Part 11
Es sind keine Riesen, diese beiden Schweizer Poeten, keine Schöpfer, bei deren Werken einem der Atem vor Bewunderung stockt oder die Seele überquillt. In der Schweiz wächst, die Tüchtigkeit dieses braven, tatfröhlichen Volkes in allen Ehren, außer den Bergen nicht viel Großes. Man hat mir diese letztere Glosse im Lande Tells bös verargt, wie mir zahlreiche Zuschriften schmerzlich bekundeten. Es tut mir wegen des allzu groben Tons mancher dieser Beschwerdeführer fast leid, daß ich nicht verantwortlich für diese Bemerkung zeichnen kann. Sie stammt von +Böcklin+, und ist von ihm in Basel, in der Stadt, wo es nach seiner Ansicht „über vierhundert Vereine und keine vier Menschen gab“, oftmals im Wein und im Ärger herausgesprudelt worden. Und wer es nicht glauben will, der mag die alten Maler fragen, die noch mit ihm dort und in Florenz zechen durften, oder die steinernen Fratzen in Basel. Sie werden es grinsend bestätigen. Aber die beiden Dichter der schönen, der freien Schweiz haben in schlichter Weise als treue Landsknechte der Kunst ehrlich gedient und sind echte deutsche Meister gewesen, denen wir im Reich in jenen Jahren außer dem alten Fontane nichts an die Seite zu stellen haben.
Theodor Fontane
Eine einzige Eigenschaft hat den alten Fontane groß gemacht, eine Eigenschaft, die man, ich weiß nicht, ob auf das Konto seiner Klugheit oder seines Herzens setzen muß, nämlich die, daß er nicht alt wurde mit den Alten, sondern jung mit der Jugend geblieben ist. Und während die, welche mit ihm grau geworden waren, auf ihr Alter und ihre Erfahrung pochend, die Jungen ausschalten und höhnten, die sie von ihrem Platz verdrängen wollten, da hat er fröhlich der Jugend seine alten Hände gereicht und sie gebeten, bei ihnen stehen und mit ihnen leben zu dürfen. Das war sein Eigentümliches, daß er nicht alt und nicht feierlich werden konnte. Er fühlte das schon als Dreißigjähriger, wo er einmal sein kleines zweijähriges Söhnchen, das, wie er voraussah, bald viel älter und würdiger sein würde als sein Herr Papa, andichtete:
„Ach, wenn du dann in Prima sitzt Und unter den Sextaknaben Gewahrest, wie dein Vater schwitzt -- So wolle Mitleid haben.“
Und als er plötzlich später Großvater geworden war, fing er gleich wieder an, mit seiner Enkelwelt jung zu sein und mit ihnen Sorgen und Freuden zu teilen, wie mit dem Enkelkind von ihm, das „vorschulpflichtig“ geworden ist:
„Löschblätter will ich ins Heft ihm kleben Ja, das möcht’ ich noch erleben.“
Sie ist sehr selten gewesen, die sokratische Tugend des alten Fontane, jung zu bleiben mit der Jugend, in der Generation in Deutschland, in der er gelebt hat, der wir 1870 und alles, was wir heute bedeuten, zu verdanken haben. Gerade dies Gefühl des eigenen Verdienstes, das diese Generation haben durfte, mußte sie den Jungen gegenüber, die nach ihr kamen, so überlegen und zäh im Bewahren ihrer Macht und ihrer Stellung machen. Denken wir nur an den Gewaltigsten aus der Zeit, an Bismarck zurück, wie er Wutanfälle und Weinkrämpfe bekam und die Stühle und die Materie um sich zertrümmerte, als er den Abschied nehmen und der Jugend das Feld räumen mußte. Und wie er bis zu seinem Tode noch darunter stöhnte und seine Seele zerquälte, daß er andere an seinem Werke schaffen sah: Die ergreifendste Tragödie, die das Theater der Welt unsern Augen zu schauen gegeben hat. -- Oder, wer entsinnt sich nicht, um die komische Seite dieser alterstolzen Zeit zu nehmen, wie die Dichter von damals und auch die besten unter ihnen, wie Heyse, Geibel und Freytag, immerfort über „den Kot“ zeterten, der durch die modernen Schriftsteller in die Kunst gebracht würde, und dabei stets ihre ästhetischen Forderungen, vor allem die Definition des „Schönen“, herumpräsentierten, ohne daß sich die Menge und Mode drum kümmern wollte. Dagegen war es wieder Fontane unter den Alten, der einsah, daß sich die neue Zeit und die neue Kunst nicht wegräsonieren ließen, der Zola las, den er „scheußlich“ fand, „aber mit verflucht viel Talent“, und der noch in Gerhart Hauptmann den Naturalismus auf unserer deutschen Bühne begrüßte. So ist es gekommen, daß er als Sechzig- oder besser noch als Siebenzigjähriger, denn so alt war er, als er seine bedeutendsten Romane schrieb, während alle seine Jugendgenossen in Apoll längst vertrocknet waren, auf einmal wie ein alter Birnbaum in schöner, rührender Blüte stand.
