Schillers Flucht von Stuttgart und Aufenthalt in Mannheim von 1782-1785

Part 9

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Für Herrn Meier war es eine unangenehme, lästige Aufgabe, dem jungen Manne, den er als Dichter und Menschen gleich hoch achtete, die Ansichten des Baron Dalberg über Fiesco und warum er sich in keinen Vorschuß einlassen könne, auseinander zu setzen. Er wußte jedoch seinen Ausdrücken eine solche Wendung zu geben, daß sie keinen der beiden Gegenstände hart berührten, sondern alles so gelind als natürlich darstellten. Auch gab er die Versicherung, daß Fiesco unbezweifelt angenommen werde, sobald er um mehrere Szenen abgekürzt und der fünfte Akt ganz beendigt sei. Schiller benahm sich auch bei dieser Gelegenheit wahrhaft edel und weit über das Gewöhnliche erhaben; denn so sehr ihm aus oben berührten Rücksichten daran gelegen sein mußte, den Preis seines Stückes schon jetzt zu haben, so sehr er auch sein in den Baron Dalberg gesetztes Vertrauen nur durch Ausflüchte erwidert fand, so sprach er doch kein Wort, das irgend eine Art von Empfindlichkeit über die vereitelte Hoffnung hätte erraten lassen oder als Widerlegung der über Fiesco gemachten Bemerkungen hätte ausgelegt werden können. Mit der freundlichen, männlichen Art, die im Umgang ihm ganz gewöhnlich war, leitete er das Gespräch darauf hin, den Ort zu bestimmen, wo er sich einige Wochen, als solange die Umarbeitung wohl dauern werde, ruhig und ohne Gefahr aufhalten könne. Aus vielen Ursachen wurde es am besten befunden, wenn er hier in Oggersheim bleibe. Dieses sei nur eine kleine Stunde von Mannheim entfernt, er könne, so oft er es nötig finde, des Abends in die Stadt kommen und wäre in der Nähe seiner Bekannten und Freunde wenigstens nicht ganz ohne Hilfe, wenn sich etwas Widriges ereignen sollte.

Da die von Madame Meier den Reisenden eingehändigten Briefe aus Stuttgart noch immer von Gefahr der Auslieferung sprachen und die möglichste Verborgenheit empfahlen, so wurde der Name Ritter, den Schiller bisher geführt, in Doktor Schmidt umgewandelt und er von den Anwesenden in Gegenwart des herbeigerufenen Wirtes also gleich mit diesem Titel angeredet. Auch hier wurde der Betrag für Kost und Wohnung auf den Tag bedungen und Madame Meier ersucht, die in Mannheim gebliebenen Koffer und das Klavier den Reisenden übermachen zu wollen. Der eintretende Abend schied die Gesellschaft. Die Freunde, nun wieder ganz auf sich eingeschränkt, begaben sich auf das ihnen angewiesene Zimmer, wo sie aber nur ein einziges Bett vorfanden, mit dem sie sich begnügen mußten.

Da man die täglichen Kosten des Aufenthaltes wußte, so ließ sich leicht berechnen, daß die Barschaft auf höchstens drei Wochen ausreichen könne, in welcher Zeit Schiller seine Arbeit zu beendigen hoffte. Allein es ließ sich leicht voraussehen, daß dieses nicht der Fall sein würde, indem er viel zu sehr mit seinem neuen Trauerspiel beschäftigt war und schon am ersten Abend in Oggersheim den Plan desselben aufzuzeichnen anfing. Gleich bei dem Entwurf desselben hatte er sich vorgenommen, die vorkommenden Charaktere den eigensten Persönlichkeiten der Mitglieder von der Mannheimer Bühne so anzupassen, daß jedes nicht nur in seinem gewöhnlichen Rollenfache sich bewegen, sondern auch ganz so wie im wirklichen Leben zeigen könne. Im voraus schon ergötzte er sich oft daran, wie Herr Beil den Musikus Miller so recht naiv-drollig darstellen werde und welche Wirkung solche komische Auftritte gegen die darauffolgenden tragischen auf die Zuschauer machen müßten. Da er die Werke Shakespeares nur gelesen, aber keines seiner Stücke hatte aufführen sehen, so konnte er auch noch nicht aus der Erfahrung wissen, wie viele Kunst von seiten des Darstellers dazu gehöre, um solchen Kontrasten das Scharfe, das Grelle zu benehmen, und wie klein die Anzahl derer im Publikum ist, welche die große Einsicht des Dichters oder die Selbstverleugnung des Schauspielers zu würdigen verstehen.

