Schneeberger Schützenmittwoch vor fünfizig Jahren

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Chapter 13,576 wordsPublic domain

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Schneeberger Schützenmittwoch vor fünfzig Jahren.

Von _Guido Meyer_, Bamberg.

Verlag: Br. Fr. Goedsche's Buchhandlung (Karl Schmeil) Schneeberg i. Erzgebirge.

1915.

Druck: C. M. Gärtner, Schneeberg und Aue. Sonderabdruck aus dem Erzgeb. Volksfreund.

Nachdruck verboten.

Nur wenige alte Schneeberger werden sich noch auf die ehemalige Kommunalgarde entsinnen können. Schreiber dieser Blätter war zur Zeit ihrer Auflösung, im Jahre 1853, noch »Einjähriger« beim Regiment Milch und Zwieback und so kann er nur vom Hörensagen berichten, daß sie aus 700 Mann bestanden hat, die in neun Kompagnien eingeteilt waren.

Der Buchbindermeister Lehmann, Gott hab ihn selig, hat es mir gesagt und dabei versichert, daß er nie im Leben gelogen habe, nämlich, daß fünf dieser Kompagnien nicht mit Gewehren, sondern mit Lanzen, Spießen und Knüppeln, die Bäcker mit Ofengabeln und die Essenkehrer sogar mit Reisigbesen bewaffnet gewesen wären. -- Bei Fürstenbesuchen hätten die Letzteren nicht mit ausrücken dürfen, weil sie mit Ofengabeln und Besen doch nicht gut hätten »präsentieren« können.

Aber von den Feuerschützen, war die von der k. privilegierten Schützengesellschaft gestellte erste Kompagnie in militärischer Feuerdisciplin ausgebildet -- damals bestanden noch 24 Tempo zum laden und feuern -- und da die Patronen mit den Zähnen abgebissen werden mußten, konnten nur Männer eingestellt werden, die ein gesundes, natürliches Gebiß besaßen.

All diesen Vorzügen hatte es diese erste Kompagnie zu verdanken, daß sie allein, unter Beibehaltung der Gardeuniform, als die »Schneeberger Schützenkompagnie« fortbestehen durfte und so konnte man sie noch bis zum Jahre 1888 in ihrer, wie soll ich sagen -- kleidsamen Schneidigkeit oder schneidigen Kleidsamkeit, bewundern.

Freilich, so ganz uniform waren diese alten Gardeuniformen nicht. Da sie in vielen Fällen vom Vater auf den Sohn vererbt wurden, kam es zuweilen vor, daß, je nach dem Körperumfang des Vor- -- oder Nachbesitzers bei dem Einen recht gespannte Verhältnisse zutage traten, dort wieder das Bild einer verschrumpelten »Aeppelspalke« zeigte. Wieder bei einem Dritten, der von Natur etwas zu kurz weggekommen ist, peitschten die Rockschößen die Kniekehlen und beim Vierten bedeckten sie nur das nötigste mit -- Nacht und Grauen. Auch das Dunkelblau der Waffenröcke verriet so manche Mißhelligkeit und das Rot der Vorstöße hatte wohl neunerlei Variationen. Daß hie und da einmal zwischen den gelben, blanken Knöpfen ein weißer glänzte, fiel nicht weiter auf.

An die bonapartische Zeit erinnerte der »Schützenhut«, ein, allerdings nicht quer aufgesetzter, Schiffshut, den ein wehender, weißer, bei der Musik rotweißer Federbusch zierte. Diese Admiralshüte dünkten uns Jungen für viel vornehmer, als die schmucklosen Ledertschakos der Neustädtler Schützen.

Eine Ausnahme in der Kopfbedeckung machten die _Schanzer_, auch Zimmerlinge genannt: Sie trugen hohe Bärenmützen aus Pelzwerk, wodurch diese bärtigen Gesellen ein martialisches Aussehen bekamen. Ein großes ledernes Schurzfell bedeckte ihre Lenden, aber mit ihrem Schanzzeug haben sie wohl nie einen Spatenstich getan, nie einen Baum gefällt.

