Part 5
Auch späterhin in seinen Briefen an Goethe oder Iffland, die beiden Theaterdirektoren, spielt das Wort „Effekt“ eine Hauptrolle bei den Mitteilungen über seine neuen Stücke, und auch als längst anerkannter Dichter war er stets zu solchen Änderungen in seinen Stücken, die das Theater verlangte, sofort bereit. Man sieht, dieser große Idealist, wie er einem in der Schule als überirdisches Wesen vorgestellt wird, war ein ebenso großer Realpolitiker, wenn es galt, die Anforderungen der großen Menge und ihrer Anwälte, der Theaterdirektoren, zu befriedigen. Das nahmen ihm die Romantiker übel, die den verworrenen Gang des Lebens kaleidoskopisch verworren gestaltet wissen wollten, daß er Menschen und Schicksale in Transparent und in Theater setzte und mehr als nötig war „idealisierte“. Darum stießen sich Künstler wie Otto Ludwig, stößt sich heute schon ein ganzer ästhetisch fein empfindender Kreis in Deutschland an solchen Stellen in seinen Stücken, Momenten oder Passagen, den Geschmack wund, in denen er mit kalter Berechnung dem Moloch Theaterpublikum rohe Opfer gebracht hat. Während seine Gedichte, die er nicht für das Lesebuch und für kein anderes Publikum als für reife Menschen schrieb, vor allem seine Gedankenlyrik von keinem bemängelt, von keinem übertroffen werden können.
Er wollte als Dramendichter ebenso ungestüm wie ein Theaterdirektor, daß das Haus voll besetzt war, wenn seine Stücke gespielt wurden und hätte, wie Goethe es getan hat, +aufgehört+, Dramen zu dichten, wenn bei ihnen, wie etwa bei der „Iphigenie“, das Parkett so leer wie heute die Kirchen in Paris ausgesehen hätte. Darum war „+Wirkung, Effekt+“ die Parole, unter der er seine Schlachten auf der Schaubühne schlug, und je älter er wurde, je seltener wagte er einen Ausfall gegen die herrschende Moral, den herrschenden Geschmack seiner Zeit. Nein, er befestigte durch viele Sentenzen in seinen Stücken wie durch deren ganze sittliche Haltung gradezu die moralische gut bürgerliche Ordnung, wie sie nach der +großen+ Revolution, für die er, wie Goethe, übrigens kein tieferes Verständnis gehabt hat, über die Welt gekommen war. Das konnte ihm +Nietzsche+, der nach Otto Ludwig zweite große Schillerhasser in Deutschland, nicht vergeben, daß er die großen, nichtssagenden Worte, das Edle, das Schöne, das Wahre, die Phrasen, bei uns in Umlauf und Wert gesetzt hat. Er machte ihn vor allen für diese billige, bildungsphilisterhafte kleine Gesinnung im neuen Deutschland, die sich mit großen Redensarten loskauft, die mit Worten, nicht mit Taten zahlt, verantwortlich, für jene falsche Pathetik, die fortwährend „die Ideale“ im Munde herumdreht, die Hebbeltheater gründet, um +Possen+ darin aufzuführen, die sich patriotisch gebärdet, um Kommerzienrat zu werden, die im Frieden mit dem Degen rasselt, die mit der rechten Hand Geld abnimmt, indessen die linke betet.
