Part 2
Diese Matineen, ich muß noch ein wenig von ihnen erzählen, wollten nicht mehr und nicht weniger als dem Volke an seinen Sonntagen den Gottesdienst ersetzen, der in seinen alten Formen den höheren Menschen heute nicht mehr Befriedigung geben kann. Sie vereinigten an jedem Sonntag ein zahlreiches Publikum unter dem Sockel eines großen Mannes zu einer schönen stillen Feier zu seinen Ehren, in seinen Manen die Gottheit achtend, die ihn uns schenkte. Denn uns Heutigen sind wirklich die gewaltigen oder zarten Künstler vor uns in der Musik, der Malerei, der Philosophie, der Staats-, der Bau- und der Dichtkunst zu unsern Heiligen und Schutzpatronen geworden, an denen wir uns im Glück erfreuen, im Leiden trösten können. „Du sollst keine anderen Götter haben neben ihnen!“
Dem Redner, der die Menge durch ein paar kurze einleitende Sätze zu dem Großen, dem die Feier galt, hinführen mußte, war mit Absicht von vornherein nur geringe Zeit von der +einen+ Stunde gegeben, die im großen und ganzen allsonntäglich festgesetzt war. Am meisten galt es stets, den Heiligen des Tages selber zu Worte kommen zu lassen. Denn schließlich sind und sollen jedem die zehn schönsten Gedichte eines Mörike etwa lieber sein als die beste Rede oder Schreibe über ihn, und auch diese ganzen Aufsätze „über“ Künstler sollen eigentlich nur zur Beschäftigung mit ihnen selbst anregen. Durch diese kurze Frist für den Vortragenden war von Anfang an das Bildungsphilisterhafte, das sich solchen Feiern gern einmischt, möglichst ausgeschlossen. Es galt, sich kurz zu fassen, klar zu sein, Phrasen zu vermeiden und jedem, auch dem Laien in literarischen Dingen, verständlich zu bleiben.
So sind die meisten dieser Arbeiten entstanden. Es war mein Ehrgeiz, auch der breiten Menge, die während der Woche schwer arbeiten muß, Interesse für die Kunst abzugewinnen, ihnen eine Stunde lang Dichtungen als edle Arznei in ihrem harten Leben einzugeben, und Menschen, die nichts als Prosa treiben können, für die Künstler unseres Volkes und aller Zeiten begeistert zu machen und somit mein Teil an der Erziehung des Menschengeschlechtes mitzuarbeiten. Was dem Fachmann und Literaten darum an diesen Aufsätzen tadelnswert scheint, daß sie volkstümlich gehalten sind, daß jeder sie lesen kann, das -- ich kann euch nicht helfen, ihr lieben Feinde! -- das sollte ja gerade wiederum ihre Tugend und ihr Vorzug sein. Auch kam es nicht darauf an, wissenschaftlich genau und haarscharf dem Vorbild getreu meine Schattenrisse aufzuzeichnen, nein, diese peinliche und mühselige äußere Ähnlichkeitspinselei des Anstreichers mußte vermieden werden, wenn nur ein gutes, das Wesen des Modells wiedergebendes künstlerisch wertvolles Bild entstand. Je mehr der Maler von sich, von seiner Persönlichkeit oder -- altmodisch gesprochen! -- von seiner Seele in das Bildnis, das er in seinem Vorwurf vor Augen hat, hineinmalt, um so wertvoller, um so interessanter und um so +ähnlicher+ wird zum Schluß das Bild geworden sein. Womit ich den Kleinigkeitskrämern das Aufstöbern von Ungenauigkeiten und Unrichtigkeiten in diesen Zeichnungen von vornherein versalzen möchte.
