Schulmädelgeschichten: für Mädchen von 7-12 Jahren

Part 4

Chapter 43,756 wordsPublic domain

Wer war glücklicher als Alma! Sie saß an dem großen Bett in der Gärtnerstube und plauderte der Freundin vor, welche mit bleichen Wänglein dalag und sich die seltsame Veränderung kaum erklären konnte. Währenddem kochte die Frau Gärtnerin den beiden Mädchen einen prächtigen Kaffee, zu dem sie kräftiges Schwarzbrot und Honig auftrug, und so fanden sie das Abenteuer erst recht lustig und unterhaltend. Als Aennchens Kleider am Herde getrocknet waren, wurde sie wieder in dieselben gehüllt; schon war der Nachmittag darüber zu Ende gegangen und Aennchen erinnerte sich daran, daß ihr die Mama befohlen habe, bis um sieben Uhr zu Hause zu sein. Sie fühlte sich auch recht müde und schwer in den Gliedern, und so vermochte sie Alma nicht zu halten. Sie geleitete den Gast zum Schlosse zurück, wo sie den Wagen anzuspannen befahl, dann wollte sie Aennchen zu ihren Eltern führen, damit sie sich bei diesen verabschieden konnte. Aber beide hatten keine Zeit für die Kinder und es war Alma willkommen; so wurde auch nichts von der verunglückten Kahnpartie verraten.

»Und zu deinen Eltern sprich auch nicht davon, nicht wahr, Aennchen?« bat sie dieselbe dringend beim Einsteigen noch. Diese gab widerwillig nach; sie hatte noch nie ein Geheimnis vor den Eltern gehabt und wußte nicht wie sie es zu stande bringen sollte. Aber endlich versprach sie es doch.

Mit bedeutend anderen Gedanken, als diesen Morgen, trat Aennchen ihre Heimfahrt an; sie war müde und schläfrig, und als sie so in den weichen Kissen zurückgelehnt saß, dachte sie voll Sehnsucht an ihr liebes Daheim und sprach leise vor sich hin:

»Arme Alma, ich möchte doch trotz deines Reichtums nicht mit dir tauschen und fühle mich viel glücklicher als du.«

Aennchen hielt wirklich ihr Versprechen und verriet den Eltern nichts von der Wasserpartie, trotzdem ihre Mutter sehr verwundert war über den zerstörten Zustand der Kleidung, in welcher ihr Töchterlein nach Hause zurückkehrte. Aber es war wenig Zeit, darüber zu sprechen, denn Aennchen hatte einen so tüchtigen Katarrh von ihrem Besuch mit gebracht, daß sie gleich auf ein paar Tage ins Bett gesteckt wurde, bis sie wieder wohl genug war, die Schule zu besuchen.

Siebentes Kapitel.

Ein Schulspaziergang und seine Abenteuer.

Die Zeit ging dahin so rasch, wie im Fluge. Der Frühling wich dem Sommer, aus dem Sommer wurde Herbst und dann folgte der Winter mit seinen Weihnachtsfreuden. Aennchen war nun schon lange Zeit in der Schule; sie hatte die erste Klasse verlassen und war mit allen Mitschülerinnen zugleich in die zweite Klasse vorgerückt, nachdem sie in der großen Prüfung gut bestanden hatte.

Das war ein wichtiger Tag für all die kleinen Schulmädchen gewesen, als die Prüfung abgehalten wurde. Sie waren alle in ihren Sonntagskleidern im großen Prüfungssaale erschienen, die Hefte und Bücher hatten auch ein schönes neues Gewand erhalten und es war ein feierlicher Anblick, als nun in den großen weiten Saal all die Herrn Lehrer und Prüfungskommissare eintraten und sich gegenüber der Klasse aufstellten. An den Wänden herum saßen die Eltern der kleinen gelehrigen Mädchen und lauschten ängstlich, ob ihre Lieblinge auch ordentlich bestehen würden. Aber gottlob, es ging! sie hatten alle brav gelernt und sich gut vorbereitet, und nur selten mußte eine Schülerin auf eine Frage des Herrn Milde das Köpfchen senken: der Herr Prüfungskommissar war sehr zufrieden und als das Examen zu Ende war, da trat er in seinem ordengeschmückten Frack vor und hielt eine lange Anrede an die Kinder, in der er sie wegen ihres Fleißes und ihrer Aufmerksamkeit belobte.

