Schulmädelgeschichten: für Mädchen von 7-12 Jahren

Part 8

Chapter 83,700 wordsPublic domain

Aennchens Eltern hatten aus dem kleinen Stübchen, welches früher das »Trutzstübchen« gewesen, seitdem die Kinder größer und artiger geworden waren, ein gemütliches Arbeitszimmerchen geschaffen, in welchem ein großer Schreibtisch und ein Büchergestell mit mehreren Stühlen alles boten, was man zum Arbeiten nötig hatte, ohne die Aufmerksamkeit durch andere Dinge abzuziehen. Hier saßen nun täglich nach der Schule Martha und Aennchen zusammen, nachdem sie ihr Vesperbrot verzehrt hatten, und arbeiteten mit Fleiß und Sorgfalt die Arbeiten aus, welche die Lehrer ihnen aufgegeben. Bereits bestanden diese nicht mehr allein aus Schreibübungen, Lesen und Rechnen, sondern sie hatten schon französische Grammatik zu treiben, für den Religionsunterricht nachzuholen, Naturgeschichte und Geographie zu studieren und noch verschiedenes andere. Sogar schon deutsche Aufsätze wurden geübt, das war den Mädchen die liebste Beschäftigung und sie arbeiteten dieselben leicht und zufriedenstellend, so daß sie meist gute Noten davontrugen.

Wenn die Schularbeiten fertig waren, dann mußte Martha nach Hause zu ihrer Mutter, um dieser an die Hand zu gehen; hatte dieselbe aber keine besondere Arbeit für ihr fleißiges Töchterchen vor und bedurfte die kranke Schwester Agnes ihrer Gesellschaft nicht, dann wurde ihr erlaubt, mit Aennchens Puppe zu spielen.

Und das war nun erst recht der wahre Genuß! Lange schon hatte Aennchen mit geschickten Fingern ihrer Freundin das Kleidermachen für Puppen abgelernt und bereits besaß ihre früher so vernachlässigte Puppe eine vollständige Garderobe, welche vom hübschesten Sonntagskleidchen bis zum einfachsten Hausanzug äußerst niedlich von ihr selbst gefertigt war. Wenn die Weihnachtszeit aber herankam, dann begnügten sich die fleißigen Mädchen, nicht, ihre eignen Puppen zu versorgen – dann kaufte Aennchens Mama eine Anzahl hübscher Puppen und diese wurden dann abends bei Lampenlicht von den lieben kleinen Mädchenhänden reizend gekleidet und geziert, damit sie dann am Weihnachtsabend eine Anzahl armer Kinder erfreuen konnten.

So hatte die Freundschaft der kleinen verwachsenen Martha für Aennchen wirklich die köstlichsten Früchte getragen.

Zehntes Kapitel.

Ein Brief Almas an Aennchen.

Beinahe zwei Jahre waren schon darüber hingegangen, seitdem Aennchen ihre Freundin Alma nicht mehr gesehen und nichts mehr von ihr gehört hatte. Nur einmal brachte am Anfang Aennchens Vater die Nachricht nach Hause, Herr von Stolzau sei nun auch ganz auf Reisen gegangen und habe sein Gut einem Verwalter übergeben, seit Frau von Stolzau ganz plötzlich in Italien gestorben sei. Aennchen hörte voll Mitleid, welche Trauer die arme Alma betroffen habe, sie hätte ihr gerne ihre Grüße gesandt, doch wußte sie ihre Adresse nicht und glaubte sich von ihr längst vergessen.