Er war so eifrig beschäftigt, alles das niederzuschreiben, was er bis jetzt darüber in Gedanken entworfen hatte, daß er während ganzer acht Tage nur auf Minuten das Zimmer verließ. Die langen Herbstabende wußte er für sein Nachdenken auf eine Art zu benützen, die demselben eben so förderlich als für ihn angenehm war. Denn schon in Stuttgart ließ sich immer wahrnehmen, daß er durch Anhören trauriger oder lebhafter Musik außer sich selbst versetzt wurde, und daß es nichts weniger als viele Kunst erforderte, durch passendes Spiel auf dem Klavier alle Affekte in ihm aufzureizen. Nun mit einer Arbeit beschäftigt, welche das Gefühl auf die schmerzhafteste Art erschüttern sollte, konnte ihm nichts erwünschter sein, als in seiner Wohnung das Mittel zu besitzen, das seine Begeisterung unterhalten oder das Zuströmen von Gedanken erleichtern könne.

Er machte daher meistens schon bei dem Mittagtische mit der bescheidensten Zutraulichkeit die Frage an S.: »Werden Sie nicht heute abend wieder Klavier spielen?« -- Wenn nun die Dämmerung eintrat, wurde sein Wunsch erfüllt, während dem er im Zimmer, das oft bloß durch das Mondlicht beleuchtet war, mehrere Stunden auf und ab ging und nicht selten in unvernehmliche, begeisterte Laute ausbrach.

Auf diese Art verflossen einige Wochen, bis er dazu gelangte, über die bei Fiesco zu treffenden Veränderungen mit einigem Ernste nachzudenken; denn so lang er sich von den Hauptsachen seiner neuen Arbeit nicht loswinden konnte, so lange diese nicht entschieden vor ihm lagen, so lang er die Anzahl der vorkommenden Personen und wie sie verwendet werden sollten, nicht bestimmt hatte, war auch keine innere Ruhe möglich.

Erst nachdem er hierüber in Gewißheit war, konnte er die Anordnungen in dem frühern Trauerspiel beginnen, wobei er aber dennoch den Ausgang desselben vorläufig unentschieden lassen mußte. Daß dieser Ausgang nicht so sein dürfe, wie er durch die Geschichte angegeben wird, wo ihn ein unglücklicher Zufall herbeiführt, blieb für immer ausgemacht. Daß er tragisch, daß er der Würde des Ganzen angemessen sein müsse, war ebenso unzweifelhaft. Nur blieb die schwierige Frage zu lösen, wie, durch wen oder auf welche Art das Ende herbeizuführen sei? Schiller konnte hierüber so wenig mit sich einig werden, daß er sich vornahm, alles Frühere vorher auszuarbeiten, die Katastrophe durch nichts erraten zu lassen und obige Zweifel erst, wenn das übrige fertig wäre, zuletzt zu entscheiden.

Beinahe ein Monat war verflossen, und Fiesco noch immer nicht vollendet; ja wäre der Dichter nicht gezwungen gewesen, alles zu versuchen, um sich aus seiner Verlegenheit zu retten, so wäre dieses Stück sicher erst dann umgearbeitet worden, wenn er das bürgerliche Trauerspiel ganz fertig vor sich gesehen hätte.

