Part 12
+Brunhild+ (weist auf Kriemhild): Es spricht die Stolze -- meine Lippe bebt vor Scham, Daß nicht deine Kraft, daß Siegfried mir zur Nacht den Gürtel nahm.
+Gunther+: Wort des Unheils! Wehe!
+Sigrun+: Wehe, daß du diesen Zwist begannst!
+Brunhild+: Brich die Lästrung! Richte! Räche!
+Kriemhild+: Straf’ mich Lügen, so du kannst!
+Brunhild+: Ha! Du schweigst? Du zögerst? Rede! Bei der Hölle Pforten, sprich! War es Siegfried?
(Gunther schweigt)
+Die Jungfrauen+: Wehe! Wehe!
+Kriemhild+: Sein Verstummen richtet dich.“
Der Dichter hatte seine Stimme, so sehr er konnte, entfaltet. Wie Theater-Donnerrollen dröhnte es durch die niedrige Lübecker Wohnstube. Aber plötzlich brach er ab und heftete seine funkelnden blauen Augen angstvoll ins Leere. Die Krankheit, die ihn allnächtlich um die elfte Stunde wie ein stygischer Schatten heimzusuchen pflegte, trat heischend hinter ihn und nahm ihm die Kraft, weiter zu deklamieren. Nur ein paar Bekräftigungen seiner selbst ließ er, den das Glück überall, nur nicht auf dem Theater angelächelt hatte, noch gegen die Dämonen der Zweifelsucht los: „Was! das ist dialektisch gebaut! Ein Äschylus würde sein Ergötzen daran haben. Traun! In der Form steh’ ich hinter keinem zurück. Wie knapp Rede und Gegenrede aufeinander folgen! Meist nur in einem Vers! ‚Stichomythie‘ nannten das die Griechen. Schade, daß ich nicht mein eigener Kommentator sein kann! Ich könnte mehr aus meinen Werken herauslesen als Bulthaupt von Bremen und dieser naseweise Freytag. Ja, ja! man muß scharf zusehen bei mir, meine Herren Kritiker! Die Stelle, die ich euch vorlas, bedeutet die Peripetie des Dramas, den vorgeschriebenen Wendepunkt im Schicksal der Heldin, das von nun an der Katastrophe zueilt. Ihr könnt euch den Aufbau meiner Stücke an einer Pyramide klarmachen.“ Er zeichnete mit zitternder Hand eine solche Figur in die Luft. „Seht ihr! Das war die Spitze, zu der ich meine Brunhild führte. Jetzt geht’s bergab mit ihr. ‚Αὖτις ἔπειτα πέδονδε κνλίνδετο λᾶας ἀναιδής‘, wie Allvater Homer singt, was unser plumper alter Voß, vergröbernd wie immer mit: ‚Hurtig wie Donnergepolter entrollte der tückische Marmor‘ übersetzt hat. Ich hätte ihm gerne die Hand führen mögen bei manchen Versen des Joniers, meinem Nachbarn, dem etwas grobschichtigen Alten von Eutin.
Hab ich’s euch recht gemacht mit meinem Vorlesen? Ich sag’ euch, die Ziegler selbst ist zu matt an dieser Stelle, die freilich die Kraft einer Göttin verlangt. Wahrlich! stellt das nicht alles in den Schatten, womit sich dieser wabernde, wollustwühlende, wahnwitzige Wagner an den Nibelungen versündigt hat?“
Die Nichte gab heimlich über seinem Kopf den beiden andern das Zeichen zum Aufbruch. Allzu große Aufregung verschlimmerte die nächtlichen Leiden des Onkels. Das wußte sie aus peinlicher Erfahrung. Tochter und Schwiegersohn verabschiedeten sich denn auch unter den üblichen Beifallsbestätigungen. „Nun? Bin ich wieder einmal zu heftig gewesen, mein Nichtchen?“ meinte der greise Dichter, als sie beide allein waren, schelmisch lächelnd. „Hab’ ich diesen Wagner wieder ~ad posteriora~ vorgenommen? Schon recht, ~Mimosa pudica~! Reich’ mir nur die Büchse her. Ich verurteile mich selbst zu dem üblichen Strafschilling.“
Er ließ, noch immer neckisch, eine Mark in die von der Nichte ihm vorgehaltene Sparbüchse fallen. Es war dies das Strafgeld, das er für jede in Gegenwart von Damen gemachte gewagte Äußerung in seinem Hause eingeführt hatte. „Da ist mein Obolus“, fügte er hinzu, und sein Gesicht bekam plötzlich einen sinnenden Ausdruck, als wäre ihm bei dem harten Fall des Geldstückes zu Bewußtsein gekommen, wie bald er so dem Charon das letzte Fährgeld über den Totenstrom zahlen müßte.
