Seefahrt ist not!

Part 17

Chapter 174,006 wordsPublic domain

Als sie später mit der Ebbe hinunterkreuzten, inmitten der vielen Dreuchewer, die unter Segel waren, war Klaus Mewes seiner Gedanken ledig und blickte wieder fröhlich über die Elbe. Und Störtebeker sah ihn von der Seite an und wollte fragen, was er schon gestern am Bollwerk fragen wollte und was ihm seitdem schwer auf dem Herzen lag: ob er wieder mit an Bord solle, wieder mit nach See. Sie hatten eine schöne Reise gemacht, das hatte er in der Halle wohl gehört: konnte es da nicht sein, daß sein Vater ja sagte? Aber so viele Male er auch ansetzte, er brachte die Worte doch nicht heraus: im letzten Augenblick stotterte er und fragte nach einem nahen Schiff oder nach etwas anderm. Klaus Mewes fühlte wohl die Not seines Jungen, aber er tat, als sei er ganz unbefangen.

So segelten sie die Elbe hinunter.

Nach dem Essen legte der Schiffer die Abrechnung von St. Pauli auf den Tisch, daß sie jeder sehen konnte, und der Knecht bekam dreizehn Prozent, der Junge neun Prozent des Erlöses. Klaus Mewes, der gute Leute hatte und ein glücklicher Seefischer war, konnte ein Prozent mehr geben als die andern Fischer, und er tat es gern.

* * * * *

Wenn ich ein Fischer wäre, ließe ich meine Segel nicht von Thees to Baben machen. Ich ginge zu Jakob von Cölln am östlichen Norderelbdeich oder zu Kai Kröger auf der Müggenburg, aber zu Thees to Baben ginge ich nicht. Tief im Mittelalter mit seinen Hexen und Teufeln sitzt der Mann noch, der kleine, krumme Segelmacher. Wie übernatürlich lodert es in seinen dunkeln Augen, wie zuckt es um seinen Mund, wenn er spricht, wie wirr ist sein Haar! Überall sieht er es spuken, allerwärts wittert er Unglück und ewig hat er es mit den Hexen zu tun. Wie unheimlich ist sein Tun, wenn er Segel näht: erst legt er die Karten, um den rechten Tag und die rechte Stunde für die Arbeit herauszuklamüstern, und dann rutscht er wie ein Magier auf dem Segeltuch umher, murmelt unverständlich vor sich hin, spricht mit den Reffbändern wie mit Menschen und streicht sonderbar über die Lieken, um die Hexen zu bannen. Er weiß, welche Segel zerreißen und welche Fahrensleute bleiben: alle Schiffsuntergänge der letzten vierzig Jahre hat er im Kopf. Mir graut vor ihm.

* * * * *

Jan Hinnik und Jan Harm, die beiden redseligen Wattenfischer, saßen auf dem Segelboden und erzählten sich etwas mit ihm. Thees to Baben hockte auf einem neuen Großsegel, wie der Schah von Persien auf seinem Teppich, und verklarte ihnen sein Steckenpferd, das Leben von Doktor Faust, der sich dem Teufel verschrieben hatte und dafür alles bekommen konnte, was er haben wollte: Gold und Silber und Edelsteine, schöne Mädchen und das Feinste zu essen und zu trinken.

Da kam Klaus Mewes mit seinem Jungen lachend über die Deichbrücke zur Tür herein, bot den Fahrensleuten die Tageszeit und fragte den Segelmacher, was er für den neuen Klüver zu bezahlen hätte.

Thees lächelte eigentümlich und sagte: »Du kummst ok jümmer, wenn ik di ne bruken kann, Klaus Mees. Ik wür hier so scheun mit Dokter Faust inne Gangen un nu frogst du, wat de Klüber löppt un ik mütt upstohn un an to reken fangen!«

»Dorüm kannst du doch wieder vertillen, Thees,« lachte Klaus.

