Part 3
Am andern Morgen in der Frühe besichtigten unsere Spieler zunächst das Zelt und die Bühne, auf der sie vor dem Magistrat und Volk zu Glogau ein Zeugnis ihrer Kunst ablegen sollten. Sie machten flugs einen alten Leiterwagen zur Garderobe zurecht, schnitten denen unter ihnen, die Frauen darstellen mußten, die Bärte, die während der Schiffahrt lang gewachsen waren, aus dem Gesicht und borgten sich aus der Festung eine dicke Trommel, um hinter der Szene donnern zu können.
Dann machte sich der +Prinzipal+ der Truppe in seinem besten französischen Rocke auf, um zunächst den Magistrat und hernach den hochachtbaren Syndikus Andreas Gryphius selber aufzusuchen. Sein Weg führte ihn mitten durch die Stadt, wo es gar elend und erbärmlich aussah. Die Kriegsfurie, die dreißig Jahre lang in Deutschland geschaltet hatte, war auch mit Glogau nicht anders denn wie ein roher Viehtreiber umgegangen. Die meisten Häuser standen noch heute, neunzehn Jahre nach dem Friedensschluß, leer, und man hörte am hellen Mittag die Ratten drin rumoren. Schutt lag auf den Straßen, die Kirchen waren kahl und ausgeraubt, und der Pfarrer hätte alle Sonntage über den Text: „Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe!“ predigen können. Die paar Menschen aber gingen zwischen den verfallenen Häusern stumm und ernst herum wie Statisten, die Trauer, Armut und Verzweiflung darstellen sollen.
Mitten in dieser Illustration zu einer Prophezeiung des Jeremias sah das alte schiefe Patrizierhaus des Syndikus Gryphius fast fürstlich aus. Unser Komödiantenmeister klopfte denn auch unter einem feierlichen Gefühl mit dem Türringe an und ließ sich stumm wie eine Seele über den Acheron durch den finstern Flur zum Studierzimmer des gelehrten Poeten geleiten. „Introite!“ rief eine feine Stimme. Aber es dauerte lange Zeit, ehe der Komödiant den Kopf, der zu dieser Stimme gehörte, erblicken konnte. Hinter einem hohen Haufen von Folianten und Pergamenten und Quadranten unter einer schweren, riesigen weißlockigen Perücke saß der hochgelehrte Andreas Gryphius, eine Hornbrille auf der Nase und eine Gänsefeder in der Hand, und sann über einen Reim auf „Menschen“ nach. Sein Gesicht war ganz gelb, denn die Leber drückte ihn heute noch mehr als sonst. Seine schneeweißen Hände zitterten vor Frost trotz der Pelzstauchen, die er über den Pulsen trug. Aber seine Augen blickten den Hereinkommenden fest und tief an, wie die Augen eines Mannes, der viele Länder und viele Leiden gesehen hat, und der weiß, daß er nicht mehr lange Zeit zu leben hat.
