Part 22
Es gibt einen Begriff bei uns in Deutschland, mit dem wir tagtäglich umgehen wie mit dem Metermaß, dem Literkrug und dem Pfundgewicht, ein konstruierter Begriff, für den es im wirklichen Leben kein einziges Beispiel gibt, das ist der +Normalmensch+. Für ihn sind unsere Gesetze verfertigt, für ihn gelten unsere Sitten, geben wir unsere Gesellschaften, feiern wir unsere Feste, für ihn sind unsere Verfügungen erlassen, und sind Apotheken, Kirchen und Schulen erbaut. Für ihn macht der Schneider seine fertigen Anzüge, schreibt der Arzt seine Rezepte, gibt der Lehrer seine Schulaufgaben und der Richter seine Urteile, und für ihn schaufelt der Totengräber seine Gräber. In Wahrheit hat ihn niemand gesehen noch gehört; wie ein unsichtbarer Geist wandelt der Normalmensch unter uns Deutschen umher, aber für dieses knöcherne Gespenst tun wir alle unsere Pflichten, zahlen wir unsere Steuern, leiden wir unseren Ärger. Was einem etwa im Leben als solcher begegnet oder vorgestellt wird, das sind so widerwärtige Kreaturen, daß man im Interesse des idealen Normalmenschen sich dagegen verwahren muß, daß diese bloß anscheinend korrekten Geschöpfe seinen Namen führen. Wenn man bloß einmal im kleinen Umkreis seiner Familie und seiner Verwandtschaft Umschau hält, ist man baß erstaunt, daß man so einen ganz richtigen Normalmenschen nirgends entdecken kann. Da ist eine sonst unbescholtene Tante, die nachts ohne Licht nicht schlafen mag, da ist ein Onkel, der trinkt, ein Neffe, der das Schießen nicht vertragen kann, eine Cousine, die einen Zirkusreiter geheiratet hat, ein Vetter, der gerne Tiere quält und ein Schwager, der die Platzangst hat oder einer, der ins Hasardspiel versessen ist. Alles ganz harmlose, unbestrafte Individuen, aber samt und sonders keineswegs völlig normal zu nennen. Ja, man findet einen solchen Mustermenschen in ganz Deutschland, von Memel bis Lindau nicht, und selbst Staatsanwälte, die sich im Spiegel besehen, werden finden, daß sie irgend etwas Anormales an sich haben, etwa, daß sie mit der linken Schulter zucken, wenn einer freigesprochen wird, oder nachts das Strafgesetzbuch unter dem Kopfkissen haben müssen.
Das Seltsame dabei ist, daß der Mensch meist diesen kleinen Grillen mit einer gewissen Wehmut obliegt, daß er geärgert oder bekümmert diesen seinen fixen Ideen nachgeht, durch die er lebt und verbrennt. „Denn Leiden ist allen Kreaturen beigemischt“, wie Meister Eckehart sagt, und darum sind seit alters her Rausch und Tränen Nachbarn gewesen. An dieses Anormale und Schmerzliche, das in jedem Menschen wohnt und ihn ausmacht, muß man immer denken, wenn man in die Bildergalerie von Meister Albrecht Dürer eintritt. Bei ihm, der doch nach seinem eigenen Bekenntnis „alles mit Fleiß nach der Natur gemacht hat und nicht das Kleinste von ihr abgewichen ist“, überkommt uns als nächstes Gefühl vor seinen Werken das der Absonderlichkeit und der Anormalität. Alle seine Menschen und Figuren haben etwas Merkwürdiges, Apartes, ihnen schmerzlich Eigentümliches. Dieser nach seinem besten Wissen rein naturalistische Künstler hat, mit seiner Staffelei vor seinen Mitmenschen sitzend, keinen Normalmenschen, ja nicht einmal einen Typus entdecken können. Jeder hat sein eigen Gesicht wie seine Seele, und seine besonderen Eckchen und Fältchen, Hans Tucher so gut wie Kaiser Maximilian und der Apostel Petrus. Und wenn man selbst das harte normale Stadtverordnetengesicht des Jakob Muffel lange betrachtet, wird es einem plötzlich, als sähe man diesen scheinbar ruhigen Mann nachts vom Bett aufspringen und wie Harpagon mit heißen, zitternden Händen an seinen Truhen und Schränken herumstreichen, um sich zu überzeugen, daß alles verschlossen sei. Oder seht euch das Bild des Hieronymus Holzschuher an, das heute in Berlin lebt! Sieht er nicht aus wie ein würdiger Ratsherr und Bürgermeister, von dessen Lippen Worte der Weisheit träufeln, und der mit Martin Behaim, dem Seefahrer, von dem neu entdeckten Westindien und der Insel Java parlieren konnte, wo „die leut Man und Fraven hinden schwanz gleich die hündt haben?