Schattenspiel um Goethe

Part 12

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Und so weiter, Tag für Tag, Bilder beschauend, spazierengehend und auch Erinnerungen nicht ausweichend. Denn wenn er da der fernen Hausfrau erzählt, wie ihn an einem Oktobermorgen der schönste Sonnenschein früh aufs Schloß gelockt, wo er sich »in dem Labyrinth von Ruinen, Terrassen und Gartenanlagen ergötzte und die heiterste Gegend abermals zu bewundern Gelegenheit hatte«, so muß dem alten Herrn die Vergangenheit genaht sein, Vergangenheit »mit allen Rausch- und Tränengaben«, und aus den zerfließenden Herbstnebeln muß ihn, während rings die Kastanien fielen und herber Odem die alten Mauern umstrich, das Bild Lilis angelächelt haben ...

Das Bild Lilis? Oder lächelte nicht vielleicht dem Verjüngten ein neues Frauenbild?

Wieder gibt ein Brief an Christiane Auskunft, am 8. August schon aus Wiesbaden abgesandt. Da heißt es, wenn auch wortkarg, unter anderem: »Schon vor einigen Tagen besuchte mich Willemer mit seiner kleinen Gefährtin.« Diese »kleine Gefährtin« nennt das Tagebuch vom 4. August. Es war »Dlle Jung«, Marianne mit Vornamen, ein Pflegetöchterchen des Geheimrats von Willemer aus Frankfurt, das jener bald darauf, der zweiten Witwerschaft müde, zu seiner Frau machte, und dieser Besuch in Wiesbaden war die erste Begegnung Goethes mit ihr.

O wunderliche Verknüpfung der Geschicke ... Hatem hatte in Clemens Brentanos schwärmerisch gefeierter Biondetta seine Suleika gefunden.

* * * * *

Denn Goethe war Hatem geworden. Und blieb es treu, wenn auch nicht ganz so leidenschaftlich wie in jenen Tagen neu erwachender Liebe, sondern entsagungsvoll, bis zu seinem Lebensende. Als er von Weimar am 25. Juli 1814 in jenem »Fahrhäuschen«, das er in seinem Gedicht »Der neue Kopernikus« so anschaulich beschreibt, nach Wiesbaden reiste, war das erste Wort, das er in Eisenach in das geliebte Tagebuch eintrug, »Hafis«. Dieser Hafis hat ihn nicht mehr verlassen, bis er selbst ihn verließ, als nämlich der West-östliche Diwan vollendet war und in einem köstlich illuminierten Sonderdruck an Marianne-Suleika abging.

Dieser Tag der Vollendung aber lag damals noch fern; ihn herbeizuführen, hatte ihm das Schicksal eben jene Marianne von Willemer über den Weg geschickt, führte es den ganz in jugendliche Bewegung und lyrische Ekstase Zurückversetzten erst noch einmal an die Stätte so oft erprobten Heils: nach Heidelberg.

Das war ein Jahr darauf zu genau der gleichen Zeit.

* * * * *

Als Goethe sich im Herbst 1814 von Willemers, die sommers in der Frankfurt nahen Gerbermühle unweit Oberrad am Main wohnten, verabschiedete, hatte er der anmutigen Frau des Freundes sein Stammbuch dagelassen. Sie schickte es ihm nach Weimar mit den berühmten Versen: »Zu den Kleinen zähl' ich mich« ... Versen, die dann kühn gestehen:

»Als den Größten nennt man dich, Als den Besten ehrt man dich, Sieht man dich, muß man dich lieben ...«

Diese Verse, im Tone noch halb schalkhaft, sind das erste Bekenntnis ihrer Neigung. Daß diese bald zu Liebe und mit Liebe beantwortet wurde, das klingt und singt der ganze Diwan, der nun in raschem Fluß entstand: die dreißigjährige Frau, die sich den vollen Liebreiz der Jugend bewahrt hatte, hatte das Herz des Dichters gewonnen.

