge, die die Wache hatten, steckten unter den Südwestern tief im Ölzeug und ließen den Regen auf sich niederströmen. Sie fischten beim Weserfeuerschiff auf 22 Faden. Der Ewer arbeitete stark in der schweren Dünung und schlug trotzig und gereizt mit den leckenden Segeln gegen die Wolken. Mehr und mehr frischte der Wind auf, die Seen krönten sich mit Schaum und das Wetterglas fiel tiefer und tiefer.

Klaus beschloß deshalb, den Streek den letzten zu taufen und treiben zu lassen.

»Intehn, intehn!« sang Störtebeker, und Kap Horn und Hein Mück kletterten aus ihren Kojen und kamen an Deck. Sie zogen ein und freuten sich, als sie den Steert an Deck hatten, denn es wurde immer windiger und der Ewer stampfte und rollte stärker als zuvor, nun ihm der Halt des schweren Netzes mangelte.

Schollen, Zungen und Steinbutt, meist kleines Zeug, klatschten auf das Deck. Störtebeker und Hein Mück zogen die Fock auf und machten sich mit dem Knecht über die Fische her, Klaus aber nahm das Ruder und steuerte. Als keinerlei Aussicht war, daß das Wetter sich so bald ändere, dachte er hinter Wangeroog zu flüchten, dann aber besann er sich und hielt nach der Elbe hinüber, um zwischen den Baken bessere Gelegenheit zu erklüsen.

Gischt und Regen waren die Fahrtgenossen des Ewers, der vor dem mächtigen Druck der Segel durch das hohle Wasser schäumte wie ein Dampfer und manchen Spritzer überkriegte.

Die paar Petermännchen, Knurrhähne, Rotzungen, Rochen, Kleiße, Steinbutte, Taschen und Zungen waren bald verarbeitet. Dann spülten sie das Deck rein. Hein ging in die Kambüse, um Klöße zu braten und Kaffee zu brauen, Kap Horn aber blieb oben, sah Luken und Boot genau nach und packte alles in den Raum und die Plicht, was drift gehen konnte, denn es wollte schon dämmern und niemand konnte wissen, was die Nacht noch brächte.

Die Elbe war weit weg.

Sie konnten keine halbe Meile weit sehen, so diesig und unsichtig war die Luft. Der Wind wehte flagiger und stoßweiser als vorher und lief raumer. Sie segelten schon platt vor dem Laken und die hohen Wogen liefen ihnen nach wie geifernde, hungrige Wölfe: eine große Gefahr für Boot und Segel. Aber der Laertes, der kühne Schwimmer, hielt kraftvoll den Kopf oben und ließ sich weder begraben, noch aus dem Kurs werfen. Störtebeker stand geruhig bei seinem Vater, ohne Bangigkeit, und half das Neuwerker Feuer suchen. Wenn die Luft nicht so dick gewesen wäre, hätten sie es längst in Sicht haben müssen.

Da weist Klaus Mewes nach Norden, wo urplötzlich eine blauschwarze Wolkenwand wie ein gewaltiges Gebirge aus der See steigt. Mit unheimlicher Schnelligkeit fährt sie in die Höhe und verbreitet sich mit unfaßlicher Macht über den griesen Heben. Wetterleuchten, grelle Blitze und dumpfe Donnerschläge sind das nächste.

»Nu gifft wat!« ruft Kap Horn.

»Gläuf ik ok!« antwortet Klaus Mewes, »goh no binnen, Störtebeker!«

»Worüm, Vadder? Ik bün ne bang, lot mi man hier blieben!«

»Ne, du müß dol, Klaus, du speulst uns ober Burd! Goh gau no nerden un lot Hein de Kapp toschuben un blieft beid inne Koi, bit wi jo wedder ropt!«

Störtebeker sieht seinen Vater an, dann sagt er: »Jo, Vadder!« und geht nach unten, denn er weiß, daß man dem Schiffer gehorchen muß und wenn man's auch zehnmal besser wüßte.

