Schneeberger Schützenmittwoch vor fünfizig Jahren
Part 2
Der Saalbau, mit seiner langen Front hoher Bogenfenster, ist in den achtziger Jahren abgebrochen worden. Er stand an Stelle des jetzigen Gartens und barg neben dem großen Saal noch ein geräumiges Vorzimmer und an der Rückseite eine Kegelbahn. Hier überall herrschte nun ein buntes, feuchtfröhliches Treiben beim althergebrachten Schützenmittwochs-Frühschoppen. Im Saale saßen an langen Tafeln, in bunter Reihe uniformierte und nichtuniformierte Schützen und erfüllten den Raum mit Lachen und Johlen, mit Bier-, Bratwurst- und Knasterdüften. Gute Witze wurden mit einem Tusch belohnt, schlechte aber charakterisierte, je nach dem Grad der Brenzlichkeit derselben, das Klappenhorn Meyers mit: Du bist der beste Bruder ah net, -- oder -- Schmeiß'n naus den Judenitzig.
Nun muß der Verfasser, wohl oder übel, seine eigene, damals noch recht unscheinbare, aber »nissige« Person ins Treffen führen, da sich jetzt Handlungen einschieben, in denen sie eine wenn auch nicht immer einwandfreie Rolle gespielt hat.
Nachdem ich meines Vaters Hut und Degen drüben in der Schenke der Frau Hirsch besorgt und aufgehoben hatte, pflanzte ich mich drinnen im Saal gegenüber von Vaters Klappenhorn, wie ein mahnendes Fragezeichen auf. Ich hatte meinen Opulus zu einer halben Bratwurst noch nicht bekommen und wußte recht gut, daß ich hier als lästiger Ohrenzeuge prompt abgefertigt werden würde. Aber, war es meines Vaters Kurzsichtigkeit, war es der fast schneidbare Tabaksqualm, mein Bratwurstappetit wurde auf eine harte Probe gestellt. Dabei hörte ich denn, wie mein Hoflieferant, der Reuther Bäck, lachend erzählte, wie er sich auf dem ganzen Marsch darüber geammesiert habe, daß dem Wenzel Schmied der Nasenputzer wie ein Fuchsschwanz hintenunter gehangen habe.
»Das hast du mir doch jedenfalls selber hinten rausgezong, denn du warst doch mei Hintermann!« schimpfte Wenzel, aber der Neumerkel beruhigte ihn mit den Worten: »Gab dich när zefriedn. Ich ho's gesah, wie'r drsch nooch un nooch rausgezerrt hoot. Ich ho's ah gesah, wie'r egal in sen Bort neigekichert hoot. Ich gelaab odr, er hätt net esu gelacht, wenn'r gewußt hätt, doß'n salber sei Schnupptichel un ah de Quastn vun sen Tobaksbeutel hintnnausgebaumelt sei.«
In das allgemeine Gelächter stimmte ich kräftig mit ein, nicht ohne Erfolg hatte ich mich dadurch meinem Vater bemerkbar gemacht und nun trug ich fröhlichen Sinnes meine zwölf Pfennige zur Frau Hirsch an den Schenktisch.
Eine Minute später konnte ich liebäugelnd meine, in ein »Pfengbrot« eingeklemmte halbe Bratwurst betrachten; doch -- zwischen Lipp und Bratwurstzipfel -- in dem Augenblick, wo ich den ersten ersehnten Biß tun wollte, da -- pflanzte sich Bluth Antons Bluthund Pluto breitbeinig und zähneflätschend vor mir auf. Wie diese Bestie vor meiner Bratwurst, so standen die Worte des Barfüßlers plötzlich vor meiner Seele. Schnell ließ ich die Hand mit der Wurst hinter meinem Rücken verschwinden und wie sich nun der Bluthund mit der Zunge die Schnauze leckte, streckte auch ich ihm die Zunge heraus, fühlte aber zugleich, wie eine warme, feuchte Zunge hinten über meine Bratwurstfinger strich und wie denselben Wurst und Semmel entglitt. -- Ein anderer Köter hatte mir sie aus der Pfut geruppt. -- Ich sah nur noch die lebendige Illustration zu dem Liede: »Wenn der Hund mit der Wurst übern Eckstein springt«, draußen vor der Türe.