„Nun wohl,“ haben schließlich einige Kritiker gesagt, „wir wollen uns an den populären, simplen, leicht faßlichen Ton dieses Volkspredigers mit überlegenem Lächeln gewöhnt haben. Aber, um diese harmlosen Plaudereien, diese ~biblia pauperum~ in einem Buche öffentlich herauszugeben, dazu war wirklich kein Grund, dafür war wirklich kein Bedürfnis vorhanden. Vor allen Dingen fehlt bei dieser losen Zusammenreihung von zufälligen Arbeiten das geistige Band, das sie zusammenhält. Sie stehen ungeordnet wie ein Stück Natur zusammen, Korn, Blumen und Unkraut, und sind nicht unter einen Hauptgedanken rubriziert und klassifiziert.“
Nun sind dies zwar Essaysammlungen niemals, denn das -- verzeiht, verzeiht mir zum drittenmal, meine Widersacher! -- ist eben ihr Wesen, daß sie, wenn sie in ein Buch zusammengefügt werden, unter einem Titel nebeneinander gedruckt werden. Ich wüßte wahrhaftig nichts anderes darauf zu entgegnen, außer etwa, daß meine Persönlichkeit das geistige Band ist, das diese Aufsätze zu einem einzigen macht. Für diese meine Persönlichkeit muß man sich daher freilich in etwa interessieren.
Aber ich merke zu meinem Schrecken, daß ich im Begriff bin, auch dieses zweite Vorwort dazu auszunutzen, mich und meine Person in den Vordergrund zu rücken, weil ich in dem Buche selbst gar keine Gelegenheit mehr dazu habe. Man verzeihe es mir darum in Gnaden, und wer, nach der Art vieler Leser, nur auf diesen letzten Satz in meinem Vorwort stiert, der muß es zur Strafe nun wirklich von vorne an lesen.
Kaiserswerth am Rhein. Vor dem Winter 1909. +Herbert Eulenberg.+
Vorspruch zur fünften Auflage
Wer hätte das gedacht, mein liebes Buch! Wir sehn uns lächelnd voll Erstaunen an: Fünfmal verlegt in Vierteljahres Flug, Und ich enthoben nun aus Acht und Bann. Du brachtest Ruhm und Freundschaft schier genug Mir zu, eh’ dieses goldne Jahr verrann. Wie einem guten Pferd möcht’ ich dir schmeicheln, Und zärtlich über deine Blätter streicheln.
Fünfmal verlegt in einem Vierteljahr! Es steht da schwarz auf weiß, sonst glaubt ich’s nicht. Ich bin doch heut noch, der ich immer war, Ein Unglücksrabe und ein Bösewicht. Fünfmal verlegt, bei meinem kargen Haar, Die Welt bekam ein anderes Gesicht. Du Buch verstehst dich wohl auf Zaubereien, Wie konntest du mir so viel Seelen freien!
Du trugst mich weiter um ein gutes Stück Als jedes andre Werk noch, das ich schrieb. Ich seh’ voll Stolz auf deinen Weg zurück. Wie viele Menschen haben heut mich lieb. Erfolg und Beifall, ungewohntes Glück, Ich grüße euch, des Künstlers schönsten Trieb! Ich habe, was in Deutschland kaum zu hoffen, Mit diesem Buch nur Freundschaft angetroffen.
So gehe vorwärts deinen frischen Gang, Umarme jeden, der dich liebt, von mir! Und bleib ihm treu ein ganzes Leben lang, Sei launisch nicht als Freund und falsch wie wir. Nein, führe noch den Greis hinab den Hang, Der sich als Kind dir gab. Dies dein Panier: Sei jedem Leser offen, wahr und heiter Durchs harte Dasein lehrend ein Begleiter!
Im Herbst 1910. +Dein Urheber.+
Letzter Segen
Die alten Linien ging ich wieder nach Und prüfte sie und stärkte, was verblichen Und was die Zeit verzehrt, Tag frißt den Tag. Und als ich so die Schatten nachgestrichen, So gut es meine warme Hand vermag, Hat eine große Furcht mich angeschlichen: Vertust du nicht dein helles kurzes Leben Im Totendienst, dem du dich hingegeben?