Kleinere, zottige Schutzfelle trugen auch die Trommler am linken Bein, damit die langen, aus der Landsknechtzeit stammenden Trommeln die Hosen nicht durchwetzen konnten. Auch rote Epauletts mit roten Franzen, nach französischem Muster trugen sie. -- Ihr Tambourmajor, der Pflastermeister Thierfelder, bot in seinen blendendweißen Hosen und seinen weißen Gamaschen, die in Kanonenstiefeln staken, einen ebenso originellen, wie imposanten Anblick. Meisterlich verstand er es, seinen goldblitzenden Tambourstab nach dem Takte der Musik in die Luft zu werfen und nach einer Reihe von Schritten wieder aufzufangen.

Die Offiziere trugen als besonderes Abzeichen ein halbmondförmiges goldenes Brustschild und der Schützenkönig, meist in Zivil, sein silbernes Schildgehänge, das noch heute die Brust des Schützenkönigs ziert.

Die »Volontäre«, das waren die nichtuniformierten Schützen sind erst _nach_ meiner Zeit mit ausgerückt. Sie mögen mit ihren schwarzen Cylinderhüten wohl stark an die Besengarde der Essenkehrer erinnert haben und ihnen, nicht zum wenigsten auch ihrer ewigen Hänselei, ist es zu verdanken, daß all die Herrlichkeit der blitzenden Uniformen der bequemen Joppe und dem Jägerhute mit Gemsbart und Spielhahnfeder weichen mußte.

Aber in diesen Blättern sollen sie wieder aufleben, die alten biederen Schützen im Königsrock und einer jener feuchtfröhlichen Schützenmittwoche aus Väterzeiten soll wieder schimmern in pfingstsonnigem Glanz.

* * * * *

Bumderrrabum! -- Durch die altehrwürdigen Gassen Schneebergs trommelten die Leichsenringe in sonniger Morgenfrühe den Schützenweckruf:

Kamerad kumm! Kamerad kumm! Sollst zu deinem Hauptmann kumm! Sollst en Buckel voll Prügel bekumm! ...

Da krochen die Schützen heraus aus den Betten und hinein in die schwarzen Schützenhosen und als dann die Glocken von St. Wolfgang die achte Stunde verkündet hatten, da hörte man bald hier, bald dort eine Haustüre klingeln und nun: »Kommt der Schütz gezogen, früh im Morgenstrahl.«

Auch der Falke Gust erschien im Rahmen seiner Haustüre in voller Schützenuniform, das Kuhbein auf der Schulter. Aber nicht wie die anderen konnte er spornstreichs dem Stellungsplatze zu, enteilen, denn seine bessere Ehehälfte, die Miene, war hinter ihm erschienen und hielt ihn am Kuppel fest. Sie hatte ihm noch einige gute Ermahnungen mit auf den Weg zu geben und eindringlich sprach sie auf ihn hinein: »Doß de mr fei zemittig zun Assn aham kimmst, Gust! ich soog drsch fei!« Der Gust aber begehrte auf: »Du denkst wuhl, en Harigschwanz un e paar Aadippeln halber laatsch ich zemittig vun Schießhaus aham? iech waß noch net emol, öb ich zun Ohmdsassen aham kumm, do werschte mit 'n Bittlich schu allaa fartig warn.«

Da wurde die Miene aber rackerig, sie schrie fast: »Wos, du Lumig! Mei Assn is dr wuhl net gut soot! -- Freilich, fer miech is alles gut, dei Fraa kah sich drham rimschindn un ploong, wenn du när draußn bei 'n Schitznbriedern klaam bleim un aa Dippl Lager noonge annern neischmattern kast in de Unendlichkeit, de werscht schu drfür sorring, doß de net ze korz kimmst. -- Morring in hallichter Frien kimmste wiedr esu windschief ahgeland wie vunnegahr, wu de mit'n Schlissl de ganze Haustir zrkrahlt host, weil de 's Schlisslloch net drwischn kunntst. -- Dos soog iech dr Gust! iech mach dr fei nimmer auf, meitwaang kaste noochert draußn bei dr Vuglstang kampirn«. -- Da hellte sich plötzlich ihr Gesicht auf, mit einem Schub gab sie ihren Gust frei und rief dem Davoneilenden triumpfirend nach: »'s is när gut, doß wos gut drfir is!« -- Dann trat sie hinaus auf die Straße, sah ihm nach, so lange sie ihn sehen konnte und flüsterte ganz glückselig: »E schiener Karl is 'r doch, mei Gust in seiner Schützenuniform. Freilich, wenn 'r sist vun Ufenausputzn aham kimmt, do sieht 'r esu dracket aus, wie e geraachertr, ins Aschnloch neigeporzelter Schwartnmoong.«

