Part 14
Um so mehr ist dieser moralische Mut an ihm zu bewundern, weil Luther, den man sich immer nach seinen späteren Jahren mit einem Schmerbauch und gesunden Knochen vorstellt, einen höchst anfälligen Körper hatte und vielleicht der nervöseste unter allen genialen Männern gewesen ist. Dank einer verprügelten steinharten Jugendzeit war er, der die Bannflüche von vier Päpsten aufrecht ertrug, zeitlebens so schreckhaft, daß ihn ein rauschendes Blatt zum Zittern brachte, und so erregbar, daß er taumelte, als er zum erstenmal als Mönchspriester am Altar den Kelch erhob. Hierzu kam bei ihm, eine Folge seiner Nervenschwäche und eines Steinleidens, eine häufige Schwermut und Bitterkeit, mit der vor allen seine wackere Frau manchen harten Strauß zu kämpfen hatte. Diese seine Schwarzseherei, die sich überall den Teufel an die Wand malte, war letzthin so stark, daß er einen Haufen lieber Menschen um sich oder doch die Laute in der Hand haben mußte, um nicht trübsinnig zu werden. Sein Haus, das alte schwarze Kloster in Wittenberg, in dem er einst als Mönch gebetet und gezweifelt, und das ihm nun sein Kurfürst zum ersten evangelischen Pfarrhaus geschenkt hatte, war stets voll von alten Tanten, Hauslehrern, Studenten, Kostgängern, Bittstellern, Bettlern und geistigen Patienten. Und der Doktor konnte am besten schreiben, wenn draußen unter seinem Fenster seine ältesten mit Melanchthons Kindern um den Birnbaum spielten, oder das jüngste seiner sechs im Laufkorb um seine Beine kroch oder an den Akten, Briefen, Bittschriften und Beschwerden herumzupfte, mit denen in seiner Stube alle Tische, Bänke, Stühle, Schemel und Fensternischen bedeckt waren. Und das Schönste, was er je gesagt hat, ist dies: „Es kann mir nichts Schlimmeres in der Welt geschehen, als wenn mein Sohn Hensichen böse auf mich ist.“
Späterhin erst bei dem alternden Luther trat an die Stelle jenes tapferen Drauflosgehens die berüchtigte, von seinen Gegnern ihm immer wieder vorgeworfene Diplomatie oder auf plump Deutsch „Bauernschlauheit“. Aber was ist begreiflicher und gerechtfertigter, als daß ein Mann, den die Hitze der Jugend verlassen hat, und der immer mehr einsehen mußte, daß das Volk eine Herde ist, die dem Leithammel folgt, und daß die Deutschen besonders gerne nachmachen, was die Fürsten ihnen vormachen, sein Werk unter den Schutz der Mächtigen zu stellen sucht! Sein Sach’ war ihm zu heilig und zu ernst, als daß er sie auf die Spitze des Schwertes stellen wollte und ein kläglich Ende, wie Sickingen, oder ein blutiges, wie Johann von Leyden, finden mochte. Freilich, das Liebedienern um die Fürsten, wie es nach ihm oft die evangelische Hofgeistlichkeit trieb, war nicht in Martin Luthers Sinn. Der nannte einen Fehler seines Herrn des Kurfürsten dreist ihm ins Gesicht eine Dummheit. Und man muß seinen Handel mit dem freimütigen Landgrafen Philipp von Hessen, dem er, weil seine erste Frau schwer krank war, eine zweite Ehe gestattete, erst einmal genau durchlesen, ehe man ihn darum doppelzüngig und fuchsschlau nennt. Jeder, der friedlich in seinem Bette stirbt, ist in gewissem Sinn ein Kompromißmacher, aber er liegt drum oft nicht weniger heldenhaft auf seinem Rücken als der, der den Märtyrertod gestorben oder in der Schlacht gefallen ist. So ist Luther, der uns, wenn auch nicht unter +eine+ Religion, so doch unter +eine+ Sprache gebracht hat, so ist Goethe, so Bismarck für Deutschlands Befreiung gestorben.