Denn herrischer ist keiner mehr als sie, Die gleich den Göttern ganz den Mann verlangen, Und seinen Geist und sein gebeugtes Knie Und in der Hut um sie verhärmte Wangen. Ruf keinen Toten wach, er läßt dich nie, Endlosen Handel hast du angefangen, Und seine Hände halten dich wie Krallen, Du mußt ihn zwingen oder ihm verfallen.
Da floh ich aus dem kalten Tempel fort, Drin rings in Nischen meine Heiligen standen. Viel Tropfen Bluts ließ ich wie Blumen dort, Die sie im wilden Streiten mir entwanden, Und alle riefen noch ein Zauberwort, Auf das sie mich auf ewig sich verbanden. Doch stärker noch als sie sang jetzt die Sonne, Und lebend fühlt’ ich dieses Lebens Wonne.
Zwei Jahre später. Im Herbst 1912. H. E.
Hans Sachs
Wer so ums Jahr 1520 herum abends zum Dämmerschoppen in der Stadt Nürnberg in das noch heute bescheiden an der Moritzkapelle klebende kleine Wirtshaus zum Bratwurstglöcklein einkehrte, der konnte dort vielfach drei heute weltbekannte Meister, pokulierend und sinnierend beisammen sitzen sehen: Peter +Vischer+, den Rotschmied und den Steinmeißler, Albrecht +Dürer+, den Maler, Holzschneider und Kupferstecher, und Hans +Sachs+, den Schuhmacher, Meistersinger und Poeten.
Diese drei Meister, die nach der Arbeit beim Schoppen Frankenwein oder beim Zinnkrug voll braunen Tucherbieres mitsammen saßen, der eine, Vischer, mit Kappe, Schurzfell und Werkzeug, so wie er aus seinen Gießhütten kam, der andere, Dürer, mit dem Christuskopf, das bleiche, etwas kränkliche Gesicht von dem langen gekräuselten Haar umrahmt, und neben ihm Hans Sachs, in der pelzbesetzten Schaube -- „denn außer der Werkstatt muß man fein manierlich gehen!“ -- diese drei Meister stellen die +Renaissance in Deutschland+ dar. Und wenn uns ein Fremder fragt, wo in aller Welt habt ihr Deutschen denn euer Athen und euer Florenz, kurz eine Stadt, der man noch heute ansieht, daß hier eine Zeitlang einmal Kunst und Leben, Bürger und Künstler eines waren, so können wir ihn stolz auf Nürnberg als denkwürdigste Stätte einstiger deutscher Kultur hinweisen.
Wer sich mit dem dritten der drei Meister, mit +Hans Sachs+, beschäftigen will und durch die Wissenschaften an ihn heranzukommen sucht, der muß sich wie der, welcher in das von ihm zuerst beschriebene Schlaraffenland will, erst durch einen ganzen Staubberg von Gelehrsamkeit durchfressen, eh’ er das verschmitzt lächelnde Bild unseres Meisters vor sich sieht. Die Philologen, die bei uns bekanntlich bestimmen, was und wie uns etwas zu gefallen oder nicht zu gefallen hat, haben den Weg zu ihm und zu den Meistersingern, zu denen er zählt, durch einen Haufen von klugen Worten aus jener Zeit versperrt, als da sind: „Tabulatur, Gemerke, Hageblütweise, Schwarz-Tintenweise, Stollen, Vielfraßweise usw.“ Erst +Goethe+, unser größter Befreier aus Philisternetzen, bahnte sich über alle Wissenschaft wie der Märchenprinz zu Dornröschen mit einem bloßen Kuß einen einfachen Weg zu Hans Sachs, indem er als erster ihn wieder +aufführte+ und dem Deutschen Theater, das damals kaum noch über Lessing hinausging, damit wieder eine Vergangenheit schuf.
Zu allgemeinem Jubel brachte er auf dem Theater zu +Weimar+ Anno 1810 zum erstenmal wieder ein Fastnachtspiel Hans Sachsens, „das Narrenschneiden“, auf die deutsche Bühne.
