Schattenbilder

Part 6

Chapter 63,584 wordsPublic domain

„Mitnichten,“ fuhr Goethe fort, „wenn einmal das letzte Bedenken überwunden und gleichsam die letzte Aufenthaltsstation des Lebens überschritten ist, wird man den Tod selbst schon als einen Vorgeschmack der süßen Ruhe, die uns mit ihm erwartet, genießen, und wenn erst der Fahrwind aus dem Elysium über eine Seele weht, wird sie sich mit Frohlocken von diesem unserem höchst problematischen Leben lösen. Darum soll keiner die Tat des Kleist eine frivole nennen. Selbst wir zwei Alten, die wir uns hier im Warmen gegenübersitzen und mit Recht stolz auf unsere sechzig oder wie Sie, mein Lieber, fast achtzig überlebten Jahre sein können, wollen dies nicht tun. Denken wir uns nur in die Seele dieses Unglücklichen, von dessen zahlreichen Dramen eines ‚Der zerbrochene Krug‘ hier in Weimar unter meiner Leitung aufgeführt und vom Pöbel verlacht wurde und ein anderes, das große Ritterschauspiel ‚Käthchen von Heilbronn‘, dreimal in Wien gegeben und abgelehnt wurde. Mehr weiß unser deutsches Theater noch nicht von Kleist. Summieren Sie zu dieser Nichtachtung, die einen ehrgeizigen Menschen, wie er war, dreifach traf und vergiftete, noch das Elend seines preußischen Vaterlandes seit Jena und die qualvolle Lage eines, der heute von der Feder leben muß und hündischen Demütigungen ausgesetzt ist, so werden Sie sich über seinen gewaltsamen Tod als einzigen Ausweg aus dieser See von Plagen kaum mehr verwundern können.“

„Er soll eine solch verbitterte Wut gegen Napoleon gehabt haben,“ bemerkte Wieland, „daß er, wie mir mein Sohn erzählt hat, sich monatelang mit dem Plane trug, den Kaiser selbst zu ermorden.“

„Das steht ihm nicht übel,“ war Goethes Antwort, „wie er denn auch auf die Nachricht von dem Durchfall des ‚Zerbrochenen Kruges‘ in Weimar meinen Namen unter Fäusteballen genannt und dazu gesagt haben soll: ‚Ich werde ihm den Lorbeer schon von der Stirne reißen‘, als ob ich allein die Schuld an seinem Mißgeschick gewesen wäre. So hat er auch späterhin mich mit manchen Spottversen und Pasquinaden geärgert und mir damit jede Möglichkeit genommen, mich weiter für ihn einzusetzen und noch etwas für ihn zu tun.“

„Ja,“ rief der alte Wieland dazwischen, „aber man spricht doch davon, daß Sie ihn durchaus nicht anerkannt und gewürdigt hätten.“

„Ich weiß es, mein Freund, und diese literarische Lüge wird vielleicht noch lange weiterleben, denn solch ein falsches Urteil läuft von einem zum anderen gedankenlos über. Wie man auch Sie, mein lieber Wieland, noch vielfach einen sittenlosen Mann nennt, trotzdem Sie in zwanzigjähriger treuer Ehe vierzehn lebende gesunde Kinder zuwege gebracht haben. Es hat wenige gegeben, die diesen Kleist, da er lebte, mehr geachtet haben als ich, wenngleich mir sein Wesen und Dichten von Grund aus ferne stand. Das Zertrümmerte, Chaotische bei ihm, dieser Zustand, in dem ich lebte, ehe ich dichtete, machte mich bis in alle meine Moleküle unruhig. Dieses Aufspüren und Aufjagen von Urtrieben in uns bei Kleist, die wir mit Mühe seit ein paar tausend Jahren gezähmt haben, flößte mir Grauen und Unbehagen ein und verwirrte mein sicheres Gefühl vom mechanischen wie moralischen Gleichgewicht dieser Welt. Aber darum verkannte ich nicht die titanische Größe in seiner ‚Penthesilea‘, deren Verse mir den Atem versetzten und mich vierzig Jahre zurückwarfen, noch entging mir der feine Reiz im ‚Zerbrochenen Krug‘, einem Stimmungsbild, das ein Teniers nun eben nicht besser hätte malen können.“

