Schulmädelgeschichten: für Mädchen von 7-12 Jahren

Part 6

Chapter 63,761 wordsPublic domain

So setzten sich Alma und Aennchen denn still auf die letzte Bank, während Resi durch die Thür verschwunden war. Voll lebhafter Neugier ruhten die Augen all’ der Dorfkinder auf den seltenen Gästen, sie verdrehten sich fast die Köpfe nach ihnen, bis der Herr Lehrer mit einem Stock auf den Tisch schlug und rief: »Aufgepaßt, ihr neugierigen Rangen. Nun zeigt einmal, was ihr alles wißt, damit die fremden Mägdlein aus der Stadt Respekt vor eurer Weisheit bekommen!« Da wagten sie doch nur zuweilen heimlich nach rückwärts zu schielen und mühten sich unendlich ab, des Lehrers Fragen zu beantworten. Die eine Seite der langen Bankreihe hatten die Buben, die andere die Mädchen inne – die meisten waren barfuß und ärmlich gekleidet, nur ein paar trugen hübsche ordentliche Jacken oder Mieder, doch der blonde Michel in der Ecke prangte sogar in einem braunen Samtwams und trug blanke Silberstücke als Knöpfe daran. Da der Herr Lehrer offenbar Staat machen wollte vor seinen fremden Gästen mit dem Wissen seiner Schüler, so sprang er mit seinen Fragen in allen Gebieten des Unterrichts umher und die große Rute hatte es gar eilig, den Schulmeister beim Unterricht zu unterstützen.

»Hansjörg, wie hieß der erste Mensch?« Ein langer, aufgeschossener Bauernbub erhob sich mit blöden Augen und starrte den Lehrer ratlos an, dann puffte er seinen Nachbar in die Seite: »Sag’ mir doch ein, Christel.« Dieser flüsterte: »Adam – Adam,« doch da fuhr schon die Rute flink dazwischen und Hansjörg, der nur die Hälfte verstanden hatte, stotterte unsicher: »A– A– – A– –«

»Nein, da hört sich doch alles auf, wenn der Dummkopf nicht einmal mehr den ersten Menschen weiß!« schrie der Lehrer im hellen Zorn – »zur Strafe dafür sollst du aber heute deine zwei Schiefertafeln voll »Adam« schreiben und damit du es nicht wieder vergißt, will ich dir für alle Fälle noch einen Gedenkzettel geben.«

Natürlich bestand der Denkzettel in einem Gruß der Rute und laut aufheulend setzte sich Hansjörg wieder auf seinen Platz. Nun wollte der Lehrer es mit Rechnen versuchen, er schrieb große Zahlen an die Tafel und diese mußten die Kinder zusammenaddieren. Einige waren darunter, welche ganz flink damit umzugehen vermochten, aber dann gab es leider auch eine ganze Anzahl in der Art von Hansjörg, welche dem Schulmeister den hellen Schweiß auf die Stirne trieben, so daß er endlich ganz erschöpft innehalten mußte.

»Herr Lehrer, es hat elf Uhr geschlagen draußen!« rief ein größerer Junge und sprang von seiner Bank auf.

»Halt, du Naseweis, wirst wohl warten können, bis ich selbst ein Ende mache,« rief der Herr Lehrer ärgerlich – »jetzt sollst gerade du heut’ der allerletzte sein, der aus der Schule hinaus darf. Ihr anderen geht jetzt sachte und ohne Geschrei von dannen, auf daß kein weiteres Aergernis entstehe.«

Nun drängten sich die Kinder alle mit Ungestüm durch die engen Bänke zur Thüre hinaus – die Buben knufften die Mädchen, wenn sie vor ihnen das Freie zu erreichen strebten, und der arme geplagte Herr Lehrer kam noch zu keiner Ruhe, denn kaum waren sie draußen, so guckten die Kecksten wieder durch die kleinen Fenster herein voll Neugier die fremden Stadtmädchen anstarrend und ihre Bemerkungen laut austauschend:

»Hört, die sind aber fein!« »Habt ihr die schönen Schuhe gesehen, die sie anhaben?« »Die Eine hat gar ein goldenes Ringerl am Finger.«

Nun aber stürzte der Schulmeister mit der Rute zur Thüre hinaus, man hörte noch ein paar Weherufe, dann stob der ganze Schwarm auseinander und der alte Mann kehrte erschöpft zurück. Nachdem er sich etwas ausgeschnauft hatte, rief er die harrenden Mädchen zu sich und sprach:

»Wollet mir nun folgen, liebe Kinder, daß ich euch zu dem Herrn Pfarrer bringe, welcher am besten wissen wird, wie ihr nach Hause kommen sollt.«

Und so führte er die beiden nach dem Pfarrhaus; da stand der Herr Pfarrer gerade in seinem Gärtchen und besah sich die reifen Beeren. Der Lehrer nahm den Pfarrer beiseite und setzte ihm den Sachverhalt auseinander; da machte sich dieser sogleich nach dem Telegraphenamt auf, um dort ein Telegramm an Herrn Müller aufzusetzen, welcher gestern schon, als er seine Schützlinge vermißte, seine Adresse mit der Bitte zurückgelassen hatte, ihm doch, sobald dieselben aufgefunden seien, Nachricht zu geben.

Und nachdem das Telegramm abgegangen war, kam der Herr Pfarrer ganz atemlos zurückgelaufen:

»Sputet Euch, liebe Kinder – es geht gerade ein Zug ab nach der Stadt, den könnt ihr noch erreichen.« So ging es denn im raschen Lauf der kleinen Bahnstation zu, dort wurden Alma und Aennchen, ehe sie es sich versahen, in ein Koupé gehoben und ihnen zwei Billets in die Hand gedrückt.

»Nun gebt ein andermal besser acht und grüßt mir meinen werten Kollegen in der Stadt!« rief der Schulmeister noch; seine grauen Locken flogen im Winde, da setzte sich der Zug auch schon in Bewegung und entführte die Mädchen im pfeilschnellen Lauf.

Ganz verdutzt saßen sich Aennchen und Alma auf den weichen Koupékissen gegenüber; sie hätten geglaubt, geträumt zu haben, wenn ihre äußere Verfassung ihnen nicht zu deutlich gezeigt hätte, daß sie alle die Abenteuer wirklich erlebt hatten. Denn ach, wie sahen sie aus! Beide hatten ihre Hüte verloren, die Kleider hingen ihnen von dem gestrigen Regen verwaschen und zerknittert herab, Aennchens neues rotes Kleidchen hatte seine ganze Farbe eingebüßt und hing ihr in braunroten Streifen von den Gliedern. Almas Körbchen und Geldtäschchen waren verschwunden, nur die Botanisierbüchsen hatten beide noch, aber sie hatten diese längst ihres krabbelnden und zappelnden Inhalts entleert und so brachten sie nichts weiter nach Hause zurück als ein recht böses Gewissen.

»Was wird der Herr Lehrer sagen – und was meine Eltern?« jammerten sie um die Wette und keine wußte mehr ein Trostwort vorzubringen – da fuhr auch schon der Zug auf den wohlbekannten Bahnhof ein und voll Angst gewahrten die beiden jungen Passagiere auf dem Perron schon die wohlbekannten Gesichter des Lehrers und der Eltern. In einiger Entfernung stand auch Almas elegante Equipage, des Zuges harrend, und soeben stieg ein schlanker Herr aus derselben und näherte sich dem Perron.

