Schattenspiel um Goethe

Part 8

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Damit beginnt für Belvedere die große Zeit, beginnt auch die große Zeit Weimars. Über ein Jahrhundert ist das Schloß nun Sommeraufenthalt der fürstlichen Familie, und erst dem Urenkel, dem jetzt vertriebenen Großherzog, haben die Räume, in denen alle seine Vorfahren sich behaglich gefühlt haben, nicht mehr genügt. Er hat Belvedere mit dem modern ausgebauten Wilhelmstal bei Eisenach vertauscht.

1775, im November, aber ist auch Goethe nach Weimar gekommen. Sein Stern leuchtet hell auch über Belvedere.

* * * * *

Am 12. September 1776 schreibt Goethe an Charlotte von Stein, die rasch gewonnene Geliebte: »Gestern war ich in Belveder. Louise ist eben ein unendlicher Engel, ich habe meine Augen bewahren müssen, nicht über Tisch nach ihr zu sehn -- die Götter werden uns allen beystehn ...«

Das ist, sieht man vom Tagebuch ab, seine erste Äußerung über Belvedere -- sparsam genug. Kein Wort über Schloß und Park, wo er sonst doch jeden Eindruck, den Natur und Kunst ihm bieten, geradezu verschwenderisch umschreibt. Nur: »Louise ist eben ein unendlicher Engel.«

Hat ihr Bild das der Landschaft verdunkelt, ihr trauriges Geschick, schon damals, ein Jahr nach der Hochzeit, offenbar, alle Anteilnahme seines Herzens in Anspruch genommen? Oder hat er alles, was er schildern könnte, bei Charlotte, die als Frau des Oberstallmeisters zur Hofgesellschaft gehörte und also oft genug in Belvedere war, als bekannt vorausgesetzt? Wir wissen es nicht. Auch später wird er nicht ausführlicher. Wo er Belvedere in den sonst so mitteilsamen Briefen an Charlotte erwähnt, geschieht es kurz, nie wird es mehr als flüchtig hingeworfene Notiz. »Ich erwarte das Pferd, um nach Belvedere zu reiten. Die Waldnern soll schön geplagt werden,« heißt es am 21. Mai 1777. Oder, ein paar Tage später: »Ich reite nach Belvedere um Steinen zu sprechen.« Am 8. Juni: »Heute sehe ich Sie doch wohl in Belvedere!« Und ein wenig inhaltreicher am 12. Juni: »Heut früh war ich in Belveder, und haben gefischt und auf der Stelle gebacken, ich und der Waldnern Charlott, ein trefflich Essen bereitet.«

Diese Zeilen geben uns wenigstens ganz den jungen Goethe. Er ist zu Hof befohlen und stiehlt sich mit der niedlichen Hofdame der Herzogin Louise ins Grüne, um an einem der Teiche am Parkrand zu fischen. Fängt auch ein paar Fische und brät sie an Ort und Stelle. Aber für die bizarre Schöpfung Ernst Augusts, dessen geistige Physiognomie er doch einmal in einem frühen Briefe an den Herzog nach einem zufällig gefundenen Porträt so ausgezeichnet analysiert hat, findet er kein Wort, nur das Tagebuch registriert einmal kurz: »Die Ruinen ruiniert«, d. h., man säuberte den Park von den >altmodisch< gewordenen Spielereien Ernst Augusts. Der herrliche Wald nach Buchfart mit seinen wilden Felspartien entlockt ihm keinen Jubelschrei, der Blick auf Weimar keinen Sehnsuchtslaut, während er doch in Ettersburg, die abendliche Stadt zu Füßen, dieser Sehnsucht in »Wanderers Nachtlied« erschütternden Ausdruck gibt ...