Ein Heiliger war der Doktor Martin nicht und wollte es nicht sein; einzig auf den Titel „Reformator“ machte er Anspruch und darf er Anspruch machen. Solange man aber in Deutschland seinen Namen nicht, ohne ihn zu verkleinern und zu verfluchen, oder ohne ihn andererseits mit besonderer Feierlichkeit zu betonen, schlicht und einfach wie den eines jeden großen Mannes nennt, solange wird es keine Kultur bei uns geben. Solange wird es keine Lust sein, unter Deutschen zu leben.
Franziskus von Assisi
Aus dem Sonnengesang des Heiligen.
„Gelobt sei, mein Gott, mit allen deinen Geschöpfen Vornehmlich mit unserer Frau Schwester, der Sonne, Die den Tag wirkt und uns leuchtet durch ihr Licht. Und sie ist schön und strahlet mit großem Glanz, Von dir, o Höchster, ist sie ein Sinnbild. Gelobt sei, mein Gott durch unsere Brüder, den Mond und die Sterne, Am Himmel hast du sie gebildet so klar und funkelnd und schön. Gelobt sei, mein Gott, durch unsern Bruder, den Wind, Und durch die Luft und die Wolken und jegliches Wetter. Gelobt sei, mein Gott, durch unsern Bruder, das Wasser, Das sehr nütz ist und demütig und köstlich und keusch. Gelobt sei, mein Gott, durch unsern Bruder, das Feuer, Durch das du die Nacht erhellst. Und es ist schön und freudig und stark und gewaltig. Gelobt sei, mein Gott, durch unsere Schwester, die Mutter Erde. Die uns versorgt und ernährt Und viele Früchte ans Licht bringt und bunte Blumen und Kräuter. Gelobt sei, mein Gott, durch unsern Bruder, den leiblichen Tod, Dem kein lebender Mensch entrinnen kann.“
Zwei Laienpriester aus der guten Stadt Prag in Boheim hatten sich Anno 1213 selbander auf die Beine gemacht, um nach Rom zu pilgern und alldort Seiner Heiligkeit, dem gewaltigen Papst Innocenz dem III., die Füße zu küssen und seinen Ablaß und apostolischen Segen zu empfahen. Sie hatten schon viele Wegemeilen hinter sich und dreimal ihre Sohlen schon völlig abgelaufen, als sie an einem lauen Maienabend in der Stadt Terni, noch fünf Tagereisen vor der ewigen Stadt, ankamen. Sie wandten sich an den Podesta des Ortes, wie man in Welschland den „Schulzen“ heißt, und bekamen von ihm eine bescheidene Herberge hinter dem Dome angewiesen. Sie wuschen sich die staubige Landstraße von Spoleto nach Terni von ihren Gesichtern ab, verfluchten ganz heimlich, daß nur der Teufel es hörte, die ewigen Makkaroni, die man ihnen auftischte, tranken „~aqua~“, bis sie einen Frosch im Magen zu haben glaubten und wandelten dann gemeinsam einträglich nebeneinander auf den Domplatz hinaus, um Gott zu dienen. Vor einem großen schwarzen Kruzifix aus Byzanz in einer finstern Nische am Dom warfen sie sich nieder und beteten wohl über eine Stunde lang zu dem Gott, der sie von dem goldentorigen Prag durch fremde Menschen und Städte hindurch glücklich bis auf dieses Pflaster geleitet hatte, und der ihnen nun bald seinen leibhaftigen Stellvertreter von Angesicht zu Angesicht zeigen würde. Als sie nun schon sehr lange auf den Knien gelegen hatten, begann der ältere von ihnen, der schon mit Friedrich Barbarossa im Heiligen Lande gewesen war, Kreuzschmerzen zu verspüren. Er stund also auf und fing an, ein wenig im Schatten des Domes herumzugehen und den Tauben auf dem Platz zuzusehen, als er auf einmal das größte Wunder erblickte, was er von Prag bis Jerusalem jemals erschauet hatte.
