Schulmädelgeschichten: für Mädchen von 7-12 Jahren
Part 5
Die Mädchen hatten die Anhöhe erreicht und betraten eine weite Halle, durch deren geborstenes Dach der Himmel hereinblickte. Hohe Bogengänge, aus mächtigen Säulen gebildet, standen in langen Reihen die Halle entlang; viele der Säulen waren geborsten oder lagen gestürzt am Boden, wuchernder Epheu und anderes Gerank war dazwischen emporgewachsen, selbst junge Bäume hatten sich den Weg zwischen dem Gestein gebahnt und trieben nun mit frischem Grün daraus empor – es war wie ein Kampf zwischen Werden und Vergehen, zwischen Leben und Tod; doch das Leben und Werden hatte den Sieg behalten über Tod und Vergehen.
Die beiden jungen Menschenkinder ergriff beinahe ein heimlicher Schauer in dieser großartigen menschenverlassenen Einsamkeit, und mit ängstlich klopfenden Herzen betraten sie die weiten Räume. Aennchen ließ sich erschöpft auf einer geborstenen Säule nieder, während die keckere Alma darüber hinauskletterte, um Umschau zu halten, wo sie sich eigentlich befanden. Ein Ausruf des Entzückens drängte sich von ihren Lippen, als sie auf der Höhe stand und die Blicke hinabgleiten ließ, denn welche wundervolle Aussicht bot sich ihren Blicken!
Weit, weit hinein ins Land konnte sie sehen bis zu den Spitzen der fernsten Berge; zu ihren Füßen dehnte sich ein tiefblauer köstlicher See aus, darüber erhob sich ein grüner Berg, welcher mit einem stolzen Schloß gekrönt war, die Wolken zogen in fliegender Eile den blauen Horizont entlang – es war ein geradezu wunderbares Bild, und Alma war so ergriffen von dem Anblick, daß sie mit jauchzender Stimme zu singen begann:
»Auf die Höhen möcht ich steigen In die freie Bergesluft Und den Blick herniederneigen In das Thal, erfüllt von Duft, Auf die friedlich stillen Hütten, Auf des Stromes Silberband, Und dann rufen laut inmitten: Schön bist du, mein Vaterland!«
»Ist es wirklich so schön?« frug Aennchen neugierig, welche ängstlich dahergehinkt kam; dann deutete sie auf eine schwarze Wolke, welche pfeilschnell auf die Sonne zugeflogen kam: »Sieh doch Alma, wie unheimlich das aussieht.«
»Es wird doch kein Gewitter geben?« frug Alma nun auch rasch erschrocken, und ängstlich blickte sie dem Spiel der Wolken zu, welche sich nun innerhalb weniger Minuten immer drohender gestalteten. In kurzer Zeit war der ganze Horizont mit dichten schwarzen Wolkenmassen überzogen und ein heftiger Sturmwind begann laut heulend über die Erde hinzufegen.
Entsetzt flüchteten die erschreckten Kinder in die Ruine zurück und schrieen laut um Hilfe, aber natürlich verhallte ihr Ruf ungehört und sie kauerten zuletzt, ängstlich aneinandergeschmiegt, in einer Ecke zusammen, während sie mit entsetzten Augen die Vorgänge um sich her beobachteten. Und auch andere als junge Kinderherzen hätten wohl geschaudert beim Anblick eines so furchtbaren Orkans, wie er sich hier in rasender Schnelligkeit entfesselte. Der Himmel hatte sich so dicht verfinstert, daß man kaum mehr die Hand vor den Augen sah, und nur wenn die breiten, zuckenden Blitze am Himmel aufflackerten, beleuchteten sie mit greller Tageshelle die entfesselte Natur. Mit unheimlich dumpfem Dröhnen folgte der Donner jedem aufzuckenden Blitz und das Echo der Berge gab den schauerlichen Klang verzehnfacht zurück. Und nun begann plötzlich ein solch heftiger Regen niederzuprasseln, als ob alle Schleusen des Himmels sich mit einem Schlage geöffnet hätten; es waren keine Bäche, sondern wahre Regenflüsse, welche sich, mit Hagelschauern vermischt, mit unbarmherzigem Grimm herniedergossen, und den beiden verlassenen Kindern, welche gleich zwei todesbangen Vögelchen in ihrem Zufluchtsort kauerten, schien das Ende der Welt gekommen. Keines wagte laut zu atmen oder sich zu regen; die Furcht schnürte ihnen die kleinen Kehlen zu; entsetzt horchten sie auf das Rollen des Donners, das Rauschen der Regenfluten, und als sie beim Aufzucken eines langen blendenden Blitzes ganz nahe ihrem Zufluchtsort die großen runden Augen eines Käuzchens erblickten, welches sich wohl höchst erstaunt die fremden menschlichen Gäste zu betrachten schien, da schrieen sie vor Entsetzen laut auf und klammerten sich noch fester aneinander.
