Schattenbilder

Part 10

Chapter 103,495 wordsPublic domain

Und wahrhaftig, man hörte jetzt eine merkwürdige Weise. Wie ein altes Lied schien sie aus einer versunkenen Grotte im Runenberg zu sumsen. Und sie tönte ähnlich wie jene Schauerromanze Tiecks, „Die Zeichen im Walde“ genannt, die aus einhundertvierzehn auf „u“ anklingenden Strophen bestand. Zwischendurch schien eine Fiedel ganz hell zu singen, so wie Wackenroders und Novalis’ früh verhallte Stimmen gesprochen hatten: „Laßt ihn doch! Er ist ein Dichter.“ „Dank Euch, meine beiden Lieblinge,“ lispelte Tieck im Traum. Und ein Lächeln sprang über sein Gesicht. Immer lauter überdröhnte nun alles die dumpfe Melodie, die aus der Welt hervorwuchs: „Bim-baum! Bim-baum!“

Da erwachte der Dichter Tieck in seinem Berliner Zimmer in der Friedrichstraße von den Morgenglocken, die von der französischen Kirche tönten. An seinem Bett stand sein Diener mit einem schwarzen Samtrock, um dem Achtzigjährigen beim Ankleiden zu helfen. Tieck strich sich über seine Brauen: „Was hab’ ich mir da wieder zusammengeträumt! Welch ein Tag ist heute?“ frug er den Diener. „Sonntag, Herr Hofrat! Hören Sie es nicht an dem Läuten.“ „Ach ja!“ lächelte der fromme Tieck. „Für einen Dichter ist immer Sonntag. Den andern Menschen muß man es ansagen.“

Jetzt erschien auch der junge +Köpke+, sein getreuer Eckermann. Er brachte dem Meister einen Gipsabguß von der Büste seines Königs Friedrich Wilhelms des Vierten. Tiecks Bruder, der Bildhauer, hatte das Original gemacht. „Welch eine schöne Morgengabe!“ dankte der königstreue Sänger dem Jünger. „Was haben Sie noch in der Hand?“ fragte er. „Den Wochenspielplan der Berliner Theater.“ „Ach! Legen Sie ihn hinten zu den ungelesenen Zeitungen in die Ecke! In das Zimmer, in dem einst meine sechzehntausend Bücher standen, die ich in der letzten Woche alle verkauft habe! Weg mit dem Ballast vor der letzten Fahrt! Die Gescheitheit ist uns nur im Wege auf der Reise zu Gott. Wochenspielplan! Was kümmern mich die Herren Gutzkow und Laube! Mich führt doch keine Bühne auf. Man hat mich vergessen. Aber was tut’s? Darum bleibt doch für einen Dichter alle Tage Sonntag.“

E. T. A. Hoffmann

Im Winter des Jahres 1821 bekamen eine Reihe geistvoller und künstlerischer Männer zu Berlin durch die Post eine in zierlichen Antiquabuchstaben geschriebene Todesanzeige zugeschickt, die folgendermaßen lautete:

„In der Nacht vom 29. bis zum 30. November dieses Jahres entschlief, um zu einem besseren Dasein zu erwachen, mein theurer geliebter Zögling, der Kater Murr, im vierten Jahre seines hoffnungsvollen Lebens. Wer den Verewigten Jüngling kannte, wer ihn wandeln sah auf der Bahn der Tugend und des Rechts, mißt meinen Schmerz und ehrt ihn durch Schweigen.“ Der Mann, dem dieser Kater, als er noch springen konnte, gehört hatte, der ihn immer, wenn er schrieb, auf seinem Pulte liegen gehabt und ihm zwischendurch beim Dichten die Funken aus dem Fell gestreichelt hatte, war der Königl. Preußische Kammergerichtsrat Hoffmann, der seit dem Jahre 1816 für tausend Taler im Jahre zu Berlin judizierte und Verfügungen verfaßte.

