Schuß in's Geschäft (Der Fall Otto Eißler)

Part 3

Chapter 33,594 wordsPublic domain

Sproß eines müden, vom Geschäft verzehrten Mannes und einer kühlen liebeleeren Frau, war der kleine Otto, der einzige männliche Sproß, der „Kronprinz“, denn nur zwei Mädchen folgten ihm, Ida und Melanie. Nicht sehr kronprinzenhaft wuchs er auf. Das verschüchterte Kind erfährt häufige und unbarmherzige Züchtigungen von seiten der Mutter, für die es sich keinen Grund weiß; dem Vater kann es sich nicht anvertrauen; ihn sieht es kaum, denn den hat das Kontor zwischen den Zähnen; schließlich wird es bezahlten Kräften überantwortet, Hofmeistern, Gouvernanten, Dienstboten. So wächst der Erbe des Reichen auf, welt- und gottverlassen, um den einzigen und köstlichsten Schatz menschlichen Werdens vom Anbeginne bestohlen: Um ungetrübte Jugend. Sein Schulkamerad Doktor Stefan Schmied erzählt vor Gericht, der Knabe wäre der Klasse durch drei für sein Alter recht ungewöhnliche Eigenschaften aufgefallen: Ernst, Verschlossenheit und Mißtrauen. Und diese dunkle Dreieinigkeit, die über jedem der „Erniedrigten und Beleidigten“ des Lebens wacht, hielt ihm auch weiterhin treueste Gefolgschaft. Aus seinem schon im Keime verletzten Rechtsgefühl gewinnt er zwar ergriffenes Verstehen für den leidenden Nächsten über die Horizonte seiner Herkunft und seiner Kaste weit hinaus, zugleich aber erfüllt ihn rechthaberische Reizbarkeit, die aus derselben Leiderfahrung stammt. Hypochondrie und Menschenscheu bemächtigen sich des Beklagenswerten, dem man den Genuß seiner Kindheit unterschlagen hatte; mit der tagenden Erkenntnis des Jünglings schaut er den Himmel über seiner Welt sich stets gefährlicher verfinstern. Die harte Mutter, der er übrigens durch Güte vergalt, was sie an ihm gefehlt hatte, der schwache Vater, müde, unterlegen im Ehekampf, aus dem er in das Geschäft floh, wo ihn wieder die Verwandtschaft geduckt umlauerte, – von nirgendwo kam dem Heranwachsenden warm die Stimme eines Menschen entgegen. Verbittert wirft auch er sich in Arbeit, durch fünfzehn Jahre steckt er im Betrieb, bereist die Niederlagen, wirkt an heiklen Operationen mit, so 1905 an dem berühmten bosnisch-herzegowinischen Vertrag, – aber er merkt dabei, daß er sich trotz allem zwischen den klugen kühlen Rechnern seiner Vetterschaft nicht gut ausnimmt, ein letzter Eifer mangelt ihm, eine äußerste Sachlichkeit, die den Posten Mensch aus ihren Kalkülen streicht. Als untüchtig sieht er sich zur Seite geschoben; Minderkeitskomplexe und Überkompensationen wechseln in seinem Seelenleben ab. In dem Pessimismus, der ihn befällt, wird ihm ein einziges spätes Glück zuteil. Im besten Mannesalter lernt er Anna Heimerle kennen, die nun seinen Weg teilt, und an den Kindern, die sie ihm schenkt, sieht er sein Dasein doch nicht völlig nutzlos vertan. Es aber ganz mit frischem Licht zu füllen und ihm so Vergessenheit des Gewesenen zu erringen, das vermochte selbst die so uneigennützige Liebe dieser Frau nicht. Zu tief hatten sich Schrullenhaftigkeiten verschiedenster Art schon in ihm eingefressen, und nun richtete sich überdies die Front der Familienhierarchie gegen ihn und gegen seinen Vater und verstärkt so seine Absonderlichkeiten zum Wahne, dauernd verfolgt und bedroht zu sein. Ein körperliches Gebrest behindert zudem seine Bewegungsfreiheit. Er lebt und handelt unter einem Schleier von ständiger Angst. Paranoide Gesichte bemächtigen sich seiner; immer geht er bewaffnet. Auf einem Sägewerk, das er inspiziert, trifft ihn ein Bekannter, bekundet als Zeuge: Otto Eißler wandelt dort in Schwimmhose, links einen Sonnenschirm, rechts einen Revolver in der Hand. Nachts ruft einen Anderen Gepolter in den Schlafraum des Chefs; kaum kann er durch die Barrikaden von Möbeln eindringen: er sieht Stühle im gleichen Abstande aufgestellt und über sie nackt hinspringend – Otto Eißler, gleich einer phantastischen E. T. A. Hoffmann-Figur. Gift wolle man ihm in die Speisen mischen, argwöhnt er. Oder: Man plane, ihm die Luft des Zimmers durch böse Dünste zu verderben, und er zerstäubt dort die erdenklichsten Desinfektionsmittel, daß einmal sein Cousin Ernst Lanner, der ihn besucht, schleunigst das Fenster aufreißt, um nicht in Ohnmacht zu sinken. Zu solchen Zwangsvorstellungen gesellt sich ausgesprochene Bakterienfurcht. Darum mißt er den Luftraum jedes Gemaches ab, darin er schlafen soll, ob er nicht etwa einen besonderen Brutherd verheerender Mikroben böte, darum trägt er lächerlich weite Kleider und läuft im Hause nur adamitisch umher, die Haut so stets möglichst frei zu halten, darum ist er auch Fanatiker des keimvernichtenden Sonnenbades, das er, unbekümmert um seine Umgebung, bei jeder möglichen Gelegenheit genießt; darum läßt er sich sogar die Zeitung vorwärmen, ehe er sie liest. Solche Maßnahmen sucht er denen, die sie bestaunen, mit harmlosen Vorwänden anderer Art zu erklären, aber gerade sein Eifer, der jedwede pathologische Deutung heftigst ablehnt, kennzeichnet das dissimulierende Krankheitsbild des Mannes, der von Kind auf unter dem Druck vermeintlicher und wirklicher Verfolgungen endlich in jene Tat ausbrach, der Resultante all der geschilderten Komponenten, die ihn, den Fanatiker seines Rechtes, vor das Gericht bringen sollte. Wer vermöchte zu beschwören, wo hier Verantwortlichkeit endet und das zwangsläufige Manische anhebt, die fixe Idee, die persekutiven Charakter annimmt? Wer, – außer den Psychiatern, von denen hier noch zu reden ist? Alles trieb hier zu einer dissozialen Aktion, doch weil der vom Schicksal vorgezeichnete Täter in hohem Maße das war, was man „moralische Natur“ benennt, trachtete er sich unbewußt einen Unterbau plausibler Beweggründe zu schaffen und den Verfolger festzustellen, von dem alles Widrige seines zermarterten Lebens seinen sinnfälligen Ausgang nahm. Und da hier beides zutraf, der Versuch einer geschäftlichen Entmündigung sowie sein deutlicher Urheber, ein unsentimentaler strategischer Gegner, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, ihn ohne wesentliche eigene Opfer aus dem Sattel zu werfen, – so wälzt der gehetzte geängstete Mann alle seine Qual gegen jenen als ihren Begründer, findet in Robert Eißler die Quelle des Bösen, das nach seiner und der Seinen Existenz trachtet. Trotzdem – oder eben darum – bleibt er in einer Art Haßliebe an den weitdisponierenden Chef gekettet, dessen traumlose straffe Kraft der Sachlichkeit ihm widerwillig Bewunderung abnötigt, strebt dauernd zu Vergleichen zu gelangen, die an Roberts strikter Haltung und zuwartender Ruhe immer wieder scheitern. Der ist schon einmal unbeugsam darauf aus, Heinrich und Otto, den ihm verderblich dünkenden Anwärter auf die Firmenführung, auf diesem Boden gründlichst auszujäten. Und Otto dachte auch schon einmal, 1910, ernstlich daran, dem Hause seiner Väter endgültig „Valet“ zu sagen, unterließ es später, weil er dabei seiner Meinung nach von den Verwandten schwer übervorteilt worden wäre; er schied damals nur von dem Büro, zum Teile aus Hypochondrie. Mittlerweilen hatten die Verhältnisse noch mehr zu seinen Ungunsten