Vielleicht hat das steife Hofleben in Belvedere -- die Herzogin hielt sehr auf Etikette -- derartige Empfindungen nicht laut werden lassen. Dieses Hofleben beherrscht auch fast ganz die spärlichen Briefstellen, in denen Belvedere überhaupt erwähnt wird, und zwischen den Zeilen steht oft genug, daß ihm die »Cour in Belweder« durchaus nicht immer Spaß gemacht hat. So seufzt er am 9. November 1778: »Zu Anfang künftger Woche wirds von Belvedere hereinkommen, und ich werde auch für diesmal die Sorge für Fusböden, Ofen, Treppen und Nachtstühle losseyn, bis es wieder von vorn angeht.« Und am 27. Mai 1781, nachdem er wenige Tage zuvor ergeben verzeichnet hat: »Heute bin ich wieder ein Hofverwandter«, schreibt er an Charlotte gar: »Ich hatte schon alles zusammengepackt und wollte Ihnen Vorrath auf heute schicken, als mir der Herzog sagen läßt, ich mögte zu ihm hinauf kommen, und mir also die Ruh und Hoffnung auf den ganzen Tag genommen ist ... die Hofnoth steh ich nicht den ganzen Tag mit aus.«

Doch ist ihm diese »Hofnoth« manchmal auch ganz willkommen, wenn sie ihn mit der geliebten Frau zusammenbringt. Als Charlotte im Oktober 1778 nach Kochberg auf ihr Gut geht, klagt er:

»Von mehr als Einer Seite verwaist Klag' ich um deinen Abschied hier. Nicht allein meine Liebe verreist, Meine Tugend verreist mit dir.«

Da schreibt sie tröstend auf die Rückseite des Billetts: »In Belvedere seh ich Sie heute.« Und ein andermal erklärt er: »Ich liebe Belvedere wo ich dich heute sehn werde.« Auch gemeinsame Spazierfahrten werden so möglich. Im Mai 1781, beide sind zu »Cour und Konzert« gebeten, bittet er sie, da ihn der Wind wieder am Reiten hindere, ihn im Wagen mitzunehmen, und am 26. Mai 1784 macht er ihr den Vorschlag: »Gegen Abend dächte ich besuchten wir das Prinzgen in Belvedere und führen über Oberweimar wo wir beym alten Docktor absteigen könnten um sein Wetterbeobachtungs Musäum zu besehn.«

So wirft die große Liebe zwischen Goethe und Frau von Stein Abglanz auch auf Belvedere, -- wie es zwischen 1776 und dem bösen Jahre 1789, das den Bruch bringt, ja überhaupt keinen Ort gibt, der nicht durch irgendwelchen Gedankenaustausch in Beziehung zu dieser Frau steht. Es ist ein schwacher Widerschein nur, und die heiße Inbrunst, die andere Briefe fast versengt, fehlt hier. Dafür entschädigt eine süße, selbstverständliche Innigkeit: »Ich liebe Belvedere wo ich dich heute sehn werde ...« zarter kann niemand Liebe eingestehen!

Um so tragischer ist es, daß Zufall ihn, nach Jahr und Tag, gerade hier jenen bitteren Brief an die Geliebte, fast ihm schon Entschwundene schreiben läßt, der halb Entschuldigung, halb Anklage ist. Und der das mürbe und brüchig gewordene Band ganz zerreißt. Das kleine G. und das Datum »Belveder d. 1. Juni 1789« stehn unter diesem Briefe wie ein Todesurteil.

Noch einmal klingt später, fast ein Menschenalter später, als die heißen Herzen längst kühl und müde geworden, aller Groll schlafen gegangen, beide sich in behaglicher Altersfreundschaft wieder zueinander gefunden, flüchtig in einem Brief Charlottens der Name Belvedere auf. »Mögen Ihnen, mein guter Geheimerath,« schreibt sie am 27. Februar 1816 an Goethe, als dieser zur Stiftung des Falkenordens nach Belvedere fahren muß, »die rauhen Lüfte nicht schaden, die mich unlieblich gestern in Belvedere angeweht haben. Ihre Sie verehrende Freundin von Stein.«

Ein Nichts, eine Bagatelle. Aber ob sie nicht beide da doch der Zeiten gedacht haben, wo sie gemeinsam nach Belvedere zur Cour gefahren, gemeinsam an der Tafel gesessen, gemeinsam durch den abendlichen Park geschlendert? Nicht auch des Briefs vielleicht, der das alles dann zerstört und der aus Belvedere datiert war?