„Sie kennen seinen Robert Guiskard nicht“, rief nun Wieland dazwischen. „Wenn er dies Werk, aus dem er mir als mein Gast einst ein paar Szenen vortrug, vollendet hätte, statt es zu vernichten, so müßten Äschylus, Sophokles und Shakespeare vor ihm als Anfänger ausreißen. Das Feuer, das dieser unaussprechliche Mensch in sich trug, vermochte mich alten Vater, der ich dem lieben Gott fast schon die Hand reichen kann, noch zu Tränen über das Weh dieser Welt zu schmelzen. Er hat mir eingestanden, daß er sich beim Schreiben von Akt zu Akt immer mehr in seine Helden bis zur Narrheit +verliebe+, so daß es ihm das Herz abpresse, wenn er wie an jene Penthesilea schließlich Hand an sie legen müsse. Und er weinte dabei ganz wahrhaftig, wie einst meine Frau, als ich sie zwang, unseren lieben alten Gockelhahn abzuschlachten, und sie das Messer in der Hand vor ihm stand und ihn mit den Worten: ‚Mein Herzchen, mein Liebes, mein Lebenslicht, mein alles, mein Hab und Gut, meine Schlösser, Äcker, Wiesen und Weinberge, mein Innerstes, mein Herzblut und mein Augenstern‘, langsam ins andere Leben hinüberschnitt. Von den Frauen insgemein verstand der Jüngling Kleist -- denken Sie nur an sein ‚Käthchen‘ oder ‚Evchen‘! -- mehr als unser seliger Schiller mit all seinen Theaterjungfrauen, denen ich für mein Leben gern einmal in der Nachthaube begegnen möchte, um zu wissen, ob sie von Fleisch und Blut seien. Summa ~summarum~: Ich behaupte dreist, daß wir Deutschen in diesem Kleist unseren Shakespeare verloren haben.“

Zum Glück für den alten Wieland kam in diesem Augenblick der Diener und meldete die Ankunft der Gäste. Goethe aber machte wie allem so auch diesem Gespräch ein Ende, indem er sich erhob und kurz sagte:

„Dieses zu entscheiden, Herr Wieland, müssen wir dem Jahrhundert nach uns überlassen.“

So sprach Goethe. Der Festredner aber, der zum hundertjährigen Todestage am Grabe Heinrich von Kleists sprechen durfte, hätte sagen müssen, daß es einen Shakespeare leider nur +einmal+ gegeben hat, und daß irreale Bedingungssätze an einer Gruft und angesichts eines Toten im Grunde überflüssig seien, aber daß der frühe Tod Kleists, der nicht minder als Theodor Körner für sein Vaterland gefallen ist, für unser deutsches Theater der schwerste Verlust gewesen ist, den es jemals erfahren hat.

Franz Grillparzer

Was der Bürger heute bei uns zulande unter „Künstlern“ versteht, das sind meist friedfertige, tugendhafte und tadellose Männer, deren Gewissen so hell glänzt wie das Hemd, das sie tragen, die pünktlich ihre Steuern zahlen, Weib und Kinder haben und am Sonntag doppelt so fromm sind wie an Werktagen. Es sind gute Staatsbürger, die tagsüber schreiben oder malen, mittags um zwölf Uhr essen und abends kegeln oder Karten spielen, ehrsame Geschöpfe, die von den Schutzleuten gegrüßt werden, mindestens zwei Vereinen angehören, ein Haus besitzen, den Oberbürgermeister duzen, und wenn sie gestorben sind, mit Musik und vielen Kränzen begraben werden. Öffnet man dann ihr Testament, so entdeckt man zur allgemeinen Freude, daß der Dahingegangene zudem noch ein hübsches kleines Vermögen hinterlassen hat, und Kinder und Enkel feiern noch nach Jahren den einstigen Künstler in der Familie nach. Gutmütig scheinen die Augen eines solchen Mannes, und sein Mund spricht Worte der Milde und Liebe, und man schläft nicht unruhig, wenn man einen Abend mit ihm verbracht und verlacht hat.