Es war nämlich ein Mann auf einem Eselein angeritten gekommen, der eine braune Kutte gleich den Bettlern trug, die unser Böhme wohl auf den Landstraßen von Perugia gesehen hatte. Sein Gesicht war ganz bleich und abgezehrt, und ein blonder Bart hing wirr daran, ohne nach einem Bader zu fragen. Das Sonderbarste an ihm war aber für den frommen Laienpriester aus Prag, daß er ganz wie er eine Tonsur ins Haupthaar geschnitten hatte, also geistlich war gleich ihm. Ehe er sich noch darüber ausgewundert hatte, fing -- o himmlisches Entsetzen! -- der braune Mann auf dem Eselein laut und herrlich an zu singen, und nicht etwa das „~Kyrie Eleis~“, sondern ein weltlich Lied, das die Sonne am Himmel und die Freude auf Erden pries, und dessen Echo der Dom wie ein aufgewachter Riese vielfach weitergab.
Der Böhme wollte sich voll sittlicher Empörung auf den singenden Reiter Gottes stürzen: „Bruder! Was treibest du da?“ als plötzlich wie auf einen Befehl vom Himmel alle Tauben vom Platz und vom Dach des Domes auf den Mann in der Kutte herniederflatterten, ihn liebkosend umflogen oder sich ihm, der sich ihrer nicht wehrte, auf Haupt, Schultern und Arme setzten. Und auf einmal, als hätte man erst diese Huldigung abwarten wollen, fiel alles Volk, das auf dem Platze beisammen war, auf die Knie und rief: „Santo Francesco!“ und drängte sich an den Heiligen heran, um seine Hände oder wenigstens seine Kutte küssen zu können. Der aber ließ sich weder durch die Tauben noch durch die Menschen beirren, die ihn umflogen und umknieten, sondern fuhr fort, laut über den Platz hin mit zitternder Stimme zu singen und zu jubeln, bis ihm die hellen Tränen über die bleichen Wangen liefen.
Unser Böhme, der dieses ungewöhnliche Bild nicht allein kapieren konnte, lief zu seinem Gefährten zurück, der sich noch immer in seiner finsteren Ecke um Gott plagte und zerbetete, und griff ihn an die Schulter: „Steh auf! Komm mit, itzt sollst du den Antichristen sehen!“ und wies ihm das seltsame Schauspiel. Der heilige Franz auf seinem Eselein hatte indessen zu singen aufgehört und sich daran gemacht, die Vögel mit ein paar Krusten Brot zu füttern, die er aus der Kutte zog, und die ihm selbst viel nötiger gewesen wären als den Tauben. Aber nichts auf der Welt kam der Wonne gleich, die ihm aufs Gesicht trat, wenn er schenken durfte oder trösten konnte. Ein paar Krüppel humpelten nun heran und flehten den Heiligen wimmernd an, mit ihnen ins Siechenhaus zu gehen, wo die Aussätzigen und Bresthaften seiner warteten.
„Lebet wohl, meine Brüder und Schwestern“, sprach nun Franziskus zu dem Volk, das ihn auf dem Markte umdrängte. „Gegen Abend will ich wiederkehren und euch vom lieben Gott und von unserm Herrn Jesus predigen.“ Dies sagte er aber nicht anders, wie eine Mutter ihren Kindern verspricht, vor dem Einschlafen ein paar Märchen zu erzählen. „Als ich auszog, Gott zu finden,“ fuhr er fort, „da wollte es mir zuerst nicht gelingen, meine Augen ohne Ekel auf einem Aussätzigen ruhen zu lassen. Nun kann ich sie mit der Hand streicheln, ohne daß es mich graut, und vor allen meinen Brüdern sind sie mir die nächsten geworden, denn sie bedürfen meiner am meisten. Gott hat sie geschaffen gleich uns, darum müssen sie wohl sein.“ Sprach’s und ritt auf dem Eselein, dessen Zügel zu führen Männer und Frauen sich stritten, den Krüppeln nach zum Siechenhaus. Alles Volk aber wälzte sich schweigend hinterher.