»Bang bün ik ober keen betjen, Vadder,« ruft er noch vom Großmast, dann verschwindet er und verklart Hein Mück die Sache, der aber ruhig weiter brät und meint, es würde jawohl nicht so schlimm werden.

Die beiden Fahrensleute oben erwarten den Sturm. Zu sprechen brauchen sie darüber nicht, denn sie fahren lange genug zur See, um zu wissen, was die große Wolke zu bedeuten hat. Kap Horns Züge sind wie aus Holz geschnitten, des Schiffers Gesicht aber ist wie aus Erz gegossen: niemand sähe es beiden an, daß sie so fröhliche Menschen sind und so gern lachen.

Sie wissen, was geschehen wird: dennoch aber haben sie ein so jähes Umlaufen, ein so blitzschnelles Umspringen des Windes noch nicht erlebt und einen so furchtbaren Wirrwarr des Wassers auch noch nicht. Der Südwest hat ausgeweht: mit einer schweren Hagelflage in den Armen fegt ein eisiger Nordwest heran, trommelt und pfeift auf der See und wirft sich mit Ungestüm auf den Ewer. Unmittelbar darauf springt der Wind wieder um: Nord! Und noch kein Besinnen: abermals dreht er sich: Nordost, Nordoststurm. Nun wahr dich, Ewer, nun wehr dich, Klaus Mewes!

Die See, die See!

Wie gischt und schäumt sie! Sie _kocht_!

Wie ein Amokläufer geht der Nordost die Sache an. Er faßt die schweren, langsamen Seen des Südwestes beim Schopf und dreht sie geradezu um. Furchtbar bearbeitet er sie mit seinen Fäusten, daß sie wild durcheinander laufen.

Dat ward een beuse Nacht for mannich lütj Schipp, dat noch buten is, will Kap Horn noch sagen, aber er kommt nicht mehr dazu, denn der Ewer ist mitten in diesen Sturm und Aufruhr hineingeraten! Wie wild kommt der Sturm über den kleinen Fischerewer! Erst springt er ihn an, wie der Löwe ein Schaf, als wolle er ihn gleich beim ersten Anlauf kopfheister werfen. Als ihm das nicht gelingt, legt er sich so hart auf die Segel, daß sie den Ewer platt aufs Wasser drücken und er zittert und bebt, als könne er sich nicht wieder aufrichten. In der Kajüte purzelt Hein gegen den Ofen und Störtebeker gegen die Dielentür, an Deck aber klammern Schiffer und Knecht sich an die Wanten an, um nicht über Bord zu spülen. Dann geht Klaus dem Raubtier zu Leibe, das ihn überfallen hat. »Fock dol!« gellt seine Stimme durch den Lärm. Kap Horn turnt nach vorn und reißt sie herunter. »Seil dol!« schrillt es. Der Schiffer kettet das Ruder an und stürzt nach den Fallen.

Rumms! Rumms! Dröhnend wirft der Sturm den Giekbaum gegen das Boot und zerschlägt diesem Duchten und Dollbaum, er hebt ihn wieder und rammt fürchterlich auf das Deck. Kap Horn wäre getroffen und getötet worden, wenn Klaus ihn nicht beiseite gerissen hätte. Wieder ein harter Windstoß -- da ein scharfer Knall: über dem zweiten Reff ist ein großes Loch in das Großsegel gerissen. Gau, gau, Klaus Mees, oder dat ganze Seil geiht innen Dutt!

Schon meinen sie, es geborgen zu haben, da greift das wilde Tier noch einmal danach, zwängt sich mit aller Gewalt hinein und schwenkt es als seine Fahne, dann aber gelingt es ihnen, es niederzuholen. Wütend heult der geprellte Sturm durch die Wanten, an denen es nichts zu beißen gibt, dann aber gewahrt er das Achtersegel, das noch steht, er macht einen krummen Buckel -- und in Fetzen zerrissen, fliegt die dunkle Besan in die Winde. Zwar ist der Ewer wieder aufgestanden, aber er ist jetzt ohne Segel und gehorcht nicht mehr dem Ruder. Er ist ein Spielball der brüllenden Seen.