Inzwischen schritt Gust eilends den Kasernenberg hinauf, er hatte den Nachruf seiner Miene noch gehört, nun lachte er stillvergnügt vor sich hin und sagte halblaut: »Gieh när du alter Geizkroong! mit dan halm Toler, dan de mr mietgaam host, kah ich mr freilich kan Utan-Urang kaafn, obr de hast schu racht Alte: 's is när gut, doß wos gut drfir is!« Bei den letzten Worten hatte er sich umgedreht und als er die Miene noch drunten stehen sah, schlug er sich an die Schützenbrust, wo in einer verborgenen Tasche einige größere Geldstücke klimperten und da er jetzt außer Hörweite war, rief er laut: »Do sitzn de Mussekantn, Moses un de Profetn!« -- Hohnlachend verabschiedete er sich mit den Worten: »Du Schoof, du dumms!« Er bemerkte es gar nicht, wie der Bäckermeister Förster, der hemdärmelich unter seiner Türe stand, ihm verständnisinnig zunickte.

Das »dumme Schoof« aber, trat strahlenden Gesichts den kurzen Heimweg an und die kirschroten Lippen hauchten: »Ach Gottle! er hoot sich noch emol imgedreht nooch mr, ahgelacht hoot 'r mich un zugenickt hoot 'r mr, sugar de Hand hoot 'r ofs Harz gelegt! 'r is mr doch noch racht gut, mei Gust -- -- iech ne obr ah! Ich will se 'n när gönne, Bei Schitzenmietewoch, er is doch sist es ganze Gahr esu brov.« -- --

Auf ihrem Sammelplatz draußen in der Grießbächer Gasse standen die Schützen in plaudernden Gruppen beisammen. Die einen freuten sich in festfroher Stimmung über das prachtvolle Pfingstwetter, andere sprachen über die neuesten Kriegsereignisse in Schleswig-Holstein. Wieder andere kritisierten die vorübergehenden Passanten.

Der kleine, schmächtige Reichelt Heinrich streckte die Hand nach der Apotheke zu aus und rief: »Guckt när, guckt, dort vorne die dicke Pfanneschmidtn, die hoot doch vrdeckis e Krineline ah wie ene Reitschul! sollt mr dä net maane, de gruße Glock wacklet dorte rim?« -- Da krähte der Klinge Schneider: »Hatt'rsch dä schu gesah? es Klemperstötzel schwenkt fei itze sunntigs ah mit ener Krineline rim! Schockweiß sei de Gunge hintnnoch geloffn un ham geschriern: Klemperstötzel, trat fei net of deine Faßreifn! -- Wos die danne Gunge wieder ennoochgeschriern hoot, kennt'r eich denkn.«

Vorn, am Feineeck standen die Trommler, die Leichsenringe mit den Zimmerlingen zusammen. Ihr Gespräch drehte sich um die Person ihres Tambourmajors, der an einsamer Tête, jeder Zoll ein Feldherr, die Rechte weit abgestreckt auf dem Knauf seines Tambourstabes gestützt, in unnahbarer und unnachahmlicher Grandezza stand.