ausgeschlagen, nicht der durch Ehen bereits zum Teil versorgten Schwestern wegen; aber die Lebensgefährtin ist hinzugekommen und seine drei Kinder. Und so streitet und queruliert er herum, stets gefaßt auf einen Satansstreich des Anderen, der in unheimlicher Stille verharrend, sich durch nichts aus seiner wachsamen Stellung locken läßt. Bis Otto in seiner Übervorsicht die gröbsten Fehler begeht, in die Robert gnadenlos einhakt. Der Alte ist ja inzwischen schon verdrängt und war überdies so höflich, durch seinen Tod alle weiteren Schwierigkeiten zu quittieren, nun mag der Sohn ihm folgen samt seinen Forderungen, denen die ins Rutschen geratene Valutenlawine das Rückgrat brechen soll. Und wirklich hastet er, betäubt von den Schrecken der niederprasselnden Kroneninflation, rasch, unüberlegt, das Seine zu retten, um jeden Preis. Den aber – bestimmt ihm: Vetter Robert! Mit Papier und anderen labilen Werten wird die Goldforderung des lästigen Verwandten abgespeist. Zu spät tobt der über seine Blindheit, fleht um Zurücknahme seiner in seelischer Panik gemachten Konzessionen. Umsonst! Kein Jota seines verbrieften Rechtes, kein Gramm seines Pfundes läßt Vetter Shylock ab. Dem Besiegten schwillt er zum Oger an, der ihn frißt, seine Geschwister, seine Gefährtin, seine Kinder, diese abgöttisch angebeteten Kinder! Immer mächtiger wächst er sich aus, eherne Stirne, steinernes Herz, – sonst alles Geld! 1920 und 1921 wird der Vertrag mit Otto in letzte vernichtende Form gegossen. Endergebnis ist das bereits bekannte, das unerschütterlich bleibt: Fünfzehntausend Schweizer Franken sind für den armen Vetter da, der ihrer siebenundeinhalb Millionen als sein Teil beansprucht hat, und der Enteignete sieht sich zugleich entwaffnet; übereilig hat er gutgeheißen, was ihn nun verstrickt, und wo er sich stützen will, hascht er nur Luft statt einer rettenden Hand. Die finanzielle Transfusion, die dabei stattfand, schilderte er später in seiner auch schriftlich abgefaßten „Information“ haarscharf vor Gericht; sie würde in ihren Zifferndetails hier ermüden. Genug, daß sogar der Staatsanwalt daraus anerkannte, an dem Beklagten sei übel gehandelt worden. Otto versucht durch seinen Rechtsfreund Dr. Kantor im Wege des Zivilprozesses gegen die Firma Remedur. Der Advokat durchschaut, wie er, die Schärfe jener Abmachungen, die seinem Klienten die Sehnen zerschneiden, doch auch er gewahrt recht spärliche Möglichkeiten für einen erfolgverheißenden Gegenzug. Das moralische Gesetz mochte Robert tausendmal schuldig sprechen, – vor dem bürgerlichen bleibt er unantastbar. Da wirft sich der gehetzte empörte Otto selbst zum Richter auf in seiner Sache. Der Vetter ist ihm schon mehr als sein privater Feind, er ist Feind geworden schlechthin alles Lebenden, das unter diesen aus den Fugen gegangenen Zeit hungert, klagt, stirbt. Seinesgleichen war schuld an dem Kriege, wie es nun schuld an solchem Frieden ist! Mit überpersönlichem Legat fühlt Otto Eißler sich ausgestattet, als er zur Abrechnung schreitet gegen seinen Feind. Er sieht vor sich nicht den Blutsverwandten mehr und nicht mehr das leidende Antlitz des Menschen hinter Trieb und Gier, die ihn zwangen, so zu werden, wie er ist, er sieht nur die eiserne Maske der Macht! Ein Feind der Menschheit steht vor ihm. Ähnlich dem Roßtäuscher Kohlhaas erweitert auch er seinen Fall ins Allgemeine und ahnt nicht, daß die Wurzel des Unrechtes tief lag wie die der geschlachteten Bäume, in den Orgien des über verwüsteten Wäldern und wohlfeilen Lohnheloten errichteten _Besitzes_.

