Schulmädelgeschichten: für Mädchen von 7-12 Jahren

Part 10

Chapter 103,628 wordsPublic domain

Nur das vierte und kleinste blieb ängstlich im Neste kauern und sah den Geschwistern sehnsüchtig nach, es wagte sich wohl noch nicht heraus, obgleich die Eltern bald zurückkamen und es durch Stöße mit dem Schnabel zu ermuntern suchten. Endlich schien Vater Storch recht ungeduldig über das ungeschickte Nesthäkchen zu werden, und als dasselbe gerade ängstlich auf dem Rand des Nestes kauerte, da gab er ihm einen Stoß, der es von demselben schleuderte. Das Nesthäkchen kreischte und flatterte mit den Flügeln, es versuchte zu fliegen und brachte es doch nicht zustande, es mochte doch wohl noch zu schwach dazu sein, denn auf einmal verließen es die Kräfte, es durchschoß die Luft, überpurzelte sich und stürzte plötzlich auf das Gartendach neben Martha nieder, welche wohl seit einer halben Stunde unbeweglich dort gestanden und den Störchen voll Interesse zugeschaut hatte. Nun war sie beinahe ebenso erschrocken als das kleine Nesthäkchen, dann aber bückte sie sich rasch und hob das zappelnde Störchlein auf, welches so betäubt von dem Fall schien, daß es sich ohne Scheu berühren ließ. Der eine kleine Flügel hing gebrochen herab und Martha rief rasch die Mutter, mit deren Hilfe sie den kleinen Patienten verband. Dann suchte sie, so rasch es ging, ein Nestchen für ihn auf dem Dache zu bereiten aus weichen Gräsern und Stroh, darauf bettete sie das arme Vögelchen, schob das Nest so weit als möglich auf dem Dache vor und verbarg sich dann hinter der Thüre, um abzuwarten, ob nicht die alten Störche nach dem verunglückten Jungen sehen würden.

Richtig dauerte es nicht sehr lange, so umkreiste von oben her die alte Störchin mit lautem Flügelschlagen das Dach, immer näher kam sie heran, das Kleine schlug ihr wie zum Gruß mit dem gesunden Flügelein entgegen, da konnte sie es vor Sehnsucht nicht mehr aushalten, schoß hernieder und stellte sich neben dem Kranken auf. Das Junge sperrte den Schnabel auf und schrie vor Hunger, da schoß die Alte wieder davon und kehrte bald mit einem fetten Leckerbissen im Schnabel zurück, ihr nach folgte der Vater, welcher auch eine Delikatesse in Bereitschaft hielt. Und nun fütterten die beiden Eltern ihr unglückliches Nesthäkchen so sorgsam, als ob es droben im eigenen Nest wäre, und Martha stand mit vor Freude klopfendem Herzen neben dem herbeigerufenen Aennchen hinter der Thür und weidete sich an dem hübschen Schauspiel.

Als mit lautem Geklapper die anderen Jungen von ihrem Ausflug zurückkehrten, da streckten sie gar verwundert die Hälse aus, als sie das Brüderchen statt im Nest drunten auf dem Dach erblickten, und die Alten hatten es heute doppelt notwendig mit den beiden Kinderstuben. Sie waren bald so zutraulich, daß sie gar keine Scheu vor Martha und Aennchen empfanden, welche sich um das kranke Störchlein zu schaffen machten, ja es schien, als fühlten sie sogar wirkliche Dankbarkeit gegen die Menschen, welche sich ihres kranken Jungen angenommen hatten.