Der Leichsenring August meinte: »Wie aus Staa gemeislt stitt'r dorte, mr mecht ball maane, er wär e General un kummedieret's Ganze.«

Der Traugott lachte: »Emol is 'r odr doch mit zamst sen Stolz nei in Drack geflung. Vor e Gahrer dreie, viere warsch wuhl, ben Schitznauszug do hoot'r draußn vr dr Hauptwach 's Trompetl vrsaah, grod wollt'r sen Stackn wiedr auffange, do is 'r iebr en grußn Pflastrstaa gestolpert un mit zamst sen Stackn, dan'r gerod noch drwischt hoot, loog'r ofn Bauch. Fix wie dr Teifl war'r freilich wiedr auf, odr en grußn blutrutn Flack hatt'r of seiner weißn Huus, dar immer grässer war. Ben Hieplumpsn hoot sei Flaschl mit Kersch un Rum drah gelaam missn un war guttegahr ausgeloffn. -- Dar luus sich odr fei net faag findn, sen Stackn hoot'r akkerat esu in de Luft gefeiert, als wenn gar nischt gepassirt wär.

Wie mr naus kumme sei vr Schießhaus, war de Huus wiedr treich, odr ahgeklabbt war'sche wie geleimt ofs linke Baa. Ne annern Toog is'r obr kumme mit seinr Rammel un hoot dan Pflasterstaa korz und klaa gepucht.« -- --

Bei den Musikern bewegte sich das Gespräch in höheren Sphären, man sprach vom Schneeberger Theater.

Die ~B~-Klarinette, der Bretschneider-Fritz, vertrat die Meinung, daß der Direktor Leichsenring seinen Erfolg nur dem Umstand zu verdanken habe, daß er ein geborener Schneeberger sei. Aber die ~A~-Klarinette machte es: »Papperlapapp! E paar scheene Larven sin's, die's Deater voll machen. Der schöne Retzlaff, der die Weibsen drei Meiln im Umkreis verrickt gemacht hat -- und die Freilein Wesche, derzulieb jeder Rotzlaff ins Deater rennt.«

»Halt eire Klarenettenschnäbel!« warf der Flötist Schürer ein: »Wie warsch denn neilich in der Regimentstochter, wo die Wesche die Marie gesunge hat? da hat doch von eich zween kee Luder mehr uff de Noten geguckt, da hab ich mit der Fleet egal einspringen missen, sonst wär's zweete Regiment fei nich 'rangerickt.«

»Ei ei ei!« heuchelte die ~C~-Trompete, der lange Dörfel: »Aber Kunst, werkliche Kunst is doch ooch derbei. Der Wurm, er is freilich kee Adonis, denn en Buckel hat er, wie e Dromedar, aber singe kann der -- singe, mer gloobt ne Devrient zu heern.«

»Hostn du schu emol ne Devrient geheert?« höhnte der Posaunist Greiner. »Du bist doch noch net zum Loch naus kumme, hechstns emol nieber of'n Auer Garmerich.«

»Meenste? -- Da frag emal ne dicken Bretschneider, mir warn erscht vor Korzen in Leipzig, im Gewandhauskonzert.« »Hatt'r ah miet geblosn?« grinste die ~Es~-Trompete, der Heimtücker Strubelt, aber der dicke Bretschneider schnauzte ihn an: »Du, herrschte Strubelt, der, der dorte die Tuba geblasen hat, der konnt's anderscht wie du, da gabs keene Mißtön, wie du se mannichsmal aus deiner Kanone nausfeierscht«.

Die Tuba aber gab schlagfertig und bissig zurück: »Esu natierlich klinge se freilich net wie die, die du ze denn Fagott nausprasselst«. Damit hatte er die Lacher auf seiner Seite. Am lautesten aber lachte der lahme Bretschneider und es war schon mehr ein Giebsen, als er rief: »Un ah net esu laut, wie dar Kanuneschuß neilich in dr Prob, aus'n Anton sein Waldhorn!«

»Ho ich dich drwischt!« brüllte der Wünsch Anton. »Ka annerer Mensch is gewasn als du, dar mr salt dan Papierstöppel in's Mundstick neigedreht hoot.« --

»Vertragt euch doch, Kinder!« mahnte jetzt der Konzertmeister Reiser. »Was sollen denn die Leute von euch denken, wenn sie euren Dischput hören!«

Und richtig, der Weiß Potscher, der in der Nähe gestanden hatte, mischte sich ein. »Wissn se, Herr Reiser«, sagte er, »'s Blosn mit dr Gusch is schwar, iech hoo's ah schu probiert, ich wollt doch salber e Mussegant warn, odr ich kunnt noch esu schie neiblosn ins Trumpetl, 's is doch allemol esu garschtig wiedr rauskumme.«

