Part 9
Was waren das für glückliche harmlose Zeitläufte bei uns, da man in Deutschland noch nicht, wie die Franzosen scherzend sagten, „die Homosexualität entdeckt hatte“! Da konnten die Literarhistoriker noch des Dichters Platen gedenken, ohne dieses Problem seines Daseins und Dichtens überhaupt erwähnen zu müssen. Da gab es für den deutschen Gelehrten derlei nur bei Sueton im neronischen Rom oder in Griechenland, beileibe nicht in unserem frommen, friedfertigen, moralischen Vaterland, in dem man sich darum über solche Sachen nicht einmal empören mußte, weil sie eben totgeschwiegen wurden. Heute in unserer verfluchten, ehrlichen, die Menschen allesamt öffentlich abstempelnden Zeit ist man, will man kein Falschmünzer oder Duckmäuser heißen, geradezu genötigt, das Rätsel, das Platen wie jeder bedeutende Mensch seinem Volke aufgab, von dieser Seite aus zunächst zu lösen. Seine Tagebücher lassen keinen Zweifel, daß der Dichter ein völlig konträr sexual empfindender Mensch gewesen ist, daß er sich fortwährend, und zwar auf das heftigste, Frauen gleich in +Männer+ verliebt hat. Schon auf der Kadettenschule in München, auf die ihn seine adligen Eltern, die nach Väterweise einen Offizier aus ihm machen wollten, mit zehn Jahren von Ansbach gebracht hatten, fing es an. Eine vielleicht angeborene Neigung wurde so durch den ausschließlichen Verkehr mit Männern, meist jüngeren Alters, auf das unseligste gereizt und verstärkt. Nichts ist bekanntlich gefährlicher für die Gesundheit der Liebes- und Geschlechtsempfindungen -- alle in Internaten aufgewachsenen Menschen bestätigen es! -- als der einseitige fortwährende Verkehr mit +Gleichgeschlechtlichen+ und die intime Vertraulichkeit, die durch das stete zwangsgemeinsame Leben erweckt und genährt wird. Es ist erschütternd in diesen Tagebüchern zu lesen, wie zart erst auf den Zwischenstufen zwischen Knabe und Jüngling die Liebe diesen noch schlummernden wie eine Pflanze lebenden Poeten ergriff. Die Liebe zu einem +Mann+ natürlich, denn Frauen oder „Weiber“, wie er bezeichnenderweise sagt, hatte er kaum gesehen. Und zwar zu einem jungen blonden französischen Grafen, von dem er, vom Kadetten zum Hofpagen aufgerückt, wie ein junges Mädchen von seinem Ideale schwärmt, ohne daß er jemals ein Wort mit ihm zu sprechen wagte. Noch hätte eine entschlossene Erziehungsweise, ein erfahrener, vornehmer, älterer Mann vielleicht diesen weichen Knaben umbiegen und sein Herz und seine Physis auf das andere Geschlecht hinlenken können. Aber der fehlte eben dem Jüngling wie dem Kinde. Denn sein Vater in Ansbach hatte Wichtigeres zu tun, hatte Forsten zu besichtigen und junge Bäume zu behüten und über die harten napoleonischen Zeiten zu seufzen, und konnte sich nicht um die Seele seines in zweiter Ehe spätgebornen Knaben bekümmern.
So sehen wir den jungen Pagen Platen immer mehr in die Liebe zum eigenen Geschlecht verstrickt. Dem Idealbild des jungen blonden Franzosen folgt ein bayerischer Prinz als Gegenstand seiner Neigung, und bald muß er sich gestehen, daß er sich am meisten in ungemischter Männergesellschaft schüchtern fühle, weil die Zartheit der Weiber seinem Wesen innewohne. Immer bedenklicher, gefährlicher wird diese unglückliche Veranlagung. Als er ~faute de mieux~ sich entschloß, Leutnant zu werden, wurde ihm der Abschied vom Pagengalakleid schwer, das ihm so teuer war, wie weiland Werthern sein blauer Frack, in dem er Lotten zum erstenmal gesehen, weil -- armer verirrter Knabe! -- einen Augenblick lang des Franzosen schöne Hand darauf geruht hatte.
Bald wird er dann immer widerstandsloser das Opfer seiner Perversion, die ihn wechselnd, gleich einem Schmetterling im Sturm, von einer Neigung zur anderen treibt. Meist +ohne+ Erwiderung seiner Leidenschaften zu finden. Aus einem jungen Offizier, Friedrich von Brandenstein, den er im Alter von achtzehn Jahren wie ein Backfisch bei einem Konzert und Deklamatorium in der Münchener Harmonie kennen lernte, und den er in seinem Tagebuch wieder wie ein Backfisch als „Federigo“ anschwärmt, bekommt er nur die Worte „Gut“ und „doch“ als Entgegnung auf seine Fragen heraus. „Er ist blond wie der französische Graf“ -- immer wieder kommt er auf diesen ersten Geliebten zurück --, „aber er scheint sehr monoton zu sein“ muß er sich sagen. Er freut sich darauf, seinem Federigo, der mit seinem Regiment gegen den von Elba entsprungenen Napoleon ins Feld ziehen mußte, nach Frankreich folgen zu können, wo die groben und abscheulichen unsittlichen Schriften, die er in den Bibliotheken mancher Quartiere aufstöbert, sein Zartgefühl verwundeten.
Sonst unblessiert heimgekehrt, wechseln flüchtige Passionen zu Freunden und Fremden in seinem Busen wieder mit ernsten Leidenschaften, so zu einem Hauptmann, den er „mein Wilhelm“ nennt, bis er auf einmal, mit ihm auf die Wache ziehend, zu seinem Entsetzen entdeckt, daß er gefühllos „wie ein Stein“ ist und keinen Begriff von Liebe und Freundschaft hat.
Mehr und mehr von dem kalten soldatischen Gamaschendienst in den kriegsmüden Zeiten nach Napoleon angewidert, wirft er sich auf Sprachstudien, für die er ungewöhnlich begabt ist, und erlernt schnell Lateinisch, Griechisch, Persisch, Arabisch, Italienisch, Französisch, Spanisch mit besonderer Vorliebe, Schwedisch, Englisch und gar Holländisch. Bald erlangt er durch die ihm von seinem König gewährte Entlassung aus dem Militärdienst volle Studierfreiheit, der er sich in Würzburg unter Döllinger und in Erlangen unter Schellings Einfluß mit der ganzen Wißbegierde seiner zweiundzwanzig Jahre hingibt. Neue Lieben, neue Freuden, neue Schmerzen erwarten den vom soldatischen Zwang befreiten Jüngling auf der Universität. Diesmal heißt das ahnungslose Opfer seiner Leidenschaft Eduard Schmidtlein, ein simpler Junge allem Anschein nach, den er zuerst wieder „Adrast“ nennt, und von dem er in sein jungfräuliches Tagebuch -- er versteckt sein Herz jetzt gern hinter die französische Sprache -- schreibt: „~Il est beau comme Apollon et vigoureux comme Hercule.~“
Die traurige absonderliche Aventüre mit diesem guten Jüngling, den der Dichter auf der Straße mit Maiglöckchen beschenkte, den er belehrte und zu edler Lektüre anregte, und der seine warme Neigung kühl erwiderte, ist ergreifend in den Tagebüchern zu lesen. Bis zu jenen Worten, bei denen man sich nach der Existenzberechtigung des § 175 in unserm Strafgesetzbuch fragen muß, die lauten:
„O mein Eduard, morgen sind es vier Monate her, seit wir zärtlich voneinander Abschied nahmen. Wir sollten uns niemals wiedersehen, wir haben es nicht vermutet. Ich habe noch zwei Rosen von Dir, die ich heute fand, eine rote und eine weiße; sie sind vertrocknet, aber sie duften noch. Und meine Tränen fließen noch. Wir haben es nicht vermutet.“
Dabei hat Platen -- man fühlt es aus all diesem Zarten heraus, nicht wahr? -- nie an eine physische Hingabe und Vereinigung mit seinen von ihm geliebten Freunden gedacht. Er ist später in Italien, in Neapel, ganz erstaunt, als er hört, daß so etwas möglich ist. Seine feine Seele zittert vor solchen Akten, und die Liebe zum eigenen Geschlecht hat ihn -- diesen Fluch der Natur hat sie mitbekommen! -- niemals befriedigt. Sein Wesen war gegensätzlich zu Oskar Wilde gar nicht auf +faktische+ Ausschweifung gerichtet. Er litt christlich gräßlich unter seinem „Anderssein“, das ihn in die größte Melancholie und Menschenscheu geworfen hat. Sein ganzes Gesicht, die schöne, aber scheue Stirne und der verkniffene eingezogene Mund mit seinem unmännlichen, süßlich-schüchternen Ausdruck, alles dies sieht aus wie das fleischgewordene schlechte Gewissen. Die letzten acht Jahre verbrachte er, von seinem Bayern-König Ludwig unterstützt, ewig wandernd unstet in Italien. Kreuz und quer hat er dies Land durchzogen von Stadt zu Stadt und jeden Punkt, der ihm dort gefiel, als ein poetischer Baedeker mit einem Epigramm oder einem Sonett oder einer Ode gefeiert. Bescheiden wie ein Franziskaner vermochte er mit geringem Geld dieses rastlose Wanderleben in der Fremde zu führen. Nicht nur seine krankhafte Geschlechtlichkeit trieb ihn scheu aus seinem Volke in die Wildnis. Auch die geringe Anerkennung, die man daheim seinem Schaffen entgegenbrachte, die Lobhudelung falscher Dichterpropheten neben ihm durch das Publikum, machte ihn vor Schopenhauer und Nietzsche +deutschlandkrank+. Seine Gereiztheit reagierte in den nach Grabbes Literaturspaß beiden besten, wenn nicht einzigen literarischen Komödien, die wir haben, in der „verhängnisvollen Gabel“ gegen Müllner und die Schicksalstragödianten und im „romantischen Ödipus“ wider Immermann und Heine, seine beiden persönlichen Feinde. Denn „Feind“ war ihm jeder, der seine Verse nicht vollendet fand, die er stets gerne seinen Freunden vorlas, vielmehr „vorsang“, wie ein Ohrenzeuge berichtet, oder auch sich allein „im Pinienhain, an den Buchten des Meers, wo die Well abfließt voll triefenden Schaums“, vorsprach, wo er einsam wandelnd sich an der Fülle des eigenen Wohllauts berauschte.
Man nimmt heute, sofern man sich in Deutschland noch für solche Fragen, statt für Propeller interessiert, vielfach an, daß Heine in der Kontroverse mit Platen zu weit gegangen sei. Mag sein. Aber wenn Schriftsteller miteinander zanken, geht es bei uns selten manierlich zu. Und daß Heine den Homosexualisten aus den Gedichten des Gegners hervorholte und an die Wand malte, war schließlich nicht schlimmer, als daß Platen ihn „den Petrarka des Laubhüttenfests“ geschimpft hatte, „dessen Küsse Knoblauchgeruch absondern“ -- und dies alles nur, weil Heine ein höchst harmloses Xenion Immermanns gegen den Gaselendichter +publiziert+ hatte. Die Verbissenheit, die aus Platens aristophanischen Literaturkomödien gegen das Romantische, als die derzeitige Mode in der Lesewelt und auf der Bühne, mit der Wut eines Abseitsstehenden und Nichtanerkannten knirscht, ist in ihnen oft stärker, als der +Humor+, den der Dichter wider seine Gegner auftreiben kann. Der ist mehr teutsch plump als attisch fein gesalzen, mehr kleinlich zänkisch als überlegen spielerisch wie bei dem Unikum Aristophanes, wenngleich Platen in seiner sich selbst gedichteten prahlerischen Grabschrift davon meint:
„Lustspiele sind und Märchen mir gelungen In einem Stil, den keiner übertroffen.“
Es ist kennzeichnend für Platen, daß er soviel Blut und Zeit an die Literatur vergeudete, weil seine Veranlagung ihn ebenso von dem aufreibenden Kampf der Geschlechter wie von einem lebendigen Wirken in seinem Volke und Staate scheu zurückhielt. Der Außenstehende flüchtete sich in Klagen, Elegien, Gaselen und Festgesängen, stellte sich und seiner formalen Begabung gern schwere metrische Aufgaben, die er in metrischen Verszeichen als ein Rechenexempel +vor+ seine Oden setzte, und ist stolz, wenn er sie gelöst hat:
„Gestirnerleuchtete Nacht, ergeuß In mein Gemüt tiefsinnigen Gesangs unerschöpflich reichen Quell.“
Viel Kunstvolles ist ihm gelungen, dessen Lieblingsblume die künstlich gemacht aussehende Zierpflanze, die regelmäßige +Tulpe+ war. Neben manchem Gequälten. Er, der sich stets soviel auf seine Sprache zugute tat, hat die fürchterlichsten Verse gedichtet, wie etwa die -- und es lassen sich noch viel schlimmere leicht herausfinden -- mit denen er „Hermann und Dorothea“ zu kritisieren wagte:
„Holpricht ist der Hexameter zwar; doch wird das Gedicht stets Bleiben der Stolz Deutschlands, bleiben die Perle der Kunst!“
Weil ihm der Vers so leicht vom Munde floß, denn er vermochte selbst nach der Erstaufführung -- man denke an unsere heutigen premièrebangen Poeten! -- eines seiner Stücke in Erlangen zum Schluß von der Bühne herab in improvisierten Reimen zu danken, darum vermeinte er, alles sei herrlich geraten, was er in seinen Gedichten auf Stelzen laufen ließ. An Goethe, den er, wie ein Templer seinen Großmeister, abgöttisch verehrte schätzte er vor allem das Nachgedichtete, den Westöstlichen Divan, das Gebaute, Gebildete, Gemachte oder antiker Form sich Nähernde, während er das Volksmäßige bei ihm, „den Faust“ etwa, so wenig wie Schillers Stücke und Verse beachtete. So sind auch Platens Schönstes die Sonette und die „+Gaselen+“ geblieben, die der Fünfundzwanzigjährige „dem Stern des Dichterpoles“ Goethen widmete. In diesen unter seiner Sprache leicht gefügten, sonst so oft gekünstelt wirkenden Lobgedichten gibt sich seine zarte Seele in edler Weise preis. Sie haben in ihrer ganz beherrschten Form bis auf unsere Zeit, so noch auf Stephan George und die Seinen, Einfluß gehabt. Gedichte wie:
Der Strom, der neben mir verrauschte, wo ist er nun? Der Vogel, dessen Lied ich lauschte, wo ist er nun? Wo ist die Rose, die die Freundin am Herzen trug, Und jener Kuß, der mich berauschte, wo ist er nun? Und jener Mensch, der ich gewesen, und den ich längst Mit einem andern Ich vertauschte, wo ist er nun?
Noch ohne Bitternis, noch ohne Eigenlob singt hier der junge Poet seine Schmerzen, seine Lust und seine Sehnsucht uns zu, ein feiner, halb geratener Mann, eine „links angehängte Null“, wie er selbst sich einmal genannt hat, ein Paradiesvogel, der später zur Spottdrossel wurde. Scheu und schüchtern verbarg er das Rätsel seines Leibes, seiner Seele vor der Welt. In der Erde der Fremde, bei Syrakus, in dem Staube, den ein Äschylos, ein Pindar und Bacchylides durch ihre Schritte geweiht haben, liegt er begraben. Dorthin war er matt und krank von Neapel geflüchtet, „weil der protestantische Kirchhof in Neapel unweit der Bordelle liege, und es darum nicht poetisch sei, dort bestattet zu sein“. Von Männern umringt, gab er an einem kalten Winternachmittag sein verkehrtes Wesen zur Heilung an die Natur zurück. Immergrüner Lorbeer wächst um seine Gruft.
Ludwig Tieck
„Süße Liebe denkt in Tönen, denn Gedanken stehn zu fern.“
Eines Nachts träumte Tieck, wovon er häufig träumte, daß er eine seiner berühmten Vorlesungen abhalte. Es war noch in Dresden, wo er in einem Eckhaus am Altmarkt wöchentlich zweimal die Zuhörer um sein Lesepult versammelte. Jeder Bekannte wie jeder gebildete Fremde hatte freien Zutritt zu diesen Abenden. Und kein Mensch von Namen und Ruf, der durch Dresden reiste, versäumte einer solchen Vorlesung beizuwohnen, so daß Tieck mit diesen Veranstaltungen geradezu seinem Hoftheater, als dessen Dramaturg er für 700 Taler im Jahr angestellt war, selber Abbruch tat.
Schon schienen ihm in seinem Traum einige Menschen anwesend zu sein. Es war kurz vor Beginn seiner Vorlesung, die mit dem Glockenschlag sieben abends anzuheben pflegte. In dem Raum, den rings an den Wänden seine sechzehntausend Bücher umglänzten, herrschte wie vor dem Anfang eines Stücks im Theater jene gespannte Stimmung, die ihm beinahe noch lieber war als das nachfolgende eigentliche Spiel. Eine Stimmung, wie er sie im Prolog zu seinem „Gestiefelten Kater“ gemalt hat: Man schwatzte durcheinander. Man rückte auf den Stühlen zurecht. Seine weißhaarige Dienerin Friederike schob für zwei hinzukommende österreichische Herren, die mit Orden geschmückt waren, noch zwei Prunksessel ein. Seine Frauen erschienen: Seine etwas hausbackene Gattin Amalie, die ihm früh vermählte, in der Jugend heißgeliebte Pastorentochter, die, bevor sie sich setzte, noch das Deckchen an ihrem Ohrenstuhl zurechtzupfte. Und seine Freundin, die Gräfin Finkenstein, über ihren entzündeten schwachen Augen einen grünen Schutzschirm tragend, die im Vorbeigehen zwei Fräulein, die mit Handarbeiten beschäftigt waren, streng anherrschte: „Nicht stricken, meine Damen! Das verträgt der Dichter nicht.“ Und zwischen den beiden seine kluge Tochter Dorothea, die Übersetzerin, sein „bestes Werk“, wie seine Feinde sie bezeichneten, mit ihrer hohen, vom Vater ererbten schwermütigen Stirn, ein wenig näher zur Mutter als zur Gräfin geneigt.
Noch eine kurze Pause, während der die alte Friederike aus dem Nebenzimmer das Lesetischchen mit den zwei Wachskerzen holte. Und nun trat er selbst herein: die kleine von der Gicht völlig verkrümmte Gestalt im feierlich altmodischen Frack und mit einem dicken Knoten im weißen Halstuch. Die beiden Kinderaugen in seinem glatten Gesicht, das in Paris jeden an den großen Napoleon erinnert hatte, glänzten heller als die zwei Kerzen, zwischen die er sich jetzt niedersetzte. Der Augenblick der höchsten Spannung war da, der, wo er den aufhorchenden Gästen verkündete, was er heute vorlesen würde. Seine herrliche, volltönende Stimme klang laut und priesterlich in die lauschende Stube:
„Leben und Tod der heiligen Genoveva, ein Trauerspiel von Ludwig Tieck.“
Ergebungsvoll sanken einige der anwesenden Damen, die das Stück vielleicht schon kannten, in ihre Stühle zurück. Die Gräfin Finkenstein funkelte sie mit zornigen Falkenblicken an: „Jawohl, meine Damen!“ hörte der Dichter sie zu seinem Erstaunen mit spöttischer Stimme sprechen: „Es dauert volle drei Stunden.“
Da begann er schon vorzulesen und seinen heiligen Bonifacius mit Schwert und Palmenzweigen einzuführen:
„Ich bin der wackre Bonifacius, Der einst von Englands Ufern in die Wälder Der Deutschen Christus’ heil’gen Glauben brachte.“
Aber schon wieder war er unterbrochen. Irgendeiner fing an zu gähnen. Und weil dies ein leicht ansteckender Gesichtsausdruck ist, tat bald der eine, bald die andere dem Gähnenden nach, daß der vorlesende Dichter sich bald einem ganzen Auditorium von weit geöffneten Mäulern gegenübersah.
„Ehe diese Leute mich zum besten haben, will ich ihnen selber einen Schabernack spielen!“ dachte der Dichter im Traum. Er blätterte unbemerkt in dem Band seiner „Gesammelten Schriften“ zurück und las:
Fischer: Ich möchte fast nach Hause gehn, denn ich fürchte toll zu werden.
Bötticher: Es ist beinahe, als wenn es der Dichter drauf angelegt hätte.
Müller: Ein exzellenter Kunstgenuß, toll zu sein, das muß ich gestehn.
Die Worte, die der Dichter gesprochen hatte, stammten aus seinem Kindermärchen vom „gestiefelten Kater“. Das Publikum spricht sie dort in das Stück hinein. Sein eigenes Publikum fuhr fort zu gähnen; allerdings schon etwas gelinder. Da las er ihm, weiter ins Buch greifend, den Schluß vor:
Souffleur: Versuchen Sie ein paar Verse zu machen, Herr Dichter, vielleicht bekommen sie dann mehr Respekt vor Ihnen.
Dichter (gegen das Parterre):
„Publikum, soll mich dein Urteil nur einigermaßen belehren, Zeige, daß du mich nur einigermaßen verstehst.“
Im Traum sah Ludwig Tieck hierbei von seinem Buch auf. Die Zuhörer vor ihm schienen nichts davon zu merken, daß er sich über sie lustig machte mit seinem Vorlesen. Der Rat des Souffleurs leuchtete ihm ein. Er deklamierte leise die Verse:
„Frisch und froh Ohne Ach! und O! Vergehen, Verwehen, Die Tage mir so!“
Das war wieder aus seiner „Genoveva“. Das Lied eines Schäfers. Kecker geworden setzte der Dichter mit einem schelmischen Blick in sein Auditorium hinzu:
„Ruhe, Süßliebchen, im Schatten Der grünen, dämmernden Nacht!“
Dies rührte aus seiner wundersamen Liebesgeschichte von der schönen Magelone her.
Nun wurde der träumende Dichter ganz verwegen und reihte noch den Vogelgesang aus seiner Novelle vom „blonden Eckbert“ unvermittelt an:
„Waldeinsamkeit, die mich erfreut, In ew’ger Zeit, o wie mich freut, So morgen wie heut, Waldeinsamkeit.“
Schon als er das erste Wort dieses Gedichtes sprach, ward ihm etwas unheimlich zumut, als ob er gefühlt hätte, daß er zu weit gegangen wäre. Und in der Tat! Es erhob sich in diesem Augenblick aus der schweigenden Schar seiner Zuhörer ein Mann, der im Schein der Kerzen einen schwarzen Schatten über ihn warf und den Dichter folgendermaßen andonnerte: „Mein Herr! Was unterstehen Sie sich aus Ihrem Publikum einen solchen Narren zu machen, wie Sie selber einer sind!“
Ludwig Tieck (im Traum): „Ahnte mir doch ein Unheil! Bei meinem melancholischen Gemüt! Sie sind ein Kunstrichter, nicht wahr?“
Der Kunstrichter: „So ist es. Ich habe mich erhoben als Sachwalter der überreichen Begabung, mit der ein Genius Sie bei Ihrer Geburt ausgestattet hat. Wissen Sie, daß Sie der leichtfertigste Poet sind, der jemals von den Musen gehätschelt worden ist? Was können Sie nicht: Gedichte, Novellen, Romane und Stücke purzeln Ihnen nur so aus Ihrem Kopf wie Spielwaren aus Ihrem geliebten Nürnberg. Aber alles ist oberflächlich gemacht. Hingehuschelt, wie Frau Aja sagte. Sie arbeiten zu viel und vor allem zu schnell. Muß denn ein Stück wie ‚Ritter Blaubart‘ beinahe an einem Abend hingerast werden und ein sechsaktiges Spiel wie ‚Prinz Zerbino‘ in drei Tagen? Sehen Sie sich Goethe und Shakespeare, Ihre Muster, an, zwischen denen Sie lichtempfangend wie dort oben zwischen den zwei Kerzen sitzen, und -- -- --“
Ludwig Tieck unterbrach an dieser Stelle, wie er sich am Morgen nach dem Erwachen genau erinnerte, die lange Strafpredigt seines Kritikus dadurch, daß er ironisch lächelnd mit seinen bloßen Fingern die Kerzen zu seinen beiden Seiten schneuzte. Ganz deutlich hatte er dabei den brennenden Schmerz in seinen Fingerspitzen gefühlt. Vermutlich ein Zucken der Handgicht, die ihn zuweilen zwickte.
Dann war er wieder eingeschlafen. Und sein Traum hatte sich fortgesetzt. Aber diesmal befand er sich unter den Zuhörern. Am Lesepult saß zu seinem komischen Schrecken ein anderer als er. Nämlich sein alter Freund und späterer großer Gegner, der Berliner Aufklärer Friedrich Nicolai. Er hielt in seiner Hand ein Glas, in dem algengleich ein molluskenartiges Geschöpf herumschwamm, dem eine gewisse äußere Ähnlichkeit mit Tieck selber nicht abzusprechen war: „Sie sehen hier“, so begann Nicolai mit seiner kratzbürstigen preußischen Stimme zu dozieren, „in dieser Retorte eingefangen den Affen Goethes, genannt Ludwig Tieck. Ursprünglich mit reiner Vernunft begabt, verkrümmte sich dieser Berliner Junge unter dem Einfluß der Lektüre der Bänkelsängereien des sechzehnten Säkuli zu einem qualligen, romantischen Seeuntier. Lachen Sie nicht! Es ist zum Weinen und zum katholisch werden! Was ihm, wie ich vernehme, seine Frau und seine Tochter bereits vorgemacht haben sollen. Nur der Rest von gesundem Menschenverstand, der ihm von seinem biederen Vater, einem Seilermeister aus der alten Roßstraße vermacht worden ist, hat dies letzte verhindert. Heiliger Lessing! Und so etwas muß ausgerechnet in unserm Berlin jeboren werden. Warten Sie, meine Besten! Ich will Ihnen nunmehr ein Kunststück vormachen. Ich werde mit dem Verstand an diese poetische Mißgeburt herangehen.“
Der alte Nicolai stülpte das Glas um, blies dreimal kalt darauf: „Was sehen Sie, meine Teuersten? Es ist leer. Leer wie seine ganze Dichterei.“
Jetzt erhob sich in den Ohren des träumenden Dichters plötzlich eine andere Stimme, eine viel weichere weltmännische. Sie ging von einem jungen Manne aus, der sich unversehens aus den Zuhörerreihen als Opponent erhoben hatte. Und wie Tieck weiter lauschte, war es der geistige Genosse seiner Jugend, Friedrich Schlegel, der dem alten Nicolai in die Parade fuhr: „Wir haben Sie nicht nötig und Ihre Rezensionen, die neueste Literatur betreffend. Schweigen Sie! Sie blamieren sich hier nur. Wir machen unsere Kritik selber, wir Romantiker. Merken Sie denn nicht endlich, daß Sie bei der Beurteilung seiner Werke von ganz verkehrten Voraussetzungen und Forderungen ausgehen, Sie Nachtwächter? Blasen Sie Ihre Laterne aus. Was schleifen Sie mit ihr noch durch den Morgentau herum? Hören Sie nicht diese Melodie, Sie Stocktauber?“