Part 13
Hier ist ein Brief von dem Dichter des Don Quixote aus dem Jahre 1578, der beweist, wie wenig man sich um das Wohlergehen, ja das Vorhandensein eines einzelnen Menschen bekümmerte, der noch dazu der größte Genius werden sollte, den Spanien der Welt zu vergeben hat. Der Brief des Cervantes ist aus Algier datiert, wo der Dichter damals als Gefangener des Deys Hassan Aga lebte, sofern man das Dasein eines Wurmes „Leben“ nennt, und ist an seinen Bruder Rodrigo gerichtet. Dieser Rodrigo war mitsamt seinen Bruder auf der Fahrt von Sizilien nach Spanien von algerischen Piraten gefangengenommen worden, war aber durch ein Lösegeld, das die gute Mutter Cervantes’ zusammengebettelt hatte, aus der Sklaverei losgekauft und befand sich nun, Zigaretten rauchend und nichtstuend, wieder am Manzanares. Der Brief des Cervantes an diesen glücklichen Bruder lautet nun folgendermaßen:
„Ach, mein teurer Rodrigo, mir ist es eselsschlecht ergangen, seitdem Du dieses Gestade verlassen hast. Mit einem ‚Ach!‘ beginne ich wie diesen Brief so alle meine Tage. Denke Dir, ich habe einen noch greulicheren Herrn gefunden, als der erste war. ‚Der lügt wieder einmal!‘ wirst Du Dir denken, ‚denn das ist schlechterdings nicht möglich.‘ Aber ich schwöre Dir bei meiner linken Hand, die ich, wie Du und die Welt weiß, in der glorreichen Schlacht bei Lepanto wider die Türken verlor, und die nun im Himmel droben auf mich wartet, daß dem wahrlich so ist. War schon mein erster Tyrann grausamer als Pontius Pilatus, so war er ein kupierter Hammel gegen den jetzigen. Dieser, der kein anderer als der Dey von Algier selber ist, ist so tückisch, daß der Teufel selbst nicht mit ihm zu Mittag speisen würde. Sein Haus ist mit Ohren und Nasen tapeziert, die er den Gefangenen bei den geringfügigsten Anlässen abschneiden läßt, und man sagt, er könne abends nicht einschlafen, ehe er nicht mindestens zwei Christen sich zu Tode heulen gehört hätte.
Jüngst hatte er mich zu zweitausend Stockschlägen verurteilt. Aber beim zweiten Schlag mußten sie aufhören, denn beim dritten wäre ich gestorben vor Wut, daß sie einen Hidalgo zu schlagen wagen. Sie schonen mich aber, weil sie hoffen, noch mehr Lösegeld als Ohrenschmaus aus mir herauszuschlagen.
Du kannst Dir ausmalen, was ich unter einer solchen Bestie durchzumachen habe. Tagsüber mag es noch hingehen, denn man muß arbeiten, bis man nichts mehr denkt und fühlt, es sei selbst, daß einem eine Kanone über die Hühneraugen führe. Auch denke ich, wenn ich neben den anderen Sklaven auf der Galeere mit Ketten angeschmiedet dasitze, wohl an Kolumbus, der auch Ketten tragen mußte, und es vielleicht noch schlimmer hatte als ich, und der nun doch in der Seligkeit sitzt und lacht. Aber des Nachts weiß ich mir oft nicht zu raten und zu helfen vor Qualen und Schmerzen. In ein graues Wollentuch gewickelt, werde ich nicht anders denn wie in mein Grab nebst zween anderen in eine leere Zisterne hineingelassen. Die Heiden decken ein Brett und ein paar Steine darüber, daß wir nicht entwischen, und nun hocken wir drei uns schlafen, nachdem wir vorher zur Madonna gebetet haben. Die Finsternis und der üble Geruch möchten noch angehen, wiewohl die Hölle, wo sie am tiefsten ist, nicht schlimmer duften kann, als der Rauchfang, in dem man uns verfaulen läßt. Das Greulichste aber von allem ist das Ungeziefer, das wir armen Schächer mit unserm letzten bißchen Blut ernähren müssen. Du erinnerst Dich dieser Menschenfresser sicherlich noch aus Deinen türkischen Tagen, Bruderherz. Aber sie treiben es itzo toller als jemals. Morgens, wenn ich mich aus meinem grauen Leichentuch herausschäle, glaube ich stets wieder die Schlacht von Lepanto, in der ich wie Du und die Welt weiß, die linke Hand verlor, mitgemacht zu haben, so voll Blut ist alles.
