Schattenbilder

Part 21

Chapter 213,409 wordsPublic domain

Diese verkleinerte Photographie fängt das Rätsel Napoleon noch weniger ein als das Zerrbild, das die deutschen Freiheitskämpfer Anno 1813 sich von ihm machten, die ihn als Vernichter ihres Vaterlandes, als Lügner und falschen Propheten gehaßt haben, wie noch keiner in Deutschland gehaßt worden ist. Was er zunächst als Testamentsvollstrecker der Französischen Revolution allein für Gutes über Europa gebracht hat, das sah man damals im Rausch des Patriotismus noch nicht. „Attila! Attila!“ sollen ihm die Studenten zu Jena nachgerufen haben, dieselben vielleicht, die zehn Jahre darauf unter Metternichs Knutenwirtschaft sich fast nach dem fremden Tyrannen zurücksehnten. Der einzige Mann von Bedeutung in Deutschland, der den allgemeinen Haß gegen Napoleon nicht mithassen konnte, ist bekanntlich Goethe gewesen, der so begeistert von dem persönlichen Reiz des Kaisers war, daß er -- die Geschichte hat kein größeres Kompliment für Napoleon! -- lange überlegte, ob er nicht sein Vaterland aufgeben und nach Paris ziehen sollte. Aber es +war+ nur das Dämonische, die Urkraft in Napoleon, die Goethe zur Bewunderung hinriß. Das Stück Zukunft in diesem Bürgerkaiser wurde der Aristokrat und weimarische Staatsminister mit allen anderen noch nicht gewahr, das Demokratische, man möchte fast sagen, Amerikanische in Napoleon, das nicht Adel noch Stand, sondern nur das persönliche Verdienst hochschätzte. Dies kam zum Vorschein, wenn er etwa an den Habsburger, den Kaiser von Österreich, der ihn, um sich den bürgerlichen Schwiegersohn zu erleichtern, an den Familienadel der Bonaparte erinnerte, einfach schrieb, „Mein Adel rührt von Montenotte, meiner ersten siegreichen Schlacht über die Österreicher, und von nichts anderem her.“ Oder, wenn er einen beliebigen Prinzen von Preußen in bitterer Ironie zu einer Hasenjagd auf dem Schlachtfeld von Jena einlud und ihn dann obendrein noch warten ließ, während er von seinem Stuhl aufsprang, als Goethe zur Audienz hereinkam.

Aber für dieses Demokratische in seinem Wesen hatte die Zeit, die ihn erlebte, ebensowenig Augen wie für das Romantische in Napoleon. Man war zu sehr überrascht von dieser Erscheinung, um sie schon verstehen zu können. Denn Napoleon war wirklich ein Romantiker auf dem Throne, wie es vor ihm nur Alexander der Große gewesen ist. Das, was deutsche Geschichtschreiber stets als Pose und Phrase bei ihm gescholten haben, das war seine Triebfeder, sein Daseinsgrund: So, wenn er, der keine Dynastie hinter sich hatte, in Briefen oder Reden sich Hannibal zum Ahnherrn machte, als er über die Alpen zog, oder Cäsar, wenn er in Italien und Mohammed, wenn er in Ägypten war, oder den nach Persien flüchtenden verbannten Themistokles, als er nach Belle-Alliance den Schutz des englischen Königs anrief.

Es war ebensowenig geschauspielert wie unwahr, wenn in Potsdam sein erster Besuch dem Sarge Friedrichs des Großen galt, und wenn er den Degen des alten Fritzen für die +schönste+ Beute aus allen seinen Kriegen erklärte, oder wenn er den Papst zu seiner Kaiserkrönung herbeizog, oder wenn er seinen Sohn in der Wiege zum König von Rom erklärte. Große Augenblicke bedürfen großer Worte, und man sollte Napoleon so wenig einen Phrasenmacher nennen wie Bismarck, der, um Rußland einzuschüchtern, schrie „Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt“. Politik ließ sich damals und läßt sich auch heute oft nicht anders übersetzen als: Die Kunst, schön zu lügen. Und hatte Napoleon nicht das Recht, ein Romantiker zu sein, wenn er seinem Leben, das sich noch heute wie ein Roman erzählt, auf den Rücken sah? Es gibt nichts Reizvolleres in seinem Leben für uns, die wir es heute aus der Vogelschau betrachten, als die kurze Zeit, da er 22 Jahre alt, im Sommer 1791 als Sekondeleutnant in Valence, einem Städtchen in Südfrankreich, bei der Artillerie stand. Er dichtete damals -- welcher bessere Sekondeleutnant täte dies nicht! -- klagte über den Dienst, war unglücklich verliebt, las fünfmal „Werthers Leiden“ und schrieb Sätze wie diesen in sein Tagebuch: „Die Liebe bringt mehr Unglück als Glück, und es wäre eine Wohltat der schützenden Gottheit, uns damit zu verschonen und die Menschen davon zu befreien.“ Er ahnte damals noch nicht im geringsten, was das Schicksal aus ihm machen würde. „Erst nach meiner dritten siegreichen Schlacht fühlte ich -- auf der Brücke von Arcole war es! -- daß ich ein großer Mann werden würde, und diese fixe Idee verließ mich seitdem nicht mehr“, hat er auf Sankt Helena gesagt.