Vor Topp und Takel lenzend, dümpelt und scheistert er in der wilden Dünung und die hohen Seen rollen über ihn hinweg.

»Dor is en Licht!« ruft Kap Horn und weist über den Steven. Klaus blickt nach der bezeichneten Richtung und sieht ein _Licht_ auf der See, hell und tröstend. Ein unerschrockener, unauslöschlicher Weiser, reißt dort das Elbfeuerschiff an seinen Ketten. Aber in welchem Kompaß? Klaus peilt und als er »Nordost« ruft, da schüttelt der alte Matrose ernst den Kopf und sieht ihn an, denn ein Ankreuzen gegen den schweren Sturm ist mit dem Loch im Großsegel und ohne die Besan ein Ding der Unmöglichkeit. Die Elbe ist nicht zu erreichen.

Den Ewer treiben lassen, geht aber auch nicht an, denn sie haben keinen Platz: die gefährlichen Sandbänke der Westertill sind in bedrohlicher Nähe und der Sturm muß sie gerade dahin werfen, wenn sie noch lange zögern.

Es hilft nichts: sie dürfen es nicht mehr mit ansehen, sie müssen handeln. Zurück müssen sie, zurück nach der Weser!

Wo ist dein Lachen geblieben, Klaus Mewes? Warum singst du nicht, der du doch sonst im Sturm gesungen hast? Denkst du deines Jungen? Der sitzt warm im Bauch des Ewers und lacht aus der Koje: So geiht he god! -- und obgleich Hein Mück ihn stören will und sagt, es sei nichts Genaues, bleibt er fröhlich und lacht sorglos: »Vadder is jo boben!«

An Deck ist das Halsen glücklich gelungen. Gezogen von der halb aufgeholten, angebundenen Fock und dem als Sturmsegel gesetzten kleinen Klüver am Großmast, geschoben von den immer gröber und ochsiger werdenden Seen, wühlt der Ewer sich durch das kappelige Wasser.

Südwest liegt an.

Es ist eine böse Gelegenheit, denn Hagelschauer und Regenflagen benehmen alle Sicht. So weit sie sehen können, ist kein Licht zu erblicken: sie sind allein auf der See. Ihr Zeug ist durchnäßt, denn die Seen laufen über den Setzbord, wie sie wollen.

Die Frau am Deich! In Klaus Mewes ist alles aufgestanden, nichts schläft oder träumt in ihm, alles wacht. Wie der Deich bei der Sturmflut schwarz ist von Menschen, so hat er seine Gedanken auf dem Haufen: taghell sind alle Stuben und Kammern beleuchtet und über die Treppen eilen die aufgejagten Diener.

Die Seen werden hohler und hohler und donnerartiger klingt ihr Lärm, wie aus der Tiefe gequollen. Klaus will ihm erst nicht glauben, bis er sich dermaßen verstärkt, daß er es muß.

»Lot ut!« ruft er dann jäh und reißt das Blei aus dem Nachthaus. Der Knecht peilt die Tiefe.

»Fief Fohm!«

»Denn sünd wi uppe Grünnen!«

Fünf Faden Wasser nur! Wie weit sind sie abgetrieben! Sie sind in leeger Wall! Bis jetzt ist alles Spiel gewesen, verglichen mit dem Ernst, der nun kommt!

Klaus Mewes fühlt sich von kalten, eisernen Fäusten gepackt, die ihn erdrosseln wollen. Gefahr! gurgelt das Wasser, Gefahr! braust der Sturm, Gefahr! schreit der Ewer. »Nu geiht op Leben un Dot,« ruft der Knecht.