Nur diejenigen, welche nicht selbst Fähigkeit zu Arbeiten haben, wobei Begeisterung und Einbildungskraft beinahe ausschließend tätig sein müssen, können diese Unentschlossenheit, diese Zögerungen Schillers eines Tadels würdig finden. Zu Werken des ruhigen Verstandes, der kalten Überlegung läßt sich der Geist leichter beherrschen, sogar öfters nötigen; da im Gegenteil Dichter oder Künstler auf den Augenblick warten müssen, wo ihnen die Muse erscheint, und diese, so freigebig sie auch gegen ihre Lieblinge ist, sich doch alsobald mit Sprödigkeit wegwendet, wenn die dargebotenen Gaben nicht augenblicklich erhascht werden. Aus diesen Gründen lassen sich bei einem Jüngling, dessen Trieb zur Dichtung so vorherrschend ist, daß alle übrigen Eigenschaften bloß diesem zu dienen bestimmt sind, Ideen, die sein Inneres aufgeregt haben, so wenig abwehren, daß, wenn er es auch versuchen wollte, sie doch immerdar den Hintergrund seiner Gedanken bilden würden und er nicht früher zur Ruhe gelangen könnte, bis er nicht wenigstens die Zeichnung entworfen hätte.

Daß Schiller unter diesen Hochbegünstigten Apollos einer der vorzüglichsten war, dafür spricht jede Zeile, die er niederschrieb. Aber auch ungerechnet die Verhinderungen, welche ihm sein eignes Talent in den Weg brachten, konnte die Ursache, wegen welcher er den Fiesco gerade jetzt beendigen mußte, für ihn nichts weniger als erfreulich sein. Denn so hoch er die Gaben des Himmels achtete, so gleichgültig war er gegen diejenigen, welche die Erde bietet, und es war gewiß nicht ermunternd, zur Erwerbung der letzteren sich gezwungen zu wissen. Der Aufenthalt in Oggersheim war in dem feuchten, trüben Oktobermonat gleichfalls nicht erheiternd.

Mochten auch die nach Mannheim und Frankenthal führenden Pappelalleen anfangs recht hübsch aussehen, so fand man doch bald, daß sie nur darum angepflanzt seien, um die flache, kahle, sandige Gegend zu verbergen; daher waren die Reisenden um so früher an der mageren Aussicht gesättigt, als sie von zarter Jugend an an die üppigen Umgebungen von Ludwigsburg und Stuttgart gewöhnt waren, wo, besonders bei letzterer Stadt, überall Gebirge das Auge erfreuen oder schon die ersten Schritte aus den Stadttoren in Gärten oder gut gepflegte Weinberge führen.

Im Hause selbst war der Wirt von rauher, harter Gemütsart, welche seine Frau und Tochter, die sehr sanft und freundlich waren, öfters auf die heftigste Art empfinden mußten. Nur der Kaufmann des Orts war ein Mann, mit dem sich über mancherlei Gegenstände sprechen ließ, da er ein sehr großer Freund von Büchern und, zu seinem nicht geringen Nachteil, ein wahrhaft ausübender Philosoph war. Wollte Schiller mit Meier oder Herrn Schwan sich unterreden, so konnte er nur um die Zeit der Dämmerung in die Stadt gehen, wo er dann über Nacht bleiben mußte und erst bei Anbruch des Tages zurückkehren konnte. S. war, was diesen Umstand betraf, viel freier, weil er für sich keine Gefahr befürchten zu dürfen glaubte. Er war manchen halben Tag daselbst, um Bekanntschaften anzuknüpfen, die ihm in der Folge sehr nützlich wurden.

Der Oktober nahte sich seinem Ende und mit diesem auch die Barschaft, welche beide mit hieher gebracht hatten. Es blieb kein anderes Mittel, als daß S. noch einmal nach Hause schrieb und seine Mutter bat, ihm den Rest des ihm nach Hamburg bestimmten Reisegeldes hieher zu schicken, indem er wahrscheinlich genötigt sein werde, in Mannheim zu bleiben, wenn sich das Schicksal Schillers nicht so vollständig verbessere, als beide erwarteten.