Wenn man das Genie als eine Art Krankheit bezeichnen will, deren Wesen Ruhmsucht ist, so war Napoleon später +völlig+ von dieser Krankheit besessen. Ruhelos trieb sie ihn, wie den Orest die Furien, durch ganz Europa umher, bis er auf der kleinen Felseninsel im Atlantischen Ozean, wo dreitausend arme, verkommene Menschen, ein paar Schafe und Ziegen und Milliarden Mücken lebten, eine qualvolle Erlösung fand. So war er ein Abbild dessen, der vom Geist der Ordnung überritten wird, und der in der Offenbarung Johannis also beschrieben wird: „Und es ging heraus ein anderes Pferd, das war rot; und dem, der darauf saß, ward gegeben, den Frieden zu nehmen von der Erde und daß sie untereinander erwürgeten; und ihm ward ein großes Schwert gegeben.“

Neben dieser übermenschlichen dämonischen Triebkraft seines Daseins seien schließlich noch ein paar freundliche Züge in dem Wesen dieses „Tigers in Menschengestalt“, wie Theodor Körner ihn nannte, erwähnt. Einmal die Art seiner Kriegführung in Ägypten, wo er zivilisierter, als wir in China es waren, die alten Heiligtümer des Landes den Gelehrten, nicht den Soldaten überließ, oder in Italien, wo er den mit dem Tode bedrohte, der ein Kunstwerk zerstören würde und Florenz um Michelangelos und Arezzo um Petrarkas willen nicht beschießen ließ. Vergessen sei auch nicht, wie gütig er gegen seine Soldaten gewesen ist, die wirklich nicht für einen Tyrannen und Menschenfresser so oft in den Tod gegangen wären, wie er die Pestkranken, um sie von ihren unheilvollen Qualen zu befreien, vergiften lassen wollte, und wie er manche Nachmittage vor den Soldatenspitälern zu Paris Musik machen ließ, um die Genesenden heiter zu stimmen.

Für die Franzosen ist dieser Napoleon eigentlich nur ein schöner Luxus gewesen, wie sein Neffe, ~Napoléon le petit~ zum Kaufmann geboren, zum Kaiser bestellt, ein unschöner Luxus für sie geworden ist. Jedenfalls hat das französische Volk von der ganzen Kaiserei Bonapartes heute nichts mehr in Händen als große Erinnerungen und verschollenen Ruhm und eine noch jetzt mit infolge seiner vielen Kriegszüge dezimierte Menschenschar. Die sozialen Eroberungen der großen Revolution, von denen die dritte Republik heute zehrt und lebt, hat Napoleon gehemmt und dem Volke, das ihn als Götzen anbetete, in seiner Entwicklung nur geschadet. Was er, diese Laune des Seins, als unbewußter Testamentsvollstrecker Voltaires, Rousseaus, Mirabeaus, Dantons den übrigen Völkern übermittelt hat, die großen bleibenden demokratischen Ideen aus dem Jahre 1789, hat alle Nationen weniger gekostet als die französische. Namentlich um Deutschland hat sich dieser Sendbote der Revolution verdienter gemacht als Bonifazius: Er hat die geistliche Weltmacht in Deutschland vernichtet, die Reichsstädte größtenteils aufgehoben, die Reichsritterschaft lächerlich gemacht und mit diesem allen wider Wissen und Willen der Einigung des Reiches und Bismarck vorgearbeitet. Er hat den Gedanken der Volksfreiheit und der Verfassung über die Elbe fast bis nach Mecklenburg getragen, und wenn wir in unsern Tagen auch in Preußen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu sprechen beginnen, so verdanken wir dies dem Dämon, der ausgesandt ward, in alle Welt zu gehen und alle Völker zu lehren und auf den heiligen Geist der neuen Zeit zu taufen. Und darum können wir hundert Jahre nach dem Erscheinen dieses Kometen Napoleon mit Fug und Recht ihn im Elysium zum deutschen +Ehrenbürger+ ernennen.