Dieser höchst sonderbare Mann war unter der Regierung Friedrichs des Großen zu Königsberg in Preußen von zwei merkwürdigen Menschen in die Welt gesetzt worden. Von einem Vater, der es vorzog, seine Familie allein leben zu lassen, und der, nachdem er zwei Söhne hervorgelockt hatte, sich nach Insterburg versetzen ließ, um seine ganze Ehegeschichte wie einen schlechten Roman, den man gelesen hat, gänzlich aus dem Gedächtnis zu verlieren. Zwanzig Jahre lebte der Alte droben an der Inster allein als Kriminalrat mit seinen Akten, seinem Tabak, polnischem Branntwein und saufenden Gutsbesitzern, bis er Anno 1797 starb, und der Sohn nichts anderes über ihn zu sagen wußte, als: „Mancher ist in diesem Jahre gestorben, z. B. mein sogenannter Vater.“

Die Frau zu diesem Manne, die Mutter Hoffmanns, besaß zwei ebenso hartnäckige wie unangenehme Eigenschaften, sie war hysterisch und ordnungliebend. Diese letztere Tugend hatte ihren Mann von ihr nach Insterburg getrieben. Die Hysterie, die sich in stets verweinten Augen und einer roten Nasenspitze bei ihr abmalte, vertrieb ihr den Sohn, dem die stete stumme Predigt ihrer traurigen Augen über das Thema: „Warum hat mich dein Vater verlassen?“ allgemach fatal wurde. So kletterte der kleine possierliche Junge lieber auf den Schoß seiner Tante Sophie, der jüngeren Schwester seiner duldenden Mutter, die eine schöne Stimme hatte und zur Laute die herrlichsten Lieder singen konnte. Oder das Kind machte sich an den Bruder seiner Mutter, in dessen Hause sie wohnten, seinen Vormund und Onkel Ottfried, einen hoch musikalischen, aber völlig vertrottelten alten Sonderling, der trotz seiner Glatze von der wehmütigen Schwester noch stets „Ottchen“ genannt wurde, und der allabendlich, wenn die Kerzen brannten, allein oder mit Freunden Konzerte veranstaltete, wobei er in einem pflaumfarbenen oder zeisiggrünen Rock im Zimmer herumsprang wie die Tasten auf der Klaviatur. Dies waren die ersten lebendigen Eindrücke des Kindes, das später, als es Mann geworden, einmal die bittern Worte schrieb: „Ein schlechter Vater ist noch immer viel besser als ein guter Erzieher.“

So wurde die Musik allein die beste Freundin und Trösterin des einsamen Kindes. Und es ist fast symbolisch für ihn und für sein Leben, daß sein Vater, der mysteriöse Mann zu Insterburg, in der Stunde seiner +Geburt+, um der Mutter die Schmerzen zu erleichtern, und um dem Kinde bei seinem Eintritt das Menschenleben möglichst pläsierlich vorzutäuschen, einen Lautenisten herbeigeholt hatte, der der Wehmutter und dem Säugling einen „Murki“, ein Murmelstück im Baß vorspielen mußte. Von Oheim und Tante verwöhnt, aber mit Musik erfüllt, bezog der Jüngling die damals weltberühmte Universität Königsberg, wo er, wie sein weiland Vater, die Rechte studieren sollte. Es ist ergötzlich, wenn man sich den jungen Hoffmann zu den Füßen +Kants+ vorstellt, dessen Vorlesungen er eifrig besuchte, ohne sie jemals verstehen zu können, und den Humor Gottes sich klarmacht, der diese beiden extremen Geschöpfe erschafft und in diese komische Situation zusammenbringt.

