Schneeberger Schützenmittwoch vor fünfizig Jahren
Part 3
»Alle bunähr!« sagte Denkert, »da kann ich freilich nich antreten mit mein Griensiegel.«
Als jetzt Schulz mahnte: »Nu was is denn also mit'n Schilbache«, da gab Leichsenring kleine Grüne bei und erzählte:
»Das war esu. Saltmol, wie de Bah fartig war un dar erschte, bekränzte Zug vun dr Schlähm rauf kumme is, do soßn doch die ganzn Grußn drinne, in Frack un mit dr Angsträhr un do war dr Herr Schilbach ah drbei. Nutwennig hoot dar doch allmeitoog und do is'r ahm in sen Stormschriet vun Bahhuf rauf ahamgebieslt. -- Iech ho ne net kumme sah; ich stand an Appetekneck un ho an nischt gedacht, wie ich mei Lamp rogeleiert ho. Zwaa Drehertsn hätt ich noch ze machn gehatt, do tuts of amol en Klerrerts, doß michs vr Schrack när esu rim gedreht hoot un wie ich hieguck, -- ich denk dr Schloog trift mich, -- mei liebr Herr Schilbach in vulln Wichs stackt mit'n Kopp in dr Lartarr. -- Sei Ziehlindr war zrkneetscht un sei Gesicht, es Vürhemmel, dar feine noble Frack, alles voller Riebeehlflackn. -- Mei Ziehlindr mit zamst dr Lamp un drei Scheim warn natierlich ah hie un 's war när e tausnds Gelick, doß 's ka Blut gaam hoot.«
»Wer hat denn ne Schaden rieber un nieber bezahlt?« frug der Lenk Karl, der damit beschäftigt war, die letzten Fleischspuren vom Schinkenknochen zu kratzen.
»Suviel ich waas, hoot dr Herr Schilbach allesmitenanner bezohlt«, sagte Leichsenring und mit ehrfurchtvollem Stirnrunzeln fügte er hinzu: »Mir hoot'r salt sugar noch e Viergutsgroschnstick -- 's war freilich e pulisch -- gaam, ich sollt mich of men Schrack wiedr stärkn. Wu mei letzte Lartarr hängt draußn ben Haustein, ho ichs besorgt. -- Odr ich soog när: Wos alles vürkumme kah.«
»Ja ja ja!« bestätigte der Weiß Heinerich mit bedächtigem Kopfnicken. »Auf dere besch--ummelten Welt passiert mannigmal Manches, was mer nich begreifen kann und doch geht alles ganz natierlich zu, grad wie mit den geheimnisvollen Schuß in Neistädtel, der hat sich itze ooch aufgeklärt.«
»Wos is dä do gepassiert? do waß ich doch gar nischt drfu« frug Leichsenring eifrig und neugierig.
»Nu das is doch scho e Gahrer dreie, viere her, wo of'n Neistädtler Vogelschießen der Rumpes runtergepfeffert worden is, ohne daß e Schuß gefalln, ohne daß e Knall geheert wordn is«, sagte Weiß.
Leichsenring zog die Schultern hoch, legte die Stirne in Falten und kam dann zu der Folgerung: »Do is ahm amende dar Rumpes mit'n Bloosrohr rogeschossn wurn.«
Soviele Ehrentitel sind noch nie auf einmal über Leichsenring gehäuft worden, wie jetzt und ärgerlich verteidigte er sich: »Ach wos! ka Schuß gefalln, ka Schuß geknallt, dos gelaab ich net, do mißt ich doch gar ka Schitz net sei!«
»Wenigstens kee _solcher_ wie Sie« bemerkte Mattausch.
»Suuu?« fuhr Leichsenring, nun erst recht beleidigt auf: »Ich will Sie emol wos soong Herr Mattausch! Meitwaang kah dr Herr Schilbach noch zahmol in de Lartarr neirenne, bei Ihne wern de Scheim nimmer eingezuung!«
»Nana, nur friedlich!« mahnte der Leutnant Süß, der den Namen mit der Tat verband, er war seines Zeichens Konditor.