»Ich darf mit frohem Herzen versichern, daß ihr eure Aufgabe glücklich gelöst habt,« schloß er zuletzt, »darum entlasse ich euch jetzt mit Zufriedenheit. Geht nun nach Hause zu euren Eltern und erzählt ihnen, wie brav ihr die Prüfung bestanden habt.«

Tiefe Stille herrschte im Saal, niemand wagte einen Laut, da tönte plötzlich Aennchens helle Kinderstimme klar und vernehmlich als Antwort auf des Herrn Kommissars Rede:

»Meine Mama und mein Papa sind schon selbst da und haben alles gehört.«

Sie verstummte erschrocken, als die Anwesenden in lautes Lachen über ihre Keckheit ausbrachen, denn sie war so ganz bei der Sache gewesen, daß sie vergessen, wo sie sich befand, und nur immer mit Stolz daran gedacht hatte, daß die Eltern Zeugen ihres Sieges seien. Aber der Herr Kommissar war nicht böse, er klopfte sie freundlich auf die Schulter und führte sie den Eltern zu. Mittags gab es zu Hause bei Aennchen dann einen großen Festschmaus, bei dem auf die Gesundheit der kleinen Gelehrten getrunken wurde.

Der Abschied von dem guten Herrn Milde wurde der ganzen Klasse sehr schwer und alle weinten heiße Thränen, selbst Alma, welche dies Jahr mit vorrücken durfte.

Aber auch der Lehrer der nächsten Klasse war sehr gütig und freundlich; er hieß Haase und von dessen Klasse rückten alle in diejenige des Herrn Müller vor, welcher es nicht weniger als seine Vorgänger verstand, den Kindern den Lehrunterricht angenehm und anregend zu machen.

Zur Sommerszeit hatte der Herr Lehrer eine neue Sitte eingeführt: nämlich allwöchentlich, wenn das Wetter es nur irgendwie erlaubte, mit seinen Schülerinnen einen Spaziergang hinaus aufs Land zu machen. Er verband mit diesen Spaziergängen zugleich den Unterricht in der Botanik, führte die Kinder auf blumige Wiesen und in schöne Wälder, ließ sie dort Blumen und Kräuter pflücken und lehrte sie dann deren Namen und Arten erkennen und von einander unterscheiden, nannte ihnen die lateinischen Namen und belehrte sie über den Nutzen und die Schädlichkeit jeder einzelnen Pflanze.

Daß natürlich jeder derartige Ausflug für die Schülerinnen eine Quelle des reinsten Vergnügens wurde, daß sie von einem Spaziergang zum andern sich immer wieder freuten und denselben kaum erwarten konnten, ist leicht begreiflich – am höchsten aber steigerte sich ihr Jubel, als eines Tages der Lehrer verkündete, den nächsten Tag sollte ein ganzer Tagesausflug veranstaltet werden.

Als Stunde des Aufbruchs war 8 Uhr morgens festgesetzt und jede der Schülerinnen hatte sich mit etwas Lebensmitteln und Geld zu versehen; als Ausflugsort war ein höchst romantisch gelegenes Thal bestimmt.