Da, wer beschreibt ihr Erstaunen, brachte eines Tages der Briefträger einen verschlossenen Korb an ihre Adresse; Aennchen konnte kaum glauben, daß sie selbst damit gemeint sei, und als sie dennoch mit hastigen Händen öffnete, da stieg ihr ein köstlicher süß betäubender Duft entgegen! Zwischen Myrten und Orangenblüten lagen die herrlichsten Apfelsinen, Trauben und Datteln vor ihren entzückenden Blicken, zu oberst des Korbes aber, in Seidenpapier gewickelt, ein viereckiges Couvert mit einem dicken engbeschriebenen langen Briefe. Ein Brief von Alma! War es wirklich möglich?! Hatte die Freundin wirklich sie noch nicht ganz vergessen?! Aennchen war ganz außer sich vor Stolz, und als sie sich etwas gefaßt hatte, setzte sie sich hin und las den langen Brief der folgendermaßen lautete und mit einer hübschen gleichmäßigen Kinderschrift geschrieben war:

Venedig.

_Mein liebes Aennchen!_

Du hast ganz sicherlich gedacht, daß ich dich vergessen habe, weil ich so ewig lange Zeit nichts von mir hören ließ und bei meiner schnellen Abreise nicht einmal Abschied von dir nahm. Aber du warst krank damals, da durfte ich nicht zu dir und hätte auch keine Zeit dazu gehabt, weil meine liebe Mama sich so schnell zu einer Reise nach Italien entschließen mußte. Sie war leidend geworden und sollte keinen Augenblick zögern, in ein wärmeres Klima zu kommen; der Herr Doktor hoffte dann sichere Genesung für sie. Aber ach, meine arme liebe Mama hat die Genesung leider nicht gefunden! sie wurde im Gegenteil immer kränker und schwächer, wenn ich dies selbst freilich kaum bemerkte; aber einmal, da kam ein schrecklicher Tag, an den ich nur mit Entsetzen zurückdenken kann, man sagte mir, als ich zu meinem Mütterchen wollte, es sei gestorben und ich hätte nun keine Mama mehr auf der Welt. Wie schrecklich mir da zu Mute war, liebes Aennchen, davon kann ich noch immer nicht sprechen; sie war ja die Einzige, welche mich, wie ich glaubte, wirklich lieb gehabt hat auf der Welt, mein Vater stand mir fern und ich fürchtete ihn und so wollte ich denn schier in meinem Schmerz verzweifeln. O, ich war so böse damals; ich wollte niemand, niemand mehr sehen; mein Fräulein, das mich nur immer strafen und ermahnen konnte, stieß ich mit Widerwillen von mir, und als mein Vater nach Mamas Tode kam und mich begrüßen wollte, da floh ich in Angst vor ihm und konnte auch später nur voll Scheu mit ihm verkehren, obgleich er gütig und nachsichtig war.

Nicht wahr, lieb Aennchen, du kannst es kaum glauben, daß dies deine lustige Freundin Alma war? aber ich war völlig anders geworden und von all dem Kummer wurde ich blaß und krank und mußte viel zu Bette liegen. Wir wohnten in einem großen Palaste; mein Fräulein und ich hatten große prächtige Zimmer, aber sie waren so kalt und hoch, daß mich immer darin fröstelte. Mein Vater wohnte in einem andern Flügel des Hauses und machte viel Ausflüge, wo er nach Altertümern unter der Erde forschte. So war ich mit Mademoiselle doch immer wieder allein, welche sich gar wenig um mich kümmerte sondern meist in französischen Romanen las.

Eines Tages lag ich recht matt auf dem Sofa und war etwas eingeschlummert; Fräulein hatte im Zimmer nebenan gesessen, da hörte ich sie plötzlich: »Feuer! um Gottes willen, Feuer!« rufen, sie warf ihr Buch auf den Boden, stürzte zur Thüre hinaus und schlug diese hinter sich zu. Erschrocken sah ich um mich, ich roch Brandgeruch und ein Knistern und Knattern tönte zu meinen Ohren. Und wie ich noch beinahe betäubt von dem Schreck war, da schlug plötzlich eine blendende Lohe zum Zimmer herein und gelbe und rote Flammen zingelten um mich auf. Ich wollte nun, meinem Fräulein nach, mich durch die Thüre retten; als ich sie aber geöffnet hatte, schlugen mir schon von unten Flammen entgegen, so daß ich die Treppe nicht mehr passieren konnte.

