Schulmädelgeschichten: für Mädchen von 7-12 Jahren

Part 9

Chapter 93,743 wordsPublic domain

Ach, wie sollte es uns nicht gefallen? Es war alles geradezu himmlisch schön. Vergessen war alle Müdigkeit in einem Nu, wir wußten uns vor Freude kaum zu fassen und wurden nicht müde, jeden Winkel des Hauses zu durchstöbern und alles zu bewundern. Als wir in die niedliche, nagelneue Küche traten, stand schon unsere Lisette voll Stolz darin; sie hatte auf dem blitzenden Herd das erste Feuerchen angemacht und faltete nun betend die Hände, daß es Segen bringen möge, indem ihr die Thränen über die runzligen Backen herunterliefen. Dann packte sie aus dem Korb die Eßwaren und das Geschirr und begann im Eßzimmer den Tisch für das Mahl herzurichten.

Wir aber sprangen ins Freie, in den Garten hinaus. Da wartete unser neue Ueberraschung. Ein großer, viereckiger, noch unbepflanzter Platz war in vier gleiche Teile geteilt, an jedem stand ein Stecken in die Höhe, welcher eine Tafel mit Namen trug Fritz, Aennchen, Hermann und Willy! Papa hatte jedem von uns ein eigenes Gärtchen zum Bebauen zuteilen lassen; der gute, liebe Vater! In einem Stallschuppen standen eine Menge Gartengerätschaften für uns Kinder, nebenan aus dem Stalle hörten wir meckern.

»Eine Ziege, eine lebendige Ziege!« riefen die kleinen Brüder, welche zu Hause einen ausgestopften Ziegenbock haben, aber sonst noch keinen sahen. Sie sprangen auf ihn zu und wollten ihn bei den Hörnern fassen, Ziegenböckchen aber ließ nicht mit sich spaßen, und ehe Hermännchen sich’s versah, lag es umgeworfen in der weichen Streu auf dem Boden.

»Mein Sonntagskleidchen! Der böse, böse Bock!« jammerte der kleine Mann, welcher heute Morgen voll Stolz sich das weiße Kleidchen hatte anziehen lassen. Währenddem hatte aber Fritz eine neue Entdeckung gemacht – einen zweiten Stall, in welchem eine glänzende, braune Kuh sich befand, daneben ein Milchkämmerchen. Darin war ein langer Holztisch, auf welchem eine Anzahl von Schüsseln, alle mit köstlicher Milch gefüllt, standen, ferner ein Butterfaß und ein Wasserbottich, in dem schwamm ein Ballen wundervoll goldgelber Butter herum. Ein junges Bauernmädchen in rotem Rock, schwarzem Mieder und weißer Schürze trat herein und erklärte knixend, sie sei als Stallmagd hier gedungen, und ob wir die Butter verkosten wollten, die sie heute morgen ausgebuttert habe.

»Wie, die kannst du doch unmöglich selbst gemacht haben?« frug ich erstaunt, und Hermännchen rief altklug: »Die Butter wächst ja!« Wir mußten tüchtig lachen, er aber stampfte mit dem Fuße und rief weinerlich: »Freilich, die Butter wächst und die Eier – der Fritz hat’s gesagt.«

»Fritz hat dir etwas weisgemacht,« belehre ich ihn; dieser wurde ganz verlegen, das Bauernmädchen aber, welches Bärbele hieß, zeigte uns, wie die Butter aus der Milch hergestellt wird und wie lang die Milch im Butterfaß gedreht werden muß, bis sie endlich zu schöner, goldklarer Butter geworden ist. Das war wirklich höchst erstaunlich – wir konnten uns nicht genug verwundern.

