Schillers Flucht von Stuttgart und Aufenthalt in Mannheim von 1782-1785
Part 8
Die Gewißheit, hier genugsam verborgen zu sein, die vergönnte Ruhe und ein erquickender Schlaf gaben Schillern die nötigen Kräfte, daß er des andern Tages einige Briefe nach Mannheim schreiben konnte. Unter diesen befand sich auch derjenige an Baron Dalberg, der sich in obengenannter Sammlung Seite 71 befindet. Gern würde der Verfasser dieses dem Leser einen kleinen Schmerz ersparen, aber er muß es wissen, und bei diesem außerordentlichen, jetzt beinahe vergötterten Dichter, wiederholt bestätigt sehen, daß in Deutschland keinem großen Mann in seiner Jugend auf Rosen gebettet wird; daß -- ist er nicht schon durch die Eltern mit Glücksgütern gesegnet -- er die rauhesten, mit verwundenden Dornen belegten Wege betreten muß, und selten, leider äußerst selten, eine freundliche Hand sich findet, um ihm die Bahn gangbarer, um seiner Brust das Atmen leichter zu machen. Man überschlage den Brief nicht; denn er wurde mit gepreßtem Gemüt und nicht mit trockenen Augen geschrieben.
»Eure Exzellenz werden von meinen Freunden zu Mannheim meine Lage bis zu Ihrer Ankunft, die ich leider nicht mehr abwarten konnte, erfahren haben. Sobald ich Ihnen sage, ich bin auf der Flucht, sobald hab' ich mein ganzes Schicksal geschildert. Aber noch kommt das Schlimmste dazu. Ich habe die nötigen Hilfsmittel nicht, die mich in den Stand setzten, meinem Mißgeschick Trotz zu bieten. Ich habe mich von Stuttgart meiner Sicherheit wegen schnell und zur Zeit des Großfürsten losreißen müssen. Dadurch habe ich meine bisherigen ökonomischen Verhältnisse plötzlich durchrissen und nicht alle Schulden berichtigen können. Meine Hoffnung war auf meinen Aufenthalt zu Mannheim gesetzt; dort hoffte ich, von E. E. unterstützt, durch mein Schauspiel mich nicht nur schuldenfrei, sondern auch überhaupt in bessere Umstände zu setzen. Dies ward durch meinen notwendigen plötzlichen Aufbruch hintertrieben. Ich ging leer hinweg, leer in Börse und Hoffnung. Es könnte mich schamrot machen, daß ich Ihnen solche Geständnisse tun muß; aber ich weiß, es erniedrigt mich nicht. Traurig genug, daß ich auch an mir die gehässige Wahrheit bestätigt sehen muß, die jedem freien Schwaben Wachstum und Vollendung abspricht.[2]
»Wenn meine bisherige Handlungsart, wenn alles das, woraus E. E. meinen Charakter erkennen, Ihnen ein Zutrauen gegen meine Ehrliebe einflößen kann, so erlauben Sie mir, Sie freimütig um Unterstützung zu bitten. So höchst notwendig ich jetzt des Ertrags bedarf, den ich von meinem Fiesco erwartete, so wenig kann ich ihn vor drei Wochen theaterfertig liefern, weil mein Herz so lange beklemmt war, weil das Gefühl meines Zustandes mich gänzlich von dichterischen Träumen zurückriß. Wenn ich ihn aber bis auf besagte Zeit nicht nur fertig, sondern, wie ich auch hoffen kann, würdig verspreche, so nehme ich mir daraus den Mut, Euer Exzellenz um gütigsten Vorschuß des mir dadurch zufallenden Preises gehorsamst zu bitten, weil ich jetzt vielleicht mehr als sonst durch mein ganzes Leben dessen benötigt bin. Ich hätte ungefähr noch 200 fl. nach Stuttgart zu bezahlen. Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr Sorge macht, als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen soll. Ich habe so lange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite gereinigt habe.
»Dann wird mein Reisemagazin in acht Tagen erschöpft sein. Noch ist es mir gänzlich unmöglich mit dem Geiste zu arbeiten. Ich habe also gegenwärtig auch in meinem Kopf keine Ressourcen. Wenn E. E. (da ich doch einmal alles gesagt habe) mir auch hiezu 100 fl. vorstrecken würden, so wäre mir gänzlich geholfen. Entweder würden Sie dann die Gnade haben, mir den Gewinst der ersten Vorstellung meines Fiesco mit aufgehobenem Abonnement zu versprechen, oder mit mir über einen Preis übereinkommen, den der Wert meines Schauspiels bestimmen würde. In beiden Fällen würde es mir ein leichtes sein (wenn meine jetzige Bitte die alsdann erwachsende Summe überstiege) beim nächsten Stück, das ich schreibe, die ganze Rechnung zu applanieren. Ich lege diese Meinung, die nichts als inständige Bitte sein darf, dem Gutbefinden E. E. also vor, wie ich es meinen Kräften zutrauen kann, sie zu erfüllen.