Drüben an der Ladentüre der Langapotheke stand, bei seinem Freund Heyner, der Stadtmusikdirektor Meyer und erzählte von seinen Monstrekonzerten, die er als hannöverscher Musikmeister mit acht vereinigten Militärkapellen vor Sr. Majestät dem König Ernst August veranstaltet hatte. Da erscholl das Kommando: »Antreten!«

Meyer reichte Heynern die Hand zum Abschied, mit den Worten: »Siehste Heyner, _so_ hat mir Majestät die Hand gedrückt und dabei gesagt: »Meyer, das war eine Glanzleistung von Ihnen.««

Heyner zog bei dem Händedruck erst das eine, dann das andere Bein in die Höhe, jetzt fing er an zu tanzen und schrie: »Autsch! Dunnerwetter! Hol der Teufel Deine Glanzleistung!« -- Da legte Meyer seine weißbehandschuhte Rechte salutierend an den goldverbrämten Dreimaster und mit einem Lächeln der Befriedigung auf den Lippen, schritt er zu seinen Leuten hinüber.

Inzwischen waren die Schützen in vier Gliedern angetreten. Feldwebel Schmidt entnahm seiner dicken Brieftasche eine Liste und verlas aus derselben die Namen der Gardisten. In allen Tönen, aus der hellsten Schneiderkehle, bis zum dröhnenden Böttcherbaß, erklang das »Hier!« Nur einmal blieb es aus, als der Laternenwärter Leichsenring, vulgo Hosenbummel, aufgerufen wurde.

»Auf den wird nicht gewartet, der ist sowieso schon zu alt für den Dienst«, entschied der Hauptmann Röder. Er wollte das Schwert ziehen, aber das ging nicht so leicht. Korporal Günther (der Planitzer) half ihm ziehen, da gab es einen Ruck, der Säbel flog heraus und der Hauptmann in die große Trommel, die wohl einen dumpfen Ton von sich gab, aber Stand hielt. Günther hatte sich an den dicken Höfer angeklammert, der ebenfalls einen knurrenden Ton von sich gab, aber auch Stand hielt.

Als sich der Hauptmann von seinem Schreck erholt hatte, trat er an die Front und wollte »Achtung« kommandieren, da rief der Vizekorporal Kleinert: »Herr Hauptmann! dorte kommt der Bummel aus'n Apothekergässel raus!«

»Der hat ja hellgraue Hosen an!« riefen gleich drei auf einmal. -- Des Hauptmanns Blicke verfinsterten sich und er knurrte dem Spätling entgegen: »Zu spät kommen Sie und auch noch in einem solchen Aufzug? Sie treten nicht ein!«

»Ich waß schu Herr Hauptmah, ich wollt mich ah när zer Schtell maldn. Odr ich kah wassettersch nischt drfier, mei Schitznhus war untnrim ausgetriefelt un do ho ich se heit frieh nauf zun Heisler Schneider geschickt, dar soll se frisch eiseime, dar hoot mrsche odr net wiedrgebracht. Grod kumm ich vunne har, net emal drham war'r.« -- In diesem Augenblick flog ein Freudenschimmer über das Heldengesicht Leichsenrings. »Herr Hauptmah« rief er aus; »Wartn se när noch fimf Minutn; dorte kimmt dar Heislerschneider mit dr Hus iebern Arm im's Richtereck rim.« Ohne eine Antwort abzuwarten, stürmte er davon, packte den Häusler beim Kragen und schob ihn vor sich her in die Hausflur der Garküche hinein.