»O Gott, selbst Papa ist gekommen, mich abzuholen – Herr Müller hat wohl alles benachrichtigt!« stöhnte Alma schreckensbleich und lehnte sich zurück, aber schon war sie mit ihrer Gefährtin erblickt worden und die beiden Mädchen wurden von ihren Angehörigen aus dem Wagen gehoben. Aennchens Mutter stürzte auf dieses zu: »Gott sei Dank, daß du lebst und gesund bist!« rief sie schluchzend und umarmte stürmisch ihr Kind; sie sah ganz angegriffen aus, auch Herr Müller hatte bleiche Wangen, denn er hatte sich die ganze Nacht nicht wenig um das Schicksal seiner verloren gegangenen Schutzbefohlenen abgehärmt und selbst Herrn von Stolzau konnte man ansehen, daß ihm ein Stein vom Herzen gefallen war, als er sein Töchterchen wohlbehalten wieder vor sich erblickte. So fiel denn der Empfang für die leichtsinnigen Mädchen weit weniger schlimm aus, als diese gefürchtet und wohl auch verdient hatten, aber sie waren selbst so sehr vom Gefühl ihres begangenen Unrechts durchdrungen und baten auch so zerknirscht um Verzeihung, daß man ihnen eine weitere Strafe erließ, in der Annahme, daß sie durch die ausgestandene Angst und Gefahren schon genug gestraft worden seien.

Zu Hause angelangt, mußte Aennchen den aufhorchenden Eltern und Geschwistern natürlich alles haarklein berichten, was sie erlebt hatte, und als sie fertig war, da bat sie mit dringender Stimme: »Gelt, liebes Mütterlein, du erlaubst es, daß ich dem guten Einsiedelmann und der kleinen braunen Resi etwas zum Dank für ihre Hilfe sende? Alma hat auch schon denselben Gedanken gehabt und wir haben ausgemacht, dem Einsiedel ein Briefchen zusammen zu schreiben.«

Aennchens Mutter erlaubte es gern, denn sie war den beiden Rettern ja selbst sehr dankbar; darum ging nach wenigen Tagen ein Paket an Resi und den Einsiedel ab, darin war eine Menge schöner Dinge – für die kleine Resi ein neues rotes Röckchen und ein Samtmieder und einige nagelneue Hemdchen und Strümpfe und Schuhe; für die Ziege ein gelbes Glöckchen am rotseidenen Band und für die alte Großmutter eine Düte Kaffee und Zichorie und eine Düte Zucker und Butterbrezeln; für die fünf Katzen aber fünf niedliche kleine Halsbändchen.

Dem Einsiedelmann hatte Aennchens Mutter ein wunderschönes Gebetbuch gekauft; sie glaubte, das würde ihm doch die größte Freude sein, und Alma sandte ihm einen schönen neuen Wasserkrug, weil der seinige ja schon ganz gesprungen gewesen.

Wer beschreibt nun die Freude der Mädchen, als dafür nach wenigen Tagen ein Brief an sie beide ankam; er war auf ganz grobes Papier geschrieben und die langen Buchstaben standen nach allen Seiten, waren auch mit verschiedenen Klecksen und Schreibfehlern untermischt, aber er freute doch die Empfängerinnen nicht minder. Der Brief lautete:

»Liebe Stadtfräuleins! Der Einsiedel ist so gut und thut mir bei meinem Schreiben helfen, denn allein könnt’ ich’s nicht, wenn ich auch schon drei Jahre in die Schul’ geh’ – freilich immer noch in der unterst’ Klass’ – wir haben eben nur zwei und in die erste komm’ ich noch lang’ nicht, wenn ich auch gut aufpassen thu’ und mich besser anstellig zeig’ wie das Katerl, das neben mir sitzt und gar nix weiß, nicht das Geringste. Der Herr Lehrer ist auch recht gut gegen mich und sein Rütlein tanzt nicht so oft auf mir herum wie auf den andern. Aber was ich sagen wollt’ – ich schreib’ ja lauter falsches Zeug, denn der Brief ist doch dazu da, daß ich mich bedanken will für die große Freud’, die mir die Stadtfräuleins gemacht haben. Ich hab’s kaum glauben wollen, wie mir der Postsepp das große Paket gebracht hat, der hat aber gesagt: »Schau’, Resi, da steht ganz wirklich und wahrhaftig dein Nam’ d’rauf und du darfst’s getrost aufmachen.« Nein, aber die Freud’, wie ich’s dann wirklich gewagt hab’ und alle die herrlichen Sachen gefunden hab’! ich bin mir vorgekommen wie die Prinzessin aus dem Märchen, von dem die Großmutter mir immer so schön erzählt, und ich bin gleich in das schöne Hemdlein und rote Röckle und Mieder und die Schuhe und Strümpfe geschlüpft und alles hat mir ganz herrlich gepaßt und hab’ ausgeschaut wie eine leibhaftige Fee. So hat die Großmutter selbst gesagt und die weiß doch alles. Ach, die Großmutter! war das ein Glück und eine Seligkeit, wie sie den teuren Kaffee und Zucker und Zichorie gesehen hat; ihre Hände haben ganz gezittert und sie hat gesagt: »Schau, Resi, seit meiner Hochzeit hab’ ich nicht so viel Kaffee und Brezeln mehr beisammen gesehen, wo dies doch meine größte Freude ist, und ich hätt nie gedacht, daß mir’s im Leben noch einmal so gut werden thät. Jetzt schür’ aber gleich ein großes Feuer, denn ich will einen Kaffee kochen so dick, daß der Löffel darin stehen bleibt und so gut wie der Kaiser selbst noch keinen getrunken hat.« Und sie hat auch wirklich so einen gekocht und dann hab’ ich auch ein Schälchen und eine Brezel bekommen und unsere Kätzchen mit den schönen Halsbändchen sind um uns herumgesprungen, auch die Geiß hat mit ihrem neuen Glöckle zur Thür hereingeguckt und vor eitler Freude gemeckert. Dann bin ich mit ihr den Berg hinaufgestiegen und hab’ dem Einsiedel das schöne Gebetbuch und den Krug und Eure Briefe gebracht; dem sind die hellen Thränen vor Freude herunter gerollt und er hat gar nicht gewußt, über was er sich am meisten freuen sollt’. Aus dem schönen Krug haben wir gleich zusammen getrunken, und da hat’s noch tausendmal besser geschmeckt als aus dem alten; dann hat der Einsiedel das neue Buch mit dem schönen Einband genommen und mir Gebete daraus vorgelesen, daß mir’s ganz andächtig geworden ist, und dann haben wir zusammen ausgemacht, daß ich euch einen Brief schreiben sollte, und hier ist er. Nehmt nur die Kleckse nicht übel, daran ist nur die Tinte schuld, auf die Schiefertafel mach’ ich keine. Also adieu, liebe Stadtfräuleins, habt nochmals tausend Dank. Der Einsiedel grüßt und Großmutter grüßt und ich grüße.

Eure _Resi_.

Nachschrift. Der Herr Lehrer hat mir auch einen Gruß aufgetragen und sogar der Herr Pfarrer – das ist eine hohe Ehr’, die euch widerfährt, und ich wag’s kaum niederzuschreiben.

* * * * *

Einen Strohhut haben wir auch gefunden, aber er ist ganz zerdrückt, und ich hielt ihn für eine Düte.« – – –

* * * * *

So lautete der Brief der kleinen Resi, welchen Alma und Aennchen mit großer Freude immer wieder lasen, und der Schulspaziergang mit all seinen Abenteuern bildete noch lange Zeit ihr liebstes Gesprächsthema, denn alles, was sie da erlebt hatten, entschwand ihrem Gedächtnis nicht wieder und noch gar oft weilten sie im Geiste bei dem lieben alten Einsiedel und der braunen Resi in der kleinen Hütte.

Achtes Kapitel.

Schlimme Freundschaft.

Die Schulstunde war zu Ende und alle Mädchen machten sich fröhlich daran, nach Hause zu gehen; auch Aennchen hatte bereits ihren Hut vom Nagel genommen und nach der Büchertasche gegriffen, da nahm Alma sie beiseite und flüsterte ihr ins Ohr:

»Du mußt mir einen Gefallen thun und Sarah Elich noch einige Augenblicke im Zimmer zurückhalten, ohne daß sie es merkt.«