„Umsonst entziehn dem blutigen Mars wir uns, Dem Wogensturz der heulenden Adria, Umsonst zur Herbstzeit ängstlich meiden Wir den verderblichen Hauch des Südwinds. Wir sehn trotzdem durchs Dunkel den stockenden Kocyt einst schweifen -- -- -- --“
wie sein geliebter Horaz, dessen fünfzig schönste Oden er übersetzt hatte, seinem Postumus klagt.
Die Nichte hatte behutsam die gestrickte Decke von den Knien des Onkels fortgezogen, der sich nun, von ihr gestützt, ächzend aus dem weichen Plüschstuhl erhob. „~Eheu fugaces, Postume, Postume labuntur anni!~“ sprach er, nachdenklich die langsam verblühenden Wangen der Nichte tätschelnd. Sie wandte sich etwas frierend von seiner kalten Hand zum Mahagoni-Büfett, einen silbernen Teelöffel aus dem Dutzendkästchen für den Grog des Onkels zu holen, der ihm vor der Nachtruhe an sein Bett gebracht werden mußte.
Langsam ging der greise Poet seinem Schlafzimmer zu. Vor dem lebensgroßen Ölbild seiner verstorbenen Frau Ada Geibel, geborenen Trummer, blieb er wie jeden Abend zu einer kurzen Andacht stehen. Im Reifrock der Mode von 1850 aus blauem Taft mit breiten Volants hing sie dort, wie ein Engel schon über ihm schwebend im Reichtum ihrer Locken, die, wenn sie losgeschürzt waren, wie ein schwarzer Wasserfall ihr bis an die Knie gereicht hatten. Sie schaute mit ihren braunen Rätselaugen an ihm vorüber in das Himmelreich, in das sie ihm vorangegangen war. Nur drei Jahre war sie sein gewesen. Aber er war ihr treu geblieben, er, der Pastorensohn. Über die Jahrzehnte hinaus, die sie jetzt von ihm trennten. „Anders wie jener französierte Heine, der aus seinem Herzen einen Rangierbahnhof gemacht hat!“ knurrte er in seinen geschweiften Knebelbart. Sein Fuß stieß an die Laute, die an die Palmen und Blattpflanzen vor ihrem Bilde gelehnt war. Sie klang wie das gebrochene Herz der Sappho auf Mytilene auf Lesbos. Seine müden Augen, die einst in seiner Jugend, da er noch Hauslehrer in Athen gewesen war, Marathons Ebene und das Felsengestade von Salamis und das goldrostige Marmorgebälk der Akropolis geschaut hatten, blieben an dem Ölgemälde Oswald Achenbachs: „Ein Abend in Sorrent“ haften, das neben der Tür zu seinem Schlafgemach hing. „Sonderbar! Daß ich niemals in Rom war!“ sagte er, halb zur Nichte gewandt. Und eine Feuerbachsche Sehnsucht nach dem Land voll Sonnenschein glomm in ihm auf. Aber er korrigierte sich alsbald: „Freilich fürwahr, wer die Antike aus erster Hand genossen hat, mag sie nicht mehr als Kopie aufgetischt bekommen.“ Die gemütvollen Straßenlampen der Marzipanstadt blinzelten ihrem Hofpoeten bestätigend durch das Fenster zu. Er schickte sich an, sich zur Ruhe zu begeben, soweit das schmerzvolle Darmleiden, das er seit seinem Aufenthalt in Griechenland hatte und das ihn regelmäßig außer den Mittags- und Abendstunden wie der Geier den Prometheus heimsuchte, sie ihm vergönnte. „Gute Nacht, Nichtchen!“
Aber sie hatte noch ein Anliegen: „Fräulein Froböse möchte wissen, wie dir der erste Aufzug ihres Trauerspiels gefallen hätte, und ob sie es weiterdichten sollte.“
„Richtig“, sagte er, schon in der Türe zu seinem Schlafzimmer stehend, und begann lächelnd, wie er es oft in jüngeren Jahren im Lübecker Ratskeller getan hatte, aus dem Stegreif in Versen zu sprechen:
„Beinah hätt’ ich’s schier vergessen, Deine Freundin zu erfreuen, Morgen werd’ ich es bereuen --“
