Schattenspiel um Goethe

Part 7

Chapter 73,550 wordsPublic domain

Interessanter, den Quellen nachzugehen, aus denen Goethe geschöpft -- gewinnt man da doch gleichzeitig einen Überblick über die Lektüre, die der Pyrmonter Kurgast Goethe, sicherlich der erlauchteste, den das Bad jemals beherbergt, damals gepflogen. Von »Büchern und Büchelchen« spricht der Greis in den »Annalen« ... Forscherfleiß hat diese Bücher und Büchelchen in alten Archiven aufgestöbert, und wenn man nun Titel aufzählen darf wie diese: »Pyrmonts Denkwürdigkeiten, Eine Skizze für Reisende und Kurgäste, Leipzig 1800 bei Karl Wilhelm Küchler« und »Beschreibung von Pyrmont von Henrich Matthias Marcard, Leipzig 1784/1785 bey Weidmanns Erben und Reich«; oder liest man im Tagebuch des Dichters von dem Eindruck, den etwa eine jene Pilgerfahrt von 1582 behandelnde Erzählung von Heinr. Bünting in der »Braunschweigischen und Lüneburger Chronika« (Magdeburg 1620) auf ihn gemacht hat, so kann man sich gut den bedächtigen, sorgfältig gekleideten Mann vorstellen, wie er, diese alten Folianten und Pappbände im Arm, die Alleen Pyrmonts durchwandelt und nach einem stillen Platz zu ungestörtem Lesen sucht.

Da stieg dann, auf geschichtlichem Boden, die Vergangenheit des Bades aus diesen Büchern, und die dunklen Augen Goethes mögen oft versonnen über die nahen Hügel und Berge geschweift sein, über die schon die Legionen des Varius gezogen waren und um die noch der Spuk mittelalterlicher Legenden geisterte ... bis ihn Freund Griesbach aus Jena oder der kleine August, der den Vater suchte, aus seinen Träumen weckten zu freundlichem Genuß des Tages und des gegenwärtigen Lebens.

* * * * *

Und langsam neigte sich die Zeit, die Goethe der Erholung in Pyrmont gönnen durfte oder wollte, ihrem Ende zu. In den Gärten blühten die Juli-Rosen, und abends trug der Wind, der von den Bergen kam, den Duft der reifenden Felder in die stillen Straßen. Auch regnete es oft. Das war sehr langweilig. Denn die fremden Zimmer, auf die man dann doch angewiesen war, wurden kalt und ungemütlich, die Reize des kleinen Theaters waren bald erschöpft, der Kursaal, wo gespielt wurde, lockte nicht.

Abwechslung, aber auch Unruhe hatte am 9. Juli die Ankunft »Durchlaucht des Herzogs« aus Weimar gebracht ... der Kur Goethes jedenfalls nicht sehr förderlich, denn Carl August war, kränkelnd und deshalb mißgestimmt, gelegentlich auch zu alten Ausschweifungen +in Baccho et Venere+ neigend, gewiß keine bequeme Gesellschaft.

Am 26. Juni hatte sich Carl August angemeldet. »Die fatalen Krämpfe, mein lieber Freund,« hatte er an Goethe geschrieben, »haben endlich doch die Überhand behalten, sie warfen mich seit Deiner Abreise dreymahl nieder und überwiegen meine Plane, die ich in Ansehung des Geldes und der Zeit gemacht hatte; ich komme doch nach +Pyrmonth+. Den 10. July Abends, Freytag über 14 Tage, komme ich dorten an. Erzeige mir den Gefallen folgendes zu bestellen:

1 Stube mit Bette für mich,

1 dergleichen für Eglofstein,

1 dergleichen mit 2 Betten für Kammd und Canzlist;

2 Stuben für 3 Bedt und 2 Reitknechte, nebst geh. Betten.

Stall und Furage auf 4 Pferde.

