Part 14
Genaueres über sein Leben in Dornburg geben die Briefe, die er hier geschrieben, darunter manche, die von der Schönheit eines lyrischen Gedichtes sind. Der fast Achtzigjährige war eben wieder ganz in poetischer Bewegung, wie immer, wo er so unmittelbar in und mit der Natur lebte wie hier. Rückhaltlos spricht er sich zu den alten Freunden Zelter, Heinrich Meyer, Soret und Knebel aus. »Seit fünfzig Jahren,« schreibt er bereits am 10. Juli an Zelter, »hab' ich an dieser Stätte mich mehrmals mit ihm (dem Großherzog) des Lebens gefreut, und ich könnte diesmal an keinem Orte verweilen, wo seine Tätigkeit auffallend anmutiger vor die Sinne tritt.« Und nun schildert er, was Carl August für Dornburg alles getan, und deutlich spürt man zwischen den Zeilen die tiefe, fast behagliche Freude des Genusses an all dem Schönen, was hier Natur und Kunst in edlem Wettstreit bieten, ja, er malt förmlich, und das Bild, das so von Dornburg entsteht, ist so plastisch, daß selbst jemand, der Dornburg und seine Schlösser nie gesehen hat, sich dem Reiz der Darstellung nicht entziehen kann.
Ein völliges Kunstwerk ist der große Brief vom 18. Juli an Friedrich August v. Beulwitz, den Generaladjutanten des neuen Großherzogs Carl Friedrich. In ihm erscheint die ganze Dornburger Zeit in poetischer Verklärung -- das Tagebuch nennt ihn ja auch die »reflexive Relation meines hiesigen Aufenthalts«. Das lange und ausführliche Schreiben beginnt mit jenem alten Distichon, das über dem Portal des Stohmannschen Freiguts in den Stein gemeißelt ist; den lateinischen Worten läßt Goethe gleich die Übersetzung folgen:
»Freudig trete herein und froh entferne dich wieder! Ziehst du als Wanderer vorbei, segne die Pfade dir Gott.«
Und er schildert dann, wie er nach Verlauf von einigen Tagen und Nächten der Trauer sich ins Freie gewagt und begonnen hat, die Anmut dieses »wahrhaften Lustorts« still in sich aufzunehmen:
»Da sah ich vor mir auf schroffer Felskante eine Reihe einzelner Schlösser hingestellt, in den verschiedensten Zeiten erbaut, zu den verschiedensten Zwecken errichtet. Hier, am nördlichsten Ende, ein hohes, altes, unregelmäßig weitläufiges Schloß, große Säle zu kaiserlichem Pfalzlager umschließend, nicht weniger genugsame Räume zu ritterlicher Wohnung. Es ruht auf starken Mauern, zu Schutz und Trutz. Dann folgen später hinzugestellte Gebäude, haushälterischer Benutzung der umherliegenden Feldbesitzer gewidmet.
Die Augen an sich ziehend aber steht weiter südlich, auf dem solidesten Unterbau, ein heiteres Lustschloß neuerer Zeit zu anständigster Hofhaltung und Genuß in günstiger Jahreszeit. Zurückkehrend hierauf an das südliche Ende des steilen Abhanges, finde ich zuletzt das alte, nun auch mit dem Ganzen vereinigte Freigut wieder, dasselbe, welches mich so gastfreundlich einlud.
Auf diesem Weg nun hatte ich zu bewundern, wie die bedeutenden Zwischenräume, einer steil abgestuften Lage gemäß, durch Terrassengänge zu einer Art von auf- und absteigendem Labyrinthe architektonisch auf das schicklichste verschränkt worden, indessen ich zugleich die sämtlichen übereinander zurückweichenden Lokalitäten auf das vollkommenste grünen und blühen sah. Weithingestreckt, der belebenden Sonne zugewendete, hinabwärts gepflanzte, tiefgrünende Weinhügel; aufwärts, an Mauergeländern, üppige Reben, reich an reifenden, Genuß zusagenden Traubenbüscheln; hoch an Spalieren sodann eine sorgsam gepflegte, sonst ausländische Pflanzenart, das Auge höchstens mit hochfarbigen, am leichten Gezweige herabspielenden Glocken zu ergötzen versprechend; ferner vollkommen geschlossen gewölbte Laubwege, einige in dem lebhaftesten Flor durchaus blühender Rosen, höchlich reizend geschmückt; Blumenbeete zwischen Gesträuch aller Art.
Konnte mir aber ein erwünschteres Symbol geboten werden? deutlicher anzeigend, wie Vorfahr und Nachfolger, einen edlen Besitz gemeinschaftlich festhaltend, pflegend und genießend, sich von Geschlecht zu Geschlecht ein anständig bequemes Wohlbefinden emsig vorbereitend, eine für alle Zeiten ruhige Folge bestätigten Daseins und genießenden Behagens einleiten und sichern? ...
Von diesen würdigen landesherrlichen Höhen sehe ich ferner in einem anmutigen Tal so vieles, was, dem Bedürfnis des Menschen entsprechend, weit und breit in allen Landen sich wiederholt. Ich sehe zu Dörfern versammelte ländliche Wohnsitze, durch Gartenbeete und Baumgruppen gesondert; einen Fluß, der sich vielfach durch Wiesen zieht, wo eben eine reichliche Heuernte die Emsigen beschäftigt; Wehr, Mühle, Brücke folgen aufeinander, die Wege verbinden sich auf und ab steigend. Gegenüber erstrecken sich Felder an wohlbebauten Hügeln bis an die steilen Waldungen hinan, bunt anzuschauen nach Verschiedenheit der Aussaat und des Reifegrades. Büsche hier und da zerstreut, dort zu schattigen Räumen zusammengezogen. Reihenweis auch den heitersten Anblick gewährend seh' ich große Anlagen von Fruchtbäumen; sodann aber, damit der Einbildungskraft ja nichts Wünschenswertes abgehe, mehr oder weniger aufsteigende, alljährlich neu angelegte Weinberge.
Das alles zeigt sich mir wie vor fünfzig Jahren, und zwar in gesteigertem Wohlsein, wennschon diese Gegend von dem größten Unheil mannigfach und wiederholt heimgesucht worden. Keine Spur von Verderben ist zu sehen, schritt auch die Weltgeschichte hart auftretend gewaltsam über die Täler. Dagegen deutet alles auf eine emsig folgerechte, klüglich vermehrte Kultur eines sanft und gelassen regierten, sich durchaus mäßig verhaltenden Volkes ...
Nun aber sei vergönnt, mich von jenen äußern und allgemeinen Dingen zu meinen eigensten und innersten zu wenden, wo ich denn aufrichtigst bekennen kann: daß eine gleichmäßige Folge der Gesinnungen daselbst lebendig sei, daß ich meine unwandelbare Anhänglichkeit an den hohen Abgeschiedenen nicht besser zu betätigen wüßte, als wenn ich, selbigerweise dem verehrten Eintretenden gewidmet, alles, was noch an mir ist, diesem wie seinem hohen Hause und seinen Landen von frischem anzueignen mich ausdrücklich verpflichte.«
Goethe selbst hat diesen Brief, der eben mehr als ein Brief, der eine Konfession, eine Dichtung ist, zusammen mit einer Zeichnung jenes Schloßportals aufbewahrt, und Eckermann erzählt in seinen Gesprächen mit Goethe ergreifend, wie dieser ihm im März 1831 Brief und Zeichnung gezeigt, wie tief beides auf ihn gewirkt und wie der greise Dichter es dann wieder in einer besonderen Mappe fortgelegt hat, »um beides für die Zukunft zu erhalten«.
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Goethe hätte nicht Goethe sein dürfen, wenn nicht die Einsamkeit, die er in Dornburg suchte, schließlich illusorisch geworden wäre. Alle Welt besuchte ihn hier, und vielleicht hat er deshalb die Morgen- und Abendstunden so geliebt, weil er da wirklich allein war und sich ganz den geliebten Naturstudien widmen konnte. Es entspricht aber seinem Wesen, das auch Anregung durch geistigen Gedankenaustausch in Wort und Schrift brauchte, daß er über die vielen Besuche keineswegs ungehalten war.
Auch darüber plaudert der ihn die ganze Zeit über betreuende Hofgärtner sehr hübsch in seinem kleinen Büchlein. Kam die Schwiegertochter mit Eckermann und den Enkeln von Weimar herüber, so war er sogar froh und überließ sich ganz dem großväterlichen Behagen. Reizend schildert Eckermann selbst so einen Besuch (»Er schien sehr glücklich zu sein,« meint der Getreue) und läßt dann Goethe selbst reden: »Ich verlebe hier so gute Tage wie Nächte. Oft vor Tagesanbruch bin ich wach und liege im offenen Fenster, um mich an der Pracht der jetzt zusammenstehenden drei Planeten zu weiden und an dem wachsenden Glanz der Morgenröte zu erquicken. Fast den ganzen Tag bin ich sodann im Freien und halte geistige Zwiesprache mit den Ranken der Weinrebe, die mir gute Gedanken sagen, und wovon ich auch wunderliche Dinge mitteilen könnte. Auch mache ich wieder Gedichte, die nicht schlecht sind, und möchte überall, daß es mir vergönnt wäre, in diesem Zustande so fortzuleben.«
Aber auch Besuche anderer Art erfreuten ihn. So brachte Soret den jungen Erbgroßherzog zu ihm, die Herzöge von Wellington erwiesen ihm ihre Reverenz, und mit dem Kanzler von Müller mag er, vielleicht ein wenig wehmütig, Erinnerungen an entschwundene Zeiten ausgetauscht haben. Fast immer hatte er, wie Sckell als getreuer Chronist erzählt, sechs bis zehn Personen zu Tisch, und oftmals hat es den braven Hofgärtner Mühe genug gekostet, ein Menü zusammenzustellen, das Goethe befriedigte. Denn so wenig Goethe für sich selbst benötigte, so große Ansprüche stellte er, wenn es galt, Gäste zu bewirten.
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Und so kam der Tag, da er sich wieder von Dornburg trennen mußte ... auch den Greis rief noch die Pflicht.
Es war mittlerweile Herbst geworden, die Rosen waren verblüht, und auf die geliebte Bacchantin im Garten hinter dem kleinen Schloß sanken schon die ersten welken Blätter. Das Wetter war auch nicht mehr recht beständig, und das Tagebuch meldet immer häufiger Nebel und Regen. Trotzdem ist ihm der Abschied schwer geworden. Denn die Tage, die er in Dornburg verlebt hat, gehören zu den innerlich reichsten seines Alters. Das Abschiedsdistichon, das er dem lateinischen Portalspruch von 1608 nachempfunden hat, deutet ergreifend den Zustand seines Innern:
»Schmerzlich trat ich hinein, getrost entfern' ich mich wieder; Gönne dem Herren der Burg alles Erfreuliche Gott.«
Tagelang wird gepackt. »Versuchte mich immer wieder abzulösen,« seufzt er im Tagebuch noch einen Tag vor der Abreise. Am 11. September verläßt er dann endlich Dornburg. Am gleichen Tage noch ist er in Weimar eingetroffen, »rüstig und ganz braun von der Sonne«, auch heiter und freien Gemüts, erzählt Eckermann; »blickte man aber tiefer, so konnte man eine gewisse Befangenheit nicht verkennen, wie sie derjenige empfindet, der in einen alten Zustand zurückkehrt, der durch mancherlei Verhältnisse, Rücksichten und Anforderungen bedingt ist.«
Noch zweimal war Goethe in Dornburg, 1829 und 1830. Beide Male im August. Fremde begleiteten ihn. Das letztemal mußte der Hofgärtner Sckell wieder für ein Mittagsmahl im kleinen Schlößchen sorgen, es gab sogar Sekt. Beim Abschied hielt Goethe lange die Hand des treuen Mannes, mit dem ihn Erinnerung an schönste Zeit verband ... trübe Ahnung bedrängte beider Herz. »Dort oben sehen wir uns wieder!« waren Goethes letzte Worte.
Noch einmal umfing das große strahlende Auge, rückwärts gewandt, die geliebte Landschaft, als der Wagen die Landstraße auf Jena zurollte, dann nahm eine Wegbiegung den Blick. Als Traum nahm Goethe mit in die Ewigkeit hinüber, was so oft ihm Entzücken im Leben gewesen.
Bei den Toten Weimars
»Dann, scheiden sie von diesem heil'gen Ort, Wird als Geleitspruch sie umschweben Das tapfre, siegesfreud'ge Wort Des, der ein Kämpfer war: Gedenkt zu leben!«
~Paul Heyse~
»Lange leben heißt viele überleben.« So der alte Goethe an Zelter, als dessen Sohn stirbt. Das Wort ist berühmt. Der skeptische Seufzer eines Vielerfahrenen, um den schon die dünne Luft der Einsamkeit schwankt, und also Maxime, die Weltanschauung prägt. Es fröstelt einen. Und an gleicher Stelle, wo dies »leidige Ritornell« erklingt, heißt es müde weiter: »Mir erscheint der zunächst mich berührende Personenkreis wie ein Konvolut sibyllinischer Blätter, deren eins nach dem anderen, von Lebensflammen aufgezehrt, in der Luft zerstiebt ...«
Eine fast mephistophelische Erkenntnis!
Doch ein anderes Wort des Greises loht aus den schweren Schatten dieser Melancholie wie Fanal hervor. Wieder gilt es Zelter, dem Getreuen. 1830. August, den Sohn und Erben, hat in Italien der Tod ereilt, der einem unseligen Leben Ziel setzte. Trost wehrt Goethe ab. »Prüfungen erwarte bis zuletzt!« schreibt er, seltsam gefaßt und ruhig, nach Berlin. Satz für Satz des Briefes entschwebt im gleichen getragenen Ton. Bis plötzlich das Feuer dieses Herzens noch einmal in steiler Flamme aufschießt und in dem Schlußwort: »Und so, über Gräber, vorwärts!« Trauer sich wandelt zu heroischer Geste.
Geht man in Weimar zu den Plätzen, wo die Toten ruhen, so werden diese Goethe-Worte seelische Begleitmusik dem Wege, den man schreitet.
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Zwei solcher Plätze hat Weimar.
Da es noch die kleine, weltverlorene Residenz, deren kaum gekanntem Namen nur der wilde Ruhm des Herzogs Bernhard im Dreißigjährigen Kriege flüchtigen Klang gegeben, trug man die Toten der Stadt auf den Jakobsfriedhof. Den winkeln noch heute Gassen so eng ein, daß ihn nur findet, wer ihn sucht. Steht man auf der Höhe über Weimar, vor dem Prunkbau des Museums, dann sieht man hinter der alten Asbach-Talmulde wohl den schwarzen Turm der Jakobskirche spitz und schlank aus dem braunen Dächergewirr steigen ... mit den Türmen von Schloß und Stadtkirche weithin uraltes Wahrzeichen der Stadt. Aber kaum betritt man diese selbst, so verschwindet er, Häuserzeilen fangen das Auge, und vor Straßenbahn und Auto verkriecht sich das Gestern, als ob es nicht stören wollte.
So tot ist es in Weimar nirgends wie hier auf diesem Friedhof. Fachwerk und Giebelwand, draus schläfrig halbblinde Fenster blinzeln, ein Stift, ein karger Garten über bröckelnder Mauer -- das ist der ärmliche Rahmen einer Stätte, wo ganze Geschlechter den letzten Schlaf fanden, noch jetzt auf Stein und Säulenstumpf Namen von Glanz prunken.
Einst hürdeten Mauern den Platz. Eine »Totengasse« mit schmaler Pforte führte zu ihm. Die Mauern sind gefallen, als neue Zeit den Hügelwirrwarr der Vergangenheit einebnete, Licht und Luft schuf, wo Trauerweide und Rosenstock sich im Laufe von Jahrhunderten zu undurchdringlicher Wildnis verstrickt hatten ... ja, die Mauern sind gefallen, und der Weg der Toten heißt jetzt weniger triste die Kleine Kirchgasse. Aber die Kirche steht wie ehedem, da man sie, Anno 1712, in schmucklosem Barock neu aufbaute, schwer wuchten ihre Quadern aus dem Rasenboden, schwer lastet das gebrochene Dach auf ihren steilen Pfeilern. Und auch der Gräber hat man etliche geschont. Verstreut liegen sie in die Kreuz und Quer.
Und wie man so von einem Grab zum andern geht, hier an einem völlig eingesunkenen Hügel verweilt, dort versonnen die verwitterten Steinplatten betrachtet, die verloren an der Kirchenmauer lehnen, naht Erinnerung und schlägt in Bann.
Denn wurde hier nicht, ein Maiabend war's, und nie hätten, wie Caroline von Wolzogen erzählt, die Nachtigallen »so anhaltend und volltönend« gesungen wie in dieser Nacht, Schiller beigesetzt? Verse Conrad Ferdinand Meyers klingen auf:
»Ein flatternd Bahrtuch. Ein gemeiner Tannensarg Mit keinem Kranz, dem kärgsten nicht, und kein Geleit! Als brächte eilig einen Frevel man zu Grab. Die Träger hasteten. Ein Unbekannter nur, Von eines weiten Mantels kühnem Schwung umweht, Schritt dieser Bahre nach. Der Menschheit Genius war's.«
Schrecklich! Man sieht den dünnen, im Fackellicht gespenstisch schwankenden Zug in der finsteren »Totengasse«, sieht, ganz in dunklen Schatten, das »Kassengewölbe« an der Mauer, das mit schwarzem Tore wartet ... ungeduldig wartet, nur wieder zufallen zu können hinter dem »gemeinen Tannensarg«. Man sieht das, derweilen man vor der Marmortafel grübelt, die da, wo bis 1853 das »Kassengewölbe« stand, in die Mauer eingelassen ist. Und die in steifen Lettern nüchtern erzählt, daß hier Schillers erste Begräbnisstätte.
Nun ruht er ja in der Fürstengruft. 1825, zwanzig volle Jahre später, nur noch Schädel und nacktes Gebein, dorthin gebracht, als man schon kaum mehr am zerfallenen und vermoderten Sarg feststellen konnte, ob es auch wirklich sein Schädel, wirklich sein Gebein war, die am ehrte, Goethe im »ernsten Beinhaus« erst den richtigen Schädel an seiner »geheimnisvollen Form«, an der »gottgewollten Spur« herausfinden mußte.
Diese zwanzig Jahre sind für das Weimar Goethes und Carl Augusts ein böses Rätsel. Wie war das möglich? Hatte Knebel recht, der einmal an seine Schwester Henriette schreibt: »Es ist sündlich, wie man in Weimar mit den Toten umgeht; über Personen, die wirkliche Verdienste für sich und die Gesellschaft hatten, habe ich acht Tage nach ihrem Tode auch nicht einen Laut mehr reden hören!« Knebel meint, 1802, Corona Schröter. Aber das Vergessen, das diese in Ilmenau begrub, hielt auch die Pforte des »Kassengewölbes« auf dem Jakobsfriedhof geschlossen ... ein Vergessen, das um so unverständlicher, als der Weimarer Hof doch Sonntag für Sonntag hier an den Gräbern vorbei zum Gottesdienst schritt, da die Jakobskirche zugleich Hofkirche war.
* * * * *
Es war im Oktober 1806. Der Krieg war über Weimar dahingegangen. Goethe hatten im eigenen Hause Marodeure attackiert, Christiane, damals noch Demoiselle Vulpius, hatte ihm durch Geistesgegenwart das Leben gerettet. Dankbar machte er sie auch vor der Welt jetzt zu dem, was sie, seines August Mutter, für ihn selbst schon längst war: zu seiner Frau.
In der Jakobskirche war die Trauung. In der Sakristei. Hart daneben an der Mauer, für alle, die zur Sakristei gingen, nicht zu übersehen, das »Kassengewölbe«. Wenig mehr als ein Jahr war es her, daß Schiller hier beigesetzt. Wenig mehr als ein Jahr, daß Goethe an Zelter geschrieben: »Ich glaubte, mich selbst zu verlieren, und verliere einen Freund und mit ihm die Hälfte meines Daseins.« Wenig mehr als ein Jahr, daß er den Toten in seinem »Epilog zur Glocke« in Lauchstädt schwärmend gefeiert. Aber nichts deutet darauf hin, daß ihm die triste Gruft, armselig und würdelos wie die Bestattung, die ihr »der Menschheit Genius« zugeführt, je gerührt ... auch nicht, da er, Christiane am Arm, hier zur Trauung schritt. »Der Lebende hat recht!« heißt es im »Faust«. Goethe sah die Gestorbenen nur noch als Scheinbilder, die er, der Realist, negierte, so sehr er sie auch bedauerte und betrauerte.
Tragisches Geschick, daß die, die hier in später Trauung Erfüllung ihrer Lebensträume fand, zur gleichen Stätte als Tote kehrte! Auch sie bestattet, als ob sie irgendeine beliebige Bürgersfrau und nicht Christiane von Goethe, eines Goethe Frau und Exzellenz gewesen. Wenn heute wenigstens Eisengitter und Steinplatte den Platz schmücken, wo sie seit 1816 still und alleine ruht (höchstens gleicher Erde mit ein paar ihrer kleinen totgeborenen oder schnellgestorbenen Kinder), so ist das Liebesdienst von Goethe-Freunden. Mann, Sohn und Enkel fanden nie den Weg ... der Mann, dem sie ein Menschenalter Hausfrau und rührendste Geliebte, der bei ihrem Tode ergreifend klagte, daß der ganze Gewinn seines Lebens wäre, ihren Verlust zu beweinen; der Sohn, dem sie die beste Mutter und Freundin; die Enkel, die doch auch ihres Blutes.
Arme Christiane! Da hat man alle die, die zur Familie Goethe gehören, auf anderem Friedhof sorglich vereint, selbst die fremden Frauen, die August, der Sohn, durch seine Heirat in diese Familie hineingeführt; da hat man deines eigenen Gatten Sarg neben den Särgen von Herzögen und Herzoginnen in fürstlicher Gruft aufgestellt ... nur dich hat man vergessen. Das ist Feme und ist Unrecht noch über den Tod hinaus!
Denn du warst doch seine Frau!
Aber ob Frühling oder Sommer, ob Herbst oder Winter, nie flattert eine Blume auf dein kaltes Grab, und daß sich jemand über das Gitter lehnt und mit dir leise Zwiesprach hält, dir liebe Worte zuruft, den dunklen Stein, der deinen Namen trägt, mit Blicken streichelt, ich fürchte, es geschieht nicht oft. Höchstens der Wind, der durch Weimars enge Straßen läuft, der bringt dir vielleicht zuweilen einen Gruß, weht Schmeichellaut dir zu und Kuß vom fernen Garten am Stern, wo du, ein »loses, leidig-liebes Mädchen«, einst in römisch-schwüler Nacht von Goethe den Sohn empfangen. Da mag vielleicht dann auch das Rauschen der Ilm an dein schlafendes Ohr dringen, und mit ihm die Stimme des Freundes. Alt ist das Lied, das diese Stimme singt, und traurig ist es auch. Wie geht es doch?
»Fließe, fließe, lieber Fluß! Nimmer werd' ich froh, So verrauschte Scherz und Kuß Und die Treue so.«
Die Bäume über dir, sie fangen den Klang auf. »Und die Treue so!« klagt das Echo. Die Kinder, die in wildem Spiele hier über die Gräber toben, überlärmen es. Und der Wind der Gasse fegt Unrat zusammen, wo Rosen blühen sollten.
* * * * *
Noch eine andere Christiane liegt auf dem Sankt-Jakobsfriedhof begraben, auch eine Goethesche. Christiane Becker, geb. Neumann. Euphrosyne hat Goethe sie genannt, als Euphrosyne hat er die kleine, blutjung gestorbene Schauspielerin unsterblich gemacht in unsterblichem Liede. So eine Schwester der Corona, ist sie wie diese Gestalt in den Werken: Mignon, -- Mädchen und lieblichstes Kind und auch »verstellter Knabe«. Oder, wie das Gedicht an anderer Stelle will:
»Knabe schien ich, ein rührendes Kind, du nanntest mich Arthur Und belebtest in mir britisches Dichter-Gebild ...«
Ein Goethe-Geheimnis umschwelt das bescheidene Grab. Auch hier Stein und Gitter, nichts weiter. Aber die darunter schläft, Gattin und Mutter wider Willen, sie ward nicht vergessen. Liebe gab ihr Anno 1800 im Park, auf dem Rosenhügel des Rothäuser Gartens, eine Säule mit Inschrift. Heinrich Meyer entwarf sie, der Bildhauer Döll führte sie aus: Genien im Tanz, die Spitze lodernde Flamme. Als der Parkteil Privatbesitz wurde, die Besitzer eigensüchtig die Säule vor fremdem Blicke bargen, ließ Wildenbruch sie kopieren. Mit neuen Versen von ihm steht sie nun auf dem Hügelhang neben Goethes Garten am Stern, von Efeu umhäkelt, von wilden Veilchen und, kommt der Herbst, von Herbstzeitlosen umblüht ... ein süßes, trauriges Lied, das Monument geworden.
Stein auch die anderen Gräber des Jakobsfriedhofs, Zopf und Empire in Stil und Schnörkel. Mühsam entziffert man die Lettern. Da ruht Georg Melchior Kraus, der Maler, dem halb Weimar sein Bildleben in Stich und Aquarell dankt, Freund und Reisebegleiter Goethes. Da Johann Joachim Christian Bode, der Übersetzer: »Freunde setzten ihm dies Denkmal, dem Leser zur Erinnerung, für sie bedurfte es keines.« Musäus, der Märchendichter. Und ein ganz Großer: Lukas Cranach. Der Stein lehnt an der Kirchenmauer, eine Nachbildung. Das Original findet man in der Stadtkirche ... in der uralten Stadtkirche zu St. Peter und Paul auf dem Herderplatz, deren schönster Schmuck das Altargemälde Lukas Cranachs, deren Allerheiligstes die Gruft Anna Amalias. Und ein paar Schritte ab unter der Orgelempore, die ihres Freundes Herder. So mischen sich in Heiligenlegende und Fürstenhistorie, hier seit Jahrhunderten gehütet in magischem Dämmer, die »Stimmen der Völker in Liedern«, denen der Fromme sein Leben lang begeistert gelauscht.
Auch er liegt hier allein, fern der Frau, die ihm Gefährtin und Mutter so vieler Kinder war. Wer das Grab Caroline Flachslands sucht, muß zurück zum Jakobsfriedhof ... ohne es wahrscheinlich dort zu finden. Denn es ist eins der vielen namenlos gewordenen Gräber, grasverwachsen, eingesunken der Hügel, und die Inschrift des Steins haben die vielen Kinderfüße verwischt, die hier jahraus, jahrein darüber hinwegtollen: junges Leben, das der Majestät des Todes nicht achtet und Haschen spielt, wo dem Wissenden Trauer das Auge verschleiert.
Nachts, wenn der Mond die Giebel der Häuser mit Silberlicht beträufelt, geht zwischen den Gräbern hier die Vergangenheit spazieren. Rückt hier an einem schiefgewordenen Stein, legt dort einen frommen Kranz nieder. Die Bäume seufzen. Doch naht der Morgen, der Sonne bringt, verfliegt der Spuk, und die Steine liegen wieder schief, und die Kränze sind verschwunden.