»Wollt ihr auch sehen, wo die Eier zu finden sind?« frug Bärbele und führte uns in einen schönen, geräumigen Hühnerstall, der in einen umgitterten Hof hinausführte. Was war hier für ein Gegluck und Gegacker! weiße Hennen, schwarze Hennen, bunte Hennen, große Hähne, kleine Hähne, niedliche Puttchen, Perlhühner und, o Wunder, sogar ein großer, prächtiger Pfau spazierten in dem Hofe hin und her, flatterten auf und duckten sich nieder, es war ein Lärm, daß man sein eigenes Wort nicht verstand. Bärbele gab uns einen Korb mit Körnern, die durften wir austeilen; da flogen sie uns auf die Arme und Hände, sogar auf die Schultern und Köpfe, und wir jauchzten vor Vergnügen. Nur Willy hatte anfangs beinahe Angst und meinte: »sie wollen mich fressen!«

Nun ließ uns Bärbele Eier in den Verstecken suchen. War das ein Vergnügen, als wir eine Menge zusammenfanden! sogar Hermännchen entdeckte zwei Eier; als er sie uns aber voll Eifer bringen wollte, stolperte er und brach sie entzwei, so daß seine Händchen ganz gelb und klebrig wurden, und als er sich weinend damit ins Gesicht fuhr, da wurde auch dieses voll gelber Flecken.

Es war nun auch Zeit, nach oben zu kommen. Lisette rief zu Tisch. Und nun hielten wir das fröhlichste Mahl, noch nie in unserem Leben hatte es uns so gut gemundet! Papa und Mama sahen ganz glückselig aus und waren so gütig und liebreich mit uns Kindern, daß wir ganz stolz waren. Zuletzt bekam jedes in einem Gläschen sogar etwas Wein, Lisette wurde hereingerufen und erhielt auch ein Glas in die Hand und Papa sagte, sie dürfe die erste Rede halten, dann müsse jedes der Kinder jemand leben lassen. Lisette wischte sich erst mit der Schürze über den Mund und sah ganz kirschrot vor Verlegenheit aus, dann räusperte sie sich und sagte:

»Oh, die Ehr’, die Ehr’, mir wirbelt der alte Kopf! Gnädiger Herr, gnädige Frau, ich weiß wohl, was ich sagen möcht’, aber ich bin ein armer Dienstbot’ und kann’s nicht ausdrücken. An die Kinderlein muß ich halt denken, wie die in dem schönen Hause aufblühen werden, und ich wünsch’, es soll halt jedes von ihnen so gut und so brav und so lieb und treu werden wie ihr Papa und ihre Mama.«

»Brav gemacht, gute Alte!« rief Papa und reichte Lisette die Hand, und auch Mama schien ganz gerührt.

Nun mußte Fritz sprechen – er stand rasch vom Stuhl auf, stieß an das Glas und rief:

»Meine Herren und Damen! (So hatte er es schon gehört und war stolz darauf.) Wir sind so fröhlich hier beisammen, daß niemand weiß, wer von uns der Fröhlichste ist. Aber ich weiß, wer heute der Allerbeste ist, und das ist der liebe, gute, goldige Papa, der uns ein so wundervolles Vergnügen gemacht hat, und darum wollen wir ihn alle mit unserem köstlichen Wein hochleben lassen und rufen: Hoch, hoch, hoch!«

Wie wir alle durcheinander schrieen – es war eine Lust! Nun aber sollte ich sprechen und das machte mich so verlegen, daß meine Stimme ganz zitterte, als ich stotternd begann:

»Es ist heute – nein, so wollte ich ja nicht sagen – liebe Mama, lieber Papa, ich gratuliere, ach, das gehört ja zu einem Geburtstag, lieber Papa, liebe Mama, wir sind hier versammelt –« ich wußte gar nicht mehr weiter, d’rum schwenkte ich rasch mein Glas und rief: »Die liebe, süße, goldige Mama lebe hoch!«

Dann aber setzte ich mich recht beschämt nieder; ich hatte meine Sache sehr schlecht gemacht, da konnten’s ja die kleinen Brüder noch besser, denn Willy rief ganz keck:

»Hoch! das Häuschen hoch!« und Hermännchen schrie dazwischen:

»Das Bärbele hoch und die Hühner und die Kuh, nur der Ziegenbock nicht; der hat mich in meinem Sonntagskleidchen umgeworfen!«

Nun wurden wir aber den Eltern allzu übermütig, deshalb brachen sie rasch ab und wir wurden alle hinauf in die Schlafzimmer gebracht; wir behaupteten zwar, nicht müde zu sein, aber kaum lagen wir auf den weichen Betten, so sanken wir alle in tiefen Schlaf. Leider verschliefen wir eine lange Zeit des schönen Nachmittags, dann aber konnten wir doppelt erfrischt in den Garten springen und uns dem Vergnügen hingeben, bis am Abend zu unserem großen Bedauern der Heimweg wieder angetreten werden mußte.

Diesmal verschmähten Hermännchen und Willy den Kinderwagen nicht, sie hatten sich so müde gelaufen, daß sie wie die Säcke hineinfielen und darin schliefen bis zur Heimkehr; ich kam auch sehr müde zu Hause an und hatte nur noch Zeit zu beten:

»Lieber Gott, ich danke dir tausendmal für den schönen, schönen Tag.« – Da fielen mir auch schon die Augen zu. – –

Zwölftes Kapitel.

Aus Marthas Tagebuch.

Ich habe gewöhnlich nicht viel des Interessanten zu erleben, am verflossenen Sonntag aber fiel doch etwas vor, was mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Ich erhob mich, wie ich es immer an Sonntagen zu thun pflege, eher als an den anderen Tagen von meinem Lager. Am Sonntag habe ich immer gern, wenn mein Mütterchen, welches sich die ganze Woche über gar so viel plagen muß, länger als sonst der Ruhe pflegt, und da ich mich nicht für die Schule zu richten habe, so bleibt mir an diesen Tagen immer gut Zeit, die Hausarbeit an ihrer statt zu übernehmen. So hatte ich denn auch heute bereits mein Bett gemacht, die Stube gekehrt, Feuer im Ofen geschürt und den Kaffeetisch gerichtet, als meine liebe Mutter aufstand und sich freute, alles schon besorgt zu sehen. Meine kranke Schwester Klara hatte gottlob auch eine bessere Nacht gehabt und freute sich jetzt der Sonnenstrahlen, welche durch das Fenster gerade schräg auf ihr weißes Bett hereinzitterten. Sie sprach so hoffnungsvoll:

»O Mutter, ich glaube, der Frühling läßt mich ganz besonders grüßen!« daß es uns allen ganz warm mit ihr zugleich ums Herz ward. Mutter setzte sich dann zu ihr, um mit ihr aus dem Gebetbuch zu lesen, während ich mich nach dem Gang zur Kirche vorbereitete. Wir wechseln jeden Sonntag regelmäßig ab und heute war an mir die Reihe.

Als ich dann in der Kirche saß, war mir ganz besonders festtäglich zu Mute, denn das Sonnenlicht vergoldete den Altar und die Bilder so wunderbar, daß alles wie in einer Glorie erschien. Und der Herr Pfarrer sprach heute so besonders schöne, herzbewegende Worte über den Text: »Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.«

Ach, das war so gerade wie für mich gesprochen, und ich prägte mir alle die herrlichen Worte tief ins Herz, um sie zu Hause meinem Mütterchen wieder erzählen zu können. Wie oft hatte ich schon im stillen geseufzt und war mir recht unglücklich vorgekommen im Gegensatz zu anderen glücklicheren Mädchen, welche nicht, wie ich, mit einem Gebrechen behaftet sind, denen nicht zu Hause Sorge, Krankheit und Not beständig vor Augen stehen wie mir. Der Herr Pfarrer aber zeigte darauf hin, wie unrecht es sei, über solches Kreuz zu murren und zu seufzen, denn »wen Gott lieb hat, den züchtigt er. Er hat für jedes Leid den rechten Trost bereit, und eines Tages wird er denen, welche die Last ihrer Sorgen hier auf Erden ohne Murren ertragen haben, die Krone des ewigen Lebens geben.«

Ich war so tief in diese Gedanken versunken, daß ich gar nicht vernahm, wie der Pfarrer seine Predigt schloß; als er dann vorm Altare stand und den Segen sprach, da flatterte plötzlich ein weißer Schmetterling zum Kirchenfenster herein und um das Christusbild am Altar. Der erste weiße Schmetterling! es sah aus, als wolle auch er an dem Gottesdienst teilnehmen.

