Schattenbilder

Part 4

Chapter 43,572 wordsPublic domain

Jeder Deutsche von Bildung, der einen Sohn hat, sollte vom Augenblick seiner Geburt an jeden Tag einen Groschen für ihn zurücklegen, auf daß er ihn, wenn er zwanzig Jahre alt geworden, eine Reise durch Italien machen lassen könnte. Denn Italien ist noch heute das komplementäre Land für einen jeden von uns, und was uns unsere Schulen und Universitäten schuldig bleiben, das wird uns Florenz und Rom in müheloser Schönheit lehren. Goethe, dessen halbes Wesen italienisch ist, war 37 Jahre alt, als er zum erstenmal über den Brenner fuhr. Es war ihm zumute, als sei er in Italien geboren und erzogen worden und käme nur von einer Grönlandfahrt zurück. Die zwei Jahre, die er in Italien und in Rom zubrachte, hat er die glücklichsten Jahre seines Lebens genannt, und die vierzig grauen deutschen Jahre, die dieser Reise folgten, hätte er nicht so ertragen, wenn er nicht diese Bilder in der Erinnerung gehabt hätte. Ein junger Maler vom Rhein, der damals Studien halber in Rom lebte, hat Goethe dort kennengelernt und hat ihn in einem bisher unbekannt gebliebenen Briefe an seine Eltern folgendermaßen beschrieben:

„Ihr könnt Euch nicht denken, wie enttäuscht ich zu Anfang war, als mir der berühmte Verfasser des ‚Werther‘ präsentiert wurde. Es war in Trastevere, auf dem rechten Tiberufer, nahe bei der herrlichen Kirche Santa Maria. Man hatte dort beim Arbeiten an dem Brunnen auf dem Platz vor der Kirche eine antike Statue gefunden, und eine kleine Künstlergesellschaft hatte sich von der Stadt aus frühmorgens aufgemacht, um den Fund an Ort und Stelle zu betrachten, ehe er versteigert wurde. Tischbein hatte Goethe mitgebracht, und so konnte ich, der ich mit Angelika Kauffmann hinausgepilgert war, den berühmten Mann nach Herzenslust betrachten. Außer seinen ungewöhnlich großen Augen fiel mir erst nichts Sonderliches an ihm auf, es sei denn, daß er äußerst schweigsam war und sich das Werk nur stumm betrachtete, während alle anderen, voran zwei junge Bildhauer aus Berlin, laut schreiend Vermutungen über Gegenstand und Alter der Bildsäule anstellten. Es schien ihn zu genieren, daß wir jüngern ihm gelegentlich neugierig auf den Mund starrten, wie die Priester zu Delphi auf die Pythia, voll Erwartung, welche Worte der Weisheit herauskommen würden. Er tat uns aber den Gefallen nicht, sondern hörte nur ganz gespannt auf das, was die anderen, insonderheit Tischbein, von sich gaben. Wie mir denn überhaupt dieses an Goethe auffiel, daß er gleichsam vier Augen und vier Ohren am Kopfe hat, mit denen er alles, was um ihn ist und vorgeht, in sich hineinfrißt.

Erst als wir ihn und seine ganze Berühmtheit beinahe vergessen hatten, wurde er mitteilsamer. Es war beim Imbiß, den wir in der bescheidenen Trattoria neben der Kirche unter freiem blauem Himmel einnahmen. Ich kam zufällig neben ihn zu sitzen, und da ich unversehens mit dem Wein einen roten Flecken auf das weiße Tischtuch machte, zog er mich väterlich bei dem Ohre, und zwar so schelmisch, daß ich ihm nicht böse sein konnte. Es schien mir, als ob ein großes Kind in diesem Manne stecke, das nur, um nicht mehr aufzufallen und ausgelacht zu werden, sich ein steifes, würdiges Wesen zurechtgelegt hatte.

Nachher geriet, ich weiß nicht wie, die Unterhaltung auf den erhabenen Michelangelo, und da wurde auf einmal mein Nachbar so lebendig, wie unsereins nicht nach zwei Flaschen Frascati. Er meinte, angesichts eines solchen Künstlers müsse man eigentlich Pinsel und Feder vergraben. Man könne nichts Besseres schaffen als dieser, und man müsse ihn ganz vergessen wie das Gefühl der Vergänglichkeit, ehe man zu arbeiten begönne.

‚Aber deine ‚Iphigenie‘, mein Freund!‘ rief ihm Tischbein lächelnd über die Tafel herüber.