~b~) die negative Aufnahme

Es ist ein Prüfstein für jeden heutigen Menschen, wie er sich zu Napoleon stellt. Nicht als ob noch ein Streit über seine persönliche Bedeutung notwendig wäre. Die Zeit, die unmittelbar auf seine Schreckensherrschaft folgte, hielt es in ihrer Verachtung gegen ihn für angebracht, ihm fast jede überlegene außergewöhnliche Begabung abzusprechen. Chateaubriand, der ihn nach Madame de Staël wohl am heftigsten in Frankreich gehaßt hat, ging sogar so weit, ihm als gepriesenem Feldherrn ein Mißtrauensvotum zu erteilen. „Man hat gemeint,“ so schrieb er, „Napoleon hätte die Kriegskunst entwickelt und vervollkommnet. In Wirklichkeit hat er sie zu ihrer Kindheit zurückgeführt.“ Dieser Ausspruch ist freilich nicht so töricht, wie Flaubert geglaubt hat, der ihn in seine Sammlung denkwürdiger Dummheiten aufgenommen hat. Denn Napoleons Krieg- und Schlachtenführung hatte wirklich etwas sehr Primitives an sich. Und das ganze große Geheimnis dieser „Kunst“, die wie keine andere vom allmächtigen Zufall abhängig ist, besteht nach seinen eigenen verächtlichen Worten darin, daß man mit einer größeren Heereszahl eine kleinere angreift. Aber lassen wir ihm ruhig seine lang genug erprobte Feldherrengabe, die er am meisterhaftesten noch in seinem Absturz, in dem Feldzug in Frankreich 1814, bewährt haben soll! Mögen sich Generalstäbler und Kriegsschüler daran erbauen.

Seine Fähigkeit, Schlachten anzuordnen und Truppen zu leiten, soll ebensowenig mehr bestritten sein wie seine Kraft, die Mannschaften anzufeuern und Menschen für sich zu gewinnen. Von dem Zauber seiner Persönlichkeit, mit dem er Männer, an deren Freundschaft oder Bewunderung ihm etwas lag, einzufangen wußte, sind uns zahllose Zeugnisse erhalten. In Deutschland ist die magnetische Macht seines Einflusses am bekanntesten durch die Verehrung Goethes geworden, der von ihm seit der Zusammenkunft in Erfurt stets wie von einem überirdischen Wesen sprach und diese Vergötterung des „Einzigen“ noch seinem unglücklichen Sohn August vermachte, dem im Freundeskreis die Tränen in die Augen traten, wenn man die Schlacht bei Leipzig feierte. Diese maßlose Überschätzung des fremden Kriegsgötzen verstieg sich bei Goethe zu dem bekannten Ausspruch gegen Theodor Körner und Lützows Freischaren im Jahre 1813: „Schüttelt immer an Euren Ketten! Der Mann ist Euch zu groß. Ihr werdet sie nicht zerbrechen.“ Wir wollen diese Narrheit des Dichters nicht hinterher zu entschuldigen und verständlich zu machen suchen. Goethe hatte sich einmal in die dämonische Persönlichkeit Napoleons versehen und war als Staatswesen überhaupt auf das Unterordnen eingestellt. Für ihn gab es, nach seinen eigenen Worten, kein schöneres Los, als einem selbsterwählten würdigen Fürsten zu dienen. Napoleon galt ihm mit Recht als der befähigtste, der gebieterischste unter allen ihm bekannten Herrschern seiner Zeit. Und darum brachte er ihm, von dem er sich wie ein Pair behandelt sah, willig seine Huldigung dar. Bis zu seinem eigenen Tode bewahrte er Napoleon diese Treue, übersetzte im hohen Alter noch, wo er kaum mehr etwas übertrug, Manzonis Ode auf den fünften Mai, den Todestag des Kaisers, und sprach gegen seinen Eckermann stets von ihm wie von einem vollkommenen Helden.