Es war dem Syndikus gar nicht recht, daß der Magistrat gerade dies +lustige+ Stück von ihm zur Repräsentation gewählt hatte. Viel lieber wäre es ihm gewesen, man hätte eines seiner Trauerspiele inszeniert, in denen die Menschen in Alexandrinern sprachen und es zum Schluß auf ein paar Leichen mehr oder weniger nicht ankam, wenn nur die Moral siegreich blieb, Trauerspiele, in denen das Blut dick über die Bühne floß, in denen die Helden noch im Sterben reimen konnten, und in denen „die Parzen“ -- so nannte er die Chöre -- in edler und erhabener Sprache Verse über die Vergänglichkeit wie diesen deklamierten:
„Sterbliche: was ist diß Leben, Als ein ganz vermischter Traum? diß, was Fleiß und Schweiß uns geben, Schwindet als der Wellen Schaum.“
Aber der schlaue Magistrat von Glogau hatte folgendermaßen kalkuliert: „Ein Hanswurst oder Pickelhering kommt in keinem Stück von Andreas Gryphius vor. Ergo fällt die Hauptattraktion für das Publiko von vorneherein fort. Lassen wir nun gar ein +trauriges+ Stück unsers Syndikus agieren, so kommt uns nicht einmal ein Jude herein, und wir müssen unser Stadtsäckel öffnen, in dem nicht mehr denn etliche lumpige Dukaten miteinander Verstecken spielen. So wir aber ein Scherzspiel des Poeten, etwa den ‚Horribilicribrifax‘ figurieren lassen, werden mehr als hundert zahlende Leute kommen, und wir können von etwaigem Überschuß sogar unser Ratszimmer neu kälken lassen.“
So ward denn der „Horribilicribrifax“ zum Jubel der +halben+ Stadt -- denn die Frauen durften damals nicht mehr zu solchen Spielen gehen -- angesetzt, und Gryphius selber sagte schließlich dem Komödiantenmeister, nachdem dieser ihm feierlich versprochen hatte, ein paar ernste Lieder des Dichters vor dem Theaterspiel sprechen zu lassen, sein Erscheinen zu. Und er kam pünktlich um die Stunde, da es beginnen sollte, und ward mit vielen Zeremonien, während das Volk „Vivat“ schrie, oben auf die Bühne geleitet. Dort saß schon der ganze Magistrat versammelt. Der Bürgermeister hielt eine lateinische Rede auf den „divus Andreas“, in der Gryphius trotz seiner Rührung leise 14 Fehler konstatierte, und das Spiel begann. Und wie nun der gelahrte Dichtersmann seine bunten Geschöpfe auf den Brettern herumspringen und -stelzen sah, da vergaß er auf einmal seine Leberschmerzen und seine Feierlichkeit und lachte mit den andern um die Wette, daß ihm die runden Tränen aus seinen meist ins Papier vergrabenen Augen schossen.
Und wenn wir ihm heute wie damals seine Mitbürger am Schlusse der Feier einen Lorbeerkranz auf die Perücke setzen, so wird er uns wie seinen Glogauern nicht verargen, wenn wir nicht mehr mit ihm weinen, sondern nur noch mit ihm lachen können. Das aber soll ihm nie vergessen werden, daß dieser Schlesier überhaupt der einzige gebildete Mensch und Dichter von bleibender Bedeutung gewesen ist, der sich zwischen Hans Sachs und Lessing mit dem deutschen Theater und damit mit unserer Kultur befaßt hat.
Lessing
Man kann an das Leben Lessings wie an das Mozarts nicht denken, ohne dabei vor Scham sich zu wünschen, lieber Botokude als ein Deutscher zu sein. Auf seinem Denkmal zu Braunschweig steht mit großen Buchstaben: „Dem großen Denker und Dichter das deutsche Vaterland“. Auf seinem Antlitz stand, da er noch lebte, mit kleinen Falten geschrieben: Undank, Verbitterung, Ekel, Ingrimm, Wehmut und Verachtung. Und wenn er gleich Mozart, dem er mit seinem Humor in den Augen ähnlich sah, über die Menschen, wie der Mond über die Hunde, lachen konnte, wenn er auch in seltenen lichten Momenten vor seinem inneren Auge das bewußte Denkmal in Braunschweig mit der pompösen Inschrift erschaut hat: Dies Lachen Lessings und Mozarts tut mir weher, als wenn ich von dem Elend Deutschlands nach dem Dreißigjährigen Krieg oder unserer Niederlage bei Jena lese.