Zu den beiden Böhmen, die staunend und sprachlos dem Zug wie einem Wundertier nachschauten, hatte sich unversehens ihr Gastwirt gesellt. „Was! Den kennt ihr nicht,“ hub er an, „den heiligen Franziskum aus der Bergstadt Assisi? Denkt euch, er heißt eigentlich Bernardone, und sein Vater lebt noch dort und ist ein reicher Tuchhändler. Und dieser Franziskus hat einstmals in Saus und Braus gelebt, und wo ein Fest war in Assisi, war Franzesko dabei und saß, ein Narrenzepter in der Hand, obenan. Aber eines Tages hat er dieses verlassen, die Feste, die Frauen und die Freuden, und hat alles, was er nicht schon verschenkt hatte, feierlich seinem Vater zurückgegeben, selbst das Hemd vom Leibe, also daß er nackend war vor allem Volke, und der Bischof ihn in seinen Mantel hüllen mußte. Fünfhunderttausend Lire könnte er jederzeit wiederhaben, wenn er zum Vater heimkehrte, hat mir der Bruder erzählt, der jüngst noch mit Tuchballen nach Rom reiste. Aber er hungert und bettelt lieber und schläft auf den Kirchentreppen. Fünfhunderttausend Lire im Stiche zu lassen, denkt nur! Darum nenne ich ihn stets heimlich einen „~pazzo~“, einen Narren, wie die andern ihn laut einen Heiligen heißen. Aber im Grunde mögen ~pazzo~ und ~santo~ gar nicht so verschieden voneinander sein!“
Unsere beiden Böhmen schienen wohl ein Gleiches zu denken, sie betrachteten ihre stillen Bäuche, dachten an ihre kleine, aber hübsche Pfründe daheim an der Moldau und schüttelten verwundert die frommen Köpfe. Das also war der +Spielmann Gottes+, von dem man schon in deutschen Landen sprach, der die Armut über alle Dinge heilig pries, der einem Bischof, der Stellen in seinem Sprengel verkaufte, den Stab zerbrochen hatte, und der nicht mehr und nicht weniger als der niederste von allen Brüdern sein wollte, die er um sich versammelt hatte, und die gleich ihm ihr Hab und Gut zuvor den Armen geben mußten! Wollte er mit Jubilieren den Himmel auf Erden verdienen, statt mit Fasten und Beten?
Ganz in Verwirrung gebracht, folgten die beiden biedern Böhmen ihrem Gastwirt, der sie am Ärmel zupfte, in die Herberge, wo ein neuangekommener Kanonikus aus Padua emsig vertieft über einer fetten Ente nebst Bratäpfeln und Kastanien saß. „Störet euch an jenen Bettelbruder nicht, meine böhmischen Brüder!“ hub er an, sie zu beruhigen, indem er vier geröstete Maronen mit einem Zug Chianti hinunterspülte. „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen, und unser Herr Christus am Kreuze sprach noch: ‚Mich dürstet!‘ Fasten ist gut, aber essen ist besser. Kommt! Trinket mit mir auf alle Länder, darinnen Wein wächset!“
Den beiden frommen Priestern aus Prag wurde jedoch nicht behaglich bei diesem Schlemmermahl. Wie ganz anders hatten die Augen des Heiligen vom Weine Gottes geleuchtet, als die roten Äuglein dieses vom irdischen Moste zwinkerten! So machten sie sich denn beide, nachdem sie zum Schein ein paar Gläser mitgetrunken hatten, vom Schenktisch fort und traten auf die Straße zurück. Der Mond war inzwischen aufgegangen und warf Licht und Schatten um den Dom. Als sie nun in ihre kleine Nische gehen wollten, um vor dem Schlafen noch drei kurze Vaterunser zu beten, sahen sie auf einmal des heiligen Franziskus’ Eselein unter dem Kruzifix stehen und ein Bündlein Heu, das vor ihm auf der Straße lag, verspeisen. Erschrocken blieben sie stehen, denn gleich daneben gewahrten sie den Heiligen selbst im Schatten, wie er ein paar Blumen in der Hand hielt, an denen er roch.
