Schattenbilder

Part 7

Chapter 73,521 wordsPublic domain

Es war ihm nicht vergönnt, gleich Richard Wagner, der ein Gleiches wie er für die Deutschen in der Oper, dieser Mißgeburt aus Wort und Musik, erstrebte, den Tag der Ernte zu erleben. Hebbels Bayreuth ist jetzt noch überall und nirgends in Deutschland. Seine Recken- und Heldenwelt liegt heute noch meist wie die Tierfelle, die sie nach alter falscher Überlieferung tragen müssen, in deutschen Theatergarderoben eingekampfert. Hin und wieder klopft und stellt irgendein Festtag sie noch aus. Ibsens schlechteste Jugenddramen, Shaws albernste Possen, Strindbergs ödeste Lamentationen muß das deutsche Publikum heute geduldig über sich ergehen lassen, Hebbels reifste Werke bleiben ihm noch immer so viel als möglich versagt. Aber wenn einstmals die Japaner und Mongolen Europa einnehmen, oder die Amerikaner es aufkaufen und sich eine Vorstellung von dem einstigen deutschen Geist und Wesen machen wollen, so werden sie sich Hebbels „Nibelungen“ aufführen lassen.

Adelbert v. Chamisso

Drei Tage aus dem Leben Chamissos geben ein anschauliches klares Bild von dem Schicksal und dem Wesen dieses deutschen Dichters, der zeitlebens besser und schneller französisch als deutsch geredet und verstanden hat, und der in der Nacht vor seinem Tode unaufhörlich in der Sprache Frankreichs von seiner Kindheit phantasierte.

Der +erste+ Tag war ein strenger Wintertag im Jahre 1790. Der Schnee lag schon fußhoch in den meilenweiten stillen Wäldern, die sich um Boncourt, das Stammschloß der Chamissos in der Champagne, ausdehnten. Der neunjährige Adelbert hatte den Nachmittag mit seinen Schlittschuhen auf dem Weiher vor dem Schlosse zugebracht und war wohl fünfzigmal in stummen Träumereien unter der steinernen, schneebedeckten Brücke hin und her gelaufen, abseits von den Geschwistern, die, in vornehme Pelze und Schals gehüllt, Bonbons lutschten und dabei von Paris, der Königin Marie Antoinette und dem nächsten Hofball plauderten. Eine strenge mürrische Erzieherin -- denn die Eltern verkehrten damals nur ~par distance~ mit ihren Kindern -- brachte den Kleinen ins Bett, und dort, in einem großen, weißen und goldenen Rokokosaal, den ein Kaminfeuer voll Scheitholz und Tannenzapfen durchwärmte, träumte das Kind unter Spitzenvorhängen mit geschlossenen Augen weiter, wie es vorhin auf dem weißen Eise mit offenen Augen von einer märchenhaften Zukunft geträumt hatte. Mitten in der Nacht wurde der kleine Adelbert von einem wahren Höllenlärm aufgeweckt. Drunten in der dunklen Stille hörte man wilde Männerstimmen die Carmagnole johlen, die Hunde bellten und erdrosselten sich vor Wut beinahe selber an ihren Ketten. Nun pfiffen Flintenschüsse durch die Nacht. Scheiben klirrten. In dem Vogelhaus hinter dem Brunnen mit der Sphinx hörte man die Hühner vor Angst gackern, und es war, als ob der Lärm der Männer von Minute zu Minute näher käme. Der Knabe sah beim Kerzenschein seine Eltern voll Angst im Saale hin und her laufen, die Geschwister fingen an zu weinen. Dann wurde er von einem alten Diener ergriffen, in das Kissen seines Bettes gepackt und in einen großen Schlitten getragen, der hinter dem Schlosse wartete. Die Eltern und Geschwister kamen zitternd und wimmernd gleich hinterher. Die Revolutionsmänner hatten indes schon die Scheune und die Dienerschaftsräume angesteckt. Es war so hell geworden, daß man die Tauben erschreckt um den Turm mit der Sonnenuhr flattern sah, auf der man deutlich die grün-goldenen Ziffern erkannte. Die Luft war von dem Feuer ganz warm geworden, und der kleine Adelbert, dem ganz sonderbar bei diesem schönen und schrecklichen Traumgesicht zumute wurde, sah nur noch, wie ein Mann im Bauernkittel wütend das Wappenschild der Chamissos, einen stehenden und einen ruhenden Löwen, von dem Tor im Burghof herunterriß. Dann zogen die Pferde an, und der Schlitten mit den lebenden Überresten von Schloß Boncourt fuhr eilig der Grenze zu. Am andern Morgen, als der Knabe erwachte und zu seinem Feigenbaum heruntergehen wollte, erzählte ihm die Mutter mit Tränen, daß alles eingeäschert sei, und nach wenigen Wochen sah er sich mit den Seinen in einer elenden Mietwohnung zu Düsseldorf am Rhein, wo die völlig mittellosen Eltern mit sich zu Rate gingen, ob ihr vierter Sohn Adelbert oder vielmehr Louis Charles Adelaide Comte de Chamisso, Vicomte d’Ormond et Seigneur de Boncourt, nicht am besten zu einem +Tischler+ in die Lehre treten sollte.

