Part 9
Ein kleiner Teesalon aus roten Ziegeln schließt das Ganze nach Süden ab. Der Belvederehügel fällt hier steil zu Tal, man sieht weit ins Land, die nahe Landstraße bot Abwechslung und Zerstreuung. Es ist der »chinesische Tempel«, der einst im Garten des Wittumspalais auf der Stadtmauer gestanden hat. Jetzt füllt Gerümpel ihn, die seidenen Vorhänge sind zerfetzt, Bohnenstangen und Holzjalousien verdecken die zarten Chinoiserien Ösers, und von der Decke fällt der Putz ...
Wie lange mag es her sein, daß hier an stillen Sommerabenden der Hof den Tee genommen, lustige Hofdamen mit den bezopften Herrschaften an der Wand gescherzt, Carl August mit der schönen Caroline Jagemann gesessen, und die Pagen servierten Eis und französischen Champagner?
Es war einmal. Böse schwelt jetzt hier häßlicher Verfallsgeruch, und die Öserschen Gestalten blicken in eine Welt, die diese leichten Spiele der Seele nicht mehr versteht. Eine andere Zeit ist angebrochen.
* * * * *
Und noch ein letzter Blick in den »Russischen Garten« am anderen Ende des Parks ... es ist der Garten, in dem Maria Paulownas Kinder ihre Bäume, ihre Beete, ihre stillen Plätze hatten; aus den Fenstern ihres Schlafzimmers konnte sie dem Spiel der Prinzessinnen zusehen, und von ihr mag dieser Teil des Parks dann wohl den Namen erhalten haben, unter dem er jetzt als besondere Sehenswürdigkeit gezeigt wird. Aber an sich stammt auch er aus der Zeit Carl Augusts.
Schon hängen die Abendschatten in den Baumkulissen der Naturbühne. Wie auf den Höhen Ettersburgs und in Tiefurts Tal wurde auch hier oft »unter dem Gewölb der hohen Nacht« Theater gespielt, und in die Verse Goethes klang das Liebesflüstern der Vögel, das Rauschen des Windes. Vorbei! Aus diesen Hecken tritt keine Iphigenie mehr, auf den Rasenbänken davor werden keine Zuschauer mehr Platz nehmen. Das Grab Corona Schröters in Ilmenau deckt schwer der Stein, und die hier einst voll froher Lust sich in geträumten Leben ein Abbild des wirklichen erschufen, im schmerzlichsüßen Klang von Geige, Waldhorn und Fagott die Seele wiegten, sie liegen alle still und stumm in ihren Särgen in der Fürstengruft in Weimar -- Väter, Söhne und Enkel.
Noch einmal naht Vergangenheit, wenn man am Marstall vorbei zu dem alten Gasthof schlendert ... die Straße seltsam ein Bild aus dem 18. Jahrhundert, der Garten, von Flieder und Jasmin ganz eingesponnen, noch immer genau so wie damals als hier Christiane mit den »Lustigen aus Weimar« gesessen, zu Pfingsten und wenn die Rosen blühten und auch im Herbst, wenn die Kastanien schon Rauschgold auf alle Wege streuten.
Als 1816 Goethes langjähriger Kutscher, der treue Dienemann, der ihn so oft nach Karlsbad gefahren, heiratet, verschafft Christiane ihm durch Fürsprache die Pacht des Schloßgasthofs. Ihr Tagebuch meldet am 8. April: »Dienemann und seine Frau ziehen ab. Ihr Wirtschaftsgeräte nach Belvedere. Die neue Köchin tritt an.«
Sie hat gewiß gedacht, dem vertrauten Mann hier oben noch oft zu froher Stunde zu begegnen. Aber wenige Wochen später ist sie schon tot, und Goethe gesteht schmerzlich, daß der ganze Gewinn seines Lebens sei, ihren Verlust zu beweinen.