Es war aber eine schöne Jungfrau in Terni, die später die Lieblingstochter der heiligen Klara, der Freundin des Franziskus, wurde. Die dauerte es, daß der Heilige auf bloßen Steinen schlafen sollte. Drum hatte sie in den Winkel am Dom, wo jener zu ruhen pflegte, schöne rote Rosen hingestreut, damit er auf ihnen sich bette. Als aber Sankt Franziskus dieses bemerkte, sprach er: „Mit nichten! Das wäre nicht recht getan, ihr Schwestern Rosen, wenn ich auf euch schlummerte und euch zerdrückte. Ruhet drum hier neben mir und welkt, bis der Tau des neuen Morgens euch erweckt!“ Also sprach der Heilige und bettete sich auf die Erde neben das Eselein und neben die Rosen, deren Duft ihn im Traum auf Seraphschwingen in den christlichen Olymp hinauftrug. Und ein paar verflogene Tauben nisteten über Nacht bei ihm in seiner Kutte und wärmten ihn. Die beiden Böhmen aber, die diesem zuhörten und zusahen, schlichen sich leise fort in ihre Herberge, und wie sie sich endlich anschauten, merkten sie, daß sie beide geweint hatten.
So lebte Franziskus, da er auf Erden wandelte, der sich allem und jedem hier verbrüdert und verschwistert fühlte, der alle Menschen lieben konnte, nur die Verleumder und Angeber nicht, der, seinen Sonnengesang anstimmend, den Tod in seiner Zelle erwartete und den die Kirche für heilig erklärt hat, ohne das Ideal, dem er lebte, verwirklichen zu können. Er steht vor allen Heiligen uns Deutschen am nächsten, und darum haben Franz Liszt und spätere Wagnerianer als bewußte Germanen laut auf ihn hingewiesen: „Kniet nieder! Denn hier ist Geist von unserm Geiste!“, weil seine Lehre der Religion unserer Vorfahren vielfach verwandt ist, vor allem in seiner Verehrung für die Frauen und in der unbegrenzten Liebe zur Natur. Sein Leben hat sich um +zwei+ Augenblicke bewegt, den einen, da er seine Habe fortgab, um arm wie Christus zu werden, und den anderen, da er einsah, daß nicht alle Menschen waren wie er, und daß Egoismus die Welt regiert, und er darum in größter Verzweiflung seinen Vorsitz im Orden aufgab, um ein Einsamer zu werden. Vor dieser konsequenten Treue gegen sein Ideal, das Urchristentum, wirkt der Franziskus unserer Zeit, Leo Tolstoi, recht wie ein Quacksalber gegen einen Arzt. Die Heilmittel, die Franz von Assisi den Menschen, die ihn aufnahmen, brachte, waren aber: Armut und Freude, indem er lehrte und +nicht anders+ lebte, in dem Glauben und der Glückseligkeit, für die Lessing die Worte fand: „Der wahre Bettler ist doch einzig und allein der wahre König.“
Dante