“ Aber blickt diesem Herrn Holzschuher nur ein wenig länger in die Augen und auf den Mund, und ihr seht plötzlich das feierliche Bild verwischt und habt einen jähzornigen Mann vor euch, der mit seinem Weib wegen einer angebrannten Suppe wie ein Feldwebel mit seinen Rekruten brüllt, oder der leberkrank wird, wenn sein Söhnchen nicht Primus ist, oder der einen Hund in den Leib tritt, der zu ungelegener Zeit an ihm hochspringt.
Und so ist es mit jeglichem Bilde, das der Meister gemalt hat. Es führt sein eigenes, seltsames, begrenztes Leben, und ist nicht ein Mensch dem andern gleich auf Erden. Für diese Verschiedenheit der Menschen hat kein Maler auf der ganzen Welt wohl schärfere Augen gehabt als Albrecht Dürer, der um 1500 zwischen Himmel und Hölle in deutschen Landen zu Nürnberg auf Erden lebte. Führte ihn seine Kunst zu Gott empor, so zog ihn ein zänkisches Weib, das ihm sein Leben lang beigesellt war, zum Teufel hinab. Der Schmerz der Erkenntnis, die Folge von Adams Apfelbiß, spricht wie aus seinen schönen traurigen Augen und Lippen aus fast allen seinen Werken: Aus dem Blick des Christuskindes, das mit der Nelke oder den Haaren seiner Mutter spielt, ebenso wie aus den Händen des heiligen Hieronymus, oder der Haltung des Frauenkopfes bei dem Bild von der Melancholie, oder vielleicht am gewaltigsten aus jenem Kupferstich vom verlorenen Sohn. Mitten in einem deutschen Gehöft kniet er auf dem Boden, rings um sich die Schweine, die behaglich schmatzende, mit dem Rüssel im Boden wühlende, vergnügliche Kreatur. Da muß er die Hände zusammenfalten und zum Himmel emporblicken und wieder kommen erste Tränen aus seinen Augen und ein erstes Gebet aus seinem Munde. Wer den Menschenschmerz, der aus diesen zusammengepreßten Händen und diesem geöffneten Munde kommt, einmal tief betrachtet hat, der weiß, was Malen heißt, und was für eine zauberhafte Kunst das ist.
Ein solcher Künstler war Dürer, der größte Maler, den Deutschland hervorgebracht hat, der das Leben verdoppeln konnte, weil er alles sah wie es war, und jedem Menschen auf den Grund schauen konnte, wo wir nur Oberfläche und Umrisse erblicken, als ob er dabei gewesen wäre und zugesehen hätte, wie Gott die Welt erschuf. Er löste das Siegel eines jeden Menschen, wenn er ihn malte, und als ein Freund und Schüler ihn einmal leise getadelt hatte, daß das Bild, das er von seiner eigenen alten Mutter gezeichnet hatte, nicht +häßlich+ genug wäre, da holte er diesen, als die Alte später gestorben war, an die Leiche, auf daß er sie betrachte und erkenne, „daß sie in ihrem Tod viel lieblicher sach dann da sie noch das Leben hätt’“. „Und mir war dabei,“ erzählt jener, „als ob Meister Albrecht sie schon im Leben oft so wie heute auf der Totenbahre geschauet hätte.“ Das ist das Wunderbarste und Genialste an Dürer, daß er außer seinen beiden Augen, die jedes Härchen auf den Lidern des anderen sahen und den Mundwinkeln einer Frau anmerkten, ob sie eine wilde oder eine fromme Jugend durchgemacht hatte, noch jenes +dritte+ Auge hatte, vor dem alle Formen in eins zusammenfließen und alles Vergängliche verewigt wird.