»Da mein gegenwärtiger Zustand aus dem Bisherigen hell genug wird, so finde ich es überflüssig, E. E. mit einer drängenden Vormalung meiner Not zu quälen.
»Schnelle Hilfe ist alles, was ich jetzt noch denken und wünschen kann. Herr Meier ist von mir gebeten mir den Entschluß E. E. unter allen Umständen mitzuteilen, und Sie selbst des Geschäftes mir zu schreiben zu überheben.
Mit entschiedener Achtung nenne ich mich
Euer Exzellenz
wahrster Verehrer
Friedr. Schiller.«
Vorstehender am 29. oder 30. September[3] geschriebener Brief wurde an Herrn Meier überschickt und dieser in einer Beilage, nachdem ihm der Inhalt desselben bekannt gemacht worden, ersucht, sowohl die Antwort des Baron Dalberg entgegenzunehmen, als auch selbe nach Frankfurt zu senden, wo man sie von der Post abholen wolle.
Diese Darstellung seiner Umstände kostete Schillern eine außerordentliche Überwindung. Denn nichts kann den edlen, stolzen Mann tiefer beugen, als wenn er um solche Hilfe ansprechen muß, die das tägliche Bedürfnis betrifft, die ihm dem Gemeinen, Niedrigen gleichstellt und für die der Reiche selten seine Hand öffnet. Aber die Bezahlung der 200 fl. nach Stuttgart war so dringend, daß der Ausdruck in seinem Briefe: »Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr Sorge macht, als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen soll -- Ich habe solange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite gereinigt habe,« die ernstlichste Wahrheit ausdrückte. Um die Pein, welche diese -- wohl manchem sehr unbedeutend scheinende -- Summe von 200 fl. dem edelmütigen Jüngling verursachte, zu erklären, sowie zur Warnung für angehende Dichter oder Schriftsteller, sei eine kurze Auseinandersetzung erlaubt.
Schon oben ist erwähnt worden, daß Schiller die Räuber auf seine Kosten drucken lassen und das Geld dazu borgen mußte. Dieses Borgen konnte aber nicht bei dem Darleiher selbst geschehen, sondern es verwendete sich, wie es gewöhnlich geschieht, eine dritte Person dabei, welche die Bezahlung verbürgte. Auch bei dem Druck der Anthologie mußte nachbezahlt werden, wodurch denn nebst anderthalbjährigen Zinsen eine Summe, die ursprünglich kaum 150 fl. betrug, sich auf 200 anhäufte. Solange Schiller in Stuttgart war, konnte er leicht den Rückzahlungstermin verlängern, da man an seinen Eltern, obwohl sie nicht reich waren, doch im schlimmsten Fall einige Sicherheit vermutete. Da jedoch durch den Befehl des Herzogs das Herausgeben dichterischer Werke Schillern auf das strengste verboten war und er sich nur durch solche Arbeiten seine ärmliche Besoldung von jährlichen 180 fl. zu vergrößern wußte, so mußte wohl eine solche Verlegenheit zu dem Entschlusse, Stuttgart zu verlassen, viel beitragen, und er hatte auch in diesem Sinne vollkommen recht, wo er anführt: »Die Räuber kosteten mich Familie und Vaterland.« Nach der Abreise Schillers konnte sich der Darleiher nur an die Zwischenperson halten, und diese, da sie zur Zahlung unvermögend war, konnte in den Fall geraten, verhaftet zu werden, was dann demjenigen, der die Ursache davon war, das Herz zernagen mußte. Seine ganze Hoffnung war nun auf den Baron Dalberg gerichtet, und daß dieser, der ihm früher so viele Versicherungen seiner Teilnahme gegeben, ihn schon darum aus dieser Verlegenheit befreien würde, weil er den Wert der erbetenen Hilfe in dem Manuskripte von Fiesco schon in Händen hatte, konnte nicht im mindesten bezweifelt werden. Überdies war Baron Dalberg nicht nur sehr reich, sondern hatte auch wegen des häufigen Verkehrs mit Dichtern und Schriftstellern durch die Artigkeit seines Benehmens gegen sie (was bei diesen Herren für eine sehr schwere Münze gilt) den Ruf eines wahren Gönners und Beschützers der schönen Wissenschaften und Künste sich erworben.