Ich stürzte zum Fenster und blickte hinaus; schwarze Rauchwolken hüllten mich ein und man vermochte mich von unten wohl kaum zu sehen. So schrie ich laut und entsetzt um Hilfe, bis mein Hals heiser wurde und die Stimme mir versagte. In dieser entsetzlichen Not, Aennchen, da war ich ganz sicher, daß ich sterben würde und daß mir niemand nahe sei, als der liebe Gott; ich warf mich auf die Kniee und betete zu ihm und es fiel mir in dem gräßlichen Augenblick schwer aufs Herz, welch ein leichtsinniges verwöhntes Kind ich gewesen sei, wie böse ich mich dagegen aufgelehnt, als der liebe Gott meine kranke Mama zu sich genommen hatte und wie unrecht es von mir gewesen war, meinen Vater durch meine Kälte so zu betrüben. Wie gerne wäre ich anders geworden, aber jetzt war es zu spät, ich hatte nur noch Zeit, den lieben Gott um Verzeihung anzuflehen.

Die Flammen leckten schon an meinen Kleidern und die Besinnung hatte mich beinahe verlassen, da sah ich plötzlich wie im Traum, wie eine schwarze jugendliche Gestalt sich über den Balkon zu mir hereinschwang, mich ergriff und dann zum Fenster emporhob. Dann hörte und sah ich nichts mehr, denn eine tiefe lange Ohnmacht kam über mich. –

Als ich nach langer langer Zeit endlich wieder die Augen öffnete, da wußte ich mich kaum zurechtzufinden, wo ich war. Ich lag in einem fremden Bette und neben mir saß mein Vater mit einem gütigen kummervollen Gesicht, er hielt meine beiden Hände in den seinen und als ich ihn nun erwachend anblickte, da flog ein freudiger Strahl über sein Gesicht und er rief:

»Lebst du wirklich, mein Kind? O, Gott sei gelobt!« Er umarmte mich, während Freudenthränen über seine Wangen rollten; ich wagte kaum an das Glück zu glauben, so geliebt zu sein und leise stammelte ich:

»Hast du mich denn wirklich lieb, Väterchen?« Da gab sein inniger Blick mir die Antwort und als ich ihn um Verzeihung gebeten hatte für mein Benehmen, da sagte er mir, wie bitter weh es ihm gethan habe, daß sein kleines Mädchen kein Herz für ihn gezeigt habe, als er sich doch ohnedies so vereinsamt gefühlt habe in seiner Trauer. Und dann erzählte er mir, wie lange ich krank gelegen habe seit dem Brand und wie sehr er um mein Leben gebangt habe. Er hätte damals gar nicht im Hause geweilt, als der schreckliche Brand ausgebrochen sei, und wäre erst gerade in dem Moment zurückgekommen, als ein mutiger Knabe sein Kind aus den Flammen rettete.

»Wo ist Mademoiselle?« frug ich.

»Sie ist nicht mehr bei dir,« antwortete mein Vater stirnrunzelnd. »Als sie dich in der Gefahr so treulos verlassen konnte, sah ich ein, daß mein armes Vögelchen keine liebende Gefährtin an ihr besessen hatte. Aber deinen Lebensretter willst du doch sicher kennen lernen, nicht wahr, mein Kind?«

Mein Vater stand auf und holte aus dem nächsten Zimmer einen Knaben herein, der, um einige Jahre älter als ich, mich mit seinen großen schwarzen Augen freundlich anlachte. Seine Gestalt schien mir von jener entsetzlichen Stunde her bekannt, das Gesicht hatte ich nicht deutlich erblicken können. Heute erschien es mir über die Maßen anziehend: schwarze feurige Augen, dunkle Gesichtsfarbe und dichtes braunes Lockenhaar. Ich reichte ihm dankbar die schwache Hand, die er halb schüchtern ergriff. Mein Vater sagte zu mir:

»Du wirst hier in Peppino einen Gefährten erhalten für die Zukunft. Der junge Mann hat dich mir aus den Flammen gerettet, darum kann ich ihm nie genug dankbar sein. Er ist ein armer, elternloser Savoyardenknabe, der im größten Elend aufgewachsen ist; ich habe ihn zu deinem Bruder gemacht und werde ihn nun mit dir erziehen und ihn alles lernen lassen um dereinst einen tüchtigen Mann aus ihm zu machen. So hoffe ich auch von dir, Alma, daß du ihm eine brave liebende Schwester sein wirst.«

Ich versprach es mit tausend Freuden und siehst du, liebes Aennchen, auf diese Weise bin ich zu einem gar lieben Bruder und Gefährten gekommen. Peppino ist ein prächtiger braver Junge und macht meinem Vater und seinen Lehren durch seinen Fleiß und seine Strebsamkeit viel Freude und wir beide haben uns so lieb, als ob wir wirkliche Geschwister wären. Mein Vater hat eine liebe gütige Dame als Erzieherin für mich gewonnen, welche so sanft und liebreich gegen mich ist wie eine Mutter, und ich lerne bei ihr so gern, daß mir die Lehrstunden immer ein wahrer Genuß sind. Ich habe auch schon sehr gute Fortschritte gemacht, sagt mein Fräulein. Viele Unterrichtsstunden teile ich mit Peppino, welcher einen Hofmeister hat, der immer ganz überrascht ist, wie leicht und rasch sein Schüler lernt.

Nun muß ich dir aber, mein liebes Aennchen, auch ein wenig von dem herrlichen Land erzählen, in welchem ich nun schon so lange verweile. Ich wollte nur, du könntest all das Wunderbare mit mir schauen, welches uns hier in der Natur stets umgiebt. – Die Orangen- und Myrtenhaine, die köstliche Blumenpracht, die Palmen- und Myrtenbäume! Ich habe Rom gesehen mit all den Römerdenkmalen aus alter Zeit, dem Kapitol und dem Kolosseum, und mein Vater hat mir alles erklärt, so daß ich beinahe begriffen habe, warum die Ueberreste so wunderbar interessant für uns sind.

Wir haben den Vesuv bestiegen; das ist ein hoher Berg, welcher einen offenen Krater besitzt; aus demselben steigen bei Tag und Nacht glühende Dämpfe hervor, denn das furchtbare Feuer, welches in seinem Innern brennt, ist fortwährend bestrebt, sich nach außen hin Luft zu machen. Deshalb findet von Zeit zu Zeit ein so heftiger Ausbruch statt, daß lodernde Feuerflammen hoch zum Himmel schlagen und glühendes Gestein und Lava hervorbricht und bergabwärts stürzt in rasendem Lauf. Dabei fällt ein glühender Aschenregen gleich einem wirklichen Regen im ganzen Umkreis nieder und wo er hinfällt, da verwüstet und zerstört er, was zu zerstören ist. Auf diese Weise wurden vor vielen tausend Jahren zwei blühende, herrliche Städte vollständig vom Erdboden vertilgt. Der Aschenregen fiel auf sie und bedeckte sie so vollständig, daß es keine Rettung mehr gab, alles Lebende wurde zerstört und ein großer Teil durch die glühende Lava verbrannt. Die beiden unglücklichen Städte hieß Pompeji und Herkulanum und jetzt, nach Jahrtausenden, hat man die erkaltete Lava und Asche weggegraben und die Städte wieder aufgedeckt.

Nicht wahr, das ist interessant? Ich habe Vieles davon sehen dürfen und zum Vesuv bin ich mit meinem Vater auf einem Maulesel geritten und habe in den feurigen Krater voll Grauen hinabgeschaut.