Wie Ibsen, der gleich ihm sein Eigentliches und Größtes erst in hohem Alter zu sagen hatte, war er in seiner Jugend zunächst auf den Wunsch seiner Eltern Apotheker geworden. Aber er bekam die „Giftbude“ bald satt und faßte nun die „unglaubliche Idee“, wie er sagte, die damals noch sehr selten war, ein Schriftsteller zu werden. Und da die paar Gedichte und Balladen, die er schrieb, ihn und seine Familie nicht nähren konnten, war er gezwungen, Zeitungskorrespondent und Kritiker zu werden, und hat als solcher sein Leben lang vom dreißigsten bis zum siebzigsten Jahre sich abgeplagt und gemüht und auf das Glück gewartet. Er fühlte, er hatte kein Recht, sein Leben ganz an die Sache zu setzen: „Ich bin keine große und keine reiche Dichternatur,“ gestand er, bescheiden wie Lessing, sich selbst, „es drippelt nur so.“ Und darum hielt er den schweren Beruf des Journalisten aus, solange er konnte, und resignierte schließlich an seinem Lebensabend, nachdem er dreihundertmal vergeblich gehofft und gewartet hatte, wie er es mit hübschem Humor in Verse gefaßt hat:
„Dreihundertmal hab’ ich gedacht: Heute hast du’s gut gemacht, Dreihundertmal durchfuhr mich das Hoffen: Heute hast du ins Schwarze getroffen, Und dreihundertmal vernahm ich den Schrei Des Scheibenwärters: „Es ging vorbei.“ Schmerzlich war’s mir dreihundertmal; -- Heute ist es mir egal.“
Das war schließlich das, was bei seinem langen Leben herausgekommen war, eine stille lächelnde Ergebung in sein Schicksal: Nur nicht sich den Hals abjagen nach dem Glück: „Es muß sich dir von selber geben -- Man hat es oder hat es nicht.“ Nur nicht denken, man hätte das Leben +besser+ führen können, wenn man sieht, daß man die Partie verloren hat. Die, die darüber klagten oder stöhnten, pflegte er wie sein alter Briest zu trösten: „Laßt, laßt ... das ist ein zu weites Feld!“ Darum konnte er wie kein anderer mit denen, die ihr Leben für verpfuscht hielten, -- und wie die Welt steht und geht, müssen dies drei Viertel aller Menschen glauben -- leise mitweinen. Und man sieht, namentlich bei seinen schönsten Romanen „Effie Briest“ und „Irrungen, Wirrungen“, den alten Mann vor sich, wie er von seinem Berliner Pult still ans Fenster tritt und hinausblinzelt und tapfer die Tränen verschluckt, die ihm in die blauen Augen getreten sind, die nach Hardens Ausspruch über seinem soliden Gesicht „wie ein Band Goethe in einer Feldwebelstube“ standen.