Endlich war in den ersten Tagen des Novembers das Trauerspiel Fiesco für das Theater umgearbeitet und ihm der Schluß gegeben worden, welcher der Geschichte, der Wahrscheinlichkeit am angemessensten schien. Man darf glauben, daß die letzten Szenen dem Dichter weit mehr Nachdenken kosteten als das ganze übrige Stück, und daß er den begangenen Fehler, die Art des Schlusses nicht genau vorher bestimmt zu haben, mit großer Mühe gut zu machen suchen mußte. Aber in welchen unruhigen Umständen befand sich der unglückliche Jüngling, als er dieses Trauerspiel entwarf! Und wie war die jetzige Zeit beschaffen, in welcher er ein Werk ausführen sollte, zu dem die ruhigste, heiterste Stimmung erfordert wird, die durch keine Bedrückung des täglichen Lebens, keine Beängstigung wegen der Zukunft gestört werden darf, wenn die Arbeit zur Vollkommenheit gebracht werden soll! Seine lebhafte, kühne Phantasie, sonst immer gewöhnt sich mit den Schwingen des Adlers in den höchsten Regionen zu wiegen, wie stark war diese von der traurigen Gegenwart niedergehalten! Mit welchen schweren bleiernen Gewichten zu dem Gemeinen, Niedrigen des Lebens herabgezogen! -- In den verflossenen neun Jahren durfte er seinem leidenschaftlichen Hang zur Dichtkunst nur verstohlenerweise einige Minuten, höchstens Stunden opfern; denn er mußte Studien treiben und Geschäfte verrichten, die mit seinen Neigungen, seinem mit poetischen Bildern überfüllten Geist in dem härtesten Widerspruch standen; und es gehörten so reiche Anlagen wie er besaß dazu, um über die vielen stets sich erneuernden Kämpfe nicht in Wahnsinn zu verfallen, sowie sein weiches, zartes Gemüt, um sich allen Anforderungen zu fügen. Ohne eigne Erfahrung hätte er in späterer Zeit seinen poetischen Lebenslauf in der herrlichen Dichtung »Pegasus im Joche« unmöglich so getreu darstellen, so natürlich zeichnen können, daß derjenige, der mit seinen Verhältnissen vertraut war, recht wohl die Vorfälle deuten kann, auf die es sich bezieht. Laßt uns den Dichter wegen der Mängel, die sich in Fiesco, in Kabale und Liebe finden, nicht tadeln; vielmehr verdient es die höchste Bewunderung, daß er bei den ungünstigsten äußern Umständen die Kräfte seines Talentes noch so weit bemeistern konnte, um zwei Werke zu liefern, denen, um ihrer vielen und großen Schönheiten willen, die späte Nachwelt noch ihre Achtung nicht versagen wird.

Mit weit mehr Ruhe und Zufriedenheit als früher begab sich Schiller nach der Stadt, um Herrn Meier das fertige und ins Reine geschriebene Manuskript einzuhändigen. Da er alles geleistet, was der Gegenstand zuließ, oder von dem er hoffen konnte, daß es den Wünschen des Baron Dalberg sowie zugleich den Forderungen der Bühne angemessen sei, so glaubte er auch, daß seine Bedrängnisse bald beendigt sein würden und er das Leben auf einige Zeit mit frohem Mute werde genießen können. Es verging jedoch eine ganze Woche, ohne daß der Dichter eine Antwort erhielt, die ihm doch auf die nächsten Tage zugesagt worden. Um der Ungewißheit ein Ende zu machen, entschloß er sich an Baron Dalberg zu schreiben und sich noch einmal zu Herrn Meier zu begeben, um eine Auskunft über das, was er erwarten könne, zu erhalten.