Es ist wahr, Schiller hat, Kants praktische Vernunft in die Poesie umsetzend, alle jene allgemeinen edlen Begriffe Wahrheit, Schönheit, Tugend und Gott als Worte des Glaubens auf den Thron erhoben und als +Götzen+ über uns gesetzt und uns mit dem Schreckgespenst der +Schuld+ bedroht. „Der Übel größtes aber ist die Schuld.“ Konservativ wie die meisten Dichter, hat er mit schönen Sätzen und herrlichen Versen einen Schutzwall um die Guten gebaut und das zum Sieg gekommene Bürgertum, dem er angehörte, im ruhigen Besitz seiner gewonnenen Güter befestigt. Aber er selbst hat diesen Sieg erst in seiner Jugend mit erringen helfen, da er seine vier gewaltigen Jünglingswerke „~in tyranos~“ geschrieben hat. Die französischen Schreckensmänner, die ihn zum Dank für „die Räuber“ zum Ehrenbürger der französischen Republik ernannten, verstanden seine Bedeutung für seine, für unsere Zeit viel besser als er selbst. Sie merkten, daß er, wenn auch nicht wie Franklin „dem Himmel den Blitz“, so doch „den Tyrannen das Zepter entrissen“ hatte. „Die Räuber kosteten mich Vaterland, Ehre und Familie,“ durfte Schiller sagen, der um dieses sein Werk alles auf einen Wurf gesetzt hatte.
Dieses blieb das größte Erlebnis in seinem Dasein, die Flucht von der Karlsschule, das Zerbrechen der Fesseln, die Selbstbefreiung des Individuums. Die sollte man nicht vergessen, wenn man mit den Sentenzen des abgeklärten, des +friedlichen+ Schillers herumwirtschaftet. Die Leute, die wie manche moderne Dichter nichts anderes erleben, als daß sie sich einmal einen Zahn plombieren lassen oder höchstens einmal Schöffe oder Geschworener werden, sollten daran denken, daß Schiller um seine Ruhe gekämpft und gelitten hat wie ein Held.
„Und setzet ihr nicht das Leben ein, Nie wird euch das Leben gewonnen sein.“
Dazu kommt, daß Schiller niemals platt im niedern Sinne wird. Eine weite Fläche voll von Gemeinplätzen trennt ihn von Wildenbruch und seinen andern Epigonen. Selbst in seinen schwächsten Stücken, in der „Jungfrau von Orleans“, in „Maria Stuart“, trägt ihn sein Fittich noch hoch über die Niederungen, in denen die von ihm in den „Xenien“ verhöhnten literarischen Frösche quaken. Aller +Hurrapatriotismus+, alle Festbegeisterung wären ihm zuwider gewesen. Als Kotzebue ihn feiern wollte, sagte er wegen Übelkeit im Magen ab.
Diese innere Wahrhaftigkeit mit jenem prachtvollen Schwung vereinigt, mit dem er gleich dem Orchester, das er nach der Rütliszene vorschrieb, in seine Verse wie der Sänger in die Harfe fällt, machen ihn, den dithyrambischen Dichter, aus und ergreifen uns noch heute. Darum faßt auch den, dem die Kunst sonst nichts bedeutet oder der ihr den Rücken zugekehrt hat, beim Tönen seiner Verse eine ungeahnte Sehnsucht nach einem höheren Reich wie den Älpler in der Ebene beim Klange des Alphorns Heimweh nach den Alpen überkommt.
„Da beugt sich jede Erdengröße Dem Fremdling aus der andern Welt, Des Jubels nichtiges Getöse Verstummt und jede Larve fällt.“
So ist sein Name bedeutungsvoll für sein Dichten geworden, das noch jetzt wie immer im ersten Glanz, den er ihm verliehen hat, zu uns „schillert“.