Aber das Gewitter verschwand so rasch, als es gekommen war; selbst der Regen hielt nicht lange mehr an und bald war es in der Natur wieder so ruhig und friedlich, als ob das Ganze nur ein böser Traum gewesen wäre. Nur die Zerstörungen ringsum zeigten an, daß der grausame Sturm wirklich hier gehaust hatte; ein junger Eichbaum war von oben bis unten vom Blitz zerspalten und seine verkohlten Aeste hingen abgestorben zu Boden – mehrere Säulen lagen in Trümmern geborsten und die abgerissenen Epheuranken flogen weit umher und in den Ritzen des alten Gemäuers hatten sich überall kleine Seen von Regenwasser gebildet, welche nun langsam rieselnd zu Boden sickerten.
Alma und Aennchen krochen wie zwei gebadete zitternde Mäuschen aus ihrem Versteck, welches ihnen wohl Schutz vor den ärgsten Unbilden des Sturmes, aber nicht vollständig vor den Regenfluten geboten hatte, und nun waren die beiden stark durchnäßt und von Aennchens neuem rotem Kleidchen floß eine rote Brühe zu Boden nieder. Die Hüte hatten alle beide verloren, sie dachten auch nicht daran, ihnen nachzusuchen; ihr ganzes Streben war nun darauf gerichtet, in dieser Einsamkeit eine lebende Menschenseele zu finden. Ach, sie konnten es sich nicht länger verhehlen, der Abend war wirklich hereingebrochen, denn die Sonne hatte sich nach einigen letzten Strahlen nun ganz in ihrem Wolkenbette schlafen gelegt und eine graubleierne Dämmerung begann sich über die Erde auszubreiten.
Mit zitternden Knieen und erblaßten Wangen begannen Aennchen und Alma Hand in Hand die weiten Hallen zu durchwandern, immer in der Hoffnung, auf eine menschliche Spur zu stoßen. Ganz am Ende der großen Ruine blieben sie plötzlich erstaunt stehen, eine kleine, alte halbverfallene Kapelle lag mit weitgeöffneter Pforte vor ihren Blicken. Vor dem Altarbild drinnen brannte eine kleine Lampe mit friedlichem Schein, droben am geborstenen Turme hing ein Glöcklein, dessen Strang bis tief zur Erde reichte. Von der Kapelle aus führte eine niedere Thüre in einen kleinen niedern Raum, welcher auf menschliche Bewohner schließen ließ, wenn er auch höchst unvollkommen und notdürftig mit den allernotwendigsten Gegenständen ausgestattet war.
An der niedern Steinbank zog sich eine schmale grobgehauene Holzbank hin, vor welcher ein ebensolcher Tisch angebracht war. Auf dem Tisch lag ein Stück grobes schwarzes Brot und ein halbzerbrochener Krug stand daneben; in der Ecke war von duftendem Heu ein Lager aufgeschichtet, eine graue Wolldecke lag daneben und oben von der Wand blickte als seltsamer Schmuck und doppelt überraschend in dieser Einsamkeit ein kunstvolles silbernes Kruzifix herab.