Wir kommen über Caßel. An +Table d'hôte+ eßen wir beyde und bedürfen daher keiner besonderen Kost. In welchem Hause wir wohnen sollen, ist mir gleichgültig ... Deine Gesundheit befindet sich wohl an der trefflichen Heils Quelle erneuert und frisch belebt? herzlich wünsche ich es. Auch ich suche Trost dorten, um mit Dir noch etliche Jahre vergnügt und nützlich zu vertreiben.«

Ein zweiter Brief am 29. Juni meldete dann in humorvollerer Form, daß Carl August, um Goethe möglichst wenig Mühe zu machen, seinem »Mephisto«, d. h. den Kammerdiener Kämpfer, als Quartiermacher nach Pyrmont vorschicken würde: »Dazu kömmt, daß den armen Teufel es gut behagen wird, wenn er ein Tager achte ohne an meinen Leibe warten und schaaben zu müssen, ruhig zu seinem besten baaden und trincken kann.«

Ob der Herzog, um dessen Gesundheit es wirklich damals kritisch stand, in Pyrmont die erwartete Erholung gefunden hat, weiß man nicht. Ein Brief Goethes an Christiane berichtet nur kurz und sachlich: »Der Herzog ist munter und lustig.« Aber immerhin: es spricht nichts dagegen, daß Karl August sich in Pyrmont zumindest wohl gefühlt hat; um im Stile seiner Briefe zu sprechen, hat das Bad doch dafür gesorgt, daß nicht die schwarze, sondern die weiße Fahne wehte, und Goethe und er haben noch mehr als »etliche Jahre vergnügt und nützlich« zusammen vertrieben.

* * * * *

Am 17. Juli verläßt Goethe Pyrmont, mit »Akten und Erinnerungen reicher beladen«, als er selbst gedacht, und vor allem, wie die nun folgenden Tage in Göttingen zeigen, schaffensfreudig und empfänglich wie lange nicht.

Regenwetter erleichtert den Abschied; die Sehnsucht nach der geliebten Hausgenossin und Frau in Weimar, mit der er auf der Rückreise in Kassel zusammentreffen will, hat den Zeitpunkt der Abfahrt ebenfalls um Tage vorgerückt. »Mit Freuden werde ich,« schreibt er am 12. Juli an Christiane, »Koppenfeldens Scheungiebel (das Nachbarhaus am Frauenplan) wiedersehen und Dich an mein Herz drücken und Dir sagen, daß ich Dich immerfort und immer mehr liebe.«

Wie schön, wie liebevoll diese wenigen Worte!

Und so verstauen sich an einem feuchten Morgen, von den Bergen weht es kühl, und auf der aufgeweichten Straße spiegeln die Regenpfützen grauen Wolkenhimmel, »Vater, Sohn und Geist« wieder in der schwerfälligen Reisechaise, die sie vor vier Wochen hierhergebracht: Goethe ernst und nachdenklich, der in Pyrmont verlebten Tage gedenkend, deren Resultat immerhin ungewiß; August lebhaft und sich kindlich des Neuen im voraus freuend, das die Fahrt bieten wird; Geist, der Schreiber, gleichmütig wie immer.

In der Haustür der Wirt, der Brunnenkassierer Voigt, devot das Käppchen in der Hand, bis die Pferde anziehen und der Wagen davonrollt ... der brave Mann ahnt nicht, daß ihm dieser Kurbesuch Unsterblichkeit schenkt!

Erstes Reiseziel Göttingen. Dort ist Goethe, sehr tätig, bis zum 14. August. Tags drauf trifft er dann in Kassel Christiane und Heinrich Meyer, und im Posthaus am Königsplatz, bei der Madame Goullon, kann die »wertheste Demoiselle« Vulpius endlich wieder nach mehr als zehn Wochen des Hangens und Bangens den geliebten Mann und das »Bübchen« in ihre Arme schließen.

Donnerstag nach Belvedere ...