Das Leben, das er uns hinterließ, hat etwas Fragmentarisches, mehr noch als ein jedes Menschenleben ein Fragment bedeutet. Es beginnt mit jener Rhapsodie seiner Flucht aus Schwaben und mit der leidenschaftlichen Neigung zur titanischen Charlotte von Kalb und endet mit dem Adagio seines stillen Lebens in Weimar zwischen der Liebe zu seinem sanften Lottchen und der Freundschaft zu Goethe. Sinnlos riß der Tod ihn fort von einem Werke, dessen Torso noch erschütternd groß wirkt. Napoleons Gipfel und Absturz, die gewaltigste Tragödie seiner Zeit, hat er nicht mehr erlebt. Der hätte ihn sicherlich gleich Goethe und Wieland zu sich nach Erfurt beschieden und ihn als Mitbürger einer +neuen Zeit+ begrüßt, die mit der Nacht begonnen hat, die bedeutungsvoller als die Nacht von Bethlehem war, mit der Nacht, da in Paris die Menschenrechte erklärt wurden, und Posas Ideal „Gedankenfreiheit“ endlich erfüllt werden sollte. Ja, Schiller war einer der Taufpaten dieser herrlichen heutigen Zeit, in der der einzelne frei in seinem Staate lebt, und auch in Deutschland und Preußen ein jeder verfassungsmäßig das Recht hat, in Wort und Schrift seine Meinung frei zu äußern, wenn auch leider nur wenige bisher von diesem Rechte Gebrauch zu machen pflegen.
Den Revolutionär Schiller, den Robespierre des Dramas, der die Tyrannen in seinen Stücken guillotinierte, soll man darum nicht vergessen, wenn man des Dichters der Glocke, des Hüters der heiligen Ordnung, der züchtigen Sitte, gedenkt. Diesen soll man wiederum nicht in den Himmel erheben, wie es in der Aula wohl geschieht, wo Sankt Schiller mit seinen Bürgersprüchen bis ins Maßlose gefeiert wird. Er war ein Mensch wie wir, dem Wetter, der Zeit und den Launen unterworfen und aus vielem zusammengesetzt. Denn +ein absolut edles+ Wesen ist ein Monstrum, das nur in der Weltflucht gedeiht, oder ein Mythus, der nie unter Menschen gewandelt ist. Aber Schillers Hand hielt doch die langen bangen Jahre einer schrecklichen Krankheit hindurch bis zu seinem Tode des Lichtes Himmelsfackel in der Hand, der Würde der Menschheit zu leuchten. Und sein Genius, der sich an der Morgenröte einer neuen Zeit entzündet hatte, stand wie eine Sonne bis zum Tode über seinem Volke, das er, ein einzelner, Jahrzehnte vor Bismarck schon geeinigt hatte. So starb er, so ging er durch die ~porta nigra~ des Todes, „unendlich Licht mit seinem Licht verbindend“. Auf seinem Grabstein steht nur +sein Name+, den er unsterblich in des Wortes menschlicher Bedeutung gemacht hat. Wollte man dem etwas hinzufügen, man könnte keine schöneren Worte finden als die, die Shakespeare dem gefallenen Freiheitskämpfer Brutus nachruft:
„Sanft war sein Leben, und so mischten sich Die Element’ in ihm, daß die Natur Aufstehn durfte und der Welt verkünden: Dies war ein Mann.“
Jean Paul
O du seliger, ewig jugendlicher Jean Paul, der du jetzt auf den Asphodeloswiesen im Elysio unter den Schatten einherwandelst und am Abend die grauen Flockenblumen abzupfst und in die Luft fortpustest, ihnen nachschauend wie Kinder den Seifenblasen im Sonnenschein, siehst du dich noch in jenem Zimmer der derben kreuzbraven Wirtin Rollwenzel vor dem Städtchen Bayreuth sitzen, an dem Federhalter kauen, hin und wieder einen Gedanken oder ein Bild aus deinen Nackenhaaren hinter deinem kahlen Scheitel herausziehen und das große weiße Papier, das vor