Der Häusler Schneider hatte, während Leichsenring zu ihm gegangen war, die fertige Hose zu diesem getragen. Da aber jeder einen anderen Weg einschlug, hatten sie sich umgangen. Nun war der Häusler mit der Hose nach dem Topfmarkt getrippelt, wo gewöhnlich die Aufstellung stattfand. Hier war aber infolge eines Rohrbruches das Pflaster aufgerissen und da er sich wegen seiner Stocktaubheit mit niemandem verständigen konnte, war er aufs geradewohl hinüber nach der Ziegengasse getrippelt. Als er da auch keine Schützen sah, nach der Griesbächer Gasse. Schon von weitem hatte man ihn rufen hören: »Bebebummel! Bebebummel!«

Der Hauptmann hatte fünf Minuten gewartet, es wurden sechs, sieben Minuten, Leichsenring kam nicht wieder. Da wurden zwei Schützen zur Nachforschung abkommandiert, die alsbald in der Garküche verschwanden. In der Hausflur hörten sie schon einen Mordsspektakel aus einem sonst verschwiegenen Ort und als sie dort hineintraten, fanden sie den Leichsenring in Socken und Unterhosen, wie er den Häusler Schneider an die Wand gekreuzigt hielt und ihm eine Standrede hielt, über die Dummheit: »Wie se in hunnerttausend Gahrn noch net dogewasn is un ah net wiederkimmt.«

Als er der beiden Schützen ansichtig wurde, ließ er sein Opfer los. »Gott sei getrummelt un gepfiffn!« rief er aus: »hot dä kaner vun Eich e scharfs Masser eistackn?«

»De wärschtn doch net epper ohmorksn wolln?« fragte der Wittig Franz entsetzt.

»Schoden kennts dan nischt, wenn'r emol ohgemorkst wür!« polterte Leichsenring. »Do guckt när emol har, wos dos Kamel do fartig gebracht hoot: meine Schitznhus hoot'r mr untn frisch eiseime solln un doderbei hoot'r sche mr guttegar untn zugeneeht. Itze halft mr när aufschlitzn, mit dan Brummochs -- wu is'r dä hie? -- war doch nischt ahzefange: Kah Scheer, kah Messr drbei, blus de Schnupptewaksduhs hatt'r eistackn.«

Na, die Hose war schnell wieder aufgeschlitzt, sie triefelte zwar wieder, wie zuvor, aber in kurzer Zeit stand Leichsenring in Reih und Glied.

Nun erfolgten die Kommandos: »Achtung! Augen -- rechts! Richtung! Höfer -- 'n Bauch nein! Augen -- geradaus! Schulterts -- Kepp! Iebersch -- Kepp! Rechts -- um! Vorwärts -- marrrsch!«

Unter Trommelschlag schwenkte alsbald die Kompagnie um den goldenen Ring herum. Am Rathaus wurde Halt gemacht, um die Fahne abzuholen. Unter den Klängen des Norma-Marsches trat die Fahnensektion ein, der Hauptmann kommandierte: »Links -- um! Vorwärts -- marrrsch!« Thierfelder hob den Tambourstab, der Radetzkymarsch setzte ein und der Tambourstab flitzte und blitzte durch die pfingstsonnige Luft im Takte auf und nieder.

Als die Schützen an der Hauptwache vorbeizogen, stand dort die Wachmannschaft des achten Bataillons mit präsentiertem Gewehr und die Schützen erwiderten diese Ehrenbezeigung durch Schultern des Gewehres, während der Fahnenträger Burkhardt in verwegenster Weise die Fahne schwenkte.

Als der Zug an der Hauptwache vorbei war, ließ der Wachoffizier Graf Kameke abtreten, er selbst aber stellte sich an die Barriere, sein Gesicht verzog sich zu einem grinsenden Lachen: im letzten Glied der Schützen marschierte ein Mann, dessen Federstutz bei Schritt und Tritt einen Bogen von neunzig Grad beschrieb und dessen Bajonett bald mit dem des linken bald mit dem des rechten Nebenmannes zusammenklirrte.

Der Wackelfritze, über den er sich so belustigte, war der Schulhausmann Wetzel.

Der Schützenzug war von einer Schar jugendlicher Trabanten dicht umschwärmt. Zumeist waren es Schützensprößlinge, die ihres Vaters Schützenmütze in der Hand trugen. Ein barhäupt- und barfüßiger Junge trug sogar deren zwei.