Leider stimmt das Bild, das die Geschichte uns von dem Leben der ganz großen Künstler gibt, nicht mit diesem friedlichen Idyll überein, das der gute Bürger, der abends im Klub, im Kasino oder in der „Erholung“ sitzt, sich nach dem Beispiel seiner heimischen städtischen Künstler zurecht macht. Wir wollen einmal ganz absehen von der Kategorie der ungeordneten wilden Individuen, die der Gesellschaft den Krieg erklären, mit jedermann in Unfrieden leben, ihre Pflichten verträumen, ewig gereizt sind und stets über 36 Grad Blutwärme haben, die früh sterben, im Duell oder am Wein, oder abseits von allen verbittert den Tod suchen und finden. Aber es gibt doch noch eine zweite Spielart von großen Künstlern, die anscheinend ein schlichtes bürgerliches Leben führen, ohne Lärm und ohne Widerspruch und scheinbar restlos im Staate aufgehen, so daß man vermeinen könnte, sie hätten die Harmonie zur Welt gefunden, die Goethe der Größte sich errungen hat. Blickt man jedoch hinter diesen Deckel ihres äußeren Daseins in das Uhrwerk ihres geheimen Lebens, zu dem nur sie selber den Schlüssel haben, so erschrickt man wie vor dem Haupte der Medusa, das jeden, der es sah, versteinerte. Zu diesen Tasso-Menschen, die von sich selbst gehetzt, Jagdhund und Hase zugleich, die kurze Summe ihrer Tage unter Schmerzen von der großen Qual der Welt subtrahieren, gehörte der bedeutendste Dichter, den Wien uns Deutschen geschenkt hat: Franz Grillparzer.

Das Gemütsleben dieses Dichters, den jede Töchterschülerin lesen darf, ist eine Hölle von Bitternissen und Sorgen und Ängsten gewesen mit tiefen Schlünden, in die sich die Gewitter, die sich niemals offen bei ihm entladen konnten, scheu hineinverkrochen. In seinen Tagebüchern, in denen er sich vor uns aufgeschlossen hat, hat er seine Leiden hinausgeschrien wie Philoktet auf seiner einsamen Insel, daß dem, der vorüberfährt, vor Mitleid das Eingeweide brennt.

Schon der Beruf, in dem er saß, und den er doch nicht fortwerfen konnte, so wenig wie ein Lahmer seine Krücke, machte ihm die Tage grau. Jahrelang hockte er als Unterbeamter im Wiener Finanzministerium sich den Rücken und die Seele krumm, zwischen Bureaukraten, die vom Wetter, vom Gehalt und von den Vorgesetzten sprachen, unter „Theater“ Verkehr mit Schauspielerinnen verstanden und sich für des Dichters Stücke höchstens nur wegen der Honorare, die sie einbringen könnten, interessierten. Wenn Grillparzer über die Kindermörderin Medea grübelte, klopfte plötzlich etwas an die Tür, und eine quäkende Stimme fragte: „Haben der Herr Konzeptspraktikant schon die Zollabrechnung der niederösterreichischen Bezirke revidiert?“