Kurzum, ich glaube, daß ich, dies alles zusammengerechnet, nicht mehr lange zu leben haben werde. Halb sterbe ich vor Elend und halb vor Mitleid, denn der Jammer um mich herum sticht mich oft mehr als alle Flöhe zusammen. Vollends seit dem letzten Fluchtversuch, der uns durch den Verrat eines Judas mißlang -- der Teufel möge ihm darum dermaleinst jeden Tag den Leib aufsägen und heißes Blei hineintröpfeln! -- sind alle Christen hier verzweifelt, und jeden Abend muß ich wie ein Proviantmeister meinen Mut unter uns austeilen, bis ich schließlich selbst keinen mehr habe.
Darum bei den Schutzheiligen unserer Familie beschwöre ich Euch, Rodrigo, ruhet nicht eher, Ihr hättet mich denn aus dieser Mausefalle befreit, darin man nur die Schalen vor allem zu essen bekommt, dieweil der Satan seine Heiden uns vor Augen die Früchte selbst schnabulieren läßt. Ich habe kaum fünf Zähne mehr im Munde, und diese fünf stehen alle so verzwickt voneinander, daß ich meine ganze Mathematik zusammennehmen muß, um eine Rinde altes Brot kleinzukriegen.
Male also der Mutter mein Los in rabenschwarzen Farben und sage ihr, wenn sie keine Rabenmutter sein wolle, so möge sie das Lösegeld für mich zusammenbringen, ganz einerlei wie. Sie soll irgendeinem Adligen bei Hofe weismachen, daß seine Mutter eine Nichte des Onkels vom Schwager meines Vaters war, oder daß, wie dies wahr ist, das Blut des Geschlechts der Habsburger, aus dem der König -- Gott segne ihn! -- selbst entstammt, in uns fließt, und daß es unrecht sei, daß ein Nachfahre solchen erlauchten Hauses mit diesem Blute die algerischen Flöhe füttern müsse.
Wahrlich, ich sage Dir, mir ist oft zumute, als sei ich zu Besserem geboren, als hier mich verschimmeln zu sehen, und ich verspüre bisweilen einen unendlichen Hunger danach, meinen Namen durch die Gassen von Madrid schreien zu hören. Wenn ich wieder frei bin -- ich weine, da ich dieses schreibe --, und erst die Vögel spanisch singen höre, will ich lachen, wie noch niemals einer gelacht hat, denn ich weiß, daß es kein Mensch und kein Tier auf der ganzen Welt schlechter haben kann, als ich es gehabt habe.“
Als der Mann, der diesen verzweifelten Brief geschrieben haben würde, wenn er Schreibpapier gehabt hätte, heimgekehrt und fünfundfünfzig Jahre alt geworden war, schrieb er mit seiner +einen+ Hand und seinem ganzen Herzen das Leben und die Taten des edlen Don Quixote auf und wurde damit berühmter als alle Spanier, die vor ihm und nach ihm gelebt haben. Dieser Don Quixote, der nirgends als in dem Kopf des Cervantes gehaust hat, ist der große Witz, den eine neue Zeit auf das Mittelalter gemacht hat.