Lessing hatte von vornherein ein schwarzes Los gezogen, da er sein Leben in der Hauptsache dem deutschen Theater widmete. Schon als Student von achtzehn Jahren studierte er zu Leipzig für Theologie lieber Theatrologie und verkehrte statt mit dem heiligen Paulus mit Madame Neuberin, die dort zum erstenmal den deutschen Thespiskarren festgebunden hatte, und mit den verwegensten und besten Mitgliedern ihrer Truppe. Damals waren die Schauspieler noch nicht wie heute gute, solide Bürgersleute mit reinen Stehkragen, biederen Manieren, kleineren Orden, bezahlten Rechnungen, großen Gagen, die gleich nach dem Theater zu Bett gehen, in Gesellschaften nach dem Pudding ein paar Gedichtchen vortragen, und die man, wenn sie sich die Bärte wachsen ließen, ruhig mit Gerichtsassessoren verwechseln könnte. Nein, zu jener Zeit waren meist Kerle dabei, mit denen man nicht gern allein bei Nacht eine Stunde Wegs gegangen wäre, Kerle, die, wenn sie sich gezankt hatten, nicht zum Richter liefen, sondern sich ein paar um die Ohren schlugen und dann gerührt einander in die Arme fielen, die den Karl Moor aus innerer Erfahrung spielten und einen Umweg um jeden Polizisten machten, die es für ein Verbrechen hielten, Schulden zu zahlen, und darum gar kein Geld nötig hatten, die eine heisere Kehle mit Branntwein und nicht mit chlorsaurem Kali heilten, und deren Leben schnell und prasselnd wie eine Pechfackel, nicht ruhig und musterhaft wie eine Kirchenkerze, zu Ende brannte.
Man kann sich vorstellen, was aus dem würdigen Gesicht des Vaters Lessing, des ehrwürdigen Pastor Primarius und Diakonus zu Kamentz wurde, als er von diesem ruchlosen Umgang seines Sohnes erfuhr. Er sah aus wie der fünfte Akt eines Trauerspiels, wenn die Katastrophe heranbricht. Er hielt seinen Sohn schon für so radikal böse, daß er glaubte, er würde kaum mehr aus des Satans Klauen zu reißen sein. Gleichwohl wollte der fromme Vater alles noch mögliche versuchen und ersann eine -- wie man in solchem Falle zu seinem Gewissen sagt! -- Notlüge. Er schrieb dem Sohne, die Mutter sei schwer erkrankt, und wenn er ihr noch einmal, bevor sie ins Himmelreich käme, und so weiter. Drei Tage darauf, mitten im eiskalten Januar 1748, erschien der gehorsame Sohn, Stipendiat und Student der Gottesgelahrtheit vor seinem Vater.
Der war ganz erstaunt, daß dem Jungen bei seinem Verkehr mit der Theaterwelt noch kein Pferdefuß und keine Hörner angewachsen waren, und lachte dann den vor Schrecken und Frost Halbtoten tüchtig aus. Zum Abschied aber gab er dem jungen Theaterdichter folgende gute Lehre mit nach Leipzig: „Häng er sein Herz nicht an die Bühne, mein Sohn! Es wird ihm nimmerdar zum Segen gereichen. Wenn es ihn nach einem Spiegel gelüstet, darinnen er sich beschauen möchte, so blick er in die Bibel hinein, oder schließe sich in sein Kämmerlein und halte dort eine stille Parade ab über sein Herz. Finito, und zur Hauptsache: Geh er nicht mit Komödianten um, mein Sohn! Man wird es ihm niemals Dank wissen, und er wird dessen nimmer froh werden! Der kleinste Schauspieler dünkt sich mehr, als er, Gotthold Ephraim Lessing, in seinen besten Stunden. Wenn er durchaus reimen und auf dem Pegasus traben muß, so verfertige er Lieder wie dieser Gleim, oder Hexameter, wie der fromme Klopstock, oder hübsche Fabeln, wie jener Gellert zu Leipzig sie machen soll, oder meinethalber auch ein paar gute Sinnsprüche nach der Weise des seligen Logau. Aber um seiner Seele willen fang er keinen Handel mit Schauspielern an! Ich möchte ihn lieber -- Gott verzeih’ mir! -- nicht auf die Erde gesetzet haben, wenn ich dies wüßte. Oder ich möchte lieber -- Gott, verzeih’ mir noch mehr! -- itzt einen Knüppel nehmen und ihn damit so lange vor den Kopf schlagen, bis er tot wäre, um ihm den Ärger zu ersparen, der ihn sonst vor der Zeit gelb färben wird. Eher möchte ich unsern Schweinen Lateinisch beibringen, als meine Verse den Schauspielern, und es dünkt mich ehrenvoller, Türklinke an einem schlechten Hause als deutscher Theaterdichter zu sein!“
