Schattenspiel um Goethe

Part 6

Chapter 63,479 wordsPublic domain

Sorgen, die Goethe selbst während der Reise gequält, seine Seele umschattet haben mögen! Dafür aber winkte in Göttingen der lange entbehrte Verkehr mit den Gelehrten der dortigen Universität, ihm für die Arbeit an der »Farbenlehre« diesmal besonders wichtig; dafür versprach Pyrmont Kräftigung Leibes und Geistes und damit neuen Aufschwung. Zukunft lächelte. Und so mag der ernste Mann wohl, kamen Vergangenheit und Sorge ihm allzu nahe, derweil der Reisewagen schwerfällig durch die sommerliche Landschaft Thüringens und des Eichsfelds rollte, zukunftsfreudig die Schatten mit einer kräftigen Handbewegung verscheucht, mag im kindlichen Lachen und Plaudern des Sohnes Erquickung und Zerstreuung gefunden haben. Die kurze Meldung an Christiane aus Göttingen, daß die Promenade ihnen, Vater und Sohn, viel Vergnügen gemacht, war sicherlich nicht nur pure Wahrheit, sondern läßt auch günstige Rückschlüsse auf die ganze Reise zu.

Am 13. Juni trifft man also endlich in Pyrmont ein. Es ist Nachmittag, und der stille Ort mit seinen Straßen und schönen Alleen liegt anmutig im Widerspiel von Abendsonne und grünem Schatten. Verstaubt und reisemüde klettern »Vater, Sohn und Geist« vor einem alten, schlichten Hause der Bassinstraße aus dem Wagen und atmen mit Behagen die reine, kräftige Luft ein.

* * * * *

Wie Pyrmont damals ausgesehen?

Nun, etwas anders als heute. Ein Jahrhundert ist lange Zeit und bringt der Veränderungen viele, und seit Goethe dort gewesen ist, ist sogar mehr als ein Jahrhundert vergangen. Aber vieles ist auch erhalten geblieben: nicht nur eine Fülle der bescheidenen alten Häuser mit Satteldach und grünen Fensterläden, auch das ganz in Wipfelgrün getauchte Schloß, das Theater, das alte Badehotel, der Tempel in den Anlagen lassen jetzt noch dem, der richtig zu sehen weiß, die Vergangenheit erstehen, sind Kulissen einer Welt, um die der Zauber alles Gewesenen schwebt. Das große Kurhaus und mancherlei anderes, das erst die Kultur unserer Tage geschaffen, muß man sich natürlich fortdenken. Aber kommt, nach heißen Sommertag vielleicht, die Dämmerung mit ihren Schatten und erstirbt das Leben, das tagsüber Straßen und Alleen durchpulst, dann kann man sich wohl in jene Zeit zurückträumen, da hier Karl Philipp Moritz, der Verfasser des »Anton Reiser«, seine seltsame und harte Jugend verlebt, die Frau Oberstallmeister von Stein aus Weimar blaß und lieblich Sommer für Sommer zum Brodelbrunnen schritt, Schopenhauers, die Eltern des damals noch nicht geborenen großen Philosophen, mit Justus Möser und Lessings Berliner Freund Nicolai an der Quelle literarische Dispute führten, Goethe, den kleinen August an der Hand, in dieser oder jener Allee seinen fürstlichen Freund Carl August zum Morgenspaziergang erwartete ...

Es hieße lügen, wollte man behaupten, daß Goethe sich in Pyrmont nun glücklich gefühlt, lügen auch, daß ihm die Kur die erhoffte Erholung gebracht hätte. Nie hat Pyrmont in Goethes Leben die Rolle gespielt wie »das Karlsbad« oder Teplitz ... ist er doch auch nie wieder nach Pyrmont zurückgekehrt, während die böhmischen Bäder in der Folge alljährliches Reiseziel wurden. »Die Cur,« schreibt er am 26. Juni an Christiane, »wird mir hoffentlich gut bekommen; ob sie mir gleich beim Gebrauch unbequem ist, indem sie mir den Kopf einnimmt und mich nicht das Mindeste arbeiten läßt.« In einem anderen Briefe an Christiane heißt es, unbewußt doppelsinnig: »Es geht mir und dem Kinde noch immer recht gut, nur bleibe ich bei der Cur zu aller Art von Arbeit untüchtig, welches mir denn doch ein wenig lästig ist.« Und er klagt, daß der Brunnen ihn »gewaltig angriffe«.