dir liegt, langsam mit deinen schönen Buchstaben zumalen? Siehst du dich noch schmunzeln vor Behagen, wenn dir ein besonders eigenartiger Einfall übers Papier lief, und du ihm zwei Seiten lang nacheiltest und dabei vom Hundertsten ins Tausendste und Hunderttausendste kamst, oder wenn die Wirtin mit einem Krug voll Kulmbacher Bier zu dir trat und du dich zurückbeugtest und die dicke braune deutsche Ambrosia hinunterspültest und dabei drüberhin dankbar in den Himmel sahst wie ein trinkendes Huhn? Wenn du dann noch eine Prise Borkauer Schnupftabaks in die breiten Nasenlöcher geschoben hattest, wie konntest du dann auf dem Papier mit den Flügeln schlagen und über die Hecken und Zäune der Menschen fortfliegen und vor Vergnügen krähen! Über dreißig deutsche Kleinstaaten flogst du an einem solchen Vormittag, vor Bayreuth schreibend, hinüber und picktest alles, was dir lächerlich schien, von den Wegen auf und brachtest es zu Papier, allerlei schnurriges und monströses Zeug, das sonderbar aussah wie Spinnen oder Meertiere im Spiritus. Vor dir, wenn du vom Schreiben aufschautest, lagen die Höhen des Fichtelgebirges oder Frankenwaldes; und du ließt deine großen, sanften, blauen Augen an ihren stillen Linien so zufrieden vorbeirollen, wie der Herr von Goethe in Weimar hinter den Bergen die Rückenformen schöner Menschen in Stein oder Fleisch betrachtete. Nie fiel es dir ein, das Land Italia, von dem die von der Griechheit befallenen damaligen Deutschen wie junge Mädchen von ihren Erziehern schwärmten, zu betreten. Höchstens deine Helden führtest du an ihrem Schopf auf den Palatin oder den Posilipp oder ließest sie ihre Schwermut in dem Lago Maggiore widerspiegeln. Dir selbst wäre es nicht wohl gewesen in Ländern, wo man kein Bier trinkt, wo keine Wälder duften, keine Serenissimi reden und regieren, damit ihre Untertanen etwas zu lachen und zu erzählen haben, und wo keine deutsche Musik geblasen, gegeigt, gespielt, getrommelt oder gesungen wird. Du mußtest im Frühling Aurikeln und Veilchen, im Sommer Rosen und Gelbveiglein und im Herbst Astern und Stiefmütterchen um dich haben und mußtest im Winter dicke Eisblumen an den Fenstern sehen: sonst wärst du gestorben vor Heimweh. Wenn die anderen von Welschland sprachen, hieltest du dir die Ohren zu und pfiffst Beethoven vor dich hin; und nachts, wenn die Sterne am Himmel aufzogen, sagtest du: „Nun ist alles auf Erden gleich.“
Drum saßest du alle Morgen allein im offnen Zimmer neben der Gaststube der kreuzbraven Wirtin Rollwenzel vor dem Städtchen Bayreuth, die Perlmutterdose voll Tabak und den Steinkrug voll Bier neben dir und Oberfranken im Fenster eingerahmt vor dir, und schriebst ganz gemächlich deine zehn bis fünfzehn Seiten deutsche Prosa tagtäglich in deine Kladde. Und warst dabei nicht minder des Gottes voll als Dante, da er in der Pineta dichtend umherging, oder als der blinde Milton, als er seiner Tochter die Beschreibung des Satanas und der weinenden Eva in die Feder diktierte. Und warst dabei nicht weniger behutsam und dachtest ebensoviel über deine Kunst nach wie Lessing, Herder und Schiller, die sich beim Dichten oft den Puls zählten wie ein Kranker im Fieber. Du stütztest die Stirn in die Hand vor jedem neuen Kapitel (oder Summula oder Jobelperiode oder Station oder Hundsposttag oder Nummer oder Zettelkasten, oder wie du sonst noch deine