Die verirrten Kinder betraten voll Angst und Zagen den kleinen Raum und wähnten sich wie verzaubert. »In wessen Hütte mögen wir geraten sein?« frugen sie leise und ängstlich und sie betasteten vorsichtig Tische und Bänke, um sich zu überzeugen, ob es kein Traum sei, was sie vor sich sahen. Aber als das grobe Stück Brot in ihre Hände geriet, da konnten sie dem Verlangen nicht widerstehen, ihren nagenden Hunger damit zu stillen, und zagend brachen sie ein Stückchen ums andere davon ab, sich damit zu laben. Dann wankten sie todmüde auf das Heulager in der Ecke und legten sich nieder – sie waren zu erschöpft, um sich noch Gedanken darüber zu machen, ob sie sich in fremdem Eigentum befanden, die Natur behauptete ihr Recht, denn sobald sie nur das weiche Lager erreicht hatten, fielen ihnen auch schon die müden Augen zu und sie entschlummerten eng und warm aneinandergedrückt in das Traumland hinüber. – –
Sie mußten wohl ohne Unterbrechung die ganze Nacht durchgeschlafen haben, denn als sie am andern Morgen erwachten, schien die Sonne mit goldnem Schein hell durch das kleine scheibenlose Fensterchen in das Gemach hinein. In stummer Verwunderung blickten die verschlafenen Mädchen ihre fremdartige Umgebung an, in welcher sie sich erst gar nicht zurechtzufinden vermochten; ein Schrei des Erstaunens aber rang sich von beider Lippen, als sie plötzlich einen hohen uralten Greis vor sich stehen sahen, der sie mit sinnenden Augen betrachtete. Silberweißes glänzendes Haar floß in langen Locken ihm von den Schultern herab und ein ebensolcher Bart lag in dichten Wellen auf der braunen Kutte weit bis über den Gürtel, welchen ein einfacher Strick bildete, herunter. Ein sanftes schönes Greisenantlitz und gütig-milde Augen blickten die kleinen erstaunten Mädchen an, während die sanfte Stimme des fremden Mannes frug:
»Was für fremde Vögelchen haben denn heute nacht Schutz in meinem Nest gesucht und es sich auf meinem Lager bequem gemacht, während ich nicht zu Hause war? Sagt Kinder, wie kommt ihr hierher in diese Einsamkeit?«
Nun fiel den beiden verwirrten Kindern erst wieder der ganze Zusammenhang ihres Schicksals ein und die Schrecken des gestrigen Tages stellten sich wieder vor ihre Seele. Ach! und sie hatten sich alles selbst zuzuschreiben durch ihren Leichtsinn und ihren Ungehorsam; aber wie schlimm waren sie bestraft worden! Mit stockender Stimme, oft durch Thränen unterbrochen, klagten sie dem fremden Greise ihr Schicksal, sie verschwiegen nicht, wie sie selbst Schuld daran trugen, und der gütige Mann hörte sie ohne Unterbrechung an – nur zuweilen schüttelte er den Kopf.
»Da seid ihr ja recht unartig gewesen – ei – ei,« sagte er zuletzt und strich sich langsam den glänzenden wolligen Bart, »und all den Schrecken, welchen ihr dafür ausgestanden habt, den hat euch der liebe Gott zur Strafe geschickt. Und da ihr nun genug durch ihn selbst bestraft seid, wollen wir nichts mehr hinzufügen, sondern wollen nur dem lieben Gott danken, daß er euch wenigstens gesund erhalten hat und nicht hat krank werden lassen in all den Gefahren, welchen ihr ausgesetzt gewesen. Nun wollen wir gute Freunde sein, da wir doch einmal auf so seltsame Weise zusammengekommen sind und ich so überraschende kleine Gäste erhalten habe. Steht nur auf und macht etwas Toilette, dann nehmen wir alle zusammen unser einfaches Frühstück ein; meine kleine Aufwärterin wird gleich erscheinen.«
Rasch erhoben sich die beiden Mädchen vollends von ihrem Lager und zupften die Heuhalme von ihren Kleidern. Dann zeigte der alte Mann ihnen, wo sie sich durch Waschen erfrischen konnten, und als sie dann frisch gereinigt, mit glattgestrichenen Haaren wieder erschienen, da hatte der alte Mann inzwischen drei Schüsselchen auf den Tisch gestellt und drei Schnitten Brot dazu gelegt und sprach nun zu seinen Gästen:
»Kommt jetzt, wir wollen sehen, wo meine kleine Hofköchin heute bleibt, die uns das Frühstück besorgen soll.«
Höchst neugierig folgten die Mädchen dem alten Mann aus der Hütte durch die kleine Kapelle hinaus ins Freie. Erst jetzt waren sie imstande, wahrzunehmen, wie wundervoll es doch hier oben war. Die ganze kleine Kapelle lag wie in einem Bett von wilden Rosen, welche ihre Ranken bis hoch zu dem alten Türmchen erstreckten. Noch zitterten die Regentropfen wie Tau in all den blühenden, duftenden Kelchen und eine Schar von kleinen muntern Vögelchen hüpfte auf dem Gezweig hin und her.