Der letzte Brief aus Pyrmont, rührend vor allem in der Sehnsucht nach Christiane und Weimar, meldet dann, daß er sich leidlich befunden hätte und von der Kur noch gute Folgen erhoffte: »Das Beste dabei war die Bewegung und Zerstreuung.« Das schreibt er am 12. Juli, also volle vier Wochen nachdem er in Pyrmont eingetroffen war. Ähnlich skeptisch lauten Nachrichten an Schiller und den Weimarer Hausgenossen vom Frauenplan, Heinrich Meyer. Schiller schreibt er am 11. Juni noch, also von Göttingen aus, daß er sich lange nicht so wohl und heiter befunden habe wie dort; aber am 12. Juli klagt er aus Pyrmont auch ihm, daß ihn die Kur zu aller Arbeit untüchtig gemacht und er »hier wenig Zufriedenheit genossen« habe; er fügt allerdings hinzu, daß er doch manches guten und interessanten Gesprächs nicht vergessen dürfe, und -- dies rätselhaft andeutend -- daß er »die Totalität des Pyrmonter Zustandes« so ziemlich vor sich habe.

Das Fazit dieses Pyrmonter Zustandes zieht dann der höchst aufschlußreiche Brief an Meyer vom 31. Juli aus Göttingen, in dem es heißt: »... von mir kann ich wenigstens gegenwärtig sagen, daß es mir recht leidlich geht, es sey nun, daß die Bibliothek und das akademische Wesen, indem sie mich wieder in eine zweckmäßige Tätigkeit nach meiner Art versetzten, mir zur besten Cur gediehen oder daß, wie die Ärzte sagen, die Wirkung des Brunnens erst eine Zeit lang hinterdrein kommt; denn ich kann wohl sagen, daß ich mich in meinem Leben nicht leicht mißmutiger gefühlt habe als die letzte Zeit in Pyrmont.«

Viel hat zu der offenbaren Mißstimmung, unter der Goethe, zumal in der letzten Zeit, in Pyrmont gelitten hat, das schlechte Wetter beigetragen. So klagt er Christiane in einem Briefe vom 12. Juli: »Das Wetter zerstörte alles, Cur und Spazierengehen und Geselligkeit; heute stürmts und regnets. Ich habe einheizen lassen.« Das ist ja auch ärgerlich. Daß der immer noch Kränkliche ferner unter der Kur zunächst gelitten hat, ist nur natürlich: jede Kur strengt an, und vielleicht hat Goethe in dem Bestreben, möglichst rasch Erholung zu finden, des Guten auch etwas zuviel getan. Daß bald Arbeitslust an sich einsetzte, ist doch ein Zeichen der Kräftigung, wenn auch der Körper sich noch nicht so kommandieren ließ, wie der Geist es wollte. Und die Ärzte, die ihm volle Wirkung der Pyrmonter Kur erst für später voraussagten, haben recht behalten: Goethe ist schließlich doch frisch und gekräftigt nach Weimar zurückgekehrt.

Erst später hat er auch erkannt, daß ihm Pyrmont in geistiger Beziehung viel gegeben, nicht allein, wie es in jenem Briefe an Schiller noch zurückhaltend genug heißt, manches gute und interessante Gespräch, nein, Pyrmont mit seinen vielen Erinnerungen an alte und älteste Zeiten hat auch seiner Phantasie neue Nahrung zugeführt, hat ihm zum ersten Male wieder seit langen Jahren den Plan zu einer großen dichterischen Arbeit geschenkt. Das ist jene romanähnliche Erzählung aus der mittelalterlichen Geschichte Pyrmonts, das »Mährchen« einer Ritterpilgerfahrt zum Hylligen Born aus dem Jahre 1582, dessen endliche Gestaltung einem damals viel gelesenen Buche, den »+Amusements des eaux de Spaa+« eines Herrn von Pöllnitz, ähnlich werden sollte. Wohlgemerkt: sollte. Denn es ist nie in Angriff, geschweige denn in Arbeit genommen worden, und wenn die unausgeführt gebliebene Dichtung Goethes auch, wie Gräf in seinem Werk »Goethe über seine Dichtungen« richtig dazu bemerkt, in ihrem Entwurf für uns nicht entfernt die Wichtigkeit hat wie des Dichters Berichte über so manchen anderen liegengebliebenen Plan, so verdient sie doch größere Beachtung, als ihr bisher geworden.