Es darf hier wohl kurz daran erinnert werden, was oft vergessen wird, wie viel Goethe von Hans Sachs gelernt und angenommen hat. Nicht nur sprachlich hat er die Form des Nürnberger Meisters, den Knittelvers im „Faust“ übernommen. Auch in der Gestaltung seiner Figuren lehnt er sich an die Holzschnittmanier des Alten an, so daß man z. B. bei dem Fastnachtspiel „Der fahrende Schüler im Paradeis“ unwillkürlich an die Szenen zwischen Frau Marthe Schwerdtlein und Mephisto denken muß.
+Richard Wagner+ ahnte vielleicht mehr, als er damals schon wissen konnte, welch ein großer Kerl Hans Sachs gewesen war, und setzte ihm in den „Meistersingern“ ein tönendes Monument. Denn ein bloßer „Vereins-Meistersinger“ -- übrigens eine viel edlere Zunft als unsere heutigen Skat- oder Kegelbrüder -- war Hans Sachs ebensowenig und soviel als Goethe Staatsminister war. Er hat, was sehr charakteristisch ist, seine Meisterlieder niemals drucken lassen, weil er etwas ganz anders und mehr als ein Meistersinger, weil er ein Dichter war, und wußte, daß das, was er nicht aus freien Stücken, sich selber zu Nutz und Frommen geschrieben hatte, nur Vereinstätigkeit war und die Nachwelt nichts anging. Übrigens wär’ es endlich einmal an der Zeit, die +Meistersinger+ etwas von dem Fluch der Lächerlichkeit zu erlösen, der ihnen anhaftet. Es ist sehr schade, daß sich heute kein Musiker und vor allem kein Sänger findet, der geneigt ist, diese im gemeinen Sinn undankbaren Lieder und Weisen der Meistersinger vor dem gefährlichen Publiko vorzutragen. Man würde dann neben manchem Lächerlichen den rührenden Ernst anerkennen müssen, mit dem diese Enthusiasten um die Kunst beflissen waren, und gelegentlich auch die +überlegene Schalkhaftigkeit+. Denn diese Leute waren gar nicht so strohdumm, wie Richard Wagner des komischen Zweckes halber es uns weismacht.
Zu diesen Dichtern von Beruf, die an Wintersonntagnachmittagen in den Kirchen Nürnbergs zusammenkamen, um dort nach gewissen Regeln, nach der sogenannten „Tabulatur“, dem poetischen Kontrapunkt, in deutscher Sprache zu dichten und zu singen, gehörte +Hans Sachs+ nur als angesehener Bürgersmann seiner Vaterstadt. Als +Dichter+ gehörte er vielmehr zu den fahrenden Leuten, die damals mit ihren Zeltbuden und Schwänken durchs Land zogen, für ein paar Wochen irgendwo dann Halt machten und allabendlich die ganze Stadt unterhielten. Für diese Schauspielerbanden, die damals das deutsche Theater zu Lehen hatten, schrieb Hans Sachs seine 85 +Fastnachtspiele+. Später schulte er sich eine eigene Truppe, durch die er seine Komödien darstellen ließ, und war Direktor, Regisseur und Schauspieler zu gleicher Zeit. Und alles das, ohne daß ihm die Kundschaft, die sich bei ihm Schuhe machen und reparieren ließ, davonlief. Er hatte nicht weniger Erfolg mit seinen Stücken als heute Kadelburg. Der Rat der Stadt sah ein, wie viel besser seine Komödien waren als die üblichen, ordinären Faschingsspäße, und traute ihm so viel Geschmack zu, daß er ihn mit der Zensur verschonte, und selbst die Kirche machte gute Miene zu seinen guten Spielen und überließ ihm -- man muß sich das heute einmal vorstellen! -- Kirchen und Klöster, mit seiner Truppe dort zu spielen.
Man darf nun von einem solchen +Fastnachtspiel+ kein dramatisches Leben in unserem Sinne, keine Hatzjagd nach Überraschungen, keine fieberhafte Spannung erwarten. Man muß ein Hans Sachssches Fastnachtspiel geduldig und genau ansehen wie einen alten Kupferstich, um dann auf einmal zu entdecken, welch eine köstliche, feine Arbeit das ist, und wie sie auch im Kleinsten noch voll Leben steckt. Mit meisterhafter Sicherheit holt er mit seinem Grabstichel seine Figuren auf die Kupferplatte seines Theaters: die Bauern wie die bösen Weiber, Scholaren, Spitzbuben und Pfaffen, samt anderm menschlichen und mythologischen Gesinde.