Wie der von uns Erwachsenen sogenannte „Ernst des Lebens“, d. i. die Zeit, wo man sich selbst sein Geld verdienen muß, für Hoffmann begann, zeigte sich, daß in den damaligen unruhigen Zeitläuften, wo gerade Napoleon mit Deutschland Katze und Maus spielte, die Musik ihren Mann fast noch eher ernähren konnte, als die Juristerei. Zumal da Hoffmann, der außerdem, daß er erzählen und mit der Feder wie auf dem Klavier phantasieren konnte, noch die dritte Gabe, zeichnen zu können, besaß. Dieses Talent machte sich bei ihm, dem anfänglichen Assessor zu Posen, in farbigen Karikaturen Luft, die er von seinen Vorgesetzten, um die Akten etwas zu beleben, zuweilen an deren Rand zeichnete. Nun können preußische Beamte einen Spaß oder Stoß von Untergebenen sehr schlecht vertragen, und der Assessor Hoffmann ward, um seine Phantasie etwas trocken zu legen, in ein kleines Nest an der Weichsel versetzt, auf daß er in sich gehe und einsehe, wie man sich als Beamter besser steht, wenn man +keine+ Karikaturen zeichnet.

Um sich in der Polackei nicht tot zu langweilen, heiratete Hoffmann dort eine Polin, ein gutes, treues Weib, die den Humor hatte, zu allem, was der kleine hagere koboldartige Mann trieb, „Ja und Amen“ zu sagen, und die alle Stunden bis zu seiner letzten bei ihm ausgehalten hat. Sie weinte denn auch keine Träne, als ihr Mann den sichern Staatsdienst verließ und sein Glück den Musen anvertraute. Sie folgte ihm, als er als Musikdirektor ans Theater nach Bamberg ging, dorthin, und stopfte ihm die Strümpfe und die üble Laune, wenn er weinend aus einem Stück von Kotzebue heimkam.

Als er das Theater leid bekommen hatte, ging er wieder auf die Wanderschaft und nährte sich zu Dresden -- es war gerade Anno 1813 -- von Karikaturen auf Napoleon, die einen reißenden Absatz fanden. Zum Glück für ihn war justament sein Oheim Ottfried gestorben, der ihm ein paar verstimmte Geigen, etzlich bunte Kleider und einige blanke Taler hinterließ, und Hoffmann konnte, ohne zu verhungern, abwarten, bis Napoleon nach Elba expediert war.

Um die Zeit besann man sich in Berlin wieder auf den früheren +Beamten+ Hoffmann aus Königsberg, der sein Assessorexamen dereinst mit „vorzüglich“ bestanden hatte, und dem, außer daß er zeichnen und musizieren konnte und eine Zeitlang beim Theater gewesen war, nichts Übles nachzusagen war. Man machte drum durch dieses wie durch alles, was unter Napoleon geschehen war, einen dicken Strich, vielmehr man +setzte es in Klammern+, und ernannte Hoffmann zum Kammergerichtsrat. Zumal ein so ehrenwerter Mann wie sein Freund Hippel sich für ihn verwandte, derselbe, der für den König Friedrich Wilhelm III. den „Aufruf an mein Volk“ verfaßt hatte, der also ein Meister darin war, Gegensätze zu vermitteln.

Hoffmann war nun als Kammergerichtsrat wieder ein nützliches Mitglied der preußischen Gesellschaft geworden und versah zum größten Erstaunen seiner nicht dichtenden und phantasielosen Kollegen sein Amt auf das gewissenhafteste. Der Zufall wollte es -- und dies ist der beste Witz in seinem Leben --, daß er, der Dichter der Nachtstücke und Karikaturist, zum Mitkommissarius bei der Untersuchung der sogenannten demagogischen Umtriebe eingesetzt wurde und eine alte ehrliche Haut wie den Turnvater Jahn aburteilen mußte, der sicherlich nachts nur von der Kniewelle, vom Stangenklettern oder dem Riesenaufschwung träumte, während sein Judex, der Kammergerichtsrat, nachts in den Schatten Teufel, Zwerge und Grimassen machende Marionetten sah, von denen er eine ganze Menge mit scheußlichen Höllenfratzen in seinen Schränken gesammelt hatte.