Da sprang Goethe auf, schnitt ihm eine Grimasse und lief recht wie ein ungezogener Junge von dannen. Wir suchten ihn allesamt und fanden ihn endlich hinter dem Hause, wie er mit einem kleinen, gelben, wohl vierzehnjährigen Mädchen, das er ‚Mignon‘ nannte, das Händespiel Mora spielte, wobei er lachend einen Soldo nach dem anderen verlor. Ich habe niemals einen erwachsenen Menschen so kindlich und natürlich spielen sehen. Wie er denn überhaupt eine große Liebe zu Kindern und zu dem naiven Volke an den Tag legte!

Auf der Heimfahrt, da wir mit der Kauffmann selbdritt in einem Wagen saßen, unterhielt er sich in einemfort mit dem Vetturino über die Mücken und die Pferde und die Straßen von Rom, bis die Kauffmann, die sich vernachlässigt fühlte, ihn ganz verstimmt am Rockärmel zupfte.

‚Verzeih’, liebste Angelika,‘ sagte er, ‚aber dieser Mann ist so klug wie die sieben Weisen zusammen. Du glaubst nicht, was selbst ein Kutscher alles über Rom zu sagen hat.‘

Als wir den Tiber hinunterkamen, und die eirunde unvergeßliche Kuppel von Sankt Peter über der Stadt an dem roten Abendhimmel stand, meinte Goethe, daß er immer eine Art Furcht vor Michelangelo habe, der wie ein Zauberer noch heute über Rom herrsche, und daß er darum von ihm nur mit Bewunderung und Beben, wie die Juden von ihrem Gott, sprechen könnte. Wenn er wie Odysseus die Toten auf eine kurze Zeit wieder zum Leben erwecken könnte, würde er zunächst vor allen anderen dies mit Michelangelo tun, um ihm einmal zu sagen, welch ein großer Mensch er gewesen sei, und wie er ihn bewundere.

Hinterdrein vor dem Abschiednehmen gingen wir in der warmen Nacht noch in eine Osteria und tranken schäumenden Wein, Goethe mehr als wir alle. Ihr könnt Euch nicht denken, wie artig er um die Kauffmann bemüht war, die ganz verliebt in ihn schien, und wie er sein Frankfurter Deutsch setzte, daß es so flink wie Französisch und so anmutig wie Toskanisch klang. Und mit uns Künstlern trieb er Schabernack, daß ich mich verwunderte, wie ein solch heiterer Mensch über zehn Jahre in Weimar, wie man sagt, damit zubringen konnte, Akten und Rechnungen zu revidieren, Rekruten auszumustern, Bergwerke zu befahren, Felder zu visitieren und Verordnungen über das Ochsentreiben oder den Kümmelausschank zu diktieren. Freilich fiel mir auf, daß er immer, wenn auf Deutschland die Rede kam, ein ganz ernstes Gesicht machte, wie etwa ein Arzt, wenn man von Krankheiten spricht, und er einmal erklärte, erst wenn um Berlin Wein wüchse und es über Preußen Gold geregnet hätte, könnte man das Leben dort gut aushalten.

Bei all der Ausgelassenheit, wie er sie da in der Schenke zu Nacht brachte, hatte Goethe doch etwas Stilles an sich, dergestalt, daß nur der, der ihn hören wollte, ihn hören konnte, ganz anders wie die meisten deutschen Reisenden, die man in Italien schon um drei Straßenecken herum schreien hört und die die Kunstschätze vernehmlich wie die Wiederkäuer abgrasen.

Wir trennten uns alle nach Mitternacht, als die Glocken von den Kirchen auf Kommando der Zeit ‚Drei‘ schlugen und außer ein paar verliebten Katzen nichts mehr auf den Straßen lebendig war, wobei Goethe lächelnd sagte: ‚Nun gehe ich zu meiner Juno.‘ Hiermit meinte er die Büste des großen Kopfes aus der Villa Ludovisi, die bei Tag und Nacht neben seinem Lager stehen, und in die er, wie einst Pygmalion in Galathea, verliebt sein soll.