Jetzt wohnen wir in Venedig; das ist auch eine ganz merkwürdige Stadt. Sie besteht aus lauter großen, alten Palästen, welche wundervoll von Stein aufgeführt sind. Aber die Paläste sind nicht wie in andern Städten durch Straßen miteinander verbunden, sondern sie stehen mitten im Wasser und wenn man über die Straße will, so sind große schwarze Gondeln da, in denen man fahren muß. Das ist dann so still und feierlich, daß es Einem ganz eigen zu Mut wird auf dem dunkelblauen Wasser zwischen den hohen Steinpalästen. Ein einziger Platz ist in der Stadt, der heißt der Markusplatz, wo die große Markuskirche steht, und dort gehe ich mit Peppino am liebsten hin. Denn eine unzählige Schar weißer Tauben wird dort täglich gefüttert und sie sind so zutraulich, daß sie zu jedem Menschen heranfliegen und ihm die Körner aus der Hand picken. Ist das nicht reizend?

Jetzt habe ich dir aber so viel vorgeschwätzt, liebes Aennchen, daß du einen halben Tag daran zu lesen haben wirst; ich habe auch eine Woche daran geschrieben; jeden Tag eine Stunde und mein Fräulein hat mir die orthographischen Fehler korrigiert, sonst würde wohl manches Fehlerhafte darinnen sein. Ich sende dir hier als Gruß aus Italien einige Früchte und Blumen, damit du dir doch einen Begriff machen kannst, und auf dem Grund des Körbchens wirst du in einem Karton eine Photographie finden, welche mich und meinen Bruder Peppino darstellt. Ich habe diesem auch viel von dir erzählt und er läßt dich recht herzlich grüßen. Vater hat versprochen, uns im nächsten Jahr wieder einmal nach Deutschland zu führen, dann können wir uns wiedersehen. Vielleicht schreibst du mir auch einmal. Adieu, liebes Aennchen; ich umarme und küsse dich von Herzen als deine treue Freundin

_Alma von Stolzau_.

Aennchen hatte voll Interesse und Staunen Almas Brief zu Ende gelesen und begann nun eifrig nach der besprochenen Photographie zu suchen. Richtig, da lag sie auf dem Boden des Körbchens und als Aennchen sie erblickte, stieß sie einen Schrei des Entzückens aus. Ja, das war ihre Alma, aber noch viel, viel schöner als damals; wohl waren es dieselben großen Augen, dasselbe zarte, wunderhübsche Gesichtchen, und die goldenen Haare fielen wie ein lange Schleier über die Schultern; aber sie zeigte einen so lieblichen, sinnigen Ausdruck, wie sie ihn früher nicht besessen, und ein stiller sanfter Zug spielte um den kindlichen Mund. An ihrer Seite lehnte ein braungelockter Knabe mit offenen, schönen Zügen, er sah das Schwesterchen so freundlich zärtlich an, daß das Bild einen wahrhaft rührenden Anblick bot und Aennchen voll Stolz und Glück sich nicht satt daran zu sehen vermochte und eiligst zu Martha hinüberlief, dieser ihren Schatz zu zeigen.

Aennchen zögerte auch nicht lange, den Brief ihrer Freundin zu beantworten, wenn sie auch freilich weniger Interessantes zu berichten hatte, und so entstand gar bald ein Briefwechsel, welcher nicht nur sehr anregend und amüsant für die jungen Mädchen war, sondern wirklich auch sehr bildend und lehrreich, sowohl was Stil und Orthographie anbelangt, als auch weil er die Schreiberinnen veranlaßte, sich von ihren Gedanken genaue Rechenschaft zu geben, dieselben klar und anschaulich zu Papier zu bringen und überhaupt genau zu beobachten, was um sie her vorging und was das Leben ihnen Liebes und Trauriges brachte.

Elftes Kapitel.

Tagebuchblätter.

Auf des Herrn Lehrers Rat hatten die Mädchen sogar neuerdings angefangen, kleine Tagebücher zu führen, seitdem es ihnen ein Leichtes war, die Feder zu führen und sich von ihren Erlebnissen Rechenschaft zu geben. Bald war es Aennchens und Marthas liebstes Vergnügen, alles, was sich in ihrem Leben Bemerkenswertes zutrug, in ihren Tagebüchern festzuhalten, und wir wollen unseren Leserinnen hier einen kleinen Einblick in einige dieser Blätter gestatten.