In diesem Roman wird die ganze alte Empfindungswelt mit ihren Troubadourliedern, Schäferromanen und ihrem Rüstungsgeklapper von der Natürlichkeit zu Tode gekitzelt. Darum sollte man im Geiste stets Cervantes’ Bild neben das des Kolumbus hängen, weil er, wie jener, die alte Welt verlassend, eine neue Welt entdeckte. Denn er war der erste Dichter, der sich über das Heldentum und die Liebe, dieses Grundeigentum aller Poeten, lustig machte und sitzt als Primus auf der Bank der Spötter, auf der wir heute Shaw und Wedekind gefeiert sehen. Er hatte in seiner göttlichen Naivität keine Ahnung von seiner übermenschlichen Bedeutung, und sah, als er sein Werk vollendet hatte, zu seinem Erstaunen, wieviel sich hineindenken ließ, und wie über seinen Helden nicht nur gelacht, sondern mehr noch geweint werden konnte. Wir aber wollen seine Bilder nicht durch Begriffe verwischen, sondern sie ansehen und anhören, wie große Visionen eines, der mit einem heiteren und einem nassen Auge eine tote Zeit zu Grabe trägt.
Bei dem Don Quixote des Cervantes kam noch hinzu, was der Dichter freilich nicht ahnen konnte, daß er damit ein Selbstbildnis der spanischen Nation aufzeichnete, wie es kein Volk der Erde sonst besitzt. Denn der Anfang eines neuen Spaniens, den man mit der Entdeckung Amerikas gemacht wähnte, war nur der Beginn eines traurigen Abc, das heute schon bis W hinunterbuchstabiert ist. So teilte sich die Abendröte eines sterbenden Landes auch diesem Romane seines komischen Helden mit, und als wir weiland Spanien mit großen Worten und lecken Schiffen in den unglücklichen Kampf um Kuba aussegeln sahen, glaubten wir nicht anders, als daß wir noch einmal den Auszug des unseligen Don Quixote erlebt hätten.
William Shakespeare
Es kann an einem schönen Sommertag des Jahres 1612 gewesen sein, als der Komet Shakespeare, ein Mann von siebenundvierzig Jahren, in seine Heimatstadt, nach Stratford zurückkehrte. Er war fast fünfundzwanzig Jahre lang in der Fremde gewesen, in London, wo er als Schauspieler und späterer Theaterleiter ein Vermögen erworben und seinen guten Ruf verloren hatte. Wie der Abdruck seines Gewerbes an der Hand des Färbers, so klebte die Schmach seines verachteten Gewerbes an ihm. Während die fünfundzwanzig Jahre mit Sonnenschein und Regen, mit Donner und Blitz und Ungewitter über seine Seele gezogen waren und in diesem Spiegel Gestalten wie Cäsar, Hamlet und König Lear hineingeschaut hatten, war es in Stratford ganz wie früher geblieben.
Dort floß noch das Flüßchen, in dem er als Knabe gebadet hatte, wie ein silberner Fisch im Morgenlicht dem Meere zu. Da grünten die Wiesen, und Kühe rupften das Gras. Und am Abend, wenn die Nebel steigen, würden wieder die Elfen kommen und tanzen und Oberon und Titania Hochzeit feiern, wie er es einstmals aus jungen träumenden Augen belauscht hatte. Dort war der Abhang, auf dem er immer gelegen hatte, die Chronik in der Hand, aus der ihm Richard III. und Falstaff und Heinrich IV. erschienen waren. Dort blühte die Hecke wieder, hinter der er zuerst geweint hatte, und hinten rauschte der dunkelgrüne Busch, in dem er gewildert und das Gruseln gelernt hatte.