„Vor einigen Wochen“, so lautet der Bericht eines ghibellinischen Ritters aus Ravenna zu Dantes Zeit an seinen Bruder in Verona, „ist hier ein höchst seltsamer Mensch angekommen. Sein Name ist Dante Alighieri, und er stammt aus einer vornehmen bürgerlichen Familie zu Florenz. Er soll alldort am Arno hohe Staatsämter innegehabt haben, bis er, der ein Demokrat war, von der Gegenpartei der Guelfen und Schwarzen, ohne irgendeinen anderen Grund als den, daß er nicht zu ihnen gehörte, aus Florenz verbannt wurde. Seit dem Tage irrt er heimatlos und schutzlos in Oberitalien von Stadt zu Stadt wie ein Vogel, dem man sein Nest zerstört hat. Eine Zeitlang hoffte er, daß der Römerzug des weiland deutschen Kaisers Heinrich VII. ~Anno Domini~ 1310 ihn in die Heimat zurückführen würde. Aber der plötzliche jähe Tod dieses Fürsten, dem man -- ach, in welchen Zeiten leben wir! -- in der Hostie Gift gegeben haben soll, hat Dante jede Hoffnung auf die Heimkehr geraubt. Und seitdem siecht er dahin an der bittersten menschlichen Krankheit, an dem Heimweh, dergestalt, daß man ihn oft im Grase liegen findet, seine Augen immer nach der Richtung hingewendet, wo Florenz, die herrliche Stadt, am Horizonte liegt. Und ich glaube, daß er an dieser Wunde verbluten muß. Ich habe mich, wie du siehst, an ihn gemacht; denn er ist ein großer Gelehrter und kennt alle Sterne bei ihrem Namen. Er unterrichtet hier zu Ravenna die Jünglinge, und davon lebt er. Er muß früher ein großes Leben geführt haben, denn man sagt ihm nach, daß er 33000 Mark Schulden in Florenz hinterlassen habe. Er war dort verheiratet und hat mehrere Kinder gehabt. Aber seine Seele hat er schon in seinem neunten Lebensjahre an ein achtjähriges Kind in blutrotem Kleid zu Florenz verschenkt, die er Beatrice, die Beseligende, nannte, und die, kaum erblüht, schon dahinstarb, als sei sie zu schade für diese Zeit. Ihr galten seine ersten Reime und jenes sonderbare Sonett von Amor, der ihm im Traum erschien:
‚Froh schien er mir; ich sah mein Herz ihn tragen In seiner Hand; und seine Arm’ umschließen Die Liebste, schlummernd, eingehüllt in Linnen. Dann weckt’ er sie, und ließ sie, die voll Zagen, Demütiglich mein brennend Herz genießen. Drauf sah ich, wie er weinend ging von hinnen.‘
Es ist wirklich so, als ob diese Maid, bei deren Anblick sein neues, inneres Leben begann, sein Herz verzehrt habe. Denn er spricht noch heutigentags immer, sobald er allein ist -- und ich beschleiche ihn gern in solchen Augenblicken -- mit dieser seiner Beatrice, als sei sie noch am Lichte, und neulich hörte ich, daß er eine ganze Nacht lang am Meere ihren Namen ins Leere gerufen habe. Und wenn man angesichts solcher Begebenheiten daran denkt, wie mehrere florentinische Jünglinge sein erstes Sonett von dem verzehrten Herzen nach dortiger Sitte mit Versen beantworteten und ihm den guten Rat gaben, er solle sich reichlich Hals und Gesicht waschen, so würde er schon wieder gesunden, dann wird es einem klar, daß es auf Erden zweierlei Sorten von Menschen gibt: die einen, die von Brot und Wein, und die anderen, die von Liebe leben. Und unter dieser letzteren Schar steht Dante vor allen andern.