Immerfort bewarb er sich um einen Posten, der seiner geistigen Beschaffenheit mehr zugesagt hätte, etwa bei der Hofbibliothek, und schrieb unzählige Briefe, die anfingen: „Der gehorsamst Unterzeichnete bittet devotest und in untertänigster Ehrfurcht ersterbend usw.“, und die dann alle Verdienste des in tiefster Verehrung Erblassenden aufzählen mußten, eine Beschäftigung, die jedem feiner organisierten Menschen ein Gefühl ähnlich dem der Seekrankheit verursacht. Aber alles dies half nicht einmal. Der sprichwörtlich gewordene Undank des Hauses Habsburg bewährte sich auch bei diesem seinem größten Verherrlicher auf das sichtbarste. Dreiundvierzig Jahre lang mußte der Dichter subalterne Bücklinge machen und das Faß der Danaiden füllen helfen, bis ihm endlich, als er nicht mehr singen, sondern nur noch knurren konnte, das Gnadenbrot mit einem Titel und Orden daran überwiesen wurde.

Auch sein wirklicher Beruf, die dramatische Dichtkunst, belohnte ihn nicht nach Verdienst. Nahm man seine Jugendwerke teilweise mit überschwenglichem Jubel auf, so hatte man um so mehr an seinen späteren Stücken zu nörgeln. Schließlich pfiffen ihn die bösartigen Wiener so laut aus, daß er ganz theaterscheu wurde und zu zittern anfing, wenn man ihn nach einem neuen Stück fragte. So starb seine Liebe zum Theater mit +fünfzig+ Jahren plötzlich ab, in einem Alter, da beispielsweise Ibsen später erst sein eigentliches Lebenswerk begann. Er verschloß das wenige, was er noch bis zu seinem einundachtzigsten Geburtstag schrieb, ängstlich in seinem Schreibtisch, wo es lieber vergilben als je wieder ausgezischt werden sollte. Erst nach seinem Tode kam es ans Licht. Mitsamt den ungezählten boshaften Sprüchlein, die der alte harmlose Herr Hofrat Grillparzer, der immer den Hauszins pünktlich einzahlte, und den die Kinder in Wien auf der Straße grüßten, jedesmal, wenn er sich „gegiftet“, hergereimt hatte. Da sah man auf einmal, daß diese Stütze des Staates, dieser korrekte Bürgersmann Grillparzer mit einer Schar bissiger Ratten und giftiger Schlangen zusammengehaust hatte, die ihm immerwährend vom Keller zum Giebel, vom Herzen zum Kopf gelaufen und gekrochen waren.

Denn die unwürdige Behandlung, die er zeitlebens vom Kaiser bis zum letzten Kritiker erdulden mußte, war Milch und Honig gegen die Teufel, die in seiner Brust herumbrodelten. Außer Rousseau hat sich wohl kein Geist so sehr selber gequält wie Grillparzer. Eine seltsame Lust am Schmerz verlockte ihn immer wieder, sein Inneres im Spiegel zu sehen, um schaudernd vor seinem Bilde zurückzufliehen: Neid, Eitelkeit, Spottlust, Hang zur Lüge, zum Diebstahl und zur Wollust und ein grenzenloser Egoismus, das alles stak in einen garstigen Knäuel verschlungen in ihm und schnitt dem entsetzten Hofrat, der doch keinen Flecken an seiner Hose duldete, gräßliche Fratzen. Er hatte nicht die Einsicht noch den Humor, zu sich selber zu sagen: „~Ecce homo!~“ „So ist der Mensch!“, sondern trug sich wie eine ekle Last, eine lebende Leiche, ächzend zu Grabe.

Das Durcheinander in seiner Natur hat ihn, der als Beamter an genaue Registrierung gewöhnt war, wohl am meisten gewurmt: +Heute+ zerfleischte und verkleinerte er sich selbst und kam sich erbärmlicher als Kotzebue vor, +morgen+ wieder blähte er sich in gereiztem Selbstgefühl vor allen Dichtern wie ein kalkuttischer Hahn, schimpfte über Schiller und nahm dreist neben Goethe Platz. Er wurde von seinen Launen wie von bösen Winden hin und her getrieben, wie er sich auch mit seinen schwachen Kräften dagegen stemmen mochte. Er gehörte zu den Leuten, die immer aus Furcht vor Regen einen Schirm bei sich tragen, aber wenn es wirklich regnet, zufällig einen Stock mitgenommen haben, oder zu denen, die im Theater stets hinter einem Pfeiler zu sitzen kommen, denen die Bahn stets vor der Nase abfährt, und die bei der Table d’hote immer die kalten Platten erhalten und dann eine Tücke in das Objekt hineinlegen, die doch nur aus ihnen selber kommt. Dazu war er ein Hypochonder, der ewig kränkelte, sich immerzu den Puls befühlte oder die Zunge im Taschenspiegel besah, und dabei zweiundachtzig Jahre alt wurde, ohne jemals dem Tode nahe gewesen zu sein.