Das verunglückte Störchlein erholte sich auch bald von seinem Fall und spazierte schon nach einigen Tagen aus dem Nestchen heraus, aber der eine Flügel, den es beim Fall gebrochen hatte, blieb lahm herunterhängen und so war wohl niemals Aussicht für das arme Tier vorhanden, daß es gleich seinen Geschwistern sich in die blaue Luft erheben konnte. Aber es schien sich dennoch ganz wohl zu fühlen in der Obhut seiner lieben Pflegerin – es war schon so zutraulich gegen Martha geworden, daß es ihr gleich entgegenlief, wenn sie sich nur von ferne zeigte, und ihr wie ein Hündchen auf Tritt und Schritt nachfolgte, wenn sie sich in ihrem Garten zu thun machte. Das war doch wirklich gar zu niedlich.

Martha und Aennchen hatten den jungen Storch Hansi getauft und Hansi war der Liebling des ganzen Hauses, eine gar wichtige Respektsperson geworden. Er empfing oft an einem Tag eine Menge Besuche, denn wer von den Bekannten etwas über den jungen Storchfindling vernahm, der wollte ihn auch sehen und kennen, und weil Hansi gar so zutraulich und possierlich war, gefiel er jedermann.

Nur ein Junge aus der Nachbarschaft, welcher Moritz hieß und der von seinem Dachfenster herüber zu Hansi klettern konnte, machte Martha Sorge, denn er neckte und ängstigte den armen Vogel oft ganz gewaltig, zog ihn an dem rotseidenen Halsband, das jener um den Hals trug, und trieb so lang allerlei Schabernack mit ihm, bis Martha ihm endlich ernstlich den Zutritt zu dem Dach verbieten mußte, was den bösen Knaben in eine wahre Wut versetzte. Aber von nun an hatte der arme Hansi doch wenigstens wieder Ruhe.

Der Sommer verging und der Herbst rückte heran. Droben auf dem Dache beim Storchnest richteten sich die Störche zur Reise nach den fernen warmen Ländern. Jeden Tag blieben sie länger bei ihren Ausflügen aus, denn die Jungen mußten ihre Kräfte immer mehr erproben.

Auf einer Wiese in der Nähe der Stadt hatten sie ihren Exerzierplatz; da fanden sich viel Hunderte von Störchen aus der ganzen Umgegend ein und mußten hier auf Kommando einiger alten Störche in Reih und Glied marschieren. Jeden Tag fanden sich mehr Störche ein, es war ein Geklapper und Geschrei auf der Wiese, daß es von weitem dem Geräusch eines großen Jahrmarktes glich; aber hier handelte es sich um durchaus ernste Dinge, denn die Proben, welche jeder Storch von seiner Tüchtigkeit zu geben hatte, entschieden bei ihm über Leben und Tod.

Der letzte Tag kam heran vor der großen Storchenreise, die Vorbereitungen schienen alle getroffen und die meisten Störche hatten die Proben ihrer Leistungsfähigkeit gut bestanden. Nur ein paar schwächliche Geschöpfe schienen darunter, die hatten sich die ganze Zeit bemüht, es den andern an Tüchtigkeit gleichzuthun, aber vergeblich. Als sie jetzt zum letztenmal heute in Reih und Glied beisammen standen, da senkten sie wie in ängstlicher Ahnung die Köpfe, denn heute sollte sich ihr Schicksal erfüllen, nach der grausamen Art, mit welcher diese klugen Tiere für ihre Schwachen und Kranken zu sorgen pflegen.

Das Gericht dauerte nur wenige Augenblicke, während welcher die Störche mit lautem Geschrei über ihre Schwächlinge herfielen, dann lagen diese tot und zuckend am Boden, die andern Störche aber erhoben sich laut klappernd in die Luft, welche ganz verdunkelt wurde durch den dichten Schwarm der großen Vogelkörper. – –

Welch ein Glück für unsern armen Hansi, daß er vor dem Schicksal seiner kranken Leidensgenossen bewahrt blieb und in der guten Fürsorge und Pflege der kleinen Martha dem kommenden Winter ruhig entgegensehen konnte.