Abschnitte nanntest) und sannst dann lang und breit über das Romantische, über den Humor, über den Stil, über die deutsche Sprache nach, bis du auf einmal den Faden deiner Erzählung ganz verloren hattest. Dann galt es, schnell übers Garn zu schlagen und mit ein paar Rückzügen, die nicht ungeschickter, wenn auch unberühmter waren als die Friedrichs des Großen nach der Schlacht bei Hochkirch oder die Napoleons von Leipzig nach Paris, zu deinem Thema zurückzugelangen. Freilich verlorst du oft eine Schar Leser bei solchen Exkursionen; Leute, die sagten: „Wir kommen auf der Straße nicht mehr mit. Der Kerl gerät uns zu sehr auf Abwege und Seitensprünge.“ Aber dir lag nichts an solchen Lesern, die gegängelt werden wollen und mit Extrapost und stets frisch gewechselten Pferden, wie ein persischer Satrap durch seinen Bezirk, durch die Ereignisse hindurchreiten wollen bis zur Verlobung oder zum Begräbnis. Sacht wie ein Landomnibus zwischen zwei Marktflecken fährst du deine Insassen weiter; was tut’s, wenn der Pegasus unterwegs stehen bleibt, wo immer ein Vergißmeinnicht sich zeigt, um es mitzunehmen? „Nur Geduld!“ rufst du vom Bock hinunter, „wir kommen schon an;“ und verkaufst für die Tränen einer Liane oder das Grinsen eines Ironikers über eine schöne oder kluge Stelle tausend Seelen an Kotzebue. Davon rührt es, daß heute mancher so schwer dich liest wie einen Palimpsest, auf dem drei Texte übereinander geschrieben sind, und du in Bibliotheken oft hoch oben stehst, wo selbst keine langen Spinnfängerbesen mehr hinaufreichen, und das Subjekt, das alle Jahre einmal zum Staubwischen dort hinaufklettern muß, kopfschüttelnd deine seltsamen Titel liest, wie etwa diese: „Die Kunst, einzuschlafen“, „~Dr.~ Fenks Leichenrede auf den Höchstseligen Magen des Fürsten von Scheerau“, „Über das Leben nach dem Tode oder der Geburtstag“, „Das Glück, auf dem linken Ohr taub zu sein“, „Verschiedene prophetische Gedanken, welche teils ich, teils hundert andere wahrscheinlich 1807 am einunddreißigsten Dezember haben werden“, „Ruhige Darlegung der Gründe, warum die jungen Leute jetzo mit Recht von dem Alter die Ehrfurcht erwarten, welche sonst selber dieses von ihnen fordert“, „Bitte, mich nicht durch Geschenke arm zu machen“, „Vollständige Mitteilung der schlechten, aberwitzigen unwahren und gottlosen überflüssigen Stellen, die ich in meinen noch ungedruckten Satiren aus Achtung für den Geschmack und das Publikum ausgestrichen habe“, „Einige gutgemeinte Erinnerungen gegen die noch immer fortdauernde Unart, nur dann zu Bette zu gehen, wenn es Nacht geworden.“
Wenn du täglich deine Hefte vollgeschrieben hattest, ewig wie das Fichtelgebirge lebender Jean Paul, schrittest du zufrieden wie ein Buchführer, dessen Saldos stimmen, nach Hause. Auf dem Marktplatz von Bayreuth verwickelte sich dein Fuß dann wohl in den geschnörkelten Schatten des vom Markgrafen Friedrich errichteten alten Barockschlosses, du stolpertest und ließest das Dreierlicht im Marienglas, das dir heimleuchtete, fallen und standest dann allein unter den Sternen in der Abendluft, die nach Wäldern roch. Dann fuhren wohl ein paar titanische Gedanken durch deine mächtige Stirn, daß sie mit dem Jupiter und dem Hesperus über dir um die Wette leuchtete und du sagen durftest: „Gefühlt habe ich es auch, Goethe!“