»Ne, ne, di vertill ik nix,« antwortete der Segelmacher, der aufgestanden war und sein Buch suchte, »di vertill ik nix, du lachst jo doch bloß ober sowat; du meenst, dat gifft bloß dat, wat du vör Ogen sühst: aber ich sage dir: irre dich nicht, Klaus Mewes! Schall ik di mol de Kortjen leggen?«

»Ne, lot man, Thees,« wehrte der Seefischer heiter ab, »ik gläuf ne an Hexen.«

»Wat he guchelt, de grote Klaus Mees!« wandte der Alte sich an die beiden Wattenläufer, »wat he glüst, as wenn he ne blieben kunn!«

»Man keen Bangen,« rief Klaus sicher, »ik blief ok ne!« Und Störtebeker, der auch einmal zu Wort kommen wollte, setzte nachdrücklich hinzu: »Vadder kann ne blieben, he kummt jümmer wedder!«

»Do ik ok, mien Jung!«

Der Segelmacher aber blickte ihn über seine Brille hinweg an und sagte mit veränderter Stimme: »Dat hett dien Vadder ok seggt, Klaus Mees! De kunn ok ne blieben! Thees, sä he troß to mi: van tein blifft jümmer bloß een: ik hür ober to de negen, de glücklich fohrt. Jä, un de See is em doch ober worden, is em doch ober worden, Klaus Mees, un de See, dat gläuf man, is noch jümmer hungerig no Ebers un Kutters!«

»Dat vertill man ole Wieber, de keen Tähnen mihr hebbt,« erwiderte Klaus Mewes unerschüttert, »wi könt noch fix bieten un lot uns ne oberdübeln! Wat ist mit den Klüber? Kannst dien egen Schrift ne lesen?«

Der Segelmacher schüttkopfte und strich sich mit der Hand über die Augen, dann begann er wieder in seinem Hauptbuch zu suchen und zu blättern, aber er kam wieder zu keinem Ergebnis und sagte zuletzt, er sei wieder behext, die Hexen stünden hinter ihm und hielten ihm die Augen zu, damit er das Konto nicht finden solle. »Betohl anner Reis, Klaus Mees, dat löppt jo ne weg!«

»Och wat, kiek man mol eulich to, Thees,« mahnte der Fischer, »ik kann ne jeden Dag langsen Diek slarpen üm dienenhalben.«

»Ungläubig wie Thomas und ungeduldig wie Maleachi,« sagte Thees und vertiefte sich von neuem in seine doppelte Buchführung. Das dauerte Klaus zu lange, er trat näher und sah ihm über die Schulter. Plötzlich rief er: »Hier steiht dat jo doch, Thees, kiek hier: Klaus Mewes, ein Klüfer 98 Mark.«

Der Segelmacher erschrak und starrte die drei Reihen an. Dann sagte er wie in Gedanken: »Dat is jo all dörstreken, Klaus: keen hett dat denn don?«

»Dat hest du woll sülben mol innen vullen Galopp don?« lachte Klaus, »betohlt hebb ik gewiß noch ne.« Und er zählte das Geld auf. »Sühso, Thees, till no, wat dat ok stimmt!«

Der Segelmacher schob es aber von sich und sagte, er könne es nicht nehmen, das Geld gehöre ihm nicht.

»Kumm, Störtebeker!«

Klaus Mewes hatte das Lavieren des Alten satt, er wollte auch noch nach Peter Fick hin: deshalb verabschiedete er sich kurz und trat aus der Segel- und Teerluft des Bodens in den frischen Westwind hinaus.

»Dat is jo en bannigen Quarkbüdel, Vadder,« sagte Störtebeker, als sie draußen waren. Klaus Mewes gab nicht gleich Antwort, denn es ging ihm doch etwas durch den Sinn, dann aber sagte er: »Jo, de hett allerhand Grabben.«

Sie gingen westwärts.

Mit einem Male griff Störtebeker nach seines Vaters Hand, was er sonst nur selten tat.

»Vadder ...«

»Non?«

»Och -- nix ... Du bliffst doch gewiß ne, Vadder?«

»Ne, mien Jung, ik blief ne!« rief Klaus Mewes und suchte seinen Ewer auf dem Wasser.