»Nicht wahr, bei mir oben kann’s euch gefallen?« fragte der freundliche Greis die staunenden Mädchen, dann setzte er die Finger an den Mund und rief durch die hohle Hand: »Resi, Resi, wo bleibst du?«
Da kam etwas den Berg heraufgehüpft und zwischen den Steinen hervorgeschossen – ein kleines krausgelocktes, dunkelgebräuntes Mädchen in rotem Röckchen und weißem Hemde mit bloßen Armen und Schultern; sie führte eine meckernde Ziege nach sich; als sie aber die fremden Gäste erblickte, stand sie plötzlich still und steckte den Finger in den Mund.
»Komm näher, Resi; wirst dich doch nicht schämen vor meinen kleinen Gästen?« ermunterte der alte Mann, »wir sind ja schon lange hungrig und warten auf das Frühstück, das du uns bringen sollst; nun zeige auch, was du kannst.«
Er holte den alten Krug, welchen er mit klarem Quellwasser ausgespült hatte, herbei und reichte ihn dem Kinde; im Nu kniete dieses bei der Ziege nieder und begann, diese zu melken, bis der Krug ganz bis zum Rande mit köstlich schäumender Milch gefüllt war; nun bot ihn die Kleine, dunkelrot vor Verlegenheit, dem alten Mann dar und wandte sich in einem Husch zum Davonlaufen.
»Halt, halt, du kleine Hexe!« rief der alte Mann und hielt das Kind scherzend bei den Stirnlocken fest. »So schnell entkommst du uns heute nicht! Du mußt erst an unserm Frühstück teilnehmen und die Hausfrau bei meinen kleinen Gästen spielen, denen du dann später den Weg zum Dorf hinunter zeigen kannst.«
Und er zog die kleine Resi mit hinein in das Gemach, wo er die aufgestellten Schalen mit der frischen Ziegenmilch füllte und seinen Gästen darbot. So herrlich wie diese Milch hatte ihnen noch selten etwas gemundet und mit einem wahren Hochgenuß schlürften sie den köstlichen Trank. Die braune Resi lachte vor Freude, daß alle ihre weißen Zähnchen durch die roten Lippen blitzten, als sie sah, welche Ehre ihrer Ziege angethan wurde, und sie vergaß alle Schüchternheit darüber, so daß sie zuletzt sogar von selbst zu sprechen und zu erzählen anfing.