Aber der junge Lessing war schon so von dem Theaterfieber besessen, daß die Warnungen seines Vaters von einem Ohr zum anderen spazierten, ohne daß ein Wort in seinem Kopfe kleben blieb. Er fuhr nach Leipzig zurück und opferte sein Blut und sein ganzes Genie, das er hatte, dem deutschen Theater. Er schrieb „Minna von Barnhelm“, „Emilia Galotti“ und „Nathan den Weisen“. Er wurde der erste deutsche Dramaturg und widmete ein ganzes Jahr seines kurzen Lebens dem Hamburger Theater. Er wollte ein Gleiches für Mannheim tun, wenn er dort nicht schlechter als der Portier bezahlt werden sollte. Er vertrieb die Franzosen von der deutschen Schaubühne mit derselben Tapferkeit und Unerschrockenheit, wie sie Blücher fünfzig Jahre später an der Katzbach bewies, und Corneille war kein schwächerer Gegner als Napoleon. Er öffnete das deutsche Theater für Shakespeare und war damit Anlaß, daß über hundert Jahre lang bis heute dieser größte Dichter bei uns häufiger als in England aufgeführt wurde. Er bewies schließlich mit seinen eigenen Stücken, daß man nicht durchaus ein Ausländer sein muß, um in Deutschland aufgeführt werden zu können, und kam nach allem Schaffen und Ärger, wie der Alte prophezeit hatte, zu der sauren Erkenntnis, daß das deutsche Theater ihm immer fatal gewesen, und daß er sich nie, es sei auch noch so wenig, habe damit bemengen können, ohne Verdruß und Unkosten davon zu haben.
So mußte er, der Freiesten einer, die je gelebt haben, einer, der eher seine Zunge aufgegessen als eine Schmeichelei gesagt hätte, Fürstendiener werden, und ward für 600 Taler im Jahr als Bibliothekar des Erbprinzen von Braunschweig angestellt, während die Mätresse des alten Herzogs 60000 Taler pro Anno verschlang. „Arm wie Lessing“ heißt es noch heute in Wolfenbüttel von einem, der drei Fastentage in der Woche feiert, und dessen Hosenböden glänzen. Dazu kam, daß Lessing nicht weniger Unglück in seinem Leben wie im Spiel hatte und mehr als Hiob und Lazarus zusammen. Er hatte einen Freund, Ewald von Kleist: der ward ihm in der Schlacht von Kunersdorf erschossen. Er hatte einen Monarchen, den er verehren mußte, Friedrich den Großen: er ward von ihm völlig ignoriert und jedem hergelaufenen Franzosen nachgesetzt. Er hatte eine Frau, die er liebte wie Tellheim seine Minna: er besaß sie nur ein Jahr. Er hatte einen Sohn, auf den er sich unbändig gefreut hatte: der lebte nur ein paar Stunden und riß die Mutter mit ins Grab. Schließlich war er in die Wahrheit vernarrt und verdarb es dadurch mit den meisten Menschen, denen mehr an einem guten Frühstück als an der Wahrheit gelegen ist. Die Professoren konnten ihm nicht verzeihen, daß er die alten Sprachen besser als sie verstand, und die Pastores grollten ihm, weil er Christen, Juden und Mohammedaner gleich selig pries und vor nunmehr hundertunddreißig Jahren erklärte, daß Gott alle Konfessionen gleich liebhabe. Man war daher allgemein froh als Lessing starb und nicht älter als einundfünfzig Jahre wurde, denn er hätte schließlich alles gutgemacht, was Fanatiker bis damals Übles angerichtet hatten. In den Armen eines dankbaren Juden, für den er, als man ihn wie üblich malträtieren wollte, sich beim Herzog verwandt hatte, und der ihn hielt, als der Todeskrampf ihn schüttelte, ist Lessing gestorben. Er war der erste, der ausging, den Deutschen ein Nationaltheater zu schaffen, und nur Juden an seinem Wege fand.