* * * * *

Thees to Baben, der griese Segelmacher, sah ihm nach, und nachher, als die Gäste ihn verlassen hatten, um Abendbrot zu essen, nahm er sein Buch nochmals vor und besah forschend die Striche, die über Klaus Mewes und seinen Klüver gingen. Er konnte nicht begreifen, wie sie dahin gekommen waren, denn er strich die Reihen nur dann durch, wenn der Fischermann bezahlt hatte oder -- wenn er geblieben war.

Kopfschüttelnd klappte er zuletzt das Buch wieder zu und steckte das Geld, das immer noch auf der Fensterbank lag, unter scheuen Seitenblicken ein.

* * * * *

Klaus Mewes konnte jetzt sehr gut die Elbe finden: nach zwei Wochen lag er wieder vor dem Neß. Stürme hatten ihn einige Tage hinter List festgehalten und er hatte nur wenig gefangen, aber Störtebeker freute sich, ging wieder mit nach Hamburg hinauf und half an Bord, wo er nur konnte. Sie gingen diesmal mit dem Ewer zu Markt, weil es stark wehte. Die deutsche Flagge war gänzlich zerrissen: Klaus kaufte deshalb auf dem Pinnasberg eine neue und setzte sie in den Knopf. Als sie gegen Mittag die Elbe hinunterkreuzten, hatten sie zu pulen, denn der Wind war aufgefrischt und die Elbe ging in Hemdsmauen.

Bei Teufelsbrücke, dwars vom Beek, gerieten sie in eine gewaltige Hagelflage hinein, die sich mit wildem Ungestüm auf die Segel warf. Aber der Ewer, von dem besten Fischermann gesteuert, wehrte sich wie ein Stier und wies dem Wind die Hörner.

Plötzlich rief Kap Horn: »U, kiek« und sprang nach vorn. Da trieb eine Fischerjolle kieloben. Klaus Mewes setzte hastig das Ruder fest und stürzte auch nach dem Steven. »Dor drifft een!« schrie Kap Horn und wies leewärts. »Denn fot man gau de Boot mit an,« schrillte Klaus, »Hein, inne Wind den Eber!«

So schnell es ging, warfen sie das Boot vom Deck, die Riemen nach und sprangen über den Setzbord. »Hilpt uns, hilpt uns!« rief es todesängstlich an Backbord, aber der Hagel ließ wenig Sicht zu: sie konnten niemand erblicken. »Liek vörut mütt dat ween,« rief Klaus, »roon, wat du kannst, Kap Horn!« Der Südwester war ihm in den Nacken geweht und die scharfen Körner flogen ihm in das Gesicht, aber er ließ den Riemen nicht los. »Holt jo, wi kommt! Wi kommt!« gröhlte er, so laut er konnte.

»Hilpt uns!«

»Dor drifft een! Roon an, roon an, he buddelt weg!«

Klaus riß den Riemen ein und sprang über die Duchten nach dem Steven, er beugte sich blitzschnell über den Dollbaum und ergriff den Ertrinkenden bei den Haaren. Und als er ihn hatte, ließ er ihn nicht mehr los. Kap Horn stand neben ihm und sie zogen den gänzlich ermatteten Fischer in das Boot. Hans Danker war es, der Lüttfischer.

»Neem is Trino?« fragte Klaus dringend und spähte umher, denn er hatte die Frau in Altona an Bord stehen sehen. »Kiek mol to, Kap Horn, wat se dor drifft!«

Hans Danker aber ächzte dumpf: »De is wegsackt! Harrn ji mi ok doch verdrinken loten!« »So, un dien Kinner?« fragte Klaus, er blieb aber noch eine ganze Zeit auf der Stelle; sie ruderten hin und her und riefen und suchten, um die Frau zu finden.

Hein Mück zeigte sich als ein umsichtiger Fahrensmann: als die beiden abstießen, warf er sofort Anker, ließ die Fock fallen und machte das Ruder los, so daß der Ewer mit den klappernden großen Segeln keinen Schaden nehmen konnte und die Flage gut überstand. Störtebeker stand an den Wanten und starrte nach dem Boot. Als es sichtiger wurde, kamen von allen Seiten Jollen und Ewer heran, auch vom Deich segelten Boote herbei. Da überließ Klaus Mewes denen das Suchen, nahm den gänzlich gebrochenen Fischer an Bord, richtete die gekenterte Jolle mit der Tallje auf und schleppte sie durch Gerd Eitzens Loch nach dem Bollwerk.