Ach, aber es sollte ihm doch nicht beschieden sein, den kommenden Frühling und mit ihm die Wiederkehr seiner Eltern und Geschwister mehr zu schauen – die Bosheit eines Knaben hatte es auf sein Leben abgesehen.

Längst schon hatte der böse Moritz im Nachbarhause einen Haß auf den armen unschuldigen Vogel geworfen, den er nicht mehr necken und quälen durfte, und sich einen ganz abscheulichen Plan ausgedacht, durch den er Martha Schmerz bereiten konnte. Er wußte nur zu gut, daß der kleine Hansi ein großes Leckermäulchen war, wenn man einen Vogel so nennen kann, und darauf baute er seinen bösen Plan.

Einmal am späten Abend, als alles schon zur Ruhe gegangen war, stieg er über das Dach hinauf und schlich sich zu Hansis Nest hin, wo er leise einige Leckerbissen für Hansi niederlegte, von welchen er wußte, daß sie dieser gern schnabulierte; dann entfernte er sich ebenso leise, als er gekommen war.

Am andern Morgen, als Martha, wie sie dies gewöhnlich zu thun pflegte, ihren ersten Gang zu Hansis Nest richtete und ihn fröhlich anrief, damit ihr dieser, wie immer mit fröhlichem Klappern entgegenhüpfen sollte, da rührte sich kein Hansi von der Stelle, und als sie erschrocken näher trat, da sah sie das arme Tier ganz tot mit verglasten Augen der Länge nach ausgestreckt liegen – er mochte wohl schon ein paar Stunden so gelegen haben.

Marthas Jammer war grenzenlos – das ganze Haus lief zusammen den armen unglücklichen Vogel zu sehen, und da kam es denn heraus, daß der Vogel Gift bekommen hatte, auch wer der Thäter dieser abscheulichen That war.

Natürlich entging der böse Moritz der Strafe nicht für seine Frevelthat, aber was half dies Martha und Aennchen, welche ihren liebsten Freund und Spielgefährten verloren hatten? Die beiden weinten heiße Thränen um den entrissenen Liebling, drunten in Aennchens Garten wurde ihm unter einem Eschenbaume ein kleines Grab gegraben und die Mädchen bepflanzten es mit Epheu und Immergrün. Dann ließ Aennchen von ihrem Sparbüchsengeld einen weißen Stein anfertigen, darauf stand mit goldenen Buchstaben:

»Hier ruht unser guter Hansi!« und als im nächsten Frühjahr die Störche wieder im Nest einkehrten und immer wie fragend das leere Nest auf der Altane umschwirrten, da zeigten die Mädchen eifrig nach dem kleinen Gräblein drunten im Garten, aber die Störche verstanden sie natürlich nicht.

Vierzehntes Kapitel.

Wintervergnügen und Eisabenteuer.

Das war ein großer Jubel, als Aennchen einmal im Winter die ersten Schlittschuhe bekam. Sie war immer eine große Freundin der Eisvergnügungen gewesen, und als ihre Eltern es noch nicht erlauben wollten, die Eisbahn zu besuchen, da hatte sie mit ihren Geschwistern einen Teil des Gartens überschwemmen dürfen; dort bildete sich nun sehr rasch dann eine Eisdecke, auf welcher die Kinder nach Herzenslust herumschlittern durften. Nun aber war Aennchen groß genug, sogar Schlittschuhe zu bekommen und selbst mit auf die Eisbahn gehen zu dürfen; ihr Bruder Fritz, welcher schon ein ganz flotter Schlittschuhläufer war, bekam die Aufgabe zugeteilt, seinem Schwesterchen das Schlittschuhlaufen zu lehren, und es dauerte gar nicht lange, da war sie beinahe so geschickt wie er selbst. Jeden freien Winternachmittag eilten nun die Geschwister zusammen auf das Eis; Aennchen hatte einen niedlichen Pelzanzug bekommen, in dem sie recht warm steckte, und so fuhren die Geschwister Hand in Hand oft stundenlang die weitesten Strecken des Sees entlang.