So gab, als Goethe ein Jahr später -- Christiane, die kränklich geworden war, weilte zur Kur in Karlsbad -- sich zu einer neuen Rheinreise anschickte, Sehnsucht nach Marianne wundersam Geleit ... nicht zehrende Sehnsucht, wie sie in früheren Jahren ihn gequält, nein, eine frohe, die gleicher Gefühle bei der Geliebten gewiß war.

Am 24. Mai schon verließ Goethe diesmal Weimar. Wiesbaden war wieder notgedrungen die Zwischenstation. Frankfurt und Gerbermühle, wo er »freundlichst empfangen« wurde, schlossen sich Mitte August an. Und dann kam Heidelberg.

Wieder wohnte Goethe bei den Boisserées -- die Delph war schon 1800 aus Heidelberg fortgezogen. Wieder blaute ein Herbst über Berg und Tal, wie ihn so schön nur Träume sehen: Rauschgold bestreute alle Wege, in den Gärten dufteten die späten Blumen, an den Spalieren reiften die Trauben, und die Mauern des alten Schlosses brannten in den Sonnestunden in verhaltener Glut. Köstlich war es, auf Altan und Terrasse zu wandeln, mittags auf schattenfreier Bank zu rasten oder nachts, wenn der Mond die nahen Zinnen, die Giebel der schlafenden Stadt, die Neckarniederung mit blassem Silberlicht beträufelte, ins Land zu sehen ... köstlich vor allem, weil Marianne, Gefährtin und Geliebte, bald diese Stunden teilte, sie adelte, ihnen Duft und sinnlichen Zauber gab.

Schon Frankfurt hatte den Zwiegesang von Hatem und Suleika begonnen, -- das Buch »Suleika« im Diwan tönt ihn wider, anhebend mit den Worten: »Nicht Gelegenheit macht Diebe ...« Es ist das erste der Wechsellieder, niedergeschrieben, als Goethe am 12. September in Willemers Stadthaus »Zum roten Männchen« weilte. Heidelberg, wo Marianne mit Mann und Stieftochter am 23. September eintraf, sehnsüchtig erwartet, wie sie selbst sehnsüchtig nach Goethe verlangte, steigert nun Frage und Antwort der Liebenden zu betörender Süßigkeit. Auch die Frau wird zur Dichterin, deren Verse Goethe durch Aufnahme in den Diwan als den seinen ebenbürtig erachtet ... Lieder wie das sehnsuchtsvolle »An den Ostwind« oder das ganz vom Schmerz des Abschieds verklärte »Ach, um deine feuchten Schwingen ...«

Das Tagebuch des Dichters, sonst so einsilbig und sachlich, schwärmt, wiederholt immer wieder: »Herrlicher Morgen ... Herrlichster Morgen ... Vollkommenster Tag.« Noch mehr verraten die Gedichte, die Tag für Tag entstehen, wie Tag für Tag -- es waren ja nur wenige, denn der 26. September schon brachte die »Abreise der Freunde« -- die Kleinigkeiten, die nur Liebenden gemein und offenbar, dazu Anlaß geben ... ob sie im Vollmond nun zusammen an der Altanbrüstung des Schlosses lehnten und sich gelobten, in der nächsten Vollmondnacht einander im Geiste nah zu sein; ob Goethe-Hatem »an des luft'gen Brunnens Rand« die Chiffre Suleikas in morgenländischen Lettern in den Sand zeichnete; ob sie im Schloßgarten den geheimnisvollen Gingo-Biloba-Baum wiederfanden, denselben Baum, von dem Goethe ein Blatt als Sinnbild der Freundschaft nach der Gerbermühle geschickt hatte; oder ob sie traumversunken lauschten, wie von denselben Bäumen ringsum die reifen Früchte auf den Boden klopften: alles wurde zum Lied.