Seine Natur weist manche Ähnlichkeiten mit Bismarck auf. Er war doch mehr Märker als Gascogner, wenn er sich auch das Gegenteil weismachen wollte. Namentlich in seinen prächtigen Briefen an seine Frau, mit der er fast fünfzig Jahre lang Krieg und Frieden hatte, kann man ihn oft mit Bismarck verwechseln: Familiensinn, Heimatliebe, Nüchternheit im Beobachten und Handeln, unbedingte Zuverlässigkeit gegen Freund und Feind, das sind ein paar märkische Eigenschaften, die beiden gemeinsam waren. Es ist ein Typ, der langsam ausstirbt. Der alte Märker ist tot, und wir haben den modernen Berliner dafür bekommen, was ein recht schlechter Tausch gewesen ist. Der alte Fontane hat diese Wandlung noch miterlebt und hat sie wiederum gefaßt ertragen und gelitten, wie alles, was ihm sein langes Leben gebracht hatte. Zu seinem siebenzigsten Geburtstag war’s, als er auf ein Bankett ging, das man ihm zu Ehren gab. Wen hoffte er da nicht alles zu finden, die von Zitzewitz und von Platen und von Stechlin und von Rammin und wie die märkischen Adelsfamilien sonst noch heißen, die er in seinen Romanen gekonterfeit und gefeiert hatte. Aber nichts von alledem war dort zu sehen; lauter fremde, nichtarische Gesichter umdrängen ihn schreiend und jubelnd, als er eintritt. Da nimmt der Alte resigniert den Arm eines von ihnen, den er kennt und der ihm zunächst steht, und mit den Worten: „Kommen Sie, Cohn!“ läßt er sich von ihm an seinen Ehrenplatz geleiten.
Seine Balladen und noch mehr als diese, seine Romane werden den alten Fontane der Nachwelt bewahren. Wie sein Freund und Nachbar Menzel alles, die ganze Arche Noä, malen konnte, so konnte er, Fontane, alles bedichten: den sterbenden Cromwell, den jungen Bismarck, die schöne Rosamunde, aber auch die Flamingos im Zoologischen Garten, die Müggelberge und die Gegend um Potsdam, so gut wie Chinesen, schottische Könige, Spreewälder Ammen und den Backfisch mit dem Mozartzopf. Die beiden, der Maler und der Dichter, werden bleiben von dem, was Berlin uns zwischen 1870 und 1900 an Kunst beschert hat. Und die Werke des alten Fontane werden über seinem Grabe stehen wie der Birnbaum über dem Sarge des alten Herrn von Ribbeck im Havelland, den er besungen hat, und noch viele Jahre jeden, der davon pflückt, erfreuen und erfrischen.
Rückert
„Nein! Der richtige Ausdruck ist noch nicht da. Verflixt!“ seufzte der Kunstmaler, den der Magistrat der Bezirksstadt Schweinfurt in Unterfranken zur Verfertigung eines Bildes von dem größten Sohn der Stadt, ihrem Ehrenbürger Friedrich Rückert, nach seinem Gut Neuseß bei Koburg entsandt hatte. Zum Gedächtnis des demnächstigen fünfundsiebenzigsten Dichter-Geburtstages sollte dies Bild im Rathaussaal zu Schweinfurt aufgehängt werden. Fast wütend sah der Maler auf die Staffelei, auf der die Leinwand stand. Schon sechs Sitzungen waren ihm von dem greisen Dichter bewilligt worden. Aber der richtige Ausdruck und das Geheimnis der Ähnlichkeit fehlte noch dem aus bunten Ölfarben gemischten begonnenen Entwurf.
Es war ein goldener trächtiger Herbsttag. Ein paar weiße Wolken zogen am blauen Pantheon des Himmels über das Dach des Dichterhauses, wie die großen Gedanken der Menschheit: Gott, Liebe, Leben und Vergehen über die Stirn des Poeten darin gezogen waren. Er selbst hielt gerade seinen gewohnten einstündigen Nachmittagschlaf. Nach ihm erwartete er den Maler zum Kaffee in der Gartenlaube, um ihm vor dem Abend noch einmal zu sitzen. Der Künstler hatte sich inzwischen vor das angefangene Bild gestohlen. Es stand in der Glasveranda des Hauses, weil hier das beste Licht zum Malen war. Mißvergnügt über sein Werk, das ihn noch nicht mit dem warmen Blick des Lebens anschaute, pinselte und strichelte er ein wenig daran herum.