Ein freundlicher, mitleidiger Herr, den die Schießhauswirtin mit: »Herr Pursch« anredete und der den Vorgang lachend mit angesehen hatte, kaufte mir eine _ganze_ Bratwurst und so war ich bald, dem gesättigten Löwen gleich, mit Hund und Barfüßler versöhnt. -- Der Letztere hat übrigens seinen Beruf als Profet verfehlt, er ist Prolet geworden und da ihm schon lange kein Zahn mehr weh tut, kann er auch keine »saure Gork« mehr essen.
Als ich hinaus trat, in den sonnigen Vormittag, fiel mein erster Blick auf den Wachtposten, der vor dem Fahnenständer, dem Trommelbock und den Gewehren auf- und abschritt und dabei mit seinem Federbusch derartige Schwenkungen machte, daß ich sofort in ihm den Schulhausmann Wetzel erkannte. Ich grüßte ihn pflichtschuldigst. Freundlich grüßte er wieder: »Morring Klaaner. Du bist doch dr klaane Meyer -- Du kast mr en Gefalln tu. Gieh emol nieber in de Wach un soog, ne Posten dohausn tät de Zung ene halbe Ehl zun Hals raushänge.«
Ich sprang hinüber und richtete es wortgetreu aus, aber der Korporal Richter meinte: »Ach wos! dar soll wartn bis 'r ohgelöst werd.« Der Schneider Windsheimer, der mein Leibschneider war, winkte mich zu sich heran und gab mir ein leeres Glas in die Hand. »Das läßte« sagte er »dortn an Bottich vollloofn, da kann er seinen Dorscht dran löschen.«
Da wo jetzt der Eingang zum Keglerheim ist, da war der Wasserbottich, an dem ich das Glas mit perlfrischem Wasser füllte.
Hätte ich nun einem wütenden Stier ein blutrotes Tuch vorgehalten, zornigere Augen hätten mich nicht anfunkeln können, als die des Wetzel, als ich mit dem Glase Wasser daherkam.
»Hullunk, elendiger!« schrie er mich an: und packte sein Gewehr mit beiden Fäusten am Ende des Laufes. »Kumm mr net ze nah, odr ich schloog dich ze Brei!« -- Da erscholl drüben vom Wachhause her infernalisches Gelächter. Die gesamte Wachmannschaft stand vor der Tür; ein Jeder hielt in der einen Hand eine volle Stange Bier und mit der anderen hielt er sich den Bauch.
Sofort entlud sich Wetzels Zorn nach dieser Seite: »Inu ihr Lumpn! ihr Sauhind! -- ihr zutscht do driem de ganze Sprengstütz Bier aus un iech soll Wasser saufn? -- Pfoi Teifl! schamt eich!« Als nun auch noch von drüben prost! prost! prost! gerufen wurde, da verließ Wetzel vorschriftswidrig seinen Posten und das Gewehr hinter sich herschleifend und lästerlich schimpfend trieb er die Schützen in das Wachtlokal hinein.
Es dauerte eine geraume Zeit bis Wetzel wieder zum Vorschein kam. Seine Rechte umklammerte ein schon zur Hälfte geleertes Stangenglas, das er nun in aller Gemütsruhe vollends leerte und dann ins Gras warf.
Als er auf Posten zurückgekehrt war, strich der Fischer Heinrich vorbei und zog den Hut. »Morring Herr Wetzel! Heite weeß mr doch gar nich wie der Wind weht? -- Ihr habt wohl eire Fahne in der Wäsche, oder amende gar versetzt?«
»Unnere Fahn? -- do ... -- stitt se doch« wollte Wetzel sagen, aber der Mund blieb ihm sperrangelweit offen und erst nach einer Weile klappte er ihn hörbar wieder zu, dann kam ein Bumben un Granatndunnerwetter zum Ausbruch und endlich rief er die Wache heraus: »De Fahn is gemaust«!