Wie dieser Mann aussieht, fragst du mich? Er ist ganz braun im Gesicht, hat eine Adlernase, glänzende Augen und ein starkes Kinn, wie aus Erz gegossen. Aber er ist sehr klein und geht gebückt, so daß manche von seiner Erscheinung enttäuscht sind, was ihn bitter kränken muß. Sein Blick ist immer traurig, und nur einmal sah ich ihn wehmütig lächeln, als ein paar Frauen ihm nachriefen: ‚Sehet, das ist der Mann, der hinuntergefahren ist in die Hölle.‘ Seine große Traurigkeit rührt aber davon, daß er fast fünfzehn Jahre schon im Exile lebt und als freier Republikaner, der er war, an die Tür der Tyrannen wie ein Bettler pochen muß, und er, der vielleicht der größte Mann Italiens ist, unter einer Schar Banditen und heimatloser Geächteter leben muß. Ich habe mir ein paar Verse von ihm aufgeschrieben, die ich nie lesen kann, ohne daß mir die Lust zu weinen kommt. Er läßt darinnen seinen Ahnherrn ihm die Verbannung folgendermaßen prophezeien:
‚Verlassen wirst du all die lieben Dinge, Die dir am teuersten, und dieser Pfeil wird Der erste sein von der Verbannung Bogen. Du wirst dann merken, wie nach Salze schmecket Das fremde Brot, und welch ein harter Gang ist Das Auf- und Niedersteigen fremder Treppen. Und was am meisten dir am Herzen frißt, Wird die Gesellschaft sein, der bösen, blinden, Mit der du in dies Tal gefallen bist.‘
Und noch eines von diesem eigenartigen Manne bleibt mir zu erwähnen übrig: das ist jenes, daß er überaus empfindlich ist gegen Schmerz und Freude, und die Farbe auf seinem Antlitz, das Rot und Bleich, so schnell wechselt wie der Himmel im April. Als er seine Beatrice das erstemal sah, wurde er ohnmächtig und ward wie tot von dannen getragen. Vor Begeisterung kann er glühen wie ein Schmelzofen, daß man nicht anders denkt, seine Augen brennten ab, und von Wut und Schmerz kann er zittern wie im Fieber. Und dabei ist er doch stärker, als mancher, der alle Tage im Sattel sitzt. Denn der Harnisch, in dem Dante steckt, ist nicht von dieser Welt. Er hat ein großes Gedicht geschrieben in unserer +eigenen+ italienischen Sprache, in dem er, von dem frommen heidnischen Dichter Vergil und dann von Beatrice geleitet, von der Hölle durchs Fegefeuer zum Himmel schreitet, und der Saum seines Kleides umglänzt ihn dabei wie ein Heiligenschein. Von der Schönheit der himmlischen Engelsmusik, die er vernommen hat, kann man nicht mit Menschenzungen reden. Wie von silbernen Zinken und goldenen Pauken und elfenbeinernen Harfen klingt sie aus seinen Versen an unser Ohr. Eher noch kann ich dir von seiner Höllenfahrt erzählen, bei der einem Hören und Sehen vergeht, und man sich angstvoll an sein Stückchen Leben klammert. Lieber will ich nachts auf einer kahlen Planke über einen wilden Wassersturz treiben, als sein ‚Inferno‘ ein +zweites+ Mal wiederlesen! Er hat in diesem Buche seines Liedes gleichsam eine Fackel genommen und unsere ganze morsche Zeit in Brand gesteckt, daß nichts von ihr übrigbleibt als Feuer und schwarzer Dampf und Rauch und Wehgeschrei.
Wahrlich, was für ein Mann muß das sein, der ein solches Jüngstes Gericht über seine Mitwelt zu halten wagt!“
Dies ist ein Abbild Dantes, des größten Dichters des Mittelalters, der ein Gipfel des Katholizismus war, wie er niemals wieder erreicht worden ist, und dem sein Nachkomme in der Kunst, der zweite große Florentiner, Michelangelo, folgende Verse aufs Grab geschrieben hat:
„Wie groß er war, ist nimmer auszusagen, Zu hell den Blinden ward sein Licht entzündet ... Er stieg hinunter zu des Irrtums Reichen, Uns zu belehren, dann empor zu Gotte. Der Himmel wehrt’ ihm nicht die hohen Tore, Dem seine Vaterstadt die ihren zuschloß. Danklose Vaterstadt, die sich zum Schaden Ward seines Unglücks Amme. Recht bezeugt das, Wie Gott den Besten gibt die meisten Leiden. Steh hier für tausend Zeugnisse dies eine: Daß nie ein Gleicher so unwürd’gen Bann trug Wie nie ein größrer Mann als er erschienen!“
Raffael