So seltsam es klingt, erst als er weggegangen war, wurde mir klar, welch ein seltener Mensch mit ihm unter uns Deutschen wandelt, wie man denn das Licht eines Leuchtturmes erst weit draußen auf dem Meere recht zu würdigen weiß und den Geist eines Großen erst, wenn er uns in unser Leben hineinleuchtet und ihm seine Farbe verleiht. --“

Dies ist ein kleines Abbild von dem römischen Goethe, eh’ er nach Deutschland in den Wald von Kaminen zurückkehrte und in Weimar heimisch wurde und ein Weib nahm und Kinder bekam, die ihm alle dahinstarben bis auf den einzigen Sohn, der gedrückt und verunglückt war und nicht alt werden konnte und in Rom begraben liegt an der Stätte, wo der Vater in schönster Blüte gestanden hat. Wenige Jahre später aber wandelte der Enkel Goethes einsam wie ein Sonderling auf dem Palatin und schrieb die in ihrer Unbeholfenheit wehmütigen Verse in sein Tagebuch:

„Am Kapitol steh’ ich, am Kapitol Und weiß nicht, was ich soll!“

Solche Sperlinge waren aus den Kindern dieses größten Deutschen geworden, dessen ganzes Manneskunstwerk auf der Kenntnis und der Liebe zu Italien steht, und der darin unsern Schwalben und Singvögeln gleicht, die bei uns brüten und Lieder singen aus Sehnsucht nach dem Süden.

Nachfolge Goethes

Eine Laienpredigt.

Goethe der Große steht auf der Wende vom achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert, zwischen dem Rokoko und der Moderne, am Ende einer Gesellschaft, bei der +die Geburt+ alles galt, und zu Anfang einer neuen, bei der einzig +das Geld+ den Ausschlag gibt. Denn, werden wir uns darüber klar, in unserer heutigen Gesellschaft hängt die Stellung des einzelnen und die Achtung, die er genießt, vor allem von der Summe des +Geldes+ ab, die er besitzt. Adel und Orden sind auch heute noch schön, aber sie haben nicht mehr die Kreditfähigkeit wie früher, da man auf sein Adelsprädikat hin, so viel man zum Leben brauchte, geborgt bekam. Heute leiht auch der dümmste Krämer keinem etwas bloß auf diese Garantien, und das Wörtchen „von“ hat keinen Kurswert, ja kaum einen Achtungswert mehr in der Bürgerwelt. Man erinnere sich nur des Stolzes, mit dem der alte Krupp diese Ehre, die keine mehr ist, die er nicht mehr so empfand, abgelehnt hat, was hundert Jahre früher undenkbar gewesen wäre. Titel und Uniformen sind immer noch in Deutschland etwas gern Gehörtes und Gesehenes und flößen manchem Mann und mancher Frau eine gewisse Ehrfurcht ein. Aber im kleinsten Krähwinkel gilt heute der Reichtum ebensoviel und der Millionär nicht weniger als der Landrat und der Major. Vollends im Ausland, und wir müssen heutzutage, ob wir wollen oder nicht, kosmopolitisch denken, fallen alle Titel wie Lumpen von uns ab, und der Geheimrat, der sich seine Briefe nach Capri oder Spanien unter seinem Titel senden läßt, wird wie jeder andere dort nicht nach ihm, sondern nur nach der Höhe seiner Trinkgelder behandelt, und das höchste, was er mit seinem Titel erreichen kann, ist, daß man ihm die Hotelrechnung verteuert.

Unsere heutige verbürgerte und amerikanisierte Gesellschaft reguliert sich in Deutschland, wie in allen Staaten, das kann man selbst in Hinterpommern und auf der Schneeeifel nicht mehr leugnen, vorwiegend nach dem Geld und dem Geldwert des einzelnen und ist mehr als je zuvor auf dem Weg zu einer reinen Plutokratie, die in Amerika ja tatsächlich schon eingetreten ist. Richtete sich einstmals der Ehrgeiz in Deutschland vor allem auf einen möglichst langen Titel oder eine möglichst schöne Uniform, so geht er heute im allgemeinen darauf aus, ein Automobil zu besitzen, beim besten Schneider arbeiten zu lassen, in den feinsten Hotels zu sitzen, weite Reisen zu machen, ein vornehmes Haus oder besser noch, zwei vornehme Häuser zu führen usw. Seien wir ehrlich, die wenigen Menschen, die dieses alles und mehr zur Verfügung haben, die regieren jetzt in Deutschland, die genießen das schönste Leben und die höchste Achtung, für die ist unser Militär, unsere Polizei, unsere Justiz und sind unsere Gefängnisse da.