* * * * *
Ist er noch oft in Belvedere gewesen? Gewiß. Doch sicherlich nie, ohne an die zu denken, die hier so gerne geweilt. Als die Schauspielerin Ernestine Durand, einst als Demoiselle Engels die Freundin der Toten, den Greis im Jahre 1826 bittet, ihr ein paar Worte ins Stammbuch zu schreiben, steigen die Tage von Belvedere wieder vor ihm auf, und wie ein leises Echo verwehter Freuden entklingen ihm die schwingenden Verse:
»Donnerstag nach Belvedere!« Und so gings die Woche fort; Denn das war der Frauen Lehre: Lustige Leute, lustiger Ort! Üben wir auf unsern Zügen Auch nicht mehr dergleichen Schwung, Stiftet inniges Vergnügen Heitern Glücks Erinnerung.
Advent von Achtzehnhundertsieben
+In memoriam+ Minchen Herzlieb
... Und war es nur ein Schein, -- Sie lag in meinen Armen. War sie drum weniger mein?
~Goethe~
Jena im November. Um den »Hanfried«, Johann Friedrichs des Großmütigen ehrwürdiges Denkmal mit dem altmodischen Eisengitter, raschelt das letzte welke Laub -- freigebig verstreuen es die Bäume des Marktes, und nicht lange mehr, so stehen sie kahl, und allein die grauen, verwitterten Häuserrahmen dann den weiten Platz.
Früh kommt die Dämmerung. Sie kriecht von den Bergen her durch die engen, winkligen Gassen der Stadt, umschattet die Türme, hängt feuchte Schleier um Giebel und Dächer und hockt sich in die Tür- und Fensternischen. Sie kommt auch zu dem Fremdling, der bei Göhre sitzt und auf den Markt herabschaut, vom schweren roten Wein ein wenig müde. Setzt sich zu ihm in das dunkle Fenster und erzählt von der Vergangenheit. Die zu suchen, ist hier der Fremdling von Weimar, der gnadenreichen Stadt, herübergefahren, und blasse Mittagssonne hat auf stiller Wanderung alle Wunder des »lieben närrischen Nestes« enthüllt. Nun, da der Abend nahe, lockt die schattenhafte Stadt zu neuer Wanderung. Vielleicht, so raunt die dunkle Stunde, daß sich ein Wunder begibt und, was die langen Jahre friedlich in Gräbern und in Grüften ruht, für kurze Zeit lebendig wird und wandelt ... vielleicht, daß die Legende einmal aufersteht, die diese Stadt und diese Straßen verklärt!
Dunkel die Häuser, dunkel der Weg. Laternenlicht huscht über schwarze Mauern. Merkwürdig stehen, wo sich die Gassen kreuzen, die Giebel gegen den blassen Himmel -- Kulissen zu Szenen und Geschichten, wie sie der Geist zuweilen in Nächten ohne Schlaf aufbaut und die im Hirn der Dichter als Träume leben. Einmal steht man auf hochgewölbter Brücke und blickt versonnen auf eines Flusses ruhevolles Gleiten, Baumwipfel spiegeln sich, ein helles Fenster. Dann wieder Gassen hin und her, Parkanlagen, aus denen herber Duft steigt, in schwarzem Rasen leuchtend eine weiße Herme, hinter schwarzen Bäumen hell der Sandsteinbau der Universität.
Hier stand einst das Schloß. Goethe hat oft darin gewohnt, in Knebels »alter Stube«, in der er sich immer so wohl gefühlt hat. Es muß ein düsterer, winkelreicher Bau aus Urvätertagen gewesen sein, dies alte Schloß, halb verfallen schon zu Goethes Zeiten. Daß es abgerissen wurde, ist trotzdem ein Unrecht, die Tat einer pietätlosen Zeit, der Erinnerungen Schall und Rauch. Ein Bürger Jenas hat damals den Torbogen gerettet, durch den Goethe und Schiller und auch Carl August so oft geschritten sind, und hat ihn in die Mauer seines Gartens einfügen lassen, weit draußen vor den Toren der Stadt, im Mühltal. Auch in dem Winter auf 1808 hat Goethe hier gewohnt, jenem Winter, in dem das Herz des fast Sechzigjährigen sich in jäher Liebe Minchen Herzlieb zuwandte, der schönen Pflegetochter des Buchhändlers Frommann, und wenn Goethe da nachmittags oder abends zu Frommanns ging, so hatte er keinen Weg zu machen: sie wohnten nur ein paar Schritte ab, gleich schräg gegenüber.