Gehobenen Herzens schritt ich nach Hause, machte aber noch einen kleinen Umweg an einer Wiese vorbei, auf welcher ich neulich Veilchen aufkeimen sah. Heute mußten sie aufgeblüht sein, dann wollte ich meiner kranken Schwester einige zum Gruß ans Bett bringen. Und wirklich eine ganze Schar der lieben blauen Blümchen lachte mir entgegen, so daß ich sie nur zu pflücken brauchte, dann eilte ich rasch, um die versäumte Zeit einzuholen, nach Hause.

Als ich unsere Treppe hinaufstieg, hörte ich voll Erstaunen mehrere laute Stimmen aus dem Zimmer schallen und beinahe erschreckt öffnete ich die Thür. Da saß neben Mütterchen ein fremder, dunkelgebräunter Herr auf dem Sopha und an dem Tisch stand ein fremdartig gekleidetes kleines Mädchen mit braunem Lockenkopf und gelblichen Wangen. Ich war vor Erstaunen ganz stumm und hielt noch immer die Thürklinke in der Hand; da rief Mutter:

»Komm nur näher, Martha, und begrüße deinen Onkel aus Amerika, welchen ich zu meiner großen, großen Freude heute wiedersehen durfte. Seit seinen Kinderjahren war er verschollen und wir glaubten ihn nicht mehr am Leben. Doch der liebe Gott hat ihn zu uns zurückgeführt.«

»Also dies ist deine Jüngste?« fragte der fremde Onkel, mir die Hand entgegenstreckend; er blickte sehr erstaunt meine kleine Gestalt an und auch das fremde Mädchen maß mich mit überraschten Blicken, so daß ich mich am liebsten in den Boden verkrochen hätte. Aber Mutter machte mich auch mit dem Mädchen als meiner Cousine bekannt und ich hätte gern mit ihr gesprochen; doch sie verstand unsere deutsche Sprache nicht und schüttelte immer nur mit dem Kopf. Mutter gab mir einen Wink, draußen nach der Küche zu sehen; zum Glück war unsere Aufwärterin noch da und hantierte am Herde; sie stand mir mit Rat und That bei, unser Mittagsmahl zu vergrößern, das für uns aus einem Kalbsbraten bestanden hätte, und während ich den Tisch aufdeckte, holte sie noch einiges Nötige herbei.

So war denn nach meiner Meinung alles ganz hübsch und festlich gerichtet, als wir uns zu Tisch setzten; meinem Onkel mochte es freilich recht bescheiden erscheinen; er fragte uns, ob wir immer so spät »frühstückten,« und als Mutter ganz erstaunt sagte, dies sei unser Mittagessen, da teilte er es seinem Töchterchen auf englisch mit und dieses lachte laut auf. Das gefiel mir nicht, auch daß die fremde Cousine ihr Mißfallen an unseren einfachen Speisen gar so auffallend kundgab und den Teller so rasch zurückschob, als es ihr nicht schmeckte, was uns doch als Leckermahl erschien. Aber es war unrecht von mir, so vorschnell zu urteilen, und als meine Mutter mir später erklärte, das arme Mädchen habe eben ganz ohne Mutter aufwachsen müssen, die ihr alles gesagt hätte, was recht und unrecht sei, da that sie mir unendlich leid. Ich bemühte mich sehr, das fremde keine Mädchen zutraulich zu machen; endlich gelang es mir und es schmiegte sich an mich und sprach einige wenige deutsche Worte, die es gelernt hatte: »Vater, Mutter, Vaterland, Deutschland.«