Wer will es wissen? Es hat keiner von ihnen darüber gesprochen ...

* * * * *

Ein Schritt knarrt über den Kies, ein Schlüsselbund klirrt: der Kastellan. Noch immer spielen über dem Brunnenbecken die dunklen Falter. Der alte Mann sieht sie auch. Er nickt. »Ja, früher sprang hier die Fontäne!« meint er. »Aber diesmal haben wir noch keine Order bekommen. Von wem auch?« Und er seufzt: »Der Gärtner wollte auch schon die Orangen und die Palmen 'rausbringen. Aber die neuen Herren da unten wollten es nicht. Man wüßte doch noch nicht, was überhaupt mit Belvedere würde. Ja.« Und während er die Gittertüre aufschließt, die das niedrige Portal schützt: »Sonst sah's hier oben schon so hübsch aus. Aber jetzt ist alles tot!«

Ist alles tot ...

Das Wort begleitet. Dämmerige Luft schlägt kühl dem Eintretenden entgegen -- die Luft, die Truhen atmen, die lange nicht geöffnet wurden, halb Staub und halb Lavendel.

Da die Eingangshalle! Auf den blauweißen Kachelwänden tanzen verlorene Sonnenkringel. In zwei Armen schwingt sich die Treppe, von japanischen Vasen flankiert, schön zum ersten Stock; auf halber Höhe springt aus der Treppenwand, wie eine Theaterloge, ein zierlicher Balkon ... Hat Goethe die Halle so gesehen? Kaum. Mit den Delfter Kacheln ließ erst die Gattin Carl Alexanders, die spätere Großherzogin Sophie, die niederländische Prinzessin war, Wand und Treppe auslegen, und auch das silberne Geländer, die Vasen, die Leuchter, die Bilder stammen erst aus jüngerer Zeit. Ganze Geschlechter haben hier ja ihren wechselnden Geschmack, ihre Moden, ihre persönlichen Liebhabereien hineingetragen, und an die Tage, da in Belvedere Carl August und Louise Hof hielten, erinnert nicht mehr allzuviel. Nur die Allegorien Ösers haben schon damals von der Decke des mächtigen Speisesaals herabgeschaut, im roten Wartezimmer sich die Hofdamen an den blassen Reliefgemälden Reyers erfreut, in kalten Frühherbsttagen die Fayencekamine die Fröstelnden um ihre Glut versammelt. Und hier und da erzählen auch noch verschlissene Gobelins, verblaßte Tapeten, erblindete Spiegel von dieser Zeit.

Und wie man so durch die stillen Zimmer wandert, geben die, die einstmals hier gewohnt, schattenhaftes Geleit. Die alten Namen klingen, der Kastellan, in langem Hofdienst ergraut, zählt sie mit feierlicher Stimme auf. Ein ganzes totes Jahrhundert bedrängt die Seele. Ringsum häuft auf Konsolen, Tischchen, Etageren, Säulen sich das Vielerlei von Andenken, Bildern und Nippsachen, das ihnen einst ihr Leben liebgemacht, das +bric à brac+ verwöhnter Menschen; von den Wänden lächeln in goldenen Rahmen sie selbst und die, die ihrem Herzen nahestanden, und aus alten Kupfern und Aquarellen steigt der Duft der Landschaften und Städte, die ihnen auf Reisen Glück und Erlebnis gewesen ... Leben, das längst Staub und Legende, erhält für Augenblicke wieder Blut und Atem.