Die trübe Zeit der geistigen Reaktion, die auf den Sturz Napoleons folgte, trug viel dazu bei, das Andenken an den Gewaltigen zu verschönern. Die Unterdrückung, die sich auf alle freiheitlichen Regungen legte, gab dem verschollen auf einer kleinen Insel des Weltmeeres in Gefangenschaft lebenden Kaiser in der Vorstellung der daheim Geknechteten einen Glanz und eine Verklärung, die seinem Wesen in Wirklichkeit gar nicht entsprach. So durch einen Nebel von Sagen und verherrlichenden Erinnerungen sahen ihn die unter den poetischen Jüngern, die seine Exhumation, seine Befreiung vom Staube der Verleumdung herbeiführten. Wie beispielsweise Lord Byron in England, wie die polnischen Dichter, die ihn hinterdrein als ihren Messias feierten, wie Heinrich Heine bei uns und der alte Stendhal und der junge Viktor Hugo in Frankreich. Bis zu dem Jahre 1841, da man unter dem Ministerium seines Geschichtschreibers Thiers die Asche des Kaisers von Sankt Helena in den Invalidendom überführte, blühte diese Wiedergeburt Napoleons in der Dichtung. Man umkleidete in der poetischen Vorstellung den gewesenen Tyrannen, den Mörder des Herzogs von Enghien, des armen Buchhändlers Palm und des biederen Andreas Hofer, nun nachträglich mit den freiheitlichen Gedanken der französischen Revolution, die er zeitlebens persönlich verachtet und verlacht hatte. Man wollte sich nicht mehr erinnern, daß Napoleon alle, die später noch von den großen gesellschaftlichen Plänen des Jakobinertums sprachen, dem er selber ehemals seine militärischen Dienste angeboten hatte, als „Ideologen und Faselhänse“ verfolgt hatte. Man vergaß, daß Beethoven die Widmung der „Eroika“ an ihn zerrissen hat. Vergaß, daß Napoleon seinem begabten Bruder Lucian, der sich seine republikanische Gesinnung bewahrt hatte, geradezu nach dem Leben trachten ließ und ihn zum vollkommenen Schweigen verurteilte. Gewiß! Napoleon gab sich gern demokratisch und war es schon als Südländer mehr als etwa sein nordischer Freund und Feind, Kaiser Alexander I. von Rußland, der die heilige Allianz zur Erhaltung der Monarchien begründete. Auch das Wort, dessen frohe Botschaft wir wieder vernahmen: „Freie Bahn dem Tüchtigen!“ findet sich schon mehrfach in der Fassung: „Dem Fähigen!“ bei Napoleon. Aber dies Gebahren war bei ihm, dem Advokatensohn und Profitmacher der großen Revolution, mehr eine verfluchte Notwendigkeit als eine Sache der Überzeugung. Er konnte sich als bürgerlicher Parvenu kaum noch auf den zum größten Teil durch die Guillotine weggefegten französischen Adel stützen. „Der Adel hat mir gedient,“ schrieb er einmal, „aber zwischen uns gab es niemals Gemeinschaft. Mit dem Volk Frankreichs dagegen war es eine andere Sache. Seine Gemütsart stimmte mit der meinigen überein.“

Darum wußte er auch dies Volk so gut zu behandeln, daß es sich bis zur Grenze seiner Möglichkeit für ihn hinschlachten ließ, daß es bis Waterloo nicht müde ward, sein „~Vive l’empereur!~“ zu schreien. An dem Glück dieses Volkes, das er, wie er in seinem Testament beteuert, so sehr geliebt hat, daß seine Gebeine an den Ufern der Seine inmitten der französischen Nation ruhen sollten, hat er nur, soweit es für ihn paßte, Anteil genommen. Die „soziale Frage“, die bereits mit der ersten französischen Revolution der Welt ihr Rätsel aufgab, hat er kaum beachtet. Ihm war vor allem anderen an seinem Ruhm gelegen. „Der Ehrgeiz ist der Hauptbeweggrund des Menschen“, mit diesem Satz begann und endete seine ganze höchst einfache und wilde Psychologie. „Der Wille zur Macht“, das war für ihn wie für seinen späten Bewunderer Nietzsche, der nicht nur den Anfangsbuchstaben mit ihm gemein hatte, die alleinige Triebkraft aller Menschen. Von sozialen Gefühlen mochte der Korse ebensowenig wie der grausame Sachse wissen. „Ich habe die Grenzen des Ruhms erweitert.“ Auf diese traurige Selbstvergötterung laufen die Bekenntnisse hinaus, die er in Sankt Helena von sich gab. Diese neronische Leidenschaft für den Ruhm, ~la gloire~, die kein Volk mehr als das französische empfinden kann, hat ja diese Nation stets wieder an ihn angezogen. Bis auf die Nationalisten und Annexionisten nach 1870 in Frankreich, die ihn wie ihre Vorfahren den heiligen Ludwig als ihren Abgott verehrten. Man verzieh ihm um seiner kriegerischen Ruhmestaten, der vergessenen Schlachten und der verstaubten Fahnen willen sogar, daß er die Republik samt ihren erhabensten geistigen Errungenschaften vernichtet hatte. Denn den freien Kult der Religionen hat er, der sich selber einen „guten Katholiken“ nannte, anders wie sein leuchtendes Vorbild, Friedrich der Große, möglichst im Sinne Roms eingeschränkt.