»Du beschämst wie Morgenröthe«, preist der Dichter die geliebte Frau, »jener Gipfel ernste Wand, und noch einmal fühlet Goethe Frühlingshauch und Sonnenbrand.«

Und sie antwortet, selig hingegeben:

»Nimmer will ich dich verlieren! Liebe gibt der Liebe Kraft. Magst du meine Jugend zieren Mit gewalt'ger Leidenschaft. Ach! wie schmeichelt's meinem Triebe, Wenn man meinen Dichter preist: Denn das Leben ist die Liebe, Und des Lebens Leben Geist.«

Aber jedem Traum folgt ein Erwachen. Auch dieser Herbsttraum, dem eine gütige Sonne so wundervollen »Frühlingshauch« gegeben, verflog. Wind lief über die Chiffre Suleikas im Sande und verwischte sie; Wind nahm dem Gingo-Biloba die Blätter; Wind trieb Wolken über den Mond, der dem Liebesflüstern von Hatem und Suleika geleuchtet. Wind verwehte auch den Kuß, den Goethe bei der letzten Zusammenkunft der jungen Frau auf Stirn und Mund gehaucht. Beide haben sich nie wieder gesehen. Der Traum war aus. Nur Briefe trugen noch in unschuldiger Geheimschrift verdeckte Schmeichellaute hin und her zwischen Weimar und Frankfurt ... viele, viele Briefe, erst Goethes Tod im Jahre 1832 ließ sie aufhören. Oft klingt der Name Heidelberg in ihnen auf. Denn immer, führten Reisen Marianne dorthin, meldete sie dem fernen Freunde es, beglückt noch durch die Erinnerung, die sie mit Schloß und Stadt verband, eine »andächtige Pilgerin«, die, wie sie 1831 an Goethe schreibt, die durch Freud und Leid geweihten Orte alle besucht und ein Blatt von der bekannten Gingo-Biloba zu sich gesteckt hat. Diese Briefe heiligen die Liebe Goethes zu Marianne, eine Liebe, die entsagte, ohne je genossen zu haben, in alle Ewigkeit.

* * * * *

»Blieb zu Hause,« heißt es in Goethes Tagebuch am 26. September 1815. Und dahinter steht: »van Eyk«. Die Bilder der Freunde boten also ersten Trost. Hielt er vor? Nicht recht. Andere Zerstreuung brachten die Ankunft Carl Augusts, ein Ausflug mit diesem nach Mannheim, eine kurze Reise mit Sulpiz Boisserée nach Karlsruhe. Aber schon am 6. Oktober erzählt dieser besorgt von Goethe: »Er ist sehr angegriffen, hat nicht gut geschlafen, muß flüchten.« Es ist der 6. Oktober, an dem Goethe den aufklärenden Abschiedsbrief an Willemer geschrieben: »... und ich eile über Würzburg nach Hause, ganz allein dadurch beruhigt, daß ich, ohne Willkür und Widerstreben, den vorgezeichneten Weg wandle und um desto reiner meine Sehnsucht nach denen richten kann, die ich verlasse.«

Schwere Trauer umschattet die ganzen Aufzeichnungen des Freundes aus diesen Tagen: der »Alte«, wie Boisserée sagt, war völlig aus dem Gleichgewicht gebracht, quälte sich und andere mit Todesahnungen, wollte sein Testament machen. Auch litt er unter Erinnerungen, die ihn bedrängten: die Bilder Lilis und Minchen Herzliebs traten klagend und anklagend trübe aus der Vergessenheit hervor.

Als erste Stürme Kälte brachten, verließ er, von Sulpiz sorgsam begleitet, Heidelberg. Am 7. Oktober. Auch Heidelberg hat er nie wieder gesehen. Aber es lebte in ihm. Die vielfachen Aufzeichnungen des Greises bezeugen es. Und die Strophen, die der Einsame 1828 in Dornburg, wohin er sich nach des fürstlichen Freundes Tod geflüchtet hatte, »dem aufgehenden Vollmond« gewidmet hat, sie bauen zwar Saale-Landschaft auf, aber sie muten ganz an wie ein sanfter Nachklang der Heidelberger Zeit, da eine »überselige« Nacht ihn nicht alleine sah, das »Liebchen« Marianne noch nicht fern war.

Die drei Schlösser Dornburg

Es spricht sich aus der stumme Schmerz, Der Äther klärt sich blau und bläuer -- Da schwebt sie ja, die goldne Leier, Komm, alte Freundin, komm ans Herz.

~Goethe~

Wer von Berlin nach München fährt, sieht bald hinter Kösen auf steiler Bergeshöh hart an der Saale drei Schlösser liegen. Das mittlere, ein zierlicher Rokokobau mit hellen Fenstern, steht zwischen dem uralten Gemäuer der beiden anderen wie ein lichter Traum. Das sind die drei Schlösser Dornburg. Der Zug rast hochmütig daran vorbei, gerade, daß das Auge den Stationsnamen erhascht. Und in der Erinnerung bleibt ein Landschaftsbild von eigenartig feinem Reiz.

Dornburg? Ein Name wie so viele andere. Kaum einer, der ihn kennt, kaum einer, der stutzt und an Goethe denkt. Denn die Vielen wissen noch immer nichts von ihm, der dieses ganze Land zwischen Saale und Ilm auf ewige Zeiten geweiht hat. Und doch schwingt auch hier verklärender Schimmer um Turm und Giebel, und mögen Wein und wuchernder Efeu die drei bescheidenen Schlösser über der Saale noch so dicht und heimlich umranken, ihr stiller Zauber bleibt. Der Name Goethe triumphiert über alle Vergessenheit.

* * * * *

Den Weimar-Pilger führt der Weg über Jena nach Dornburg. Nicht dem brausenden D-Zug erschließt sich diese ganze stille Welt, nur dem gemächlichen Wanderschritt.

Schon die Stadt an der Ilm hat mit ihren weihevollen Erinnerungen süße Ruhe über das Herz gebreitet. Nun ist man auf ein Weilchen in Jena untergetaucht. In die engen Gassen, die winkligen Plätze schicken die grünen Berge ringsum Waldesduft und köstliche Frische. Aber unablässig spricht die Vergangenheit in alles Gegenwärtige hinein, die schmucklosen grauen Häuser der Altstadt mit ihren verwunschenen Höfen und Gärten atmen den Hauch einer toten Zeit aus, und man braucht nicht erst auf die abgelegenen Friedhöfe hinter dem Botanischen Garten zu gehen, um den Schatten der Goethe- und Schillerzeit zu begegnen und sich in die Tage der Romantiker zu verlieren. Man wird auch so auf Schritt und Tritt daran gemahnt. Und verwundert steht man vor den jetzt fast armselig anmutenden Stätten, von denen aus einst deutscher Geist die Welt umspannte und in deren weltverlorener Heimlichkeit die großen Dichtungen entstanden, die noch jetzt unserem ganzen Schrifttum Ziel und Richtung geben. Wie für uns, so war auch für Goethe fast immer Jena Station, wenn er nach Dornburg fuhr, der alten »Felsenburg«, wie er es in einem späten Brief an Knebel nennt. Bei diesem, der am »Paradies« an der Saale ein »paradiesisches Heim« hatte, wohnte er dann meist. »In Jena, in Knebels alter Stube, bin ich immer ein glücklicher Mensch, weil ich keinem Raum auf dieser Erde so viele produktive Momente verdanke!« schreibt er 1802 an Schiller.

Stillste Augenblicke schenkt der Prinzessinnen-Garten, der sich in Terrassen oberhalb des Botanischen Gartens hinzieht. Die Einsamkeit häkelt hier fast gespenstisch um Strauch und Baum, verhaltene Melancholie weint um das kleine gelbe Schloß mit den verschlossenen Türen und Fensterläden. Nirgends aber spürt man den Bann der alten krausen Stadt so tief wie hier, wo sie einem zu Füßen liegt. Wie ein leichter Nebel schweben da die Erinnerungen über ihren Dächern und Türmen, und was einst lebenslustig und versonnen in ihren Gassen dahin trieb, wird nun dem träumenden Auge zu einem geisterhaften Schattenspiel der Lüfte, zu einem wunderlichen Schemenreigen, in dem der ernste Goethe der verführerischen Caroline Schlegel die Hand reicht und die heißblütige Sophie Mereau dem jungen Clemens Brentano erste Liebesblicke sendet, in dem Schiller und Tieck seltsame Partner sind und der greise Wieland Lotte von Schiller gewagte Dinge ins Ohr flüstert.

Ein Schattenspiel ... wie das ganze Jena trotz Zeiß, Haeckel und Diederichs etwas Schattenhaftes hat. Man fühlt sich tief in tote Zeit verstrickt. Und erst, wenn die Saalewiesen schimmern, der Kranz der hohen Berge sich zu freier Landschaft öffnet, unter Brücken der unbehinderte Fluß rauscht, fällt der Bann der alten Mauern wieder von einem ab. Und so wandert man auf Dornburg zu, gesegnet, vorbereitet durch das Erlebnis Jena, das leise in grünen Tälern versinkt.

* * * * *

Auch in Dornburg schläft Geschichte. Das alte Schloß, ein wuchtiger Bau aus grauer Vorzeit, der wie ein Bild von Hoffmann von Fallersleben anmutet, steigt aus uraltem Wald. Steinstufen führen durch eine romantische Schlucht aus dem Tal, aus dem roten Dächergewirr des Dorfes hinauf. Oben braust der Wind. Am Abhang ziehen sich morsche Terrassen hin, über die im Sommer Flieder und Rosen hängen, im Herbst die blauen Weintrauben. Um winzige Fenster und Mauerlöcher rankt wild der Efeu. Der Blick klettert staunend an Mauern empor, die für die Ewigkeit gefügt erscheinen. Jahrhunderte haben daran gebaut. Die Sage erzählt, daß Heinrich der Vogeler die Burg als Grenzfeste gegen Sorbenhorden errichtet hat. Möglich! In der Tat reichen Bauteile, so die Fundamente des Turmes und eine Küchenesse, bis ins 11. Jahrhundert zurück. Noch jetzt ist das Schloß ganz malerisches Mittelalter, und die modernen Menschen, die nun drin hausen, die es vom weimarischen Staate irgendwie gepachtet haben und bevorzugten Fremden im Sommer Pension gewähren, nehmen sich seltsam genug in dieser zeitfernen Umgebung aus. Die Stürme jedenfalls, die im Bauernkriege an die ungefügen Mauern brandeten, sind längst verweht, die Turmglocke, die einstmals gegen wilde Kroatenhorden wimmerte, schläft, und in dem Hofe, wo vor vielen hundert Jahren die Sachsenkaiser Land- und Reichstage abhielten, stolzieren nun gravitätisch die Hühner umher. Der Frieden wohnt hier jetzt. Und in der zerbrochenen Laterne auf dem einen Torpfeiler wächst wilder Wein. Schlaf hält das alte Schloß gefangen.

Ein paar Schritte weiter tut sich eine andere Welt auf. Mittelalter wird zu Rokoko. Aus Rosenhecken wächst ein kleines Sanssouci. »Schlößchen Dornburg« nennt es Goethe in seinen Briefen. Hier wohnten die »Herrschaften«, wenn sie in Dornburg waren, das 1672 an die weimarische Linie der sächsischen Herzöge gefallen war, und höfische Luft schwingt noch jetzt um den zierlichen Bau, den Garten und die Terrassen. Der Herzog Ernst August, der Großvater Carl Augusts, hat das Schloß um 1740 herum von dem Italiener Struzzi erbauen lassen. Mit seiner gelblich getönten Verputzung, den hellen Fensterumrahmungen, den vielen Ballons, dem schöngeschweiften Kuppeldach wirkt es neben dem finsteren, nur auf Schutz und Trutz berechneten Gemäuer des alten Baus doppelt leicht und graziös. Der Duft galanter Feste weht hier, und die Phantasie ist nur zu gern bereit, die reizenden Säle, die schönen Vorplätze, den Garten mit seinen Hecken und verschlungenen Wegen, den wundervollen Altan, das »Fünfeck« Goethes, mit Reifrockdamen und bezopften Herren zu bevölkern ... das »Rosenfest« pflegte der weimarische Hof hier ja alljährlich zu feiern, und noch zu Goethes Zeiten siedelte die zarte, blasse Großherzogin Luise jedes Jahr für einige Zeit mit ihrem ganzen Hofstaat nach Dornburg über.

Jetzt steht das kleine Lustschloß auch längst verwaist, die Zimmer sind mit kostbaren Erinnerungen aller Art und Zeiten überladen, das Ganze ist, wie so viele andere unbenutzte Schlösser, ein Museum geworden, und über das gleißende Parkett, über das einstmals die Stöckelschuhe trippelten und die seidenen Schleppen rauschten, schlürft nun nur noch gelegentlich in Filzpantoffeln der Fremde, der eine abgelebte Zeit aus toten Dingen beschwören will.

Und wieder ein paar Schritte ab das dritte Schloss, das »Goethe-Schloß«. Ein ernster Bau in deutscher Renaissance. Mit drei barocken Giebeln schaut es weithin ins Tal, die schweren, braunen Mauern wuchten unmittelbar aus dem steil abfallenden Felsen herauf, kein Weg führt, wie doch bei den anderen beiden Schlössern, am Abgrund hin, nur die Weinreben ranken ein wenig aus der schwindelnden Tiefe. Ursprünglich wohl ein Kloster, wurde es dann ein Freigut, das nach seinem letzten Besitzer allgemein das »Strohmannsche Freigut« genannt wurde und noch genannt wird. 1824 erst wurde es von Carl August käuflich erworben, der auf Goethes Anraten hin sofort die schmale beschwerliche Wendeltreppe, die in einem erkerartigen Turm der Hinterfront zu den beiden Geschossen führt, sperren und dafür eine schöne, bequeme Freitreppe einbauen ließ. Breite, weitläufige Treppen waren ja von jeher eine Leidenschaft Goethes -- man denke nur an die prachtvolle Treppe, durch die er, auch nachträglich, seinem Haus am Frauenplan den palaisartigen Charakter gab.

Das sind die drei Schlösser, die unter dem Namen Dornburg nun zu einem Begriff verschmolzen sind. Kühn und unvermittelt hängen sie, Wind und Wetter zum Trotz, über dem schroffen Abgrund, weithin das Saaletal beherrschend, in ihren Fenstern spiegeln sich die Wolken, um ihre Zinnen fliegen die Vögel. Sie sind in Gärten gebettet, die man vom Tale aus nur ahnen kann, in weiche, grüne Gärten, die im Frühling, wenn der Flieder blüht, ein einziges violettes Meer sind. In Kaskaden schäumt dann der Blütenüberschwang über die Terrassen, die den Abgrund säumen. Und die ganze Nacht singen hier die Nachtigallen.

Hinter den Gärten, durch schöne schmiedeeiserne Barockgitter und niedrige »Kavalierhäuser« von ihnen getrennt, liegt die Stadt Dornburg. Die Stadt? Ein Städtchen, zierlich und kurios wie aus einer Spielzeugschachtel, und auch so sauber und adrett. Da gibt es einen weiten Marktplatz mit Linden und einem Ententeich und einem Rathaus, das ein spitzes Türmchen krönt. Einen Ratskeller, eine Kirche und eine Apotheke, die noch vor kurzem eine »Hofapotheke« war ... Auch ein Kammergut ist da. Und kommt man vom Dorfe herauf durch den Wald, der das alte Schloß umrauscht, so gelangt man in die »Stadt« durch den Wirtschaftshof eben dieses Kammerguts, von Schweinen angegrunzt, von Gänsen angefaucht, von Hühnern umgackert, von Hunden bekläfft, und ist um so verdutzter, dann diese reizende Duodezausgabe einer kleinen Residenz zu finden.

Immer aber rauscht im Tal die Saale. Ein breites Silberband, schlängelt sie sich durch Weidengebüsch und Wiesen, sanfte Berge begrenzen das Paradies. Eine breite Steinbrücke führt über den Fluß zum Dorf Naschhausen, zum »Blauen Schild«, wo man Forellen ißt. So war es immer schon, so wird es bleiben.

Und noch einmal: nicht dem brausenden D-Zug erschließt sich diese stille, träumende Welt, nur dem gemächlichen Wanderschritt.

* * * * *

Am 14. Juni 1828 war Carl August auf der Rückreise von Berlin, wohin der seit Jahren Kränkliche gegen den Rat der Ärzte im Mai gefahren war, um seinen ersten Urenkel, den späteren Prinzen Friedrich Karl von Preußen, zu sehen, in Graditz bei Torgau rasch und unvermutet gestorben. Goethe empfing die Trauerkunde bereits am Mittag des 15. Juni -- wie das Tagebuch verzeichnet, hatte er gerade Gäste bei sich, »die Tyroler sangen bey Tische«, und »die Nachricht von dem Tode des Großherzogs störte das Fest«.

Lakonischer konnte die Aufzeichnung unmöglich lauten.

Und doch hat ihn die Nachricht, die ihm sein Sohn schonend beibrachte, aufs tiefste erschüttert, wie tief, das deuten ein paar weitere Worte des Tagebuchs vom gleichen Tage an: »Gar manches andere im traurigen Bezug«, und klarer noch geht es hervor aus der schmerzlich bewegten Schilderung Eckermanns, der ihn am Abend noch einmal sprach. »Er schien zu fühlen,« erzählt Eckermann in den Gesprächen, »daß in sein Dasein eine unersetzliche Lücke gerissen worden. Allen Trost lehnt er ab und wollte von dergleichen nichts wissen.« Wie immer in solchen Fällen, verlangte seine Seele schnell nach Einsamkeit; fern dem lauten und letzten Endes doch immer gefühllosen Treiben der Welt, in der Stille der Natur, so wußte er, würde er am ehesten das so schwer gestörte seelische Gleichgewicht wiederfinden.

Und er fand es in der Einsamkeit von Schloß Dornburg. Wohl mußte er erst noch furchtbare Tage in Weimar über sich ergehen lassen, notwendige Besprechungen aller Art, die Vorbereitungen für die Trauerfeier und die Beisetzung, Kondolenzbriefe an die Großherzogin Luise und den zehnjährigen Erbgroßherzog Carl Alexander nahmen ihn ganz in Anspruch, und während er in einem Briefe an den Bonner Professor Nees von Esenbeck schreibt: »Meine Empfindungen sind wortlos!« und sein Schreiben an den Erbgroßherzog in die trauervollen Worte ausklingen läßt: »Auch dieses Spärliche hat mich viel gekostet, denn ich scheue mich, an dasjenige mit Worten zu rühren, was dem Gefühl unerträglich ist,« mußte er die Geduld aufbringen, Stieler, der ihn damals gerade, eigens aus München dazu nach Weimar berufen, malte, unermüdlich weiter zu sitzen ... Immer wieder stößt man in diesen unruhvollen Wochen im Tagebuch, unter sichtlicher Vermeidung des Wortes »Tod«, auf Ausdrücke wie »das Notwendigste des Augenblicks«, »das Nächstvergangene und Zunächstbevorstehende« und »das traurige Ereignis«, und ein langer Brief an die in Karlsbad weilende Schwiegertochter Ottilie schildert noch einmal, zusammenfassend, in ergreifenden Worten die ganze lastende Schwere dieser Tage. Dann aber verzeichnet das Tagebuch am 3. Juli, fast froh, die »Vergünstigung eines Aufenthalts in Dornburg«, und am 5. schon meldet Goethe sich »auf Montag« bei Knebel, dem alten Freunde junger, längst verrauschter Jahre, der seit langem in Jena wohnte, an.

Am 7. endlich, gegen Abend, traf er in Dornburg ein, wo ihn die heißersehnte Stille empfing.

* * * * *

Vor über fünfzig Jahren war Goethe, damals noch von allem Reiz der Jugend umstrahlt, zum erstenmal in Dornburg gewesen. Jetzt kehrte er, ein Greis, an die geliebte Stätte zurück, um still für sich den zu betrauern, der ihm in jungen Tagen gemeinsamen Glücks die wundervolle, weltverlorene Schönheit dieses Stückchens Erde erschlossen hatte.