Da ist der Teesalon Carl Augusts, vom Treppenhaus durch Spiegelscheiben getrennt, in die Pflanzenornamente eingeätzt sind. Der ganze Raum, in mattem Blau und Silbergrau gehalten, reines Rokoko: Regentschaftsstil. Filigran überrankt Spiegel und Wände, an der Decke flattern, von Öser gemalt, phantastische Vögel um zierliche Volieren. Die drei Fenster rahmen das ferne Weimar. Die »Kaiserzimmer« dann erinnern an die Kaiserin Augusta, Carl Friedrichs und Maria Paulownas eine Tochter, die hier oft geweilt; ein weißes Schlafzimmer, das ganz modern anmutet, hat 1898 die junge holländische Königin, eine Nichte der Großherzogin Sophie, später die frühgestorbene Erbgroßherzogin Pauline, die erste Gattin Wilhelm Ernsts, bewohnt. Seit 1904 steht es verwaist ... ein süßer, heimlicher Traum. Finsterer Prunk dagegen füllt das Sterbezimmer Maria Paulownas, den westlichen Kuppelsaal. Aus den Mittelfenstern blickt man in den »Russische Garten«. Das riesige goldene Bett steht wie ein Katafalk unter der hohen Kuppel -- die Liegende sah in den Himmel: gemalte Wolken verhüllen das Gewölbe. An dem einen Fenster ein Stehspiegel aus türkisblauem Porzellan, in der Nische ein pompöser Lapislazuli-Schreibtisch, alles schwer und wuchtig, der Geschmack eines Landes, dessen immer noch barbarische Instinkte in wilder Pracht Entfaltung suchen. Ein halbvollendetes Nähkästchen, zierliche Handarbeit, erzählt von den letzten Stunden der Großfürstin.

Sie ist es auch gewesen, die über das ganze Schloß die unzähligen Bilder und Andenken aus Rußland verstreut hat. Sie hat Belvedere sehr geliebt. Es ist ihr eigentliches Heim gewesen. 1824 hat ihr der alte Goethe, der der Fremden ganz ergeben war, ein Bildchen geschickt: »Schloß Belvedere in der Abendsonne«, er hat darunter geschrieben:

»Erleuchtet außen hehr vom Sonnengold, Bewohnt im Innern traulich, froh und hold. Erzeige sich Dein ganzes Leben so: Nach außen herrlich, innen hold und froh.«

Und eine entzückende Tuschzeichnung von Diez, aus dem Jahre 1850, die in einem der kleineren Salons hängt und sie als reife Frau darstellt, zeigt als reizende Staffage im Hintergrunde ebenfalls den Lieblingsaufenthalt: in den Park gebettet Schloß Belvedere.

Ein paar Räume weiter das »Aquarellzimmer«, einst der Musiksalon der Herzogin Johann Albrecht. Die Bilder, die es schmücken, schenkten den Namen. Es atmet französische Eleganz, die leichte Eleganz der siebziger Jahre. Alabasterlampen, Bronzen, japanische Wandschirme, Schildpatt- und +Cloisonné+-Arbeiten geben ein Interieur der Zeit, wie wir es auf frühen Bildern Albert von Kellers sehen. Ganz noch die Welt des Rokoko dagegen der Speisesaal im Mittelbau der Parkfront, ein königlicher Raum. Köstlich ist die weiße Stuckdecke mit dem Öserschen Olymp, köstlich die Marmorkamine mit den riesigen Spiegeln darüber, in denen der wundervolle venezianische Lüster vielfältig glitzert, köstlich das schimmernde Parkett. Jetzt wohnt hier die Einsamkeit. Die gelbseidenen Polsterstühle um die Tafel herum schützen graue Bezüge, Zwielicht schattet um die dunkelroten Säulen, und leise fällt der Staub und deckt das alles zu. Nur noch ein vager Duft, ein Duft von welken Blumen und von Kerzen, die lange nicht gebrannt, mahnt an verschollener Tage Glanz und Geigenklang.

Und so das Übrige, Zimmer an Zimmer. Einmal bannen ein paar dunkle Gemälde, die hellblaue Tapete, auf der sie hängen, gibt den Gestalten seltsames Leben. Das eine die Kinder Carl Augusts: der Erbprinz Carl Friedrich, die Prinzessin Caroline und der kleine Prinz Bernhard, gemalt von Tischbein. Holdes Kinderlächeln verklärt die höfische Grandezza, die Augen verschleiert leise Müdigkeit. Das andere Maria Feodorowna, die Kaiserin, die Mutter der Maria Paulowna, strahlend von Schönheit und Brillanten, ein Meisterwerk des jüngeren Lampi. Und daneben, blasser, von unberühmter Hand, Carl Friedrich und die Maria Paulowna. Erinnerung schmückt die toten Bilder mit Flor und Immortellenkranz ...