»Als ich in der fernen Welt zuweilen Heimweh nach zu Hause hatte, da habe ich meiner Kleinen die Worte gelehrt,« sprach mein Onkel. »Jetzt bin ich hier in der alten Heimat, aber sie erscheint mir nach der langen Abwesenheit beinahe wie die Fremde und es zieht mich nach den fernen Ländern zurück.« Dann erzählte er von seinen Erlebnissen drüben in Südamerika, wie alles, alles so ganz anders sei als hier. Er sei Besitzer einer großen Ansiedelung, die er ganz aus eigenen Kräften geschaffen habe; von Jahr zu Jahr vergrößere sich dieselbe, die Reis- und Zuckerfelder bekämen immer größere Ausdehnung und er sei bereits dadurch ein reicher Mann geworden.

»Hast du auch schon Indianer gesehen, Onkel!« frug ich ganz atemlos.

»Zu Hunderten,« war seine Antwort. »Ich bin schon oft genug mit den Wilden im Kampfe gewesen, ja, ich war sogar schon einmal von ihnen gefangen und zum Tode verurteilt, da gelang es mir noch, zu entwischen. Seht her, hier ist noch die Narbe von der Wunde, die mir eine erbitterte Rothaut schlug.«

Damit schob Onkel das Haar über der Stirn etwas beiseite und zeigte uns eine entsetzliche dunkelrote Narbe, welche sich um den halben Kopf zog. Mutter schauderte und rief ängstlich:

»Und doch willst du wieder in dies unheimliche Land zurück, in Kampf und Gefahr, anstatt deine letzten Lebensjahre in Ruhe in der alten Heimat zu verleben?«

»Ich muß, ich muß!« drängte der Onkel, »es läßt mir keine Ruhe hier. Aber weißt du,« wandte er sich plötzlich an Mutter, indem er mich aufmerksam ansah, »gieb mir deine jüngste Tochter hier als Gefährtin für meine Ellen mit. Ich verspreche dir, sie so gut zu halten, als wäre sie mein eigenes Kind; sie scheint schwächlich und zart, du bist nicht in der Lage, ihr ein sorgenfreies Leben zu schaffen – ich werde sie mit allem umgeben, was Reichtum zu bieten vermag, und selbst ihre Zukunft sicher stellen, indem ich sie im Verein mit meiner Tochter zur Erbin einsetze. Meine Ellen bedarf einer Gefährtin, am liebsten hätte ich ein deutsches Kind aus der Heimat für sie, also gib mir deine Martha.«

Onkel war schließlich ganz lebhaft geworden in seiner Rede; ich aber saß da, wie versteinert vor Schreck, und das Herz stand mir beinahe still. Was würde Mutter antworten? Würde sie ihr Kind von sich geben? O nein, Mütterchen sprach tieferblaßt und mit zitternder Stimme:

»Von meiner Martha werde ich mich nie trennen und wenn ich das letzte Stückchen Brot mit ihr teilen müßte. Nicht wahr, mein Kind, du ziehst auch unser bischen Armut dem Reichtum in der Ferne vor?« Da stürzte ich mich weinend an ihre Brust. Onkel war sehr kühl geworden; er sah auf die Uhr und meinte:

»Ich kann euch nicht helfen, wenn ihr euer Glück so von euch stoßt. Ich dachte, dir eine Wohlthat zu thun, indem ich die Last einer Tochter von dir nehmen wollte, nachdem dir schon die Kranke so viel Sorgen bereitet – nun lasse ich euch noch einen halben Tag Bedenkzeit, bevor ich abreise.«

»Es bedarf keiner Bedenkzeit, Onkel; ich verlasse mein Mütterchen nicht,« rief ich rasch; ich wußte nicht, woher ich den Mut dazu nahm. »Ich will mich lieber bemühen Tag und Nacht und arbeiten, so viel ich kann, um ihr keine Last zu sein, als daß ich mich von ihr zu trennen vermöchte.«