Klaus aber verkettet das Ruder und gröhlt »Seil upsetten!« denn er will sich nicht geben. Mit großer Mühe setzen sie das Sturmsegel am Besansmast, binden das dritte Reff an und ziehen das Großsegel halb auf und geben der Fock etwas mehr Bott. Der ringende Ewer luvt auf und legt sich dwars in die schweren Seen. Urgewaltig wird der Kampf mit Wind und Wasser, verzweifelt wehrt der kleine Menschenewer sich gegen die beiden Großen, die ihn tot machen wollen. Mit unbeschreiblicher Wildheit und Wut branden die Seen ununterbrochen über den Setzbord, daß das Deck _ein_ Wasser ist, die Segel wie Dachrinnen lecken und die Spritzer bis zum Flögel fliegen. Wenn eine der großen Unsulten von Sturzseen gigantisch und eisern heranwuchtet, duckt der Ewer sich wie ein Bulle und nimmt sie von Steuerbord über, richtet sich hoch und steil auf und schüttelt sie nach Backbord ab. Dann duckt er sich wieder, ein Wal im Kampf mit Schwertfischen, die von allen Seiten auf ihn eindringen. Wehr dich, Ewer!

Kap Horn, halt aus! Denk an die Stürme im südlichen Atlantik, an den düstern Felsen, nach dem du genannt bist, und laß die Kette nicht los! Steh fest auf dem glatten Deck, laß dich nicht über Bord spülen! Denk an die vielen Hochzeiten, zu denen du noch mit deiner Harmonika aufspielen sollst!

Klaus Mewes, du Leu von Finkenwärder, der du immer in der ersten Reihe gestanden hast, muß ich dich aufrufen? Nein -- das braucht es nicht: da steht er am Ruder, im zerrissenen Ölrock, naß wie ein Kater, knietief im Wasser, und wankt und weicht nicht, er hält den Ewer, er hält ihn! Damit er nicht über Bord schöle, hat er sich mit einem Tauende festgebunden. So steht er da, ein ganzer Seemann, ernst und wachsam, und späht durch Nacht und Regen nach Land und Feuern.

Zeit gibt es nicht mehr, es gibt nur noch Sturm! Wer will wissen, ob es Minuten oder Stunden sind, die sie durchleben, bis an Steuerbord ein Licht erscheint? »Rodensand!« ruft der Knecht, aber der Schiffer schüttelt ungläubig den Kopf. Da taucht neben dem hellen Licht ein schwächeres auf und er muß glauben, was er erst nicht glauben wollte, weil er sich nicht denken konnte, daß sie so weit abgetrieben sein könnten: das Licht voraus ist das Feuerschiff Bremen! Sie müssen hoch auf dem Trocknen sein!

Hastig knotet er sich los und wirft das Lot! Er wirft es zum zweiten Mal, denn es kann ja nicht sein, die Leine muß gehakt sein! Aber es bleiben drei Faden.

»Dree Fohm! Dree Fohm! Dree Fohm!« ruft er durch den Sturm. »Hest hürt, Kap Horn?« gröhlt er, als er keine Antwort bekommt.

In diesem Augenblick schiebt Störtebeker, dem die Zeit zu lang wird, die Kapp auf, um auszugucken: da schlägt ihm die See dermaßen ins Gesicht, daß er das Gleichgewicht verliert und holterdipolter die Treppe hinuntersaust. Er krabbelt sich aber gleich wieder auf, schiebt die Kapp zu und sagt zu Hein, der ihn ungeachtet seiner Bangigkeit auslacht: »Junge, dat do ik ne wedder, Hein! Wat hebb ik een kregen! Meist, as wenn Vadder mi en fixen Backs geef!«

* * * * *

Kap Horn schweigt noch immer.