Am allerunglücklichsten aber war er in der Liebe, diesem schönen Fieber, das in allen seinen Stücken doch End- und Angelpunkt ist. In seinem Leben war es nur eine Qual mehr, der Pfeil, der ihm am tiefsten im Fleische saß. Jedesmal, wenn er sich verliebt hatte, merkte er auf einmal beim dritten Kuß, daß er gar nicht lieben konnte. Er zerpflückte seine Gefühle wie ein Kind die Blumen, und war dann entsetzt und betrübt, wenn sie nicht mehr dufteten. So empfand er schon vor der Liebe, was die Männer gemeiniglich erst nach der Liebe verspüren, und blieb darum einsam, scheu und verkehrt vor der goldenen Pforte zum Paradiese stehen. Und er fand, er schuf sich eine Gefährtin dabei, die er festhielt, Kathi Fröhlich, ein Wiener Mädchen, so beschaffen wie ihr Name, ein liebes Ding, dessen Briefe klingen wie Vogelstimmen vor Sonnenaufgang. Sie opferte ihm ihr Leben und ihre Seele, denn er machte sie zu seiner „ewigen Braut“, der nie die Hochzeitsfackel brannte. Sie glühten, -- aber ach, sie schmolzen nicht. Er hat sie nicht aus Geldmangel nicht geheiratet, wie man auf der Schule lernt, sondern aus der Unfähigkeit, sich hinzugeben und sie hinzunehmen. Sie muß Unsagbares gelitten haben, bis er sie dazu brachte, aus dem „du“ wieder in das „Sie“ zu kommen, wenn sie mit ihm sprach, und aus der wärmsten Liebe wieder in eine kühle Freundschaft hinein. Und man möchte lieber der Karrenhund eines armen Kesselflickers als Grillparzers „ewige Braut“ gewesen sein.

Ganz spät erst, als sie beide keine Zähne mehr hatten und einander völlig ungefährlich geworden waren, zog er mit ihr und ihren Schwestern zusammen unter ein Dach. Und abends spielten die beiden wohl Klavier oder Tarock, je nach seiner Laune, und lächelten sich beim Abschied Punkt zehn Uhr wehmütig aus runzligen Gesichtern an. So lebten sie noch zwanzig Greisenjahre durch eine Wand getrennt nebeneinander, bis der Tod sie holte, und man ihre Leichen nur durch eine Spanne Erde getrennt nebeneinander in den Friedhof bettete. Ein paar Träumer aber wollen ihre Seelen drunten im Inferno beide in trauriger Gemeinschaft unter der dunklen Schar derer um Paolo und Francesca fliegen gesehen haben.

So war Franz Grillparzer, Dichter, Hofrat und Mensch, wohnhaft zu Wien, Spiegelgasse Nr. 21, von dem man noch sprechen wird, wenn das letzte schöne Haus aus den Tagen Alt-Wiens abgebrochen und fortgeschleift ist, um irgendeinem hohen modernen Mietkasten Platz zu machen. Mit einem tiefen Seufzer, wie ihn einst unser Dichter, dessen schweren Namen sich die Literaturgeschichte nach Lord Byrons Prophezeiung gemerkt hat, ihn ausstieß, als er schrieb: „Ich möchte, wär’s möglich, stehen bleiben, wo Schiller und Goethe stand.“