»Und durch die Gärten blendet der Palast (wie blasser Himmel mit verwischtem Lichte), in seiner Säle welke Bilderlast versunken wie in innere Gesichte, fremd jedem Feste, willig zum Verzichte und schweigsam und geduldig wie ein Gast.«

~Rainer Maria Rilke~

Mai Achtzehnhundertunddreizehn. Weimar hat sich von dem Schrecken erholt, den am 18. April ein Gefecht zwischen dem Blücherschen Korps und der Avantgarde des Marschalls Ney in seine stillen Straßen getragen hatte. Goethe ist in Teplitz. Die kriegerischen Wirren haben ihn nicht von der gewohnten Badereise abhalten können. Am 17. April, einem Tag nur vor dem Kampf am Kegeltor, hat er Weimar verlassen. In Tharandt erst hört er davon -- wie er später aus Teplitz an Christiane schreibt: auf eine Weise, die ihn mehr verdroß als erschreckte. Seine eigene, so wunderbare und unvorsetzliche Entfernung hätte ihm die Hoffnung gegeben, daß das Übel auch von Weimar entfernt geblieben sein würde ...

Nun ist Christiane schon weit über einen Monat allein zu Haus. Und langweilt sich. Sie ist mittlerweile eine rundliche, behäbige Frau geworden und sitzt jetzt mindestens ebenso gerne in dem schönen bequemen Rohrstuhl, den ihr der »liebe Herr Geheimderath« geschenkt hat und der unten in der Küche neben dem Herde steht, wie sie früher getanzt hat ... womit nicht gesagt sein soll, daß sie etwa nicht auch jetzt noch für ihr Leben gerne tanzte. In den weichen Grübchen um Kinn und Mund wohnt noch immer der Schalk, und die guten braunen Augen schauen noch genau so lustig und lebensfroh in die Welt wie damals, als sie noch die junge Demoiselle Vulpius war.

Ja, sie langweilt sich. August, nun schon längst wohlbestallter Kammerassessor, ist wieder einmal seine eigenen Wege gegangen, und mit der verliebten Uli, der Gesellschafterin, die ihren Riemer im Kopf hat, ist auch nichts Rechtes anzufangen. So wandert sie durch die Zimmer des großen Hauses. Ihr ist heute nicht so recht. Daß aus Teplitz kein Brief gekommen, macht ihr Sorge. Und die stillen, feierlichen Räume mit den tausend Erinnerungen an Dingen, von denen sie nichts weiß und versteht, bedrücken sie ... der kolossale Kopf der Juno, die Nike, die ewig gleich und ruhelos auf ihrer Kugel über den ovalen Tisch fliegt, die Silhouetten, die Kupfer an den Wänden.

Mit einem halben Seufzer tritt sie ans Fenster und blickt auf den Platz hinab, den Maisonne mit Licht geradezu überschüttet. Ein leerer Nachmittag. Was tun? Haus und Garten sind in Ordnung, alles blitzt, alles funkelt, nirgends liegt ein Stäubchen. Draußen aber lacht der junge Sommer durch die Gassen und lädt ins Freie. Sie denkt an Berka, denkt ans Rödchen, an Belvedere. Belvedere ... das wäre etwas! Da könnte man hübsch im Gasthof Kaffee trinken, nachher ein bißchen in den Park gucken oder die Schwäne füttern, da würden die dummen Gedanken schon vergehen. Und kurz entschlossen schickt sie zu Frau +Dr.+ Vulpius herum, die nebenan wohnt, und zu Lortzings und der Demoiselle Engels, der Sängerin: ob die Damen nicht mit nach Belvedere fahren wollten? Der Wagen stände bereit, und Kuchen nähme sie mit.

Schon ein paar Minuten später schellt es unten ... am Torweg, wo es zur Küche geht. Denn das Mittelportal, das zu der großen Treppe führt, ist nur für die illustren Gäste da, das weiß ganz Weimar. Es ist die Schwägerin. Ihr folgt die kleine Engels auf dem Fuße. Beide in ihrem besten Staat, die frisch gestärkten Kleider rauschen, die Engels, ein lebendiger Blumenstrauß, hat überm Arm an himmelblauem Band den großen Schutenhut hängen. Lortzings, meldet der Diener, sind schon zu Fuß nach Belvedere.