Doch er war zu müde noch einen Reim zu suchen. Er dachte zitternd, daß bald der Tod ihn mit dem Wort „Zypressen“ finden und Dichter wie Gedicht damit zudecken würde. „Gott wird’s füglich fertig machen!“ sprach er unter einem halben Gähnen. „Gott wird alles fertig machen, sag’ ihr das, was von uns hier nicht vollendet und nicht gut gemacht worden ist. Alles, bis auf Bismarcks Werk!“ Er lüftete leise sein Samtkäppchen ihm zu Ehren, er, der Herold des neuen deutschen Kaiserreiches. „Denn das ist vortrefflich geraten und bedarf keiner Verbesserung! Ehre sei Gott in der Höhe! Gute Nacht!
Du magst mir noch etwas auf der Laute vorspielen, wie der Knabe dem Scipio vor seinem Zelt in meiner herrlichen ‚Sophonisbe‘. Ich werde dabei, soweit mein Darm es zuläßt, von Griechenland träumen.“
Wilhelm Busch
Eine Silhouette von ihm, zu seinen +Lebzeiten+ geschnitten.
Wiedensahl, das Dörfchen, in dem Wilhelm Busch geboren und gestorben ist, ist ein Flecken in der Provinz Hannover mit einer Handvoll Häusern, die friedlich dastehen, rote Ziegeldächer als Hüte über den Kopf gestülpt oder dicke, moosbedeckte Strohkappen schief aufgesetzt. Ein Bächlein fließt um das Dorf herum, auf dem im Sommer und im Winter, wenn es nicht, um sich nicht zu erkälten, eine Eisdecke übergezogen hat, die Enten und Gänse fröhlich ohne Unterschied des Geschlechtes zusammen baden. Fette Wiesen und herrliche dunkle Tannenwälder umrahmen das Bild. Den Dampf und die Elektrizität kennt diese jenseits der Eisenbahn gelegene Idylle noch nicht. Und als es geschah, daß zum erstenmal ein Automobil wild die Gegend durchfauchte, schrien die Bauern: „Der Düvel ist gekommen und will den Wilhelm Busch holen.“ Man wäscht sich dort an der Pumpe, man liest die Zeitungen von vorgestern, und Musik nennt man dort, wenn der Viehknecht abends ins Horn trötet, daß die Kühe von der Weide heimkehren sollen. Gleichwohl läßt es sich im Sommer, wenn die Wiesen dick voller Blumen stehen und in der Sonne strahlen wie ein Pfauenschwanz, und wenn die Vögel alle zusammen musizieren, ohne je aus dem Takt zu kommen, dort ebensogut leben wie in Berlin. Und selbst im Winter, wenn an den Fenstern die weißen Eisblumen blühen und es draußen friert, daß die Steine heulen, und man drinnen bei Rheinwein oder wenn’s zu kalt wird, bei altem Nordhäuser sich tröstet, kann man das Dasein dort ebensogut ertragen wie in Rom oder in Florenz. So dachte auch Wilhelm Busch, als er am 15. April 1832 in Wiedensahl zur Welt kam:
„Kaum, eh’ man sich’s recht bedacht, Schlupp! Ist man zur Welt gebracht.“
Sein Vater war der Krämer des Dorfes, der schwarze Seife, Talglichter, Salz, Karamellen, Streichhölzchen und Bindfaden verkaufte. Und sein Weib half ihm tapfer dabei. Die Großmutter nahm sich des Kleinen an, da die Eltern, wie gesagt, Besseres und mehr zu tun hatten, als Kinder zu weiden und groß zu ziehen. Die Alte, die, wie die Leute über siebenzig Jahre gewöhnlich, nicht mehr viel schlafen konnte, stand mit Herrn Busch jun. in der Frühe auf, schob ihm ein Stück Pumpernickel in den Mund, damit seine Zähne sich amüsieren konnten, und steckte das Herdfeuer an. „Besonders im Winter“, erzählt Busch einmal, „kam es mir wonnig geheimnisvoll vor, so früh am Tage schon selbstbewußt in dieser Welt zu sein, wenn ringsumher noch alles still und tot und dunkel war. Dann saßen wir zwei, bis das Wasser kochte, im engen Lichtbezirk der pompejanisch geformten zinnernen Lampe, sie spinnend, ich spielend oder später aus dem Gesangbuch schöne Morgenlieder lesend.