Ging man ein wenig höher, so kam man auf eine öde Halde, wo ihm einstmals am Abend die Hexen begegnet waren -- er sah sie noch ganz deutlich vor sich --, wie sie kichernd und heulend giftige Kräuter sammelten. Dort stand noch das Rathaus, düster und verwittert und stolz auf sein Alter, in dem er zum erstenmal Menschen in bunten Trachten Verse sprechen hörte und bei sich dachte, wieviel herrlicher dies sei, als toten Kälbern das Fell über die Ohren zu ziehen und Handschuhe daraus zu machen, ein Gewerbe, das er damals betreiben mußte.
Drüben lag seines Vaters Haus, das jetzt -- man könnte stolz darüber werden! -- sein eigenes geworden war. Das Dach war schon oft ausgebessert und geflickt wie ein alter Schuh, und die hintere Seite zeigte Sprünge und Runzeln und Risse. Aber die vordere Seite hatte der alte Shakespeare von dem Gelde seines Sohnes neu herrichten lassen und in kindischer Freude über den Wohlstand des Sohnes mit dem nämlichen Holz, das der Stadtschultheiß an seinem Hause hatte, bekleiden lassen. Das war die letzte Freude des Vaters gewesen, der über die Gelder, die der Sohn ihm von London schickte, fast sein letztes bißchen Verstand verloren hatte. --
Dort stand die Kirche noch, in der man ihn getauft und getraut hatte, oft hatte er beides in den ersten wilden Londoner Jahren vergessen. Die Glocken klangen noch wie früher, nur etwas häufiger und etwas frommer. Denn Stratford war puritanisch und orthodox geworden, und man predigte von den Kanzeln gegen die, die am Sonntag die Leute von den „Versammlungen zu den Heiligen“ zu den „Teufelsversammlungen“ ins Theater lockten. Und wenn jetzt die Schauspieler in den Ferien vor die Tore von Stratford kamen, zogen die puritanischen Ratsherren mit den steifen Mühlsteinhalskrausen hinaus und boten ihnen Geld, daß sie wieder abzögen und ihre Lämmer verschonten.
Wie würden Marlowe und Greene und alle die tollen Gesellen seiner Jugend, die Stürmer und Dränger Altenglands gebrüllt haben, wenn sie dies noch vernommen hätten! Er hörte fast in seinem Ohr die Witze, die sie darüber reißen würden: „Kommt! Laßt uns Stratford belagern! Heutzutage verdient man mehr, wenn man +nicht+ spielt, als früher, wenn man sich heiser schrie.“
„Wo sind jene? Sagt es mir, Die vor wenig Jahren Eben also, gleich wie wir, Jung und fröhlich waren? Ihre Leiber deckt der Sand, Sie sind in ein ander Land, Aus dieser Welt gefahren.“
Er blickte zum Kirchhof hinüber, wo die Kreuze und weißen Steine stumm über den Toten Wache standen, und mußte ihrer aller, die er gekannt hatte, gedenken. Dort lag auch sein einziger Sohn Hamlet begraben, der als Knabe, elf Jahre alt, gestorben war. Die Zypresse auf seinem Grabe -- so groß würde er jetzt sein! -- schaute eben über die niedrige Kirchhofsmauer herüber ihn traurig an.
Auf den Straßen aber spielten die Kinder seiner Schulfreunde mit dem Ball, und keiner kannte ihn, und keinen kannte er. Und er wußte nur, wenn er jetzt die Straße entlang weiterginge bis zu seinem kleinen Hause und den Riegel aufdrückte und gebückt in die niedrige Stube hineinträte, daß dort eine alte Frau, seine eigene Frau, strickend oder spinnend am Herde säße. Sie würde ihn sonder viel Freude begrüßen, als sei er fünf Stunden und nicht fünfundzwanzig Jahre fort gewesen, und dann würde sie darüber keifen und schelten, daß des Nachbars Katze an der Milch gewesen und -- alles in einem Atem! -- daß ihrer beider Tochter Judith nun fast dreißig Jahre alt sei und noch immer keinen Mann erwischt hätte.