„Könnte man doch dem alten Dichter leibhaftig den Kopf abnehmen an seinen langen schlichten eisgrauen Haaren, die ihm bis auf die Schultern reichen, und ihn dort in den Rahmen für Schweinfurt hineinsetzen!“ grübelte der Maler in seinen unglücklichen Geburtswehen. „Er trägt ohnedies schwer an seinem gewaltigen Schädel, seitdem ihn seine angebetete Frau Luise verlassen hat. Und wenn er keine so starken Knochen hätte, wär’ er wohl schon unter dem Schmerz der Witwerschaft zusammengebrochen, der seinen greisen Pastorenkopf zerknittert hat, wie ein Gewitter ein reifes Ährenfeld. Ein komisches knorriges Gesicht! Zu den ewig gerunzelten Augenbrauen, die ständig auf schlecht Wetter stehen und keins der genossenen Lebensjahre zurückwünschen, will der liebenswürdige ausdrucksvolle Mund nicht passen, der von Weisheiten und Versen überläuft wie ein Brunnen, den das schmelzende Eis des Parnasses nährt. Könnt’ ich nur den richtigen Ausdruck erwischen“, ächzte der Maler, an seinem Handwerk verzweifelnd. Er wandte sich, die neue Sitzung herbeisehnend ins Haus. Das breite sogenannte „Gute Zimmer“ neben der Veranda war von der verstorbenen Frau ganz den Bildern und Andenken ihres Friedrichs vorbehalten. Und der Dichter achtete scharf wie ein kleinstaatlicher Zollvisitator darauf, daß nicht das geringste hier verschoben oder anders eingerichtet würde, wie es seine selige Luise angeordnet hatte. Da hing an der Wand des von den Linden draußen verdunkelten Zimmers des Dichters Silhouette als Würzburger Student der Philologie. Und dort auf dem Nähkästchen seiner Frau über der von ihr fein gehäkelten Decke lagen seine ersten Verse. Seine „Deutschen Gedichte“, die er noch unter dem bescheidenen Namen „Freimund Reimer“ veröffentlicht hatte. Darunter waren seine 46 geharnischten Sonette, in denen er mit papierenem Schwerte Napoleon bekämpft und ihm zweimal die 23 Stiche, mit denen einst die Verschwörer den Cäsar trafen, versetzt hatte, der sonst so friedfertige Jüngling, der zu zart war, um mit in die wirklichen Schlachten hinauszuziehen. Das Hauptzierstück des Zimmers aber war ein großer Kupferstich nach dem Stielerschen Gemälde von Goethe. Mit seinen sonnenhaften Augen schwebte der olympische Vater des ganzen neuen deutschen Dichterhimmels über diesem Raum wie sein Genius über der Poesie Rückerts. Bescheiden wie der Mond, der sein mattes Licht einer stärkeren Leuchtkraft entlehnt, hing darunter die bekannte Zeichnung, die Carl Barth, der Kupferstecher, von seinem geliebten „Rückerto“ gemacht hatte. Sie stammte aus Rückerts römischer Zeit Anno 1817 nach den großen Kriegen, da dort unter dem Vorsitz des für Teutschland erglühenden bayrischen Kronprinzen Ludwig ein geistiges ~Coenaculum~ bestand, dem die Nazarener ihr Öl und die Historiker Niebuhr und Bunsen ihr Salz beimischten. Ein Gedicht in Faksimile hing eingerahmt darunter. Das begann:
„Als wir an der Ponte Molle saßen Und das Leid der Welt im Wein vergaßen ...“
Der Dichter selbst aber sah finster aus seiner Zeichnung herab. Mit dunklen stechenden Augen in schwarzer altdeutscher Burschentracht und mit offenem Kragen, das kriegerische Schnurrbärtchen der Befreiungskämpfer und Sänger um die Lippen. Düster wie Simon Magus war er einst so durch Rom gewandelt, dem er innerlich fremd geblieben war. Ihn hatte es viel mehr nach dem Orient gezogen. Und in Wien, wo dieser beginnt, war ihm weit heimischer zumute gewesen, als an der Tiber, die Goethen beseligte. „Zur Erinnerung an den Winter in Wien“ stand unter der Zeichnung, die an der Wand gegenüber hing. Es war Joseph von Hammer-Purgstall, der erste und größte Orientalist, der den einstigen Freund aus seinem Rahmen anschaute, mit dem Einverständnis aus der gleichen Liebe zum Osten, die sie verbunden hatte, bis sie über die Aussprache einiger persischer Wörter sich nach Professorenweise miteinander verkrachten.