»Gestern hab’ ich aber ’was geseh’n, Vater Einsiedel, das hätt’ ich mir in meinem ganzen Leben nit träumen lassen,« berichtete sie mit höchst wichtiger Miene. »Lauter so feine Fräuleins, wie diese zwei da, wohl an dreißig Stück, in lauter wunderschönen Kleidchen, in grünen und roten und blauen, mit gerad so feinen weißen Gesichtern und weißen Händchen, die sind im Wald mit einem Mann dahergekommen und haben so schön und hell gesungen wie die Engelein. Ich bin hinter einem Baum gestanden und hab’ sie vorüberziehen sehen und hab’ Augen und Ohren aufgesperrt vor lauter Freud’ über all’ die vielen schönen Fräuleins.«
»Das war unsre Klasse mit dem Herrn Lehrer,« riefen Alma und Aennchen in einem Ton, und wie aus einem Mund setzten sie langsam hinzu: »ach, was wird Herr Müller gesagt haben, als er uns nicht mehr im Wirtshaus vorfand!«
»Ja, euer armer Lehrer thut mir wirklich leid,« sprach der Einsiedelmann ernst. »Jedenfalls muß er nun so rasch als möglich benachrichtigt werden, daß ihr nicht verloren gegangen seid; darum ist es wohl das beste, wenn ihr euch sogleich auf den Weg nach dem Dorfe macht. Resi kann euch die beste Führerin sein und ich werde euch ein Stückchen begleiten!«
So machten sich denn alle auf den Weg. Resi hüpfte mit ihrer Ziege voran und dann folgten die beiden Freundinnen, von dem Einsiedelmann zu beiden Seiten geführt. Sie waren längst ganz zutraulich gegen den gütigen alten Mann, welcher ihr ganzes Herz gewonnen hatte und ihnen von seinem Leben in der Einsamkeit erzählte. Er berichtete ihnen, daß er nun schon seit zwanzig Jahren hier oben in der Einsamkeit hause und sein ganzes Leben dem Dienst des lieben Gottes gewidmet habe. Nur selten komme er den Hütten der Menschen nahe und das sei stets dann, wenn er zu Kranken und Sterbenden gerufen werde, welche seines Rates bedürfen; aber wer zu ihm komme und seine Hilfe begehre oder nach seinen Kräutersäften verlange, dem stehe er immer gern mit allen Kräften bei.
»Der Einsiedel ist ein heiliger Mann, sagt die Großmutter; er ist so gut wie der liebe Gott,« sprach die kleine Resi, indem sie ihr braungelocktes Köpfchen rückwärts wandte und andächtig zu dem alten Manne aufsah; dieser wehrte scherzend mit der Hand, dann zog ein wehmütiges Lächeln um seine Lippen und er sprach gedämpft:
»Ein heiliger Mann bin ich nicht, sondern nur ein armer sündiger Mensch, welcher Gott zu dienen strebt mit seinen schwachen Kräften!«
Sie waren nun an dem Weg angelangt, welcher auf eine betretene Straße führte, und hier schied der Einsiedelmann von seinen Gästen, indem er ihnen freundlich die Hand reichte und sie ermahnte, nicht mehr so leichtsinnig und unfolgsam zu sein. Die Mädchen dankten dem gütigen Greis aus vollem Herzen und Aennchen neigte sich über seine Hand, dieselbe zu küssen; das aber wehrte er freundlich lächelnd ab und drückte ihr einen leisen Kuß auf die Stirn; darauf verschwand er so rasch, daß die beiden sich ganz verdutzt anblickten, bis Resi ihnen zurief:
»Nun müßt ihr euch aber sputen, denn ich habe mich schon tüchtig versäumt und Großmutter wird schelten, wenn ich nicht bald nach Hause komme.«
Und bergabwärts flogen nun die drei im raschen Lauf, bis sie ein freundliches Dörfchen vor sich liegen sahen und Resi stolz mit dem Finger darauf hinwies:
»Seht, da bin ich zu Hause!«
Etwas abseits vom Dorf stand ein winzig kleines weißes Häuschen mit gelbem Strohdach. Aus dem niedern Schornstein stieg eine leichte Rauchsäule in die blaue Luft und Resi rief erschrocken:
»Herrje! jetzt hat die Großmutter sich rein das Feuer selbst angezündet zur Suppe kochen, weil es ihr mit mir zu lang gedauert hat. Nun muß ich aber laufen, soviel ich kann.«