Er mußte lächeln, wenn er daran dachte und auch daran, daß man ihm heute abend eine Bibel an das Bett legen würde, und daß ihm am andern Morgen früh nicht wie sonst irgendein Kamerad an die Tür trommeln könnte mit den Worten: „He, William, fauler Hund! Sollen wir heute ohne dich probieren?“, sondern daß vermutlich ein alter dicker Bürger zu ihm kommen würde, um mit ihm zu beraten, ob nicht sein Sohn Thomas und Shakespeares besagte Tochter Judith ein ehrbares Paar ausmachen könnten, wenn er dem Mädchen eine schöne Aussteuer geben wollte.
Er hatte nicht mehr viel Zeit zum Leben übrig, das wußte er. Nur so viel, um sein Vermögen zu ordnen, sich ein Grab zu kaufen und eine Inschrift dafür zu dichten. Er war sterbensmüde und hatte mit den Menschen, unter denen er herumging, nur den Klang der Sprache noch gemeinsam. Wie ein Riese unter dem Zwergenvolk, oder ein alter Adler, der nicht mehr fliegen will, unter Sperlingen, würde er nun abends in der Schenke unter Stratfords Bürgern sitzen und zuhören, wie teuer in diesem Jahr das Korn sein würde, und wieviel Eier die Hühner am Tage gelegt hätten.
Hinter ihm lag eine Welt voll Bildern, wie sie niemand vor ihm noch nach ihm gesehen hat. Eine Fülle von gesteigerten Gestalten hatte von ihm den Prometheusfunken des Lebens empfangen, und wenn er die Augen schloß, schwirrte und toste die Luft um ihn her von Wesen, die von ihm Blut getrunken hatten. Es schwindelte ihn, und er mußte sich an das Geländer der Brücke lehnen, die über den lieblichen, vielgewundenen Avon führte.
Und es war ihm, als rauschte unter ihm sein ganzes buntes Leben, das arme Leben eines Schauspielers und das reiche eines Dichters, mit seinen vielen Schmerzen und seinen wenigen Freuden vorüber. Und dann war ihm, als zöge er selber nun das goldene Tor der Träume und Märchen hinter sich zu und schritt langsam durch die Welt der Kleinheit dem Grabe zu, in jenes unentdeckte Land, von des Bezirk kein Wanderer wiederkehrt. Und er sprach noch einmal die Abschiedsworte Prosperos aus dem „Sturm“, sein eigenes Lebewohl an die Bühne und an die Kunst, vor sich hin:
„Ihr Elfen von den Hügeln, Bächen, Hainen Und ihr, die ihr am Strand spurlosen Fußes Den ebbenden Neptunus jagt, und flieht, Wann er zurückkehrt; halbe Zwerge, die ihr Bei Mondschein grüne, saure Ringlein macht, Wovon das Schaf nicht frißt; die ihr zur Kurzweil Die nächt’gen Pilze bildet und am Klang Der Abendglock’ euch freut, mit deren Hilfe -- Seid ihr gleich schwache Fäntchen -- ich am Mittag Die Sonn’ umhüllt, aufrührer’sche Wind’ entboten, Die grüne See mit der azurnen Wölbung In lauten Kampf gesetzt, den furchtbar’n Donner Mit Feu’r bewehrt. Grüfte auf mein Geheiß Erweckten ihre Toten, sprangen auf Und ließen sie heraus, durch meiner Kunst Gewalt’gen Zwang. Doch dieses grause Zaubern Schwör’ ich hier ab. Und hab’ ich erst, wie jetzt Ich’s tue, +himmlische+ Musik gefordert, Zu wandeln ihre Sinne wie die luft’ge Magie vermag: So brech’ ich meinen Stab Begrab’ ihn manche Klafter in die Erde, Und tiefer, als ein Senkblei je erforscht, Will ich mein Buch ertränken.“
Martin Luther