Der Maler, der sich die Vergangenheit seines Dichters an den Wänden seiner guten Stube betrachtet hatte, stöhnte: „Das gibt mir alles nicht mehr den richtigen Ausdruck für ihn“ und begab sich zu der Laube, wo er sein lebendes Modell erwarten sollte. Leise schritt er durch den Garten unter den Bäumen, die der Dichter, der sich nach seinem eigenen Geständnis weit besser darauf verstand, Bäume zu züchten und zu veredeln als Studenten der Philologie und zünftige Orientalisten heranzubilden, meist selbst gepflanzt hatte. Da, wie der Maler in den Seitenpfad zur Laube biegen wollte, sah er den greisen Poeten schon dort liegen. In edler Verdrossenheit und Ungeselligkeit, zwischen den türkischen Bohnenblüten, mit denen die Laube eingefaßt war. Sie nickten ihm freundlich zu, wie die mit weißem Turban oder rotem Fes geschmückten Häupter der morgenländischen Dichter, die er übersetzt hatte, ein Dschami, ein Saadi, ein Dschelaledin Rumi, ein Hariri und Firdusi im Geist ihn grüßen mochten.
Lang ausgestreckt auf seinem Rücken lag er da, des Dorfamtmanns Sohn aus Frankenland, seiner liebsten Gewohnheit gemäß ins Anschauen Gottes versunken, und lauschte auf das Klirren des Bächleins, das an seinem Haus vorübersprang. Die lange Pfeife lehnte neben ihm und mischte ihren Duft mit dem Kaffee, den man ihm gebracht hatte, dem würzigen Getränk Arabiens, wie er sein reines Deutsch mit dem Indischen, Hebräischen, Persischen und Chinesischen vermählt hatte. Auf seinem Schoß lag ein Notizbuch. Darein schrieb der Alte ab und zu mit seiner klaren zierlichen Handschrift, mit der er die gesamte Literatur des Ostens exzerpiert hatte, einen Vers, den er sich leise vorsprach, indes die Hummeln seinen glatten Mund umsummten. Wieviel hunderttausend Reime waren ihm nicht entflogen seit seinem ersten Kindergedicht! Es gab nichts in der Welt für ihn, das sich nicht bedichten ließ: Der Tod eines Kindes so gut wie die Ablehnung einer Einladung oder das Ausfliegen eines Kanarienvogels oder das Heldenmädchen Prohaska oder der Abschied eines Dienstboten oder die Württemberger Verfassung oder ein verstauchter Fuß oder das Frankfurter Rumpfparlament. Auf alles fand er einen Reim. Hatte er doch zum Spaß ihrer sechsundzwanzig allein auf das Wort: „Märchen“ aufgestöbert.
Am liebsten freilich waren ihm die Reime „Mein“ und „Dein“, so wie er als Mann auch stets den Gleichklang auf sein Ich und die Hälfte, die ihm zum Ganzen fehlte, gesucht hatte. Von Agnes Müller, der frühverstorbenen, angefangen über Marielies, die Thüringer Wirtstochter, die er unter dem Blumennamen „Amaryllis“ besang, trotzdem sie ihn verschmähte und seine Gedichte -- o Tod jeder Dichterliebe! -- zerriß, bis zu Luise, der Braut und Gattin, der er seinen vollen Liebesfrühling in den Schoß geschüttet hatte.