* * * * *

Neben den Klagen über die Kur und das schlechte Wetter erzählen Goethes Briefe aus Pyrmont aber auch manches Heitere und Lustige. Goethe war Mensch und als solcher Stimmungen unterworfen: der idyllischen Anmut Pyrmonts, dem Zauber seiner Umgebung konnte er sich letzten Endes so wenig entziehen wie jeder andere. Dazu kam, neben anderer, durchaus nicht unangenehmer Gesellschaft, die er dort gefunden hatte, das unausgesetzte Beisammensein mit dem kleinen August, das dem Vater viele frohe Stunden bescherte. »August ist sehr glücklich,« meldet Goethe einmal der Mutter in Weimar, »gestern waren wir auf einem Hügel 5/4 Stunden von hier, wo Versteinerungen und Krystallisationen angetroffen werden, deren Suchen und Auffinden das größte Fest war.« Und im selben Briefe heißt es: »Die Lage um Pyrmont ist sehr angenehm, und in der Nähe gibt es allerlei Merkwürdigkeiten, Mineralien, Ruinen, und was dergleichen sein mag.«

Und was dergleichen sein mag! Hier ist einzuhaken. Denn diese an sich nichtssagenden Worte, niedergeschrieben am 26. Juni, beziehen sich vielleicht auf den größten Fund, den Goethe, dank den mit seinem Söhnchen gemachten Ausflügen entdeckerfreudig gestimmt, in Pyrmont gemacht hat -- sei es, daß er durch das Aufstöbern alter Baulichkeiten zu geschichtlichen Lektüre über Pyrmonts Vergangenheit verführt wurde, sei es, daß ihn erst eine solche Lektüre dazu trieb, Gegenständliches in der näheren und weiteren Umgebung zu suchen ... denn fast gleichzeitig meldet sein Tagebuch, auch hier wie überall und immer gewissenhaft geführt, am 30. Juni: »... die Erinnerung an alle merkwürdige Vorfälle, die sich denn doch wohl mögen in der Nachbarschaft ereignet haben, erregt ein ganz eignes Interesse.«

Diese Worte: »ein ganz eignes Interesse« bedeuten bei einem so zurückhaltenden Menschen wie Goethe viel, und nimmt man sich die »Annalen« des alten Goethe vor, so findet man da erstens einmal die ganze Reise nach Pyrmont genau beschrieben, in dieser Beschreibung dann aber auch das, was damals in Pyrmont ein so hohes Interesse bei ihm erregt hat: nämlich jene wundersame und geheimnisvolle Massen-Pilgerfahrt zu den Quellen Pyrmonts aus dem Jahre 1582. Schönste Ergänzung dazu: der Aufsatz »Aufenthalt in Pyrmont. 1801« in den »Biographischen Einzelheiten«, der, wahrscheinlich 1825 niedergeschrieben, erst 1837 aus dem Nachlaß bekannt wurde.

In den »Annalen« heißt es:

»In Pyrmont bezog ich eine schöne, ruhig gegen das Ende des Orts liegende Wohnung bei dem Brunnenkassirer, und es konnte mir nichts glücklicher begegnen, als daß Griesbachs ebendaselbst eingemiethet hatten und bald nach mir ankamen. Stille Nachbarn, geprüfte Freunde, so unterrichtete als wohlwollende Personen trugen zur ergetzlichen Unterhaltung das Vorzüglichste bei. Prediger Schütz aus Bückeburg, Jenen als Bruder und Schwager und mir als Gleichniß seiner längst bekannten Geschwister höchst willkommen, mochte sich gern von Allem, was man werth und würdig halten mag, gleichfalls unterhalten.