»Gut, dann habe ich nichts mehr zu sagen,« unterbrach mich mein Onkel kühl; er wandte sich zu seinem Töchterchen und sprach einige englische Worte zu ihr, da griff sie nach ihrem Hut und Mäntelchen. Meine Mutter hatte ganz rote Flecken vor Aufregung auf ihren Wangen, angstvoll suchte sie meinen Onkel zu begütigen, bis dieser sie zuletzt doch noch ganz freundlich an sich zog und ihr zum Abschied herzlich die Hand drückte; auch mir reichte er freundlich die Hand und sprach:

»Wenn ihr einmal meiner bedürfen solltet, so denkt an mich. Lebt wohl, ich habe Eile!« Damit ging er mit Ellen an der Hand, welche mir noch herzlich zuwinkte, davon und wir sahen den beiden so lange nach, bis sie um die Ecke verschwunden waren. Das ganze Erlebnis war wirklich wie ein Traum gewesen und laut fragte ich mich selbst wiederholt: »Hat man mich wirklich meinem Mütterlein entreißen wollen?«

»Nicht wahr, du bleibst doch lieber bei deiner alten Mutter und deiner armen kranken Schwester?« frug Mütterchen, indem sie mich an sich zog, dann eilten wir hinüber nach dem Lager meines armen Schwesterchens und kamen uns vor, als seien wir drei uns wiedergeschenkt. Und als am Abend das Lampenlicht so traulich auf unserem kleinen Tischlein brannte und wir so eng zusammensaßen, da fühlten wir so recht erst, wie wir zusammengehörten, und beteten zum lieben Gott, er möge uns dies Glück auch ferner erhalten, dann wollen wir ja für alles, was er uns oft Schweres auferlegt, gern dankbar sein.

Dreizehntes Kapitel.

Marthas Hausgarten. Der arme Hansi.

Klein Aennchens Vater ließ an seinem Hause verschiedene bauliche Aenderungen vornehmen, auch das Hinterhaus sollte eine Aufbesserung erhalten, denn Aennchens Vater hatte einen Plan, welcher Frau Pfarrer Traugott zu Nutzen dienen sollte. Er hatte sich ausgedacht, daß von deren Wohnung eine Thüre heraus auf das flache Dach des nebenstehenden Anbaues gebrochen werden könne, und wenn man dieses Dach dann etwas herrichten und verschönern, zudem ringsum mit einem Gitter versehen ließ, so konnte mit wenig Mittel ein kleiner einfacher Garten auf demselben angelegt werden. Und von welcher unendlichen Wohlthat mußte ein solch bescheidener Zufluchtsort gerade für die kleine Familie Traugott werden, welche, durch die kranke Tochter beständig ans Haus gebunden, sich nicht wie andere häufig in der freien Natur ergehen konnte.

Wie Aennchens Vater es sich ausgedacht hatte, so geschah es – das Dach ließ sich wirklich ganz gut zu einem hübschen Aufenthaltsort umschaffen und nach wenigen Wochen war schon alles fix und fertig, so daß die Familie Traugott davon Besitz nehmen konnte. Wer war glücklicher als diese?! Die bescheidenen Menschen wähnten im Himmel zu sein und kein Palast dünkte ihnen jetzt beneidenswerter als ihre wenigen Stübchen mit dem daranstoßenden Dachsalon. Nun konnte doch die kranke Klara an besseren Tagen zuweilen ins Freie getragen werden auf ihren Stuhl, nun konnte sie doch einmal wieder den freien blauen Himmel und die lieben Vöglein über sich sehen! Und Martha, die glückliche Martha, konnte hier ihrer heimlichen beständigen Herzenssehnsucht genügen, welche darin bestand, selbst ein wenig Blumen und grüne Ranken zu ziehen und mit aller Sorgfalt über deren Gedeihen zu wachen. Von Aennchens Gärtner, der das sanfte Kind schon lange in sein Herz geschlossen hatte, bekam sie verschiedene Samen und kleine Schößlinge geschickt; es waren nur die einfachsten Pflanzen, die sie in alten Kisten aufzog, Kressen und Kapuziner, Winden und Erbsen und Geranium, aber unter ihren sanften Händen schienen alle diese bescheidenen Pflänzlein wie aus Dankbarkeit doppelt so hold aufzublühen als wo anders. Bald war wirklich Marthas Garten ein kleines Blütenmeer geworden und wer da oben über all den hohen Häusern so viel näher dem Himmel diesen seltsamen Garten erblickte, der mußte voll Staunen das kleine unscheinbare Geschöpfchen bewundern, welches mit seinen schwachen Händchen dies alles hervorgebracht hatte.