Es war gegen die Mitte Novembers, als Schiller und S. des Abends bei Herrn Meier eintraten und diesen nebst seiner Gattin in größter Bestürzung fanden, weil kaum vor einer Stunde ein württembergischer Offizier bei ihnen gewesen sei, der sich angelegentlich nach Schillern erkundigt habe. Herr Meier hatte nichts gewisser vermutet, als daß dieser Offizier den Auftrag habe, Schillern zu verhaften, und demzufolge beteuert, daß er nicht wisse, wo dieser sich gegenwärtig befinde. Während dieser Erklärung klingelte die Haustür und man wußte in der Eile nichts Besseres zu tun, als Schiller mit S. in einem Kabinett, das eine Tapetentür hatte, zu verbergen. Der Eintretende war ein Bekannter vom Hause, der gleichfalls voll Bestürzung aussagte: er habe den Offizier auf dem Kaffeehause gesprochen, der nicht nur bei ihm, sondern auch bei mehreren Anwesenden sehr sorgfältig nach Schillern gefragt habe; allein er seinerseits hätte versichert, daß der Aufenthalt desselben jetzt ganz unbekannt wäre, indem er schon vor zwei Monaten nach Sachsen abgereist sei. Die Geflüchteten kamen aus ihrem Versteck hervor, um die Uniformsaufschläge und das Persönliche des Offiziers zu erforschen, weil es vielleicht auch einer von den Bekannten Schillers sein konnte; allein die Angaben über alles waren so abweichend, daß man unmöglich auf eine bestimmte Person raten konnte. Noch einigemal wiederholte sich dieselbe Szene durch neu Ankommende, die mit den andern voller Ängstlichkeit um die beiden Freunde waren, weil diese mit Sicherheit weder in der Stadt übernachten, noch auch nach Oggersheim zurückgehen konnten.

Wie aber der feine, gewandte Sinn des zarteren Geschlechtes allezeit noch Auswege findet, um Verlegenheiten zu entwirren, wenn die Männer -- immer gewohnt nur starke Mittel anzuwenden -- nicht mehr Rat zu schaffen wissen, so wurde auch jetzt von einem schönen Munde ganz unerwartet das Mittel zur Rettung ausgesprochen. Madame Curioni (mit Dank sei heute noch ihr Name genannt) erbot sich, Schillern und S. in dem Palais des Prinzen von Baden, über welches sie Aufsicht und Vollmacht hatte, nicht nur für heute, sondern solange zu verbergen, als noch eine Verfolgung zu befürchten wäre. Dieses mit der anmutigsten Güte gemachte Anerbieten wurde mit um so lebhafterer Erkenntlichkeit aufgenommen, da man daselbst am leichtesten unerkannt sein konnte und sich auch niemand in der Absicht, um jemand zu verhaften, in dieses Palais hätte wagen dürfen. Auf der Stelle wurden die nötigen Anstalten zur Aufnahme der verfolgt Geglaubten getroffen und sie dann sogleich dahin geleitet. Herr Meier hatte versprochen, am nächsten Morgen zum ersten Sekretär des Ministers Grafen von Oberndorf zu gehen, um diesen, da er ihn sehr gut kenne, zu fragen, ob der Offizier in Aufträgen an das Gouvernement hier gewesen sei?

Das Zimmer, welches den beiden Freunden als Zuflucht angewiesen worden, war sehr schön und geschmackvoll, mit Notwendigem sowie Überflüssigem ausgestattet. Unter den zahlreichen Kupferstichen, mit denen die Wände behangen waren, befanden sich auch die zwölf Schlachten Alexanders, von Lebrun, welche den Betrachtenden bis spät in die Nacht die angenehmste Unterhaltung gewährten. Gegen zehn Uhr des andern Morgens wagte sich S. aus dem Palais, um sich zu Herrn Meier zu begeben und zu vernehmen, ob etwas zu befürchten sei? Diesen aber hatten seine eignen Sorgen schon in aller Frühe zu dem Sekretär des Ministers getrieben, von dem er die Versicherung erhielt, daß der Offizier keine Aufträge an Graf Oberndorf gehabt und sich auch aus dem Meldezettel des Gastwirt ergebe, daß er schon gestern abend um sieben Uhr abgereist sei. Nach einigen kurzen Besuchen begab sich S. sogleich zu Schillern, um ihm diese beruhigende Kunde zu überbringen und ihn aus seinem schönen Gefängnis zu befreien, welches er auch sogleich verließ, um sich zu Herrn Meier zu verfügen.