Und es dauert nicht lange, da biegt die offene Chaise mit den vier Damen aus dem dunklen Torweg, und in lustigem Trab -- aus den Fenstern am Frauenplan strecken die Nachbarn neugierig die Köpfe -- geht es durch die Frauentorstraße, am Jägerhaus vorbei, wo Christiane als Goethes »Klärchen« so schöne Stunden verlebt und wo sie August unter dem Herzen getragen, in die Belvedere-Allee. Das Römische Haus ist ganz in Flieder und Jasmin gebettet. Auch die Kastanien blühen. Das sind nun auch schon alles große schattige Bäume geworden. In ihrer Kindheit, entsinnt Christiane sich, führte ein elender staubiger Fahrweg nach Belvedere; wo das Römische Haus steht, war kahles Feld; und der Park? mein Gott, das war alles Sumpf und Wiese und graues Weidengestrüpp. Die samtenen Rasenflächen, die jetzt da in der Sonne leuchten, die schönen Bosketts, die schattigen Wege, das hat alles erst der Hätschelhans geschaffen. Auch die Kastanien der Allee hat er erst angepflanzt. Nun fährt man wie durch einen großen Garten nach dem Belvedere, und erinnerungsversunken streicht die kleine Frau die weißen Blüten, die von den Bäumen in den Wagen regnen, auf ihrem Schoß zusammen und streut mit spielerischer Hand sie in den Wind, der sanft und warm die Fahrenden umfächelt ... Grüße, die nach Teplitz wandern.

Aber das ist nur ein kurzer Augenblick. Schnell ist sie wieder mit den Freundinnen in lustigem Gespräch, ihr helles Lachen übertönt das Rollen des Wagens, das Getrappel des Pferdchens. Und als am Ende der Allee hügelauf zwischen den Parkbäumen das Schloß auftaucht mit glitzernder Fontäne, da winkt sie unbekümmert mit dem Taschentuch Willkommensgrüße zu den herzoglichen Fenstern hinüber ... ganz Kind, ganz Lebenslust, ganz Sommerfreude.

Im Gasthofsgarten oben, unter den Linden, suchen Lortzings, mit Hallo begrüßt, schon nach einem schattigen Platz. Schnell ist der Tisch gedeckt. Der Wirt, in weißer Schürze, bedient höchstselbst die lustige Gesellschaft. Das läßt er sich nicht nehmen, wenn die Exzellenz Goethe da ist. Die Kaffeetassen klappern, um den Kuchen summen erste Bienen, auf dem Teiche vor der Schlehdornhecke gleiten langsam die Schwäne auf und ab -- behaglich sitzt Christiane im warmen Blätterschatten, die Hände im Schoß. Erzählt, läßt erzählen und denkt bisweilen auch, das Auge traumverloren in der Ferne, wo im Sonnendufte Weimar mit seinen Türmen liegt, an ihren lieben Geheimderath in Teplitz.

Und leise kommt der Abend. Im Parke fangen die Nachtigallen an zu schlagen. Alle Wege umspinnt eine süße Heimlichkeit -- wie damals, als die junge Christel, das »kleine Naturwesen«, sich zu dem Geliebten ins Gartenhaus am Stern stahl. Durch die laue Dämmerung geht es heim, und während aus den Wiesen Ober-Weimars weiß die Nebel steigen, singt die kleine Engels mit halber Stimme Goethe-Lieder ...

Noch nachts schreibt Christiane nach Teplitz. Schwärmt kindlich von dem schönen Nachmittag in Belvedere, vom Abend, wo sie zu Hause mit Uli und der Schwägerin noch ein bißchen »Rabusche« gespielt. Und für morgen wäre, wenn das Wetter so bliebe, »eine Partie nach Zwätzen arrangirt«, und für Sonntag hätte die Knebel sie nach Jena eingeladen, zum Tanzen. Und sie wäre »wie ein Vogel so vergnügt« und »sein treuer Schatz«. Und wenn wir auch nicht wissen, ob sie wirklich so geschrieben hat, denn ihre Briefe aus dieser Zeit sind verloren gegangen, so hat der Brief doch sicherlich so ähnlich gelautet.