Hofrath Richter von Göttingen, in Begleitung des augenkranken Fürsten Sanguszko, zeigte sich immer in den liebenswürdigsten Eigenheiten, heiter auf trockene Weise, neckisch und neckend, bald ironisch und paradox, bald gründlich und offen.

Mit solchen Personen fand ich mich gleich anfangs zusammen; ich wüßte nicht, daß ich eine Badezeit in besserer Gesellschaft gelebt hätte, besonders da eine mehrjährige Bekanntschaft ein wechselseitig duldendes Vertrauen eingeleitet hatte.

Auch lernte ich kennen Frau von Weinheim, ehemalige Generalin von Bauer, Madame Scholin und Raleff, Verwandte von Madame Sander in Berlin. Anmuthige und liebenswürdige Freundinnen machten diesen Zirkel höchst wünschenswerth.

Leider war ein stürmisch-regnerisches Wetter einer öftern Zusammenkunft im Freien hinderlich; ich widmete mich zu Hause der Übersetzung des Theophrast und einer weitern Ausbildung der sich immermehr bereichernden Farbenlehre.

Die merkwürdige Dunsthöhle in der Nähe des Ortes, wo das Stickgas, welches mit Wasser verbunden so kräftig heilsam auf den menschlichen Körper wirkt, für sich unsichtbar eine tödtliche Atmosphäre bildet, veranlaßte manche Versuche, die zur Unterhaltung dienten. Nach ernstlicher Prüfung des Lokals und des Niveaus jener Luftschicht konnte ich die auffallenden und erfreulichen Experimente mit sicherer Kühnheit anstellen. Die auf dem unsichtbaren Elemente lustig tanzenden Seifenblasen, das plötzliche Verlöschen eines flackernden Strohwisches, das augenblickliche Wiederentzünden, und was dergleichen sonst noch war, bereitete staunendes Ergetzen solchen Personen, die das Phänomen noch gar nicht kannten, und Bewunderung, wenn sie es noch nicht im Großen und Freien ausgeführt gesehen hatten. Und als ich nun gar dieses geheimnisvolle Agens in Pyrmonter Flaschen gefüllt mit nach Hause trug und in jedem anscheinend leeren Trinkglas das Wunder des auslöschenden Wachsstocks wiederholte, war die Gesellschaft völlig zufrieden und der unglaubige Brunnenmeister so zur Ueberzeugung gelangt, daß er sich bereit zeigte, mir einige dergleichen wasserleere Flaschen den übrigen gefüllten mit beizupacken, deren Inhalt sich auch in Weimar noch völlig wirksam offenbarte.

Der Fußpfad nach Lügde zwischen abgeschränkten Weideplätzchen her ward öfters zurückgelegt. In dem Oertchen, das einigemal abgebrannt war, erregte eine desperate Hausinschrift unsere Aufmerksamkeit, sie lautet:

Gott segne das Haus! Zweimal rannt' ich heraus, Denn zweimal ist's abgebrannt; Komm' ich zum dritten Mal gerannt, Da segne Gott meinen Lauf, Ich bau's wahrlich nicht wieder auf.

Das Franziskaner-Kloster ward besucht und einige dargebotene Milch genossen. Eine uralte Kirche außerhalb des Ortes gab den ersten unschuldigen Begriff eines solchen früheren Gotteshauses mit Schiff und Kreuzgängen unter einem Dach bei völlig glattem unverziertem Vordergiebel. Man schrieb sie den Zeiten Karls des Großen zu; auf alle Fälle ist sie für uralt zu achten, es sei nun der Zeit nach, oder daß sie die uranfänglichen Bedürfnisse jener Gegend ausspricht.