Solche Allotria, wozu auch ein ewiges Gesichterschneiden, seine Lieblingsbeschäftigung, gehörte, trieb der Kammergerichtsrat Hoffmann aber nur, um vor sich und dem Erzschelm, der ihm im Nacken saß, seine Würde ertragen zu können. Daß er eine sogenannte Säule des Staates geworden war, erschien ihm so tragikomisch, daß er jede Nacht in der Weinstube bei Lutter und Wegener darauf trinken mußte, bis er in jene Region kam, wo man vergißt, daß man Justizrat genannt wird und eine Respektsperson ist. So waren ihm die liebsten Abende die „Serapionsbrüderabende“, herrliche Kneipstunden, da sich die Dichter Berlins bei ihm versammelten, und er mit einer weißen Schürze dazwischen stand und unaufhörlich Kardinal, das war ein von ihm erfundenes Gemisch von Rheinwein und Champagner, bereitete. Hatte er sich so in die Hinterwelt der Träume hineingetrunken, so plauderte er stundenlang mit seinem Kater Murr, wie er früher in Bamberg am meisten mit einem Wirtshaushunde, den er „Berganza“ nannte, verkehrt hatte. Oder er schrieb ein Nachtstück oder Phantasiestück nach Mitternacht auf preußisches Aktenpapier und sah seine Gestalten schließlich so lebendig werden, daß seine Frau sich mit dem Strickstrumpf zu ihm setzen mußte, damit ihm nicht der Verstand vor Schrecken scheu wurde und fortflog. Kein Wunder war es, daß er bei einer solchen ungewöhnlichen Lebensweise kein Jubelgreis wurde, sondern, sechsundvierzig Jahre alt, an der Rückenmarksdarre starb und den gleichen scheußlichen Weg wie später Heine zum Tode ging.

Viele Literarhistoriker, die mit moralischen Messern sein Leben sezierten, haben immer wieder geklagt: Was hätte Hoffmann nicht alles erreichen können, wenn er einen besseren Wandel geführt hätte! Wir aber, die wir mit Goethe glauben, daß jedes Menschen Bahn von Anbeginn beschlossen ist, wollen nicht maulen, daß dieser Meteor kein Fixstern war, und daß seine Werke keine lodernden Feuer sind, sondern mehr den elektrischen, phosphorfarbenen Funken ähneln, die er aus dem Fell seines Katers strich, und ihm stets voll Dank wieder Stunden aus unserm Leben schenken.

Schweizer Dichter

(Gottfried Keller und C. F. Meyer)

Wir Deutschen haben mit dem kleinen Verbindungswörtchen „und“ schon oftmals in der Kunstgeschichte einen groben Unfug verübt: Goethe und Schiller, zwei sternweit verschiedene Persönlichkeiten und Dichter, sind durch dieses „und“ für Zeit und Ewigkeit wie auf ihrem Denkmal in Weimar an ein und denselben Lorbeerkranz gebannt. Neuerdings hat man denn auch wohl Nietzsche +und+ Schopenhauer zusammengespannt, was ungefähr so klingt, als wenn man Himmel und Hölle sagt, oder man nennt Ibsen +und+ Björnson, ein Genie und einen talentierten Tagesschriftsteller, kaum ohne eine Unterscheidung zu machen, zusammen. Nicht anders ist es mit Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer gegangen, die man seit den neunziger Jahren immer wie eine Schweizerfirma zusammen im Munde führt. Wiewohl Keller, der Bedeutendere, manchesmal in seiner geraden, groben Art gegen diese Zusammenstellung, die ihn, wie er sagte, zum „ewigen siamesischen Zwillinge machte“, kräftig gewettert hat. Denn außer, daß sie beide Züricher und Schweizer sind, gibt es nicht viel, was sie miteinander gemeinsam haben.