Seit fast vier Jahrhunderten spaltet der Name Martin Luther wie ein Axtschlag Deutschland und seine Bewohner in zwei Parteien. Noch heute wird jener Mann in unseren Schulen +links+ den evangelisch getauften Kindern als der Befreier und wackere Gottsucher und Finder gepriesen, und +rechts+ den katholisch getauften als Deutschlands größter Schaden und als Erzketzer und Sendbote des Satans geschildert. Wahr ist und bleibt, daß Luthers Werk unser Land in die grimmigste Not und dem völligen Zusammenbruch nahegebracht und unser Volk vielleicht für immer, wenn wir nicht die Kraft finden, uns aus diesem Zwiespalt emporzureißen, seiner Kultureinheit beraubt hat. Das alte Lied, das man wider Luther seinerzeit auf den Gassen sang, hat sich bis auf unsere Tage wahr erwiesen:
„Manch’ Burg verwüst in deutschen Landen, Die vor den Türken wohl wär b’standen. Das ist das Evangelion, Daß wir von Luther gelernet hon, Der euch hat bracht in alle Not, Daß wir den Feind uns sein zum Spott. Hätt’ Luther nie kein Buch geschrieben, Deutschland wär’ wohl in Fried geblieben.“
Seine Tat, sein Protestantismus, hat einmal bewirkt, daß der deutsche Katholizismus sich seinerseits zur Wehr setzen mußte und darum bis in unser Jahrhundert hinein einen Fanatismus gezeitigt hat, wie er in keinem anderen Lande der Welt mehr zu finden ist. Der Deutsche, der zum erstenmal heute über und durch den Gotthard reist, ist ganz erstaunt, drüben in Italien kaum eine Zentrumspartei zu finden, und hört voll Erstaunen die Leute dort viel mehr von ihrem König als vom Papste reden. Die unselige Vermischung von Religion und Politik, die unserm Volk im Marke sitzt, kennt der Italiener, der doch unter den Augen des Papstes lebt, nicht mehr. Bei uns spielt die Frage: „Ist er katholisch oder evangelisch?“ leider noch in fast allen Beziehungen eine Hauptrolle, und man hat vergessen, daß der vornehme geistige Deutsche erst da anfängt, wo diese Fragen aufhören. Ich entsinne mich aus der Schule, daß uns Evangelischen in der Religionsstunde oft mit einer überlegenen Ironie gegen die andere Seite gezeigt wurde, daß Deutschlands große Männer und Künstler, wie Goethe, Schiller, Kant, selbst Friedrich der Große, lauter Protestanten gewesen waren, so daß man sich schon ganz stolz im Besitz dieser übrigens in bezug auf ihre evangelische Religion höchst imaginären Größen vorkam. Bis man erst jahrelang nach dem Religionsunterricht erstaunt entdeckte, daß Mozart, Beethoven und Eichendorff es ihrerseits nicht minder zustande gebracht hatten, große Künstler und Katholiken gewesen zu sein. Der Streit zwischen Protestanten und Katholiken über den Wert ihres Glaubens, der in solche Lächerlichkeiten hineingerät, ist bei uns Deutschen zu unserm eigenen größten Schaden durch Luther entfacht worden. Das ist wahr und muß, wenn von ihm die Rede ist, gesagt werden.
Aber es darf nicht vergessen werden, daß Martin Luther selber dies nicht vorhergesehen hat und nicht vorhersehen konnte. Er handelte aus einem göttlichen Impuls heraus zunächst für sich selber, als er die fünfundneunzig Thesen anschlug und gegen den auch von den heutigen Katholiken verurteilten Ablaßhandel in Deutschland Einspruch erhob. Das souveräne Individuum, der freie Christenmensch in ihm, empörte sich und stand auf: ~Pereat mundus fiat iustitia!~ „Und wenn die Welt voll Teufel wär’, es soll uns doch gelingen.“ Ich glaube, daß, wenn man ihm an jenem Abend vor Allerheiligen, da er an der Schloßkirche zu Wittenberg seine Thesen annagelte, mit jedem Schlage Roms Herrschaft durchbohrend, die ganzen Greuel des Dreißigjährigen Krieges vor die Seele gebracht hätte, er hätte nicht anders handeln können. Der Dämon eines Genies läßt sich durch keinerlei praktische Erwägungen lahmlegen, und wer alle Folgen bedenkt, der wird nie zu Taten kommen.