VI. MONODRAMA DER TAT.

Im „_Herzoghof_“ des seit Römertagen gesuchten Kurortes _Baden bei Wien_, – „Aquae thermae“ nannten es die Pensionisten der pannonischen Legionen, die in seinen Schwefelquellen Heilung erhofften, – haust Otto Eißler. Das Gebäude, so benannt nach den fröhlichen Babenberger Herzögen, den vorhabsburgischen Herrschern von Österreich, die gerne hier verweilten, stellt eine passende Unterkunft für Leute dar, die in der sommerüber von Fremden wimmelnden Stadt keinen überflüssigen Kontakt wünschen und dabei eine gewisse vornehme Behaglichkeit nicht entbehren wollen. Der Misanthrop aus der Holzdynastie verlegte darum frühzeitig sein Hauptquartier an dieses stille Refugium, von dem aus er den Krieg gegen seinen Vetter führt, zuletzt 1923 in einer bereits an Irrsinn grenzenden Erregung, je sicherer die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen zu erwarten schien. Freundin und Kinder umgeben ihn mit liebereichster Pflege; dennoch muß der Arzt zu dem von schwersten Nervenkrisen Erschütterten gerufen werden, stellt seelische Störungen fest, deren Behandlung strengste Ruhe und Abgeschlossenheit von der Außenwelt als erstes Gebot erforderte. Davon will der Unglückliche nichts wissen, streitet mit punischer Tapferkeit für seine steigend getrübteren Aussichten, klingelt nachts Anwälte und Notare aus dem Schlaf, um dauernd das Gleiche zu erfahren: Daß er für sich nahezu nichts zu hoffen habe. Allenfalls den mitgeschädigten Schwestern würde man im Wiener Erzhause Kompensationen zubilligen, – ihm: Nicht die winzigste!

Es ist August, der Monat der Verbrechen aus Leidenschaft. Seine weiße Glut vergiftet die Hirne, heizt die Herzen bis zur Explosion. Achtete eindringlicheres Verfahren, als das der gegenwärtigen Themis auf die Verknüpfung von Gewalttat und Gezeiten, es gelangte zu verblüffenden Erkenntnissen: Winter, Intellektualverbrechen; Affekthandlungen im Sommer; Selbstmorde und Revolutionen in den Brunftzeiten Frühling und Herbst. Durch die verschlafene Empirestadt, über der es von Hitze brütet, jagt ein rasendes Menschentier: Otto Eißler, trächtig von seinem Schicksal. Klarheit hat er jetzt durch den Rechtsfreund. Eine Tagsatzung soll in seiner Sache noch stattfinden, nutzlos wird sie vergehen. Nichts mehr nützt! So wird er berufen; immer wieder berufen. Hartnäckig wie ein Bauer, der um einen Grenzstein streitet. Wohin führt das am Ende? Und er, Otto Eißler, hat selber beigetragen, daß es so weit gekommen ist! „Dummer Kerl!“ hört er zischeln um sich; nein, niemand ist da, nur die leeren flimmernden Straßen, – aber der Vetter soll das ja gesagt haben von ihm, der Vetter Robert, der in Wien hockt, breit, gewaltig, unangreifbar. Er, der Reiche, kann ja warten, bis der andere sich zugrunde prozessiert hat; fünfzehntausend Schweizer Franken tauchen bald in Expensen auf; dann fällt die Angelegenheit in nichts zusammen, weil Otto ein Bettler geworden ist. Was aber nachher? Die Frau! Die Kinder! Unmöglich ist es, unmöglich! Im kühlen Waffenladen kommt der Heißgelaufene zu sich. Ein Entschluß beginnt. Alle Gerichte bleiben wehrlos in Sache des Rechtes. Und auch Gott schweigt; er ist ihm nicht wohlgefällig, – niemandem ist er wohlgefällig, er, der Häßliche, von Kind auf Gestoßene. „Gewiß Herr Müller! Mauserpistole samt Patronen. Ja ...“ Ob er mit dem Browning vom Februar zufrieden gewesen sei? – „O, freilich!“ Den Browning trägt er doch stets im Sacke, entsichert und wohlgeladen, – umlagert von Feinden, wie er ist. Aber davon erzählt er nichts. Etwas glättet sich in ihm, wie er die kalte Waffe am Schafte hält und mit dem Abzug spielt. Und nun läßt er sich Munition geben, als gälte es, ein neues Fort Chabrol zu armieren. Es ist der dreiundzwanzigste August.