Der Normalmensch, der nirgends existiert, würde schließlich noch von Dürer berichten, daß er bei Michael Wohlgemut zu Nürnberg Zauberlehrling war und das Malen erlernte, und daß er in Venedig und in Antwerpen gewesen wäre, und daß er an der Auszehrung gestorben sei, und daß der Schwerpunkt der Dürerschen Kunst in seiner ungewöhnlichen Persönlichkeit liege, der überwältigenden Kraft seines leidenschaftlichen seelischen Empfindens, der rein menschlichen und streng sittlichen Bildung seines Geistes, der Kindlichkeit seines Gemüts und dem Adel seiner Gesinnung, der sich nicht nur überall in seinen Leistungen ausspräche, sondern auch von seinen bedeutendsten Zeitgenossen wie Pirkheimer, Kamerarius und Melanchthon wiederholt bezeugt werde, wie dies alles in Brockhaus’ Konversationslexikon -- auch einer Einrichtung für Normalmenschen! -- zu lesen ist. Aber er würde vergessen, zu erzählen, daß auf seinem Grabstein auf dem Friedhof der St. Johanneskirche zu Nürnberg die Worte stehen: „Streue ihm Blumen, o Wanderer, Blumen“, -- keine Phrasen!
Rembrandt
Rembrandt kam von dem Begräbnis seiner Frau in sein Haus zurück. In der Breestraat lag es, mitten im Amsterdamer Judenviertel. Die reichen Verwandten seiner Frau, die mit draußen auf dem Friedhof gewesen waren, hatten ihn alle verlassen. Sie liebten diese mit jüdischen Trödlern und Bettlern gefüllten Gassen nicht, und einer hatte sogar auf dem Wege zum Grabe ziemlich laut gesagt, seine Base Saskia sei an der schlechten jüdischen Luft so früh zugrunde gegangen. Und dann hatten sich noch einmal alle Augen der reichen Sippschaft auf den Maler Rembrandt gerichtet, der als ein armer Müllerssohn die Frechheit gehabt hatte, ihre reiche Verwandte zu heiraten und nun noch lebendig dastand mit seinem breiten plumpen, gemeinen plebejischen Gesicht, während man den Sarg seiner Frau am Strick in die Erde hinunterließ. An den stumm beredten Ausdruck dieser Augen, mit dem nur reiche Holländer einen armen Schlucker ansehen können, dachte der Maler, als er den Schlüssel in das Schloß seiner Haustüre steckte. Er zog seine schwarzen Handschuhe aus, und er wußte plötzlich nicht, hatte er jene Szene gemalt oder erlebt. Dann hing er den breiten braunen Hut an einen Nagel, der aus dem Dunkel des Flurs aufleuchtete, und ging in seine Werkstatt über den Gang nach hinten. Er setzte sich vor seine Staffelei und sah sich das Machwerk, das daran hing, scharf und lange an. Es war sein Selbstbildnis, das er in den Tagen ihrer Krankheit, da er zu nichts anderm Geduld fand, begonnen hatte. Da stand noch der Spiegel neben der Staffelei und fing seinen Kopf auf, als er sich vornüber beugte. Er sah hinüber und herüber und verglich die beiden Gesichter bis in die Schnurrbartspitzen. Also solch ein Kerl war er! Eine dicke, nicht ganz gerade Nase, nicht schöner als die des Sokrates, das Kinn sinnlich und nicht energisch vorgebaut, die breite Stirne über den scharfen Augen von dem vielen angespannten Sehen mit Falten grade und