Das war nun eine Freude unter den Kindern; besonders Aennchen konnte den andern Morgen kaum erwarten. Am Abend schon legte sie sich alles Nötige für den nächsten Tag bereit und bat und bestürmte ihre Mama so lange, bis diese die Erlaubnis gab, das neue rotgedruckte Kleidchen anziehen zu dürfen, obgleich eigentlich Mama meinte, ein derartiges Gewand sei viel zu schön und zu empfindlich zu einer Partie, denn für solche Spaziergänge sei oft gerade das Schlechteste gut genug. Aber klein Aennchen war ein eitles Ding, sie wollte nun einmal ihren Kopf durchsetzen und sich den Mitschülerinnen in dem schönen neuen Kleide zeigen – dafür versprach sie, auch recht acht darauf zu geben, damit es gut geschont bleibe. In ihre große grüne Botanisierbüchse packte sie alle möglichen Vorräte, welche ihr die gute Mama aus der Speisekammer zu nehmen erlaubte – Butterbrot mit Wurst und kaltem Braten belegt, Aepfel und Birnen und Zwieback und Schokolade. Die alte Hanne schnallte ihr das Regenmäntelchen sorgsam in einen Riemen, damit sie es bequem tragen könne; Aennchen aber rümpfte das Näschen und meinte, jetzt bei dem herrlichen Wetter sei ein Mantel doch gänzlich überflüssig und sie habe keine Lust, sich damit zu belasten.

Und richtig, den andern Morgen ließ sie wirklich wie aus Versehen die Rolle zu Hause liegen, und als die Kinderfrau sie dann bemerkte und ganz aufgeregt damit zu ihrer Herrschaft kam, da war es lang zu spät, den kleinen Flüchtling noch einzuholen. Denn Aennchen marschierte längst mit ihrer ganzen Klasse, von dem Herrn Lehrer angeführt, über Stock und Stein davon.

Die Mädchen hatten sich alle zur richtigen Stunde auf dem großen Platz vor der Schule eingefunden; nur einige wenige, welche durch Unwohlsein abgehalten waren, fehlten; darunter Martha Traugott, deren schwächlicher Körper eine so weite Tour nicht zu machen erlaubte. Aennchen aber flog vor allen anderen auf ihre Freundin Alma von Stolzau zu, welche auch vollständig wie zu einer Reise gerüstet, im weißen Wollkleidchen und großen Strohhut erschienen war und voll Stolz sogleich Aennchen ihr wohlgefülltes Portemonnaie zeigte, welches sie in einem zierlichen Täschchen bei sich trug.

»Sieh’ her!« flüsterte sie »zwei Thaler hat mir Mama für den heutigen Tag gegeben und ich habe aus meiner Sparbüchse auch noch einen dazu genommen – da werden wir wohl reichen!«

Aennchen blickte ganz beschämt auf ihr eigenes Beutelchen nieder; sie war sich so unendlich reich vorgekommen, als sie die Mark von den Eltern erhalten hatte; nun aber hatte Alma so sehr viel mehr. Diese aber tröstete sie:

»Wir teilen alles mit einander und wollen es uns recht wohl sein lassen. Weißt du, was mir das liebste ist: wenn ich heute einmal recht nach Herzenslust Käse essen kann in einem Wirtshaus.«

»Aennchen und Alma, was habt ihr wieder für Heimlichkeiten miteinander?« rief von der Spitze des Zuges Herr Müller zurück. »Schließt euch ordentlich in die Reihen des Zuges ein und nun frisch in einem Trab marschiert: Rechts, links, rechts, links, – dann wollen wir ein Liedchen singen, da geht das Marschieren noch einmal so gut!«

Und mit hellem Klange begann der ganze Mädchenchor aus frohen Kehlen das schöne Wanderlied zu singen:

»Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus – Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus – Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt, So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.

– Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott Euch behüt’! Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht – Es giebt so manche Straße, die nimmer ich passiert, Es giebt so manchen Wein, den nimmer ich probiert!«

Das war ein gar köstlicher Marsch in der hellen Morgenluft über die herrlichen grünen Wiesen, auf welchen so unzählige Blümlein, weiße und rote, blaue und gelbe, blühten und von denen die Mädchen schon am liebsten recht viel gesammelt und in ihre Botanisierbüchse gesteckt hätten, wenn der Herr Lehrer nicht gemahnt hätte: »Es kommt alles noch besser und schöner. Wir haben einen großen Wald zum Ziel und kommen an einem See vorüber, da werdet ihr jubeln vor Freude, denn so etwas Schönes habt ihr schwerlich je gesehen.«