Eines Tages, als die beiden, ihre Schlittschuhe in der Hand, soeben sich auch zum Fortgehen bereit machen wollten, sagte die Mutter:

»Aennchen, heute wird’s wohl mit eurem Eisvergnügen nichts werden, denn ich habe einen Gang für euch, der sich nicht aufschieben läßt. Unsere alte Näherin ist krank und ich möchte ihr eine Flasche Wein schicken, aber keine der Mädchen hat Zeit dazu. So müßt ihr es denn übernehmen. Ihr Häuschen steht wohl dicht am See, aber es ist eine zu weite Strecke, als daß ihr dieselbe schlittschuhlaufen könntet, auch wird wohl das Eis heute schwerlich mehr sicher sein, nachdem es in der Nacht so getaut hat; darum müßt ihr eben auf euer Vergnügen verzichten und euch damit trösten, daß erfüllte Pflicht auch ein Vergnügen ist.«

Sie händigte damit den beiden Kindern eine Flasche Wein ein, welche sich mit sehr langen Gesichtern auf den Weg machten. Als sie aber an den See kamen und die Eisfläche so spiegelglatt daliegen sahen, da gewann das Verlangen, Schlittschuh zu laufen, doch die Oberhand und Fritz sagte entschlossen:

»Das Eis sieht ja noch ganz prächtig aus und hat keine Gefahr. Nicht wahr, Aennchen, wir machen den Weg lieber direkt über den See, als am Ufer entlang?«

Aennchen war dies gleich zufrieden und so schnallten dann die beiden ihre Schlittschuhe an und machten sich auf den Weg. Es waren nur wenige Leute anwesend und keiner kümmerte sich um die beiden Kinder, welche pfeilschnell die sonnenbeschienene Bahn dahinschossen und sich an dem Krachen des Eises unter ihren Füßen ergötzten. So gut wie heute hatte es ihnen selten gefallen. Es dauerte auch kaum dreiviertel Stunden, da waren sie an dem Ufer des Sees angekommen, wo das Häuschen der Näherin stand. Nun schnallten sie die Schlittschuhe ab und gingen ins kleine Haus hinein, die Frau zu besuchen.

Die alte Kathrin war eine gar treue Person und mit dem Hause von Aennchens Eltern wie verwachsen. Alle Kinder hatte sie von deren ersten Tagen an gekannt, jede Woche war sie zwei Tage vollständig im Hause und da von Morgen bis Abend unermüdlich beschäftigt, all die kleinen Höschen und Röckchen, die ihre unruhigen Lieblinge zerrissen hatten, auszubessern und neu zu richten. Jetzt lag sie krank, nur von einer alten Frau gepflegt, und sie freute sich unbeschreiblich, als Aennchen und Fritz nun ins Zimmer traten und ihr den Liebesgruß brachten. Sie that es nicht anders: ihre Pflegerin mußte einen Kaffee für ihre kleinen Gäste kochen und währenddem ließ sie sich von diesen erzählen, wie es zu Hause gehe. So waren im Umsehen einige Stunden vergangen, da stand Fritz rasch auf und rief:

»Nun müssen wir aber aufbrechen, wenn wir noch bei Tag zu Hause sein wollen.«

»Ihr werdet doch nicht über den See laufen wollen?« frug Kathrin erschrocken, als sie die Kinder nach den Schlittschuhen greifen sah; diese aber lachten fröhlich:

»Natürlich laufen wir über den See zurück, wie wir hergekommen sind.«

Und in einem Nu waren sie zur Thür geeilt und verschwunden.