quer überzogen. Und just diesen scheusäligen Kerl, dessen Bild sich im Spiegel ewig bewegte, während das auf der Staffelei ewig stille stand, hatte diese schöne Frau, die man eben zu Grabe getragen hatte, sich unter vielen ausgewählt und liebgehabt. Wo mochte da das Rätsel stecken? Und Rembrandt hatte, ohne daß er wußte, was er tat, wieder zu malen angefangen und ließ seinen Pinsel kalt und ruhig zwischen den beiden Abbildern wie einen unbestechlichen Richter zwischen zwei Parteien hin und her gehen, um einen möglichst gerechten Vergleich herauszubekommen. Aber es wollte ihm heute nicht recht gelingen, unparteiisch zu sein, das höchste Ziel, das einem Künstler, der zwischen Gott und Natur steht, vorschwebt. Er mußte immer an den Rembrandt denken, den die reichen Verwandten seiner toten Frau auf dem Kirchhof wie einen Räuber und Mörder angesehen hatten. Er stand auf und trat aus dem Zwielicht seiner Werkstatt an das Fenster, durch das aus dem Hof das Licht ganz abgedämpft wie in eine Krankenstube hereinsah. Das Blatt Papier fiel ihm ins Gedächtnis, das ihm irgendein Vetter oder Schwager auf dem Heimwege mit einem vorwurfsvollen und zugleich etwas hämischen Augenaufschlag zugesteckt hatte. Er zog es aus der Tasche verknittert heraus. Vermutlich ein Traktätchen, wie es die Kalvinisten, Remonstranten, Mennoniten oder wie die Sekten in Holland alle hießen, drucken und unters Volk verteilen ließen, in dem mit vielen gelehrten und ungelehrten Sätzen aus einem schönen Bibelspruch etwas Unschönes gemacht worden war. Der Maler holte sein Augenglas hervor, um besser lesen zu können -- denn er meinte kindlicherweise, die Wissenschaft stecke in der Brille -- und begann ganz langsam, wie er es auf der Küsterschule in Leyden gelernt hatte, zu buchstabieren. „Es ist nicht zu leugnen (~Non est negandum~), daß der vermeintliche Maler Rembrandt van Rijn keinesweges die Erwartung erfüllet hat, welche daß künstlerische Holland auf Grund seiner in Leyden gemachten Schildereien, insbesondere jenes fürtrefflichen Bildes von der Reue des Judas, auf ihn gesetzt hatte. Die braune Brühe, in die er die Bildwerke seiner zweiten Manier getunkt hat, um ein paar goldene Flecken heller und greller daherauszufischen, ist sowohl unnatürlich als auch unschön. Es ist nicht zu verwundern (~non est mirandum~), daß der Maler in Amsterdam auf diesen Knüppel- und Irrweg geraten ist. Hört man doch die Kenner von ihm berichten und erzählen, daß er in einer finsteren Baute im finstersten Viertel von Amsterdam hauset, die er mit türkischen Teppichen, Kaftans, indischen Schals und arabischem Rüstzeug vollgepfropft und noch verdunkelt hat, daß man drinnen nicht mehr weiß, ob draußen der Mond oder die Sonne am Himmel hängt. In solch einer Grube mag dann freilich ein Gesicht oder eine ausgestreckte Hand wie Silber oder der Stern von Bethlehem leuchten. Ist das die ganze Herrlichkeit, die bei einem üppigen Wohlleben und Saufen mit den deftigen Herren der Kaisergracht herauskommt?