Aus Aennchens Tagebuch.

Wir haben gestern einen sehr schönen Sonntag erlebt, an welchen ich die Erinnerung für mein Leben festhalten möchte.

Es war der Hochzeitstag meiner lieben Eltern, welchen wir jedes Jahr in festlicher Weise zu begehen pflegen. Dieses Jahr überraschte uns am Morgen, als wir alle aufgestanden waren, mein Vater mit der Nachricht, er hätte heute eine Partie mit uns vor, wohin, das sage er nicht, auch Mama dürfe es noch nicht wissen! Natürlich jubelten wir laut vor Freude und erschöpften uns in Vermutungen, wohin der Weg uns wohl führen möge? Mein Bruder Fritz riet wohl zwanzig verschiedene Orte, die kleinen Brüder riefen eifrig: »Zur Milchfrau, zur Milchfrau!« (denn das wünschen sie sich schon lange, weil sie uns eingeladen hat) und ich selbst wußte gar nicht, was ich denken sollte, auch Mama nicht. Nun, wir machten uns aber natürlich alle sehr rasch bereit; Papa befahl, eine Menge Dinge mitzunehmen, die uns in Erstaunen setzten. Die Kinderwagen, in welchem Hermännchen und Willy durchaus sich nicht mehr fahren lassen wollen, wurde mit allerlei Eßwaren, einem kalten Braten und zwei Flaschen Wein und Limonade und einem frischgebackenen Kaffeekuchen und Obst, ferner mit Tellern und Gläsern und Bestecken vollgepropft! Er war schließlich so schwer, daß ihn unsere Lisette nicht allein mehr ziehen konnte, sondern Bruder Fritz mithelfen mußte. Dieser hatte sich selbst auch tüchtig beladen, obwohl er nicht wußte, wohin der Weg ging. Seine Botanisierbüchse trug er über der Schulter, darin ein Gartenmesser und eine Menge anderer Sachen lagen; dann hatte er seine neue Armbrust bei sich und seine Büchse. Die kleinen Brüder nahmen ihre Schmetterlingsnetze mit und ein Reifspiel, Hermännchen, der ein Gärtner werden will, seine kleine Schaufel. Ich selbst nahm meine Puppe Lilly auf den Arm, welcher ich zum Glück gerade vor einigen Tagen ein neues Sommerkleid gefertigt hatte, so daß sie sehr niedlich in dem rosa Röckchen und dem gelben Strohhut aussah.

So brachen wir auf. Die Eltern gingen voran; Papa führte Mama am Arm, welche beinahe nicht weniger neugierig war als ihre Kinder und immer lächelnd fragte: »Wohin werden wir wohl heute noch kommen?« Es war ein ganz wundervoller Maimorgen; die liebe Sonne schien schon am frühen Morgen so warm, die Bäume und Hecken standen schon im frischen Grün und auf den Wiesen guckten unzählige Frühlingsblümchen neugierig zu uns auf, die wir am liebsten alle gleich gesammelt hätten, wenn Papa nicht davon abgeraten und gemeint hätte, wir sollten unsere Kräfte noch für den ganzen langen Tag aufsparen.

Unser Weg führte erst an der Stadtmauer entlang, dann durch den schönen Stadtwald über Felder und Wiesen, bis wir ein kleines, freundliches Dörfchen vor uns liegen sahen. Es war uns wohl bekannt und wir jubelten vor Freude; Mama war schon einmal mit uns daheraus gekommen und hatte dann gegen Papa geäußert: sie wisse sich eigentlich kein lieberes und hübscheres Fleckchen Erde als dieses. Denn das Dörfchen liegt in einem kleinen Thal, das ganz von romantischen bewaldeten Bergen eingeschlossen ist, ein silbernes Flüßchen schlängelt sich dazwischen hin. So schritten wir denn voll froher Erwartung dem Dörflein entgegen und Mama sagte fröhlich zu Papa: »Das hast du hübsch angefangen, lieber Mann, daß du uns gerade hierher geführt hast.« Papa aber lächelte und meinte: »Geduld, Geduld, es kommt schon noch schöner.«