Von ihm und Kap Horn gestützt, wankte der Fischermann seinem Hause zu. Der Deich war schwarz von Menschen und viele Frauen weinten.

Die vier Kinder kamen ihnen entgegen. Das älteste Mädchen fing laut an zu weinen, als es seinen Vater so ankommen sah, und jammerte: »Vadder, Vadder, neem hest du uns Mudder loten?« Da stöhnte Hans Danker furchtbar auf und wollte sich losreißen, um wieder zu Wasser zu gehen, aber Klaus Mewes und Kap Horn hielten ihn fest, redeten ihm freundlich zu und brachten ihn mit vieler Mühe ins Haus hinein, wo sie ihn der Obhut der Nachbarn anvertrauten.

Störtebeker stand auf dem Deich und sah alles mit an.

* * * * *

Der andre Tag war ein Sonntag, ein trüber, grauer Tag, an dem die Sonne nicht durchkommen konnte. Der Wind war still geworden.

Da tat sich alles zusammen, was von Fischern zu Hause war. Sie holten die Totenangeln vom Strandvogt, machten die Leinen klar und segelten mit den Booten nach dem Fahrwasser hinaus, um die ertrunkene Frau zu fischen. Die ganze Tide trieben sie zwischen Teufelsbrücke und Godefroo auf und ab.

Klaus Mewes, Kap Horn und Störtebeker waren auch mit ihrem Boot dabei. Sie sprachen aber wenig.

Als es Flut geworden war und das Fahrwasser sich mit Schiffen füllte, schlichen alle Boote mit müden Segeln nach dem Deich zurück. Sie hatten die Tote nicht gefunden. Die Elbe hielt sie fest.

* * * * *

Drei Tage später lief der Wind raum, das heißt auf Finkenwärder: nördlich. Da zog Klaus Mewes getrost seine Segel auf und hievte den Anker, um zu fahren. Lustig flatterte die Flagge über der Besansgaffel und über dem Toppsegel drehte sich der Flögel wie ein bunter Vogel.

Gesa stand unter den Linden und winkte mit der Hand.

Störtebeker lag noch mit seinem Kahn längsseits des Ewers, als wenn er der Lotse wäre, der das Schiff aus dem Hafen zu bringen hätte. Als Hein seinen Tamp loswerfen wollte, machte er Lärm und hielt darum an, daß sie ihn ein Stück schleppten. Sein Vater bewilligte es. Sie warfen ihm ein längeres Tau zu, das er im Stevenring befestigen mußte, und zogen dann mit ihm los.

»So geiht he god, Vadder,« rief er vergnügt, als der Ewer recht an den Wind kam und gute Fahrt machte, und freute sich über den Schaum vor seinem Bug und über die großen Segel, die ihn beschatteten.

Bidewind war der Laertes ein besonders schnelles Schiff. Er zog mächtig davon und hatte den Neß bald hinter sich. Störtebeker sollte abschwenken und umkehren, er wollte aber noch nicht, und weil das Wetter gut war, tat sein Vater ihm den Gefallen und nahm ihn noch weiter mit.

Junge, was für eine Fahrt! Der Kahn lag mit dem Achterdollbaum fast mit dem Wasser gleich und Störtebeker mußte aufmerksam mit dem Riemen steuern, damit er sich trocken hielt.

Im Buxtehuder Loch aber ging die Herrlichkeit zu Ende: er mußte das Tau losmachen und zurückbleiben.

Die Fahrensleute standen auf dem Achterdeck und winkten.

»Adjüst, Störtebeker!«

»Jüst, Vadder, kumm man bald mit en grote Reis wedder!« ... »Adjüst, Störtebeker!« ... »Jüst, Kap Horn, lot di de Tied man ne lang duern!« ... »Adjüst, Klaus Störtebeker!« ... »Jüst, Hein Klütjenbacker, pett di man keenen Nudelkassen innen Foot!« ... »Wauwauwauwau!« ... »Jüst, Seemann, fall man ne ober Burd!«

Dann rannte ihm der Ewer davon.