Er denkt nach. Soll so nun seine letzte Reise aussehen? Soll das die letzte Fahrt sein? Soll der Tod, der ihn auf den Weltmeeren nicht fassen konnte, ihn nun hier im Wattenwinkel, im seichten Priel erwischen? Es kann so sein, und wenn es so sein soll, dann ist es auch gut, denn es bleibt ja immer ein Seemannstod. Die heilige, unerschütterliche Ruhe des Todgeweihten kommt in sein Herz. Der alte Janmaat will und kann sich nicht klein machen. Er kann sterben -- ob Klaus es auch kann? Er sieht ihn an.

»Dree Fohm bloß noch!«

Klaus Mewes guckt in die Kirche von Finkenwärder hinein, er sieht, wie die Köpfe sich tiefer auf die gefalteten Hände senken, er hört, wie Bodemann sagt, daß Fürbitte zu tun sei für drei Brüder, die seit zwei Wochen vermißt würden. Und sein schönes Haus sieht er, die bunte Haustür und die Bank unter den Linden: die Bank aber ist leer und die blanken Fenster, in denen sich sonst die Elbe von Nienstedten bis Schulau spiegelte, sind dicht verhängt. Und die Tür ist zu: der Hahn und die Hühner stehen unruhig davor und warten vergeblich auf ihr Futter.

Das ist ein Augenblick, dann verweht der Sturm es. Schiffsrat! Aber was ist da zu sagen? Nichts, denn was mit ihnen los ist, weiß der eine wie der andre: vor ihnen ist der gefährliche Brand der Tegeler Plate, sind die Brecher, die Sturzseen. Dahinein und dahindurch müssen sie, sonst bleibt ihnen nichts zu tun, als beizudrehen und zu versuchen, den Ewer so hoch als möglich auf das Watt zu setzen! Kommen sie behalten durch die Brandung, so ist Schiff und Mannschaft geborgen, raken sie Grund, ist alles verloren. Flüchten sie wattenauf, so geht der Ewer in Stücke, aber sie können sich wahrscheinlich im Boot retten. Wahrscheinlich, denn eins ist so gefährlich wie das andre.

Kap Horn sieht starr nach Lee, wo die Feuer des Ewersandes auf den Watten stehen müssen, als wenn er damit sagen will: stranden und landen!

Klaus Mewes aber will seinen Ewer nicht verlassen. Er fühlt das Zittern und Beben des treuen Fahrzeuges und ist entschlossen, sich durchzuschlagen. »Nu hol di fast, Kap Horn!« ruft er gell.

Und hinein in die Brecher geht es! Händereibend steht der Tod neben ihm auf dem Achterdeck und jauchzt: »Nu krieg ik di, Klaus Mees, nu krieg ik di!« Aber der Schiffer hält das Ruder fest und läßt sich nicht erschüttern. Vor ihm tobt der Hexenkessel der Tegeler Plate: er hält darauf zu. Grauenhaft schallt ihm das Donnern und Zischen der Grundseen entgegen, die sich wild überschlagen -- er verzieht keine Miene.

Gott im Heben -- da stürzt die erste große See wie ein wildes Tier auf das Deck und rollt über den Ewer weg, zertrümmert das Backbordschwert, reißt das Boot los und wirft es quer gegen die Winsch, wo es in der Klemme sitzen bleibt. Kap Horn stürzt auf die Luken. Das Nachthaus ist weg, sie sind ohne Kompaß. Ein Glück, daß sie Seemann vorher in die Kapp gestopft haben.

Klaus Mewes steht noch! Der Knecht springt auf und der Ewer klüst weiter.

»Fastholen!«

Das ist eine menschliche Stimme, so schrill sie auch klingt. Die zweite Riesensee stößt wie ein Felsen gegen den Ewer und ergießt sich über das Deck, sie schlägt in die Segel, daß das Fahrzeug sich auf die Seite legt und umkippen will, und die Fahrensleute bringt sie zum Schwimmen. Aber sie lassen ihren Halt nicht los, und weil nicht gleich eine See hinterher kommt und den Rest gibt, vermag der Ewer sich noch wieder aufzurichten.