Mich und besonders meinen Sohn überraschte höchst angenehm das Anerbieten des Rektors Werner, uns auf den sogenannten Krystallberg hinter Lügde zu führen, wo man bei hellem Sonnenschein die Aecker von tausend und aber tausend kleinen Bergkrystallen widerschimmern sieht. Sie haben ihren Ursprung in kleinen Höhlen eines Mergelsteins und sind auf alle Weise merkwürdig als ein neueres Erzeugniß, wo ein Minimum der in Kalkgestein enthaltenen Kieselerde, wahrscheinlich dunstartig befreit, rein und wasserhell in Krystalle zusammentritt.

Ferner besuchten wir die hinter dem Königsberge von Quäkern angelegte wie auch betriebene Messerfabrik und fanden uns veranlaßt, ihrem ganz nah bei Pyrmont gehaltenen Gottesdienst mehrmals beizuwohnen, dessen nach langer Erwartung für improvisirt gelten sollende Rhetorik kaum Jemand das erste Mal, geschweige denn bei wiederholtem Besuch, für inspirirt anerkennen möchte. Es ist eine traurige Sache, daß ein reiner Kultus jeder Art, sobald er an Orte beschränkt und durch die Zeit bedingt ist, eine gewisse Heuchelei niemals ganz ablehnen kann.

Die Königin von Frankreich, Gemahlin Ludwigs XVIII., unter dem Namen einer Gräfin Lille, erschien auch am Brunnen, in weniger, aber abgeschlossener Umgebung.

Bedeutende Männer habe ich noch zu nennen: Konsistorialrath Horstig und Hofrath Marcard, den Letztern als einen Freund und Nachfolger Zimmermanns.

Das fortdauernde üble Wetter drängte die Gesellschaft öfters ins Theater. Mehr dem Personal als den Stücken wendete ich meine Aufmerksamkeit zu. Unter meinen Papieren find ich noch ein Verzeichniß der sämmtlichen Namen und der geleisteten Rollen; der zur Beurtheilung gelassene Platz hingegen wird nicht ausgefüllt. Iffland und Kotzebue thaten auch hier das Beste, und Eulalia, wenn man schon wenig von der Rolle verstand, bewirkte doch durch einen sentimental-tönend weichlichen Vortrag den größten Effekt; meine Nachbarinnen zerflossen in Thränen.

Was aber in Pyrmont apprehensiv wie eine böse Schlange sich durch die Gesellschaft windet und bewegt, ist die Leidenschaft des Spiels und das daran bei einem Jeden, selbst wider Willen erregte Interesse. Man mag, um Wind und Wetter zu entgehen, in die Säle selbst treten oder in bessern Stunden die Allee auf und ab wandeln, überall zischt das Ungeheuer durch die Reihen; bald hört man, wie ängstlich eine Gattin den Gemahl nicht weiter zu spielen ansieht, bald begegnet uns ein junger Mann, der in Verzweiflung über seinen Verlust die Geliebte vernachlässigt, die Braut vergißt; da nun erschallt auf einmal der Ruf grenzenloser Bewunderung: die Bank sei gesprengt! Es geschah diemal wirklich in Roth und Schwarz. Der vorsichtige Gewinner setzte sich alsbald in eine Postchaise, seinen unerwartet erworbenen Schatz bei nahen Freunden und Verwandten in Sicherheit zu bringen. Er kam zurück, wie es schien mit mäßiger Börse; denn er lebte stille fort, als wäre nichts geschehen.

Nun aber kann man in dieser Gegend nicht verweilen, ohne auf jene Urgeschichten hingewiesen zu werden, von denen uns römische Schriftsteller so ehrenvolle Nachrichten überliefern. Hier ist noch die Umwallung eines Berges sichtbar, dort eine Reihe von Hügeln und Thälern, wo gewisse Heereszüge und Schlachten sich hatten ereignen können.

Da ist ein Gebirgs-, ein Ortsname, der dorthin Winke zu geben scheint, herkömmliche Gebräuche sogar deuten auf die frühesten, roh feiernden Zeiten, und man mag sich wehren und wenden, wie man will, man mag noch so viel Abneigung beweisen vor solchen aus dem Ungewissen ins Ungewissere verleitenden Bemühungen, man findet sich wie in einem magischen Kreise befangen, man identifiziert das Vergangene mit der Gegenwart, man beschränkt die allgemeinste Räumlichkeit auf die jedesmal nächste und fühlt sich zuletzt in dem behaglichen Zustande, weil man für einen Augenblick wähnt, man habe sich das Unfaßlichste zur unmittelbaren Anschauung gebracht.