Er blieb auf der Ducht sitzen und sah ihm nach. Wenn sie winkten, schwenkte er seine griese Wollmütze. Erst als die braunen Segel bei Schulau um die Huk waren, griff er zu den Riemen und guckte sich nach Finkenwärder um.

Warum hatten sie ihn nicht mit nach See genommen?

Fünfzehnter Stremel.

Sinne, öffnet eure Tore!

Grabbe.

Die Äquinoktien!

Herbsttagundnachtgleiche!

Die bösen Tage sind angebrochen: Land und See stehen in großer Angst. Ringsum lauern die grauen Stürme, die die Natur brechen und die Sonnenkraft tot machen sollen: wie Schwerter an Zwirnsfäden hängen sie an den Wolken: jeden Tag und jede Stunde können sie fallen.

Wie im Bann liegt der Deich an stillen Tagen, wie im Krampf bebt er bei unruhigem Wetter. In vielen Häusern liegt die Bibel jeden Abend aufgeschlagen auf dem Tisch. Mehr als sonst noch achten die Frauen auf Wind und Wetter, und die Finkenwärder Nachrichten mit der Cuxhavener Meldung über die hinter der Alten Liebe liegenden Ewer und Kutter reißt eine der andern aus den Händen. Jeder Ankömmling aber wird befragt: Weest nix van Jan af oder hest Hinnik ne sehn oder hett Paul ne bi jo fischt? Wie beben sie, wenn abends eine schwere Wolkenwand seewärts auf der Elbe steht oder wenn die Winde im Schornstein sausen!

In dieser Zeit werden keine Hochzeiten gefeiert. Es ist eine stille, bange Zeit.

Glücklich preist sich die Frau, deren Mann seinen Ewer anbinden und auflegen kann: das können und wollen aber nur wenige, denn die Zeiten sind schon nicht mehr danach, daß man mit dem Sommerfang auskäme: es muß auch Winters gefischt und verdient werden.

Ein furchtbarer Ernst umkrallt die Segel, die den Stürmen entgegenfahren.

* * * * *

Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank, hundertfünfzig Seemeilen hinter Helgoland auf der Höhe von Hornsriff. Mit der abnehmenden Sonnenwärme haben die Fische die seichten Küsten verlassen und sind nach der Mitte der Nordsee, in die Tiefe geschwommen, wo das Wasser wärmer und der Grund stiller ist. Wer noch einen guten Streek tun will, der muß Helgoland und Neuwerk weit hinter sich lassen und sich schutzlos der weiten See anvertrauen. Die Schollen müssen aus den Stürmen herausgeholt werden.

Es sind nur die größten Kutter und die stärksten Ewer, die diesen Winterfang betreiben können: die andern liegen scharenweise zu Cuxhaven und warten auf den Hering.

Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank.

Sein Ewer ist gut, seine Segel sind stark, seine Leute sind erprobt und für sich selbst kann er auch einstehen: so kurrt er getrost zwischen den Engländern und Holländern und läßt seine deutsche Flagge im Winde wehen. Es verschlägt ihm nichts, wenn die See einmal so grob wird, daß er reffen muß, oder wenn der Wind es so gut meint, daß er das Netz einhieven und treiben lassen muß: gefischt wird doch wieder, und wer die Wache hat, der singt in jeden Wind hinein, denn die Fröhlichkeit von Klaus Mewes erfüllt das ganze Schiff. Nichts fehlt ihnen, als der kleine Klaus Störtebeker, von dem sie noch jeden Tag sprechen.

Im Süden segeln zwei schwere Finkenwärder Austernkutter, als wenn sie binnen wollen: aber Klaus Mewes meint, sie tun es, weil sie die Reise haben, guckt Heben und Wetterglas an und fischt weiter. Gegen Abend kreuzt nur noch ein holländischer Logger bei ihm, aber er ist noch ohne Mißtrauen und geht geruhig zu Koje.