Der eine, +Keller+, gibt die Menschen seiner Umgebung oder früherer Zeiten, wie er sie sah und empfand, gleichsam auf Goldgrund wieder. Wie ein alter Meister der Holzschneidekunst setzt er sich hin und zeichnet umständlich und säuberlich seine Menschlein auf. Er schwindelt nicht, ebensowenig wie Flaubert oder Fontane oder Tolstoi, um die größten Romanciers seiner Zeit zu nennen. Aber er stellt seine Figuren nicht so hart in die Luft wie jene, er malt sie nicht ~en plein air~, roh hin, garstig oder hübsch, bescheiden oder frech. Er geht mit ihrem Bilde, wie er es der Natur haarscharf abgesehen hat, in sein Kämmerlein und zeichnet sie langsam ab wie Dürer oder ein Meister des Mittelalters seine Gestalten, am liebsten noch mit ein paar Schwänzen oder Schnörkeln und möglichst vielen Zutaten. Und da stehen sie, „die drei gerechten Kammacher“ oder „Pankraz der Schmoller“. Stets nimmt er sich Zeit, das macht ihn in unserer nervösen Zeit für viele ungenießbar; oft werden ihm aus einer Geschichte zwei, wie beim „Tanzlegendchen“, oder ein Dutzend und noch mehr, wie im „Grünen Heinrich“, und sein sauberer Chronistenstil trabt, nie gehetzt, aber auch nie gehemmt, an schönen und schaurigen Geschehnissen in gleicher Ruhe vorbei. Und doch ist er nie oberflächlich, sondern sucht allem Lachen und allem Weinen auf den dunklen Grund zu gehen, und wo er am einfachsten ist, wie bei seinen +Frauenfiguren+, wo er nichts hinzuphantasieren und verzieren konnte und mochte, da ist er am schönsten.

Die Welt von +Conrad Ferdinand Meyer+ ist eine ganz andere wie dieses kleine, schlichte, winklige Beisammen der alltäglichen Menschen Kellers: Feldherren und Kardinäle, Courtisanen und Regenten, Verbrecher und Helden leben und welken und sterben in seinen Gedichten und Geschichten, in denen die Zeit der Hohenstaufen und der Reformation oder die Tage Dantes sich widerspiegeln. Die Welt Kellers, in der es +über+ dem Durchschnitt nur noch Originale, keine Heroen gab, wäre seinem von allen Literaturen überfütterten Geist bald zu klein und zu eng geworden. Er, der seinen nicht gerade bedeutenden Namen Meyer mit den kühnen Vornamen „Conrad Ferdinand“ herausschmücken mußte, sehnte sich nach Größe und Heldentum, das er nicht in der Gegenwart, sondern nur in der Vergangenheit entdecken konnte.

Und so verschieden wie ihr Dichten ist auch das Leben und Trachten der beiden Schweizer gewesen: Der Jüngere, C. F. Meyer, war der Sproß einer alten Zürcher Patrizierfamilie, Sohn eines frommen und gelahrten Mannes und einer klugen, hochgebildeten, schwermütigen Frau, die ihrer späteren Gemütskrankheit durch einen freiwilligen Tod im Gebirgswasser ein tapferes Ende machte. Sie hatte den Ruhm ihres einzigen Sohnes, den sie drei Viertel deutsch und ein Viertel französisch erziehen ließ, nicht mehr erlebt. Denn der war ein spät fertiger Mann und wurde neununddreißig Jahre alt, bevor er die ersten Früchte trug: Zwanzig Balladen aus der Historie aller Zeiten und Völker. Als Jüngling und heranwachsender Mann hatte der Sohn, der mit Unliebe wie Goethe und mit noch größerer Unfähigkeit als Heine die Rechte zu studieren versuchte, so jämmerlich wenig versprochen, daß die in ihrem Mutterstolz betrübte Frau, die den Vaterlosen auf ihre Weise erzog, an ihren besten Freund über ihn dieses schrieb: „Er hat kein Ziel und keine Karriere und kann keinen Entschluß fassen. Und ich muß sagen, daß ich von ihm nichts mehr in dieser Welt erwarte.“