Aennchen sah die Freundin erstaunt an – was mochte diese mit Sarah Elich vorhaben, mit welcher sie doch seit jener Scene im Garten in beständiger Feindschaft gelebt hatte? Aber bereitwillig wie immer, wenn es galt, einen Wunsch Almas zu erfüllen, ging sie auf Sarah zu, welche sich soeben zum Fortgehen anschickte, und bat sie um die Gefälligkeit, ihr ein Rechenexempel, welches der Lehrer heute aufgegeben, noch einmal zu erklären. Damit war Sarah an ihrer schwachen Seite gepackt, denn nichts schmeichelte dem ehrgeizigen Mädchen mehr, als wenn sie die Belehrende in der Klasse spielen durfte. So nahm ihr für gewöhnlich unfreundliches Gesicht einen milderen Ausdruck an, während sie Aennchen aufs Umständlichste die Aufgabe begreiflich zu machen versuchte. Die andern Mädchen verließen unterdessen alle nach einander die Schule; nur Alma stand, von Sarah unbemerkt, hinter ihr und machte sich hinter deren Rücken zu schaffen. Endlich war Sarah mit ihrer Erklärung zu Ende, wandte sich und ging zur Thüre hinaus. Auch Aennchen war im Begriff, ihr zu folgen, hätte aber beinahe laut aufgeschrieen, als Alma ihr rasch die Hand auf den Mund legte und Schweigen gebot. Aennchen aber starrte aufs höchste verblüfft bald die Freundin an, bald der verschwindenden Sarah nach.

Wie unendlich komisch, wie furchtbar lächerlich sah die gravitätisch und ahnungslos dahinschreitende Sarah aus! Alma hatte ihr verstohlener Weise auf den Hut eine Haube aus rotem Seidenpapier befestigt, von welcher zwei Bockshörner in die Höhe ragten, und auf dem Deckel ihres Bücherranzens prangte ein rotes Papier, welches mit einem großen Eselskopf bemalt war.

»Aber Alma!« rief Aennchen, als sie wieder Atem bekam. »Du kannst doch unmöglich wollen, daß Sarah so durch die Stadt läuft!«

»Natürlich will ich das,« versetzte Alma ernsthaft, »ich gönne ihr eine solche Demütigung von Herzen.«

»Nun, dann will ich wenigstens nichts von deinem Streiche wissen!« rief Aennchen ernstlich böse, indem sie sich rasch von Alma abwandte, »es thut mir wirklich leid, daß ich dir durch meine Gefälligkeit noch die Sache erleichtert habe.«

»Wenn du mich verklatschen willst, du feige Liese,« rief Alma verächtlich und zornglühend aus, »dann thue es doch! Aber dann erhältst du auch niemals mehr einen freundlichen Blick von mir!«

Diese letzte Drohung hätte wohl Aennchen im Augenblick wenig erschreckt, da sie wirklich aufgebracht über Alma war, aber die Anschuldigung, feige klatschen zu wollen, erschien ihr wie die größte Beleidigung. So rief sie dann erregt:

»Verklatschen werde ich dich niemals, denn das ist verächtlich und du weißt recht wohl, daß ich verschwiegen sein kann.«

»Gut, dann versprich mir auch in die Hand, daß du, wenn du gefragt wirst, meinen Namen nicht nennen willst,« sprach Alma rasch versöhnt, und Aennchen mußte ihr die Hand darauf geben.

Es war ihr nicht wohl bei der Sache und mit ziemlich bösem Gewissen ging sie heute nach Hause, mußte auch den ganzen Mittag über an die Geschichte denken und beneidete Bruder Fritz, welcher eine ausgezeichnete Zensur mit nach Hause gebracht hatte und nun so stolz und vergnügt von seinen Schulerlebnissen erzählen konnte.