Wer nun glaubte die Mannschaft käme über Kopf und Hals gestürzt, der irrte gewaltig. Die trank zunächst sämtliche Gläser leer und bis die Röcke zugeknöpft und das Seitengewehr umgeschnallt war, verging eine geraume Zeit, in der Wetzel den Fischer Heinrich ausfragte und als nun drei Mann zur Stelle kamen, konnte er berichten, daß der oder die Diebe hinauf nach den Scheunen zu geflüchtet seien. Wer der Fahnendieb war, konnte nicht ermittelt werden. Ich aber hatte den Vorgang aus nächster Nähe mit angesehen und während die Schützen den Berg hinauf eilten, sprang ich auf der anderen Seite den Berg hinunter und drüben wieder hinauf, zum -- Gerichtswäldchen. Dort angekommen, sah ich die Fahne, an der ein langes Seil befestigt war, im Moose liegen, während der Fahnendieb sich vergeblich bemühte, am Stamm einer Fichte empor zu klettern.
»Lassen Sie mich nauf Herr Rusrat« rief ich: »ich kann besser klettern als Sie!«
»Rusrat?? -- wie kaste denn Rusrat zu mir saang -- weeste nich wie ich hees? Kannste denn danauf klettern? die Ficht is hoch!«
»Mir is kee Boom ze hoch un auf der Ficht bin ich schon öfters gewesen.«
»Nu da strampel emal los, nimm das Strickend mit nauf, da ziehste dann de Fahne drmit nauf un bindst se drohm fest.«
Nach wenigen Minuten flatterte die altehrwürdige Fahne, die vielleicht schon hunderte mal »gemaust« worden ist, über allen Gipfeln, lustig hoch im Winde.
Als ich wieder Boden unter den Füßen hatte, meinte der »Rusrat«: »Itze heests aber auskratzen!«
»Sie haben schon noch Zeit Herr Ru... Herr Claus; der Fischer Heinrich hat die Wache nauf nach »vor Scheunen« geschickt.«
»Ich wees schon,« blinzelte der Rusrat, »das war schon so ausgemacht, der verrät mich nich.«
»Wenn ich fimf Neugroschen krieg,« sagte ich keck, »dann halt ich mei Maul ooch!«
Lachend zog der Fahnendieb den Beutel, warf ein Fünfgroschenstück ins Moos und entfernte sich mit den Worten: »So ein ruppiger Lausgung! Denhalber brauchts wahrhaftig nimmer ze reenge, aus den werd emal entweder e großes Tier oder e großer Lump.«
Das war wieder eine Prophezeiung, die freilich bis jetzt nach keiner Seite hin eingetroffen ist, denn ich habe vorgezogen, im Leben den goldenen Mittelweg einzuschlagen. Damals aber schlug ich mit meinem Fünfgroschenstück, singend und springend den kürzesten Weg ein, zum Pfingstmarkt.
_Pfingstmarkt!_ Welche Fülle genußreicher Erinnerungen weckst du in mir! -- Welch buntes, pfingstfröhliches Treiben flutete über deinen grünen Rasen, auf dem die Kinder jauchzend ihre Purzelbäume schossen und auf dem in Buden, auf Tischen, Bänken und Karren alle, einem Kinderherzen begehrlichen Herrlichkeiten ausgebreitet waren.
Dieser terrassenförmig gestaffelte, mit Queckengras bestandene Wiesenplan ist fürwahr eine glückliche Wahl unserer Väter gewesen, hier ihre Schießstätten zu errichten. Liebevoll umsäumten sie ihn mit schattigen Lindenalleen, die schon vor fünfzig Jahren sich zu mächtigen Baumkronen entwickelt hatten. Nicht unerwähnt möchte ich hierbei lassen, daß mein Großvater, der damalige Ratssenator Bauer, sich um die Anpflanzung dieser Anlagen wesentliche Verdienste erworben hat.
Dahin führte mich nun mein Weg, an wogenden Feldern vorbei, durch üppigen Wiesenflor, über dem die Schmetterlinge gaukelten und geschäftige Bienen summten.
Ein sonniger, wonniger Pfingstzauber war über die lachenden Gefilde gebreitet und vom klaren Himmelsblau, das sich hinüber spannte, bis zu den fernen Riesen des Erzgebirges, schmetterten die Lerchen ihr Jubellied hernieder. Auch in den alten Lindenkronen frohlockten die Vögel und die Reitzugfinken hielten, von Baum zu Baum, ihre Zwiegespräche.