Nur ein paar Schritte ab, gleich schräg gegenüber ... das schlichte Haus steht noch da, niedrige Mauer trennt es von der Straße, an die es nur mit dem einen Flügel heranreicht, der andere, mit jenem durch einen fensterreichen Mittelbau verbunden, endet in einem Gärtchen. Der frühe Abend, nun schon ganz zu Dunkelheit geworden, läßt nur Umrisse erkennen, doch über Dach und First fliegt ab und zu ein blasser Glanz, wenn der Mond für Augenblicke aus den eilig wandernden Wolken hervortritt: Theater, das Beschwörung haucht. Und irgendwo rauscht Wind, irgendwo schlägt eine Uhr, langsam und bedächtig, der Fremdling zählt die Schläge ... fünf, sechs, sieben. Stille. Sieben Uhr! Da gleitet ein Schatten vorüber, eine große Gestalt, »im weiten Mantel bis ans Kinn verhüllt«, auf dem Kopfe einen niedrigen Zylinder. Traum! Denn dies, das Herz setzt aus und klopft dann wilden Takt, ist Goethe! Auferstanden von den Toten ... also hat sich der Zeiger der Weltuhr gedreht, hat sich das Wunder begeben, sind hundert Jahre ein Nichts geworden?
Gleichviel ... auf fliegt der eine Torflügel, wie von Geisterhand berührt, Schritte hallen über den Hof, ein Klopfen zerreißt die abendliche Stille, Fenster werden hell, eine Türe tut sich auf, und im warmen Lampenschein steht eine Mädchengestalt, rührend, lichtumflossen, Gretchen in der Mode von 1800, ein Häubchen deckt das dunkle Haar. Dem Lauscher vor dem finsteren Tor wird heiß ... »Guten Abend, Exzellenz!« Willkommenssingsang, lieblichster, aus Mädchenmund. Und die dunkle Gestalt im Mantel breitet froh die Arme: »Lieb Kind! Mein artig Herz!«
Und die Türe fällt zu, die Fenster werden wieder dunkel, schweigend liegt das Haus. Goethe und Minchen Herzlieb! Der Fremdling schauert. Wind fährt die Straße herauf, feuchter Wind von den Saalewiesen, der frösteln macht, Ziegeln klappern, an der Mauer scheuern sich ächzend Zweige.
War's Spuk?
Ein Traum erregter Sinne? Vision aus Büchern?
Gassen, nun schon schwarze Nacht, führen wieder zum Markt, zu Göhre ... mit dem putzigen kleinen Zigarrenladen, mit der Wendeltreppe, mit den alten Stuben und den alten Sofas: Raabe-Klima. Das läßt gut weiterträumen.
* * * * *
Jena im November. Tage der Versunkenheit. Der spürenden Erinnerung erschließt sich die Vergangenheit, und der Jenaer »Advent von Achtzehnhundertsieben«, der sich in Goethes Brust nach eigener Konfession mit Flammenschrift eingeschrieben, ersteht aufs neue.
Wie war das doch mit Minchen Herzlieb?