Und je mehr Zeit wir ihm schenken, desto lieber und größer wird uns dieser prächtige alte Meister, der an der Spitze unseres ganzen deutschen Theaters steht, aufgehen.
Und wir werden ihn heute noch so laut und aufrichtig feiern können, wie Goethe ihn zu seiner Zeit verherrlicht hat!
„Ein Eichkranz, ewig jung belaubt, Den setzt die Nachwelt ihm aufs Haupt. In Froschpfuhl all das Volk verbannt, Das seinen Meister je verkannt!“
Eine Rede von Hans Sachs
Vor der Uraufführung des „Kälberbrütens“ und des „Roßdiebs zu Fünsing“ gesprochen.
Diese beiden Spiele von Hans Sachs, das eine von dem Bauern, der aus Käse Kälber brüten wollte und das andere von dem Roßdieb zu Fünsing, einem Vorläufer unseres Hauptmanns von Köpenick, sind zuerst im Mai 1554 in der schönen Stadt Nürnberg in einem Zelt auf der Festwiese vor der Burg aufgeführt worden. Es war ein blau und weißer Frühlingsmittag, und die Sonne schien so lieblich, daß die Toten gern aus ihren Gräbern gestiegen wären, um eine Weile wieder lachend den Schwänken Hans Sachsens zuzuhören. Halb Nürnberg war an jenem Tage auf den Beinen: Würdige Ratsherren in prächtigen schwarzsamtnen Schauben, die wackeren Gildenmeister mit runden Bäuchen unter ihnen, Kaufleute, Handwerker, Bettler und viel junges Volk. Wie bei Faustens Osterspaziergang. Ganz alte, fast taube Leute hatten sich heute noch aufgemacht und fragten in den Pausen, die Hand ans Ohr gelegt, nach dem, was ihnen entgangen war. Auf der linken Seite vor der sogenannten Bühne saßen +von den Männern getrennt+ die Frauen und lächelten, und hinter ihnen die Mädchen und kicherten. Hans Sachs trat aber zu Beginn des Spieles hervor und hub folgendermaßen an zu sprechen:
„Liebwerte Bürger und Stadtgenossen! Wollet auch heute wiederum gute Miene zu unserm Spiele machen. Insofern der heutige Frühlingstag viel zu schön ist, zum Schimpfen oder schief Maul ziehen, oder mit armem, fahrendem Volke zu hadern. Wir wollen auch diesmal -- des dürft ihr gewiß sein! -- unser Bestes geben, und der ist ein Lumpenhund, wie ihr wisset, der mehr gibt, als er hat. Wollet also nit zu viel verlangen, sondern bedenket, daß nicht Halbgötter, wie weiland zu Homeri und der alten Griechen Zeiten, auf der Bühne stehen, sondern schlichte Menschen mit Fehlern und Schwächen wie Hannes Holzschuher, Martin Behaim oder ich selber. Guckt also einem solchen Gesellen nicht allzu scharf aufs Maul und verarget es ihm nicht, wenn er sich einmal versprechen sollte -- auch der Herr Bürgermeister kann einmal stolpern -- oder ein Verslein falsch spricht -- auch die Frau Bürgermeisterin kann einmal beim Strumpfstricken eine Masche fallen lassen.