Und sie ließ ihre Geis mit dem Stricke fahren, welche selbst recht vergnügt meckernd ihren Weg zu finden schien, denn sie sprang mit dem Kind um die Wette zum Häuschen hinauf. Alma und Aennchen blieben, als sie dasselbe erreicht hatten, höchst erstaunt stehen, denn etwas so Winziges hatten sie noch nie erblickt, als das kleine Haus, welches mehr einer Puppenwohnung als einer menschlichen Wohnung glich. Die niedere Hausthür schien gerade nur für ihre eigene Größe passend zu sein und als sie durch dieselbe zögernd eingetreten waren, da mußten sie unwillkürlich an das Märchen von Hänsel und Gretel denken und es begann ihnen etwas zu grauen. Denn über den niedern rauchenden Herd gebückt, stand ein kleines steinaltes Mütterlein auf seine Krücke gelehnt und rührte mit einem Stecken in einem dampfenden Topf; die braune Resi aber stand mit Reisern beladen daneben und warf eines um das andere in das lodernde Feuer. Sie begann herzhaft zu lachen, als sie die verdutzten Gesichter der ängstlich dastehenden Kinder sah, und rief munter:
»Kommt nur ohne Scheu näher! Ihr werdet euch doch nicht vor der Großmutter fürchten, weil sie so klein und alt ist. Wartet nur, sie wird euch sicher willkommen heißen.«
Dann preßte sie ihren roten Mund an das rechte Ohr der Großmutter und rief ihr ins Ohr:
»Großmütterlein, wir haben Gäst’ bekommen, feine Gäst’! Dort an der Thür stehen sie und trauen sich nicht heran, obgleich der Einsiedel sie mit mir geschickt hat!«
»Ei, ei, ist das wirklich wahr?« murmelte die Alte und wackelte mit dem Kopf, während sie die Kinder mit ihren kleinen klugen Augen wohlgefällig betrachtete; »sind wirklich feine Kinder und wenn sie der Einsiedel uns geschickt hat, dann sollen sie auch willkommen sein.«
Und sie streckte die runzliche Hand den Kindern entgegen, welche etwas zögernd einschlugen; dann fuhr sie weiter fort: »Wollt ihr eine Suppe mit uns essen? Wenn sie nicht zu gering für euch ist, dann sollt ihr gerne geladen sein.«
Damit öffnete sie die Thür in ein niedriges Stübchen, dessen Hauptraum von einem breiten hochgetürmten Bett mit grünen Vorhängen und einem Kachelofen eingenommen war. Weiter stand noch eine Bank und ein Lehnstuhl vor einem alten Tisch, daneben ein Spinnrad, und zwei große alte Katzen mit fünf niedlichen Jungen kugelten übermütig auf den Dielen herum. Kaum hatte Resi die dampfende Suppe auf den Tisch gestellt, kamen sie alle heran und die Kleinen steckten neugierig ihr Näschen an die Schüssel – die Alte aber wehrte mit dem Kochlöffel und rief:
»Wartet nur, ihr kleines Gesindel! heut seid ihr nicht die Hauptpersonen, denn wir haben vornehme Gäste bekommen und erst, wenn diese satt sind, kommt an euch die Reihe.«
Sie reichte Alma und Aennchen zwei Holzlöffel und forderte sie auf, zuzugreifen, was diese sich auch nicht zweimal sagen ließen, denn sie fühlten heute erst so recht, daß sie gestern keine wirkliche Mahlzeit genossen hatten, und so schmeckte ihnen die derbe Suppe, welche nur aus gebranntem Mehl und Wasser bestand, wirklich ganz gut. Während des Essens scherzten sie mit den kleinen Kätzchen, welche sich wirklich hier für die Hauptpersonen halten mochten, denn sie wagten sich an alles heran, sprangen der Alten und den Kindern auf die Schultern und Köpfe, und als sie dann endlich die halbgeleerte Schüssel zu ihrer freien Verfügung bekamen, da begann eine Balgerei und ein Gekugel um die ersehnte Speise, daß den Mädchen vor Lachen die Thränen in die Augen traten, während die Alte mit höchst drolligem Ernste immer mit ihrem Löffel Frieden zu schließen versuchte. Resi aber stand jetzt vom Tisch auf und rief:
»Nun darf ich aber nicht mehr länger zögern, euch zu unserem Schulmeister zu bringen, wie mir der Einsiedel befohlen hat, der wird dann schon weiter für euch sorgen.«
Und so verabschiedeten sich dann die Mädchen von der freundlichen Alten, welche ihnen mit ihren Katzen noch bis vor die Thür das Geleit gab und so lange mit dem Kopfe wackelte, bis die Kinder ihren Augen entschwunden waren. Die Mädchen aber schritten mit Resi auf der Dorfstraße weiter bis zu dem Schulhaus, welches freilich ganz anders aussah als das ihrige in der Stadt. Denn dieses hier war ein niederes einstöckiges Haus, in einem kleinen Vorgarten gelegen und von unten bis oben mit grünen Reben bewachsen, so daß selbst die Fenster teilweise überwuchert waren. Was man aber aus diesen Fenstern vernahm, das ließ doch recht deutlich auf eine Schulstube schließen, denn ein lauter Chor gemischter Buben- und Mädchenstimmen schien im gleichen Takt das ABC aufzusagen – _abcdefghiklmnop_, und die Stimme des Lehrers schallte oft verweisend laut dazwischen.