“ Als der Junge größer geworden war und etwas werden mußte, schickte man ihn, während die Großalte sich indessen zu ihren Müttern versammelte, auf die Hochschule nach Hannover. Aber es erging Busch wie allen wählerischen Leuten, er konnte und konnte den Beruf nicht finden, der auf dieser Welt für ihn paßte. Und schon war er nahe daran, sich mangels Beschäftigung aufzuhängen, als ihn ein Freund mit den Worten: „Maler kannst du immer noch werden!“ an die Akademie nach Düsseldorf wies. Hier saß er ein Jahr im Antikensaal ab und wollte gerade vor Langeweile sterben, als ihm einfiel, daß man, wenn man den Rhein hinunterfuhr, nach den Niederlanden kommen müßte. Er machte sich daher auf. Und hier von den Bildern von Brouwer, Teniers, Frans Hals und anderen bekam er wohl die erste Anregung zu seinem späteren Schaffen. „Ihre göttliche Leichtigkeit der Darstellung malerischer Einfälle, ihre Unbefangenheit eines guten Gewissens, welches nichts zu vertuschen braucht, haben für immer meine Liebe und Bewunderung gewonnen“, gesteht er selbst.
Als letzten Studienort hat er sich dann München erwählt, wo er allerdings mehr im Künstlerverein als in der Akademie saß, und wo die „Fliegenden Blätter“ das erste Bild und die ersten Verse von ihm brachten. Dann ging’s wieder für immer der Heimat zu. Über Düsseldorf. Dort führte man ihn, der damals ob seines trockenen Humors in Malerkreisen schon allgemein gefeiert wurde, jubelnd in den Malerverein „Malkasten“, in der Hoffnung, daß dieser Märchenprinz aus Genieland dieses verschlafene Dornröschen wachküssen würde. Aber man war bitter enttäuscht von ihm; kein Spaß entschlüpfte inmitten der porzellanenen Honoratioren seinem Munde. Endlich stand er auf und klopfte ans Glas: Alles fuhr auf. „Wilhelm Busch wird reden“, und hundert neugierige Augen sahen ihm auf den Mund, in Erwartung, was da herauskommen würde: „Kellner! Noch einen Schoppen Mosel!“ sagte er und schwieg damit definitiv.
Am andern Morgen fuhr er in die Einsamkeit nach Wiedensahl und schrieb und malte dort ganz allein, „ohne wem was zu sagen“, wie er sich ausdrückte, alle seine schönen Bildergeschichten auf. Und als es ihm genug schien, schwieg er so beharrlich, wie damals im Düsseldorfer „Malkasten“, und lebte friedlich in Wiedensahl bis auf den heutigen Tag, auf keine andere Unterhaltung angewiesen als auf Bücher, Bauern und das Jägerlatein des Försters am Abend in der Waldschenke. Er hat sich niemals feiern lassen, und während andere berühmte Jubelgreise sich zu ihrem siebenzigsten Geburtstag unter Tränen anreden lassen oder im Kreise der lieben Ihren sitzen, tiefgerührt den Enkel auf dem Schoß, bis dieser, ohne Respekt vor jenem Tag, sich unmanierlich benimmt, floh Wilhelm Busch damals allein in die einsamen Tannenwälder, die Gott sei Dank noch nicht das Reden gelernt haben. Früher las er viel im Darwin und Schopenhauer, und abends, wenn die Leute in den Großstädten Offenbach oder Blumenthal anhören, oder sich darüber freuen, daß einer seiltanzen kann, ohne sich die Beine zu zerbrechen, dann holte er sich Shakespeare und las sich bei der Lampe darin so glücklich, als wenn er im Frack in der ersten Loge der Oper gesessen hätte.