Als ich aber aus der Doppelallee herauskam, wars mit dem Zauber vorbei, denn Arnolds Reitschule setzte sich eben in Drehung und August drehte, den kalten Kalkstummel im Munde, mit beständigem Kopfnicken, den alten, verstimmten Leierkasten, dem er, soweit es die alten Blasbälge zuließen, das Neueste auf dem Gebiet der Gassenhauer entlockte: »Ach ich bin so müde.« --
August war bei der spottlustigen Jugend dadurch zur Zielscheibe geworden, daß er mit den meisten Consonanten in Erbfehde lag. Einem kleinen Fahrgast, dem die Nase blutete, hatte er einmal zugerufen: »Tlaaner, dei Noot lutt!« Und diese Worte blieben an ihm haften; jeder Bengel riefs ihm nach -- so auch ich jetzt: »Autut, dei Noot lutt!« Prompt und kopfnickend kam die Antwort zurück: »Ette lotte luten!«
Gleich darauf flötete mich aus dem Stern und Thonpfeifen geschmückten Hintergrund einer Schießbude eine liebliche jungfräuliche Stimme an: »Schießen se mal, junger Herr! Zwee Schisse fimf Fenge.«
Donnerwetter! das imponierte mir. Erstens »Sie« und dann auch noch »junger Herr!« -- Solch gute Meinung von mir durfte nicht unbeachtet, nicht unbelohnt bleiben, stand ich doch in absehbarer Zeit schon vor dem Uebergang vom Flegel zum Herrn Flegel und so schoß ich denn im Vollgefühl meiner Herrlichkeit vier Löcher in die Luft. -- Mit ebensoviel Groschen meiner erleichterten Barschaft ging ich, etwas enttäuscht davon.
Wiederum klangen die Worte: »Junger Herr!« an mein Ohr, diesmal aus dem Munde des Horndrechslermeisters Röder, der vor seiner Bude stand und mir ein niedliches Liliputpfeifchen mit den Worten entgegenhielt: »Nur fimf Neigroschen, junger Herr.«
Fast bereute ich jetzt die vier Luftlöcher, als ich aber entgegnete: »Ich darf doch noch gar nich roochen!« da ließ Röder den jungen Herrn fallen und er sagte, mit dem Finger drohend: »Dich Schlingel hab ich doch schon roochen sehn, daneilich am Bach of der Stangebergwiese, dort, wo die vielen Vergißmeinnicht stehn, da bist du im Gras gelegen und hast Ringeln in die Luft geblasen wie e Alter.«
Ich machte einige lange Schritte und stand bald vor der Holzdrechslerbude der höchsten Persönlichkeit Schneebergs, des Türmers Böhm. Die vielen buntgefiederten Abschießvögel in allen Größen, erregten meine Aufmerksamkeit nicht, noch weniger die scheckigen Pferdchen mit und ohne Reiter, auch nicht die Blasrohre, die Knallbüchsen, die »Schrietzbüchsen«, die Pfennigpfeifen und Kegelspiele, mich interessierte ein Raphael Engel, der beide Ellenbogen auf die Verkaufslade gestützt und an einer großen Süßholzwurzel kauend, seine Blicke von Gegenstand zu Gegenstand schweifen ließ. Dieser Engel war jener profetische Barfüßler.
»Luuz« sagte eben der Türmer zu seinem Sprößling Louis: »Ich gieh itze en Aangblick fort, paß fei gut auf, doß nischt gemaust werd.« -- Kaum war Luuz drinnen allein, da nahm der barfüßige Engel einen großen Wulst gekauter Süßholzwurzel aus dem Mund und frug: »Wos kost dä ene Schrietzbichs?« Luuz antwortete: »De klenn kostn en Dreier, die do en Sechser und de grußn en Neigrosch«.
»Weiß emol aane har, vor en Neigrosch!« -- Der Barfüßler betrachtete sie mit Kennerblicken von außen und innen, dann blies er einmal hindurch und meinte: »Ich denk mr när, die hoot ewing zeviel Luft.«
»Wos vrstist'n du!« sagte Luuz verächtlich: »Wenn se nei ins Wasser kimmt un 's Garn drinne naß werd, nochert zieht se schu.«
»Derf ich se dä erscht emol probirn, driem an Wasserbottig?«
»Nu meitwaang -- de mußt se odr fei behaltn, wenn de se eingesaut host!«
Leichtbesohlt flatterte der Engel davon -- er soll heute noch wiederkommen.