Bis zur Gemütskrankheit und zur Irrenanstalt brachte diese jahrelange Entschlußunfähigkeit und Willenlosigkeit den reichen und weichen Jüngling, der mutlos und kraftlos, ein Kolumbus ohne Amerika, ein Bonaparte ohne Kriege, seine Tage nicht anders wie seine Nächte in unfruchtbarem, untätigem Dämmerzustand verbrachte. Da hat ihn die einzige Schwester Betsy, die sich viel besser als die Mutter auf seine Entwickelung verstand, nach deren Tod von neuem zum Leben erweckt. Sie war eigentlich versehentlich durch einen Irrtum vor ihrer Geburt von den beiden Geschwistern die Schwester geworden. Sie hatte das männliche, entschlossene, zupackende Wesen mitbekommen, das dem Bruder fehlte, während er mit seiner zarten, in sich gekehrten Art und seiner nach innen geschlagenen heißen Leidenschaftlichkeit und Sinnlichkeit auf manchen wie ein halbes Weib wirkte. Drum gebührt der Schwester Betsy, die den Dichter in ihm aus seiner traurigen Verpuppung durch ihre Liebe entfaltete, der Kranz, den Minerva den Frauen verliehen hat, die einen Künstler und das delphische Feuer in ihm entzünden und hüten können. Er gebührt ihr mehr noch als der eigenen späten Frau ihres über alles geliebten Conrad, von der Betsy ihm abriet, solang es gehen wollte, und die er, wie er alles eben spät anfing, erst als ein voller Fünfziger heimführte.

Nun sieht die Schwester ihn zum erstenmal mit einem Weib, das auch nachts, nicht bloß tags wie sie, die Stube mit ihm teilen darf, in den besungenen und unbesungenen Süden reisen. In die Provence, die ihm die Dekorationen zu mancher in ihm jetzt keimenden Geschichte gibt, und nach Korsika, des alten Seneca wildem Patmos, das er beim Abschiednehmen zum Dank mit deutschen Weisen feiert. Heimgekehrt in das Land des Firnelichts, des großen stillen Leuchtens, siedelt er sich in Kilchberg, einem Landgut bei Zürich über dem See an. Und dort lebt er das letzte Drittel seines Daseins in behaglicher, sorgenloser Abgeschiedenheit wie ein reicher, schöngeistiger Gelehrter. Freilich lag sein Winkel nicht allzu fern von der Schweizer Hauptstadt, von der er sich allwinterlich wider Willen in ihr kantonales und internationales gesellschaftliches Leben ziehen ließ. Mehr als vierzig Antrittsbesuche hat er an nur einem einzigen Tage gemacht. Und wie viele schönen Stunden wurden damit zugebracht, Karten dieses Inhalts auszufüllen oder zu beantworten: „C. F. Meyer und Frau erlauben sich Herrn Carl Stauffer zum einfachen Abendessen einzuladen.“ Oder: „C. F. Meyer und Frau danken Herrn Eduard Stößli für die liebenswürdige Einladung, der sie gerne Folge leisten werden.“ So mit Menschen lebend und ohne sie schaffend wirkte er wie ein Ausgraber und ein Neubeleber toter Zeiten, ein Schliemann des Mittelalters und der Renaissance, deren Evangelium soeben Jakob Burkhardt zu Basel in klarer, guter deutscher Sprache gepredigt hatte. Kurz vor seinem Tode trübte sich noch einmal das Licht in seinem Kopf, bei dessen Schein er wie bei einer gemütlich brennenden Studierlampe seine Helden und Heiligen aufgemalt hatte, und er ward mit seiner Einwilligung noch einmal auf ein Jahr in eine Nervenheilanstalt geborgen. Aber als dann die schwarze Majestät Mors wirklich fünf Jahre später vor ihn hintrat, da stand er wieder fest und aufrecht auf seinem Kilchberg als anerkannter und gekaufter Autor, als Gutsherr und Familienvater, als Ehrendoktor der Philosophie der Universität Zürich, als Inhaber des königlich bayrischen Maximilianordens und als Ehrenmitglied zahlloser Vereine.