Friedrich Hebbel

Die meisten Menschen gleichen leider im Leben den Gefährten des Odysseus auf der Fahrt an der Insel der Sirenen vorüber: Wachs in den Ohren rudern und arbeiten sie sich ab und hören nicht den lockenden Sirenensang der Musen, die aus den Rätseln des Daseins Musik machen, und starren verwundert und ohne Begreifen auf das +Genie+, das gleich Odysseus in der Mitte ihres Fahrzeuges fest gebunden, beim Klang der Zaubermusik vor Wonnen und vor Qualen sich windet. Als ein solcher Abgetrennter stand auch Friedrich Hebbel in seiner Zeit, fest gebunden an den Mast seiner Natur, unverstanden von den meisten, ein sich selbst Quälender. So fuhr er unter laokoontischen Leiden den Weg zum Tode hinab. Es gibt heute noch zahlreiche, meist sehr satte Leute, die behaupten, daß viele Leiden erst den wahren Künstler machen, und daß insbesondere ein rechter Dichter tüchtig hungern müsse wie ein Bär, um nachher besser tanzen und springen zu können. Das Beispiel Hebbels allein sollte diesen Spöttern ein für allemal den Mund stopfen: Zeit seines Lebens hat er unter der gräßlichen Not seiner Jugend gelitten, die er, der Sohn eines armen Maurers, in einem freudlosen Marktflecken oben in Holstein unter Hunger und Entwürdigungen aller Art verleben mußte. Er war nicht so leicht und glücklich geartet wie ein anderer Parvenü, der freilich ein +Bürgerssohn+ und somit viel weniger zu leiden hatte, ich meine Napoleon, der gerne in Gegenwart des Königs von Preußen und des Kaisers von Rußland -- man kann sich die Gesichter der hohen Potentaten dabei denken! -- von der Zeit erzählte, da er noch Unterleutnant bei der Artillerie gewesen war. Hebbel konnte später, da es ihm gut ging und er sich satt essen und anständig kleiden konnte, nicht einmal stolz sein auf diesen Wechsel, ohne zugleich bitter werden zu müssen. Das Gefühl, ein +Proletarier+ gewesen zu sein, das nur der zu gleichem Los Verdammte verstehen kann, hat ihn, mehr als er es noch sagen und klagen wollte, gequält. Man muß ihn sich nur vorstellen, wie er herumstand mit seiner großen gekrümmten Gestalt, seinen Bauernknochen und seinen roten, einst oft verfrorenen Händen in den Salons der reichen blasierten Wiener Aristokraten, die ihn fortwährend mit dem alemannischen Dichter Hebel verwechselten, die den Hunger nicht kannten und ihren Magen nur, wenn sie zu +viel+ gegessen hatten, verspürten. Gerade das Leben in Wien, dieser weichen, genußsüchtigen Stadt, muß ihn immer wieder an die harte Not der Kindheit gemahnt haben, da man die paar Winterkartoffeln im Keller verkaufen mußte, um den Sarg für den Vater, der ihn und seine Geschwister stets voll Wut seine „gefräßigen Wölfe“ genannt hatte, bezahlen zu können, da seine Mutter bei fremden Leuten waschen mußte, um seine kleinen Geschwister vor dem Hungertode zu bewahren, und da er selbst, ein bleicher Schreiberlehrling, nachts neben den Stallknechten und Kuhmägden schlief. Der Schatten dieser düstern Jugendzeit hat über seinem ganzen Leben gelegen. Niemals hat er aus vollem Herzen lachen können, und mit einem bittern Abschiedswort im Mund ist er aus seinem Menschendasein fortgeschlichen.