Am 13. Dezember 1812 empfiehlt Zelter Goethe in einem Briefe einen Berliner Gymnasialprofessor namens Pfund, der nach Weimar kommen werde. Goethe antwortet am 15. Januar 1813 dem Freunde: »Herrn Pfund habe ich gern und freundlich, obwohl nur kurze Zeit gesehen. Er empfahl sich mir besonders durch seine Anhänglichkeit an Dich. Seine Braut fing ich an als Kind von acht Jahren zu lieben und in ihrem sechzehnten Jahr liebte ich sie mehr als billig. Du kannst ihr auch deshalb etwas freundlicher sein, wenn sie zu Euch kommt.«
Diese Braut, von der Goethe spricht, war Minchen Herzlieb. Er lernte sie tatsächlich schon früh kennen, wenn auch nicht als Kind von acht, so doch von neun Jahren. Sie war eine Pflegetochter des Buchhändlers Friedrich Ernst Frommann in Jena, in dessen Haus Goethe seit 1798, wo dieser kluge und tiefgebildete Mann von Züllichau nach Jena übergesiedelt war, viel und freundschaftlich verkehrte. Denn er fand dort fast das ganze geistige Jena jener Zeit, und es ist nicht allein Frommann selbst gewesen, der sein Haus zu diesem Sammelpunkt von Dichtung und Wissenschaft zu machen verstand, sondern vor allem wohl auch seine Frau, die mit aller bürgerlichen Bescheidenheit Grazie und Anmut und geistige und künstlerische Interessen zu verbinden wußte. Ihr Sohn, der später die Frommannsche Buchhandlung übernahm und im Geiste des toten Vaters weiterführte, hat ihr 1870 in seinem kleinen Buche »Das Frommannsche Haus und seine Freunde« ein rührendes Denkmal gesetzt, und auch Goethe hat immer viel von dieser seltenen und noch im Alter anmutigen Frau gehalten -- seine zahlreichen Briefe an die »teure Freundin«, seine besorgten Anfragen nach ihrem Wohlergehen, seine häufigen Besuche, seine wiederholten Einladungen nach Weimar bezeugen das.
In diesem gastfreien und lebendigen Hause nun wuchs Minchen Herzlieb auf, eine Waise, die Tochter eines Pfarrers aus Züllichau, wo sie am 22. Mai 1785 geboren worden war. Sie war neun Jahre alt, als die Pflegeeltern nach Jena kamen, ein hübsches, zutrauliches Kind, das neben den Stiefgeschwistern still und ruhig dahinlebte und Goethe, der für hübsche Kinder immer eine Vorliebe hatte, wohl gefallen haben mag. Für ein Mehr an Gefühl allerdings fehlt aus diesen frühen Jahren jeder Beleg. Auch seine spätere Äußerung zu Zelter ist wohl kaum so zu deuten, scheint vielmehr ein wenig scherzhaft gemeint, wenn auch von einem leisen Klang der Wehmut durchzittert, daß er die, die er nachher »mehr als billig« geliebt, so rasch verlieren mußte ... Daß sie ihm, unbewußt, schon als kleines Mädchen mehr gewesen ist als bloß das hübsche Pflegekind der Freunde, ist ihm erst klar geworden, als die Liebe zu dem reizvoll aufgeblühten Wesen die Erinnerung auch an das Einst verklärte, -- wie der gereifte Mann ja oft schon das Kind geliebt zu haben glaubt, das seinem Herzen später als Frau teuer ist. In einem der Sonette, die er später in »Raserei der Liebe« an sie gerichtet, hat er diese nachträglichen Empfindungen reizvoll umschrieben:
Als kleines art'ges Kind nach Feld und Auen Sprangst du mit mir, so manchen Frühlingsmorgen. »Für solch ein Töchterchen, mit holden Sorgen, Möcht' ich als Vater segnend Häuser bauen!«