Goethe, nun doch schon ein Sechziger, lächelt behaglich, als er das krause Geschreibsel erhält. »Ich freue mich,« antwortet er, »daß Alles bei euch wieder im alten Gleise geht, die Besorgung der Gärten, das Theater und das liebe Belvedere. Fahret so fort, das Nöthige zu thun und euch zu vergnügen.« Und mag wohl auch bei diesen Worten an die übermütigen Verse gedacht haben, die er vor noch gar nicht langer Zeit für »Die Lustigen aus Weimar« niedergeschrieben hat, an jenes heitere Gedicht:

Donnerstag nach Belvedere, Freitag geht's nach Jena fort; Denn das ist, bei meiner Ehre, Doch ein allerliebster Ort! Samstag ist's, worauf wir zielen, Sonntag rutscht man auf das Land; Zwätzen, Burgau, Schneidemühlen Sind uns alle wohlbekannt.

Montag reizet uns die Bühne; Dienstag schleicht dann auch herbei, Doch er bringt zu stiller Sühne Ein Rapuschchen frank und frei. Mittwoch fehlt es nicht an Rührung; Denn es gibt ein gutes Stück; Donnerstag lenkt die Verführung Uns nach Belveder' zurück.

Und es schlingt ununterbrochen Immer sich der Freudenkreis Durch die zweiundfunfzig Wochen, Wenn man's recht zu führen weiß. Spiel und Tanz, Gespräch, Theater, Sie erfrischen unser Blut; Laßt den Wienern ihren Prater; Weimar, Jena, da ist's gut.

* * * * *

Und ein anderer Maitag. Ein Jahrhundert und mehr ist vergangen. Ein unseliger Krieg, der bitterste, den je ein Volk zu führen gehabt hat, liegt hinter uns, und vieles hat in Deutschland sich geändert. Auch Weimar hat keinen Fürsten mehr. Der höfische Glanz, der wohlgefällig sich in den zahlreichen Hoflieferantenschildern spiegelte, ist jäh in nichts zerronnen, die kleine Stadt ist jetzt allein auf ihre Erinnerungen angewiesen. Sie sind die alten geblieben: der Frauenplan, die Ackerwand, der Garten am Stern, das Römische Haus. Sie geben auch auf dem Weg nach Belvedere noch immer ergreifend das Geleit, wo von den Kastanien still die Blüten fallen. Ihre Zeit ist um. Ein rosiger Schaum, bedecken sie weithin die ganze Allee. Die ist gemach ein einziger großer Laubengang geworden, und der Enkel, der in ihrem grünen Schatten wandert, kann sich kaum mehr vorstellen, daß das jemals anders gewesen. Des jungen Goethe stolzer Traum ist herrlichste Erfüllung geworden.

Langsam klettert die Straße hügelan. Ober-Weimar, ganz von rotem Flieder umbrandet, bleibt zurück, Felder begleiten. Ab und zu ein Haus. Aber plötzlich steigt hinter steiler Rasenwand, von dunklen Baumbosketts gerahmt, die Schloßfassade auf -- Vergangenheit, von Goldglanz überhaucht, blickt müde und verschlafen aus toten Fenstern auf den Fremdling, der ihr sich naht mit bannender Gebärde, und seltsam mengt sich in den Duft des jungen Sommers, der über Busch und Wiesen flügelt, der strenge Hauch von welkem Laub, das irgendwo vermodert. Und wie die breite Allee nun schmaler Weg wird und sich behutsam näher schlängelt -- kein Gitter, keine Mauer trennen die Welt des Gestern und des Heute --, merkt man, daß hier das Leben längst gestorben ist. Historie hält Schloß und Park gefangen, die Wirklichkeit wird Traum, wird Märchen.

Verhaltenen Atems wandert man um das Rondell, das vor der langgestreckten Front liegt. Der Brunnen in der Mitte ist versiegt, das Becken ist vertrocknet. Wo früher plätschernd die Fontäne stieg, spielen zwei dunkle Falter, und in den steinernen Schilderhäusern neben dem Altan hockt die Einsamkeit und träumt in die Stille. Es ist so still, daß in der Erde man das Echo seiner eigenen Schritte hört. ... gespenstisch still.