Heutzutage, wo die Augen schon matter geworden sind, spielt er lieber mit den Kindern herum oder sieht im Sommer den Bienen zu, die ihm noch interessanter sind als eine Reichstagswahl, und raucht dabei Tabak, soviel er paffen kann, und hüllt sich wie Zeus in blaue Wolken ein. Und über kurz oder lang wird er eines nicht schönen Tages sterben, wenn es einmal acht Tage hintereinander in grauen Streifen geregnet hat, oder das Bier im Faß erfriert, und man rechte Lust auf das Grab bekommt, wo man nicht mehr naß und kalt wird, und länger als acht Stunden hintereinander schlafen kann, ohne von irgendeiner verfluchten Pflicht geweckt zu werden. Und seiner Schwester Sohn, der Pfarrer in Wiedensahl ist, wird ihn zur Ruhe bringen und über seiner Gruft folgende Predigt halten: „Hier ruht in Gott und in Erde Wilhelm Busch, ein lachender Philosoph, der letzte große Humorist, den wir Deutsche hatten. Denn die bis dato nach ihm kamen, verdienen leider nicht den Namen. Amen!“
Homer
Der preußische Oberlehrer Traugott Semmelbart war gerade im Begriffe, den Schülern seiner Oberprima die Schönheiten und Schwierigkeiten der ionischen Sprachformen am siebzehnten Gesang der Ilias, der vom Streit um die Leiche des Patroklus handelt, zu beweisen und zu erläutern. Sie waren eben an der Stelle, wo es den griechischen Helden gelingt, den nackten Leichnam, dem Hektor die herrliche goldene Rüstung Achills von den Schultern gerissen hatte, fortzuschleifen, und wo ihr Dichter sie den Trauermarsch zum Zelte des Achills antreten läßt. „Der Vers 722 war falsch skandiert! -- Außerdem haben Sie später den Konjunktivus Aoristi mit dem Imperativ verwechselt und in Vers 730 den Genitiv Singularis mit dem Dativ Pluralis. Noch einmal die ganze Stelle von vorne!“
Also war des Oberlehrers Zensur ausgefallen, und der Oberprimaner begann von neuem an den ionischen Versen Homers herumzubohren, zu sägen und zu hobeln. Die Sonne Homers aber, die draußen schien, schaute diesem fast noch mühevolleren Streite um die versifizierte Leiche des Patroklus lächelnd durch die Fenstergitter zu und leuchtete gerade auf die Stirne des an der Spitze der Klasse kämpfenden Oberlehrers. Und siehe, unter ihrem Strahl geschah etwas Wunderbares, etwas, was sich die alten Griechen nur unter der Einwirkung oder durch das Dazwischenkommen irgendeines Gottes hätten erklären können. Traugott Semmelbart unterbrach plötzlich seinen Schüler, klappte das Buch zu, stieg auf sein Katheder und hielt hinter seiner Brille unvermutet eine Ansprache:
„Liebe Schüler! Wir plagen uns nun seit zwei Uhr über dem Optativ, den Synkopen, den Akzenten, den Endungen und dem ganzen Formenreichtum der griechischen Sprache nicht anders, wie Menelaus und die beiden Ajas gegen die Trojaner in Schweiß geraten sind. Es ist meine Pflicht, Ihnen an der Hand des Homer die griechische Sprache zu verlebendigen. Aber, nehmt’s mir nicht übel, ich habe manchmal das schlechte Gewissen, als ginge der alte Homer dabei zu Tode. Vor lauter Nachdenken über alle die schwierigen Worte sehen Sie schließlich die Bilder nicht mehr, die dahinter stehen, und um derentwillen kennen wir Heutigen doch nur unsern Homer, dessen Sprache tot ist gleich der Akropolis. So lassen Sie mich Ihnen denn in dieser Stunde einen einzigen Rat für Ihr ganzes Leben erteilen. Der lautet: Vergessen Sie den Homer +nach der Schule nicht+! Dies griechische Buch, was Sie da in Händen halten, das mögen Sie meinetwegen als Studenten schon verkaufen, um Bier oder Tabak daraus zu machen. Das bißchen Jonische, das ich Ihnen eindrillen kann, verlieren Sie ohnedies nach dem dritten Semester. Denn ich möchte den sehen, der, wenn er nicht wie ich Altphilologe geworden ist, mir nach zehn Jahren noch einen einzigen Vers aus der Ilias oder der Odyssee ohne Wörterlexikon übersetzen könnte!