Und als du anfingst, in die Welt zu schauen, War deine Freude häusliches Besorgen. »Solch eine Schwester! und ich wär geborgen: Wie könnt' ich ihr, ach! wie sie mir vertrauen!«
Doch das heißt der Zeit vorgreifen! Jahr und Tag gingen zunächst hin, ohne daß Goethe das holde Wunder, das sich da in dem Haus am Fürstengraben entfaltete, mit den Augen des Mannes, des Liebhabers gesehen hätte. Das entdeckte als erster ein junger livländischer Edelmann, der in Jena studierte und bei Frommanns verkehrte, ein Herr von Manteuffel. Minchen war damals noch nicht vierzehn Jahre, und nach der Schilderung, die der Stiefbruder in seinem Buche gibt, muß sie entzückend gewesen sein, schon ganz das schöne Geschöpf, das wenige Jahre später dem sechzigjährigen Goethe Pandora, die milde Göttin, und die Ottilie der »Wahlverwandtschaften« wurde: »So gesund sie von Jugend auf war, entwickelte sie sich doch geistig nur langsam und behielt ihr Leben lang etwas Träumerisches. Eine regelmäßig schöne Gesichtsbildung hatte sie zwar nicht, aber ihr reiches schwarzes Haar und ihre großen braunen Augen mit dem unbefangenen freundlichen Ausdruck, der auch um ihren Mund spielte, ließen nicht an das denken, was etwa fehlen mochte, zumal alles in Harmonie war mit dem Ebenmaß ihrer schlanken Gestalt und der Anmut jeder ihrer Bewegungen, beseelt durch allgemeines Wohlwollen, bescheidenes, hingebendes, auf alle Bedürfnisse und nicht ausgesprochenen Wünsche der anderen aufmerksames Wesen. So war es natürlich, daß sie auf alle, die ihr, wenn auch nur in gewisser Entfernung, nahten, einen unwiderstehlichen Zauber übte, der sich auch noch in späten Jahren alle Herzen gewann.«
So auch ein Bild von ihr aus diesen Jahren, ein Miniaturporträt von der Hand Johanna Frommanns, die als Mutter vielleicht mit den Augen der Liebe gesehen, aber aus dem gleichen Grunde sicherlich den geistigen Ausdruck des geliebten Kindes besser getroffen hat als mancher Berufskünstler. Das ist schon die Ottilie Goethes, die in der Pension in ihrer rührenden, ein wenig dumpfen Einfalt und Bescheidenheit das Herz des »Gehülfen« rührt, später, auf Eduards Schloß, diesen in ihren Bann zieht ... die dunklen, unschuldsvollen Augen sind leicht verschleiert, mädchenhafter Liebreiz liegt um Wange und Mund, das lockige Haar rahmt eigenwillig das zarte Antlitz. Minchen hat dies Bild einer Freundin geschenkt, Christiane Selig, als diese im Sommer 1806 Jena verließ und nach Lüneburg zog. Christiane Selig, die dort dann bald heiratete, war auch das einzige Wesen, dem gegenüber Minchen etwas mehr aus sich herausging, war die Vertraute, vor der sie, im übrigen von einer fast krankhaften Verschlossenheit und Mitteilungsscheu, keine Geheimnisse hatte. Mit ihr allein stand sie in brieflichem Gedankenaustausch, und die wenigen Blätter von ihrer Hand, die aus diesem Briefwechsel erhalten sind, sind die einzigen Briefe, die wir überhaupt von ihr besitzen -- Dokumente einer stillen, verträumten Natur, die sich in Selbstanklagen und Zweifeln gefiel, im Ton oft überschwenglich und auf der anderen Seite von einer rätselhaften Schwermut beschattet: Ottilien-Briefe!