Ganz Erinnerung auch das »Japanische Zimmer«, das einen Teil der Schätze birgt, die Prinz Bernhard, der holländischer General war, von seinen Weltreisen mit heim in das enge Belvedere gebracht hat. Die dunkelblaue Tapete, schwere gestickte Seide, flammt in verhaltener Glut, in den schwarzen Schränken gleißt das Perlmutt und Elfenbein, um die Bronzen, die Vasen, die Lackarbeiten schwingt der Zauber ferner Abenteuer. Man denkt an holländische Schlösser, wo ganze Säle voll von diesen Dingen sind ...

Das Carl Alexander-Zimmer, den östlichen Kuppelsaal, überwölbt wieder ein wolkiger Himmel. Er blickt, im Lauf der Jahre grau geworden, auf totes Mobiliar herab, das hier wahllos beiseite gestellt ist, hochbeinige Sekretäre und wuchtige Kommoden, gesprungene Spiegel und verstaubte Bilder. Die Miniaturen, die ein großer Wandschirm trug, hat der letzte Großherzog kurz vor dem Sturze sich an einem trüben Novembertage noch geholt; jetzt sieht man auf der ausgefahlten Seide nur noch die Stellen, wo sie hingen, -- kleine dunkelrote Rechtecke und Ovale, die von einer wehen, herben Stunde erzählen! Und die Begassche Büste der Kaiserin Augusta, die hier verloren steht, mag den Flüchtenden bitter an den einstigen Glanz des Hauses gemahnt haben, das so ruhmlos enden mußte.

Bleibt noch das »Lämmerzimmer«, ein Salon der Großherzogin Sophie, der den Lämmern in den verblaßten, seidengewirkten Tapeten aus der Zeit Anna Amalias den wunderlichen Namen dankt. Sessel stehen behaglich um einen runden Tisch, auf einem Eckschrank leuchtet, zwischen alten Photographien, erlesenes Porzellan, der Meißener Kronleuchter prunkt in tausend Farben ... die, die hier oft in stiller Abendstunde gesessen, könnte wieder eintreten, sie würde alles finden, wie sie es verlassen, alles. Aber sie tritt nicht ein, und nie wieder wird hier Tee getrunken werden.

* * * * *

»Und Goethe?« Jawohl. Aus dem Hellen geht's ins Dunkle. Eine enge Treppe schraubt zwischen dumpfem Mauerwerk sich langsam in die Höhe. Die morschen Stufen, so lange nicht betreten, knarren. Einmal streicht die Hand unwillig ein Spinnennetz hinweg, das häßlich-kühl um Stirn und Kopf sich legte ... bis man dann plötzlich in der hellen Sonne steht, oben auf dem Dachaufsatz, aus dem, achteckig, der fensterreiche Turm emporsteigt, ein Gartenpavillon in luftiger Höh'. Der Blick reicht weit ins Land von hier aus, in grünen Wellen breiten sich ringsum des alten Ernst August Jagdgründe. Sein Porträt, von unbeholfener Hand gemalt, schmückt auch die Mitte der Decke, und um ihn herum paradieren, reichlich dekolletiert, seine acht Geliebten. Regen und Nässe haben hier und da die Gesichter zerfressen, die Farbe ist abgeblättert, und über die Wände kriecht häßlich der Schwamm und löst die alten Delfter Kacheln aus dem Mörtel.