Die Leute, die dieses mehr oder minder klar bei uns eingesehen haben, pflegen sich je nach ihrem Temperament zu +bescheiden+ oder zu +opponieren+. An die ersten wendet sich bei uns die Kirche, an die letzten, die Revoluzer, die Sozialdemokratie. Und merkwürdigerweise haben beide im Grunde den gleichen Trost für ihre Patienten, nämlich den auf ein besseres Leben im Jenseits oder im Diesseits, im Himmel oder im Zukunftstaat. Von diesen beiden Hoffnungen leben heute Millionen Menschen in Deutschland, trotzdem keiner ganz genau weiß, ob und wie sie sich wirklich jemals erfüllen werden.

Um dieser Hoffnung willen ertragen sie „des Mächt’gen Druck, des Stolzen Mißhandlungen“, und vermögen sich in all ihren Leiden und Entbehrungen zu freuen, weil sie selig in ihrem Glauben sind, in dem sie von den Herrschenden nach Kräften noch unterstützt werden, einmal indem man die Religion von obenher fördert und zum andern, indem man die Unzufriedenen auf dem Wege zu ihrem Zukunftstaat durch allerhand Mittelchen und Klebpflästerchen zu vertrösten sucht.

Zwischen diesen beiden auch der Anzahl nach stärksten Parteien in Deutschland wachsen nun eine Anzahl Männer und Frauen wie Blumen im Korn herauf, die auf eine bessere Zukunft zugunsten einer +guten Gegenwart Verzicht+ leisten, die sich sagen: „Wir wollen etwas von unserm Dasein haben, indem wir mit den Menschen und mit dem Leben fertig werden wollen, wie sie uns jetzt umgeben, wie es uns heute und nur heute einmal verliehen ist.“ Diese merkwürdigen unzusammenhängenden Menschen haben sich nach einer stummen aber deutlichen Übereinkunft als Schutzpatron nicht etwa Nietzsche, der sonst für alles Moderne als der Taufpate gilt, sondern Goethe ausersehen. Und zwar nicht einmal so sehr Goethe den Dichter als wie Goethe den Menschen, den Freien, den Parteilosen, den Einzelnen, die Persönlichkeit. Das Ideal „Goethe“ ist errichtet worden. Um diesen Freiheitsbaum tanzen heute die Freien im Geiste in Deutschland wie einst die Jakobiner beim Ausbruch der Revolution in Frankreich um die junge Pappel. Auf das große Bild seines Lebens weisen sie hin mit Stolz und erhobenem Finger wie auf eine Riesengottheit und sagen und singen: „So leben wir, so leben wir alle Tage.“

Er ist +kein Christ+ gewesen dieser Goethe, jedenfalls nicht im kirchlichen Sinne, mag man immerhin ein paar Ausdrücke, die darauf schließen lassen könnten, aus seinen zahlreichen Werken herausfischen und zusammenreihen. Im Grunde war er schon als echter Sohn des achtzehnten, des heidnischsten Jahrhunderts so wenig ein Christ wie Friedrich der Große. Daß ihm die Person Christi selber als einer der verehrungswürdigsten Typen der Menschheit erschien, ist bei einem edel denkenden Menschen selbstverständlich. Aber die Institution der christlichen Kirche und ihre Moral hat er rein tatsächlich nicht gebilligt: Er hat jahrzehntelang mit einer Frau ohne kirchlichen Segen zusammengewohnt, er hat seine Kinder nicht oder erst spät taufen lassen, ist ohne Priester und Bibel gestorben und hat sich, anders wie Ibsen, so unkirchlich wie möglich beerdigen lassen. Man mag darüber denken wie man will, man soll es nur nicht verschweigen oder beschönigen. Seine Lebensführung war somit von Anfang bis zu Ende eine dem kirchlich-christlichen Geist entgegengesetzte, sein Sittengesetz ein freies und jenem begrenzenden Geist geradezu feindliches, indem er die möglichste Entfaltung der Persönlichkeit statt ihre Beschränkung zur Norm für jeden erhob. Er machte den Egoismus, der sich bis dahin wie eine Spinne in allen Ecken herumgedrückt hatte, zum Herrn im Hause und nahm ihm die falsche Scham, die er hatte erheucheln müssen. Er lehrte sich und andern den Himmel auf Erden und nicht über den Wolken oder in der Zukunft zu suchen und zu finden:

„Lerne nur das Glück ergreifen, denn das Glück ist immer da.“

Er ging in keine Kirche hinein, und wenn der Sonntag oder ein Feiertag kam, so ließ er sich von seinem Diener Kupferstiche bringen und besah sich die Bilder von Raphael oder ließ sich vormusizieren oder schrieb ein Gedicht an eine Wand im Freien und lief durch den Wald und war mit alledem Christo ebenso nahe wie der Kirche ferne. Und dabei hat man niemals eine Gotteslästerung wie noch bei Voltaire und Diderot oder die Verhöhnung eines Ritus bei ihm erlebt. Nein, er hat beispielsweise den Katholizismus, soweit er +deutsche+ Religion ist, verstanden und tief mitempfunden, ohne dabei freilich in die frömmelnde Richtung eines Friedrich Schlegel oder Zacharias Werner zu geraten, welch letzterem er ob seines Übertritts zur römischen Kirche geradezu sein Haus verboten hat. Er hat das überirdische Bild Christi, wie es uns in den schlichten Farben der Evangelien überliefert ist, stets verehrt und niemals, wie etwa später Heine, geschmäht und besudelt. Aber er war darum doch kein Christ, wie ihn die Kirche, katholische oder protestantische, bei uns verlangt, und hat dies bei jeder Gelegenheit so laut, wie es ihm möglich war, betont. Das soll man nie vergessen, wenn man ihn, den „dezidierten Nichtchristen“, wie dies heute sogar von orthodoxer Seite gern geschieht, zum ~advocatus dei~ machen will.

Ebensowenig war er aber auch ein Gesellschaftsmensch, ein Mann der Menge, ein +Kompromißler+, als welcher er jetzt in der Vorstellung vieler Menschen gravitätisch herumspaziert als hehres Beispiel, wie man sich in die Welt eingliedern soll. Freilich hat er das ~examen rigorosissimum~ des Lebens glänzend bestanden, ist als ein alter reicher Mann in allen Ehren gestorben, nachdem er seine Schriften, sein Leben und seinen Ruhm wohl geordnet hatte. Seine Mitmenschen achteten ihn, weil sein Herzog ihn geliebt und geehrt hatte, und wenn man auch bei seinen Lebzeiten seine Stücke nicht anhören mochte, so nahm man ihn doch als Staatsminister und damit höheres Wesen ehrfurchtsvoll und kostenlos hin. Aber sein Leben darum als Musterbeispiel eines guten Bürgers, eines wackeren Staatsangehörigen hinzustellen, das geht wirklich +nicht+ an. Denjenigen, die ihn wegen seiner Kompromisse bei festlichen Gelegenheiten gerne als ~+archicivis+~ feiern und zitieren, muß man zurufen: „Laßt unsern Goethe aus dem Spiel!“ Denn einmal ganz abgesehen von der Moral seiner Schriften wie seines Lebens, welche die breite herrschende oder doch erheuchelte Gesellschaftsmoral fortwährend heute noch vor den Kopf stößt und erst recht gestoßen hat, kann man nicht behaupten, daß Goethe sich sehr in seine Zeit und seine Mitwelt gefügt hat. Erinnert sei nur, um nicht in Kleinigkeiten zu geraten, daran, wie er die „gute Gesellschaft“ in Weimar brüskierte, wie er sich Anno 1813 verhielt, als er seinen Sohn verhinderte, bei Lützows Jägern einzutreten, weil ihm sein einziges Kind noch lieber war als Deutschlands Freiheit, und wie er nicht mit in die Begeisterung gegen Napoleon einstimmte, weil er seine Größe fühlte und nicht behaglich im Zimmer sitzen und Kriegslieder schreiben konnte. Oder man denke daran, wie er sich in jenen häßlichen literarischen Froschmäusekrieg, den „Xenienstreit“, hineinbringen ließ, so daß einer seiner Feinde mit Recht sagen konnte:

„Lümmelhaft nahm er sich immer, der Goethe, und wird auch so bleiben, fünfzigjährig und noch wirft er die Leute mit Kot.“

Nein, ein bequemer Bürger, ein treuer Diener seiner Zeit und ein gutes Mitglied der Gesellschaft ist dieser Mann nicht gewesen, dessen +größtes+ Glück war, einen Karl August zu finden, der ihn vor dem Verhungern und vor der Verbannung gerettet hat.