Durch Unterhaltungen solcher Art, gesellt zum Lesen von so mancherlei Heften, Büchern und Büchelchen, alle mehr oder weniger auf die Geschichte von Pyrmont und die Nachbarschaft bezüglich, ward zuletzt der Gedanke einer gewissen Darstellung in mir rege, wozu ich nach meiner Weise sogleich ein Schema verfertigte.

Das Jahr 1582, wo auf einmal ein wundersamer Tag aus allen Weltgegenden nach Pyrmont hinströmte und die zwar bekannte, aber noch nicht hochberühmte Quelle mit unzähligen Gästen heimsuchte, welche bei völlig mangelnden Einrichtungen sich auf die kümmerlichste und wunderlichste Art behelfen mußten, ward als prägnanter Moment ergriffen und auf einen solchen Zeitpunkt, einen solchen unvorbereiteten Zustand vorwärts und rückwärts ein Märchen erbaut, das zu Absicht hatte, wie die +Amusemens des eaux de Spa+ sowol in der Ferne als der Gegenwart eine unterhaltende Belehrung zu gewähren. Wie aber ein so löbliches Unternehmen unterbrochen und zuletzt ganz aufgegeben worden, wird aus dem Nachfolgenden deutlich werden. Jedoch kann ein allgemeiner Entwurf unter andern kleinen Aufsätzen dem Leser zunächst mitgetheilt werden.«

Hier der »allgemeine Entwurf«:

»~Aufenthalt in Pyrmont~.

1801.

Im Jahre 1582 begab sich auf einmal aus allen Welttheilen eine lebhafte Wanderschaft nach Pyrmont, einer damals zwar bekannten, aber doch noch nicht hochberühmten Quelle; ein Wunder, das Niemand zu erklären wußte. Durch die Nachricht hiervon wird ein deutscher wackerer Ritter, der in den besten Jahren steht, aufgeregt; er befiehlt seinem Knappen, alles zu rüsten und auf der Fahrt ein genaues Tagebuch zu führen, denn dieser, als Knabe zum Mönch bestimmt, war gewandt genug mit der Feder. Von dem Augenblicke des Befehls an enthält sein Tagebuch die Anstalten der Abreise, die Sorge des Hauswesens in der Abwesenheit, wodurch uns denn jene Zustände ganz anschaulich werden.

Sie machen sich auf den Weg und finden unzählige Wanderer, die von allen Seiten herzuströmen. Sie sind hilfreich, ordnen und geleiten die Menge, welches Gelegenheit gibt, diese Zustände der damaligen Zeit vor Augen zu bringen. Endlich kommt der Ritter als Führer einer großen Karawane in Pyrmont an; hier wird nun gleich so wie bereits auf dem Wege durchaus das Lokale beachtet und benutzt. Es war doch von uralten Zeiten her noch manches übrig geblieben, das an Hermann und seine Genossen erinnern durfte. Die Kirche zu Lügde, von Karl dem Großen gestiftet, ist hier von höchster Bedeutung. Das Getümmel und Gewimmel wird vorgeführt; von den endlosen Krankheiten werden die widerwärtigen mit wenig Worten abgelehnt, die psychischen aber, als reinlich und wundervoll, ausführlich behandelt, sowie die Persönlichkeit der damit behafteten Personen hervorgehoben. Bezüge von Neigung und mancherlei Verhältnisse entwickeln sich, und das Unerforschliche, Heilige macht einen wünschenswerten Gegensatz gegen das Ruhmwürdige. Verwandte Geister ziehen sich zusammen, Charaktere suchen sich, und so entsteht mitten in der Weltwoge eine Stadt Gottes, um deren unsichtbare Mauern das Pöbelhafte nach seiner Weise wütet und ras't; denn auch Gemeines jeder Art versammelte sich hier: Marktschreier, die besonderen Eingang hatten; Spieler, Gauner, die jedermann, nur nicht unseren Verbundeten drohten; Zigeuner, die durch wunderbares Betragen, durch Kenntnisse der Zukunft Zutrauen und zugleich die allerbänglichste Ehrfurcht erweckten; der vielen Krämer nicht zu vergessen, deren Leinwand, Tücher, Felle vom Ritter sogleich in Beschlag genommen und dem sittlichen Kreise dadurch ein gedrängter Wohnort bereitet wurde.