Weiß nahm seine Erzählung wieder auf: »Also, wie gesagt, Niemand hatte en Schuß da draußen abgegebn und doch is eener gefalln und geknallt hats ooch«.
»Nu also!« sagte Leichsenring, aber Süß winkte ihm Schweigen zu.
Weiß fuhr fort: »Erscht vor korzen hat mirsch der betreffende Schitz drunten beim Einenkel in der »Erholung« selber erzählt, der den Schuß abgeem hat.«
»Nu also!« sagte Leichsenring und »Ruhig! -- Maulhalten!« rief es durcheinander, da frug Weiß mit erhobener Stimme: »Wißt ihr wer der Schütze war?«
»Der Teifel!« schrie Leichsenring, Leutnant Süß aber warnte ihn streng: »Wenn Sie noch einmal dreinreden, kriegen Sie kei Bier mehr.« -- Das half.
»Nenenenee!« rief Weiß, »der Teufel -- Sie meenen doch den Schneider Teufel, der warsch nich: Der Fritsche wars, drüben of'n Fritschegut, der hat mit'n Fernrohr von sein Fenster aus beobacht', wie se draußn of'n Neistädtler Schießhaus ene gute halbe Stund nach'n Rumpes gepulvert ham un da is'n die Geschicht zu langweilig worn, er hat sei neis Jagdgewehr aus'n Gewehrschrank geholt, mit grobn Rehpostn geladen un -- von sein Fenster aus den Rumpes draußen runtergewichst.«
An der Tafelrunde lief ein Ellenbogenstoßen um, nur der Leichsenring hat nichts davon verspürt und gerade der war der Einzige, der die Geschichte glaubte.
»Hei--ner--rich!!!« -- Eine weibliche Stimme wars, die den Ruf ausgestoßen hatte und der Korporal Richter wars, der dieselbe erkannte, von seinem Sitz aufsprang und hinauseilte. Draußen aber stand seine Gattin mit strahlendem Gesicht und noch keuchend vom schnellen Lauf frug sie: »Is denn wahr, daß du Keenig worden bist?«
»_Iiiich?_ -- Keenig --? Ich hab doch gar nich mit geschossn!«
Da schlug die freudige Stimmung der Gattin ins Gegenteil um und etwas spitzig frug sie: »Nu verwas hast'n nachert den Schinken holn lassn?«
»_Iiich?_ ne Schinken? ...?«
In Richters Hirn begann sich ein Seifensieder zu formen, der riesige Dimensionen annahm. Bang kam es von seinen Lippen: »Wer hat ne denn geholt?«
»Die zwee Schneiderseeln da drinne, itze steckn se ihre Kepp zesamm un vischpern mitenander, der scheene Piefke un der Windsheimer.« -- Sie fing an zu weinen.
»Warum heilst de denn?«
»Dort of'n Tisch liegt'r unner guter Schinknknochn rattnkahl abgezaust,« schluchzte die untröstliche Gattin.
»O diese -- diese --« knirschte Richter und fand keinen Ausdruck, der ihm kräftig genug schien. Aber seine Frau examinierte ihn scharf: »Wieso ham denn die gewußt, daß mir en Schinkn drheeme ham?« da wurde er kleinlaut und bekannte, daß er den Schützenbrüdern selbst den Mund wässerig gemacht habe, indem er den Schinken über den Schellenkönig gelobt habe.
Jetzt fand die Gattin das erlösende Wort: »Du Kamel! Ich hab mirsch doch gedacht, daß du wieder emal der Dumme warscht. --«
»Un du de Gescheidte, daß de ne Schinkn hergeem hast. Ich denk mir ham uns enander nischt vorzewerfn, aber ich hab schon mein Plan: -- -- Der Stoff zu en Anzug, den de mir ze Weihnachtn geem hast, der liegt doch noch in der Kommod; von den lassn mir beim Piefke en Rock un beim Windsheimer Hose und Weste machen. Alles übrige werd sich findn.«
Siegesbewußt erschien Richter wieder im Wachlokale.