Wir bogen in die Dorfgasse ein, wo die Leute gerade sonntäglich geputzt aus der Kirche kamen und uns alle gar freundlich grüßten. Lisette freute sich so darüber, daß sie ihren alten Kopf vor lauter Nicken gar nicht zur Ruhe bringen konnte. Schon hatten wir das ganze Dörflein passiert und Papa war auch an dem Wirtshaus vorübergegangen, zu dem wir sehnsüchtig hineinschauten, denn es hätte uns gar zu wohl gefallen, in dem kühlen Wirtsgarten verweilen zu dürfen, und etwas enttäuscht folgten wir dem nun immer rascher voranschreitenden Vater, der nun sogar in den Waldweg, welcher zur Anhöhe führt, einbog. Schon verzogen Hermännchen und Willy kläglich die Gesichter und jammerten, sie wären müde, da stand Papa auf einmal still und deutete mit dem Finger aufwärts. Wir riefen alle miteinander »Ah!« und Mama sprach überrascht: »Welch’ entzückendes, kleines Häuschen steht denn da oben?«

Es war auch wirklich ein entzückendes Häuschen, das ganz so erbaut war wie das Schweizerhäuschen, welches wir zu Haus auf der Etagere stehen haben. Es mußte ganz nagelneu sein: die Wände glänzten von dem hellen Holz und waren mit vielen Geweihen geziert. Zwei große Veranden liefen rings um das Häuschen herum, an den Fenstern waren hellgrüne Läden, das schwarze Dach sprang weit vor und auf der Spitze des Daches wehte eine Fahne lustig im Wind.

»Wem gehört denn das köstliche, kleine Anwesen?« frug Mamachen ganz entzückt, als sie an Papas Arm rasch darauf zuschritt.

»Du wirst schon sehen!« erwiderte Papa geheimnisvoll. »Wir sind ja bald oben.« Und wirklich standen wir nun alle vor dem Häuschen, dessen Thüre gastlich geöffnet war, aber niemand zeigte sich, uns zu begrüßen.

»Springt nun hinein, Kinder, und sucht die Hausfrau! Ihr dürft es ohne Scheu!« gebot Papa, und schüchtern folgten wir dem Befehl. Anfangs getrauten wir uns kaum, in den nagelneuen Stuben aufzutreten, da die Dielen so schneeweiß waren. Ein Zimmerchen war freundlicher und niedlicher als das andere, Tische und Stühle, alles war nagelneu, die Wände reizend verziert, die Sonne lachte durch bunte Scheiben herein, es war wie in einem verzauberten Häuschen. Denn nirgends war jemand zu erblicken, das ganze Haus war leer und mir klopfte beinahe das Herz, während die kleinen Brüder fröhlich vor mir hertrabten und erst zaghaft, dann immer lauter und herzhafter riefen: »Hausfrau, wo ist denn die Hausfrau?«

Endlich waren wir oben am Speicher angelangt und mußten wieder umkehren; wir liefen zu den Eltern zurück, die uns Hand in Hand vor der Thür erwarteten, und riefen:

»Wir haben niemand finden können, die Hausfrau ist nicht da!«

»Hier ist die Hausfrau!« sprach Papa lächelnd, indem er den Arm um unser Mütterlein legte, »ich habe eurer Mama heute zum Hochzeitstag dies Häuschen als Gabe beschert und ihr dürft auch als kleine Herren darin mit uns schalten und walten. Jeden Sonntag in der schönen Jahreszeit und jede Ferienzeit werden wir nun in dem neuen Landhäuschen zubringen, das euch hoffentlich allen gut gefällt.«