Aber Afterkunst blendet nur die Pöbelplebs oder rohe Barbarenseelen. Wir aber, seine Leydener Landsleute, die wir es wohlmeinen mit einem jeden Sohne unserer Stadt, fragen diesen an, wie lange will er wohl noch die Maulwurfsmalerei betreiben? Wartet er darauf, bis unsere Geduld oder sein Talent zu Ende ist? Er soll es uns nicht zu weit treiben, denn erstere ist vielleicht noch schwächer als letzteres. Warum malet er nichts Niederländisches, Echtes, als da sind ein Stilleben oder eine Mühle wie früher statt des morgenländischen Plunders, den er uns neuerlich auftischt?“
„Und so weiter!“ dachte Rembrandt und besah sich nur noch die Unterschrift des würdigen Traktamentes, das nach Galle wie ein eingelegter Hering nach Essig schmeckte. „Arent van Büchel aus Leyden“ stand darunter, und der Künstler wußte nun gleich, warum der Esel ihm über den Weg lief. Es war ein höherer Beamter und Ratsmitglied seiner Vaterstadt, der sich darüber gefuchst hatte, daß der Maler aus Leyden fort in die Hauptstadt verzogen war und die Mitgift seiner Frau in Amsterdam versteuerte. „Wenn ich am Meer hauste oder in der Sonne säße, würden sie so klug sein und daraus schließen, daß ich +zu helle Farben+ hätte, und wenn ich arm wäre, hieß es, daß ich reicher sein müßte!“ dachte der Maler und sah sich in seiner exotischen Werkstatt um. „Wo Licht ist, da ist Finsternis, und wo Finsternis, da ist Licht“, mehr kann man in der Malerei, wie in der ganzen Welt nicht lernen, sprach er und zog sich selber an seinen Haaren wieder zu seinem Bild zurück. „Ich weiß nicht, was ich bin und kann nur, was ich war, wie dort meine Nase im Spiegel sehen.“ Das war aber ein Mensch, der heute seine tote Frau begraben hatte und vorgestern die Amme seines Sohnes auf dem Schoß gehabt und ihr die Ehe versprochen hatte, und der in diesen Tagen die „Nachtwache“, eines der ersten Bilder der Welt, vollendet hatte. Ein Mensch, der wußte, daß, wenn er den Holzhammer neben sich an die Stubentüre auf der Seitenwand warf, dann ein junges Dienstmädchen erschien, Hendrikje gerufen, sein Söhnchen Titus auf dem Arm und einen Teller Suppe in der andern Hand, und daß sie selbdritt dann essen würden, als sei dieses Kind ihr eigenes, dasselbe, das Saskia, die er geliebt, als letztes vor dem Sterben mit den Lippen berührt hatte. Aber er wußte nicht, ob er, der Mensch, dem die Tote dieses Knäblein anvertraut hatte, das er so liebte, nicht doch einmal an die Mündelgelder dieses Kindes greifen würde, wenn die Gläubiger, die unter dem Kommando des Konkursverwalters mit dem furchtbaren Namen Torquinius schon in sein Haus eingedrungen waren, ihn auf der Treibjagd in die Enge gepreßt hätten. Und bei dem war er so wenig ein Wüstling, daß er vier Fünftel der Zeit, die er wach war, der Arbeit weihte, und war ein so guter Vater, daß sein Sohn Titus, als er ein Mann geworden war, +ihn mehr noch+ als sein eigenes Weib und seine Kinder lieb hatte.
So seltsam sah der Mensch aus, den er um sein Herz zu tragen hatte, bis er in einer Oktobernacht im Jahre 1669 erlosch. Wo waren die Engel, die er so oft gemalt hatte, als er in den letzten Wochen seines irdischen Daseins, die Binde unter der Mütze über die Stirn geknüpft, um die ewigen Kopfschmerzen zu lindern, die Augen trüb und halb blind vom Fusel abends wie eine Nachteule in den Schnapskneipen des Armenviertels von Amsterdam herumkroch? Warum tat der Himmel, der ihm soviel verdankte, nicht einmal seinen Mund auf, um diesem zitternden, fast erblindeten Greise, den die Gassenkinder verhöhnten, ins Ohr zu flüstern: „Du bist der größte Maler, den die Welt geboren hat.“ Der Totengräber, der am Sterbemorgen in Rembrandts Stube kam, um zu sehen, ob man den +Geistlichen+ bei dem Begräbnis bezahlen könnte, stellte grinsend fest, daß außer dem Malergerät und dem wollenen Kleiderflaus nichts vorhanden war, und daß man von einer Predigt und dem Segen an seinem Grabe absehen müßte. Wo ihr größter Landsmann, der „einzige fliegende Holländer“, begraben liegt, wußte nach drei Jahren keines Menschen Seele mehr in den Niederlanden.