Draußen war es unterdes noch viel milder geworden, als es vor einigen Stunden gewesen war, ein warmer Südwind blies mit voller Macht und als sie auf den See kamen, bemerkten sie, daß derselbe schon bei weitem mehr Wasser auf der Oberfläche stehen hatte als vorher, aber es war ihnen nicht bange, doch noch glücklich darüber hinzukommen. So faßten sie sich denn wieder an den Händen und liefen eiligst vorwärts, aber je mehr sie weiter hineinkamen, um so heftiger begann es unter ihnen zu krachen und zu knacken, so daß es ihnen jetzt selbst recht ängstlich zu Mute wurde und sie nur drängten, vorwärts zu kommen, zudem der Abend sehr rasch hereinzusinken begann. Der ganze See war auch merkwürdigerweise völlig menschenleer, und es wurde ihnen die Ursache erst schrecklich klar, als sie plötzlich zu ihrem Entsetzen bemerkten, daß das Eis unter ihnen wirklich ganz unsicher war und die Scholle, auf welcher sie standen, sich soeben langsam von den anderen abzulösen begann.

»Um Gotteswillen! Das Eis bricht!« schrie Aennchen entsetzt; Fritz, selber heftig zitternd, faßte das Schwesterchen um den Leib und sprang mit ihr über den Spalt vorwärts, dann wie gejagt im fliegenden Lauf weiter fort. – Gottlob, schon sahen sie das Ufer ziemlich nahe, da gähnte vor ihnen plötzlich wieder eine Wassertiefe, welche sie nicht zu überspringen wagten. Mit zitternden Knieen standen sie da, dann begannen sie laut um Hilfe zu schreien und mit den Tüchern zu schwenken; da bemerkten sie die Leute am Ufer. Ein Mann sprang vor und stürzte ihnen entgegen, aber das morsche Eis trug ihn nicht so weit, daß er die Kinder erreichen konnte; da rief er um einen Strick und winkte den Kindern, stehen zu bleiben. Einige wenige schreckensvolle Momente, welche den entsetzten Zuschauern eine Ewigkeit währten, vergingen – da hatte der tapfere Mann den Kindern den Strick zugeworfen und denselben bedeutet, ihn um ihren Leib zu schlingen, – Fritz that es mit bebenden Händen und als der Strick endlich fest genug saß, da zog der Retter auf der anderen Seite an und schnellte die Kinder mit einem blitzartigen Ruck über die gefährliche Stelle und von da an vollends bis an das sichere Ufer hin. Es waren nur wenige Augenblicke der furchtbarsten Gefahr gewesen, aber ein Schrei des Entzückens ging durch die angesammelte Menge der Zuschauer beim Anblick der geretteten Kinder, welche totenbleich und mit wankenden Gliedern sich kaum aufrecht zu halten vermochten. Aennchen konnte vollends keinen Fuß mehr rühren, eine mitleidige Frau trug sie auf ihren Armen nach Hause und als die ahnungslosen Eltern hier erfuhren, welcher furchtbaren Gefahr ihre Kinder preisgegeben waren, da dankten sie Gott aus innigem Herzen, daß er sie so gnädig vor dem Verderben bewahrt hatte, und der hochherzige Retter wurde reich beschenkt entlassen. Fritz und Aennchen konnten lange nicht die ausgestandenen Schrecken vergessen, und sie gelobten feierlich, nie mehr in ihrem Leben so unvorsichtig sein zu wollen.

Fünfzehntes Kapitel.

Klara.

»Herr Doktor, wie geht es eigentlich der armen Klara Traugott?« frug Aennchens Mutter ihren Hausarzt, welcher jede Woche, selbst wenn niemand von der Familie krank war, im Hause vorzusprechen pflegte; »ich habe leider gehört, das arme Mädchen wäre sehr schlimm daran – ist das wahr?«