Ganz anders Keller, dessen Leben außer dem, daß auch er wie ein guter Wein erst spät klar und schmackhaft wurde, dem seines Landsmann und Nachbarn so unähnlich ist wie ihre beiden Gesichter. Seine Jugend möchte ich nicht und sollte keiner erzählen aus Respekt vor dem „Grünen Heinrich“, in dem er in Wahrheit und Dichtung sich und das Ringen seiner jungen Jahre abkonterfeit hat. Dieses sein größtes Werk war die Frucht seiner Jünglingstränen und hat ihn belohnt für all sein Hungern und Hoffen und Verzweifeln um „die heilige Kunst“, die ihn schließlich doch aus dem Labyrinthe des Lebens zum Licht geführt hat. Als er nach langen Irrfahrten endlich, siebenunddreißig Jahre alt, nach Zürich zurückkehrte, wo seine treue Mutter den verlorenen Sohn, vor Freude weinend, empfing, war er gerade so weit gekommen, daß er wußte, daß er +nicht+ zum Maler taugte. Fünf Jahre lebte dann der Taugenichts in Zürich herum, ohne etwas Rechtes zu tun, bis auf die andauernde unermüdliche Tätigkeit, die er alle Abende in den Kneipen der Stadt bis zum frühen Morgen entfaltete. Er wäre vielleicht verkommen, wie die „kompakte Majorität“ so hübsch zu sagen pflegt, und an sich selbst zugrunde gegangen, wenn da nicht der Züricher Regierungsrat, als hätte es so kommen müssen, ihn zum ersten Staatsschreiber, einem recht angesehenen Posten des Kantons, ernannt hätte. Man kann sich denken, wie damals in der ganzen Stadt über diesen „Geniestreich“ der Regierung gelacht und geschimpft wurde. „Ein ausgemachter Lüdrian, ein unpraktischer Poet an der Spitze der Verwaltung!“ Keller bewies in fünfzehn Jahren strenger, zuverlässigster Pflichterfüllung, daß man nicht geradezu ein Idiot und ein untaugliches, träumerisches Subjekt im öffentlichen Leben sein muß, wenn man außerdem noch Verse und Novellen schreibt. „Er sei der beste Staatsschreiber der Schweiz gewesen“, haben sogar -- seine Vorgesetzten von ihm gesagt. So wirkte er pünktlich und treu bis zu dem Tage, wo er seinen Abschied nahm, sich einen staatsmäßigen Schlafrock kaufte und dann in stiller Ruhe seine letzten Werke schuf. Der Berüchtigte war mit den Jahren berühmt geworden: Sein sechzigster Geburtstag war ein Festtag für die ganze Schweiz. Viele Reden wurden auf ihn gehalten. Fünfzig Männergesangvereine sangen ihm hintereinander sein Lied „O mein Heimatland“, das zur schweizerischen Nationalhymne geworden war, vor, bis er schließlich unter ein paar kräftigen Flüchen den Saal verließ. -- Zu allem hatte er sich Zeit genommen, und auch zum Sterben nahm er sich gute Weile. Ein Jahr lang siechte er dahin, ganz allein, „eine korrupte Bestie“, wie er sich grimmig schalt. Er war, nachdem er ein paar Körbe bekommen hatte, grimmig lachend und resignierend Junggeselle geblieben, und die brummige Schwester Regula war zu ihm ins Haus gezogen. Nun ließ sie, kurz vor ihm ins Grab gehend, unzuverlässig wie alle Frauenzimmer, ihn für seine letzten Tage noch im Stich und allein. Arnold Böcklin, der späte Freund, den er gefunden hatte, hielt seine Hand, als er starb.