Erst als man das Wort und den Begriff „Helldunkel“ erfunden hatte, wachte auch Rembrandt aus seiner Vergessenheit wieder auf. Goethe war einer der kühnsten Entdecker des unbekannten Wundermannes. Die schönen Worte, die bei Rembrandts Leben und Sterben gefehlt hatten, fanden sich nun in würdigen Massen wie beim Begräbnis eines Akademiedirektors ein. Man nannte ihn den Vertreter des protestantischen Christentums in der Kunst und den tief Religiösen, ohne daran zu denken, daß dieser schlichte große Mann seine Stoffe lediglich aus der Bibel nahm, weil sie das einzige Buch war, das er las und lesen konnte, bis der Konkursverwalter es ihm mit versteigerte. Grade seine Wiedergabe von Christus selbst war lange Zeit und ist auch heute vielen noch nicht nach dem Sinne. Denn er hat weniger den Gott als den Menschen in ihm gesehen, den, der am meisten gelitten hat, den Freund der Bettler, Kinder und Narren, dessen Schicksal dem seinigen verwandt war. Nie hat er ihn „idealisiert“, wie man in der Töchterschule und in der Gipsklasse sagt, oft ihn qualvoll, verzerrt und traurig dargestellt, aber immer mit jener Hoheit, die aus den Augen Goethes oder von der Stirne Napoleons leuchtete. Das stille, nie die Bescheidenheit der Natur überschreitende dramatische Leben seiner Bilder hat erst unsere Zeit ganz gewürdigt. Denkt man dabei an die schreienden, verzuckerten, affektierten übertriebenen Figuren vieler Christusmaler, so ist einem, als wenn man von Shakespeare zu Wildenbruch kommt oder von einem Helden zu einem schlechten Schauspieler.
Über Rembrandts Malweise ist zu sagen, daß er sehr früh, schon in Leyden merkte, daß die Geburtsstunde eines jeden bedeutenden Malers der Augenblick ist, wo er sich innerlich frei macht von der Akademie und ein neues Leben beginnt, indem er seine eigene Technik gefunden hat. Und wenn auch diese den heutigen Malern nichts mehr zu geben hätte, die das Licht und „seine Leiden und Taten“, die Farben, wie Goethe, der Sohn des Lichtes, sie genannt hat, +draußen+ im Freien aufsuchen, die +große Persönlichkeit+, die hinter den Werken Rembrandts steht, die kann allen Deutschen, wie jener eine Deutsche in einem ganzen Buche bewiesen hat, den Künstlern wie dem Publikum noch heute ein Erzieher sein. Sie lehrt uns vor allem in der Kunst keine Kompromisse zu machen und zu verlangen. Was klein an so großen Künstlern wie Schiller und Richard Wagner ist, das haben sie ihrer Schwäche in diesem Punkte zu verdanken. Rembrandts erhabenes tragisches Beispiel weist dem Künstler den Weg zur Unsterblichkeit. Vor ihn sollte man die jungen Akademiker führen, nicht um ihn zu kopieren, sondern um Persönlichkeiten und eigene Menschen wie er zu werden. Und man sollte sie noch heute anreden wie der alte Cornelius seine Schüler: „Nicht darauf kommt es an, meine Herren, möglichst viele tausend Taler im Jahre zu verdienen und ein Haus in der vornehmsten Straße zu erwerben, sondern einzig darauf, Kunst zu machen.