Der +zweite+ bedeutungsvolle Tag im Leben unseres Dichters war im Herbst des Jahres 1805. Er war mittlerweile, da seine Hände doch zu viele vornehme nichtstuende Ahnen gehabt hatten, um das Schreinern erlernen zu können, Page am preußischen Hofe und dann +Leutnant+ im preußischen Linien-Infanterie-Regiment „von Goetze“ geworden. Allerdings brachte er auch für dieses Handwerk nicht das rechte Talent mit. Der Sinn für die Wichtigkeit der Gewehrgriffe oder des Lederzeugs und die Bedeutung der Feldsignale ging ihm völlig ab, so daß er vor seinem Oberst durchaus nicht die rühmliche Rolle wie später vor Apollo gespielt hat. „O dieser Oberst!“ schrieb er nach Jahren auf seiner Weltreise in dem Hafen von Hawaii in sein „Tagebuch“, als er wieder einmal wie unsereins von der Schule von ihm geträumt hatte, „er hat mich, ein schrecklicher Popanz, durch die Meere aller fünf Weltteile, wann ich meine Kompagnie nicht finden konnte, wann ich ohne Degen auf die Parade kam, wann -- was weiß ich, unablässig verfolgt, und immer sein fürchterlicher Ruf: „Aber Herr Leutnant! Aber Herr Leutnant!“

An jenem Herbstabend Anno 1805 kam unser Chamisso spät vom Dienst aus seiner Kaserne zu Potsdam. Man hatte ihm soeben mitgeteilt, daß der Krieg mit Napoleon und Frankreich nun bald bevorstehe, und daß man Marschordre bekommen und ins Feld rücken werde. Chamisso warf noch einen Blick auf das kahle zweistöckige Soldatenhaus, lauschte den Hörnern, die an allen vier Ecken des Kastens zu Bett bliesen, und wandte sich seufzend zum Gehen, wobei er über seinen Degen stolperte. „Sie alle haben ihre Heimat und ihr Vaterland,“ grübelte er vor sich hin, „auf das sie stolz sind, und dem sie dienen können!“ Seine Eltern und seine Geschwister waren längst wieder über den Rhein heimgekehrt, und suchten unter Napoleon das wiederzufinden, was sie unter Ludwig verloren hatten. Er allein besaß kein Vaterland mehr unter und hinter sich, und gegen das, was er gehabt hatte, sollte er nun das Schwert führen, das ihm an der Seite baumelte. Eine bittere Melancholie überkam ihn, und seine Seele ward tieftraurig in dieser erbärmlichen, erbärmlichen Welt. Die Wut seiner Kameraden gegen Napoleon, die diesen Dämon immer „einen Teufel und ein Scheusal“ schimpften, konnte er nicht mitfühlen. Und wie vermochte er erst die Franzosen zu hassen, in deren Sprache er mehr als die Hälfte seiner Gedanken dachte! Er zog heimlich auf der dunklen Straße seinen Degen aus der Scheide und betrachtete ihn wehmütig, wie ein Schmetterling sich ein Stück Bindfaden besieht, und er kam sich plötzlich wie ein Chevalier ohne Land, ein Reiter ohne Pferd oder wie ein armer Jude und +Schlemihl+ vor, und es schien ihm im trüben Schein der Potsdamer Öllaterne, als habe er sogar seinen Schatten verloren. Er weinte im Finstern ein paar stille Tränen zum Erstaunen der geraden Stadt Potsdam, in der nachts die Häuser exerzieren, und die so etwas höchst selten sah, und kam traurig wie eine Nachtmütze vor seine Mietswohnung. Oben an seinem Schreibtisch erst, bei seiner Studierlampe und vor seinen Büchern fand er, Shakespeare, Schiller und Goethe um sich, seinen Frieden wieder, und er übersetzte Rousseaus Ode:

„~Pourquoi, plaintive Philomèle, Songer encore à vos malheurs?~“

ins Deutsche, während drunten auf der Gasse ein betrunkener preußischer Patriot „Nieder mit Napolium!“ vor sich hingröhlte.

Der +dritte+ Tag im Leben Chamissos, der uns sein Bild vervollständigt, war im Sommer des Jahres 1828. Vor dem Geschick, gegen Frankreich das Schwert zu führen, hatte ihn vor sechzehn Jahren die schmähliche Kapitulation der Festung Hameln, in der er mit seinem Regiment gelegen hatte, bewahrt. Er war nach Frankreich heimgekehrt und hatte versucht, wieder Franzose zu werden. Aber vergebens! Ein kurzes Gespräch mit Uhland, der zu gleicher Zeit mit ihm in Paris weilte, dünkte ihm schöner als eine Woche am Hofe Napoleons. Selbst die Verführungskunst der Frau von Staël, die gleich ihm eine Verbannte war, und die ihm um ein süßes Gramm +mehr+ als eine Freundin zugetan war, machte ihn nicht wieder zum Franzosen. Es schien ihm, als könnte er nie mehr Ruhe finden. Es ging ihm mit dieser schönen Frau wie mit seinem Vaterlande, sie zog ihn an, und er floh innerlich vor ihr. So zwischen Frankreich und Deutschland hin und her gewürfelt hatte er seltsamerweise seine Ruhe erst auf einer großen dreijährigen +Weltreise+ gewonnen, die er auf einem russischen Schiffe unternahm. Wie Peter Schlemihl den Verlust seines Schattens endlich vergessen konnte, als er die Siebenmeilenstiefel gefunden hatte, so erging es Chamisso, als er an den weltentlegenen glücklichen Inseln des Stillen Ozeans landete und angesichts fröhlicher anspruchsloser sogenannter „Wilder“ einsah, daß für den weisen Menschen überall das Vaterland ist.