Ambrosische Düfte zogen mich an der Nase hinüber, zu den Kindern des Südens, zu den Bergen von Apfelsinen, Johannesbrot, Datteln und Feigen. Dann trug ich das schnuppernde Riechorgan weiter, zu den schmalzgebackenen Blätterteig-, Sand- und Spritzkuchen, vorbei an den Zuckerbuden mit ihren Feuersteinchen, Aniskörnchen und Zimmtmandeln, vorbei an den bunten Eiern, den sauren Gurken und den Böklingen. Die »Bittlich Richtern« pries ihre Ware an: »Lauter dicke Speckbuckel, de kleen en Zweeer, de grußen 'n Dreier. Solche scheene goldgelbe Fische wern nich alle Tage gefang!« --
Nicht einmal die Bratwurstkarline konnte mir einen Dreier entlocken für ihre duftenden Brühsemmeln, die sie emsig und unverdrossen mit ihren rusigen fettglänzenden Fingern aushöhlte und dann von Zeit zu Zeit die Finger ableckte. Dabei machte sie ihre Witze: Eine Affenschande wäre es, so eine Gottesgabe für einen lumpigen Dreier zu verkitschen, ihr seliger Urgroßvater gäbe einen Taler drum, wenn er nur einmal hineinbeißen könnte. »Ihr hatt doch alle keene Ahnung« setzte sie hinzu, »was da alles noch so drum un dra hängt; vier Wochen lang muß ich dernach meine Finger in griene Seefe stecken, daß se nur wieder reene wern.«
»Lecken Sie se ooch öfter emal derbei ab?« frug ein fürwitziger Bengel, aber schlagfertig kam es zurück: »Ich hätte bald was gesagt, du Lausewenzel!«
Wenn sich Mund und Nase laben, wolln die Ohren auch was haben. Und diese kamen voll und ganz auf ihre Rechnung. Schon das Geschrill der hunderte von Pfennigpfeifen hätte genügt, aber dazu kamen noch die Schnarren, die Waldteufel und die Mundharmonikas. Das gab mit dem Grundmotiv der Reitschulorgel eine machtvolle Symphonie, zu der die Scheibenschützen den Takt knallten.
Strich aber Einer mit einem Brummeisen vorbei, so konnte man die Wahrnehmung machen, daß die Brummeisen, so verschrieen sie bei gewissen Ehehälften sein mögen, ganz gewiß zu den zahmeren und zarteren Gatt--ungen zu zählen sind.
Das Elfeglöckel läutete die Mittagsstunde ein, da ging ich hinüber in den Saalbau, um mich meinem Vater zum Heimweg anzuschließen. Als wir durch das Vorzimmer kamen, saß da in einer Ecke der Falke Gust bei einem tellergroßen »Biffstek« und rief mit schon etwas lallender Stimme: »Mahlzeit Herr Direkter! Hier sitzn de Mussegantn, Moses un de Profetn!«
Um drei Uhr nachmittags war ich wieder zuplatze, da begann das _Vogelschießen_. Dies wurde aber nicht von der Schützengesellschaft abgehalten, sondern die _Schnepperschützen_ hatten die einmalige Erlaubnis bekommen, ihr Vogelschießen diesmal ausnahmsweise vor dem Schießhaus abhalten zu dürfen. Zu diesem Zwecke hatten sie vor der Vogelstange, unten beim alten Schießhaus eine geräumige Bude aufgestellt, aus der sie mit ihren großen Armbrüsten (Schneppern) dem riesigen Adler auf der Vogelstange zuleibe gingen.
Uns Jungen machte es ein besonderes Vergnügen, Jagd nach den verschossenen Bolzen zu machen, die wir dann, das halbe Dutzend für einen Dreier, zur Bude zurück brachten. Ich konnte diesen Erwerb recht gut gebrauchen, denn ich hatte meine restlichen vier Neugroschen -- wie gewonnen, so zerronnen -- in der Würfelbude verknobelt.
So kam ich auch jetzt wieder mit einer handvoll Bolzen zur Bude zurück, da lehnte der Horndrechsler Pfeifer am Eckpfosten und uzte die Schnepperschützen.