„Du bist die Ruh, Der Friede mild, Die Sehnsucht du Und was sie stillt.“
Selbst die weißgestrichenen Pfosten der Laube waren mit Reimen gefüllt, mit ~versus memoriales~, die der Dichter, der außer seinen Briefen keine Prosa schrieb, und der seinem eigenen Geständnis nach nur in Versen denken und fassen konnte, dort hingekritzelt hatte. Neben der Kaffeekanne auf dem Tischchen lagen drei Bände seiner Dramen, die kein Mensch las, außer ihm selber. Im Banne Calderons, der ihm wie der Dämon dem heiligen Cyprian mit magischer Gewalt im Nacken saß, hatte er in ihnen den König Arsak von Armenien, Saul und David, Herodes den Großen, Kaiser Heinrich den IV. und Cristoforo Colombo bedichtet und sich fast krank geärgert, als keine Bühne gierig danach griff. Doch, um den alten Poeten über diese nie vernarbte Wunde zu trösten, stand dicht neben diesen totgeborenen Werken eine Vase voll hundertblättriger Rosen die seine sorgliche Tochter dorthin gerückt hatte und duftete ihm wie die sechs Liedersträuße zu, die er einst im Liebeslenz gewunden hatte.
So lag er dort auf seiner Gartenbank zwischen seinen Blumen, seinen Versen und seinen dramatischen Schmerzenskindern, der ungesellige greise Dichter. Wie ein morgenländischer Zauberer sah er im Schmuck seiner langen Haare aus, indes seine knochigen Wangen noch von dem Wein, den er beim Mittagsmahl genossen hatte, wie die des Hafis gerötet waren. „Könnt’ ich ihn so aus der Natur wegstehlen“, dachte der Maler, der ihn lange von ferne betrachtete, den weisen Brahmanen, der Verse fangend in den Himmel schaute. Um das ländliche Bild des Stillebens eines deutschen Dichters zu vollenden, spielte sein Enkeltöchterchen, ein kleiner Blondkopf, um ihn herum. Sie wartete darauf, daß er ihr ein Märlein von dem Bäumchen, das andere Blätter gewollt, oder vom Büblein, das überall hat mitgenommen sein wollen, erzählte. Jetzt reizte das goldene Medaillon an der Uhrkette des Großvaters besonders ihre Neugier. Listig und leise machte sie sich an ihn heran, der mit den poetischen Geistern der Luft zu sprechen schien. Vorsichtig öffnete sie das Schlößchen, das die beiden Goldkapseln zusammenhielt. „Wer ist das, Großväterchen?“ rief sie, erstaunt auf die beiden Bildchen blickend, die darin waren. Sanft erschrocken, schaute der greise Dichter zur Seite. Er sah seine über alles geliebte Luise als Braut und als Silberbraut in den Händchen der Kleinen und einen Schimmer der Ähnlichkeit mit seiner Frau auf dem Gesichtchen der Enkelin leuchten. Die Tränen traten ihm in die Augen. Und jetzt -- das war der richtige Ausdruck für den greisen Dichterkopf, wie der Maler ihn suchte -- jetzt legte der Gottesfürchtige seine morsche Hand zum Segen auf den blonden Scheitel der Kleinen und flüsterte mit seiner immer leisen Stimme:
„O wie liegt so weit, o wie liegt so weit, Was mein einst war!“
Geibel
„Das soll mir einmal einer nachmachen von diesen Jungen, die sich heute auf der deutschen Schaubühne herumlümmeln und der anständigen Kunst die Luft wegnehmen, die wenige, die ihr die seichte, zuchtlose, französische Schwankliteratur übrig läßt, Gott sei’s geklagt!“ Der Mann, der das sagte, war ein bleicher Sechziger. „Unser Geibel“ nannten ihn seine Lübecker. Er trug eine violette Samtjacke und ein schwarzes Samtkäppchen, unter dem sich zu beiden Seiten und nach hinten schöne Reste kühn geschwungener weißer Locken hervortaten. Er saß auf einem roten Plüschstuhl. In der einen Hand hielt er ein Manuskript, dessen Goldschnitteinband in dem Licht der roten Ampel glänzte, die auf dem Sekretär neben ihm brannte. Mit der andern Hand schlug er zuweilen zur rhythmischen Begleitung der Verse, die er vortrug, oder auch zur Bekräftigung seiner Ansichten auf die mit zwei Löwenköpfen aus Messing geschmückte Armlehne seines Plüschstuhles. Jetzt fuhr er fort, aus dem sauber und deutlich wie ein hanseatisches Konossement geschriebenen Manuskript in seiner Linken vorzulesen, in das er freilich kaum hineinzublicken brauchte, so geläufig waren ihm die Verse.