Nun war er schon seit zehn Jahren in Berlin, hatte den Leutnantsrock längst vergessen und sich statt dessen mit Steinen und Pflanzen angefreundet, die nach seinem Bekenntnis „viel mehr Verstand als alle Rekruten hatten“. An einem Sommertage nun hatte ihn sein Freund Hitzig, auch ein früherer Schattenloser, der sich darum ein „H“ vor den Namen „Itzig“ gestohlen hatte, von der Stettiner Post abgeholt. Chamisso, oder, -- er hatte sogar jetzt einen +Titel+ hinter sich, -- „der Kustos des botanischen Gartens zu Berlin“, war mit einer riesigen Botanisiertrommel und einem Barometerkasten auf dem Buckel draußen in der Mark gewesen, um „Heu“ für seine Herbarien einzusammeln. Nun wanderte er rüstig mit seinen guten Spazierhölzern neben seinem Freunde die lange Friedrichstraße hinauf nach Hause. Und als er die Leute hinter sich, die dem wunderlichen Mann mit den langen Haaren und der Botanisiertrommel nachsahen, respektvoll flüstern hörte: „Der Dichter Chamisso!“ und als er bedachte, daß nach ein paar Schritten ein Haus kam, in dem sein Weib auf ihn wartete und seine fünf Jungen ihn mit dem Kriegsgesang „Arocha“ von den Sandwichinseln begrüßen würden, den er ihnen beigebracht hatte, da wurde ihm so ausgelassen zumute, daß er zum Erstaunen Hitzigs und der Friedrichstraße auf einem Bein zu tanzen anfing. Ja, es war wahr geworden, was er kaum gehofft hatte: Mit fünfzig Jahren war er zum deutschen Dichter geworden, und war das heute, was Uhland der Deutsche mit dreißig Jahren gewesen war, und aus dem „passivsten Tier der Welt“, wie er sich selbst in den Jahren des Hin- und Herschwankens getauft hatte, war einer der fleißigsten Menschen geworden. Er dachte daran und es wurde ihm warm dabei, daß er mit dem „Heu“ von draußen ein paar frische Gedichte für seine Frau mitgebracht, der er von der Reise geschrieben hatte: „Vergiß nicht die Rosen, vergiß nicht, die Blumen in meinem Garten zu begießen, vergiß nicht, den Sperlingen unter meinem Fenster Futter zu streuen, und vergiß nicht, den Jungen die Buchstaben beizubringen. Ich bringe mich dir wieder ganz, wie ich dich verlassen habe.“

Und auf einmal fiel er dem sprachlosen Hitzig vor lauter Jubel auf der Straße um den Hals: „Weißt du, welches Motto ich meinen gesammelten Gedichten voranstellen will? Die Verse, die Goethe dem Tasso in den Mund legt, wie er seine Dichtung seinem Fürsten bringt:

„Und wie der Mensch nur sagen kann: Hie bin ich! Daß Freunde seiner schonend sich erfreu’n, So kann auch ich nur sagen: Nimm es hin!“

Heinrich Heine

Die Rheinländer haben unserm Volke und unserer Geschichte nicht viele große Männer geschenkt. In der kurzen Spanne Zeit, der Handvoll von Jahrhunderten, die uns moderne Deutsche von den mit Tierfellen bedeckten, Jagd und Fischerei treibenden, unhistorischen Germanen, unseren Vorfahren, trennen, haben die Rheinländer nur wenige bedeutende Männer hervorgebracht, die einen gewaltigen, bleibenden Anteil an der Kulturarbeit in unserem Volke gehabt, die ihren Namen über die Jahrhunderte glänzend und für die Geschichte Deutschlands unvergeßlich gemacht haben.

Sachsen, Schwaben und Schlesien haben vor allem unserm Vaterland in der Literatur, der Philosophie, in der Kunst und den Wissenschaften die führenden Geister gegeben, die das Gedanken- und Empfindungsleben unseres Volkes geschaffen und zum Ausdruck gebracht haben. In wirtschaftlicher Hinsicht allen anderen Stämmen unseres Vaterlandes überlegen, haben die Rheinlande für die Kunst nur ein verhältnismäßig kleines Kontingent von +großen+ Meistern gestellt. Beethoven, den sie in der Musik haben, ist eigentlich nur ein Zufallsrheinländer. Dreiviertel seines Lebens hat er in Wien zugebracht, und der Grundcharakter seines Wesens und seiner unendlichen Musik ist nicht rheinisch gewesen. Goethe ist von Geburt ein Mittelfranke, kein eigentlicher Rheinländer. Und der einzige auch als Persönlichkeit bedeutungsvolle Dichter, den sie bisher in der Literaturgeschichte aufzuweisen haben, der am Rheine geboren und groß geworden ist, dessen Name, nennt man die besten Namen, immer genannt werden wird, ist ein Jude gewesen: Heinrich Heine.