Abermals fegt es heran, steigt plötzlich steil auf und schlägt furchtbar auf das Deck nieder, daß die Luken verloren gehen und der Ewer sich halb mit Wasser füllt. Da beginnen die Lohnen auf der Diele zu treiben, und Störtebeker und Hein Mück waten aus der Kajüte und klettern oben auf die Treppe, um sofort hinaus zu können, wenn etwas passieren sollte. Fest klammern sie sich an, damit sie nicht hinunterfliegen. »Junge, wat snuft dat langs!« ruft Störtebeker, »ober bang bün ik dorbi doch keen betjen!«

An Pumpen ist nicht zu denken: sie müssen sich festhalten! Sie müssen durch! Durch müssen sie! Sie sind mitten in der Brandung: schlimmer kann es nicht werden! Wenn nur die Segel nicht bersten, wenn nur das Ruder hält!

Wieder ein Brecher?

* * * * *

Auf der Reede von Blexen, dem oldenburgischen Weserdorf, das dwars von Bremerhaven liegt, ließen sie gegen Morgen den Anker fallen, peilten die Pumpen, pumpten das Gröbste heraus und krochen dann todmüde in ihre Kojen.

Es war an einem Sonntag. Die Glocken von Blexen, von Nordenham, von Geestendorf und von Bremerhaven klangen über die Weser, aber auf dem Fischerewer rührte sich nichts: alles an Bord schlief.

Erst am Nachmittag zeigte sich wieder Leben an Deck: die Seefischer erschienen einer nach dem andern und überholten das haverierte Schiff, das schwer gelitten hatte. Sie pumpten es leer und freuten sich, als sie feststellten, daß es kein Wasser machte. Seemann beschnupperte den kahlen Besansmast und suchte das Nachthaus und sein Handschuhlager. Klaus und Kap Horn gingen gleich dabei, das Großsegel zu nähen und einen Flicken darauf zu setzen, damit sie ohne Schlepper in die Geeste gelangen konnten.

Von Bremerhaven ließ Klaus schlagen, das heißt drahten, und den andern Tag erschien der Obervorsteher Peter Fick von Finkenwärder und schätzte den Schaden ab. Dann kamen Zimmerbaas und Segelmacher, Reepschläger und Optiker zu gutem Verdienst -- der Ewer aber mußte ganze acht Tage untätig an der Kaje liegen.

Endlich waren sie so weit, daß sie wieder in See gehen konnten.

»Sall he wedder mit?« fragte Kap Horn mit einem Male und blickte nach Störtebeker, der mit Seemann zwischen den weißen Eisschuppen tollte. Klaus Mewes sah seinen Knecht verwundert an.

»Worüm denn ne?« fragte er.

»Och nix, ik meen man bloß,« lenkte der Janmaat ab; der Schiffer aber sah ihn schief an und sagte: »Up wat för Gedanken du ok doch kommen kannst! Hett mol en betjen weiht, denn schall woll gliek allens kodimmt warrn, wat?«

»Ik heff jo doch gornix seggt,« beschwichtigte der alte Jantje ihn sanftmütig und verschwand in der Kajüte.

Klaus stand still und sah ihm nach: ein Wind ging durch seine Seele und wie ein Bluelight, wie ein Notfeuer zuckte es vor ihm auf: hatte das Schicksal ihn warnen wollen, als es ihn über das Watt jagte, sollte er den Jungen abmustern und seiner Mutter zurückschicken, die so sehnlich nach ihm verlangte?

Ach was -- Weibergedanken! Der Junge blieb an Bord und damit gut.

»Störtebeker?«

»Wat schall ik, Vadder? Seemann, nu stopp, rittst mi jo de ganze Büx twei.«

»Wullt noch wedder mit no See?«

»Gewiß, Vadder!«

Das klang so selbstverständlich, daß Klaus Mewes nicht weiter fragte. Er nahm ihn mit nach dem Fischerhaus hinauf, um noch etwas Proviant zu kaufen.

* * * * *