Er starb so arm, daß der Herzog von Braunschweig ihn auf Staatskosten bestatten lassen mußte. Die Pferde, die bis dato nur dumme Prinzen zu Grabe gefahren hatten, waren ganz stolz über die Ehre, die ihnen widerfuhr. Die Erben Lessings bekamen zehn Tage später ein Reskript von der herzoglichen Kasse, daß Lessing, der im Vorschuß gewesen sei, durch seinen Tod einschließlich der Beerdigungskosten dem Herzog einen Verlust von 361 Talern verursacht habe, die allergnädigst nachgelassen würden.
Auf allen deutschen Bühnen wurden Trauerfestlichkeiten um ihn abgehalten, und der große Schröder in Hamburg sagte schluchzend zu seinen Schauspielern: „Lessing ist tot. Laßt euch begraben, Kinder!“ Goethe und Schiller aber, deren besonderer Gläubiger er war, schrieben ihm auf den Leichenstein:
„Vormals im Leben ehrten wir dich wie einen der Götter. Nun du gestorben, so herrscht über die Geister dein Geist.“
Der junge Goethe
An einem schönen Maiabend des Jahres 1772, als die Sterne schienen, die Frösche quakten, die Hunde an der Kette sich mit dem Mond zankten und die Bürger zum erstenmal probierten, wie das Bier auf offener Straße schmeckte, brachte die Post, die alle Tage von Gießen nach Wetzlar humpelte, einen für einen Gerichtspraktikanten, wie man ehemals die Referendare nannte, höchst seltsam aussehenden jungen Menschen in das friedliche Städtchen, in dem zu jener Zeit das Reichskammergericht in den letzten Zügen lag. Er trug einen damals modischen blauen Frack nebst gelber Weste, dazu eine buntseidene Hose und hohe braune Stulpstiefel. Den Hut hatte er unterwegs verloren oder zu den Sternen in die Luft geworfen, und so sah man, daß er schöne braune Locken auf dem Haupte hatte, unter denen zwei schwarze Augen leuchteten, die so groß waren wie die Räder der Postkutsche, die ihn durch die steilen Gassen von Wetzlar fuhr. Vor dem Gasthof zum Kronprinzen, dicht an dem riesigen, grauen Dom, in dem noch heute wie damals links die Katholiken und rechts die Protestanten in seltener Eintracht zum lieben Herrgott beten, hielt der zitronengelbe Postwagen an, nachdem er zuvor noch einmal über einen dicken Prellstein gehopst war, daß dem armen Rechtspraktikanten schier die Eingeweide aus dem Munde gesprungen wären.