Der Herr Müller war heute selbst so glücklich und vergnügt wie seine kleinen Schülerinnen alle, er scherzte mit ihnen, die sich zu ihm heran drängten, führte bald die eine, bald die andere bei der Hand und gab ihnen gern auf alle Fragen, die sie an ihn richteten, bereitwillig Auskunft und Antwort. Da vergingen die Stunden, ehe man es sich versah, und die kleinen Reisenden kamen gar nicht dazu, eine Ermüdung zu spüren. Sie passierten mehrere Dörfer und wo sie vorüber kamen, da liefen die Leute und Kinder zusammen und hatten ihre Freude an den vielen kleinen fröhlichen Mädchen, welche so lustig singend vorüberzogen. Die Sonne fing freilich mit jeder Stunde mehr an zu glühen, die Bäckchen wurden heiß und die Schritte der Wandernden träger; gar manches der Mädchen hatte schon heimlich ins Körbchen gegriffen und von dem mitgenommenen Imbiß genascht, besonders Aennchen und Alma hatten sich ihre Vorräte schon tüchtig schmecken lassen, aber nun meldete sich der Durst und noch war weit und breit das Wirtshaus nicht zu sehen, in welchem der Herr Lehrer mittags zu rasten gedachte.

Die Kinder seufzten: »Der Durst! o, der böse Durst!« Herr Müller aber tröstete: »Um so köstlicher wird euch dann die Erquickung munden, ihr durstigen Schelme. Gewöhnt Euch nur ein wenig an Strapazen, das kann euch später einmal gut thun.« Und nun begann er, ihnen die Geschichte von einem Handwerksburschen zu erzählen, was dieser alles auf seiner Wanderschaft durch die weite Welt zu erdulden gehabt hatte, wie er mit bloßen blutenden Füßen und leerem hungrigen Magen oft tagelang herumirren mußte, und das Herz der kleinen Hörerinnen war so voll von Aufmerksamkeit und Mitleid, daß sie ihre eigene Erschöpfung ganz vergaßen und ehe sie es sich versahen, vor einem großen ländlichen Wirtshaus standen, das, von einem grünen schattigen Garten umgeben, in friedlicher Ruhe dalag. In dem Garten, welcher freilich mehr ein Grasplatz zu nennen war, standen eine Menge hölzerner Tische und Bänke in langen Reihen unter großen weitästigen Lindenbäumen – soeben trat die Frau Wirtin aus dem Haus und mit vergnügten Knixen dem Herrn Lehrer entgegen.

»Nun, Frau Wirtin, haben Sie für einen guten Imbiß gesorgt, wie ich Ihnen geschrieben habe?« rief Herr Müller. »Ich bringe Ihnen dreißig hungrige Mäulchen, welche alle gesättigt sein wollen.«

»Ei freilich, Herr Lehrer, habe ich dafür gesorgt,« rief eifrig die Wirtin, welche sich höchst geschmeichelt fühlte. »Die jungen Fräuleins dürfen nur bestellen, was sie am liebsten wünschen – ich habe Suppe und Fleisch und Schinken mit Kraut und Butter und Käse, Milch und Kaffee. So brauchen sie sich nur zu wählen.«

»Also Kinder, bestelle sich jedes nach Belieben,« ordnete Herr Müller an – »ich rate aber jeder vor allem zu einem Teller warmer Suppe, das ist jedenfalls das Gesündeste vorderhand.«

Die meisten Mädchen folgten des Lehrers Rat und wünschten sich, während sie auf den Bänken nach Belieben Platz nahmen von der umhergehenden Wirtin einen Teller warmer Suppe; als die Wirtin aber zu Alma und Aennchen kam und frug:

»Hier darf ich wohl auch Suppe bringen?« da rief Alma, sich schüttelnd:

»Brrr, das wäre schön, wenn wir heute uns auch mit so abscheulicher Suppe plagen sollten, wo wir doch endlich einmal thun und lassen können, was wir wollen. Nein, Frau Wirtin, meine Freundin und ich wünschen uns nur Käse und Bauernbrot mit Butter; bringen Sie uns für einen Thaler Käse und für einen Thaler Bauernbrot.«

Die Wirtin sperrte vor Erstaunen die Augen weit auf.

»Für einen Thaler Käse und einen Thaler Schwarzbrot?« rief sie verwundert, »das kann dem Jungferchen doch unmöglich Ernst sein, denn das wäre ja so viel, daß ein halbes Hundert Kinder satt davon werden können. Ihr habt wohl nur einen Scherz mit mir machen wollen?«

Alma hatte freilich nicht vorgehabt, einen Scherz zu machen; sie sah nun aber doch ein, daß sie etwas recht Ungeschicktes vorgebracht hatte in ihrer Unkenntnis mit Geldangelegenheiten; jetzt suchte sie ihre Verlegenheit so gut als möglich zu verbergen, indem sie mit vornehmer Miene befahl:

»Bringen Sie uns eben recht tüchtige Portionen Käse und Butterbrot – ich werde sie dann bezahlen – auch saure Milch wünschen wir dazu.«

Und während dann die Schulmädchen alle sich die kräftige Brotsuppe und danach eine Portion Fleisch und Gemüse trefflich schmecken ließen, saßen Alma und Aennchen bei ihren ersehnten Genüssen, denen sie nicht gerade in mäßiger Weise zusprachen. Sie hatten sich ein möglichst verborgenes Eckchen ausgesucht, damit man sie nicht beobachten konnte, und fühlten sich so glücklich und vergnügt wie die Könige bei ihrem Mahle.

Aber der Schaden blieb nicht aus und ihre Unmäßigkeit rächte sich bald, zumal sie zwischen den Käse und das Schwarzbrot hinein saure Milch und Schokolade und Früchte naschten; denn noch hatten sie den letzten Bissen nicht verzehrt, da wurde es den beiden mit einemmale furchtbar übel und sie fingen vor Magenschmerzen laut zu stöhnen an. Mit totenbleichen Gesichtern und großen verglasten Augen saßen die zwei Freundinnen auf der Bank, während sich die anderen Mädchen neugierig um sie scharten und der Herr Lehrer sich von der Wirtin über das Mahl, welches die beiden eingenommen hatten, berichten ließ. Da konnte er freilich leicht begreifen, daß sie sich den Magen verdorben hatten, und er ordnete an, daß sie in das Schlafzimmer der Frau Wirtin gebracht wurden, um sich dort von ihrem Unwohlsein zu erholen, während er mit den andern Mädchen den Spaziergang weiter fortsetzen wollte.

»Es thut mir leid, daß die beiden sich durch ihre Unmäßigkeit um das schönste Vergnügen gebracht haben,« sagte er kopfschüttelnd, »aber ich kann ihretwegen den Spaziergang der andern nicht aufschieben.«

Alma und Aennchen brachen in Thränen aus und beteuerten, sich wohl genug zu fühlen, um auch weiter wandern zu können, aber ihre bleichen Wangen straften sie Lügen und Herr Müller erklärte, dies nicht zu erlauben; er befahl ihnen im Gegenteil, sich den ganzen Nachmittag vollständig ruhig zu verhalten und nicht vom Hause zu entfernen; gegen Abend würde er dann wieder mit den andern Schülerinnen kommen, sie abzuholen; zum Heimweg sollte dann die Bahn benutzt werden, damit jede weitere Ermüdung vermieden werden könnte. Und nachdem der Lehrer die beiden Patientinnen nochmals der Frau Wirtin empfohlen hatte, entfernte er sich mit den andern Schülerinnen, welche durch die Rast und das Mahl neu gestärkt mit frischen Kräften und fröhlichem Sinn den Weg nach dem Walde antraten.

Alma und Aennchen saßen mit hängenden Köpfchen und trübseligen Mienen währenddem drin in der dumpfen Kammer der Wirtin und jammerten über ihr Schicksal. Die gute Frau ging ab und zu und kochte ihren jungen Gästen einen kräftigen Thee, welchen diese wohl mit sehr sauren Mienen verschluckten, der ihnen aber so ausnehmend wohl für den Magen that, daß sie sich bald völlig frei von Unwohlsein fühlten und den Wunsch aussprachen, sich nun auch auf den Weg zu machen, welchen die andern gegangen waren.

»Aber der Herr Lehrer hat doch befohlen, daß die beiden Jungferchen ihn hier erwarten sollen?« meinte die Wirtin ängstlich, als sie die Absicht der beiden wahrnahm. »Ich kann’s wirklich nicht erlauben, daß Sie fortgehen. Bei mir ist’s ja auch recht schön draußen im Garten, wir haben Hühner und Geisen und Bienenstöcke, da giebt’s genug zu sehen für so junge Fräuleins.«

»Gut, so sehen wir uns diese an,« gab Alma zu und folgte der Wirtin aus der Stube; kaum aber hatte die gute Frau den Rücken gewandt, flüsterte sie Aennchen ins Ohr: »Wir thun eben doch, was wir wollen und folgen der Wirtin nicht. Ich hole nur rasch mein Körbchen und die Hüte noch herbei, dann machen wir uns heimlich auf den Weg. Es wird uns schon glücken, die andern einzuholen, und wenn Herr Müller dann sieht, wie gut es uns geht, wird er sicher nicht schelten, daß wir nachgekommen sind.«

Aennchen horchte nur zu gern auf den Rat der Freundin, rasch suchte sie ihre sieben Sachen zusammen, wie Alma es geboten, dann verließen die zwei Mädchen durch ein Hinterthürchen gleich Dieben das Haus der freundlichen Wirtin und eilten mit raschen Schritten die Landstraße entlang. Es war ihnen ein Leichtes, die Spuren ihrer Mitschülerinnen aufzufinden, welche sich in unzähligen kleinen Abdrücken in dem weichen Sand zu erkennen gaben; der Weg leitete nach einem schönen großen Wald hin und in übermütiger Eile schritten die beiden Ausreißer demselben entgegen. Schon nahm ein hohes grünes Waldesdach die Mädchen freundlich auf und wie herrlich, wie köstlich war es hier!

Die Sonne, welche da draußen in beinahe sengenden Strahlen unbarmherzig herniedergebrannt hatte, vermochte hier kaum die dichten grünen Zweige zu durchdringen und nur zuweilen brach ein glänzender Schein hindurch und zitterte auf dem weichen Moos, welches sich wie ein dichter Teppich zu Füßen der hohen Bäume ausbreitete. Ein kräftiger Duft von Waldkräutern und Blumen drang von der Erde empor, kleine Quellchen rieselten mit vertraulichem Plätschern den Boden entlang und blaue Vergißmeinnichtchen neigten sich darüber hin – es war ein köstliches Bild und den beiden jugendlichen Wanderern ging das Herz auf vor Entzücken.

Sie warfen sich bei einem Quellchen ins Moos und tranken von dem erquickenden Naß, badeten ihre erhitzten Wangen und Hände darin, ja zuletzt lösten sie sogar Schuhe und Strümpfe von den Füßen und kühlten dieselben in der Flut. Dann pflückten sie von den umher blühenden Vergißmeinnicht einen großen Strauß und als sie dabei auch noch sogar reife Erdbeeren entdeckten, da kannte ihre Freude keine Grenzen. Wohl eine ganze Stunde brachten sie damit zu, sich recht viele der köstlichen Beeren zu pflücken und den größten Teil derselben gleich zum Munde zu führen, endlich aber fiel es Aennchen wieder ein, daß sie ja ganz darauf vergessen hatten, ihren Mitschülerinnen auf den Weg nachzufolgen, und sie erinnerte Alma daran, daß es höchste Zeit sei, aufzubrechen. Rasch wurden die Hüte wieder aufgesetzt und nach den Sträußchen gegriffen und nun ging’s wieder vorwärts – aber welche Richtung sollte man einschlagen? Sie waren ja während des Pflückens so tief in den Wald geraten, daß sie gar nicht mehr wußten, von welcher Seite sie hergekommen waren. Nirgends zeigte ein betretener Pfad den Weg ins Freie, denn überall standen Bäume, dichte Büsche und wucherndes Farnkraut eng aneinander gedrängt, so daß die Mädchen sich oft kaum hindurchzuwinden vermochten.

Aber es war ihnen nicht bange; sie hatten beide eine gute Portion Leichtsinn von der Natur geerbt und so hatte dieses Wandern in der Irre nur einen neuen Reiz für sie. Immer größer wurden die Sträuße, welche die beiden pflückten und kaum mehr in den Händen zu halten vermochten, die Botanisierbüchsen wurden mit Käfern und Eidechsen gefüllt und so beladen suchten sie dazwischen wieder nach dem Ausgang. Ja, du lieber Gott, der zeigte sich noch immer nicht, obgleich der Weg jetzt beinahe steil bergan zu führen begann, so daß deutlich zu erkennen war, daß man sich auf einer Anhöhe befand.

»Wie spät es wohl sein mag?« bemerkte Aennchen, jetzt doch ängstlich werdend. »Es kommt mir vor, als wäre es schon etwas dunkler geworden und ich bin trotz der vielen Beeren, welche ich gegessen habe, schon wieder hungrig, aber meine Vorräte sind aus.«

»Ich habe noch Schokolade im Körbchen, aber beim Himmel, wo habe ich dieses? Hast du es nicht gesehen, Aennchen? Bei der Quelle habe ich es ganz sicher noch gehabt und auch das Geldtäschchen.«

»Dann hast du es unterwegs verloren beim Beerensuchen,« versetzte Aennchen erschrocken, »wir wollen doch rasch umkehren und nachsehen.«

»Aber wir wissen ja den Weg nicht mehr, den wir gekommen sind,« meinte Alma kläglich, »laß uns lieber wenigstens vorwärts eilen, daß wir doch aus dem Walde kommen. Es scheint mir, als ob es endlich doch lichter um uns würde.«

Wirklich hatte Alma recht, die Bäume standen weniger dicht zusammen und dazwischen brachen Lichtstrahlen freundlich herein. Die beiden Mädchen atmeten wie befreit auf; es wurde ihnen eigentlich jetzt erst klar, daß sie sich zuletzt doch recht ängstlich gefühlt hatten, und sie glaubten, es sei nun alles gewonnen, als sie das helle Licht des Tages wieder erblickten und aus dem Waldesbereiche hervortraten.

Aber wo waren sie? An einem vollständig unbekannten Orte! Ohne daß sie es bemerkt hatten, mußten sie eine hohe Anhöhe erstiegen haben und vor ihnen, auf dem Gipfel derselben, lag die Ruine eines alten Klosters. Kein lebendes Wesen zeigte sich ringsum, die Mädchen aber strebten dennoch, die verlassenen Hallen zu erreichen in der Hoffnung, noch jemanden zu entdecken. Es ging freilich jetzt nur noch mit mäßiger Eile vorwärts, Aennchen hatte sich an einer starken Baumwurzel, die über den Weg lag, den Fuß übertreten und hinkte mühsam vorwärts und Alma fühlte sich auch recht matt und zerschlagen. Denn es mußten doch schon viele Stunden vergangen sein, welche sie umhergewandert waren; zwar stand die Sonne noch am Himmel und eine große Hitze herrschte noch in der ganzen Natur; aber es war die drückende Schwüle, welche einem Gewitter voranzugehen pflegt, und auch die Vöglein ringsum schienen dies zu ahnen, denn sie schwirrten unruhig hin und her und die Schwalben schossen tief am Boden hin.