Schattenspiel um Goethe

Part 5

Chapter 53,598 wordsPublic domain

Mit dem Ilmenauer Bergrat Mahr fuhr er zusammen nach dem Gickelhahn hinauf. Es war ein heiterer Sommertag, und um die Berge blaute still und klar der Himmel ... die ganze Landschaft ein Abglanz der abgeklärten Seele, die hier nach Menschenaltern vergessenes Glück, vergessenes Leid beschwören, Abschied nehmen wollte von ihrer Jugend. »Über allen Gipfeln ist Ruh« -- erinnerungsversunken stand der Achtzigjährige vor den verblaßten Bleistiftzeilen, die das morsche graue Holz kaum noch erkennen ließ, und während Tränen ihm das große, das zeitlose Auge verdunkelten, sprach er leise vor sich hin: »Ja, warte nur, balde ruhest du auch!«

Er hat dann, wie er acht Tage später Zelter in einem Briefe erzählt, die Inschrift »rekognosziert«: die Greisenhand hat die fast unleserlich gewordenen Buchstaben nachgezogen und darunter gesetzt: »Renov. den 28. August 1831.«

So liest man es jetzt mit verhaltener Rührung.

* * * * *

Über Kammerberg und Manebach zurück nach Ilmenau. Aus Sturm und Regen ist ein sanfter, silberner Frühlingsnachmittag geworden. Die feuchte Erde duftet, es rauscht die Ilm.

»Anmutig Tal! du immergrüner Hain!« ... wieder nahen sich die Verse, nun, wo man vom Walde kommt, ergreifend wahr. Sie bringen neue Schattenbilder. »Wenn es möglich ist,« schreibt Goethe am 30. August 1783, auf dem Sprung nach Ilmenau, an Charlotte, »schreibe ich dem Herzog ein Gedicht auf seinen Geburtstag.« Als er am 4. September nach Weimar zurückkehrt, bringt er es fertig mit. Aus Traum und Wirklichkeit hat sich ihm Ilmenau »zum 3. September 1783« zu neuem Erlebnis, zu farbenfrohem Bild gestaltet.

Verklungene Tage stehen auf. In wilder Jagd durchstürmt der Herzog wieder das Gebirge, am Fuße einer Felswand wird abends Rast gemacht -- es ist, vielleicht, der Hermannstein:

»Bei kleinen Hütten, dicht mit Reis bedecket, Seh ich sie froh ans Feuer hingestrecket. Es dringt der Glanz hoch durch den Fichten-Saal, Am niedern Herde kocht ein rohes Mahl; Sie scherzen laut, indessen, bald geleeret, Die Flasche frisch im Kreise wiederkehret ...«

Und alle die treten auf, die damals mit in Stützerbach getanzt, getollt, der behäbige Knebel, der Tollkopf Seckendorf, der blutjunge Herzog, Goethe selbst -- treten auf und treten wieder ab auf dieser Bühne der Erinnerung, Magie belebt die schwankenden Gestalten. »Ich selbst saß davor,« erzählt der alte Goethe in den Annalen, »bei glimmenden Kohlen, in allerlei schweren Gedanken, auch in Anwandlung von Bedauern über mancherlei Unheil, das meine Schrift >Werther< angerichtet.« Aber das ängstliche Gesicht zerrinnt, der schwere Traum verschwindet. Die bange Sorge um den Herzog verscheucht die Hoffnung auf »Gedeihn und festes irdsches Glück«, und der erhabene Berg läßt ihn an »seinen sachten Höhn ein jugendlich, ein neues Eden sehn«.

Und zweiundvierzig Jahre später. Wieder ein »Tag der Lieb und Lust«. Carl August feiert sein Regierungsjubiläum. Die Vision Goethes ist Wirklichkeit geworden ... »die Ernte wird erscheinen und dich beglücken und die Deinen.« Im Römischen Haus begrüßt Goethe den fürstlichen Freund, in aller Frühe, der erste Gratulant. Wortlos stehen die beiden Greise, Hand in Hand. »Bis zum letzten Hauch zusammen!« stammelt endlich tief bewegt Goethe. Der Großherzog nickt. Traumhaft durchzuckt Erinnerung sein altes Herz. »O achtzehn Jahre und Ilmenau!« ruft er und deckt die Augen mit der Hand ...

* * * * *

Noch oft ist Goethe in Ilmenau gewesen, mit Knebel und bei Knebel, mit Fritz von Stein, dem Liebling, der, wie er einmal an Charlotte schreibt, ihr Bildnis sein soll, und manchmal auch ganz allein. Immer wandern Briefe und Zettelchen nach Weimar und schwärmen und erzählen; beteuern seine Liebe in leidenschaftlichen Worten und sind voll Sehnsucht und Glück. »Mergeln« und Schwämme begleiten sie.

1784 werden endlich die neuen Bergwerke eröffnet. Am 24. Februar. Ein Schicksalstag. Goethe bleibt in der feierlichen Eröffnungsrede stecken, die er im Posthause hält. Aber niemand wagt zu lächeln. Seine dunklen Augen halten alle im Bann. Nur daß es als üble Vorbedeutung genommen wird, kann er nicht hindern.

Im Oktober 1785 schreibt er an Charlotte: »Es steht alles recht gut und das ganze Werck nimmt einen rechten Weg.« Auch in den Folgejahren geht alles gut. Noch 1816 gedenkt der alte Goethe freudig in einem Gedicht an seinen alten Bergrat Voigt dieser Zeit:

»Von Bergesluft, dem Äther gleich zu achten, Umweht, auf Gipfelfels hochwald'ger Schlünde, Im engsten Stollen wie in tiefsten Schachten Ein Licht zu suchen, das den Geist entzünde, War ein gemeinsam köstliches Betrachten, Ob nicht Natur zuletzt sich das ergründe? Und manches Jahr des stillen Erdenlebens Ward so zum Zeugen edelsten Bestrebens.«

Aber 1796 bricht der Martinroder Stollen. Die Aufschlagewasser stauen sich, der Schacht wird auflässig, die Werke ersaufen. Und wieder zieht die Armut ein in Ilmenau.

Immer aber hat die Einsamkeit Ilmenaus Goethe dichterisch angeregt. Hier ist »Wilhelm Meister« zu einem großen Teil entstanden. Auch Mignons schmerzbewegtes Lied: »Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide!« hat Goethe hier zu dunkler Stunde gefunden. Am 20. Juni 1785 schickt er es Charlotte und fügt, ergreifend, hinzu: »Ein Lied, das nun auch mein ist.«

Und noch ein anderes Lied hat ihm Ilmenau geschenkt, viele Jahre später. Längst war die Liebe zu Frau von Stein erloschen, verbittert hatte sich die Enttäuschte von ihm zurückgezogen. An ihre Stelle ist Christiane getreten. Ihr gelten nun seine Gedanken: nicht wirre Sehnsucht mehr, nicht Stammellaut und Schrei. Ein glücklicher Vater schreibt der Mutter seines Gustel, der ihn, ein »Bübechen«, begleitet und weiße Pfefferkuchen nach Weimar schickt, die er sich vom Munde abspart. So feiert Goethe hier seinen 64. Geburtstag. Und die Erinnerung lässt ihn, ein Nachklang seiner silbernen Hochzeit, erzählen:

»Ich ging im Walde So vor mich hin, Und nichts zu suchen Das war mein Sinn. Im Schatten sah ich Ein Blümchen stehn, Wie Sterne blinkend, Wie Äuglein schön ...«

Christianes Lied! Er schickt's nach Weimar ... wie oft, wie stolz mag es die heitere Frau, vielleicht im Korbstuhl neben dem Küchenherde sitzend, an ihr warmes Herz gedrückt haben!

* * * * *

Nachmittag. In der Lindenstraße promeniert das junge Ilmenau. Der Mühle gegenüber, die Goethe in jungen Jahren oft beherbergt hat, Knebels Haus. Die Fenster schauen nachdenklich in das bunte Treiben. Es ist, als ob noch immer hinter den dunklen Scheiben der »alte Timon« an seinem Lucrez arbeitete. Aber das frohe Lachen, das »die Rudel«, Knebels blutjunge Frau, die Weimarer Sängerin Luise von Rudorf, mit in die Kleinstadtstille brachte, ist längst verhallt. An den »+élégant savant+«, der hier einmal sein wunderlich Wesen getrieben, erinnert nur die weiße Tafel über der Tür. Und auch die beachtet keiner.

Und weiter. Hinter der Kirche der Marktplatz. Die Häuser schlafen. Nur der alte Brunnen schwatzt in die Stille. Eine tote Welt, -- Rokoko aus Chodowiecki-Kupfern, unberührt, ganz noch das »heitere Landstädtchen«, das Goethe fand, als er zum erstenmal hierher kam, um Ilmenau vor neuer Einäscherung zu bewahren. Noch stehen Schloß und Rathaus, noch die »Sonne« und der »Adler«, aus deren Fenstern Philine und Wilhelm Meister einander den Morgengruß zunickten. Aber es liegt alles stumm und verlassen, nichts spricht dafür, daß etwa Seiltänzer und Gaukler hier ihr leicht Gerüst aufschlagen werden, kein Mädchen bietet dem fremden Herrn Rosen an, wie's Wilhelm Meister geschah, und die beiden Gasthöfe schauen so verdrossen drein, als ob sie überhaupt nicht mehr auf Gäste rechneten ...

Die Vergangenheit geht hier spazieren.

* * * * *

Sie begleitet auch auf den Friedhof, zu Corona Schröters Grab. Einsam und verlassen liegt die einst Gefeierte. Arme »Crone«! Wie oft hat Goethe dich, du blühtest noch in all dem betörenden Glanz der Jugend und ganz Weimar lag dir zu Füßen, bei diesem Schmeichelnamen genannt! Daß du ein »Engel« wärest, schrieb er an Frau von Stein und an den Herzog schon aus Leipzig, von wo er dich nach Weimar holte. Er hat dich wirklich sehr geliebt. Sein Tagebuch erzählt's, und auch die Bank in Tiefurt mit dem Amor und der Nachtigall. Und in dem großen Gedicht »Auf Miedings Tod« gelten dir die wundervollen Verse:

»Es gönnten ihr die Musen jede Gunst, Und die Natur erschuf in ihr die Kunst. So häuft sie willig jeden Reiz auf sich, Und selbst dein Name ziert, +_Corona_+, dich.«

Und dann?

Nach flüchtigem Glanz der lange, der bittere Lebensabend in Ilmenau. Niemand kümmerte sich um die Verbannte. Auch Goethe nicht. Und so einsam, wie sie zuletzt in Ilmenau gelebt, stirbt sie 1802. Der Tod erlöst eine Tote.

Bekümmert steht man an dem kahlen Grab. Von der »Sturmheide« her fährt der Wind über die Hügel, der Efeu raschelt, die kahlen Weiden schwanken traurig hin und her. Die Stille weint. »Es ist sündlich, wie man in Weimar mit den Toten umgeht,« schrieb Knebel damals. Ihm und der Prinzessin Caroline verdankt die Vergessene den schlichten Grabstein. Eine schwarze Eisenplatte ist's, in Sandstein eingelassen. Eine Harfe und eine Fackel, ein Lorbeerkranz und ein Schmetterling schmücken sie. Und leise wellt der Frühlingswind das Wasser, das Regen und Sturm darauf geworfen.

Abschied von Ilmenau. In der Abenddämmerung steht man vor'm »Goldenen Löwen«. Langsam erstirbt das Leben. Ein Lachen treibt vorbei, ein fader Scherz, ein letztes Plaudern. Dann wird es still. Ganz still. In der Ferne plätschert die Ilm.

Noch einmal wandert man durch die alten Gassen. Nun, wo der Tag zur Ruh gegangen, regen sich die Schatten. Sie geben gespenstisches Geleit, bedrängen die Seele, die sie aus ihren Grüften hervorgelockt. ... Knebel und seine junge, viel zu junge Frau, Einsiedel, den Reue an die Stätte bannt, wo Corona Schröter gewohnt, der junge Goethe, der der dunklen Ilm verworrene Liebesgrüße nach Weimar anvertraut. Und scheu und heimlich auch, in grauen Mantel gehüllt, den Dreispitz tief in die Stirne gedrückt, der unselige Krafft, Goethes geheimnisvoller Schützling. Denn hierher hatte Goethe, ein »dienstfertiger Samariter«, den in die Irr Gegangenen geschickt, der sich in letzter Not an ihn gewandt ... ohne Dank zu finden: der Verlorene ward auch in Ilmenau nicht des Lebens froh, ward in Verkennung der Dienste, die Goethe forderte, zum Spion. Noch immer wandert er durch die Straßen, er lauscht an jeder Schenke, er horcht an jeder Tür. Und verflucht, das unstete Auge bergend, das Schicksal, das ihn hierher verschlagen hat ... das heute wird zum Gestern, ein Jahrhundert flüchtiger Traum.

Abschied von Ilmenau -- -- --

Über den Marktplatz klingt leise ein Lied. Philine singt. Ihr Fenster im »Adler« wirft hellen Schein über den winkligen Platz. In das Dunkel des Torwegs gedrückt stehen drüben, in der »Sonne«, Wilhelm Meister und Mignon und lauschen. Laërtes schaut ihnen über die Schulter ... Da bricht das Liedchen ab, das Licht geht aus, und auch das Tor des alten Gasthofs fällt zu. Schatten begraben ein Goethe-Märchen. Am Himmel, der in dunkler Bläue schwankt, flimmern kalt die Sterne.

Das »Mährchen« von Pyrmont

»Goethe ist zu Pyrmont und nur mit Wiedererlangung seiner Gesundheit beschäftigt ...«

~Schiller~

Der Reisewagen, der am 5. Juni 1801 in aller Herrgottsfrühe vor dem Haus am Frauenplan Posto faßt, wartet auf einen Kranken. Denn noch immer fühlt Goethe, der an diesem Morgen mit dem elfjährigen August zusammen nach Pyrmont reist, sich von der schweren Krankheit nicht genesen, die den schon lange Leidenden zu Beginn des Jahres 1801 fast dahingerafft. Wohl war es der Pflege Christianens, seiner »lieben Kleinen«, wie er am 1. Februar der Mutter rühmte, gelungen, ihn am Leben zu erhalten; wohl befand er sich nach dieser »schrecklichen Krise der Natur«, wie es in einem Briefe an die Weimarer Freundin Elisa Gore heißt, wieder ganz leidlich; aber den Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Kräfte hatte er trotz aller Ruhe, trotz eines sechswöchigen Landaufenthalts auf Ober-Roßla nicht wiedererlangt, und erst Pyrmont soll ihm nun gründliche Erholung bringen.

Pyrmont erfreute sich schon damals alten Rufes, vielleicht größeren als jetzt, wo so viel andere Bäder mit dem stillen, ganz in Lindengrün gebetteten Idyll an der Emmer wetteifern. Goethe selbst kannte es auch nur vom Hörensagen. Charlotte von Stein, allein und auch mit Mann und Kindern dort oft zur Kur, mag ihm viel von diesem ihren Zufluchtsort erzählt, mag ihm die Heilkraft des »Hylligen Borns« gerühmt haben ... die Briefe, die sie von Pyrmont aus an Goethe geschrieben, Antworten auf das sehnsuchtsbange Liebesstammeln, das ihr aus Weimar und Ilmenau nachtönte, sind ja leider verloren, vernichtet wie alle ihre anderen an Goethe; aber Spiegelung der Tage, die Charlotte in Pyrmont verlebt, findet, wer zwischen Zeilen zu lesen versteht, in den von Liebe, Sehnsucht und wirrer Klage erfüllten Ergüssen des Dichters, die dieser der Fernen, Kuß und Schmeichelwort so weit Entrückten nachgesandt. Und an den langen Herbst- und Winterabenden in Weimar mag im Beieinandersein bei stiller Kerze Erzählung manches nachgeholt und wieder heraufbeschworen haben, was dem Briefe anzuvertrauen Tinte und Papier erschwert hatten.

So hat Goethe das Bad am Teutoburger Wald, als Liebender für die Worte der Geliebten doppelt empfänglich, vielleicht besser gekannt als viele, die dort stumpfer Sinne, nur ihrem leiblichen Wohl und Wehe hingegeben, wochenlang die Kur gebraucht haben; was die Augen nicht in Wirklichkeit gesehen, erlebte die beschwingte Seele des Dichters doppelt intensiv, gewann holde Verklärung, weil die, die es ihm schilderte, seinem Herzen nahestand.

So ist wohl auch zu erklären, daß der Genuß des Pyrmonter Wassers -- neben dem »Selzer« wie Christiane das Selterser nennt -- in Goethes Hause gang und gäbe, lange bevor der Dichter es am Ursprungsorte selbst getrunken: die wohltätige Wirkung, die es auf Frau von Stein und ihren Mann ausübte, gewann dem Pyrmonter auch die Neigung Goethes, führte es in Weimar überhaupt ein. Trank doch die ganze Hofgesellschaft, der früh schon von Gicht und Rheumatismus geplagte Herzog an der Spitze, Pyrmonter! Und bei Goethes am Frauenplan durfte es gar nie ausgehen. Immer wieder stößt man in den Briefen Goethes, die er, weilte er in Jena, an Christiane schrieb, auf die Bitte, ihm ein paar Flaschen Pyrmonter mit der Botenfrau zu schicken; und Christiane beeilte sich dann stets sehr, diesen Wunsch zu erfüllen, weil sie wußte, wie gut dem Gatten -- denn Gatten waren sie, auch wenn die Trauung, die sie vor der Welt dazu machte, erst 1806 erfolgte, schon von dem Tage an, wo Goethe mit ihr das große Haus am Frauenplan bezog -- das Wasser tat, das »bernoder« wie sie es in dem oft kaum zu entziffernden Kauderwelsch ihrer einfältig-innigen Briefe genannt hat.

Nun aber fügte es das Schicksal, daß Goethe, mit seinen Ärzten der Wunderkraft der Pyrmonter Quellen vertrauend, die aus »Bouteillen« ihm nicht frisch und stark genug entgegensprudelte, sich auf die Reise machte, um diese Wunderkraft an Ort und Stelle zu erproben.

Es ist ein frischer Morgen, da er diese Reise antritt, munter und lebenskräftig, wie er sich lange nicht gefühlt. Vergessen der bange Winter, da schon der Tod zu Häupten seines Bettes gestanden, vergessen auch der Ärger in Ober-Roßla, wo er »mit der rohen Natur und über das ekelhafte Mein und Dein« mit dem Pachter im Streite gelegen: wieder einmal sieht er, reisefertig, unbekannte Welt vor sich liegen, von neuem regt Phantasie die Schwingen, die in Alltagssorgen und Alltagsgezänk fast zu erlahmen gedroht hatten. Abenteuer lockt. August, den jungen Reisekameraden, an der einen Hand, den andern Arm Christiane, dem getreuen Hausgeist, um den Hals gelegt, tritt er aus der Tür, -- ungebeugt die massige Gestalt, doch im Gesicht um Mund und Augen den Zug des Leidens, den zehn schwere Januartage da eingegraben.

Noch schläft Weimar. Nur der Brunnen rauscht, First und Fenster der Kleinbürgerhäuser gegenüber glühen in erster Sonne. Irgendwoher kommt Lindenduft. So kann Goethe sich ungestört durch neugierige Blicke von seiner Frau verabschieden, die ihm und dem Kinde, ein wenig traurig, Geleit gibt: bleibt sie nun doch wieder auf Wochen allein in dem weitläufigen Hause zurück, dessen erlauchte Welt nicht die ihre, fremd am eigenen Herd; verläßt sie doch diesmal nicht nur der Mann, der ihr Leben und Dasein bedeutet, sondern auch, zum erstenmal auf längere Zeit, das Kind, das sie ihm geboren!

Jedoch die Pferde scharren ungeduldig, der Kutscher knallt mit der Peitsche. Ein letztes Wort, ein letztes Streicheln, halb väterlich, wie jede Liebkosung, die Goethe Christianen schenkte, ein letztes Winken -- und dann holpert die zweispännige Chaise, hochbepackt, die Frauentorstraße hinauf und verschwindet.

Da schließt die einsame Frau die Haustür. Drinnen im kühlen, dämmerigen Flur lehnt sie ein Weilchen, die Hand vor den Augen, an dem Geländer der feierlichen Treppe, die noch den Klang von Goethes schweren Schritten zu halten scheint ... ein Weilchen nur. Dann rafft sie sich auf und geht. Aber nicht die Treppe hinauf. Die führt in jene Welt, die nicht ihr gehört. Sie geht durch ein Seitentürchen zur Küche: da lag ihr Reich.

* * * * *

Drei sind's, die in Goethes Wagen sitzen, Vater, Sohn und Geist -- denn Goethes Schreiber, den er mitgenommen, hieß ulkigerweise Geist und vervollständigte so auch dem Namen nach die äußere Dreieinigkeit der Reise aufs beste. Geist berichtet denn auch der »werthesten Demoiselle« Vulpius von Göttingen aus, wo Station gemacht wurde, über den bisherigen Verlauf der Fahrt; der »Herr Geheimde Rat« fügt diesem Bericht nur ein paar Worte an, in denen allerdings trotz der Kürze die ganze Zärtlichkeit des Abschieds von »Mütterchen« zittert, -- wie Goethe überhaupt auf Reisen in ein paar kurze Worte mehr Zärtlichkeit hineinzulegen weiß, als andere durch einen überschwenglichen Brief auszudrücken vermögen.

Weitere Nachrichten aus Göttingen, wahrscheinlich auch die ersten aus Pyrmont, wo die Reisenden am Nachmittag des 13. Juni eintrafen, sind nicht erhalten. Christiane hat sich in Weimar sehr gegrämt, denn der Geistsche Brief aus Göttingen erreichte sie erst am 25. Juni: drei volle Wochen war sie also ohne jede Nachricht, und wenn sie am 23. Juni nach Pyrmont schreibt: »Ich hoffe recht sehnlich auf einen Brief von Dir, um zu hören, daß Du Dich mit dem guten Kinde wohlbefindest. Ich bin ganz wohl, aber so ganz ohne das zu sein, was man herzlich liebt, will mir gar nicht behagen, und bei aller Zerstreuung, die ich mir mache, ist doch immer, als wenn mir das Beste fehlte,« so hört man deutlich aus den kargen Worten die bange Sorge heraus, die ihr Frauen- und Mutterherz erfüllte.

Goethe mag gerade auf dieser Reise mancherlei durch den Kopf gegangen sein. Reisen regt immer zum Nachdenken an; dann aber ist der Mensch, der harte Krankheit überstanden und mit knapper Mühe dem Tode entgangen ist, doppelt leicht geneigt, empfindsame Rückschau zu halten. Und daß es gerade nach Pyrmont ging, muß dem Fünfzigjährigen Erinnerung an abgelebte Zeit ergreifend haben wiederkehren lassen. Während Berge und Täler, Dörfer und Städte an den Reisenden vorüberglitten, von August, dem »Bübchen«, mit dem hellen Jauchzen des Kindes, von Geist mit subalternem Gleichmut begrüßt, weilte der Blick der dunklen Dichteraugen bei Vergangenem. Die erste Trennung von Frau von Stein, 1776, im ersten Weimarer Glückssommer. Damals mag zum ersten Male der Name Pyrmont, wohin die Geliebte sich zur Kur begeben, ein Name, der bis dahin für Goethe wahrscheinlich Schall und Rauch gewesen, Bedeutung gewonnen haben ... damals! Wie lange war das her! Verse klangen aus der Vergessenheit herauf, die er in jenen Tagen wirren Liebestaumels einmal mit einem Brunnenglas an Charlotte nach Pyrmont geschickt:

»Laß dir gefallen Aus diesem Glas zu trincken Und mög dir düncken Wir säßen neben dir Denn obgleich fern sind wir Dir doch die nächsten fast von allen.«

Und andere, tiefer empfundene, tönten sanft dazwischen, die sein damaliges Leben im Garten am Stern spiegeln:

»Und ich geh meinen alten Gang Meine liebe Wiese lang. Tauche mich in die Sonne früh Bad ab im Monde des Tages Müh, Leb in Liebes Klarheit und Krafft, Thut mir wohl des Herren Nachbarschafft, Der in Liebes Dumpfheit und Krafft hin lebt -- Und sich durch seltnes Wesen webt.«

Vorbei! Vorbei wie die Tage von Ilmenau, deren erste Erschütterungen er der fernen Frau in Pyrmont in Briefen gebeichtet, die heiße Glut in alle Ewigkeit atmen; vorbei wie der Sommer 1777, in Sehnsucht fast verzweifelnd, von Weimar nach Kochberg, Charlottens Schloß, flüchtete, um der wieder in Pyrmont Weilenden wenigstens in ihren Zimmern und Möbeln nahe zu sein, sich wenigstens an ihrem Dunstkreis satt zu weiden ... bis er am 29. Juli in das getreue Tagebuch den Erlösungsseufzer eintragen konnte: »Abends die Stein zurück von Pyrmont unerwartet.«

Und so gingen die Jahre. Liebe, so heiß sie auch einst geglüht, erkaltete, Treue, für die Erdenzeit geschworen, starb. Die Flucht nach Italien, das Verhältnis mit Christiane, Frucht der Entfremdung zwischen Charlotte und ihm, brachten den Bruch. Keine Liebesbriefe mehr flatterten nach Pyrmont, wenn Frau von Stein dort zur Kur war; dafür stand, einzige Erinnerung an dies Pyrmont, auf seinem Tisch in Weimar und in Jena Mittag für Mittag die Flasche Pyrmonter, dem überreizten, übersättigten Körper Linderung bringend und allgemach trotz Etikett und Namen doch kaum mehr an verschwundene Zeiten und ihr Glück mahnend; dafür rieten die Ärzten, als die körperlichen Beschwerden sich häuften, diese an der heilkräftigen Quellen Ursprung selbst abzubaden und abzutrinken.

Folgte er dem Rat? Wie hatte er doch erst vor wenigen Wochen an die Mutter in Frankfurt geschrieben? »Hätte ich im vorigen Jahre ein Bad gebraucht, wie ich in früheren Zeiten getan, so wäre ich vielleicht leidlicher davon gekommen; doch da ich nichts eigentliches zu klagen hatte, so wußten auch die geschicktesten Ärzte nicht, was sie mir eigentlich raten sollten, und ich ließ mich von einer Reise nach Pyrmont, zu der man mich bewegen wollte, durch Bequemlichkeit, Geschäfte und Ökonomie abhalten, und so blieb denn die Entscheidung einer Krise dem Zufall überlassen.«

Ja, Bequemlichkeit, Geschäfte und Ökonomie ... diese drei Worte deuten tatsächlich das Leben, das Goethe, der sonst rastlos tätige, seit geraumer Zeit geführt hatte. Die Arbeit an Voltaires »Tancred«, die ihn Weihnachten 1800 zum großen Kummer der Seinen in Jena gehalten, war jäh von der Krankheit abgelöst worden, und als diese überstanden, wagte sich der geschwächte Geist an keine andere: die »Farbenlehre« war das einzige, um das sein müdes Denken kreiste, und alles in allem nahm die Stagnation, an der Goethes dichterische Produktion nun schon seit Jahr und Tag krankte, beängstigende Formen an. Der Aufschwung, die Anregung fehlten! Die Freunde, allen voran Schiller, der gerade in voller dichterischer Ekstase an der »Jungfrau« arbeitete, waren denn auch besorgt genug; schrieb doch dieser in jenen Tagen an Cotta: »Goethe ist zu Pyrmont und nur mit Wiedererlangung seiner Gesundheit beschäftigt ... Er ist seit langem ganz unproduktiv und es ist nur zu wünschen, daß er nicht ganz alle seine poetische Tätigkeit verlieren möge.«