»Leider, leider,« erwiderte der Doktor, indem er sich nachdenklich über den Bart strich. »Es thut mir leid, nicht helfen zu können, denn der Kranken wäre leicht geholfen, wenn man ihr nur einmal einen ganzen Sommer lang vollständigen Aufenthalt in frischer Luft, eine energische Milchkur und sorgenfreies Dasein verschaffen könnte. Aber wie ist das anzufangen, wo alle Mittel dazu fehlen? So muß sie wie eine Blume, welche nicht genug Sonnenschein und Wasser hat, elend verkümmern; es ist zu traurig. Nicht einmal zum Spazierengehen kann man sie bringen, da sie zum Gehen zu schwach ist und einen Fahrstuhl nicht besitzt – ich würde ihrer Mutter, der Frau Pfarrerin, gern etwas unter die Arme greifen, aber sie ist zu stolz, etwas anzunehmen!«

»Halt, aber mir kommt ein Gedanke!« rief Aennchens Mutter, welche aufmerksam und betrübt zugehört hatte. »Herr Doktor, wäre nicht unser neues Landhaus gerade als Erholungsort für die Kranke wie geschaffen? Sie könnte dort die ganze schöne Jahreszeit über ländliche Ruhe genießen, wir haben die köstlichste Milch dort selbst im Hause, ein Fahrstuhl steht noch von meinem seligen Vater her droben auf dem Speicher, den könnten wir hinausschaffen lassen, wenn die Patientin weitere Wege in den Wald unternehmen sollte – fügt sich nicht alles herrlich zusammen?«

»Wenn Sie wirklich der armen Kranken diese Hilfe bieten wollen, dann stehe ich auch dafür ein, sie gesund zu machen,« rief der Hausarzt erfreut, der gütigen Dame die Hände schüttelnd, und der vielbeschäftigte Mann empfahl sich, indem er noch meinte, jeder Tag sei jetzt Gewinn und er könne nur für rasche Ausführung des ausgezeichneten Planes stimmen.

So begab sich denn Aennchens Mama ohne Zögern hinüber in das kleine Stübchen der Frau Pfarrerin Traugott, mit welcher sie sich seit der Freundschaft der beiden Kinder auch schon längere Zeit befreundet hatte, und schlug ihr vor, mit ihrem kranken Töchterlein hinaus auf das schöne Landhaus zu ziehen, damit diese in frischer Luft und bei kräftiger ländlicher Kost dort zu neuem Leben gesunden könne. Die Frau Pfarrerin vermochte anfangs kaum an das Glück zu glauben, welches sich ihr plötzlich so unvermutet bot, sie zögerte, eine solche Großmut anzunehmen, aber die Sorge für ihre immer mehr dahinsiechende Tochter, deren Leiden zu lindern so wenig in ihrer Macht stand, ließ sie die dargereichte Rettungshand mit gerührtem Herzen ergreifen und Gott innig danken, welcher so edle Menschenfreunde auf ihren Pfad geführt.

So wurde denn auch kein Tag mehr versäumt, die Uebersiedlung der Kranken nach dem Landhäuschen, welches »Glückesruh« getauft worden war, vorzunehmen. Zwei niedliche Fremdenzimmer wurden dort für sie in Stand gesetzt, die Frau Pfarrerin zog mit Klara hinaus in das reizende Heim und Martha wurde während der Abwesenheit der Mutter zu Aennchen als Gast geladen. Das war nun eine köstliche Zeit für die kleinen Mädchen; wie zwei Schwestern teilten sie alles zusammen und Aennchens Eltern gewannen die kleine Martha so lieb, als ob sie ihr eigenes Kind wäre; auch die Jungen hingen mit knabenhaftem Ungestüm an der lieben sanften Freundin.