»_Fffft_« machte er es gerade: »Schu wiedr drnahm wack. Ihr mißt doch nooch'n Vugel zieln, net noch ne Maandn, dar stieht doch itze gar net an Himmel! Mir ham doch itze Neimaand.«
»Halt de Gusch!« schimpfte der Rohrlapper, »du machst uns när de Bolzn schei!«
Beim nächsten Schuß machte es Pfeifer wieder: »_Fffft!_ wiedr e Loch in Himmel. Ich gelaab, dr Peterus is ausgerissn, dar is doch ka Minut sicher vr eiern Fahlbolzn.«
Nun wurde es den Geneckten doch zu bunt und sie schrien durcheinander: »Gieh doch du rei, du Maulaff! -- Zeig erscht du emol, wos de kast, du Grußgusch! -- Dar fällt doch geleich im, wenn dr Schuß lusgitt!«
Ohne weiteres kroch Pfeifer durch die Absperrleinen und verlangte einen Schnepper. -- Nun hatten aber die Schützen ein altes abgelegtes Monstrum, ganz extra für solche Fälle, bei der Hand, an dem der Bügel nicht mehr fest im Schafte stak, so daß derselbe ohne Schwierigkeit seitlich verschoben werden konnte und so rückten sie ihn, bevor sie ihn mit der Drehwinde aufzogen, ein gutes Stück nach links, so daß die ganze Schleuderkraft nach dieser Seite verlegt wurde, dann reichten sie den mühsam gespannten Schnepper mit verhaltenem Lachen, dem ahnungslosen Pfeifer.
Dieser stand nun, jeder Zoll ein Tell, im Anschlag und zielte, lange und genau zielte er, denn unter keinen Umständen durfte er sich blamieren. -- »Sättersch!« stichelte der Leonhardt Schmied: »Itze getraut'r sich net, ne Finger krumb ze machn.« -- Da drückte Pfeifer ab und -- ein zehnstimmiges, schallendes Gelächter durchbrauste die Bude.
Der heimtückische, ungleich gespannte Schnepper hatte Pfeifer eine solch wuchtige »Faunz« versetzt, daß er, den Schnepper weit von sich schleudernd, einen Luftsprung machte und dann, mit einem Gesicht wie ein herabgefallenes Mondkalb, auf seinen geliebten fünf Buchstaben saß. Das alles dauerte nur Augenblicke, dann nahm er sich zusammen, krabbelte sich ächzend in die Höhe und wortlos, nur mit einem grundtiefen Verachtungsblick auf die Schnepperschützen, hinkte er zur Türe hinaus.
Diese aber krümmten sich vor Lachen wie die Würmer und als ihm der Könitzer nachrief: »Der Rumpes is gefalln, Sie wern fei Keenig!« da drehte sich Pfeifer herum, und drohend die beiden Fäuste schüttelnd, entrangen sich befreiende Worte von seinen Lippen. Mit Löwenstimme donnerten sie zur Bude zurück, die Kraftworte Götz von Berlichingens, in sechsstelliger Multiplikation. --
Pfeifer hatte genug Vogelschießen. Hinkend und sich sämmtliche Backen reibend, stapfte er stadteinwärts.
Als er an Stahls Schuppen vorbeikam, begegnete ihm der Härtel Fritz, der ihn schon von Weitem mit staunenden Blicken betrachtete.
»Inusse sog mr när,« sprach ihn dieser an: »Du host doch ene Papp drahsitzen wie ene Backmuldr? host wuhl endlich emol aane drwischt?« -- Pfeifer sah ihn bissig an. »Zähwieting ho ich!« gab er barsch zurück. -- »Zähwieting? ginne dä dir de Zahnervn esu weit nunner, bis in de Baah, doste drezzeverze drzu machst?« Pfeifer ließ ihn stehen und hinkte davon. Erst nach einigen Schritten drehte er sich wütend um und rief dem noch immer dortstehenden Härtel zu: »Gieh när du nei in de Schnapperbud, wenn de ka A...ladr drah host!« -- --
Kopfschüttelnd und um Pfeifers Seelenzustand ernstlich besorgt, ging auch Härtel seines Weges, schießhauswärts.