Er hat sich später nach seinem Sturz viel darauf zugute getan, daß er die Ordnung in Frankreich wieder hergestellt habe. „Ich habe den Abgrund der Anarchie zugeschüttet. Ich habe ein Chaos gesichtet, die Revolution geläutert, habe die Völker veredelt, die Könige auf ihrem Thron gesichert.“ So und ähnlich rühmt sich Napoleon in der „Selbstrechtfertigung“, die er auf seiner letzten Insel diktiert hat. Wie leicht er es sich mit diesem Ordnungschaffen gemacht und auf wie falscher Grundlage seine Tyrannei gestanden hat, das verschweigt der Regisseur seines eigenen Ruhmes. Um das von ihm wieder völlig entmündigte Volk der Franzosen über seine neue Knechtschaft hinwegzutrösten, hat er es von einem betäubenden Blutbad ins andere gestürzt und mit dem Leben seiner Untertanen in einer Gefühlsroheit und Phantasielosigkeit gewüstet, wie sie nur noch in unsern Zeiten überboten werden sollte. Hinterdrein auf Sankt Helena hat er die eiserne Stirn gehabt -- und auch in diesem berühmten Muster hat man ihn heutzutage nachgeahmt -- zu behaupten, daß er immer hätte Frieden machen wollen, und daß man ihn, den armen unfreiwilligen Feldherrn, der „die Grenzen des Ruhmes erweitert“ hat, genötigt hätte, stets neue Schlachten zu schlagen. Seine Frechheit in diesem Punkte ging so weit, daß er in der erwähnten „Selbstrechtfertigung“ geradezu behauptete: „Will man mich beschuldigen, den Krieg zu sehr geliebt zu haben, so braucht mein Historiker nur nachzuweisen, daß ich stets der Angegriffene war.“ Nirgends sind Feldherren widerwärtiger, als wenn sie sich hinter ihre Lügen verschanzen. Man „braucht nur“ den unnötigsten aller Feldzüge, den von 1812 und seine Vorgeschichte zu erwähnen, um diese verlogenste Ausrede des Italiäners zu entwaffnen.

Napoleon hat sich sicherlich zuweilen selber gesagt, daß solche Ausflüchte, wie er sie da für seine unersättliche Ruhmsucht machte, von verständigen Menschen kaum geglaubt werden konnten. Er mußte sich, wenn er sein Leben und seine Taten, wie er das fast unaufhörlich tat, mit denen seines kriegerischen Vorbildes, mit Friedrich dem Großen, verglich, selber bekennen, daß er sich und seinen Ehrgeiz nicht gleich jenem Philosophen auf dem Thron zu bändigen gewußt hatte. Darum suchte der schlaue Advokatensohn noch nach einem besonderen Kniff, um die wahnsinnige russische Unternehmung, den Beginn seines Bankerotts, vor der Nachwelt zu retten. Er habe, so behauptet er keck, mit diesem seinem endgültigen „letzten“ Kriegszug Europa unter einen Hut, seinen eigenen Dreispitz natürlich, bringen wollen. „Ich wollte ein großes Weltreich mit einer Münze, einem Maß, einem Gewicht usw. aus ganz Europa mit der Hauptstadt Paris bilden und dieses als Gegenschöpfung gegen die Vereinigten Staaten Amerikas, diese großartige Gründung Washingtons, meinem Sohne hinterlassen.“