Zu Hause macht er Bilanz über sich und das Seine. Man hat sich vorzusehen für alle Fälle. Wogegen? Ach, das wird sich schon weisen. Das geschieht doch nicht so einfach aus einem selbst, das packt einem von draußen und findet statt. So heißt es auch immer „fand statt“. Also darum jede Schuld berichtigt, selbst die kleinste! In einer Woche ist er in Ordnung damit. Keine Rückstände! Alles soll sauber liegen hinter ihm. Ja, da ist noch seine Schwester Ida, Witwe nach Exzellenz von Molnar, ungarischen Staatssekretär. Immer war die gut zu ihm; sie sollte man unbedingt aufsuchen, – der armen Frau daheim, den Kindern, kann man nichts zumuten, – die Schwester ist ein kluger starker Mensch, und so einer muß zur Stelle sein für die Seinen, wenn – ja, irgend etwas geschieht, – und wäre es das eigene Leben, das man wegwirft – um den Frieden, – um den endlichen Frieden, nach dreißig Jahren Unrast, Verfolgung, Bitterkeit. Und vorher zwanzig Jahre einsamer Jugend, lichtloser Kindheit ... „Sorge Dich um die Meinen,“ bittet er die Schwester und noch allerlei Verworrenes, das der tödlich Erschrockenen kaum zum Bewußtsein kommt; da ist er auch schon fort.