Nicht, daß er kleinmütig gewesen wäre, ein anderer hätte die Riesenlast und die Qual einer solchen Vergangenheit überhaupt nicht ertragen können. Nur einsam und menschenscheu war er geworden und klammerte sich lieber noch an die Tiere, Hunde oder Eichkätzchen, an, als an die lieben Nachbarn, die -- seine Jugend hatte es ihn gelehrt! -- den Schwächeren so unmenschlich quälen konnten. Nur den Frauen, die ihn mehrmals in seinem Leben durch ihre Arbeit ernährt hatten, bewahrte seine Seele eine glühende Dankbarkeit. Und in ritterlicher Weise hat er, ein moderner Frauenlob, seine Schuld gegen das weibliche Geschlecht in allen seinen Dramen abgetragen. Sonst lebte er wie eine Spinne in seinem Netz und zog aus sich selbst seine Gedankenfäden und schrieb jahraus, jahrein seine Tagebücher, in denen er sich über sich selber Rechenschaft ablegte und das Plus und Minus seiner Seele miteinander verglich. So kam er von selbst dazu, mehr die Menschen und die Dinge zu begrübeln und ins Abstrakte, ins Reich der Ideen hinüberzuspielen, als sie zu erleben. Der Geist des großen Philosophen Hegel, den er als Werdender in sich aufgenommen hatte, begleitete ihn auch als reifen Künstler. Darum war ihm das Wichtigste an einem Werke, daß es „seine Idee“ klar zum Ausdruck brachte. Unter dieser Voraussetzung schuf er denn auch, der direkte Vorläufer Ibsens, seine großen Dramen.

Das einzige, was ihn nämlich immer wieder mit der Öffentlichkeit zusammenbrachte, war das Theater. Er liebte es mit der ganzen heimlichen Liebe, die in ihm war. Schon äußerlich war er mit ihm dadurch verbunden, daß seine Frau, der er sein ganzes spätes Glück verdankte, als erste Darstellerin an der +damals+, beileibe nicht heute, ersten deutschen Bühne, dem Wiener Hofburgtheater, tätig war. Freilich fügte es sich -- wie manche Menschen eben Unglück haben müssen, bis ihnen kein Zahn und nichts mehr weh tut --, daß der damalige Leiter des Burgtheaters ein anderer Maurerssohn, nämlich Heinrich Laube, war. Mit diesem lebte Hebbel in beständiger literarischer Feindschaft, und Laube, der keineswegs zu den vornehmen Charakteren gehörte, rächte sich in seiner Weise dafür, indem er auf seiner Bühne nur Frau Hebbel und höchstens notgedrungen Herrn Hebbel zu Worte kommen ließ. Auch dieses Mißgeschick konnte Hebbel nicht mit Humor ertragen. Er verzehrte sich in stummer Wut über den hoffähig gewordenen früheren Revolutionär, der ihm da vor der Nase französische Plauderstücke und verlogene deutsche Jambendramen aufführen ließ. Dazu kam, daß die Tagespresse sich das unfeierliche Gelübde abgelegt hatte, Hebbel totzuschweigen, und nur ein paar Juden, Emil Kuh, Felix Bamberg u. a., halfen dem deutschen Barden über den kleinen Kummer und die große Verzweiflung hinweg.

Aber schließlich konnte ihm dies alles nicht den Mut und die Lust am Theater nehmen. Wie Goethe hoffte er stets von neuem auf einen Frühling der deutschen Bühne, wollte und konnte er nicht glauben, daß die meisten Deutschen lieber in alberne Schwänke als in ernste Stücke hineinliefen, daß der normale Mann in Deutschland +wöchentlich+ mehr für Zigarren, als +jährlich+ fürs Theater ausgibt. Wer ihm das bewiesen hätte, dem hätte er ein: „Das wird und muß anders werden!“ entgegengehalten. Ja, er war der Ansicht, daß wie die Germanen einst einen Bonifazius hatten, der sie zum Christentum überredete, so hätten sie heute einen ebenso starken Glaubenshelden nötig, der sie zum Theater als zu einer Kult- und Kulturstätte bekehren könnte. In dieser Hoffnung schrieb er seine Stücke, allen voran die ragende Nibelungentrilogie, eine Saat für die Zukunft, am Tage der Garben zu reifen.