„Wenn einer sein +Handwerk+ ernst nimmt und nimmer denkt, daß er nicht noch besser in ihm werden könnte, soll man ihn nicht schelten. Und so ist es bei dem +Maulwerk+, so wir betreiben, auch bestellt. Wer aber zufrieden mit sich ist und sich für einen ausgemachten Meister hält, dem soll man einen Mühlstein und ein sattes Schwein an den Hals hängen und ihn in die Pegnitz werfen, dort, wo sie mehr denn zween Meter tief ist. Ich selbst, wiewohl ich schon über tausend Paar Stiefel geflickt und mehr denn 500 neu aus dem Leder geschnitten habe, halte mich noch nit für vollendet in dieser Kunst des heiligen Crispinus, vielmehr gucke gern noch manchem jungen Gesellen, der in Böhmen oder gar in Welschland gewesen ist, seine Sächelchen ab, wenn sie fein sauber sind. Vollends nun gar in der Reimerei oder der Pegasusreiterei, wie die alten Heiden sagten, bin ich aufs Lernen versessen wie ein junges Mädchen unter Zwanzig, so noch keinen Mann gefangen hat, aufs Tanzen. Lasse mir auch gern von jedem Mann und jeder Frau die Wahrheit sagen, selbst wenn es nur ein einfacher Bader ist, der mir den Bart rundschneidet oder ein altes Weiblein, das mir die gelb gewordenen Kragen wieder weiß wäscht. Nur muß es auch die Wahrheit sein, und nit bloß grobes, unmanierliches Zeug. Einem solchen Stoffel und Schimpfpeter, der seine Tage damit zubringt, unserm Herrgott die Fehler vorzuhalten, die er bei der Schöpfung gemacht hat, möchte ich am liebsten zeitlebens das Maul mit Senfpflaster zukleben oder ihm einen Papageien kaufen, der ihm bei Tag und Nacht in die Ohren schrie: ‚Schimpfen ist leichter als loben‘.
„So, liebe Stadtgenossen, wollt’ ich itzo, daß ihr die beiden Stücklein entgegennehmen möchtet, die Apollo, der Gott der Schalkheit, mir letzte Weihnachten, da ich zwei Tage lang meine Schusterwerkstatt schließen und auf den Dichterberg Parnassus klettern konnte, beschert hat: Nicht als das Gewaltigste, was je in Reime gebracht worden ist, noch aber auch als etwas allzu Geringes, wie etwa einen Bierschwank oder eine Sauposse, die ins rechte Ohr hineinschlüpft, um gleich aus dem linken wieder hinauszuspringen, und bei der man zuerst zwar lacht, aber gleich hinterdrein zu sich denken muß: ‚Alter Schafskopf, warum lachst du über solche Narrenspossen!‘ Sondern ihr sollt die Stücklein hinnehmen als zween Leckerbissen und in euer Gedächtnis einschließen wie zwo Goldstücke, die man später in Stunden der Not und der schlechten Laune noch hervorholen kann, um sich zu erheitern und wieder ein paar lustige Augenblicke zu machen.
„Seid auch heute nicht ungehalten, wenn wir ein Frauensmensch mit auf die Bretter bringen. Sintemal ich es für ein Mädchen nit für lästerlich halte, falls sie Witz dafür hat, zum fahrenden Volk zu gehen und mit den Mannsleuten um die Wette zu agieren. Solch eine dient Gott ebenso, wie eine, die gut spinnen kann, ihm am Rocken dient, und wenn auch die meiste Welt anderer Ansicht ist, kann ich doch von dem Glauben nit lassen und will ihn gegen den besten Vater und die fleißigste Mutter vertreten. Freilich, wer die Kunst, andere nachzuahmen und Menschenaffe zu sein, nicht versteht, der soll ruhig hinter dem Ofen oder dem Schraubstock bleiben. Denn der Dienst bei den neun Musen ist schwerer als bei einer zänkischen Herrin, und ich habe -- das könnte ich mit den härtesten Eiden beschwören! -- beim Reimschmieden viel mehr geschwitzt denn beim Schuhmachen.
„Aber des wollen wir heute nicht gedenken, vielmehr ein jeder sein Arbeit vergessen und lustig sein, wie es sich für einen Sonn- und Feiertag geziemt. Denn niemand weiß, wie es mit unsereinem nach dem Tode wird. Drum wollen wir, solange wir leben, bedenken, daß der Mund den Menschen um dreierlei Dinge gegeben wurde, um zu essen, um zu küssen und um zu lachen. Man kann nur drüber streiten, was das köstlichste von den dreien ist.