Was nützt es dem Maler, wenn er sich hohe Orden und Titel und Revenuen wie Rothschild ermalt und erster Klasse mit sechs Pferden und mit Musik begraben wird, wenn er zehn Jahre später der Lächerlichkeit verfällt und seine Bilder immer höher bis auf den Speicher wandern und die Motten selbst sie nicht mehr mögen? Auf Rembrandt schaut, ihn ehrt wie einen Heiligen, den Welteroberer, der auf der Strohmatte gestorben ist und als Bettler erlosch, um als größter Künstler fortzuleben!“
Arthur Schopenhauer
Wir haben in Deutschland niemals eine richtige, erfolgreiche Revolution gehabt. Das bißchen schöne heiße deutsche Blut anno 1848 wurde durch die mechanisch bei uns wirkende Militärmaschine niedergedrückt und tobte sich in den klingenden endlosen Reden des Frankfurter Parlaments langsam und friedlich in einem nicht wehetuenden Idealismus zu Ende. Und siebenzig Jahre später, 1918, ging es auch noch höchst gedämpft und maßvoll zu. Es ist wohl weniger die Furcht vor Pulver, denn in drei siegreichen Kriegen unter Bismarck und in dem verlorenen unter Hindenburg bewiesen wir den alten ~furor teutonicus~ -- als vielmehr die eingeborene Scheu vor unseren Fürsten, die uns beim Revolutionieren hinderte, derzufolge wir verfahren, wie Heine gepfiffen hat:
„Der Deutsche wird die Majestät Behandeln stets mit Pietät. In einer sechsspännigen Hofkarosse, Schwarz panaschiert und beflort die Rosse, Hoch auf dem Bock mit der Trauerpeitsche Der weinende Kutscher -- so wird der deutsche Monarch einst nach dem Richtplatz kutschiert Und untertänigst guillotiniert.“
Die fürchterliche Aufgabe, Revolution zu machen, blieb somit in Deutschland immer nur +einzelnen+ überlassen, die wiederum in das Gebiet des +Geistigen+ verschlagen wurden, da Politik bislang fast stets bei uns Sache der oder des Fürsten war. So kam es, daß unser Cromwell Martin Luther hieß, der die Bibel ins Deutsche übersetzte, statt Karl V. den Kopf abzuschlagen, und daß unser unblutiger Camille Desmoulins Immanuel Kant war, der eher fast Gott selber entthront hätte, als daß er eine Zeile gegen seinen Monarchen geschrieben hätte. Und so wird auch vielleicht die Religion der Zukunft als eine geistige Umwälzung von Deutschland aus ihren Ausgang nehmen.
In die Reihe dieser deutschen Empörer und Aufwiegler, die die schwere Aufgabe, die ihnen zugefallen ist, mit einem tragischen Leben besiegeln, gehört auch der große Mensch, Denker und Künstler Arthur Schopenhauer, dessen gewaltigen Schatten wir hier heraufbeschwören wollen. Seine Ausnahmestellung unter den deutschen Gelehrten verdankte er, da er lebte, zunächst einmal seinem Reichtum. Die Philosophen und Künstler waren bis dahin in Deutschland von der Gnade ihres Herrschers oder der Großen abhängig, oder wie noch heute bei uns, an die Gunst des Publikums verkauft. Noch Goethe saß in der Idee fest, daß der Künstler und Denker mit einem Augenaufschlag zu dem Fürsten oder dem Mächtigen emporblicken müsse, der ihm die Mittel zum Leben spendete. Der Fleiß und die Tatkraft eines reichen, früh verstorbenen Vaters, an dem der Sohn sein Leben lang mit hamletischer Liebe hing, brachte Schopenhauer von Jugend auf in eine völlig freie Unabhängigkeit, so daß er von keines andern Laune und Humor, noch von der Anerkennung seiner Mitwelt zu leben brauchte.