Resi führte die Mädchen bis an die Thür und klopfte ein paarmal an. Man schien sie nicht zu hören, endlich riefen mehrere Stimmen:
»Herr Lehrer, es klopft!«
»Wartet, ich will euch klopfen, ihr Schelme!« rief der Lehrer. »Ihr habt nur wieder Dummheiten im Kopf.«
»Aber es klopft ganz gewiß, Herr Lehrer – hören Sie nur selbst,« gaben mehrere Kinder zurück – da spitzte auch der Lehrer das Ohr und öffnete rasch die Thür. Es war ein alter Mann mit einer langen spitzen Nase, auf welcher eine große blaue Brille ganz bis zur Spitze vorgerückt war, doch wurde sie zur Strafe für ihren Vorwitz dafür dann zuweilen rasch bis über die Stirne hinaufgeschoben. Dünne graue Haarsträhne flatterten nach allen Seiten um das schmale Gesicht und die gebeugte Gestalt steckte in einem langen hellen Kittel, was den Stadtkindern äußerst seltsam vorkam. In der Hand trug der Schulmeister eine lange Rute, welche nur zu deutliche Spuren der Benützung zeigte und selbst in friedlichem Zustand von des Herrn Lehrers Faust immer unruhig hin- und hergeschwenkt wurde. Ziemlich barsch ließ sich der Schulmeister von Resi berichten, was der Einsiedel ihr aufgetragen hatte – daß die zwei Mädchen aus der Stadt hier sich gestern auf die Ruine verirrt hätten und daß der Herr Lehrer so freundlich sein und für ihr weiteres Fortkommen sorgen möge.
»Also ihr seid die Flüchtlinge, welche meinen werten Herrn Kollegen gestern so in Sorge versetzt haben?« begann der Schulmeister mit näselnder Stimme und blickte die beiden Mädchen durch seine große Brille so forschend an, daß sie dunkelrot wurden.
»Ei, ei, gibt’s also auch in der Stadt so wilde Rangen von der Spezies wie der Michel da?« Damit deutete er auf einen heulenden, gegen die Wand gekehrten Buben, dessen dunkelrote geschwollene Backe leider nur zu leicht erraten ließ, daß sie vor nicht langer Zeit Bekanntschaft mit der gefürchteten Rute gemacht haben mußte. Den Mädchen wurde angst und bang und sie blickten scheu nach dem unheimlichen Instrument, doch der Herr Lehrer sagte nur:
»Wollet euch jetzt noch einige Zeit gedulden, bis ich die Stunde zu Ende gebracht habe, dann werde ich weiter für euch sorgen. Nehmet dahinten auf der Bank Platz, wo noch leere Plätze sind, und spitzet wohl eure Oehrlein, was ihr von dem Unterricht vernehmet, denn der Mensch soll keine Gelegenheit vorübergehen lassen, sich zu belehren.«