Darum dürfen wir Luther heute nicht mehr angreifen und beschimpfen, weil sein Werk unermeßlichen Schaden über Deutschland gebracht hat. Ebensowenig, wie man ihm vorwerfen kann, daß das Ablaßgeld, gegen das er, der Bauernsohn, tobte, in Rom von den Päpsten hauptsächlich für +die Kunst+ verausgabt wurde und damit dem Edelsten, was es auf der Welt gibt, zugute kam. Dieses +für+ Michelangelo und +gegen+ Luther Partei nehmen, wie es Nietzsche getan hat, ist töricht. Denn man konnte vom Doktor Martinus trotz aller seiner Gelehrsamkeit nicht verlangen, daß er die Dinge und das Welttheater schon unter dem Gesichtswinkel von 1900 ansehen sollte. Für ihn war seine Sache die wichtigste und heiligste von der Welt, und sie an ihren teilweise schlimmen Folgen herabsetzen, heißt jedem Genius die Flügel binden.
Übrigens hat Luther später, als er schrittweise angreifend und erobernd gegen Rom vorging, wohl keinen Augenblick daran gezweifelt, daß er binnen kurzem das ganze Deutschland zu seiner evangelischen Freiheit bekehren würde. Das halbe Deutschland war zwanzig Jahre nach den Thesen auf seiner Seite, mußte er drum nicht meinen, daß nach vierzig Jahren auch die andere Hälfte seiner Lehre zugefallen wäre? Darum verdreifacht er oft sein sattsam bekanntes Schreien im Streit, dessen Molltöne uns heute schon Ohrensausen machen, weil er bei sich dachte: „Voran, Doktor Martin! Noch ein weniges, und alle Teutschen, Mannen und Frauen, sind dein!“
Das war seine stärkste Eigenheit, die ihm die Herzen zutrug, der freudige Mut, mit dem er in jeden Kampf auszog, jene dem Tod und Teufel trotzende Tugend des germanischen Blutes, der zuliebe selbst der alte kleine Windhorst später „Bravo!“ gerufen hat, als Bismarck jene Worte sprach: „Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt.“ Was Kaiser und Könige zittern gemacht hatte und sie bettelnd nach Kanossa trieb, die Bannbulle des Papstes, Luther verbrannte sie mit eigener Hand, wobei er die Worte sprach: „Weil du den Heiligen des Herrn betrübt hast, verzehre dich das ewige Feuer“, und damit sich als ein Mensch dem Menschen Papst als ebenbürtig zur Seite stellte.
Diese innere Tapferkeit verließ ihn ebensowenig, als er, hierüber zur Rechenschaft gerufen, den Weg Hussens nach Worms zog und, von allen seinen wenigen Freunden gewarnt, im starken Gefühl seines Rechts erklärte: „Ich will nach Worms gehen, und wenn auch so viele Teufel dort wären als Ziegel auf den Dächern.“ Und mehr noch als seine weltberühmten Worte vor Karl V., dem mächtigsten deutschen Kaiser, der je da war, beweist der schlichte Vorgang nach dem Konzil seinen Mut, daß er nämlich, wie Augenzeugen erzählen, beim Heraustreten aus der letzten Sitzung die Hände mit gespreizten Fingern hoch emporstreckte, wie die Deutschen beim Lanzenbrechen zum Zeichen des Sieges zu tun pflegten, und dabei fröhlich ausrief: „Ich bin hindurch, ich bin hindurch.“