Als Aennchen nachmittags spät in die Schule kam, herrschte in der ganzen Klasse große Aufregung. Herr Müller stand mit einer lebhaft erregten Dame in einer Ecke des Zimmers und nicht weit von den beiden stand Sarah Elich mit ganz dick verweinten Augen, die sie böse im Zimmer umherschweifen ließ. Die Mädchen flüsterten und kicherten alle zusammen, bis Herr Müller, nachdem die Dame das Zimmer verlassen hatte, ein Zeichen gab und sprach:

»Ich habe heute eine sehr traurige Erfahrung gemacht, die mich bitter kränkte. Eine eurer Mitschülerinnen, Sarah Elich hier wurde durch einen so abscheulichen Streich gefoppt, wie er nicht einmal in der Knabenschule vorkommen darf. Es wurden ihr heimlich entstellende Bilder am Hut und Ranzen befestigt und als Sarah dann ahnungslos durch die Straßen nach Hause ging, folgte ihr die Gassenjugend mit Spottgeschrei und Hohngelächter, so daß sich das erschreckte Mädchen ganz atemlos in ein Haus flüchten mußte, wo sie die Ursache jenes Aufsehens erst entdeckte. Wer hat der Armen nun diesen schlechten niederträchtigen Streich gespielt? Ich fordere jede von Euch auf, zu gestehen oder anzugeben, was sie darüber weiß!«

Herr Müller machte eine Pause und ließ seine Blicke forschend über alle Schülerinnen hinschweifen; als er Aennchens Augen traf, mußte diese schwer die Lider senken und fühlte dabei, wie sie über und über flammend rot wurde.

»Aennchen,« sprach Herr Müller ernst und ließ seinen durchdringenden Blick noch immer auf ihr ruhen, »du warst diejenige, mit welcher Sarah, nach ihrer Aussage, zuletzt noch im Gespräch verweilte. So mußt du unbedingt am ersten Bescheid wissen und ich frage dich ernstlich und dringend: Was weißt du von dem ganzen Streiche? Hast du ihn am Ende selbst verübt?«

»Nein, o nein, gewiß nicht!« rief Aennchen angstvoll, indem sie die Hand abwehrend ausstreckte, und ihre Augen zeigten solch aufrichtiges Entsetzen, daß Herr Müller ihr glaubte und freundlicher fortfuhr:

»Es freut mich, daß du nicht die Schuldige warst; aber vielleicht weißt du doch, wer es gethan hat; du und Alma von Stolzau, welche heute nicht in der Klasse erschienen ist, ihr beide waret zuletzt um Sarah beschäftigt. Weißt du vielleicht, ob Alma den Streich begangen hat?«

Es wurde Aennchen bei dieser Frage schwindelnd vor den Augen – wie gerne, o wie gerne hätte sie ihr schweres Herz erleichtert und gerufen: »Ja, Alma hat es gethan!« aber das durfte sie ja nicht, sie hatte Alma versprochen, sie nicht zu verraten; so stürzten Thränen aus ihren Augen, sie zitterte am ganzen Körper und rief angstvoll:

»Lieber, guter Herr Müller, fragen Sie nicht, fragen Sie, bitte, nicht – ich kann es nicht sagen!«

»Wenn ich es aber von dir fordere, so _mußt_ du es gestehen!« rief Herr Müller, ernstlich böse und entschieden aus.

Aennchen jedoch gab keine Antwort, so sehr der Lehrer in sie drang; sie weinte nur immer heftiger und erklärte, nichts zu wissen. So unglücklich wie in diesem Augenblick hatte sie sich doch im Leben noch nicht gefühlt und dies alles durch die Schuld der bösen Freundin, welche sie noch dazu in der Stunde der Not im Stich gelassen hatte und einfach gar nicht erschienen war. Herrn Müller standen die Zornesadern auf der Stirn, als er seine Schülerin so verstockt fand, und mit bebender Stimme erklärte er, sie zur Strafe so lang jeden Tag nach dem Unterricht eine Stunde nachsitzen zu lassen, bis sie ein offenes Geständnis abgelegt habe.

Hierauf brach der Lehrer von der Sache ab und der Unterricht begann, von welchem Aennchen in ihrer trostlosen Stimmung freilich herzlich wenig vernahm.