Die meisten Literaturhistoriker haben das Phänomen Heinrich Heine unter den Deutschen -- denn ein solches ist er unter unseren Dichtern gewesen und geblieben! -- lediglich aus seinem +Judentum+ zu erklären versucht. Die Selbstironie in seinem Wesen wie in seinem Dichten, der Sarkasmus, mit dem sich fast ein jedes seiner Gedichte zum Schluß selbst in den Schwanz beißt, die Spottsucht, die hinter jedem Ernst nach seinem Witz sucht, das alles hat man als ein Charakteristikum seines Volkes, seiner Rasse bezeichnet und gegeißelt. Man muß zugeben, daß sich diese skeptische, ironisierende Neigung, die mit sich selbst gern Schindluder treibt, vielfach bei den Juden, die jahrhundertelang wie die Kellertiere von der Sonnenseite des Lebens und Wirkens ferngehalten worden sind, ausgebildet hat. Aber diese Selbstironie, diese Spottlust bei den Juden, die sich meist in Kalauern und Börsenwitzen ein Genüge tut, ist doch mehr Kopfarbeit und mehr Galgenhumor, als eigene eingeborene Empfindung, mehr eine Notwehr des Verstandes, denn ein Erbteil des Herzens. So sehen wir ja auch unsere heutigen frei gewordenen Juden immer weniger Gebrauch von einer bitteren Selbstbespottung machen, mit der sie einstmals vor Verzweiflung Rache am eigenen Schicksal nahmen. Nicht eigentlich jüdisch ist also diese Selbstironie, diese Zwiespaltigkeit des Innern, die sich immer als Doppelgänger sieht, diese unüberwindliche Scheu vor allem Pathetischen, diese quälerische Lust, allem Ernsten eine Fratze zu ziehen. Nein, alle, die +Rheinländer+ sind, fühlen, daß dies ihre eigene tragikomische Domäne der Empfindungen ist, daß Heine nur das Echo ihres Herzens war, und daß sein Blut wie das ihre geklungen hat, mag er immerhin außerdem ein Jude gewesen sein.

Dieser Kern des Heineschen Wesens und Dichtens, diese Angst vor der Phrase, diese Furcht vor der Lächerlichkeit, diese Scheu vor den eigenen Tränen, die sich ihr Gemüt zu zeigen schämt, die ist typisch rheinisch, die stammt aus Düsseldorf und nicht aus Palästina. Wenn ihn jedes Große, dem er im Leben begegnet, zwingt, ihm den Witz abzugucken, wenn er alle Dinge, alles Erleben komisch zu nehmen sucht, wenn er sich selbst in der Matratzengruft in Paris, wo er die letzten acht Jahre seines Lebens fast gelähmt zubrachte, zu einem schlechten Spaß machte, so ist das echt rheinisch empfunden.

Aus dem Judentum Heines heraus hat man auch immer den +zweiten+ Hauptvorwurf begründet, mit dem man ihn vor und nach seinem Tode wie einen herrenlosen Hund beschimpft hat: Er sei kein Deutscher, kein Patriot, sondern ein Verräter und Franzosenfreund gewesen. Nun sind die Rheinländer ihrem Naturell und ihren Neigungen nach schon mit dem benachbarten, weintrinkenden Volk der Gallier verwandt. Ja, sie fühlten sich durch häufige Berührung und geistigen Austausch jahrhundertelang, eh’ die Erbfeindschaft entstand, als +Halbfranzosen+. Ein Vorwurf der erwähnten Art trifft Heine also nicht so furchtbar schwer, wie die Franzosenfresser glauben. Wir denken ja alle seit 1870 Gott sei Dank ein wenig anders und milder und menschlicher über diese Dinge. Wir geraten nicht gleich mehr in ~furor teutonicus~, wenn wir an Frankreich und Paris denken. Der Gedanke: „Der Rhein, Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze“, berauscht uns nicht mehr so wie unsere Voreltern, weil er uns selbstverständlich geworden ist. Der Erz- und Erbfeind, in dessen Hauptstadt wir in acht Stunden gelangen können, ist uns naturgemäß nicht mehr so fremd und fürchterlich als wie vor fünfzig Jahren noch. Und es ist ein erfreuliches Zeichen unserer Kultur, daß man begonnen hat, auch in den +Schulen+ unserer Jugend nicht mehr die Tollwut gegen alles, was französisch heißt, einzuimpfen.