Hier wurde nun die unsichere Lage des Dichters umständlich besprochen, welche der unnützen Angst von gestern ungeachtet, ebenso gefährlich für ihn selbst als für jeden, der Anteil an ihm nahm, beunruhigend schien. Schiller mußte zugeben, daß er für jetzt nicht in Mannheim verweilen könne, so willkommen es ihm auch gewesen wäre, für das Theater wirksam zu sein und zugleich durch Anschauung der aufgeführten Stücke seine Einsicht in das Mechanische der Bühne zu erweitern. Daher wurde mit allgemeiner Zustimmung seiner Freunde von ihm beschlossen, daß, sobald die Annahme seines Fiesco entschieden sei, er sich sogleich nach Sachsen begeben wolle. Daß er, aller etwa anzustellenden Nachforschungen ungeachtet, daselbst einen sichern, von allen Sorgen befreiten Aufenthalt finden könne, dafür hatte er glücklicherweise schon in Stuttgart Anstalten getroffen. Frau von Wolzogen, die ihn sehr hoch achtete, und deren Söhne mit ihm zugleich in der Akademie erzogen worden, hatte ihm, als er ihr nach seinem Arrest den Vorsatz, von Stuttgart entfliehen zu wollen, vertraute, feierlich zugesagt, ihn auf ihrem in der Nähe von Meiningen liegenden Gute -- Bauerbach -- solange wohnen und mit allem Nötigen versehen zu lassen, als er von dem Herzog eine Verfolgung zu befürchten habe. Dieses in einer guten Stunde erhaltene Versprechen wollte jetzt Schiller benützen und schrieb sogleich an diese Dame nach Stuttgart, wo sie sich aufhielt, um die nötigen Vollmachten, damit er in Bauerbach aufgenommen werde.

Gegen Ende Novembers erfolgte endlich die Entscheidung des Baron Dalberg über Fiesco, welche ganz kurz besagte: »Daß dieses Trauerspiel auch in der vorliegenden Umarbeitung nicht brauchbar sei, folglich dasselbe auch nicht angenommen oder etwas dafür vergütet werden könne.«

So zerschmetternd für Schiller ein Ausspruch sein mußte, der die Hoffnung, das quälende, seine schönsten Augenblicke verpestende Gespenst einer kaum des Namens werten Schuld von sich zu entfernen, auf lange Zeit zerriß -- so sehr er es auch bereute, daß er sich durch täuschende Versprechungen, durch schmeichelnde, leere, glatte, hohle Worte hatte aufreizen lassen, von Stuttgart zu entfliehen -- so ungewöhnlich es ihm scheinen mochte, daß man ihn zur Umarbeitung seines Stückes verleitet, die ihm nahe an zwei Monate Zeit gekostet, all sein Geld aufzehrte und ihn noch in neue Schulden versetzte, ohne ihn auf eine entsprechende Art dafür zu entschädigen oder auch nur anzugeben, worin denn die Unbrauchbarkeit dieses Trauerspiels bestehe -- so sehr dieses alles sein großmütiges Herz zernagte, so war er dennoch viel zu edel, viel zu stolz, als daß er sein Gefühl für eine solche Behandlung hätte erraten lassen. Er begnügte sich gegen Herrn Meier, der ihm diese abweisende Entscheidung einhändigen mußte, zu äußern: er habe es sehr zu bedauern, daß er nicht schon von Frankfurt aus nach Sachsen gereist sei.

Um jedoch den Leser zu versichern, daß die Mitglieder des Theaterausschusses, denen Fiesco zur Prüfung vorgelegt worden, die Meinung ihres Chefs nicht völlig teilten, werde schon jetzt das Votum eines derselben, das Schiller ein Jahr später in dem Protokoll des Theaters fand, angeführt.