Hier haben Goethe und Carl August in den ersten Jahren, als noch die wilde Jugend des Herzogs überströmend nicht Ziel, nicht Grenze kannte, oft in ausgelassener Gesellschaft gezecht ... sie wollten, aus guten Gründen, keine Zuschauer dabei, und das »Tischlein deck dich«, ein Speisenaufzug, der immer neu besetzte Platten aus der Tiefe hob und jegliche Bedienung überflüssig machte, stammt aus jener Zeit. Das mag lustig genug gewesen sein, wenn so die Wildschweinsköpfe, die Fasanen, die Rehrücken und die Torten hier wie durch Zauberhand vor den Tafelnden erschienen. Und das Singen und das Lachen und der Lichterschein mögen das Getier, das nachts um solche Türme flattert, die Dohlen und die Fledermäuse, recht verdrossen haben. Drang es doch gar bis Weimar, und die ehrsamen Bürger haben genug darüber spektakelt ...

Carl Alexander, der Enkel, hat dieses »Tischlein deck dich« dann auch ein paarmal benutzt, allerdings in etwas soliderer Runde. Zum letztenmal 1896, kurz bevor er nach Moskau zur Kaiserkrönung fuhr. Der Kastellan, der jetzt das Schloß betreut, hat damals mit in dem unter dem Turm gelegenen Anrichteraum die Speisen und die Weinflaschen in die Höhe gedreht. Ein Blick in diesen Raum zeigt jetzt wüstes Durcheinander. Die Flaschenzüge sind mürbe geworden, im Holze tickt der Wurm, die Spinnen haben alles mit grauen Schleiern überhäkelt. Und die Mäuse, die hier nachts von Schlupfwinkel zu Schlupfwinkel huschen, sind das einzige Leben, das in dieser Öde sich noch regt.

»Und wo hat Goethe gewohnt?« fragt man, schon wieder in der Vorhalle und Hut und Stock in der Hand ... denn 1789 zum Beispiel, damals, als er an Charlotte die schweren Abschiedsbriefe schrieb, ist er mit dem kleinen Erbprinzen sogar acht Tage lang in Belvedere gewesen. »Etwa in den Kavalierhäusern?«

Der Kastellan stößt rechter Hand die Tür auf: »Angeblich hat er hier gewohnt!«

Zwei Zimmer. Die Decke des ersten wieder von Öser, diesmal die vier Jahreszeiten. An der Wand einsam eine italienische Landschaft. Ein dünnes Tischchen Gegenstück zu einem anderen in Tiefurt. Das zweite, das Schlafkabinett, merkwürdig durch zwei Spiegel in der Fensternische, die so gestellt sind, daß sie den Betrachter unendlich vervielfältigen. Und das ist alles. Aber wenn man daran denkt, daß Goethe in diesen Räumen wahrscheinlich jenen Brief an Frau von Stein geschrieben hat, der Bande zerriß, die für ein Leben geknüpft erschienen, kann man sich eines leichten Schauers nicht erwehren, fühlt man Goethe-Atem auch hier und sucht nach irgend etwas, was die Erinnerung davontragen könnte.

Aber es bleibt nur der Blick durch die Fenster, und auf Busch und Baum des Parks hat wohl auch damals sein Auge geruht, das Trost suchte und doch nicht fand.

So geht man denn auf leisen Wegen in den Park, der weit und ruhig das Schloß umgibt. Die Sonne ist im Sinken. Schon liegt die Gartenfront in blassen Schatten, auf dem Dach sitzen die Amseln und singen ihr Abendgebet. Ihr Lied ist der einzige Laut, der die unendliche Stille belebt.

Es sind Wege Goethes, die man geht. Wie die Anlagen an der Ilm und die Allee, die von Weimar hierher führt, ist der Park von Belvedere sein Werk, -- wenn ihm auch der alte Herzog Ernst August mit seinen barocken Wunderlichkeiten und Anna Amalia, die sie wieder tilgte, vorgearbeitet haben ... sein und Karl Augusts Werk. Die leidenschaftliche Hingabe an die freie, unverstellte Natur, das »Erdgefühl«, das damals unter Goethes Einfluß den ganzen Weimarer Hof beherrschte, vertrug die Schnörkelwege nicht mehr, die die steife Mode der Vergangenheit in den alten Wald geschnitten hatten. Der Park von Wörlitz wird Vorbild, dem nahezukommen der Fürst und sein Minister sich bemühen; ging doch die allgemeine Neigung jetzt auf derartige »ästhetische Parkanlagen« aus.