Gleich trat der Wirt wie aus „Minna von Barnhelm“ eilfertig aus dem Hausflur heran, schwatzte über das schöne Wetter und das beschwerliche Reisen, wobei er im stillen abschätzte, in welches Stockwerk er den Fremden unterbringen sollte. Dann nahm er ein Windlicht zur Hand, trieb den Hausknecht mit „Allez! Allez!“ zum Gepäck, um zu zeigen, daß er auch französisch schimpfen konnte, und geleitete den Rechtspraktikanten aus Frankfurt -- das hatte er schon in der ersten Minute herausgefragt -- in ein niedriges, blau gestrichenes Zimmer, in dem ein Riesenbett, ein Schrank und eine Waschkommode sich im Mondschein kichernd über Wetzlars Vergangenheit und die Eigenheiten der Durchreisenden unterhielten. Der Rechtspraktikant ohne Hut und mit den großen Augen schaute sich das alles mit einem kurzen Blick an, als hätte er es schon tausendmal gesehen, streute ein paar Veilchen, die er unterwegs gepflückt hatte, auf das Bett, um sich nicht zu einsam vorzukommen, lehnte den Kopf zum Fenster hinaus, blickte zum Dom und zu den Sternen und wartete träumend, bis man ihm sein Abendbrot heraufbringen würde. Dazwischen schritt er ein paarmal im Zimmer auf und ab, redete mir nichts dir nichts den Schrank an, der ob dieser schnellen Vertraulichkeit gravitätisch sich in seinen Fournieren zusammenzog, oder sprach wie ein Verliebter ein paar sinnlose Verse vor sich her, so daß die Stubenmagd, die draußen am Schlüsselloch stand, ganz entsetzt in die Küche lief und schrie: „Gott sei bei uns! Es ist ein Schauspieler!“
Zu allgemeinem Erstaunen ließ er sich dann, als er sein Essen und zwei Flaschen Rotwein heruntergestürzt hatte, noch den Torschlüssel geben, obschon die Domuhr grade zehnmal „Nein!“ schlug, und rannte dann ohne Hut durch das schnarchende Städtchen, um wie weiland Diogenes eine Menschenseele in Wetzlar zu finden. Der Nachtwächter der freien Reichskleinstadt aber sah ihn in jener Nacht an drei Orten: Zum ersten Male wie er unten an der Mühle in der Lahn badete und sich dabei, ohne sich zu schämen, vom Mond bescheinen ließ, zum anderen, wie er am Brunnen vor dem Tore sich mit einem alten Salamander, der dort seit 1500 hauste, über Shakespeare unterhielt, und zum dritten Male, wie er beim Zurückklettern über die Stadtmauer zwei andere Rechtspraktikanten traf, die vom Liebchen heimkamen und ihn mit in eine Weinstube zogen, um auf die Gesundheit des schwindsüchtigen Heiligen Römischen Reiches einen Kanon zu singen. Um drei Uhr in der Frühe, als die Hähne schon anfingen, ihr Organ zu üben, kam der junge Fremdling vor die Türe seines Gasthauses. Aber da er den Torschlüssel längst verloren hatte, mußten sie zu dreien erst eine Katzenmusik anstimmen, bis der Wirt mit der Nachtzipfelmütze ihm öffnete und ihn in sein Gemach geleitete, das ihm ein höchst vorwurfsvolles Gesicht schnitt. Aber der junge Herr lachte es aus, warf seine Stiefel dem entrüsteten Schrank vor den Kopf, sprang ins Bett und weinte sich über einen Band Klopstockscher „Oden“, der stets auf seinem Nachttisch lag, langsam in seligen Schlaf.
Von da an sah man ihn alle Mittage im „Kronprinzen“ zu Wetzlar in der Tafelrunde, die sich dort um den Herrn von Goué, einen gutmütigen alten Sonderling, als König Artus versammelte und Allotria trieb. Es waren lauter „Originalgenies“, wie man sie damals nannte, die da herumrumorten und über dem guten alten Städtchen krächzend wie die frechen Krähen einherflogen: Junge Burschen, die, wenn man sie fragte, was sie werden wollten, einen Lachkrampf bekamen, oder denen es einfiel, plötzlich auf der Straße auf einem Bein zu stehen oder mit den Zähnen zu fletschen oder einem alten Weib die Zunge herauszustrecken. Und ältere Knaben waren darunter, die erklärten, solange Friedrich der Große lebe, brauche kein anderer Mensch in Deutschland etwas zu tun, und die Frauen seien nur dazu da, um Hosenknöpfe anzunähen und Heringe einzumachen, und der Wein sei die bequemste Weise, um ins Paradies zu kommen. Zwischen beiden, dem Gemüt und der Gesinnung nach gleichen Parteien, bewegte sich der neuhinzukommende Rechtspraktikant aus Frankfurt so vergnügt, als sei er unter solchem trinkfesten, aber charakterschwachen Gesindel zur Welt gekommen. Seine Tante -- denn wie jeder gute Bürgerssohn hatte auch er in allen größeren Städten 50 Meilen um seine Vaterstadt eine Tante wohnen! -- war ganz empört, als sie ihren Jungen, noch dazu mit augenscheinlichem Behagen unter jenen Räubern entdeckte. Mit Ingrimm sah sie ihn jedesmal, wenn man an dem düsteren Gebäude des Reichsjammergerichts vorüberkam, ein Kreuz schlagen, als säße der Teufel darinnen, und hörte mit Seufzen beim Morgenkaffee die Moritaten ihres Herrn neveu aus der vergangenen Nacht erzählen.