»Obwohl dieses Stück für das Theater noch einiges zu wünschen lasse, auch der Schluß desselben nicht die gehörige Wirkung zu versprechen scheine, so sei dennoch die Schönheit und Wahrheit der Dichtung von so ausgezeichneter Größe, daß die Intendanz hiemit ersucht werde, dem Verfasser als Beweis der Anerkennung seiner außerordentlichen Verdienste eine Gratifikation von acht Louisdor verabfolgen zu lassen.«

Unterzeichnet war: Iffland.

Allein Se. Exzellenz Freiherr von Dalberg konnten diesem Gutachten, das noch heute Iffland die größte Ehre bringt, ihren Beifall nicht schenken, sondern entließen den Dichter eben so leer in Börse und Hoffnung aus Mannheim, wie er vor zwei Monaten daselbst angekommen war.

Das nächste, das einzige und letzte, was nun zu tun war, unternahm Schiller sogleich, indem er zu Herrn Schwan ging und ihm Fiesco für den Druck anbot. Herr Schwan, der als Gelehrter und Buchhändler den Ruf eines vortrefflichen Mannes mit vollem Rechte genoß, übernahm dieses Stück mit großer Bereitwilligkeit und bedauerte nur, als er es durchlesen, daß er die vortreffliche Dichtung nicht höher als den gedruckten Bogen mit einem Louisdor honorieren könne, da ihm durch die überall lauernden Nachdrucker kein anderer Gewinn übrig bleibe, als den er von dem ersten Verkauf ziehe.

Was Schillern aber unter allen diesen Widerwärtigkeiten am schmerzlichsten fiel, war der Gedanke, daß er seinen Freund S. in sein böses Schicksal mit verflochten, indem dieser all das Geld, das er zu der vorgehabten Reise nach Hamburg hätte verwenden sollen, in der Hoffnung, daß der Dichter in Mannheim reichliche Unterstützung finden müsse, aufgeopfert hatte, und nun an keinen Ersatz zu denken war. Schon im August hätte S. nach Wien reisen sollen, wo ihn eine Aufnahme erwartete, die ihn zwar jeder Sorge für seine Bedürfnisse überhoben, aber in seiner Kunst nicht weiter gefördert hätte. Er zog es also vor, seine jungen Jahre nicht müßig zu vergeuden, sondern lieber nach Hamburg zu gehen, um, wenn es auch mit den größten Entbehrungen geschehen müßte, sich in der Musik so viel als möglich auszubilden; worin ihm auch Schiller, dem er diese Sache schon früher vertraut hatte, vollkommen beistimmte. Nun konnte S. weder in den einen noch in den andern Ort gelangen, indem seine Mutter nicht wohlhabend genug war, um ihm sogleich wieder neue Hilfe zukommen zu lassen. Nach allen Meinungen schien es das beste zu sein, daß er vorderhand in Mannheim bleibe, weil noch mehrere Mitglieder der kurfürstlichen Kapelle daselbst wohnten, deren Unterricht oder Beispiel er benützen konnte, wozu die Herren Schwan, Meier und seine Freunde alles beizutragen versprachen. S. ergab sich in das, was vorläufig nicht zu ändern war, viel williger, als daß er jetzt schon in die Stadt ziehen und Schillern noch acht bis zehn Tage in Oggersheim allein lassen sollte. Allein es mußte sein. Beide hatten sich aufgezehrt; im Gasthof war es zu teuer, und ihre Not war schon so groß geworden, daß der Dichter seine Uhr verkaufen mußte, um nicht zu vieles schuldig zu bleiben. Die letzten vierzehn Tage mußte man aber dennoch auf Borg leben, wo man dann auf der schwarzen Wirtstafel recht säuberlich mit Kreide geschrieben sehen konnte, was die Herren Schmidt und Wolf täglich verbraucht hatten.