Er fahrt nach Wien. Früher Morgen. Der letzte Augusttag brennt ab. Die elektrische Kleinbahn surrt grau durch das sommerträge Land. Ringsum Ebene, schattenlos. Erst westwärts in den schwarzblauen Bergen am Rande des Flachlandes strotzen wieder stämmige Waldbäume. Sie mögen sich hüten, daß nicht auch sie bald dem großen Vetter verfallen. Wie es ihm ergeht samt seinem Anspruch und allem, was daran hängt: Die Schwestern, die Gefährtin, die drei Kinder. Das Blut siedet ihm dick in die Schläfen, wenn er versucht, das zu Ende zu denken. Ihnen insgesamt wird noch das Mark ausgesogen durch den höchst unbrüderlichen Bruderssohn, der früher nicht rastet. Man will ihn aber jetzt stellen; von Angesicht zu Angesicht befragen will man ihn, zu letzten Male, ob er sich nicht doch vergleichen mag in zwölfter Stunde? Das muß man, ehe man jede Vernunft fahren läßt, die sich nur mühsam noch, von Wut umschäumt, hinter der glühenden Stirne aufrecht hält. Vielleicht sind die beiden Mitchefs zugegen; die könnten eingreifen, mildern; die haben sich ja nicht so verbissen in diese Menschenjagd. Da ist der Luegerplatz mit der Burg des Feindes, die er nun betritt. Wieder einmal. Denn erst vor wenigen Wochen war er hier, nachdem er zuvor lange heraufgestiert hat vom Rathausparke aus. „Wie eine Wachspuppe“ –, so berichtet einer, der ihn dabei ertappt. Und der Herr Robert würdigte ihn damals kaum einer Antwort und die Bucheinsicht wird ihm auch verweigert; gerade, daß sie ihm nicht schon die Türe weisen. Nein, – das tuen sie doch nicht; von den Angestellten keiner; die verstehen sich mit ihm, weil er freundlich zu ihnen ist, nicht so – wie der! Der Robert! Kommt er heute etwa nicht ins Kontor? Da erteilt der Kassierer Köhler Bescheid: Robert allein sei hier, – und geht eilig weg. Robert – allein –? Stille stemmt einem den Atem zurück, entsetzliche Stille. Gleicht das Chefzimmer nicht plötzlich einem gedämpften Raum, darin eine Leiche liegt? – Der Besuch lehnt sich an den Schreibtisch; den kennt er: Vierzig Jahre war sein Vater Heinrich daran verkettet gewesen, vierzig in Arbeit geknechtete Jahre, – mit einem Fußtritt als Dank zum Abschluß! Das verantwortet – Robert! Immer bleibt er so letzte Ursache jedwedes Unheiles, das ihn und die Seinen martert, er – in seiner unbeugsamen Härte! Auch im Hause hier mögen sie ihn sicherlich alle nicht. Man tuschelt mancherlei. Da ist der Jakob Singer, – den hat er einmal mit zerrissenen Schuhen stundenlang im Schnee warten lassen, und wie der vor ihm frostzitternd von einem Fuß auf den anderen tritt, schreit er ihn an: „Hund, kannst du nicht habt acht stehen?“ Und der Ernst, sein Cousin, der weiß, wie der Robert beim Militär die armen Soldaten angeblasen hat wegen dem Grüßen. Und solche Geschichten gibt’s genug von dem Robert, zum Beispiel die mit dem Vetter Otto, he? Mit ihm selbst? – Die Hände würgen in den Säcken des schlotternden Anzuges; sie spüren Kühle, Metall: Die Pistolen! Und da tritt auch der Vetter ein, scheinbar nicht eben erfreut über den Gast, den er vorfindet. Freilich, gerade heute, wo ihn der Kopf wohl von Wichtigerem summt, wo unter anderem die deutsche Mark von den rheinischen Kollegen abgefeilt endgültig ins Bodenlose saust, – da sind andere Sorgen am Ruder und andere Pläne. Und schon hält er auch das Telephon in der Hand und rasch zuvorkommend in des Wortes engster Bedeutung wirft er es hin zwischen zwei Geschäftsgesprächen: „Ich werde lieber sieben Jahre prozessieren, als dir die Rente bezahlen.“ Da wird alles rot, roter wogender Nebel, drinnen schwankt der Schreibtisch des alten Heinrich wie ein Schiff im Untergang. Wo klammert man sich fest, daß es einen nicht niederreißt, hinab zu den goldlüsternen Haifischen, die nun wieder Beute wittern, zahllose Beute? Die Kolben in den Taschen bäumen sich; man möchte sie zurückzwingen, aber nun halten sie einen fest, wachsen einem in die Fäuste, wühlen sich aufwärts, drängen ans Licht. Was sagt der drüben? – „Du kannst noch sieben Jahre Prozeß führen.“ Bis dahin hat man doch keine Faser am Leibe mehr, die einem gehört! Und jetzt weiter: „Von mir aus könnt ihr alle krepieren!“ Nein! Das nicht! Das muß Täuschung sein, sausen in den Ohren! Die Kolben rücken über den Rand der Säcke, – verlängerte Hände sind sie und ihre Läufe steile Finger, die auf den Menschen weisen, der dort ruhig sitzt und telephoniert. Ja hübsch ruhig, während ihm gegenüber sein Blutsverwandter an der gleichen Stelle zugrunde geht, wo man schon seinem Vater die Knochen gebrochen hat. Trotz des Rechtes, das hinter beiden stand, sie _hatten_ recht, – bloß der andere war schlauer! – „Dummer Kerl!“ – Wer ruft so? – Der drüben? Der – am Telephon? Und hätte er es auch nicht ausgesprochen, – jede seiner Gesten, die ihn abstreifen, schreit es ihm zu, jeder seiner Blicke, der ihn anspuckt. Wahrhaftig, das ist kein Mensch mehr! Das ist das Geld selbst, das da vor einem thront, ungeheuer, unbarmherzig, angemästet mit allem Elend der Erde, vollgesoffen aus den Wunden ihrer Schlachten und dennoch unersättlich gierig nach Blut und Blut und Blut! Alles Bauch, wälderzermalmender, menschenkauender Bauch! Die Welt muß man erlösen von ihm – man muß – und los! – oh jauchzende Himmelfahrt der feuerblitzenden Hände – weiter – oh unfaßbare Befreiung im Donner der ersten krachenden Schüsse – weiter – oh überirdischer Rausch, der den Krampf eines Lebens entbindet, – weiter – da drüben taumelt einer, ächzt, speit rot – weiter – als Barrikade den Schreibtisch des Vaters, Opferblock, wo nun wieder geschlachtet wird, – weiter – Blut wäscht ihn rein, Blut sühnt – weiter – das krümmt sich dort auf, röchelt, sinkt ein, wie eine Marionette, der man die Drähte gekappt hat – weiter – Türen klaffen, Gesichter schreien und flattern durch Rauch, – man hört nichts mehr davon – man sieht nichts mehr, – man weiß nur eines: Man hat es dem Golde gegeben, man hat dem Golde in den Bauch geschossen, sechsmal –