Ein auch den Friedensfreund berauschender Gedanke! Seine Ausführung hätte uns mit den Hekatomben von Menschen, die von Napoleon hingeschlachtet worden sind, einigermaßen versöhnen können. Aber der Kaiser der Franzosen vergaß bei dieser großen Rechnung die Hauptsache, nämlich, daß er gar nicht der Mann war, der sich wie Washington das allgemeine Vertrauen verdient hatte. Und er begriff nicht, daß diese Riesenaufgabe sich nicht mit einem Kriege von noch so großer Ausdehnung lösen ließ. Das plumpe Mittel des Kriegshelden Alexander, den gordischen Knoten einfach mit dem Schwert zu durchhauen, hätte bei dem europäischen Problem nichts geholfen. Es wird hier nie zur Einheit führen. Nur auf friedliche Weise, nicht auf dem Weg durch Blut und Eisen sind die Vereinigten Staaten Europas zu schaffen. Amerika hat seit dem Bestehen seiner Republik weniger Kriege geführt als jeder kleinste Staat in Europa und hat trotzdem auf friedliche, geistige Weise die widerstrebendsten, verschiedensten Menschen seines Riesenreiches zusammengeschweißt.

Napoleon wäre durchaus ungeeignet gewesen, dies Werk Washingtons, um dessen Tod er seine Armee in einer seiner wirklich schönen Gesten Trauer anlegen ließ, für Europa nachzumachen. Er, der ein Kulturvolk wie das englische überhaupt vom Kontinent ausschließen wollte, was heutige Narren ihm wieder nachzuäffen suchten. Er, der jede selbständige Regung eines von ihm unterworfenen Volkes in Hamburg wie in Tirol niederknallen oder knütteln ließ. Und er, der die Religion nur darum pflegte, um mit ihr die Menschen zu knechten, weil er wie ein Großkapitalist meinte: „Die Gesellschaft kann ohne Ungleichheit des Vermögens nicht bestehen, und die Ungleichheit des Vermögens kann nicht ohne Religion existieren.“

Nein! Zum Begründer des modernen, des freien Europas war dieser Unfreie, dieser Lobredner der Artillerie, nicht geboren. Man muß nur bei den Zeitgenossen nachlesen, wie alle Nationen, auch die eigene französische, bei seiner schließlichen sichern Verbannung aufatmeten. Selbst ein Goethe konnte sich in seinem Napoleonkult diesem Freiheitshauch nicht entziehen, als er mit Hunderten von Landsleuten damals 1615 an den endlich nicht mehr umkämpften Rhein reiste. Napoleon hatte stets den Krieg, den er gerade führte, als letzten dargestellt. 1812 galt es nur noch einmal um die Einheit Europas Menschen hinzuopfern. Und 1813 waren es die alten Grenzen Frankreichs, und nach seiner Rückkehr von Elba war es nur noch der sichere Bestand des teuren Vaterlandes, um den andere ihr Blut lassen mußten. Solche Kampfhähne und Helden wie er finden ja immer wieder eine berechtigte Ausrede für ihre Unsinnigkeiten und eine Heiligsprechung ihrer Mordtaten.

Der Geist der Bildung wendet entsetzt und angewidert sein Haupt von diesem entarteten Sprossen und Überwinder der französischen Revolution. Nur als Testamentsvollstrecker dieser geistigen Bewegung hat er Bedeutung für das zwanzigste Jahrhundert. Er selber hat keine Ideen hinterlassen, höchstens einige Phantasien. Die Kriegsgeschichte mag seine 50 bis 60 großen Schlachten behalten. Die Geschichte der Menschheit als eine Würdigung ihrer Höherentwicklung aus dem Tierischen will nichts mehr von solchen „Ruhmestaten“ noch von jenem riesigen Menschenverächter wissen. Sie fühlt nur noch ein Schaudern vor dem Massenmörder, wie es in der gespenstischen Ballade von Zedlitz ausgedrückt ist, wenn nachts um die zwölfte Stunde der Mann im kleinen Hütchen Heerschau über die unzähligen Toten hält, mit denen er wie das deutsche Kaisertum in dem letzten Kriege die Erde Europas um eines Phantoms willen besät hat. „Ein falscher Wille zerstört die Bildnis“, die Wahrheit dieser Worte des gottseligen Schusters Jakob Böhme hat Napoleon der Welt erwiesen. Oder um es in die Sprache des Philosophen zu fassen: „Napoleon als ein gewaltiger Spiegel des Willens zum Leben hat die ganze Bosheit des menschlichen Willens offenbart. Die Leiden seines Zeitalters, als die notwendige andere Seite davon, waren mit solchem bösen Willen unzertrennlich verknüpft. Er hat niemals begriffen, daß die Welt ein Trauerspiel sei, in welchem der Wille zum Leben sich erkennen und -- sich wenden soll.“

Gedanken über Albrecht Dürer