+Brunhild+: Nieder in den Staub, du Schlange, die mit gift’ger Zunge sticht!
Lügnerin!
+Kriemhild+: Die Wahrheit sprach ich und dein Grimm verlöscht sie nicht!
+Brunhild+: Schweig! Wie Flaumen in die Lüfte blas’ ich deiner Märchen Bau.
+Kriemhild+: Glauben willst du nicht dem Worte, rasend Weib, wohlan, so schau! Kennst du diese Doppelspange: Dir vom Gürtel kam sie nie! Bis der Held dich unterjochte -- -- --
+Die Jungfrauen+: Wehe! Wehe!
+Kriemhild+: Kennst du sie?
+Brunhild+: Gaukelspiel der finstern Mächte!
+Kriemhild+: Antwort gib!
+Brunhild+: Wie Rabenflug Schwirrt es düster mir vor Augen. Aber nein! Es ist ein Trug Du entwandest sie!
+Kriemhild+: Du wagst es?
+Brunhild+: Räuberin!
+Sigrun+: Laßt ab vom Streit! Dort vom Schlosse naht der König.
+Kriemhild+: Wohl! Er kommt zur rechten Zeit.
„Das soll mir einmal einer nachmachen von diesen Dichterlingen und modernen Schmierfinken, die unser Theater schänden!“ unterbrach der Dichter seine Vorlesung. „Das ist echt dramatisch. Nicht zum Einschlafen langweilig wie das Stabgereime eines Richard Wagners, bei dem einem übel werden kann wie Gunthers Weibe in seiner verblasenen Götterdämmerung! Vermutlich weil sie das endlose Vorspiel der drei Nornen auf dem Walkürenfelsen mitanhören mußte. Die ganze hehre Edda ist uns durch diesen unsittlichen Sudelmusikanten verzerrt und in den Kot gezogen worden.
Auch meine Szene ist gewagt, ich geb’ es zu. Aber der gewaltige Dichter des Nibelungenliedes hat sie nun einmal überliefert. Und ich glaube, daß ich nicht gestrauchelt noch ausgeglitten bin, wie es leider einem Hebbel an solchen schlüpfrigen Stellen zuweilen widerfahren ist. Selbst den Gürtel, den er, dem Liede folgend, die rasende Kriemhild der Nebenbuhlerin vor dem Münster zeigen läßt, hab’ ich als anstößig vermieden und geb’ ihr nur seine Doppelspange. Was auch nur im kleinsten über die Grenzen des Sittlichen hinausschweift, ist nicht mehr ‚+schön+‘ nach den ewigen Grundbegriffen der Ästhetik. Irret euch nicht, ihr herumvagierenden Ritter der Moderne! Gott läßt seiner nicht spotten. Hab’ ich nicht recht, meine Lieben?“
Sein kleines Auditorium, das wie gewöhnlich aus seiner einzigen Tochter Marie, ihrem Manne, dem soliden Rechtsanwalt Doktor Fehling, und seiner rührend um ihn besorgten Nichte Bertha bestand, beteuerten mit Kopfnicken, Brummen und Zärtlichkeiten die Richtigkeit seiner Behauptungen und Befürchtungen. „Item, ich fahre fort“, kündigte der Alte jetzt als sein eigener Heroldsruf mit erhobener Stimme an: „+Gunther+ tritt auf im königlichen Schmucke.
+Gunther+: Welch ein Zwist! Wer ist’s, der frevelnd unsrer Hofburg Frieden brach?
+Brunhild+: Schütze, räche mich mein Gatte, räche deines Weibes Schmach!
+Gunther+: Was geschah?