In der Nacht ruft Kap Horn, der die Wache hat, zum Reffen. Sie verkleinern die Segel durch teilweises Zusammenrollen und Festbinden, denn es ist stur geworden, dann geht Klaus Mewes aber noch wieder zu Bett, um noch einen Stremel zu schlafen, und Hein Mück tut dasselbe, denn das Wetterglas ist schon öfters gefallen, und auf Kap Horn, den Altbefahrenen, können sie sich verlassen wie auf den Deich bei springender Tide.

Nach einer Stunde ruft der Knecht abermals. Es ist zu stur geworden und er muß befürchten, daß der jagende Ewer die Kurrleine abreiße. Klaus Mewes guckt in den Wind und ist damit einverstanden, daß sie einziehen. In schwerer Arbeit bergen sie die Kurre und die gefangenen Fische, dann schickt er die Leute zu Koje und übernimmt selbst die Wache. Im Sturm gehört das Ruder ihm, dem Schiffer!

* * * * *

Bis gegen Morgen hielt er den Ewer allein, immer scharf am Winde, so daß die Segel eben zwischen Klappern und Vollfallen standen, und hatte keine Haverei, so viel Wasser er auch überbekam und so stark der Ewer auch stampfte und schlingerte. Der Wind war Nordwest zum Westen und wehte etwa in Stärke 8 nach dem alten englischen Admiral Beaufort.

Da mit einem Male legte er sich gänzlich -- ganz still wurde die Luft. Mit schlaffen, schlagenden Segeln, furchtbar knarrenden Gaffeln und donnernden Schoten dümpelte der Ewer in der hohen Dünung.

Klaus Mewes rief seine Leute, denn er traute dieser Stille nicht. Sie machten sich klar zum Sturm, der kommen mußte, denn das Wetterglas fiel rasend. Kurrbaum und Kurre wurden unter Deck verstaut, das Boot wurde ausgepackt und mit doppelten Ketten umwunden, damit es nicht über Bord gehe, das Bugspriet wurde eingezogen und Plichten und Luken wurden geschalkt. Auch sich selbst machten die Seefischer sturmbereit, dann steckten sie das zweite Reff in die Segel -- und dann kam der Sturm wieder, diesmal aber von der andern Seite und furchtbarer an Gewalt. Es trommelte und pfiff im Südwesten, als wenn ein Heer in der Schlacht zum Stürmen lärmte, der weiße Geifer floß aus dem Maul des Untieres, das brüllend auf sie zukam und sich wütend auf sie warf, daß die Masten sich bogen und Hein Mück laut aufschrie. Einen Augenblick schien es, als wenn der Ewer dem ersten, gräßlichen Anprall nicht standhielte, als wenn er umkippte, aber es schien nur so, denn Klaus Mewes war auf der Hut und riß ihn auf. Wie brauste es in den Lüften, wie erhob sich die See, wie tanzte der Ewer! Wenn er mit dem Kopf tauchte, stand er mit dem Achtersteven so hoch, daß es aussah, als überschlüge er sich, und erhob er den Bug hoch aus der See, so zeigte er das tränenüberströmte Gesicht eines Riesen: das Wasser rann ihm aus den Klüsenaugen und über die Backen. Wenn nur die Masten nicht über Bord gingen, wenn nur die Luken nicht zerschlagen wurden!

Südweststurm --

Noch vor Mittag mußten sie das dritte und letzte Reff einstecken, denn der Ewer konnte die Segel nicht mehr tragen. Sie standen nun allemann an Deck, mit Tauen festgebunden: Klaus Mewes unverzagt am Ruder, das er nicht los ließ. Als die Seen immer naseweiser wurden, scherte Kap Horn einige starke Taue kreuz und quer über Deck, von Wanten zu Wanten und von der Winsch nach der Besan, damit sie überall einen Halt fänden, wenn sie stolpern sollten.

Die Flagge war in Fetzen zerrissen. Klaus Mewes sah es wohl, aber er tröstete sich, daß es in Hamburg ja noch mehr Flaggen zu kaufen gäbe, und ließ sich nicht unruhig machen, so wenig wie Seemann, der unbekümmert im Nachthaus ruhte. Er hatte schon andre Stürme erlebt und überstanden.