Aennchen wußte sich auch nichts Lieberes von nun an, als bei Martha in deren reizendem Gärtchen zu weilen, und wie viele Stunden des schönsten Genusses verbrachten die beiden jungen Mädchen da oben, wenn sie, mit den Schulaufgaben fertig geworden, hier mit ihren Unterhaltungsbüchern und Handarbeiten beisammen saßen. Da gab es ja schon ohnedem Unterhaltung in Fülle; nicht allein, daß man von dem hohen Aussichtsturm eine weite Fernsicht auf die Stadt und die Straßen hinunter hatte, daß man mit den Augen all die vielen Menschen, die so lebhaft durcheinander wimmelten, beobachten konnte – es war in der Nähe noch viel Interessantes zu schauen, was sowohl Marthas als Aennchens größtes Entzücken bildete.

Hoch oben auf dem Dach des Hauses, aber gar nicht weit entfernt von ihnen, hatte sich nämlich eine Storchenfamilie auf dem breiten Schlot ihr Nest gebaut und die Kinder vermochten so gut hineinzusehen, daß sie ganz deutlich beobachten konnten, was in der Storchenfamilie täglich und stündlich vorging. Und das war des Bemerkenswerten oft wirklich nicht wenig, vom ersten Tag an, da dort oben vier junge Störchlein aus dem Ei gekrochen waren, bis zu jenem, als sie ihre ersten Flugversuche anstellten. Was hatten die braven Storcheltern während der ganzen Zeit für eine fabelhafte Arbeit gehabt, bis sie all die hungrigen Schnäbelchen, welche so unaufhörlich nach Nahrung schrieen, befriedigen konnten; besonders der Herr Storch gönnte sich den ganzen Tag keine Ruhe, bald flog er mit einem Würmchen im Schnabel, bald gar mit einem zappelnden Fröschlein zum Nest hinauf, um den ärgsten Schreiern rasch den Schnabel zu stopfen – das war dann ein Zanken um den besten Leckerbissen, als wenn sich eine Schar unartiger Buben um eine Wurst balgte, und die Frau Störchin mußte mit ihrem Schnabel oft friedestiftend dazwischen fahren und Streiche nach allen Seiten hin austeilen. Sie mochte wohl seufzend die Zeit herbeisehnen, da die unartigen Kinder sich selbst ihre Nahrung draußen suchen konnten, und heute schien wirklich der große Tag dazu gekommen, denn Martha beobachtete schon vom frühen Morgen an ein besonderes festliches Treiben in dem Storchneste auf dem Dache. Und wirklich, gegen Mittag da vollzog sich das große Ereignis! Nachdem Vater Storch unruhig, wie zur Aufforderung, oftmals hin- und hergeflogen war, erhoben sich die Jungen kreischend und schreiend aus dem Neste, sie setzten sich auf den Rand desselben, schlugen lebhaft mit den Flügeln und auf einmal hatte das kühnste sich in die Luft erhoben und wagte mit dem Vater einen kurzen Flug, die beiden andern folgten flügelschlagend mit der Mutter nach.