Und nun rasch die letzte Kugel durch den eigenen Schädel! Abschied im Zenith der Tat! Ihn soll keiner noch je angrinsen, keiner ihn verhöhnen, eine Millionenstadt hebt nun seinen Namen über alle Gischt ihrer täglichen Helden hinaus, – – aber schon dringen aus dem blassen Haupte drüben, um das sich Entsetzen und Grauen schart, ein paar furchtbar klarer Worte:

„Wie oft hat dieser dumme Kerl geschossen?“

„Dieser dumme Kerl –“ Das war es wieder und unleugbar laut! Also auch jetzt ist er für den dort noch nichts anderes, auch daß er ihm den Tod sechsfach ins Fleisch geimpft hat, zählt nicht. Der stirbt, ohne Kenntnis zu nehmen von seinem Mörder, stirbt voll verzweifelter Wut über einen blöden unsinnigen Zufall, der ihn mitten aus seinen Plänen und Werken reißt, – denn das ist ihm der Vetter samt seiner Tat: Ein Ziegelstein vom Dache! Ein Auto, das sich mit ihm überschlug! Stupide Tücke eines Dinges! Mehr nicht!

Der Mörder läßt die Arme baumeln wie schlaffe Peitschenschnüre. Mühelos entwindet man ihm die Waffen; ingrimmig stößt er etwas hervor, – „es ist nicht schade um den“ will ein Zeuge gehört haben, – und dann sagt eine Uniform:

„Im Namen des Gesetzes –“

Und neuerlich kommt drüben die Stimme des anderen. Aber dieses Mal ist sie leise und von einem fremden Klang. „Bauchschuß – ich sterbe, – Herr Doktor, – wie lange habe ich noch zu leben?“ und „– meine arme Frau, – meine Kinder –“ Die Maske der Macht gleitet nieder von dem Antlitz eines Menschen, der sich sterben weiß. Und dieses Antlitz ist ganz bleich, ganz rein, – wie das eines Genesenden von einem schweren qualvollen Leid.

Der Täter gewahrt das nicht mehr. Eine Entspannung lockert ihn. Ruhig läßt er sich abführen.

Er gewahrt auch das Größere nicht. Daß man im Leben stets nur _einen_ Feind hat. Den man vergeblich vernichten würde, und wäre es durch tausend Leiber. Weil er sich im Nebenmenschen am Widerspruche zu dem Nachbarwesen immer neuerlich entzündet. Weil das Ich schuld trägt daran und seine schicksalshafte Gegensätzlichkeit zu einem ebenso bestimmt gearteten anderen Ich. Darum begegnet man ihm immer wieder. Erledigt ihn mit keiner Gewalt. Vielleicht nur durch klare wehrlose Güte, wenn sie ihn überzeugt: Mit Selbstaufopferung.

Robert Eißler wurde so sein Feind. Als Urgegner des Undeutbaren, des Unentschlossenen, des Wegelosen, des vom Gefühle Überschwemmten. Ein Ekstatiker seines Lebensbekenntnisses, das hier „Gold“ hieß. Aber auch andere Namen hätte führen können: Kampf, Herrschaft, Gott, Gesetz!

Wenige Stunden nach jenem Überfalle stirbt Robert Eißler. Die Kugeln haben sein Inneres fast zerfleischt: Zu sechzehn Wunden.