Als die Uhr vier schlug, durften alle Schülerinnen den Weg nach Hause antreten. Herr Müller kam noch einmal auf Aennchen zu und sprach freundlich ernst:

»Bedenke dich wohl, Aennchen! Wenn du mir den gewissen Bescheid giebst, kann ich dir die Strafe erlassen und werde dir sogar meine Verzeihung angedeihen lassen.«

Aennchen schaute den gütigen Lehrer mit trostlosen leeren Blicken an, schüttelte den Kopf und – schwieg – da schritt er traurig und ernst hinaus. Auch die Mädchen hatten sich verzogen, eine nach der anderen, still war es im Zimmer, stille im ganzen Hause und alle die leichten Mädchenfüße, welche tänzelnd die Treppen hinuntergeglitten waren, verhallten nach und nach in der Ferne. Nun mochten auch die letzten das Haus verlassen haben, denn die alte Hausmeisterin stieg schwerfällig die Treppe herauf und schloß mit einem großen klappernden Schlüsselbund die Klassen eine nach der anderen ab. Auch zu derjenigen, in welcher Aennchen weilte, kam sie auf ihren großen Filzschuhen hergeschlürft und streckte den grauen Kopf zur Thüre herein, brummte dann aber, als sie die kleine zusammengekauerte Gestalt in der Ecke sah:

»Aha, noch ein kleines gefangenes Vögelchen; da darf der Käfig noch nicht ganz geschlossen werden!«

Aennchen hätte gar zu gern auf die Alte zustürzen und sie anflehen mögen, bei ihr zu bleiben in dem großen stillen Zimmer; allein sie hegte große Scheu vor der strengen Frau, welche schon oftmals gescholten hatte, wenn sie mit von der Straße beschmutzten Füßen über die frischgereinigten Treppen hinaufstürmen wollte, ohne sich vorher gehörig abzustreifen. So lauschte sie angstvoll, bis die Tritte der Alten langsam wieder verhallten, und nun kam das Gefühl der Einsamkeit erst recht beängstigend über sie. Sie wagte kaum zu atmen und sich in dem Gemach umzusehen, das ihr in seiner Verlassenheit so ganz verändert erschien, und doch mußte sie mit starren Blicken immer auf die lange Reihe der leeren Bänke vor sich hinschauen und auf die große bunte Landkarte an der Wand.

Und dann mußte sie wieder an zu Hause denken, welche Angst wohl ihre liebe Mama empfinden würde, wenn das Töchterlein nicht zu gewohnter Stunde nach Hause käme, und welch einen Schmerz würde es ihr bereiten, wenn sie erfuhr, warum Aennchen nicht nach Hause kam?

So waren wohl drei Viertelstunden verstrichen, welche Aennchen wie eine Ewigkeit dünkten, da kam abermals ein Schritt die Treppe herauf, aber es war nicht der schwere schlürfende Schritt der Hausmeisterin, sondern er klang leicht und elastisch. Und plötzlich stand eine kleine unscheinbare Gestalt unter der Thüre und eine sanfte Stimme sprach:

»Aennchen, ist es dir recht, wenn ich dir etwas Gesellschaft leiste?«

Aufs höchste überrascht fuhr Aennchen empor und starrte die Eingetretene an:

»Du bist es, Martha Traugott, was willst du hier?«

Martha trat näher zu Aennchen und sprach beinahe schüchtern:

»Ich habe so sehr Mitleid mit dir gehabt, als du so allein bleiben mußtest. Da bin ich vorhin zu Herrn Müller gelaufen und habe ihn gebeten, ob er mir nicht erlaube, die letzte Viertelstunde noch mit dir nachzusitzen, und er hat es endlich gestattet, wenn auch nur widerstrebend. Nun wird es dir doch hoffentlich recht sein, wenn ich bei dir bleibe?«

Die sanften treuherzigen Augen der armen verwachsenen Martha blickten Aennchen so herzlich an, daß diese aufs tiefste gerührt in Thränen ausbrach, die Arme um das kleine verachtete Mädchen schlang, über welches sie immer so hochmütig hinweggesehen hatte, und schluchzend rief:

»O Martha, liebe Martha, wie soll ich dir diesen Liebesdienst vergelten und wie habe ich es um dich verdient?«

Martha aber streichelte liebkosend mit ihren dünnen Fingerchen Aennchens nasse Wangen und flüsterte dabei: