Schattenspiel um Goethe

Part 13

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Die Legende erzählt, daß Goethe und Carl August Anno 1776 von Apolda aus hierher geritten sind, auf einem der vielen wilden Ausflüge, die der junge, lebenslustige Fürst und der Dichter des »Werther« damals so gerne machten, um dem steifen, höfischen Leben von Weimar zu entfliehen. Oktober war es, und die steilen Saalehänge lagen im Rauschgold des Herbstes. Der Weg war beschwerlich. Verlockend zwar winkten von der Höhe des Berges, tief in bronzebraunes Laub gebettet, die drei Schlösser, aber die Pferde waren müde. Verdrießlich fragte Goethe, dessen in neue Liebe verstricktes Herz nach der Stein bangte und dem der gerade Weg nach Weimar der liebste gewesen wäre, den Freund: »Du führst mich ja einen bösen Weg. Wird's sich auch lohnen?« Und »Warte nur!« entgegnete ihm Carl August, der seiner Freiheit froh war und kein so dringendes Gelüsten nach dem dumpfen, stickigen Weimar trug, »wenn wir oben sind, wirst du's sehen!«

Und ja, es lohnte sich! Goethe, von jeher für landschaftliche Reize empfänglich wie kein anderer, war hingerissen. Das hatte er nicht erwartet, und jeder, der zum erstenmal von den Terrassen der Dornburgschen Schlösser aus auf das in friedvoller Ruhe daliegende Saaletal herniederblickt, wird es verstehen, daß Goethe zeit seines Lebens mit immer gleicher Liebe an diesen Schlössern, dieser Landschaft hing. Damals ruhte er, alter lieber Gewohnheit folgend, nicht eher, als bis er den großen Eindruck, den die drei auf steilster Bergeslehne thronenden Schlösser auf ihn gemacht hatten, im Bilde festgehalten hatte. Die kleine Bleistiftzeichnung, die jetzt das Goethe-Nationalmuseum in Weimar mit vielen anderen von Goethes Hand als kostbarstes Vermächtnis aufbewahrt, schickte er, in Gedanken ja doch immer bei Charlotte von Stein weilend, sofort an diese nach Kochberg, und auf die Rückseite des Blattes schrieb er dazu die wenigen Worte

»Ich bin eben nirgend geborgen, Fern an die Saale hier Verfolgen mich manche Sorgen Und meine Liebe zu dir.

Dornburg 16. Oktbr. 76.«

Diese kurzen Verse und die Zeichnung sind die ersten wirklichen Belege für Goethes Bekanntschaft mit Dornburg -- vergeblich habe ich versucht, was die Legende so hübsch erzählt, durch Tatsachen zu erhärten, aber so ergiebig die Goethe-Literatur auch sonst ist, hier versagt sie. Der Briefwechsel mit Charlotte von Stein, der diese sehnsüchtigen Verse zwischen einen rührend hingebenden Abschiedsbrief an die »Madonna« und den leidenschaftlichen Hymnus des Dichters »An den Geist des Johannes Sekundus« stellt, und das Tagebuch mit den drei kargen Worten: »Dornburg. Camburg. Naumburg.« bleiben nach wie vor einzige Quelle. Aber gerade das Ungewisse -- das auch Goethe selbst durch keine, auch nicht die kleinste Äußerung in seinen Schriften, Briefen und Gesprächen später aufzuhellen für gut befunden hat -- breitet, wie um so vieles in seinem Leben, auch um diese Episode den Schleier der Verklärung, und was ihm selbst in seinem hohen Alter vielleicht Legende dünkte, bleibt es nun auch für uns.

* * * * *

Hat Goethe damals, als er im Juli 1828 in seiner großen, bequemen Reisekalesche von Jena die Saale abwärts nach Dornburg fuhr und, von der untergehenden Sonne in rote Glut getaucht, die drei Schlösser vor ihm auftauchten, jener fernen Zeit gedacht?

Sicherlich. Denn wenn er in Wirklichkeit auch allein im Wagen saß, als Schatten begleiteten ihn doch der treue Lebensgefährte, dem sie jetzt in Weimar in der kühlen Fürstengruft soeben das letzte Lager bereitet hatten ... und in Gedanken mögen die Lippen des greisen Dichters, während das große dunkle Auge in der von seligem Sonnenglanz erfüllten Weite hing, manch erinnerungsschweres Wort geformt haben, das dem toten Freunde und gemeinsam verlebten Stunden galt. Zwar jener erste Besuch auf Dornburg gehörte nun schon einer Welt, aus der fast alle, die sie einst belebten, längst ins Grab gesunken waren; aber da waren in den nun zurückliegenden fünfzig Jahren hundert andere gewesen, die ihn, allein und nicht allein, hierher geführt hatten, und sie alle spülte nun die Erinnerung wieder aus der Vergangenheit herauf, Fluch und Gnade in eins, und wunderlich vermengte sich in unbewußtem Nachdenken Altes, das er längst abgetan geglaubt, mit Neuem, das seine Seele jetzt bewegte.

Mit leisem Rauschen trieb neben ihm, im Getrappel der Pferde kaum vernehmbar, die Saale dahin, von grüner Wiese und schwankem Weidengebüsch sanft gehegt, nur manchmal, wenn sich aus den weichen Uferhängen starre Felsen drängten, in unwilligem Bogen ausweichend, dem Straße und Wagen folgen mußten. In den Ebereschen hingen schon rot die Beerendolden.

Er dachte nach. Ferne Zeiten dämmerten herauf, die Jahre, da sein Herz sich Tag und Nacht in heißer Sehnsucht nach der geliebten Frau in jenem stillen, großen Hause an der Ackerwand in Weimar verzehrte ... fast ging es, trotz der sommerlichen Wärme des Julitages, wie ein erkältender Hauch über ihn hin.

Da war der erste Besuch des Hofes, Anno 1777 im Juli ... die Herzogin kannte Dornburg noch nicht, und wie Knebel an den in Pyrmont weilenden Herder schrieb, soll sie geäußert haben: »Das ist der beste Tag, den ich noch hier gehabt habe. Es ist mir wie in einem schönen Traum.« Arme blasse Luise! Das Schicksal hat dir nicht viele solcher Tage in Weimar geschenkt, und oft genug magst du des heiteren »Frühstücks auf dem Fünfeck« gedacht haben, das ein »überherrlicher Morgen«, wie Goethe selbst damals in seinem Tagebuche jubelt, zu einer Stunde reinsten Glückes werden ließ ... Später hatte dann der Herzog seinen jungen Minister ein paarmal zur Rekrutenaushebung ins Land geschickt, zur »Auslesung« -- keine angenehme Aufgabe, besonders nicht für einen Dichter, dessen Phantasie gerade um die hoheitsvollen Gestalten einer Iphigenie, eines Orest schwingt. Ungefähres zuckte schmerzlich durch sein Hirn.

Wir Enkel, die wir in den reichen Schätzen seines Erbes leben und atmen dürfen, wir brauchen nur wieder die Briefe an Charlotte von Stein aufzuschlagen und finden Gewisses. Da schreibt er am 2. März 1779 aus Dornburg an die ferne Geliebte: »Knebeln können Sie sagen daß das Stück sich formt, und Glieder kriegt. Morgen hab ich die Auslesung, dann will ich mich in das neue Schloß sperren und einige Tage an meinen Figuren posseln ... Jetzt leb ich mit den Menschen dieser Welt, und esse und trinke, spase auch wohl mit ihnen, spüre sie aber kaum, denn mein innres Leben geht unverrücklich seinen Gang.« Und zwei Tage später: »Auf meinem Schlößgen ist's mir sehr wohl, ich habe recht dem alten Ernst August gedankt, daß durch seine Veranstaltung an dem schönsten Platz, auf dem bösten Felsen eine warme gute Stätte zubereitet ist ... Die Tage sind sehr schön, die Gegend immer allerliebst.« Mit dem »Schlößgen« meint Goethe das mittlere der drei Dornburgschen Schlösser, den Rokokobau. Denn nur dieses konnte damals bewohnt werden, da in dem alten Schloß eine Barchentspinnerei untergebracht und das dritte, das Stohmannsche Freigut, eben noch Freigut war und noch nicht dem Herzog gehörte.

Und noch einmal taucht Dornburg in den Briefen an Frau von Stein auf. Das ist 1782. Wieder zwingt den Dichter, wie er in seinem Tagebuch offenherzig schreibt, »das alberne Geschäft der Auslesung zum Militär«, vier Wochen im Lande herumzureiten. Es ist März und die Frühlingsstürme blasen. So fürchtet er schon in Jena, daß das Zusammentreffen mit der Geliebten in Dornburg, das in Weimar verabredet worden war, nicht möglich sein werde. Und es wurde auch nichts daraus. Am 16. März geht dafür ein kurzer Brief aus Dornburg an sie ab, der seine bange Sehnsucht und Erwartung schildert -- »jetzt da es Nacht wird sinckt mein Vertrauen nach und nach, und die Resignation tritt ein« -- und ihr meldet, daß sein »Mieting« (das herrliche Gedicht auf Miedings Tod) fertig ist. Inzwischen war auch der Herzog auf Dornburg angelangt, mit Briefen von Frau von Stein, die dem Dichter Beruhigung brachten. Ein Sonntagsbrief Goethes an sie meint nun: »Jetzt ist mir's lieber daß Du nicht gekommen bist. Der halbgeschmolzene Schnee zwischen den schwarzen Bergen und Feldern gibt der Gegend ein leidig Ansehn. Du sollst sie im Sommer zum erstenmal besuchen.« Und am Abend des gleichen Tages läßt ihn die Sehnsucht noch einmal zur Feder greifen: »Es geht morgen ein reitender Bote nach Weimar, so kannst du dies zum guten Tag haben ... Leb wohl, ich bin dein. Meine Seele schliest sich in sich selbst zusammen, wenn mir dein Anblick fehlt.« Der Tag wäre im übrigen still hingegangen, sie hätten geplaudert und gelesen, wären auch ein wenig spazieren gegangen. »Ich bin ganz leise fleißig, ich möchte nun Egmont so gar gerne endigen. Und seh es möglich.«

Das ist alles. Als Traum fliegt es durch die Erinnerung des sacht Dahinfahrenden, Verse aus Iphigenie, Worte aus Egmont, hier mit dem Blick auf die Saale und ihre Wälder und Felder geformt, klingen wie aus verschütteten Tiefen herauf. Die Schlußzeilen aus dem Mieding-Gedicht, hier einst gefunden, als der Märzsturm greulich die alten Felsen und Mauern umtobte, gewinnen neue Bedeutung, da ihr zauberischer Klang nun auch um ein anderes Grab schwingen darf:

»Fest steh dein Sarg in wohlgegönnter Ruh; Mit lockrer Erde deckt ihn leise zu, Und sanfter als des Lebens liege dann Auf dir des Grabes Bürde, guter Mann!«

Und leise aufstöhnend deckt der alte Herr im Wagen, der so aufrecht sitzt und dessen volles Kinn so gravitätisch in der schneeigen Binde ruht, die Augen auf einen Moment mit der Hand ... und denkt vielleicht auch daran, daß die, um die er hier in Dornburg und »soweit die Welt nur liegt« in zehrender Liebe gebangt hat, nie die Dornburger Gegend gesehen hat, die er ihr »im Sommer« einmal hatte zeigen wollen; daß auch sie seit fast zwei Jahren tot ist ...

Und das Bild einer anderen Toten steigt aus der Erinnerung, das hübsche Bild Christianens, seiner Frau. Frohe Tage bringt es mit sich, die ihr helles Lachen, ihr heiteres Geplauder, ihre stete Fürsorge für ihn verklärten. Wie oft ist er mit ihr und August in Dornburg gewesen! Damals prangte sie noch in allem Glanz der Jugend, war eine »gute Kleine«, und August war noch ein »Bübechen«. Auch das ist lange her! Der Briefwechsel zwischen Goethe und Christiane, den erst Hans Gerhard Gräf, nach unbillig langer Sekretierung, »für die Guten und nicht für die Bösen« endlich zugänglich gemacht hat, erzählt mancherlei von diesen harmlosen Ausflügen. War Goethe in Jena, so fuhren die Geliebte (die Goethe, wie aus früheren Briefen an Schiller hervorgeht, schon längst als seine Frau betrachtete, wenn sie das in Wirklichkeit auch erst 1806 wurde) und der kleine August oft von Weimar hinüber zu ihm, und immer schloß sich dann eine jener »Partien« nach dem nahen Dornburg an, die Christiane etwa dann die kindlich-reizenden Worte finden ließen: »Ich danke Dir noch herzlich für das vergönnte Späßchen!« und die in August, als er schon wohlbestallter Assessor und ein Lebemann dazu war, noch sehnende Erinnerungen weckten ... Da heißt es dann in Goethes Tagebuch immer kurz und lakonisch: »Mit den Meinigen nach Dornburg« oder: »... wir fuhren abends nach Dornburg«; aber die wenigen Worte sprechen für sich, und die Innigkeit des Tones verrät deutlich die reine väterliche Freude, die dem Dichter solche Familienausflüge gemacht haben müssen, zumal das zwanglose Landleben in Dornburg und der Jahrmarkt im nahen Lobeda, dessen Besuch nie versäumt wurde, der lebenslustigen Christiane Gelegenheit genug geboten haben werden, ihre Frohnatur zu zeigen.

Ihre Frohnatur ... und wieder finden sich willfährig Verse, die tröstend aus der Vergangenheit herüberklingen, als Schatten dem Träumenden den Blick verdunkeln wollen:

»Froh glänzend Auge, Wange frisch und roth, Nie schön gepriesen, hübsch bis in den Tod.«

Ja, bis in den Tod, und was einst, als sie in »fürchterlichem Kampfe« starb, »Leere und Totenstille« in ihm ließ, das gestaltete dankbare Erinnerung zu »fröhlichem Vermächtnis«. Zu diesem fröhlichen Vermächtnis gehört auch Dornburg.

Und andere Tage gleiten dem Fahrenden durch den Sinn, Tage, da er, nun schon lange einsam geworden, allein in Dornburg weilte, nur in der Zwiesprach mit den stillen Pflanzen und den stillen Steinen Unterhaltung suchend, die ihm mit stummer Hingabe seine rätselnde Liebe lohnten. Wie war das doch damals gewesen, als er in Jena das Zettelchen des Kanzlers von Müller empfing, das ihn in kurzen, warmen Worten nach Dornburg lud? Zehn Jahre sind es gerade her, aber der Frühlingstag steht deutlich vor ihm. Wieder einmal war Dornburg ein Blütenmeer ... »Blüthenburg«, erzählt der Kanzler von Müller in seinen Unterhaltungen mit Goethe, »sollte man Dornburg nennen, denn Dornen fanden wir keine, aber duftende herrliche Blüthen in Menge.« Müller war mit Julie von Egloffstein, Goethes »schöner Schülerin«, von Weimar nach Dornburg gefahren und erwartete den Dichter in dem »allerliebsten Feenschlößchen, das am schroffen Felsabhange wie durch Zauberei aufgerichtet scheint«. Ernst und feierlich kam Goethe durch die Hecken des kleinen Gartens geschritten. Im weißblauen Speisesaal wurde das Mittagsmahl eingenommen, »auf derselben Stelle, wo einst vor sechzehn Jahren eine verwandte fröhliche Gesellschaft bei ähnlicher Lustfahrt im heitern Übermut auf rosenbestreuten Polstern unter Gitarrenspiel und Gesang sich niedergelassen und dem Genius des Orts manch geflügeltes Wort und Lied geopfert hatte«. Und in heiterem Geplauder verging der schöne Sonnentag und endete in ernstem philosophischen Gespräch. »Es war als ob vor Goethes innerem Auge die großen Umrisse der Weltgeschichte vorübergingen, die sein gewaltiger Geist in ihre einfachsten Elemente aufzulösen bemüht war. Mit jeder neuen Äußerung nahm sein ganzes Wesen etwas Feierlicheres an, ich möchte sagen, etwas Prophetisches.«

So kam der Abend, die Luft war schwer von Blütenduft, in den Fliederhecken begannen die Nachtigallen zu schlagen. Der Himmel stand über den Bergen des weiten Tals in rosiger Bläue. Da erhob sich Goethe. »Laßt mich, Kinder,« sprach er, plötzlich vom Sitze aufstehend, »laßt mich einsam zu meinen Steinen dort unten eilen; denn nach solchem Gespräch geziemt es dem alten Merlin, sich mit den Urelementen wieder zu befreunden.« Und in seinen hellgrauen Mantel gehüllt, den er als Abendgewand so liebte (auch als er im Frühherbst 1815 bei Willemers auf der Gerbermühle zu Besuch weilte, trug er, wie Marianne von Willemer erzählt, immer abends seinen »weiß flanellenen Hausrock«), stieg er ins Tal hinab, vorsichtig Schritt für Schritt die morschen Stufen prüfend, ernst und feierlich, wie er am Mittag gekommen, aber jetzt in der schon leise fallenden Dämmerung eine geisterhafte Erscheinung. Hin und wieder blieb er ein Weilchen stehen, bückte sich nach Steinen, ließ Blumen und Gräser durch die schöne weiße Hand gleiten. Und manchmal klang zu den Zurückgebliebenen, die ihm wie gebannt nachsahen, gedämpft der Klang des Hammers herauf, mit dem er den starren, schweigenden Fels prüfte oder kleine Gesteinteile für spätere Forschungen abschlug ... und so entschwand er allmählich dem Blick, zerrann im Schatten der Berge, kein Mensch mehr, nein, ein Gott, der mit der Natur um ihre tiefsten Geheimnisse rang ... Merlin der Alte, der Dichter des »Faust« und selbst eine faustische Erscheinung. »Wir aber fuhren,« so schließt Müller »unter traulichen Erinnerungsgesprächen durch das blühende Jenaische Tal froh und heiter nach Hause.«

Das war im April 1818 gewesen!

Jetzt schrieb man 1828. Wieder lag das Jenaische Tal in abendlichem Glanze, auf den Feldern wogte das gelbe Korn, und in dem unendlichen Himmel standen wie Pünktchen die Lerchen und erfüllten die laue Luft mit jubelndem Gesang. Statt des Flieders blühten auf den Terrassen der Dornburg-Schlösser die Rosen, man sah sie nicht, aber der Wind trug ihren Duft dem Wagen entgegen ... den schwachen Duft der zarten weißen und den starken der üppigen roten. Da kamen wieder die Erinnerungen, verklungene Rosenzeit stand auf und bedrängte das Herz des einsamen Mannes. In diesem Herzen war es Herbst, später Herbst. Von der langen Fahrt ermüdet, die Seele dumpf erfüllt von den »düstern Funktionen« in Weimar, sank er für einen Augenblick in sich zusammen: Schatten, wohin er sah, schattenhaft die Jahre, die vergangen, schattenhaft die Gestalten, die ihnen Qual und tiefster Lebensrausch gewesen! Von vielen, vielen Toten er der einzig Lebende! Kam nun auch für ihn die Nacht? Ein kühler Hauch vom nahen Mühlenwehr, an dem sie grad vorüberrollten, ließ ihn leicht erschauern ...

Die Pferde quälen sich den Berg hinauf, die Räder mahlen im Sande. Über dem Städtchen Dornburg schwanken die Abendschatten. Und schattenhaft auch das Schloß, das ehemalige Stohmannsche Freigut, als der Wagen endlich hält. Nur um die letzten Giebel hängt noch ein wenig blasse Sonne -- so auch das alte Haus zu einem Symbol des eigenen Lebens gestaltend, denkt er. Goethes Sekretär John und der junge Hofgärtner Sckell empfangen ihn. Vor dem reichverzierten Renaissance-Portal stutzt sein Schritt, das Auge fesselt flüchtig ein lateinischer Spruch.

Wie lautet er?

»+Gaudeat ingrediens laetetur et aede recedens His qui praetereunt det bona cuncta deus. 1608.+«

+Gaudeat ingrediens+ ... »Freudig trete herein!« murmeln seine Lippen, und wie ein leiser Trost tritt da vor das trauervolle Herz Hatems das Bild Suleikas.

Und an den Dienern vorbei, die Windlichter halten, schreitet Goethe, nun wieder ganz verhaltene Würde, gelassen über die Schwelle und verschwindet im Dunkel des Flurs.

Ruhe und Vergessen hat Goethe in Dornburg gesucht, beides hat er gefunden. Die Natur tat ein übriges und schickte ihrem Liebling wundervolle Sommertage. Hofgärtner Sckell -- der über ein Menschenalter später diese Zeit in einem kleinen Buch mit dem Titel »Goethe in Dornburg. Gesehenes, Gehörtes und Erlebtes« geschildert hat -- hatte ihm in dem neu erworbenen Schloß die sogenannte »Bergstube« im ersten Stock eingerichtet, die in der Südwestecke des winkligen Baues liegt. Das Zimmer ist heute wieder in genau dem gleichen Zustand wie damals, als Goethe es bewohnte. Das Eckfenster, aus dem der Dichter so gerne ins Tal geblickt hat, trägt auf seinem Rahmen unter Glas die Inschrift: »1828 vom 7. Juli bis den 12. September verweilte hier Goethe.«

Es ist ein ganz einfaches Zimmer, das in seiner Schmucklosigkeit lebhaft an Goethes Schlaf- und Arbeitszimmer in Weimar erinnert. Der Fußboden rohes Holz, die niedrige Balkendecke wie die Wände hellgrau getüncht. Auch die Möbel völlig schmucklos -- ein brauner Arbeitstisch, ein Sekretär, ein paar Stühle, deren gestickte Polsterbezüge von Frau von Stein und Frau von Wolzogen stammen, zwischen den Fensterpfeilern ein Tischchen -- das ist alles. Man betritt das ärmliche Gemach durch ein Empfangszimmer, das Kupferstiche und Büsten etwas wohnlicher gestalten. Aber auch dies Zimmer war nur für die Vertrauten, den Besuch vornehmer Gäste und Fremder nahm Goethe in dem benachbarten Rokokoschlößchen oder im Garten entgegen. Hinter der »Bergstube«, durch eine niedrige Tür damit verbunden, die Schlafkammer. Ein schmales Bett, ein grünes Sofa, ein paar Stühle, ein Schrank, über dem Bett wenige selbstgeschnittene Silhouetten, das ist auch hier das ganze Mobiliar.

Und doch hat sich Goethe in dieser ärmlichen Umgebung glücklich gefühlt, sehr glücklich sogar. Er lebte ja auch eigentlich nicht in den engen Zimmern, sondern draußen in der Natur. Die Terrassen, der Garten, der »Hain«, das weite Saaletal, das war sein Reich. Wieder waren ihm die Pflanzen und die Steine die liebste Gesellschaft, in dem stillen, ungestörten Verkehr mit ihnen fand er die ersehnte Linderung für den großen Schmerz, den ihm der plötzliche Tod des fürstlichen Freundes bereitet hatte, gewann er die ruhige Kraft zu den strengen wissenschaftlichen Arbeiten, die auch hier seinen Tag ausfüllten, und tiefster Seelenrausch vor allem wurden ihm die lauen Augustnächte, wenn das weite Tal ihm zu Füßen im Licht des Vollmonds schwamm und die Berge mit silbernen Konturen gegen den geheimnisvoll durchleuchteten Himmel standen. In solchen Stunden fand sein beschwingter Mund Worte, die in ihrer schweren Süßigkeit an seiner jungen Jahre schönste Dichtungen gemahnen. Sehnsucht nach einer geliebten Frau tat auch diesmal das Ihre dazu. Als Goethe nämlich vor langen Jahren, es war im Herbst 1815, mit Marianne von Willemer und ihrem Mann in Heidelberg zusammen gewesen war, hatten sich die beiden Liebenden in einer dufterfüllten Vollmondsnacht versprochen, bei jedem zukünftigen Vollmond einander im Geiste nah zu sein. Der Hatem-Rausch war nun schon längst verflogen, die Zeit, von der die wundervollen Verse erzählen: »... und noch einmal fühlet Goethe Frühlingshauch und Sonnenbrand,« war längst im Spiegel des »West-Östlichen Diwan« eingefangen; aber die stille Neigung zu Suleika hatte der Jahre flüchtigen Lauf überdauert, und aufs neue erwachte sie, als Goethe nun in Dornburg, drei Tage vor dem Eintritt in sein achtzigstes Lebensjahr, nachts am Fenster seiner Bergstube stand und geblendeten Auges, aufs tiefste erschüttert, in die silberne Fülle des Mondes blickte ... er war im Geiste bei der Frau, die er seit jenem frühlingshaften Heidelberger Herbste nie wieder gesehen hatte. Vom 25. August 1828 stammt das Gedicht: »Dem aufgehenden Vollmond.« Es lautet:

»Willst du mich sogleich verlassen? Warst im Augenblick so nah! Dich umfinstern Wolkenmassen, Und nun bist du gar nicht da.

Doch du fühlst wie ich betrübt bin, Blickt dein Rand herauf als Stern! Zeugest mir, daß ich geliebt bin, Sei das Liebchen noch so fern.

So hinan denn! Hell und heller, Reiner Bahn, in voller Pracht! Schlägt mein Herz auch schmerzlich schneller, Überselig ist die Nacht.«

Marianne erhielt das Gedicht am 23. Oktober von Weimar aus. Aber im Begleitbrief heißt es: »Mit dem freundlichsten Willkomm die heitere Anfrage: wo die lieben Reisenden am 25. August sich befunden? und ob sie vielleicht den klaren Vollmond beachtend des Entfernten gedacht haben? Beikommendes gibt, von seiner Seite, das unwidersprechlichste Zeugnis.«

Die Natur, die hier alles ist, war ihm wirklich alles. Er gab sich ihr ganz hin. Schon das erste Tagebuchblatt aus Dornburg meldet: »Früh in der Morgendämmerung das Thal und dessen aufsteigende Nebel gesehen. Bey Sonnenaufgang aufgestanden. Ganz reiner Himmel, schon zeitig steigende Wärme ... Abends vollkommen klar. Heftiger Ostwind.« Ähnliches findet sich Tag für Tag, und immer wiederholt sich die Bemerkung: »Auf der Terrasse spaziert.« Sckell erzählt, daß er stets schon um 6 Uhr aufstand. Das Tagebuch bezeugt es. Wenn die Welt noch ganz still und keusch in feierlicher Schönheit dalag, empfand er lebendig das homerische Wort von der »heiligen Frühe«. Auch hier formt sich seelische Erschütterung zu Versen:

»Früh, wenn Tal, Gebirg und Garten Nebelschleiern sich enthüllen, Und dem sehnlichsten Erwarten Blumenkelche bunt sich füllen;

Wenn der Äther, Wolken tragend, Mit dem klaren Tage streitet, Und ein Ostwind, sie verjagend, Blaue Sonnenbahn bereitet,

Dankst du dann, am Blick dich weidend, Reiner Brust der Großen, Holden, Wird die Sonne, rötlich scheidend, Rings den Horizont vergolden.«