Aber dann kamen schon die Nachbarkinder und zupften und zogen dich hinein, mit ihnen um die Lampe „Schwarzer Peter“ zu spielen, und du folgtest ihnen willig, eingedenk deiner Worte: „Um wieviel leichter erkauft man den unmündigen Kindern arkadische Schäferwelten als den Erwachsenen nur +ein+ Schaf daraus!“ Und du hieltest ganz still und ließest dir ruhig mit dem Korkstopfen einen dicken schwarzen Bart über dein breites, feistes Gesicht malen, daß du aussahst wie die Maske der Komödie bei den Griechen, und die Nachtwächter vor dir erschraken. Und wenn du deine Nachtsuppe mit Pflaumen heruntergelöffelt hattest (denn das viele Beißen verlernten deine Zähne sehr früh), dann gingst du noch einmal zu einem Schlaftrunk schon im Schlafrock in die Kneipe nebenan und schmunzeltest bis zu den Ohren hinauf, wenn der Apotheker, der Pfarrer und der Bürgermeister, drei abgefeimte Hasenfüße, sich zusammentaten, über Napoleon zu schimpfen, den sie durch ein Nadelöhr gejagt haben würden. Nachts aber, in deiner hölzernen Bettstelle, in der gewürfelten Flanelljacke, die dir den rundlichen Leib warmhielt, träumtest du von einer Reihe sonderbarer Geschöpfe, die dich umflogen: E. T. A. Hoffmann war darunter mit seinem Eulengesicht und Ludwig Börne mit seinen traurigen Augen, der Professor Fechner mit seiner Brille, Robert Schumann mit seinem edelsten Lächeln, Carlyle aus Schottland, Friedrich Vischer aus Schwaben, Wilhelm Raabe, die Feder in der Hand, und Gottfried Keller mit seinem Züricher Dialekt und viele, viele andere. Alle aber nannten dich „Vater“, als hätten sie dich über den Verlust deines einzigen Sohnes forttrösten wollen. Und einer unter ihnen (es war Ludwig Börne, wie sich zwanzig Jahre später herausstellte) trat hervor und redete dich an: „Eine Zeit wird kommen, da wirst du allen geboren. Du stehst geduldig an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartest lächelnd, bis dein schleichend Volk dir nachkomme.“
Heinrich von Kleist
An einem Spätabend Ende November 1811 kam die Nachricht vom Tode des vierunddreißigjährigen Heinrich von Kleist nach Weimar. Der alte Wieland, bei dem der junge Dichter vor wenigen Jahren mehrere Wochen zu Besuch geweilt hatte, erfuhr es zuerst. Er saß in seinem gepolsterten Lehnstuhl nach dem Nachmittagskaffee, hatte sich eine lange Pfeife angezündet und wollte gerade in geistiger Gemächlichkeit in den Leipziger Blättern, die am Tisch vor ihm lagen, einen Rebus raten, wie er dies gerne tat, als er unvermutet auf diese Anzeige als ein noch größeres Rätsel stieß. Die Anzeige lautete aber:
„Am Nachmittag des 21. November zwischen 4 und 5 Uhr erschoß sich in der Nähe des am Wannsee bei Berlin gelegenen Wirtshauses ‚Zum Stimming‘ der junge Schriftsteller Heinrich v. Kleist. Er war am Vorabend mit einer gewissen Frau Henriette Vogel aus Berlin, die verheiratet gewesen sein soll und Kinder hat, dort abgestiegen. Die Frau, die an einem unheilbaren Herzleiden litt, soll von ihm ihren eigenen Tod als einen Freundschaftsdienst gefordert haben, und er hat, um seinen Mut und seinen Zynismus zu beweisen, ihr willfahren. Er hat erst seine sogenannte Freundin getötet und hierauf seinem eigenen Leben durch einen Schuß in den Mund ein Ende gemacht. Fuhrleute, die mit Weißbier nach Potsdam zufuhren, fanden die beiden Leichen nebeneinander liegen in einer Sandgrube am See. Kleist galt in literarischen Kreisen als talentvoll, aber, wie