Die Äußerungen Goethes darüber aus jungen Jahren sind spärlich. Ein paar belanglose Briefstellen, ein paar Tagebuchnotizen -- mehr ist nicht zu finden. Später, in den achtziger Jahren, schreibt er wohl einmal an Frau von Stein, daß er nach Belvedere gehen und seine »botanischen Augen und Sinne weiden« wollte; oder daß er dort mit dem Gärtner »allerley botanica zu tracktieren« habe. Erst der alte Goethe wird mitteilsamer. In seiner umständlichen Art erzählt er 1822 in einem »Schema zu einem Aufsatze, die Pflanzenkultur im Großherzogtum Weimar darzustellen«, wie im Anschluß an die Arbeiten an der Ilm die Verschönerung des Parks von Belvedere in Angriff genommen und durchgeführt worden ist. Dabei werden auch die Beamten genannt, die sich um Belvedere verdient gemacht haben, so der Hofgärtner Reichert und der Garteninspektor Sckell, auch der Legationsrat Bertuch aus Weimar, der sechzehn Jahre hindurch die Verwaltung geführt hat, wird lobend erwähnt. Vor allem aber war man bemüht, als Ausbau der Orangerie einen botanischen Garten von wissenschaftlichem Wert zu schaffen, und »die eifrige Vermehrung bedeutender Pflanzen neben den immerfort ankommenden Fremdlingen macht«, wie der Greis in jenen späten Aufzeichnungen erzählt »die Erweiterung in Belvedere, sowohl auf dem Berg als in dem Tal gegen Mittag gelegen, höchst nöthig. In der letzten Region werden Erdhäuser nach Erfindung Serenissimi angebracht, in der letzten Zeit ein Palmenhaus erbaut von überraschender Wirkung«.

Und noch einmal kommt er, 1830, auf diese Parkarbeiten zurück, als er, damit beschäftigt, aus Erinnerung und Tagebuch die Chronik seines Lebens in »Tag- und Jahresheften« zusammenzustellen, das »Louisenfest« beschreibt. Am 9. Juli hatte die Herzogin Louise Geburtstag. 1778 feiert ihn der weimarische Hof in einem Gartenfest, und der Greis, außer Knebel der einzige noch Lebende von allen denen, die es mitgemacht, nennt es »auch für uns noch merkwürdig, als von dieser Epoche sich die sämtlichen Anlagen auf dem linken Ufer der Ilm, wie sie auch heißen mögen, datiren und herschreiben«.

Die Welt, die sich vor einem auftut, wenn man die schönen Gittertore der Orangerie durchschreitet, ist noch in allem die Goethes. Die Menschen aus »Wilhelm Meister« haben hier ihr Klima. Die ganze Anlage, die ja in der Hauptsache noch von Ernst August stammt, ist bestes Rokoko. In mächtigem Halbrund säumen die Gewächshäuser den Garten, der, groß und leer, auf die Oleander- und Orangenkübel wartet; wo die Flügel zusammenstoßen, liegt, gleichzeitig Endpunkt der Allee, das schloßartige Haus des Gärtners mit seiner gelben, leicht eingebuchteten Front.

Und es ist wirklich fast alles noch wie einst. Noch immer werden die Gewächshäuser durch Steinkanäle erwärmt, die mit Holz gefeuert werden, die Arbeiter richten sich nach Goethes Sonnenuhr. Es ist ein eigentümliches Gefühl, vor denselben Myrten, Zypressen und Palmen zu stehen, die schon Goethe und Carl August bewundert haben. Auch hier haben die Nachfahren manches nach der Mode ihrer Zeit verändert, Grotten im Geschmack der fünfziger Jahre eingebaut und kleine Bassins mit Goldfischen, das »Erdhaus« zum Wintergarten umgestaltet. Ein heimlicher Platz unter blühenden Zimmerlinden erinnert durch eine Bank an Maria Paulowna, und es berührt seltsam, sich zu denken, daß in dieser bescheidenen Umgebung die verwöhnte Großfürstin mit ihren Kindern glücklich gewesen ist ...