Da Schiller durch obiges Schreiben die schwerste Last von seinem Herzen abgewälzt hatte, gewann er zum Teil auch seine frühere Heiterkeit wieder. Sein Auge wurde feuriger, seine Gespräche belebter, seine Gedanken, bisher immer mit seinem Zustande beschäftigt, wendeten sich jetzt auch auf andere Gegenstände. Ein Spaziergang, der des Nachmittags über die Mainbrücke durch Frankfurt nach der Post gemacht wurde, um die Briefe nach Mannheim abzugeben, zerstreute ihn, da er das kaufmännische Gewühl, die ineinander greifende Tätigkeit so vieler hier zum erstenmal sah. Auf dem Heimwege übersah man von der Mainbrücke das tätige Treiben der abgehenden und ankommenden, der ein- und auszuladenden Schiffe, nebst einem Teil von Frankfurt, Sachsenhausen, sowie den gelblichen Mainstrom, in dessen Oberfläche sich der heiterste Abendhimmel spiegelte. Lauter Gegenstände, die das Gemüt wieder hoben und Bemerkungen hervorriefen, die um so anziehender waren, als seine überströmende Einbildungskraft dem geringsten Gegenstand Bedeutung gab und die kleinste Nähe an die weiteste Entfernung zu knüpfen wußte. Diese Zerstreuung hatte auf die Gesundheit Schillers so wohltätig eingewirkt, daß er wieder einige Eßlust bekam, die ihm seit zwei Tagen gänzlich fehlte, und sich mit Lebhaftigkeit über dichterische Pläne unterhalten konnte. Sein ganzes Wesen war so angelegt, sein Körperliches dem Geistigen so untergeordnet, daß ihn solche Gedanken nie verließen und er ohne Unterlaß von allen Musen umschwebt schien. Auch hatte er kaum das leichte Nachtessen geendet, als sich aus seinem Schweigen, aus seinen aufwärts gerichteten Blicken wahrnehmen ließ, daß er über etwas Ungewöhnlichem brüte. Schon auf dem Wege von Mannheim bis Sandhofen und von da nach Darmstadt ließ sich bemerken, daß sein Inneres weniger mit seiner gegenwärtigen Lage als mit einem neuen Entwurfe beschäftigt sei; denn er war so sehr in sich verloren, daß ihn selbst in der mit Recht so berühmten Bergstraße sein Reisegefährte auf jede reizende Ansicht aufmerksam machen mußte. Nun, zwischen vier Wänden, überließ er sich um so behaglicher seiner Einbildungskraft, als diese jetzt durch nichts abgelenkt wurde und er ungestört sich bewegen oder ruhen konnte. In solchen Stunden war er wie durch einen Krampf ganz in sich zurückgezogen und für die Außenwelt gar nicht vorhanden; daher auch sein Freund ihn durch nichts beunruhigte, sondern mit einer Art heiliger Scheu sich so still als möglich verhielt. Der nächste Vormittag wurde dazu verwendet, um die in der Geschichte Deutschlands so merkwürdige Stadt etwas sorgfältiger als gestern geschehen konnte, zu besehen und auch einige Buchläden zu besuchen. In dem ersten derselben erkundigte sich Schiller, ob das berüchtigte Schauspiel die Räuber guten Absatz finde und was das Publikum darüber urteile? Die Nachricht über das erste fiel so günstig aus und die Meinung der großen Welt wurde so außerordentlich schmeichelhaft geschildert, daß der Autor sich überraschen ließ und, ungeachtet er als Doktor Ritter vorgestellt worden, dem Buchhändler nicht verbergen konnte, daß er, der gegenwärtig das Vergnügen habe mit ihm zu sprechen, der Verfasser davon sei. Aus den erstaunten, den Dichter messenden Blicken des Mannes ließ sich leicht abnehmen, wie unglaublich es ihm vorkommen müsse, daß der so sanft und freundlich aussehende Jüngling so etwas geschrieben haben könne. Indes verbarg er seine Zweifel, indem er durch mancherlei Wendungen das vorhin ausgesprochene Urteil, welches man so ziemlich als das allgemeine annehmen konnte, wiederholte. Für Schiller war jedoch dieser Auftritt sehr erheiternd; denn in einem solchen Zustande wie er damals war, konnte auf sein bekümmertes Gemüt nichts so angenehmen Eindruck haben als die Anerkennung seines Talentes und die Gewißheit der Wirkung, von der alle seine Leser ergriffen worden.