Nein, nicht um des Griechischen willen sollen Sie unsern Homer mir nicht vergessen. Dieser Honig ist nur für die letzten Feinschmecker bereitet. Sondern um seiner Kunst willen sollten Sie später, wenn Sie nicht mehr an der Schulbank kleben, den Homer in dem körnigen Deutsch des klugen Vater Voß immer von neuem genießen. Denn sein ist die Kraft und der Reichtum und die Herrlichkeit in Ewigkeit, und solange es Menschen gibt, die dichten müssen, wird Homer der erste ~praeceptor poetarum~ bleiben. Goethe nahm seine ‚Odyssee‘ noch als Fremdenführer mit nach Italien und las, als er um Siziliens felsige Küste herumfuhr, die Abenteuer des klugen Dulders mit dem Zyklopen Polyphem. Er wußte, daß der alte Homer, der Schöpfer der ganzen griechischen Kultur, die Fibel ist, vor die man die Dichter setzen soll, ehe sie eine Nähnadel zu beschreiben anfangen.
Denn -- und dieses können Menschen unter dreißig Jahren noch nicht würdigen -- seine Kunst, Menschen und Gegenstände zu schildern, ist bis zum Ende der Welt meisterhaft. Unter blauem Himmel hat er alles gemalt, was es gibt, Segelschiffe, Pferdegespanne, Schilde, Waffen, Meierhöfe, Mauern, Kleider, Webstühle, Flüsse, Meere und Berge. Man muß nur daran denken, wie er die Dinge, die er beschreibt, zusammensetzt: Einen Helden im Kriegskleid läßt er sich vor uns gürten und Stück für Stück ankleiden, da steht er. Ein Schiff im Wind auf dem Meer läßt er vor uns im Hafen langsam aufbauen, da fährt es. Einen Hund, der uns interessieren soll, läßt er vor uns aufleben von seinem ersten Tage an bis zu seinem letzten, daß wir wie auf ‚du und du‘ mit ihm stehen und traurig werden wie beim Tode des alten Attinghausen, wenn er verlassen und vergessen auf dem Miste liegt und beim Anblick seines nach zwanzig Jahren heimkehrenden Herrn, des Odysseus, den kein Mensch erkennt, schwach mit dem Schwanz wedelt und dann vor Erschütterung stirbt.
Niemals aber kommt es vor, daß sich Homer an seinen Gegenstand verliert, weil er der naivste und darum der größte Dichter ist, den die fünf Erdteile besitzen. Nicht kalt steht er bei seinen Geschöpfen. Mit allumfassender Liebe sieht er alles an, den strahlenden göttlichen Helden Achill, wie die kriechende, sterbliche Schildkröte auf dem Sande davor. Und so wird alles warm für uns unter seiner Hand, das Größte wie das Kleinste. Darum vielleicht dachten sich ihn die Griechen blind, weil er nichts und niemanden bevorzugt und keinem andere Farben mitgibt, als er im Spiegel hat.