Auch die Gebäude, die den weiten Vorplatz malerisch umgeben, schlafen: die sogenannten Kavalierhäuser, zwei kleine und zwei größere. Die gebrochenen Dächer, die bizarren Türmchen stehen vor der dunklen Parkwand wie Kulissen aus »Kabale und Liebe«. Aus dem einen, dem Haus des Kastellans, kräuselt dünner Rauch in die blaue Luft ... das bißchen Rauch allein verrät, daß hier noch Menschen wohnen. Sonst alles ein leibhaftiges Rokoko -- nur tot, so tot, daß einen fast ein leises Grauen beschleicht.

In einer Laube wartet man des Führers. Durch die Blätter kann man die goldene Schloßfront sehen. Sie glüht wie in geheimnisvollem Leben, um Turm und Kuppeln tanzt das Licht, der Schiefer gleißt wie flüssiges Silber. Da naht Erinnerung und plaudert von verschollenen Zeiten.

* * * * *

Belvedere ... schon der Name beschwört ein längst verwehtes Gefühlsklima. Die Welt Watteaus steigt auf. Man denkt an Schäferspiele und galante Feste. Die Fürsten Deutschlands, so lange eingewinkelt in die engen Mauern ihrer finsteren Burgen, bauen kokette Lustschlösser und borgen sich bei Frankreich und Italien die anmutig klingenden Namen dafür. Überall spukt Versailles, fremd glitzern in den stillen deutschen Gärten hinter Taxushecken und vergoldeten Gittern die »Monbijou« und »Monplaisir«, die »Sanssouci« und »Bellevue«.

In Weimar regiert Ernst August, ein üppiger, prachtliebender Herr, der gern in stolzer Kavalkade auf die Jagd reitet, teure Reisen macht und sich im übrigen in der alten Wilhelmsburg mit ihrem Wall und Graben durchaus nicht wohlfühlt. Auch er träumt von Versailles, auch ihn packt das Baufieber, das damals an den deutschen Höfen grassiert und die seltsamsten Blüten treibt. Italienische Architekten erscheinen in Weimar, Pläne werden entworfen, vernichtet, neu entworfen. Der Herzog selbst, ein wenig roh zwar, aber keineswegs ohne eigenen Geschmack und Kunstverständnis, sitzt tagelang ehrlich hingegeben über den Rissen der fremden Künstler, und wenn die Enkel Palladios seine Residenz naserümpfend ein elendes Nest nennen, gibt er ihnen recht und verrennt sich immer mehr in seine kostspieligen, das Land unmäßig belastenden Verschönerungsideen. So entsteht auf bewaldetem Berghang bei Ehringsdorf, eine knappe Stunde Wegs von Weimar, als Jagdschloß gedacht, zuerst Belvedere. Eine alte Chronik erzählt darüber: »Als aber Ihro Hochfürstliche Durchlaucht Herzog Ernst August die ungemeine schöne Lust Gegend ansahen, so traffen Höchstdieselben mit der Ehringsdorffischen Kirche einen Tausch, und gaben derselben an dessen Statt ein Holtz an so genanntem Kettendorfer Berge, und erbauten in diesen Frauen-Holtz ein Lust-Schloß nebst noch andern schönen Gebäuden, versahen solches rings herum mit Mauern, und nannten es wegen der schönen Aussicht +Bellevüe+ oder +Belvedere+ ...«