Denken wir nur kurz an die Zeit zurück, in der Heinrich Heine vom Jüngling zum Manne reifte, also in dem Alter war, in dem sich die politische Gesinnung im Menschen bildet. Es war die Zeit für Deutschland, wo Metternich Politik machte, wo die finstere Reaktion gegen jeden Fortschritt vom Rhein bis zur Memel die Gemüter niederdrückte. War es da einem Manne zu verdenken, wenn er nach Frankreich hinüberschaute und sich hinübersehnte, wo der durch die Revolution einmal entfesselte Wille zur Freiheit sich nicht niederducken lassen wollte, sondern sich hintereinander 1830 und 1848 aufbäumte und die Geschichte aus ihrem Schlafe riß? Was hätte Heine tun sollen? Hätte er Rhein- und Weinlieder dichten, oder Friedrich Wilhelm III., seinen wortbrüchigen, oder Friedrich Wilhelm IV., seinen unglücklichen Landesherrn, besingen sollen? Konnte er das nicht ruhig den preußischen Hofpoeten überlassen, die damals unser Volk tagtäglich mit patriotischen Gesängen überschwemmten? Mußte es nicht einen Mann, der den Wert der alten französischen Kultur kannte und genoß, zum Spotte reizen, wenn Leute wie Maßmann, der Dichter unseres „Heil Dir im Siegerkranz“, die Franzosen als „Barbaren“ beschimpfte?

Es ist wahr, Heine hat für Napoleon den Ersten geschwärmt. Aber tat das nicht Goethe fast noch mehr, der erklärt hatte, „dieser Mann ist viel größer als seine Feinde“, der immer von Napoleon wie von einem göttlichen Wesen gesprochen hat! Sahen nicht die beiden Dichter mit ihrem Blick für Menschengröße täglich in ihrem Leben die gewaltigen Segnungen aufwachsen, die Napoleon als Vollstrecker der Errungenschaften der Revolution über unsere alte Erde gebracht hatte? Schändet Heroenverehrung einen Menschen? Ist sie nicht vielmehr das, was ihn von einem Kammerdiener unterscheidet? Man entsinnt sich der Stelle in Heines Buch: „Le Grand“, wo er erzählt, wie er zuerst Napoleon gesehen habe: Es war in Düsseldorf. Heine war noch ein Knabe, als Napoleon seinen Einzug hielt. Es war in der Hauptallee des Hofgartens, und der Knabe dachte gleich mit Schrecken an die hochwohllöbliche Polizeiverordnung, daß man bei fünf Talern Strafe nicht mitten durch die Allee reiten dürfe. Aber -- man denke! -- der Kaiser ritt auf seinem Schimmel im Sonnenschein mit seinem Gefolge mitten durch die Allee! In diesem Geschichtchen hat man den ganzen Napoleon, den Mann, der durch Polizeiverordnungen, Gebräuche, Gewohnheiten und Gesetzesparagraphen mitten hindurchritt. Und die Begeisterung für einen solchen Menschen hat man Heinrich Heine in der damaligen heldenlosen Zeit verdacht!