Daß euch viel Lust durchs Maul erwachs’ Wünscht heut wie immer euch Hans Sachs.
Andreas Gryphius
Im Herbste 1667, vor mehr als 250 Jahren also, da am Pegel zu Köln, wenn es hoch kam, sechs Schiffe lagen und das Pfund Fleisch auf dem Markte noch ½ Silbergroschen kostete, setzte sich ein Trupp von schauspielernden Studenten zu Frankfurt an der Oder auf ein Treidelschiff, um sich den Fluß hinauf gen Glogau in Schlesien ziehen zu lassen. Sie waren von einem hochwohllöblichen Magistrat zu Glogau für insgesamt einen Taler, vier Neugroschen gemietet worden, um den 45. Geburtstag des hochgeachteten Bürgers und Syndikus der Stadt, Andreas Gryphius, durch Aufführung und Wiedergabe eines seiner Schaustücke zu honorieren, zu illuminieren und zu personifizieren. Als sich das Schiff in Bewegung setzen wollte, kam noch der Komödiantenmeister mit einem großen Sack auf dem Rücken angekeucht, enthaltend niederländische Koller und ein paar verrostete Stoßdegen, so er alles bei einem Althändler zusammengeramscht hatte. Man zog ihn und die Theatergarderobe auf das Schiff, und sobald man die Schnupftücher der Nachwinkenden aus den Augen verloren hatte, begann man die Getreidesäcke, die als stummes Gut mit nach Glogau verfrachtet waren, beiseite zu schieben und auf dem Verdeck des Schiffes unter freiem Himmel Probe abzuhalten. Der Mensch, zumal wenn er Student und Schauspieler ist, hat im allgemeinen die Eigenschaft, erst +kurz vor+ dem Examen oder der Aufführung zu lernen anzufangen. Von diesem Brauch wich auch unsere Frankfurter Studententruppe um keines Haares Breite ab, und es stellte sich bald heraus, daß keiner von ihnen, um nicht die andern etwa zu beschämen, mehr als gar nichts gelernt hatte. So begann man denn mit Feuereifer von früh bis spät an dem Stück „Horribilicribrifax“, einem Scherzspiel in fünf Begebenheiten, das der Glogauer Magistrat aus den Stücken des Meisters zur Aufführung auserkoren hatte, zu probieren: Die Wolken am Himmel und die Weiden an den Flußufern sahen ihrem tollen Treiben lachend zu, die Getreidesäcke als stumme Passagiere gähnten und dachten bei sich: „Mit welch dummem Zeug die Menschen doch ihr Leben hinbringen!“, und die Matrosen, die anfangs vermeinten, einen Haufen Affen an Bord zu haben, verstanden nach und nach, um was es sich handelte, stahlen sich nach Möglichkeit von ihrer Arbeit fort und hielten sich den Bauch vor Lachen beim Zusehen. Die Treidelpferde aber zogen mit gesenkten Ohren auf dem Leinpfad das Schiff stromaufwärts und bedauerten sehr, daß sie nicht Menschen geworden waren.
Drei Tage und vier Nächte dauerte die Fahrt, zu der man heute drei Stunden braucht. Um die Abenddämmerung kam man endlich vor der alten, mit verwitterten Türmen umstandenen Stadt Glogau an. Die schwarzen Festungsmauern, die wie alte bärbeißige Polizisten rund um die Stadt herumliefen, guckten verschlafen aus dem Herbstnebel heraus. Eine einzige bunte, den Schweden abgenommene Fahne hing aus einer Schießscharte und sagte den Komödianten: „Guten Abend!“ Die kehrten in die Herberge zum „König von Polen“ gleich am Hafen ein, die ihnen von den Schiffern als wohlfeil empfohlen war, und in der je drei in einer Bettstelle schlafen mußten. Aber da die Wanzen schon ihre Winterquartiere bezogen hatten, gab es für sie alle eine friedliche Nacht.