Als nun die Musik schwieg, und nur die Trommeln rasselten, frug ein anderer, behäupteter und gestiefelter Junge den Barfüßler: »Wäm geheeren denn die zwee Mitzen eegentlich, die du nausträgst?«

»Die Aane gehärt men Voter« entgegnete der Barfüßler, »un die annere men Vetter Henner. Vun en Gedn« setzte er geschwätzig hinzu: »krieg ich en Dreier fersch Naustroong.«

»So? was koofst du dir denn draußen für deinen Sechser?«

»Dos waas ich salberscht noch net. Vielleicht, -- vielleicht ene Brootworschtbriehsammel und e sauere Gork, oder e Ei un en Bittlich. -- Kriegst du ah ewos fersch Naustroong?«

»Versteht sich! -- ne halbe Bratwurscht,« bestätigte der Gestiefelte.

Da blitzte es neidisch und feindselig in den Augen des Barfüßlers auf. Rückwärts tretend verkrümelte er sich in die Menge und ehe er in derselben verschwand, rief er giftig: »Wenn dr när dr Hund de Brootworscht aus dr Pfut ruppet, du Aff du grußfrasseter!«

Es wäre vielleicht zu einer Verfolgung und zu einer Prügelei gekommen, hätte nicht die Musik wieder eingesetzt, zum zweiten, zum Lieblingsmarsch der Jugend und hundert helle Kehlen fielen mit ein in die Melodie: »Koch, koch Lindenthee, denn mir tut der Bauch so weh.« -- --

Während sich nun der Zug allmählich dem Schießhause näherte, gingen draußen »unter den Linden« zwei würdige alte Herren auf und ab spazieren. Der eine davon war der Kauf- und Handelsherr Rupprecht, (infolge seines Spielwarenhandels unser Weihnachtsrupperich) der andere war dessen Hausgenoß der schwerhörige Tuchhändler Günther.

Als diese beiden Herren, abwärts schreitend in die Nähe der Reitbahn kamen, da hielt grade der Müller Heinrich die Lunte auf das Zündloch eines Böllers und »_bauz_« krachte es, daß es in den Bergen widerhallte. Rupprecht fuhr erschrocken in sich zusammen und blieb stehen. Günther aber drehte ihm mit freundlichem Lächeln das Gesicht zu und frug: »Was haste gesagt, Rupprecht?« Auf die abwehrende Geste Rupprechts setzte Günther hinzu: »De weest doch Rupprecht, ich häre e bischen schwer -- da mußte schon e bissl lauter sprechen.« Da krachte ein zweiter Schuß, Günther schüttelte den Kopf und sagte: »Ich kann dich immer noch nich recht verstehen, Rupprecht, ich habe blos Bach verstanden. Meenst du den Bäcker Bach?«

Das Eintreffen der Schützen drunten am Schießhaus war jetzt Rupprecht ein willkommener Anlaß, aus der Nähe der Böller und über weitere Fragen Günthers hinwegzukommen. Er deutete mit der Hand hinunter, Günther nickte verständnisvoll mit dem Kopf und beide Herren gingen hinab, um sich das kriegerische Schauspiel anzusehen.

Hier erschollen wieder die Kommandos: »Halt! Rechts -- um! Schulterts -- Kepp! Präsentierts -- Kepp!«

Unter den Klängen des Marsches aus Norma wurde die Fahne auf ihrem Ständer gehißt, die Wache zog auf und als dann endlich die Schlußkommandos: »Los! Tret' -- ab!« erfolgten, dann gab es stöhnen, blasen und fauchen, die Mützenjungen traten in Funktion und nahmen die schweißtriefenden Schützenhüte, Gewehr und die Koppel mit dem Seitengewehr und der Patronentasche in Verwahrung.

Die Schützen aber rissen die Knöpfe des Waffenrockes auf, holten das blaurotgewürfelte Taschentuch mitsamt der Pfeife und dem Tabaksbeutel aus der Schößentasche und nachdem die Schweißperlen auf den Glatzen trocken gefummelt waren, wurde die schon zuhause gestopfte Pfeife in Brand gesetzt.

»Gott sei Dank, daß mr da sin!« stöhnte der eine und der Falke Gust jammerte: »Dan Dorscht, dan Dorscht!«

Bald füllte sich der geräumige Saal im »Alten Verein« wie auch das Schenkzimmer im alten Schießhaus und bald auch knallten die Büchsen im Scheibenstand.