Der Wind wurde aber immer wilder und ochsiger, die schlimmen Regenflagen jagten einander und die See kochte immer furchtbarer. Der Ewer wollte es auch mit dem gerefften Großsegel nicht mehr tun: sie mußten es wegnehmen und dafür den kleinen Klüver als Sturmsegel setzen, statt der Besan aber den dreieckigen Nackenhut. Als die Sturzseen über den Ewer brachen und alles zu Wasser machten, wurde Hein in die Koje geschickt, damit er nicht über Bord spüle, und Klaus Mewes blieb mit Kap Horn allein an Deck. Noch war keine Angst in sein Herz gekommen, so toll es auch im Wirbel ging, noch stand er fest, so glatt auch das Deck war und so schwer auch die Wogen über den Setzbord schlugen! Noch immer lachte er des Sturmes und wünschte seinen Jungen herbei, damit er ihm zeigen könne, was Klüsen heiße. Auch als die Fock knallend aus den Lieken flog, verzog er nicht das Gesicht, denn er hatte noch eine Fock. Ohne sich zu besinnen, sprang er die Treppe hinunter, riß das Segel aus der Dielenkoje und holte es mit zwei Reffen auf. So ging es wieder einige Stunden gut, bis es Abend wurde und die Nacht jählings hereinbrach, eine sternenlose, sargdunkle Nacht. Da ritt der Sturm mit elf bis zwölf Windstärken sein schweißbedecktes, mit weitgeöffneten Nüstern und fliegender Mähne einherbrausendes Roß, die Nordsee, und selbst die Sturmsegel, die winzigen Lappen, wollten nicht mehr halten. Wenn sie nicht alles Tuch in die Winde fliegen sehen wollten, mußten die Segel gänzlich abgeschlagen werden.

Dann wendeten sie das letzte Mittel an, das ihnen noch blieb, sie machten die Sturmanker zurecht. Backbords schäkelten sie einen unklaren Anker auf dreißig Faden Kette und steckten sie an siebzig Faden Kurrleine, steuerbords taten sie zwei von den eisernen Kurrenkugeln auf fünfzig Faden Kette. Dieses Notgewicht sollte den Ewer mit dem Kopf am Winde halten und verhüten, daß er dwars schlüge und von den Seen kopfheister geworfen würde. Es ging auch alles klar: der Ewer lag gut am Winde. Dicht war er auch noch, wie die Peilung der Pumpen ergab.

So jagte der Sturm sie die ganze Nacht; er wirbelte den Ewer vor sich her wie der Jäger das Wild, das er lahm geschossen hat. Die ganze Nacht trieben sie auf der wilden, hungrigen See, durchnäßt und ermattet, aber in eiserner Wachsamkeit. Sie waren allein auf der Doggerbank, nirgends war ein Schiff zu sichten und sie sahen kein anderes Licht als die Strahlen des Elmsfeuers, das in Büscheln auf den Toppen der Masten und an den Blöcken der Gaffeln geisterhaft glomm, bis eine Hagelflage es verlöschte.

Gegen Morgen, als sie etwas gegessen hatten und der Junge wieder mit an Deck stand, weil es schien, als flaute der Sturm ab, bekam der Ewer eine schwere Sturzsee über, die wie ein Felsen gegen den Steven schlug und verheerend über das Deck brandete und schäumte. Die Fischer fühlten sich emporgehoben und verloren den Grund unter den Füßen, sie mußten schwimmen und spülten hin und her, daß sie glaubten, der Ewer sei schon in die Tiefe gedrückt. Es war nichts mehr zu machen!

Klaus Mewes hatte sich gerade wieder aufgerichtet -- da schrie er gellend auf, denn eine schwere, kreißende, ungeheure See hing wie ein Berg, wie ein Eisberg steil über ihm und senkte sich ehern. »Holt jo fast, holt jo fast!« rief er schrill, aber der Lärm des Wassers und des Windes drängte ihm die Worte in den Mund zurück und erstickte sie. Dann schleuderte die See ihn wie Gerümpel zur Seite und warf ihn gegen das Nachthaus, daß ihm Hören und Sehen vergehen wollte.