Zu Haus angelangt, überließ sich Schiller aufs neue seinen dichterischen Eingebungen und brachte den Nachmittag und Abend im Auf- und Niedergehen oder im Schreiben einiger Zeilen hin. Zum Sprechen gelangte er erst nach dem Abendessen, wo er dann auch seinem Gefährten erklärte, was für eine Arbeit ihn jetzt beschäftige.
Da man allgemein glaubt, daß bei dem Empfangen und an das Lichtbringen der Geisteskinder gute oder schlimme Umstände ebenso vielen Einfluß wie bei den leiblichen äußern, so sei dem Leser schon jetzt vertraut, daß Schiller seit der Abreise von Mannheim mit der Idee umging, ein bürgerliches Trauerspiel zu dichten, und er schon soweit im Plan desselben vorgerückt war, daß die Hauptmomente hell und bestimmt vor seinem Geiste standen.
Dieses Trauerspiel, das wir jetzt unter dem Namen Kabale und Liebe kennen, welches aber ursprünglich Luise Millerin hätte benannt werden sollen, wollte er mehr als einen Versuch unternehmen, ob er sich auch in die bürgerliche Sphäre herablassen könne, als daß er sich öfters oder gar für immer dieser Gattung hätte widmen wollen. Er dachte so eifrig darüber nach, daß in den nächsten vierzehn Tagen schon ein bedeutender Teil der Auftritte niedergeschrieben war.
Am nächsten Morgen fragten die Reisenden auf der Post nach, ob keine Briefe für sie angelangt wären? Aber der Gang war fruchtlos, und da die Witterung trübe und regnerisch war, so mußte die Zuflucht wieder zur Stube genommen werden. Am Nachmittag wurde auf der Post noch einmal angefragt, aber ebenso vergeblich wie in der Frühe.
Diese Verspätung deutete S. um so mehr als ein gutes Zeichen, indem der angesuchte Betrag entweder durch Wechsel oder durch den Postwagen übermacht werden müsse, was dann notwendig einige Tage mehr erfordern könne als ein bloßer Brief. Er war seiner Sache so gewiß, daß er Schillern ersuchte, ihm seine in Mannheim zurückgelassenen Sachen nach Frankfurt zu schicken, weil er dann, sowie die Hilfe von Baron Dalberg eintreffe, seine Mutter ersuchen wolle, ihm außer dem, was er jetzt schon besitze, noch mehr zu senden, damit er von hier aus die Reise nach Hamburg fortsetzen könne. Schiller sagte dieses sehr gern zu und versprach noch weiter, ihm auch von Meier sowie von seinen andern Freunden Empfehlungsbriefe zu verschaffen, indem ein junger Tonkünstler nie zu viele Bekanntschaften haben könne. Diese Hoffnungen, die von beiden Seiten noch durch viele Zutaten verschönert wurden, erheiterten den durch eine bessere Witterung begünstigten Spaziergang und störten auch abends die Phantasie des Dichters so wenig, daß er sich derselben, im Zimmer auf und ab gehend, mehrere Stunden ganz ruhig überließ.
Den nächsten Morgen gingen die Reisenden schon um neun Uhr aus, um die vielleicht in der Nacht an sie eingelaufenen Briefe abzuholen, die auch zu ihrer großen Freude wirklich eingetroffen waren. Sie eilten so schnell als möglich nach Haus, um den Inhalt derselben ungestört besprechen zu können, und waren kaum an der Tür ihrer Wohnung, als Schiller schon das an ~Dr.~ Ritter überschriebene Paket erbrochen hatte. Er fand mehrere Briefe von seinen Freunden in Stuttgart, die sehr vieles über das außerordentliche Aufsehen meldeten, das sein Verschwinden veranlaßt habe, ihm die größte Vorsicht wegen seines Aufenthalts anrieten, aber doch nicht das mindeste aussprachen, woraus sich auf feindselige Absichten des Herzogs hätte schließen lassen. Alle diese Briefe wurden gemeinschaftlich gelesen, weil ihr Inhalt beide betraf und allerdings geeignet war, sie einzuschüchtern. Allein da sie in Sachsenhausen geborgen waren, so beruhigten sie sich um so leichter, da sie in dem Schreiben des Herrn Meier der angenehmsten Nachricht entgegen sahen. Schiller las dieses für sich allein und blickte dann gedankenvoll durch das Fenster, welches die Aussicht auf die Mainbrücke hatte. Er sprach lange kein Wort, und es ließ sich nur aus seinen verdüsterten Augen, aus der veränderten Gesichtsfarbe schließen, daß Herr Meier nichts Erfreuliches gemeldet habe. Nur nach und nach kam es zur Sprache, daß Baron Dalberg keinen Vorschuß leiste, weil Fiesco in dieser Gestalt für das Theater nicht brauchbar sei; daß die Umarbeitung erst geschehen sein müsse, bevor er sich weiter erklären könne.