Plötzlich nach ein paar Wochen ward es mit einem Male ganz ruhig um den jungen schönen Mann aus Frankfurt. Er saß wohl noch bei der Tafelrunde alle Mittage im „Kronprinzen“, aber es war, als habe er nur seine Hände, seinen blauen Frack und seine gelbe Weste dahingesandt und lachte nur ~in effigie~ mit, wenn der alte Herr von Goué Unsinn erzählte. In Wirklichkeit lief der Jüngling immer, ob er nun saß, trank oder schlief, um ein kleines Haus in der Stadt herum, das „Deutsche Haus“, in dem die Tochter des Amtmanns Buff als Braut des würdigen Herrn Johann Christian Kestner lebte. Sobald er allein war, konnte er nur „Lotte“, nichts als „Lotte!“ flüstern, ihr Schattenbild trug er immerfort in der linken Brusttasche über seinem Herzen, und nachts hing er es an die Wand über sein Bett, damit er es beim ersten Augenaufschlagen sehen könnte. Kestner, der Bräutigam, dem er sich anvertraute, konnte es gar nicht fassen, daß man so lieben konnte. Er verstand darunter nur, ein bis zwei Jahre verlobt zu sein, bei Tisch nebeneinander zu sitzen, sich angesichts des Vaters täglich einen Kuß zu versetzen, zu heiraten und Kinder zu bekommen.
Wollte dieser junge Mensch denn eine neue Art sich zu lieben in Deutschland entdecken? Lotte selber ahnte nicht, was das war, sie glaubte, das Fieber zu bekommen in seiner Nähe, sie konnte ihm nicht gehören und mußte doch immer weinen, wenn sie seiner gedachte, und sie wußte nicht ganz genau, ob sie ihn das einemal, da er sie geküßt, nicht vorher leise wiedergeküßt hatte, ehe sie ihn von sich stieß. Jede Nacht in Wetzlar aber sah den Jüngling nicht mehr wie noch vor wenigen Wochen lachend und jauchzend durch das Städtchen rennen, sondern schaute ihn, mit der Pistole in der Hand zwischen Leben und Tod schwankend von Schatten zu Schatten flüchten, und noch heute glitzern am Abend alle Bäume in Wetzlar von dem Tränentau jenes Unglücklichen, und es ist dann, als ob sein Schmerz noch die ganze Stadt überschatte. Diese gräßliche Unentschiedenheit währte bis zu dem Morgen, da der junge Rechtspraktikant ohne Abschied zu nehmen -- Kestner und die Tante waren ganz verwundert darob! -- Wetzlar verließ, die Pistole in die Lahn schleuderte und ins Leben weiter seine Straße zog und aus seinen dortigen Abenteuern den Roman „Werthers Leiden“ wob, mit den erschütternden Schlußsätzen, die wie Hammerschläge klingen, mit denen man einen Sarg zunagelt.
Aus diesem jungen Rechtspraktikanten wurde später der Geheime Legationsrat Goethe zu Weimar, der noch viele Lieben und Krankheiten überstehen und alles, was ihm je teuer war, überleben mußte, bis er als Greis als größter Dichter Deutschlands nach Walhalla zu den germanischen Göttern entrückt ward.
Goethe und Italien