»Die lieblichste aller jungfräulichen Rosen« nennt sie, ein wenig später, die Malerin Luise Seidler. Auch sie hat Minchen gemalt; das schöne Bild, wie das viel herbere der Mutter nun auch im Goethe-Haus am Frauenplan, dem es Vermächtnis, atmet den ganzen süßen Reiz dieser Mädchengestalt in seelischer Verklärung: eine Novelle in Farben. Novelle auch, wenn die Künstlerin weiter schwärmt: »... mit großen, dunklen Augen, die, mehr sanft und freundlich als feurig, jeden herzig-unschuldsvoll anblickten und bezaubern mußten; die Flechten glänzend rabenschwarz; das anmutige Gesicht vom warmen Hauche eines frischen Kolorits belebt; die Gestalt schlank und biegsam, vom schönsten Ebenmaß, edel und graziös in allen ihren Bewegungen. Sie liebte schlichte weiße Kleider; gewöhnlich trug sie auch beim Ausgehen keinen Hut, sondern nur ein kleines Knüpftüchelchen, unter dem Kinn zugebunden.«
So also lebte sie, ein liebenswürdiges Menschenkind, in dem schönen Haus am Fürstengraben, so ging sie durch die Gassen des alten Jena, Friederike Brion in neuer Gestalt. Die häusliche Wirtschaft, eine Mädchenfreundschaft, arglose Tändelei mit Jenas Studenten, Spaziergänge zum »Paradies«, war's Sommer, nach den Mühlen der Umgebung und wohl auch nach Burgau, Zwätzen und Lobeda, füllten dieses Leben aus. Wer sich ein wenig Mühe gibt, der findet auch im heutigen Jena noch genug, das diese alte Zeit heraufbeschwört, da Minchen Herzlieb mit dem Körbchen am Arm zum Krämer sprang oder des Sonntags sittsam zur Stadtkirche schritt -- denn wie die Ottilie ihres großen Freundes hatte sie, das Pfarrerkind, immer eine Neigung zum Kirchlichen, und das Geheimnisvolle des Gottesdienstes mag ihrem träumerischen, kindlich hingebenden Wesen ein notwendiger Ausgleich zum Alltag gewesen sein.
Der junge Student, der zuerst das Weib in ihr gesehen und wohl auch geweckt, verließ nach einigen Jahren Jena. Warum? weiß man nicht ... wie überhaupt diese ganze Episode in Dunkel gehüllt ist und nur ein schwaches Licht erhält aus Briefen Minchens an die Freundin in Lüneburg. Da klagt sie, daß er ein Bild von ihr eigenmächtig mit auf die Reise genommen habe, fühlt sich dadurch verletzt, in ihrem Ruf gefährdet und doch geschmeichelt. Neugierig fragt sie die Freundin, ob sie nicht wisse, was aus ihm geworden. Melancholie umflort die Zeilen.
Ja, hat sie diesen Herrn von Manteuffel wirklich geliebt? Wahrscheinlich, wie ein junges Mädchen, dem zum ersten Male ein Mann verehrend naht, eben liebt. Und wenn er auch später so etwas wie eine Idealgestalt für sie wurde, ihr Herz sein Bild nicht vergessen konnte -- daß es sich um eine wirklich tiefe Neigung gehandelt hat, scheint wenig glaublich. Eine Jugendliebe war's, wie andere sie auch gehabt, kaum mehr. Wie überhaupt Minchen ihrer ganzen Veranlagung nach einer schenkenden, beglückenden Liebe kaum fähig gewesen sein dürfte, weder in jungen noch in späteren Jahren. Wesen wie sie entzünden wohl Neigungen und träumen sich wohl auch selbst in Glut; aber alles in allem ist ihr Reich nicht von dieser Welt, sie vermögen die Neigung nicht zu erwidern, die entfachte Glut nicht zu löschen. Sie war eigentlich die geborene Himmelsbraut. Dafür spricht auch der erschütternde Verlauf, den das weitere Leben dieser +anima candida+ genommen, dafür die tragische Erfüllung ihres Schicksals, dagegen keineswegs das Goethe-Erlebnis, das diesem Mädchenleben flüchtigen Inhalt, ihrer Gestalt Unsterblichkeit gegeben hat.