Es stimmt fernerhin, Heine hat von der französischen Regierung ein Jahreseinkommen erhalten und angenommen. Aber was blieb ihm anders übrig in jener kläglichen Zeit, da seine Schriften vom Bundestag in Deutschland verboten waren und nur heimlich gedruckt und verkauft wurden, ohne daß er im fernen Paris viel von den Einkünften zu sehen bekam. Hat nicht auch der urdeutsche Hebbel damals Gelder von dem deutschfeindlichen Dänenkönig in Empfang genommen, um sein Dasein fristen und seiner Kunst leben zu können? Müßten wir uns nicht, statt Heine daraus ein Verbrechen zu machen, unseres Volkes in Grund und Boden schämen, das seine führenden Geister hungern und betteln läßt, das so wenig Gefühl für seine Würde und so wenig Liebe und Verständnis für die Kunst hat, daß es den Beruf des Künstlers noch heutzutage nicht genug achtet und stützt?

Nein, Heinrich Heine ist ein Deutscher gewesen, wenn er auch die letzten fünfundzwanzig Jahre, fast die Hälfte seines Lebens, in Paris gelebt hat. Das Heimweh nach dem Land über dem Rhein, diese echt deutsche Gemütskrankheit, hat ihn bis zu seinem Tode geplagt. Seine Muttersprache hat er, wie Richard Dehmel in seinem prächtigen Gedicht zu Heines Ehren gesagt hat, mächtiger gesprochen, als alle deutschen Müllers oder Schultzes. Seine ganze schriftstellerische Arbeit in Frankreich war im Grunde nichts anderes als das Kulturwerk, zwischen deutschem und französischem Wesen zu vermitteln, den beiden Völkern Verständnis und Achtung füreinander beizubringen. Und dies ist ihm bei den damaligen Franzosen so weit gelungen, daß ihre Dichter eine Zeitlang Deutschland gerne „~le pays de Henri Heine~“, das Land Heinrich Heines, genannt haben.

Der einzige Vorwurf gegen Heine, der lauter als die beiden genannten heute noch den Markt der Meinungen beherrscht, ist der, daß er unsere deutsche Kunst verdorben, unsere Lyrik vergiftet habe. Er selbst hat sich zuweilen den letzten Romantiker genannt, hat seinen „Atta Troll“ für „das letzte freie Waldlied der Romantik“ erklärt. In Wahrheit stand er zwischen der Romantik und dem Realismus, der unsere moderne Zeit beherrscht. Seine Jugend fiel in die träumerische Zeit, da die deutschen Dichter in den Wald der Poesie hinausritten, wie Heinrich von Ofterdingen, die blaue Blume zu suchen, sein Ende in den Anfang der nervösen Zeit, wo Eisenbahnen und Telegraphen und Maschinen unser Blut unruhig aber nüchtern gemacht und die Menschen so umgerüttelt haben, daß selbst die Dichter nicht mehr träumen können oder wollen. Zwischen diesen zwei Zeiten hat Heinrich Heine gestanden, und es heißt nur die Zeit schelten, wenn man den Zwiespalt, der notwendigerweise dadurch in sein Dichten gekommen ist, tadeln will. Hätte er mit der alten Zeit versteinern sollen, hätte er den feigen Tod der Romantiker im Schoße der Kirche sterben sollen? Nein, er wußte und fühlte, daß es nichts Unwürdigeres und nichts Dummeres gibt, als die Ideale von gestern anzubeten, daß der, dessen Pulsschlag nicht mit dem seiner Zeit geht, schon tot ist, ob er gleich noch weiter lebt. Und so gab er sich seiner Zeit, wagte er es, modern zu sein, und eröffnete damit als erster unter uns Deutschen die Zeit der Kritik, in der die Dichter den Menschen und dann die Gesellschaft besahen, beurteilten und schließlich verurteilten.

Und darum hat er, dessen Ehre es ist, in unserer denkmalwütigen Zeit kein öffentliches Monument in Deutschland zu haben, sich einen Denkstein in uns verdient.

Brentano der Dichter