1724 beginnt man mit dem Bau, 1732 ist er vollendet -- ein wenig wunderlich in der Anlage, die die Flügel in Einzelgebäude zerlegt, die Front durch die Säulendurchfahrten zerreißt, aber im ganzen doch hübsch und gefällig in der Wirkung. Er spiegelt mit all dem krausen Beiwerk, das den Berg überspinnt, dem Marstall, der Orangerie, der Menagerie, der Fasanerie, den Tempeln, Grotten und versteckten Lauben, getreu die barocke Laune, der es das Dasein dankt, und betont doch gleichzeitig gebührend, trotz aller ländlichen Bescheidenheit, Rang und Würde des fürstlichen Bauherrn. Joh. Heinr. Acker, ein Gymnasialdirektor aus Altenburg, preist schon anno 1730 die »+Augustische Bellevüe+« in einer langatmigen Ode als ein »Lust-Haus der +Philomelen+«, und aus dem unbeholfenen Schwulst seiner Verse steigt rührend die »sonderbahre« Schönheit des Schlosses auf:

»Was Welschland recht und zierlich bauet Wird hier in gleichem Strich, und gleichem Glanz geschauet. Man siehet ja recht Königliche Zimmer In vollem Schimmer.

Der Römer August baute schön, Statt Ziegeln ließ er Marmor sehn, Allein August, der Held von Sachsen, Bey dessen Raute Kunst und Wissenschaften wachsen, Baut aus Metall und Porcellan Paläste Für Götter Gäste ...«

Der eigentliche Baumeister von Belvedere ist unbekannt. Vielleicht ist es der Italiener Struzzi gewesen, der etwas später für Ernst August das reizende Rokoko-Schlößchen in Dornburg gebaut hat. Manche Ähnlichkeit spricht dafür, aber Gewisses ist nicht zu ermitteln. Auch Ettersburg, zur gleichen Zeit in Anlehnung an italienische Renaissance-Villen erbaut, verrät nichts. So schnell, wie sie gekommen, sind sie auch wieder aus Weimar verschwunden, die fremden Künstler, und nur in dem Namen Belvedere und in manchen Einzelheiten des eigenartigen Baus schwingt noch etwas von ihrem grazilen, südlich-lebhaften Wesen.

* * * * *

Schicksal hat das Schloß eng verflochten mit dem Leben vieler Menschen. Ernst August, der's erbaut, wie Goethe nach einem Porträt urteilt: »bey übrigen trefflichen Anlagen Tyrann«, ist 1749 gestorben, einem Kind sein Erbe lassend, und Schloß und Garten verwildern. Häßlich schreien nachts die Pfauen in ihren goldenen Käfigen, kreischen die Affen, die hier das Gnadenbrot erhalten. So findet es Anna Amalia, als der Sohn, achtzehnjährig und seit einem Jahre Herzog, die braunschweigische Prinzessin im März 1756 hier als junge Frau hinaufführt. Und gewinnt es lieb für immer. Neuer Glanz belebt das Verfallene, die stillen Säle und Zimmer füllt frohes Lachen. Als Ernst August Constantin nach zwei Jahren stirbt, wählt die Witwe Belvedere als Sommerresidenz. Der Park wird von den Schnörkeln und den Arabesken Ernst Augusts, überlebten Spielereien, die dem gesunden Geschmack der jungen Fürstin nicht behagen, gesäubert, die »Mauren« fallen, die jeden Blick in die Außenwelt wehrten, und den jungen Prinzen Carl August und Constantin, die hier Kindertage verleben, lächelt unverfälschte Natur.

Fast zwanzig Jahre bleibt es so. Das Leben in Weimar geht still seinen Gang. Carl August wächst heran -- in nur zu vielem ganz das wilde, ungestüme Blut des Großvaters. Kaum können Mutter und Erzieher den Dahinbrausenden halten. Einziges Ereignis ist in dieser ganzen Zeit der Schloßbrand vom Mai 1774. Die alte Wilhelmsburg wird Ruine, die Herzogin obdachlos und flüchtet in das Fritschsche Haus an der Stadtmauer, das spätere »Wittumspalais«. So ist in diesem Sommer, dem letzten von Anna Amalias Regentschaft, Belvedere allein Residenz. Im Jahr darauf besteigt Carl August den Thron, und in Belvedere zieht im Sommer 1776 des Herzogs junge Frau ein, die hessische Prinzessin Louise. Anna Amalia siedelt, schweren Herzens, nach Ettersburg über.