Das Goethe-Erlebnis -- wann begann es, wann endete es? Auch hier das merkwürdige Zwielicht, das über so vielen Liebesepisoden des großen Dichters schwebt. Von ihm vielleicht mit Absicht nicht durch Bekenntnisse und Mitteilungen unmittelbarer Natur aufgehellt, um dieser späten und ergreifenden Leidenschaft nichts von ihrem Duft, von ihrem Schmelz zu rauben; und Minchen Herzlieb selbst, die ja, soweit wir sehen, eine etwas passive Rolle dabei spielte und über den wahren Umfang von Goethes Neigung sich vielleicht nie ganz im klaren gewesen sein dürfte, war gar nicht in der Lage, nähere Aufschlüsse zu geben. Wo sie es getan, in brieflichen Äußerungen der Zeit, in späteren Mitteilungen, die man der Schweigsamen entlockt, hat sie sich auf Andeutungen beschränkt oder vielleicht beschränken müssen, weil ihre persönlichen Erinnerungen zu arm waren ... mit einer Friederike Brion, einer Lotte Buff, einer Lili, einer Charlotte von Stein, einer Marianne von Willemer und deren Erinnerungen darf man das schöne Mädchen von Züllichau nicht vergleichen. Minchen, eben erblüht und vom ersten Glanz der Jugend umwittert, hat auf Goethe einen weit tieferen Eindruck gemacht als dieser, der »liebe alte Herr«, auf das blutjunge Mädchen. Sie ließ es sich gefallen, angeschwärmt zu werden; aber wieder schwärmen, das konnte sie nicht. Sie neigte nur demütig und dankbar, vielleicht sogar ein wenig verständnislos, das Haupt. Die anderen alle haben Goethe geliebt.
Es mag wohl um die Zeit gewesen sein, da noch der junge livländische Student das Herz Minchens besaß, daß Goethe gewahr wurde, wie aus dem kleinen Mädchen ein Weib, aus der Knospe über Nacht die schwanke, taufrische Rose geworden war. Das war im Herbst 1806, kurz vor den Schreckenstagen der Schlacht bei Jena. Goethe weilte damals vom 26. September bis zum 6. Oktober in Jena; wie sein Tagebuch meldet, war er oft »abends bey Frommanns«, und während er dort mit der Familie und den Freunden des Hauses um den Teetisch saß, vorlesend oder zeichnend und auf das Gespräch der anderen lauschend, mag sein Auge wohl bisweilen entzückt auf der sylphidenhaften Gestalt Minchens geruht haben, die leise hin und her ging und die Mutter mit kleinen Handreichungen in der Bewirtung der Gäste unterstützte ... mag sein Dichterherz mit unbewußter Eifersucht den Abglanz erster Liebesfreuden und Liebesleiden in dem jungen Antlitz empfunden haben.
Goethe eilte dann nach Weimar, wie es die unsicheren Verhältnisse geboten. In einer Schilderung dieser Tage erzählt Johanna Frommann, wie sie mit Minchen am Fenster gestanden habe, als Goethes Wagen unten vorbeifuhr. Der Freund hatte sie wohl gesehen. »Er hielt und schickte noch herauf, uns ein Lebewohl sagen zu lassen; uns war, als entflöhe unser Schutzgeist -- er blieb uns doch. Wer in seiner Nähe gelebt hat, wird sich des wohltätigen Eindrucks ewig erfreuen können ...«
Die verhängnisvolle Zeit, die dann folgte, ging an Jena, ging auch am Frommannschen Hause gnädig vorüber, trotzdem gerade der »Graben« ein Tummelplatz der aufgelösten Soldateska war. Von Goethe traf noch am Sonnabend der Unglückswoche ein Rundschreiben in Jena ein, in dem er die dortigen Freunde, darunter natürlich auch Frommanns, um ein Lebenszeichen ersuchte: »Ich bitte daher Nachverzeichnete, nur ein Wort auf dieses Blatt zu unserer Beruhigung zu schreiben. Was mich betrifft, so sind wir durch viel Angst und Not auf das glücklichste durchkommen.« Ob er nicht um Minchen zumal besorgt gewesen ist, deren Schönheit in diesen Tagen fremder Einquartierung eine besondere Gefahr bildete? Frau Frommann mag so etwas gefühlt haben, und sie antwortete: »Unerlaubt froh sind Minchen und ich gestern abend über die guten Nachrichten von Ihnen gewesen, da es doch noch so viel anderes Unglück gibt! Ach, als Sie fortfuhren, war es, als wiche unser Schutzgeist! Er war nicht gewichen, die Worte, die durch Sie in unser Herz geschrieben waren, haben uns in den Stunden der höchsten Angst gehoben und erhalten. Dank dem Lehrer und dem gütigen Freunde!«