Schon lange hatte das Elfeglöckel die siebende Abendstunde eingeläutet, leerer wurde es um die Vogelstange, von der August Schuhmann in seinen Erinnerungsblättern von 1819 so schön schreibt, sie sei »die Drehspindel des Vergnügens« und der Grundtext des Vergnügens sei: »Freuet euch des Lebens«.
Vor dem Saalbau stellten sich die Schützen zum Einzug auf, mit der Front nach den Fenstern zu. -- In Vertretung des Hauptmanns kommandierte Leutnant Schreyer. Das vorletzte Kommando sollte gegeben werden, doch ach, -- auch Schreyer hatte sich ein bischen zuviel des Lebens gefreut und so geschah es, daß er in der Aufregung »links -- um!« kommandierte und nun waren die Nasen nach der entgegengesetzten Seite gerichtet. Einige Schützen hatten aber doch instinktiv die richtigere Rechtswendung gemacht und so standen sich der dicke Höfer und der Fahnenträger Burkhardt Nase gegen Nase gegenüber.
»Wu willst denn du hie mit deiner Fahne«, fragte Höfer. »Ich waaß net, 's scheint nooch Wilbach nauswärts gieh ze solln. Wu willst dä du hie, mit denn dickn Bauch?« »Mit dan werd aham gerammelt un wenn ich eich alle iebern Haufn schmeißn muß. Iech ho Hunger.«
Da krähte eine helle, aber durchdringende Stimme aus der Reihe der Schützen: »Rechts -- um -- kehrt!« und nun erst konnte das Schlußkommando: »Vorwärts marsch!« erfolgen.
Als die Schützenbeine den Takt zum Radetzkymarsch stampften, da gab es außer dem Schulhausmann Wetzel noch _viele, sehr viele Wackelfritzen_.
Am anderen Morgen stand die Falks Miene droben beim Försterbeck im Laden und kaufte die gewohnten »Pfengbrotle« ein. Der Försterbeck wollte eine Unterhaltung mit ihr anbändeln. »Schies Watter ham se gehatt, de Schitzn«, sagte er. Aber die sonst so redselige Miene schien heute wortkarg zu sein, sie verhielt sich stumm. Da frug Förster: »'s is'n doch gut bekumme, ne Gust?« worauf die kurzangebundene Antwort kam: »Waaß net, der schleeft noch.«
»Nu da lossn se ne när ornlich ausruhe vun sen Strapazn«, meinte Förster und brachte damit die Miene zum reden.
»Wos? -- Strapazn? -- schiene Strapazn!« legte sie los: »odr mit eich Mannsen kah mr do net drieber redn; Max oder Alexander --« sie machte wendende Bewegungen mit den Händen -- »sis aaner wie dr Ander! Wenn ihr ins Kutteln kummt, kennt'r ka Mooß un ka Ziel.«
»Hahaha!« lachte Förster, »das kimmt ahm of Moses un de Profetn ah.«
Die Miene sah ihn verständnislos und mißtrauisch an, dann spreißelte sie: »Dos mog nu sei wies will, odr dr Kukuk waaß, wie dos bei dan Schitznbriedrn zugitt; en halm Toler ho ich men Gust mietgaam, achtzn Neigrosch hoot'r wiedr miet aham gebracht un en Mords Aff drzu.«
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
Korrekturen:
S. 11: poltrte → polterte ohgemorkst wür!« {polterte} Leichsenring
S. 19: Dienste → Verdienste dieser Anlagen wesentliche {Verdienste} erworben
S. 21 Blätterteich → Blätterteig schmalzgebackenen {Blätterteig}-, Sand- und Spritzkuchen
S. 22: vor → vor dem ausnahmsweise {vor dem} Schießhaus abhalten
S. 29: schluchtzte → schluchzte {schluchzte} die untröstliche Gattin