Die Verkäufer, die ihre Ware so schnell und nützlich angebracht haben, suchten eilig mit gleichen Stoffen zurückzukehren; andere spekulierten, daraus sich und Andern Schirm und Schutz gegen Wind und Wetter aufzustellen; genug, bald war ein weit sich erstreckendes Lager errichtet, wodurch bei stetigem Abgange der Nachfolgende die ersten Wohnbedürfnisse befriedigt fand.

Den Bezirk der edlen Gesellschaft hatte der Ritter mit Pallisaden umgeben und so sich der jedem physischen Andrang gesichert. Es fehlt nicht an mißwollenden, widerwärtig-heimlichen, trotzig-heftigen Gegnern, die jedoch nicht schaden konnten; denn schon zählte der tugendsame Kreis mehrere Ritter, alt und jung, die sogleich Wache und Polizei anordnen; es fehlt ihm nicht an ernsten geistlichen Männern, welche Recht und Gerechtigkeit handhaben.

Alles dieses ward im Stile jener Zeit als unmittelbar angeschaut von den Knappen täglich niedergeschrieben mit naturgemäßen kurzen Betrachtungen, wie sie einem heraufkeimenden guten Geiste wohl geziemten.

Sodann aber erschienen, Aufsehen erregend, langfaltig blendend weiß gekleidet, stufenweise bejahrt, drei würdige Männer: Jüngling, Mann und Greis, und traten unversehens mitten in die wohldenkende Gesellschaft.

Selbst geheimnisvoll, enthüllten sie das Geheimnis ihres Zusammenströmens und ließen auf die künftige Größe Pyrmonts in eine freundliche Ferne lichtvoll hinaussehen.

Dieser Gedanke beschäftigte mich die ganze Zeit meines Aufenthaltes, ingleichen auf der Rückreise. Weil aber, um dieses Werk gehaltvoll und lehrreich zu machen, gar manches zu studieren war und viel dazu gehörte, dergleichen zersplitterten Stoff ins Ganze zu verarbeiten, so daß es würdig gewesen wäre, von allen Badegästen nicht allein, sondern auch von allen deutschen, besonders niederdeutschen Lesern beachtet zu werden, so kam es bald in Gefahr, Entwurf oder Grille zu bleiben, besonders da ich meinen Aufenthalt in Göttingen zum Studium der Geschichte der Farbenlehre bestimmt hatte, wovon an seinem Ort gehandelt worden.«

* * * * *

Dies das »Mährchen« von Pyrmont, in der Tat wundersam und schon im »Schema«, wie Goethe seinen Entwurf nannte, voller Reize, die in der Ausarbeitung sicherlich noch deutlicher hervorgetreten wären. Jedenfalls hätte diese Dichtung, als Roman oder Epos vollendet, eine ganz einzigartig Stellung in Goethes Schaffen eingenommen: wie weit ab liegt schon das Stoffliche von den sonstigen Interessengebieten des Dichters! Nur im »Faust« klingt ähnliches. Aber es ist müßig, etwa darüber zu klagen, daß Goethe die »sehr weitschichtige Arbeit«, wie er sie fünfundzwanzig Jahre später noch nannte, Entwurf bleiben ließ; er wird gewußt haben, was er tat, wird schon bei der Konzeption instinktiv das Fremde gewittert haben, das wir selbst daran als unpoetisch empfinden, und mit dem Verklärten, in Göttersphären Entrückten darüber zu rechten, daß er so und nicht anders gehandelt, wäre kleinlicher Eigensinn.