Jeden Sonntag aber den ganzen Sommer über pilgerte denn die ganze Familie schon am frühen Morgen hinaus nach »Glückesruh« und Martha konnte es sehnsüchtig immer kaum erwarten, ihre Lieben wiederzusehen. Und wie grenzenlos war jedesmal ihre Freude, wenn sie ihre geliebte Schwester Klara von Woche zu Woche immer weiter genesen fand. Der Herr Doktor hatte recht gehabt; die Kranke hatte wirklich einer Blume geglichen, welcher der Sonnenschein gefehlt; nun aber ihr alles zuteil werden konnte, was ihrem geschwächten Körper not that, kehrte die Farbe der Gesundheit auf ihre blassen, lieblichen Wangen zurück, neue Kraft strömte durch ihre Glieder, so daß sie nun schon imstande war, kürzere Wegstrecken allein zurückzulegen, bei weiteren Wegen wurde sie im bequemen Fahrstuhl gefahren. Das Bärbele fühlte sich sehr wichtig und geschmeichelt, wenn sie der verehrten Kranken zu wiederholten Stunden des Tages große Gläser köstlich schäumender Milch bringen durfte, welche dieser so herrlich mundeten, wie ihr seit Jahren nichts gemundet hatte. Der Doktor kam alle paar Tage herausgefahren, nach seiner Patientin zu sehen, und trat stets aufs höchste befriedigt den Heimweg an, nachdem er ein Stündchen im Garten mit den beiden Damen verplaudert, und sich von Herzen gefreut hatte über die zunehmende Frische und Lebenslust des lieben kranken Mädchens – ja, er weissagte sogar, bis zum Herbst würde er es mit keiner Patientin mehr, sondern mit einem völlig gesundeten Fräulein zu thun haben. Wer war glücklicher, als die ganze Familie Traugott – niemals hätten sie zu hoffen gewagt, daß sich ihr Lebenslos noch so gnädig gestalten würde.

Sechzehntes Kapitel.

Musikstunden.

»Lieber Mann, meinst du nicht, daß es Zeit wäre, Aennchen jetzt mit dem Musikunterricht beginnen zu lassen? Sie hat doch ungewöhnliches musikalisches Talent und auch offenbar viel Liebe zur Musik. Andere Kinder beginnen oft schon mit sechs Jahren Klavier zu spielen; so ist unser Töchterchen verhältnismäßig spät daran, doch wollte ich sie bisher nicht mit Arbeit überbürden, da ich dafür bin, daß die Kinder nicht zuviel auf einmal beginnen sollen, weil sonst leicht alles nur halb gethan wird. Darum ließ ich Aennchen lieber erst über alle Schwierigkeiten des Anfangsunterrichts in der Schule hinweggehen und ihr dabei genug Muße zu Spiel und Erholung; jetzt aber, da ihr Charakter ernster geworden ist und sie verständig genug ist, einzusehen, welchen Vorteil das Lernen bringt, wird sie mit Freuden den Musikunterricht beginnen und sich hoffentlich recht gelehrsam und strebsam zeigen.«

So sprach eines Tages Aennchens Mutter zu ihrem Mann, welcher sich vollständig damit einverstanden zeigte; daraufhin wurde dem jungen Mädchen angekündigt, daß sie von nun an Klavierstunden bekommen würde, und Aennchen vernahm die Nachricht mit freudigem Stolz. Hatte sie die Musik ja so lieb, als wäre sie als Waldvögelein geboren! sie konnte nicht leben, ohne zu zwitschern und zu singen; den ganzen Tag klangen ihre frohe Liedchen durchs Haus. Wie schön dachte sie es sich nun, Klavierspielen und sich selbst begleiten zu können – sie hatte die Freundinnen schon zuweilen beneidet, welche so stolz von ihrem Klavierunterricht erzählten, und so versprach sie denn gar gern ihren gütigen Eltern, eine recht fleißige und strebsame Schülerin werden zu wollen.

Des andern Tages begleitete ihre Mutter sie dann in die Musikschule, wo Aennchen bereits angemeldet war. Die Vorsteherinnen derselben waren zwei feingebildete Damen, welche mit Hilfe mehrerer Lehrerinnen das Institut gegründet hatten, das sich des besten angesehensten Rufes erfreute und von den meisten besseren Familien besucht ward.