dies eben seine Tat beweist, auch als völlig undiszipliniert und haltlos. So erzählen die Wirtsleute, daß er am Abend vor der Tat mit jener überspannten Frau reichlich Rum getrunken habe und daß beide mit einer unaussprechlichen Heiterkeit und Frivolität am Mittag zum Tode wie zu einer Ruderpartie aufgebrochen seien. Man hat die Leichen der augenscheinlich geistig gestörten Unglücklichen an dem Fundort auf der Uferhöhe des Sees bestattet. Gott bewahre unsere Jugend in diesen aufgeregten Zeitläuften vor einer solchen Lebensauffassung, die sich den schweren Aufgaben unserer Tage feige entzieht!“
Der alte Wieland zitterte an allen Gliedern, als er dies langsam in sich hineinbuchstabiert hatte. Und da sein Sohn, Kleists Jugendfreund, nicht da war und auch sonst keiner, bei dem er sein altes Herz über diese unbegreifliche Kunde ausschütten konnte, beschloß er, um nur mit jemandem darüber reden zu können, auszugehen und irgendwen zu besuchen. Als er sich seinen braunen Otterpelz anzog, fiel ihm ein, daß er es zu Goethe am nächsten hatte, und so trippelte er denn, eine Stocklaterne in der Hand, durch die Gassen Weimars im Abendnebel nach dem Frauenplan. Erst als er vor dem Hause stand, aus dem heller Kerzenglanz wie aus einem Schloß herauskam, fiel dem Alten ein, daß Goethe, wie man sich sagte, dem lebenden Kleist gar nicht so sehr gewogen gewesen sei. Aber da er nun schon dort war, mochte er nicht mehr umkehren, pochte mit dem Türklopfer an und trat in den feierlichen Hausflur mit der majestätisch breiten Treppe ein.
Goethe saß oben in dem erleuchteten, warmen Empfangszimmer schon im Staatsrock, den Stern auf der Brust, bereit, ein paar Gäste zum Abendtisch zu bewillkommnen. Eine Flasche Rotwein, die ihm noch seine reiche Mutter geschickt hatte, stand neben ihm auf dem Tisch, auf dem ein paar Kupferstiche Albrecht Dürers lagen, die der Geheimrat sich langsam und ganz genau mit der Lupe besah. Als ihm der alte Wieland gemeldet wurde, ging ihm Goethe steifen Schrittes mit beiden ausgestreckten Händen entgegen.
„Es ist prächtig, daß Sie kommen! Sie treffen es gut. Ich erwarte ein paar Abendgäste. Kanzler Müller wird kommen und Madame Schopenhauer will mit ihrem Sohne erscheinen. Zudem versprach mir eine polnische Pianistin, die auf der Durchreise nach Paris ist, uns ein paar slawische Volkslieder vorzutragen. Aber was ist Ihnen?“
Wieland erzählte mit ein paar fliegenden Sätzen die entsetzliche Nachricht vom Tode Kleists, ohne dabei zu gewahren, wie die Augen Goethes ganz groß wurden und seine Stirne leise eine Falte mehr bekam.
„Das ist in der Tat erschütternd“, erwiderte der Dichter des Werther und hielt sich zitternd am Stuhle fest. „Ich kann nie von dem Selbstmord eines jungen Menschen hören, ohne dabei bis in das Innerste meines Wesens zu erbeben. Denn es hat auch in meinem Leben Zeiten gegeben, wo ich ganze Nächte lang mit der Pistole in der Hand durch das Dunkel gelaufen bin, und wo es nur eines letzten Anstoßes zur Tat bedurfte. Der braucht dann freilich nur ganz klein zu sein, wie etwa im Falle Kleistens die Trostlosigkeit eines Tages im November, diesem ‚Hängemonat‘, wie ihn die Engländer nennen.“
„Aber diese Seelenruhe, dieser frivole Frohsinn, diese εἰρήνη, mit der der Jüngling Kleist wie weiland Sokrates in den Tod gegangen ist, dünket mich unerklärlich“, warf Wieland ein.