Diese niederschlagende Nachricht mußte dem edlen Jüngling um so unerwarteter sein, je mehr er durch die ihm von Baron Dalberg bezeugte Teilnahme zu seiner Bitte und zur Hoffnung, daß sie erfüllt würde, berechtigt war. Am meisten mußte aber sein Ehrgeiz dadurch beleidigt sein, daß er seine traurige Lage ganz unnützerweise enthüllt und sich durch deren Darstellung der Willkür desjenigen preisgegeben, von dem er mit Recht Unterstützung erwartete.
Wenige junge Männer würden sich in gleichen Umständen mit Mäßigkeit und Anstand über eine solche Versagung ausgesprochen haben. Schiller aber bewies auch hierin sein reines, hohes Gemüt; denn er ließ nicht die geringste Klage hören; kein hartes oder heftiges Wort kam über seine Lippen, ja nicht einmal eines Tadels würdigte er die erhaltene Antwort, so wenig er sich auch vor seinem jüngeren Freunde hätte scheuen dürfen, seinen Unmut auszulassen. Er sann alsobald nur darauf, wie er dennoch zu seinem Zweck gelangen könne, oder was zuerst getan werden müsse. Da die Hoffnung geblieben war, daß, wenn Fiesco für das Theater brauchbar eingerichtet sei, derselbe angenommen und bezahlt würde, oder, wenn dieses auch nicht der Fall wäre, doch das Stück in Druck gegeben und dafür etwas eingenommen werden könne, so beschloß er in die Gegend von Mannheim zu gehen, weil es dort wohlfeiler als in Frankfurt zu leben sei, und auch um den Herren Schwan und Meier nahe zu sein, damit, wenn es auf die tiefste Stufe des Mangels kommen sollte, von diesen einige Hilfe erwartet werden könne. Er wäre sogleich dahin aufgebrochen, allein man war noch an Frankfurt gebannt, denn bei jedem Griff in den Beutel war schon sein Boden erreicht, und die durch S. von seiner Mutter erbetene Beihilfe war noch nicht angelangt. Bis diese eintreffe, mußte man hier aushalten, und um gegen die Möglichkeit, daß sie spät ankäme, oder vielleicht gar ausbliebe, doch einigermaßen gedeckt zu sein, entschloß sich Schiller ein ziemlich langes Gedicht, Teufel Amor betitelt, an einen Buchhändler zu verkaufen.
Dieses Gedicht, von dem sich der Verfasser dieses nur noch folgender zwei Verse:
»Süßer Amor, verweile Im melodischen Flug«
mit Zuverlässigkeit erinnert, war eines der vollkommensten, die Schiller bisher gemacht und an schönen Bildern, Ausdruck und Harmonie der Sprache so hinreißend, daß er selbst -- was bei seinen anderen Arbeiten nicht oft eintraf -- ganz damit zufrieden schien und seinen jungen Freund mehrmals durch dessen Vorlesung erfreute. Leider ging es in den nächsten vier Wochen (wie der Leser später erfahren wird) mit noch andern Sachen, wahrscheinlich durch die Zerstreuung des Dichters selbst, in Verlust, indem sich in der von ihm herausgegebenen Sammlung seiner Gedichte keine Spur davon findet und das meiste davon der Bekanntmachung fast würdiger gewesen wäre als einige Stücke aus seiner frühern Zeit.
