Part 8
Man schrieb achtzehnhundertdreiundzwanzig, da wohnte zu Dülmen, im finsteren Münsterlande, seit vier Jahren ein junger Mann, der mit seinen geringelten schwarzen Locken, die ihm um die hohe Stirn hingen, seinen dunklen italienischen Augen, seinem schönen ausdrucksvollen sinnlichen Munde in diese flache Gegend, wo Gehöft und kahle Heide einförmig umeinander standen und unter diesen derben flachsblonden dickköpfigen deftigen Menschenschlag so schlecht wie etwa die Schwalbe in unsern Winter hineinpaßte. Er hatte sich in einer breiten, niedrigen westfälischen Bauernstube eingenistet, in der er keinen andern Schmuck duldete als ein großes, buntes, hölzernes Kruzifix, das er von einem Küster im benachbarten Coesfeld gekauft hatte, und das mit rotgemalten Blutstropfen überronnen zu Häupten seines Bettes hing. In den ersten Wochen, als er dort wohnte, hatte auf der schwarzen altmodischen Bauernkommode noch ein schönes Frauenbildnis gestanden, unter dem „Sophie Mereau“ zu lesen war. Und hinter diesem Namen war ein schwarzes Kreuz von einer zitternden Hand mit Tinte aufgemalt. Aber jetzt war dies schöne Bild, das wie ein Sonnenstrahl in dem düsteren Zimmer gewirkt hatte, verschwunden, weil der Fremde es verschlossen hatte und in einer Schieblade zwischen welken Efeublättern von ihrem Grabe verwahrte. Es war, als habe er das heitere Bild der Toten aus ihrer Jugendzeit nicht mehr ertragen: Dies Bild, das in seinen stillen Zügen noch nichts von dem eigenen späteren Geschick wußte, noch nichts von jener entsetzlichen Nacht, da sie unter schreienden Schmerzen ein totes Kind in die Welt stoßen würde, noch nichts von dem grauen anderen Morgen, da sie voll Verzweiflung sich von dem toten Kinde nachziehen lassen würde in Frieden und Schweigen. Wie zum Hohne hatte ihn, den Überlebenden, dies glückselige Bildnis seiner einstigen Frau angelächelt, aus holden kindlichen Augen, die zu sagen schienen, so etwas Schreckliches kann es nicht geben. Nun lag es im Schrank, den Blick nach unten gekehrt, wie im hölzernen Sarge zwischen den welken Blättern von ihrem Grabe neben der Zither mit blauem Band, auf welcher der Fremde zuerst wohl abends, wenn die Schatten kamen, gespielt hatte. Bis die Nähe des blutenden Heilands am Kruzifix ihn davon zurückgeschreckt und er sie verschlossen hatte. Mit schlaff gewordenen Saiten lag nun die Zither gleich dem Bilde nach unten gekehrt im Schrank, vergessen und tot wie seine Jugendzeit, und das Kreuz des Herrn hing triumphierend, einem großen Vogel gleich, mit ausgespannten Flügeln als einziger Schmuck in der finsteren Kammer. Allabendlich aber ging der Fremde auf die Gasse hinaus. Den Kopf zur Erde geneigt gleich einem Geistlichen, schritt er an den Bauernhäusern entlang, um deren Giebel am Sommerabend die Vögel schwirrten.
„Es sang vor langen Jahren Wohl auch die Nachtigall, Das war wohl süßer Schall, Da wir zusammen waren“
zog es wie ein Traum durch seinen Kopf. Dann neigte er die schöne Stirne noch tiefer, stierte auf den schwarzen Erdboden und murmelte fünfmal ein Paternoster und fünfmal zehn Ave-Maria, wobei er die braunen Kügelchen des Rosenkranzes, den er stets um den Hals geschlungen trug, gedankenlos mit den Fingern abrollte. Vor einem niedrigen einstöckigen Bauernhaus, in dem vorn eine Schenke war, am Ende der Gassen, blieb er stehen. Eine Weile lauschte er, mit den einst so glänzenden, jetzt lichtscheuen Augen in das Abendrot blinzelnd, auf das Lied, das die Kinder hinter ihm sangen, die sich paarweise aufgestellt hatten und das letzte Paar immer wieder durchs Tor kriechen ließen:
„Macht auf das Tor, macht auf das Tor, Es kommt ein goldner Wagen. Wer sitzt darin, wer sitzt darin? Ein Mann mit goldnen Haaren. Was will er denn, was will er denn? Er will Mariechen holen! Was hat sie denn, was hat sie denn? Sie hat sein Herz gestohlen.“
„O du verlorenes Wunderhorn“, seufzte er laut und wandte sich ab, seine Tränen in die Schatten des Hauses zu verbergen. Die Türe stand offen wie eine Kirchtüre. Durch einen langen schwarzen Flur ging es ins Hinterhaus. Über die knarrende Wendeltreppe stieg er dort langsam hinauf zum ersten Stock. Aus der Kammer hörte er seltsame Laute und Sätze kommen, wie: „O du liebes Jesulein, du mein himmlischer Bräutigam, sie ist so schwer, deine Last, und so süß! Laß mich den Stein noch ein wenig tragen, gib ihn mir, du kannst nicht mehr, gib ihn mir! Oder soll ich dir die Nesseln im Weinberge ausraufen? O das viele Unkraut! O die Nachlässigen im Gebete! Wie mir meine Hände von den Nesseln brennen! Mehr, mehr noch! Alle will ich vertilgen und ausreißen, meine Fingerknöchel tun mir weh! O wie süß!“ Leise, ganz leise stieß Brentano die Türe auf, die zu dieser Stimme führte. Da lag im breiten eichenen Bauernbett eine wächserne weibliche Gestalt, Kopf und Brust emporgerichtet und die Arme wie zwei dürre Stöcke von sich gestoßen. Ein weißes Tuch, um ihre Haare gewunden, hob die scharfen bleichen Züge mit den schwarzen Gruben unter den Augen unheimlich ins Geisterhafte. Es war Anna Katharina Emmerich, die Tochter armer westfälischer Bauersleute, das fromme +Nönnchen von Dülmen+, die die Wunden unseres Heilandes an ihrem Körper trug, der zuliebe Brentano, ein Mensch, der aus Goethes Geschlecht stammte, seit vier Jahren hier hinter dem Leben der Welt sein Dasein verbrachte, ihre Gesichte und Offenbarungen zu betrachten, zu belauschen, zu beschreiben.
Als sie mit ihren weit aufgerissenen, ekstatisch verdrehten Augen den Freund, den „Pilger“, wie sie ihn hieß, in dem Türrahmen stehen sah, sank sie, als hätte sie auf seinen Anblick gewartet, erschöpft aufstöhnend in die von ihrem Schweiß feuchten Kissen zurück. Noch in ihrem Sinken ergriff er zärtlich mit seinen beiden Händen behutsam die mit der ehrwürdigen Signatur des höchsten Mitleidens bezeichnete Hand, dieses bei ihr nur +geistige+ Sinneswerkzeug. „Wie steht es heute, Schwester Anna Katharina?“ fragte er gedämpft, wie man in einer Krankenstube spricht. „Unaussprechlich schön!“ kam es wie von weit her aus ihrem Munde. „Ich bin jetzt so ruhig und habe ein solches Vertrauen, als hätte ich nie eine Sünde begangen. Dies sind so +gesunde Schmerzen+. Ich weiß nichts mehr von der trüben, schmutzigen Welt. Unser lieber Heiland war bei mir, er hat mich mitgenommen, ich wollte bei ihm bleiben! ...“ Aber plötzlich besann sie sich erschrocken und deutete mit dem Finger geheimnisvoll auf den Mund. „Aber ich darf um alles nicht davon reden“, und schwieg und lehnte sich zurück. In dem Augenblicke flog die zahme Lerche, die in ihrem Zimmer oben über dem Fensterbalken nistete, auf ihr Kopfkissen, als sei sie allein dieser Geheimnisse wert. Die schwarze +Krankenschwester+ aber, die bis dahin, ohne sich zu rühren, neben dem Bette gesessen und wie verzückt der Stimme der seligen Ekstatikerin gelauscht hatte, erhob sich und wischte der starr Daliegenden mit einem Schweißtuch die Angsttropfen von der Stirn. „Gelobt sei Jesus Christus, Schwester Luise“, flüsterte Brentano und setzte sich der Schwester gegenüber auf den hölzernen Bauernstuhl auf der andern Seite des Bettes. Dann schwiegen die beiden, neben der leise röchelnden Kranken sitzend, eine lange bedeutungsvolle Weile miteinander. Sie wußten, daß sie Braut und Bräutigam waren vor Gott, er, Klemens Brentano, und sie, +Luise Hensel+, in der unsichtbaren Kirche Christi einander angetraut, aber auf Erden durch ihre +Leiblichkeit+ eines von dem andern getrennt. „Erzähl etwas, Klemens“, brach sie, durch das Schweigen verwirrt, das ihr wie eine Sünde vorkam, die Stille. „Du weißt, sie hört es gerne“, fügte sie mit einem liebevollen Blick auf die im Halbschlummer bei den toten Heiligen weilende Kranke hinzu.
Und Klemens begann ihr aus der Chronika eines fahrenden Schülers leise weiterzuerzählen. „Ich bin noch vielfach herumgeirrt durch die Lande, ehe ich meinen Herrn und Meister Jesum Christum gefunden habe und von ihm wert befunden ward, seine Wunder und seine Wunden zu verehren. Denn ich war hoffärtig von Kindheit an, weil ich aus einem vornehmen Hause stamme, darinnen Klugheit, Witz und Weltlichkeit umgingen seit Väter Zeiten. Und ich ward mit viel Fürwitz empfangen und bei Reichtum und Dünkel in die Schule geschickt. Und späterhin ging ich mit lauter klugen Gesellen um, an allerhand Orten, in Jena und Berlin, die vermeinten, das Reich Gottes mit ihrer flachen Hirnschale erobern zu können. Durch sie verlockt wie einst du durch den Bann der falschen Lehren Luthers lief ich gleich Parzival jahrelang in der Irre. Aber immer brannten die himmlischen Tropfen, mit denen ich unter der Patenschaft des letzten Kurfürsten von Trier, des Erzbischofs Klemens Wenzeslaus, dereinst zum katholischen Christen getauft worden bin, wie Feuer auf meinen Scheitel, so daß ich nur mit ewiger Reue ein solch weltliches Leben geführt habe. Und ob ich mich auch an ein Weib verloren habe, der Gott die ewige Seligkeit schenken möge, ich bin dessen wie aller Irrwege zum Heil niemals aus Herzensgrunde froh geworden. Und erst als ich dich fand, du gleich mir Bekehrte, du sanfte, barmherzige Zuhörerin meiner Leiden, du Trösterin, du mein liebes, +neues+ Leben, du Heiligtum, in deren Nähe alle Furien weichen, als du mir deinen Mund entzogst und mit deiner Rechten auf das +Kreuz+ mich wiesest, das immerdar durch alle Nebel um mich golden zu mir gestrahlt, da ward es Ruhe und Meeresstille in mir. Da wurde ich inne, daß alle meine Träume, deren Wollust ich seit meiner Kindheit am Rheine genoß, da ich am liebsten die Welt in einem Spiegelglas umgekehrt verzaubert betrachtete, nur Wolken waren, in deren Anblick ich mich beim Aufstieg des Kreuzwegs nach Golgatha verloren hatte. Dort, wo deine Hand hinwies, hing mein Herr und Heiland mit nach uns ausgespannten Armen am Stamm, die köstlichste Frucht, die der Baum der Menschheit getragen hat. Dort unter dem ewigen Licht, wo der Bronnen seines Blutes rinnt, haben unsere Geister im Gebet sich gefunden und vereinigt.“
Er reichte der barmherzigen Schwester, seiner unkörperlichen Geliebten, von Rührung ergriffen, über das Bett der seraphischen Kranken seine zitternde Hand. „Stille! Stille nur“, kam es von den Lippen seiner Vermählten in Christo, und mit ihrem weißen Finger wies sie auf die bleiche Nonne, die sich langsam wie ein Gespenst aus ihren Kissen wieder emporhob. „Es kommt über sie,“ fuhr sie fort, „morgen ist Freitag, der rote Todestag unseres Herrn, an dem ihre Wunden bluten müssen.“ Das verzückte Lallen der stigmatisierten westfälischen Nonne erhob sich von neuem mit seinen halb kindlich, halb priesterlich monotonen Lauten. Es hallte, wie das Echo einer Abend-Litanei von den Steinwänden eines Kirchengewölbes hallt. „Herr, hilf doch! Komme doch, Jesu! O Herr, o Herr, komm! Meine Kräfte reichen nicht mehr. Sie sind zu schwer für mich, alle diese Leiden, die ich +für andere+ tragen muß. Da ist eine arme Frau, ganz deutlich sehe ich sie, die an Brustwassersucht leidet, mit der muß ich leiden, für die muß ich leiden. Wir sind alle ein Leib in Jesu Christo! O hilf mir, mein himmlischer Bräutigam, ich liege auf dem Kreuz, es ist ja bald aus. O Herr, hilf doch!“ Immer stoßweiser ging ihr Atem, immer heftiger arbeitete ihre arme Brust. Da beugten sich die beiden Menschen zu seiten des Bettes, die miteinander lauschend diese sublimierte Wollust genossen, voll Sorge über die ekstatische Kranke. Und sie sahen mit Schaudern, wie sich die Male und Zeichen der Nonne zu röten begannen, und wie ihre Stirne, ihre Brust und ihre Seite aus aufbrechenden Wunden bluteten.
„O holt mir meine Seelenspeise“, wimmerte das Nönnlein mit schwacher Stimme. „Gebt mir von dem heiligen Öle! Es durchdringt jedesmal wie ein stärkender Tau alle meine Gebeine. Ich hungere nach meinem himmlischen Gott und Herrn!“ --
Luise Hensel gab dem Freunde ein stummes Zeichen. „Es steht schlimm um sie. Gehen Sie, ihr den Priester zu holen!“
Und hinaus in die Schatten schritt beim Klang des Angelus für die stigmatisierte Nonne Emmerich, dies Häuflein wundes Fleisch, in der nahen Pfarrkirche das letzte Sakrament zu bestellen, Klemens Brentano, der größte Volksliederdichter der Deutschen, der Bruder der freien Bettina, das Pflegekind der sonnigen Mutter Goethes, der später geisteskrank wurde, den die katholische Nacht verschlang.
Eduard Mörike
Kleversulzbach, ein Flecken von 600 Einwohnern mit schwäbischem Dialekt, zwischen den drei Oberamtsstädten Heilbronn, Weinsberg und Neckarsulm gelegen, war in großer Erregung. Denn die entsetzliche wochenlange pfarrerlose Zeit, da sich die Gemeinde bei Kindtaufen, Hochzeiten und Begräbnissen mit jungen unwürdigen Vikaren behelfen mußte, denen nichts im Gesicht stand als das Tübinger Stift, Homiletik und gute Vorsätze, war vorüber. Heute sollte der neue Pfarrherr in das mit Ackerblumenkränzen und einem vom Anstreicher des Dorfes mit roten und grünen Buchstaben neu bemalten Willkommenschild geschmückte Pfarrhaus einziehen. „Eduard Mörike hieß er und stammte aus Ludwigsburg, war also Gott sei Dank ein Schwabe von Geburt“, mehr wußte der Dorfschulze nicht von ihm zu berichten. Denn daß er das theologische Studium nur mit mittelmäßigem Erfolge absolviert hatte, und daß auch in seiner sittlichen Führung hin und wieder etwas auszusetzen gewesen war, wie dies alles in den Papieren und dem keineswegs glänzenden Schulzeugnis des jetzigen Herrn Hochwürden zu lesen stand, das verschwieg der Schulze vorsichtigerweise der höchst sittlichen Gemeinde von Kleversulzbach. Desgleichen auch die Stelle aus dem Briefe des Pfarrers, bei dem der junge Mörike zuletzt Vikariatsdienst versehen hatte, und die da lautete: „Vikarius Mörike zeigte bei mir eine fast sündhafte Neigung zur Musik, und zwar leider zu der +ungeistlichen+. So hat er in der ganzen Zeit von acht Wochen, die er bei mir war, keinen Tag vorübergehen lassen, ohne sich nicht etwas aus dem ‚Don Juan‘ des Mozart vorzuklimpern. Sonst ist mir noch unangenehm an ihm aufgefallen, daß er in gelegentlichen Disputen über den Wert der verschiedenen Religionen, falls es einem überhaupt gelang, ihn da hinein zu verwickeln, bisweilen eine sonderbare schwärmerische mystische Vorliebe für den Katholizismus äußerte.“
So viel oder so wenig Ungünstiges wußte der Ortsvorstand von Kleversulzbach über den neuen Pfarrer Mörike. Die Klatschbasen aber, die auch hier wie das Unkraut überall gediehen, wußten außerdem noch ein paar kleine hübsche Sächelchen von ihm. So zur Hauptsache, daß er noch unvermählt sei und zusammen mit seiner Mutter hause und einer Schwester, die er zärtlich liebe, und die ihn recht im Essen und in der Bequemlichkeit verwöhnt habe, so daß er zimperlich wie ein Apotheker sei. Sodann -- und dies war ja noch viel interessanter --, daß er bereits einmal zu heiraten +probiert+ habe, indem er schon vier Jahre lang verlobt gewesen sei, natürlich mit einer Pfarrerstochter, und zwar aus Plattenhardt. Aber zur Hochzeit sei es nicht gekommen, weil er der Jungfer aus Plattenhardt nicht fromm genug gewesen war.
Das Interessanteste jedoch, was es von ihm zu klatschen gab, war, daß er einmal als Student der Theologie in Tübingen eine Zeitlang gemütsleidend gewesen war, und zwar aus Liebe zu einem überspannten jungen Geschöpf aus der Schweiz, die unstet herumreiste und für die das schwäbische Wort „rappelköppig“ recht wie erfunden zu sein schien. Sie hatte den jungen dermaligen Kandidatus Mörike aber mit ihrem Irrsinn so angesteckt, daß er sogar Verse auf sie gemacht und sie unter dem Namen „+Peregrina+“ besungen haben sollte. Bis sie dann wie ein Irrlicht plötzlich wieder verschwunden sei und dem Herrn Kandidaten statt der „rot Fastnachtskleider“, in denen er eine Weile zu stecken glaubte, wieder die ehrsamen schwarzen langen Theologenrockschöße hinten angewachsen waren.
Während so Kleversulzbach, mit der nötigen Zurückhaltung natürlich, da es sich um einen Pfarrer handelte, über Mörike sich unterrichtete, wobei die guten alten Sprichworte: „Ein toller Most gibt einen reinen Wein“, oder „Gut Ding will Weile haben“ zum Niederschlagen etwaiger Unruhen angewandt wurden, zog unser Dichter und Pfarrer selber in aller Seelenruhe in sein Dörfchen ein.
Es war ein nicht gar großes, nicht gar flinkes bedächtiges Männlein im dunklen Überrock, nicht zu fett, aber auch beileibe nicht zu dürr, mit lockigem, blondgrauem Haar, einem rundlichen, würdigen Gesicht und einem kleinen feinen Stöckchen in der Hand. Seine schelmischen stillen Augen standen sehr nahe unter der Stirn zusammen. Durch eine altmodische goldene Brille sah er sich alles geruhsam an, die Pfarre, die Diele, in der es spuken sollte und in der nachts die sündige Seele eines früheren, in den Wein verliebten Pfarrers herumpolterte, die braune Treppe und sein Predigtstüblein mit dem alten mit Fabeln und Legenden bemalten Kachelofen. Dann trat er aus der Flurtüre unten in den Garten hinaus, freute sich auf die Gockelhühner, die in dem Stall bald herumstolzieren würden, beschaute sich den kahlen Gartensaal mit den verschimmelten Fresken, die nur darum so schön waren, weil man nichts mehr von ihnen sehen konnte. Die Äolsharfe, die draußen zwischen Efeu im Fenster stand, ließ zu Ehren des neuen Pfarrers ein paar traurige langgezogene Töne erklingen, die Mörike wie die Stimmen seiner verstorbenen Vorgänger in die Ohren drangen. Dann wandelte er durch den Obstgarten weiter, in dem unter der Junisonne die Äpfel süß und die Pastorenbirnen saftig wurden, und kam an das Hinterpförtchen, das ins freie Feld abseits vom Dorf hinausführte. Und als er die Türe, die sich schwer auf rostigen Angeln drehte, nach außen aufstieß, sang sie ihm zum Willkommen die Arie aus Mozarts „Titus“ vor: „Ach! Nur einmal noch im Leben!“
Indessen war draußen auf der Straße vor dem Pfarrhaus auf einem Leiterwagen das Hausgerät Seiner Hochwürden angelangt. Und ganz Kleversulzbach half mehr noch aus Neugierde als aus Menschenliebe der Mutter und der Schwester des neuen Pfarrers beim Auspacken und Einräumen. Man schob das Spinett in die Diele, Kinder trugen die vielen dicken Bücher in die Stube zum Pastor hinauf. Geranientöpfe wurden vor jedes Fenster gestellt, und den Junokopf, der jeden an dieser Stätte in der Hand genierte, setzte schließlich Mörike zum Entsetzen aller mitten auf sein Pult und schob, damit er nicht wackeln konnte, einfach die Bibel darunter.
Dann wurde die Hausmenagerie untergebracht, die Goldfische, die Distelfinken, der Hund und die Katze, wobei der Hausherr folgendes Vierklassensystem für die Tiere entwarf: „1. stinkende und zugleich singende, 2. rein singende, 3. rein stinkende und 4. solche, die weder stinken noch singen.“ Zum Schluß kamen dann die Raritäten in ihre Schubfächer oder auf ihre Schränke und Wandgestelle: Die Münzen, Autographen, Altertümer, Kruzifixe, Versteinerungen und vor allem die Hausapotheke. Und man war mit alle diesem kaum zur Hälfte fertig, als schon die Sterne in goldenen Haufen über Kleversulzbach heraufzogen und den Gerechten nicht schöner als den Ungerechten leuchteten. Und bald war es draußen auf den Dorfstraßen ganz still und friedlich wie am Versöhnungsfest.
In dieser Idylle verlebte Mörike das wichtigste Jahrzehnt seines Daseins. Hier konnte er die ersten fünf Tage in der Woche -- denn vor Freitagabend dachte er nicht ans Predigen -- dichten, sammeln, zeichnen, schnitzen, gravieren, mit seinen ungewöhnlich geschickten Händen an allerhand Dingen herumbasteln, mit seinem beweglichen Gesichte Fratzen schneiden und an sich als großer Hypochonder, der er war, nach Herzensqual herumquacksalbern. Hier konnte er vor +allem+, was nach dem Dichten das Schönste für ihn war, +herumfaulenzen+ wie ein Neapolitaner. Wie schön waren die Tage, wenn man nichts zu tun hatte, wie den fleißigen Bienen zuzusehen oder auf dem Rücken im hohen Grase zu liegen, bis irgendeine Stimme rief: „Herr Pfarr! Das Essen ischt fertick!“ und man sich am Abend wie ein Held vorkam, wenn man einen Brief geschrieben hatte. Freilich auch in der Korrespondenz darf man sich nicht zu sehr übersputen, und der biedere Theodor Storm, der seinem schwäbischen Bruder in Apoll seine „Sommergeschichten und Lieder“ mit einer prächtigen Widmung zugesandt hatte, mußte zweieinhalb Jahre auf eine Antwort warten. Um sich das Vergnügen des Faulenzens und Spintisierens noch mehr zu Gemüte führen zu können, hielt sich Mörike meist in Kleversulzbach noch einen Vikar für seine Gemeinde, der Taufreden und Grabpredigten ~da capo~ halten mußte. Doch wenn er in jenen zehn Jahren in Kleversulzbach auch nicht mehr getan hätte, als das Gedicht vom „verlassenen Mägdlein“ oder von dem „alten Turmhahn“ zu machen, so könnte er von uns aus noch weitere zehn Jahre zum Faulenzen bekommen.
Den Rest seines Lebens verbrachte der Dichter, der zum Pfarrer im Grunde so wenig wie Schiller zum Medikus paßte, in Stuttgart als Lehrer kleiner Mädchen am Katharinenstift, der einzige große Schwabe nach Schiller, der dieser ihrer schönen Hauptstadt durch seine Gegenwart etwas Athenisches verliehen hat. Er probierte noch einmal zu heiraten. Aber dieses +zweite+ Experiment mißlang dem scheuen, lässigen, in sich gekehrten, wetterwendischen Herrn noch mehr und endete nach mancher ~perturbatio domestica~ mit Tränen und Türenschlagen und einer schließlichen Trennung „auf unbestimmte Zeit“. Daraufhin zog der alte Junggeselle mit einem Töchterchen wieder zur Schwester hin und wartete zwischen Goldfischen, Versteinerungen, Noten und Gedichten geduldig auf den Tod, der dem Siebenzigjährigen das Licht aus der Hand blies. Seinen vornehmen, auserlesenen Geschmack, diese seine beste Qualität, bewies er noch, indem er sich Anno 1870 nicht flugs über Nacht als patriotischer Dichter begeistern konnte und drum nicht gleich mit in die laute ungestimmte Fanfare hineingestoßen hat.
Sein Ruhm, der zeit seines Lebens nur ganz bescheidentlich wie „auch einer“ geleuchtet hatte, weit überstrahlt von den hohen Namen eines Uhland, Kerner und Schwab, erwies sich auf einmal als dauernder denn das ganze Urteil seiner Zeit. Und heute gilt uns Mörike neben Schiller und Hölderlin als einer der drei großen +Griechen+ aus Württemberg, dessen Verse nicht minder lange blühen werden als die des von ihm gefeierten Anakreon. Denn ein rosiger Hauch haftet an jeglichem seiner Lieder.
Der Graf Platen