Was war nun aber das große +Geheimnis Goethes+, das trotzdem bewirkt hat, daß man sein Leben und gerade dieses heute noch als ein Vorbild für jeden Menschen hinstellen kann und die +Nachfolge Goethes+ fast als +modernes+ Evangelium predigt? Es war einfach dies, sein Leben seiner Veranlagung und seinen eigenen Gesetzen nach +aufrichtig+ zu führen, unbekümmert um die Vorschriften der Außenwelt, die nicht mit seinen sittlichen Anschauungen zusammenfielen, und ohne bei jeder Tat, jedem Wort zu fragen, was nützt mir das oder was schadet mir das? Das ist seine Lebensführung gewesen, die ihm ein jeder von uns an der Stelle, wo er steht, und mit den Gaben, die ihm verliehen sind, nachmachen kann. Daß man ein guter Kaufmann, Vater, Gatte, Gelehrter und Beamter +trotz+ einer Persönlichkeit sein kann, hat er am Anfang unserer Zeit für diese bewiesen. Ein Japaner, der nach längerem Aufenthalt im jetzigen Europa gefragt wurde, was er für die vorwiegendste Eigenschaft in unserer heutigen europäischen Gesellschaft halte, entgegnete mit vollem Recht: „+Die Feigheit+“. Es ist erklärlich, daß eine Gesellschaft wie die unsrige, die vor allem auf Geld und seiner Wertschätzung steht, so furchtsam ist. Denn diese Grundlage ist nicht so sicher, wie der Grundbesitz und die Fideikommisse der adligen Gesellschaft: Geld rollt, Banken können verkrachen, Fabriken können verbrennen und verfallen, und der Mieter wohnt nie fest. Aber die Angstmeierei unserer Gesellschaft, das Zittern vor dem, was die Leute denken, und das ewige Rücksichtnehmen, bis man sich Hals und Grat verdreht hat, ist der Schrecken vor einem Phantom, das nicht da ist, einem Schatten, der nicht fällt. Mit den ewigen Scherwenzeleien und Schiebungen kommen doch -- so stark sind die +demokratischen+ Wurzeln unserer Gesellschaft -- immer nur wenige weiter und vermögen sich nur unter ständiger Gefahr für ihre Stellung zu halten. Wenn man den einzelnen aus der Gesellschaft herausholen und ihn ausfragen würde: „Wovor zitterst du eigentlich beständig?“ so könnte man ihm leicht Grund nach Grund für seine Furchtsamkeit wie Zwiebelschalen fortnehmen. Denn weil einer nie seine Meinung sagt oder alle Festessen mitißt oder sich stets und überall beliebt machen will, darum kauft keiner ihm einen Knopf mehr ab, wenn die Knöpfe nichts taugen, oder behandelt ihn schlecht, wenn er Vorteile von ihm haben kann, oder läßt ihn avancieren, wenn er ein Rindvieh ist. Die wenigen Ausnahmen davon sind zu erbärmlich, daß man sie weiter erwähnen müßte. Die aber, die erkannt haben, wie Glück und Achtung nicht erschlichen werden können und wie die Gesellschaft im Grunde und mit Recht den einzelnen nur nach dem Nutzen wertet, den sie von ihm hat, und wie „das höchste Glück der Erdenkinder nur die Persönlichkeit“ ist, die man einzusetzen hat, alle die werden sich mit Stolz und Recht heute +Goethes+ Jünger nennen.

Schiller

Noch heute ist Schiller der volkstümlichste, der beliebteste Dichter in Deutschland, ist in unseren Tagen noch so volkstümlich wie ein Kinematographentheater und wie Zeppelin und Hindenburg. Und er hat dies verhältnismäßig ohne große Konzessionen erreicht.

Wohl hat er manchmal klein beigegeben, hat dem Theater gegeben, was es damals wie heute forderte: Schaustellungen, herrliche Aktschlüsse mit bengalischer Beleuchtung, Katafalk, Fahnen und Orchester, große spannende Auftritte und leider auch, wenn nicht immer Belohnung der Tugendhaften -- dafür schrieb er Tragödien! -- so doch meistens Bestrafung der schlechten Menschen auf der Bühne, des bösen Geßler, der heuchlerischen Königin Elisabeth. Schon als Jüngling von 23 Jahren mit den „Räubern“ auf das Theater gebracht, lernte er diesem gefährlichen Untier zu schmeicheln und sich den Beifall des Publikums sichern. Es ist erstaunlich, mit welcher Kälte er schon damals, als feuertrunkener Schwärmer, über seine Helden und Heldinnen nicht anders, als seien es Kaninchen, verfügte. „Daß Euro Excellenz“, schrieb er an den Mannheimer Intendanten Heribert von Dalberg, „die Amalia lieber erschießen als erstechen lassen wollen, gefällt mir ungemein, und ich willige +mit Vergnügen+ in diese Veränderung. Der Effekt muß erstaunlich seyn, und kömmt mir auch räubermäßiger vor.“