Von dem Buchhändler kam Schiller aber ganz mißmutig wieder zurück, indem er fünfundzwanzig Gulden dafür verlangte, jener jedoch nur achtzehn geben wollte. So benötigt er aber auch dieser kleinen Summe war, konnte er es doch nicht über sich gewinnen, diese Arbeit unter dem einmal ausgesprochenen Preise wegzugeben, und zwar sowohl aus herzlicher Verachtung gegen alle Knickerei als auch, weil er den Wert des Gedichtes selbst nicht gering achtete. Endlich, nachdem der Reichtum der geängstigten Freunde schon in kleine Scheidemünze sich umgewandelt hatte, kamen den nächsten Tag auf dem Postwagen die bescheidenen dreißig Gulden für S. an, der auch ohne das geringste Bedenken für jetzt seinen Plan nach Hamburg aufgab und bei Schillern blieb, um ihn nach seinem neuen Aufenthaltsorte zu begleiten. Dieser schrieb noch am nämlichen Abend an Herrn Meier, daß er den nächsten Vormittag nach Mainz abgehen, am folgenden Abend in Worms eintreffen werde, wo er auf der Post Nachricht erwarte, wohin er sich zu begeben habe, um ihn zu sprechen und den Ort zu bestimmen, in welchem er sein Trauerspiel ruhig umarbeiten könne. Gleich den andern Morgen begaben sich die Reisenden auf das von Frankfurt nach Mainz täglich abgehende Marktschiff, mit welchem sie des Nachmittags bei guter Zeit in letztbenannter Stadt anlangten, dort sogleich in einem Gasthofe das Wenige, was sie bei sich hatten, ablegten und noch ausgingen, um den Dom und die Stadt zu besichtigen.
Am nächsten Tage verließen sie Mainz sehr früh, wo sie, die Favorite vorbei, den herrlichen Anblick des Zusammentreffens vom Rhein- und Mainstrome bei der schönsten Morgenbeleuchtung genossen und den echt deutschen Eigensinn bewunderten, mit welchem beide Gewässer ihre Abneigung zur Vereinigung durch den scharfen Abschnitt ihrer bläulichen und gelben Farben bezeichneten.
Da man auf den Abend in Worms eintreffen wollte, so mußten die Wanderer als ungeübte Fußgänger sich ziemlich anstrengen, um den neun Stunden langen Weg zurückzulegen. Als noch am Vormittag Nierenstein erreicht wurde, konnten beide der Versuchung nicht widerstehen, sich an dem in der Gegend wachsenden Wein, den sie nur aus den Lobeserhebungen der Dichter kannten, zu stärken, welches besonders Schiller, der von Mainz bis hierher nur wenige Worte gesprochen, sehr zu bedürfen schien. Sie traten in das zunächst am Rhein gelegene Wirtshaus und erhielten dort durch Bitten und Vorstellungen einen Schoppen oder ein Viertelmaß von dem besten ältesten Weine, der sich im Keller fand und der mit einem kleinen Taler bezahlt werden mußte.
Als Nichtkenner edler Weine schien es ihnen, daß bei diesem Getränk wie bei vielen berühmten Gegenständen der Ruf größer sei, als die Sache verdiene. Aber als sie ins Freie gelangten, als die Füße sich leichter hoben, der Sinn munterer wurde, die Zukunft ihre düstere Hülle etwas lüftete und man ihr mit mehr Mut als bisher entgegenzutreten wagte, glaubten sie einen wahren Herzenströster in ihm entdeckt zu haben, und ließen dem edlen Weine volle Gerechtigkeit angedeihen. Dieser angenehme Zustand erstreckte sich aber kaum über drei Stunden; denn so fest auch der Wille war, so sehr die Notwendigkeit zur Eile antrieb, so konnte Schiller doch das anstrengende Gehen kaum bis in die Mitte des Nachmittags aushalten; was aber vorzüglich daher kommen mochte, weil er immer in Gedanken verloren war, und nichts so sehr ermüdet als tiefes Nachdenken, wenn der Körper in Bewegung ist. Man entschloß sich daher eine Station weit zu fahren, wodurch es allein möglich war, daß Worms um neun Uhr nachts erreicht wurde.
Am andern Morgen fand Schiller auf der Post einen Brief des Herrn Meier, worin dieser die Nachricht gab, daß er diesen Nachmittag mit seiner Frau in Oggersheim in dem Gasthause, zum Viehhof genannt, eintreffen wolle, wo er ihn zu sehen hoffe, um weitere Abrede mit ihm nehmen zu können. Die Reisenden begaben sich um so ruhiger auf den Weg, als sie hoffen durften, daß endlich aller Ungewißheit ein Ende sein würde, und trafen zur gesetzten Zeit in Oggersheim ein, wo sie auch schon Herrn und Madame Meier nebst zwei Verehrern des Dichters vorfanden.