Er war zwar nicht Schütze, aber der Schützenmittwoch galt von jeher als bürgerliches Volksfest, an dem sich Jedermann nach Herzenslust beteiligen konnte. So strebte nun Härtel der Schützenkegelbahn zu, als er aber um den Saalbau herumschwenken wollte, da hörte er lustige Stimmen drüben im Wachhäusel.
Wo es lustig zuging, da war Härtel in seinem Element und so lenkte er die Schritte hinüber und spähte zur halboffenen Türe hinein.
In der Wachstube saßen um einen großen Tisch herum ein Dutzend uniformirte und nicht uniformirte Männer, die auf sämmtlichen Stockzähnen kauend, sich an einem feisten Schinken gütlich taten. Härtel wollte schon wieder abschieben, da rief der Maler Engelbrecht in seinem damals noch unverfälschten hannöverschen Dialekt: »Sspaziren Sie nur herein, Herr Härtell, Sie dürfenn auch mal von unseremm delikatenn Schinkenn kostenn. Es ist ne ganz besonders feine Sochte, die wie Butter auf der Zunge zergeht. Ich gebe Ihnen mein Wocht, der Schinkenn stammt von einer Edelsau aus guter Familje.«
Härtel ließ sich das nicht zweimal sagen und so saß er alsbald im Kreise froher Zecher, beim löblichen Tun. Dabei erfuhr er denn, daß es zwischen den beiden Korporalen Richter und Piefky zum Streite darüber gekommen sei, daß jeder von den beiden behauptete, im Besitz der besten Schinken zu sein. Trotz der Noblesse Piefkys, der einen Schinken von zuhause geholt und zum Besten gegeben habe, bleibe Richter beharrlich dabei, sein Schinken wäre noch viel besser, freilich den Beweis für seine Behauptung bleibt er uns schuldig.
»Ich kann doch nischt derfür«, entschuldigte sich Richter. »Ich selber bin doch gar nich eso, aber meine Frau, die hält alle Händ ieber ihre Schinken.«
Schallendes Gelächter. Dann ließ sich die sonore Stimme Piefkys salbungsvoll vernehmen: »Wieviel Schinken hamm Sie denn eegentlich noch derheeme, Herr Richter?«
»Blos noch en eenzigen,« war die Antwort.
»Na da lassen Sie sich'n nur recht gut schmecken,« sagte Piefky und zwinkerte mit den Augen zu seinem Kollegen Windsheimer hinüber.
»Nu ähm!« bestätigte Windsheimer: »Mir wolln uns den guten Geschmack gar nich mehr drmit verderm.«
Da Richter, um eine in ihm aufsteigende Regung seines, in die Enge getriebenen Schützenherzens zu unterdrücken, schwieg, trat eine Gesprächspause ein, die durch einen allgemeinen Trunk ausgefüllt wurde. Als dann die Schaumspuren aus den Schnurrbärten geleckt waren, lenkte der Klempnermeister Schulz das Gespräch auf einen anderen Punkt, indem er sich mit den Worten an Leichsenring wandte: »Saang se emal, Bummelhose, wie war denn eegentlich die Geschichte damals mit'n Schilbach, wie der nein in de Laterne gerannt is?«
Leichsenring warf, ob seines verunglimpften Spitznamens, dem Sprecher einen scharfen Blick zu, dann holte er in aller Gemächlichkeit ein altes Schnappmesser aus der Hosentasche hervor, das zwar keine Klingen mehr hatte, dafür aber einen breiten Stahlrücken zum Feuerschlagen. Aus der Westentasche brachte er noch ein Stück Zündschwamm und einen Feuerstein zum Vorschein und nun pinkte er immer mit dem Kopfe nickend und jedesmal das rechte Auge zusammenzwickend, bis der Schwamm an zu glimmen fing. Diesen legte er auf den Tabak in seiner Pfeife und dann baffte er mit sichtlichem Behagen mächtige Wolkenschiebel zur verräucherten Decke empor.
Nach einer Weile drehte er sich zu seinem Nachbar Denkert herum und sagte, »dos is mr fei lieber als der Towak. Wenn ichs machen kännt, ich raachet nischt wie Feierschwamb.«
»Der riecht wenigstens besser wie Ihr Tobak,« meinte Denkert.
»Nunununuu!« machte es Leichsenring, »ne schlachstn raach ich fei noch lank net, 's is Feinschnitt, 's Pfund vr 28 Pfeng!«