Wie aber sind die Menschen, die er geschaffen hat? Es wäre leicht, +nur das Schlechte+ an ihnen aufzuzählen: So wäre sein Agamemnon geizig und feig, der Achill jähzornig und neidisch, Ajas dumm und furchtsam und die Helena schwach und sinnlich zu nennen. Ja selbst sein Himmel wimmelt von menschlichen Leidenschaften völlig unterworfenen Göttern, und sein Zeus ist ein schlimmerer Sünder, als sich das Mittelalter den Teufel vorstellte. Und wenn man seinen Olymp mit Luzians und Offenbachs Augen anschaut, wird im Nu eine Parodie daraus. Und doch sieht man seine Geschöpfe darum, weil er sie nicht verschönt und weiß oder schwarz angestrichen hat, heute noch atmen und mit den Augen rollen, seine Heroen und Götter und Frauen, wie man von den Bildwerken der Antike sagt, daß sie nachts in den Museen aufwachen und miteinander griechisch reden. Homers Himmel kennt keine Heiligen und seine Erde keine Idealgestalten als Menschen, die leben, wie sie sind, ohne Scham und ohne Reue, einzig nur das +griechische+ Gewissen kennend: ‚Erkenne dich selbst und halte dein Maß!‘
Alles dieses aber zu fassen, zu verstehen und zu würdigen, reicht das Gehirn von Achtzehnjährigen noch nicht völlig aus. Und darum, liebe Schüler, ich beschwöre euch“ -- und hierbei klang des Oberlehrers Stimme so einschmeichelnd und verführerisch, wie die Harfe im Palast des Odysseus zum Schlemmermahl der Freier oder die Laute der Sirenen, die den heimsegelnden Helden süßer als Vogellieder verlocken wollen --: „Vergeßt den Homer nicht im Leben und lest bisweilen in ihm, ihr mögt als Supernumerare, Schriftsteller, Pastöre, Ingenieure oder Offiziere endigen! Laßt euch von ihm begleiten bis ins vierte und ins achte Jahrzehnt eures Lebens! Und wenn ihr an eurem Todestage sagen könnt: ‚Er ist mein bester Freund gewesen‘, werdet ihr reich ins Grab hinuntergehen.“
Der Oberlehrer Traugott Semmelbart hielt auf einmal erschrocken im Reden still. Seine Bäckchen waren vor Begeisterung ganz rot geworden, wie die Schatten der Unterwelt, als sie wieder Blut getrunken. Er sah auf einmal die Augen seines Primus höhnisch überlegen auf sich ruhen und fühlte dunkel, daß die Bande der Ordnung in seiner Oberprima in Verwirrung geraten würden, wenn er nicht schnell wieder die gewohnten Zügel in die Hand nähme. Mit einem lauten Seufzer, ähnlich dem eines Halbgottes, der zurück zur Erde kehren muß, wandte er sich von seinem erhabenen Olymp zur griechischen Grammatik, stieg vom Katheder hinab und sagte traurig: „Also, noch einmal, Brösicke! Von Vers 722:
ὣς ἔφαθ᾽, οἳ δ᾽ ἄρα νεκρὸν ἀπὸ χθονὸς ἀγκάζοντο.“
Cervantes
Wem heute ein Zahn weh tut oder der Magen schmerzt, der läßt sich Metall in den Mund oder Pillen in den Magen legen. Oder wer in der Nacht aufwacht und Herzklopfen verspürt, der rennt am andern Tag in der Frühe zum Doktor, zieht sich aus, läßt sich beklopfen und behorchen, und später massieren, elektrisieren oder gar hypnotisieren. So von zehn Spezialärzten begleitet, lebt der moderne Mensch sein Leben dahin. Wird er kränker, so legt er seinen Leib in warme Bäder hinein, und wird er sehr krank, so stiftet er sich einem Sanatorium und läßt ein paar Wochen lang geduldig allen heilsamen Hokuspokus mit sich geschehen. So war es vor dreihundert Jahren, da Shakespeare und Cervantes lebten, noch nicht. Man fragte nach dem Leben des einzelnen nicht viel und noch weniger nach seiner Gesundheit. Wer sterben sollte und der Roßkur des Daseins nicht mehr gewachsen war, den ließ man ohne viel Arzneien und ohne lateinische Worte sterben.