Schattenbilder

Part 20

Chapter 203,651 wordsPublic domain

„Sie sollten nicht so verwegen vom Hunger sprechen, Herr Greif! Ich weiß, so gut wie Zola in Paris, was das Wort auf und hinter sich hat, weiß es auch, was es heißt, +keine+ Konzessionen machen, und habe es am eigenen Leibe wohl und wehe durchgemacht und in den meisten meiner Stücke gefeiert wie nichts auf der Welt. Aber klein beigeben müssen wir doch, wenn wir unter und mit Menschen leben wollen. Wir müssen unsere Uhr nach der Zeit einstellen, in der wir stehen. Darum meine ich zunächst, wir sollen auch unsere Stücke so zusammensetzen, daß uns das Publikum von heute dabei aushält und nicht eher wegläuft, bis das letzte Wort gefallen ist und der Vorhang das Stück wie eine Schere oder ein Fallbeil abschneidet. Und darum meine ich zweitens, sollen wir auch unsere Stoffe aus dem Menschenleben um uns herum und nicht aus den Geschichtsbüchern herholen. Schelten Sie mir die Zeitungen nicht, sie stehen stets wie offene Photographenkästen bereit, alles aufzunehmen, und bringen unsere Zeit blitzschnell und haarscharf auf die Platte. Man kann manches davon gebrauchen, wenn man ans Malen oder Dichten selber geht. Was nützen uns die schönsten historischen und poetischen Stücke, wenn das Parkett dabei kalt bleibt und die Galerie lau, und der erste Rang nur immer bei den Aktschlüssen, wenn mechanisch geklatscht wird, aus dem Schlaf erwacht. Die modernen Franzosen sind gar nicht so dumm, wenn sie nur Menschen auf die Bühne bringen, die im Theater selbst überall herumsitzen, also daß die Szene nur ein verlängertes Stück Parkett ist. Glauben Sie mir, ich habe dreißig Jahre lang um Lea gedient und Stücke für sogenannte Gebildete geschrieben und die Geschichte wie ein Eidervogelnest ausgenommen bis in die Wikingerzeit und Kaiser Julian, bis ich endlich merkte, daß es nur Rahel war, die ich liebte und gewinnen wollte, das +Volk+, die breite Masse, das große Theaterpublikum, die ganze Gesellschaft unserer Zeit. Um +die+ will ich die dreißig letzten Jahre meines Lebens werben mit aller Kraft und Kunst, die mir verliehen ist, werde mich ihren Launen und Nerven mit meinen Stücken äußerlich in der Technik, wie auch innerlich in der Weltanschauung fügen. Ich werde mein Thema -- und schließlich ist jedem Künstler nur +ein+ Thema gegeben -- nach allen möglichen Seiten variieren und den Leuten immer wieder anders zu kommen versuchen. ‚Anders und doch derselbe!‘ wie ein Sprichwort im Norden heißt. Namentlich die Invaliden des Lebens um mich herum will ich mir aufs Korn nehmen und einen nach dem andern abschießen, und wenn mir selber das Herz dabei weh tut.“

„Sehen Sie nur zu,“ warf Martin Greif dazwischen, „daß Ihnen einer nicht dabei verlorengeht, wenn Sie dem Publikum nachlaufen oder meinetwegen, wie Sie meinen, voranmarschieren: der bessere Teil von Ihnen, der +Dichter+ Ibsen!“

„Den hoffe ich gerade auf meinem neuen Wege immer mehr zu finden. Wissen Sie, früher in meiner ‚ersten Periode‘, wie Ihr Schiller gesagt hätte, kam ich mir stets wie auf einem Maskenball vor, einmal als Wiking oder als Römer, oder als Sören Kierkegard verkleidet. Und das war mir sehr ungemütlich. Und wenn ich mich aus Verlegenheit ganz phantastisch gebärden wollte, dann mußte ich immer an einem Untier vorbei, das vor dem Parnaß lag, wie einstmals die Sphinx vor den Toren von Theben. Dies scheußliche Ungeheuer hieß -- +Shakespeare+ und stürzte jeden Dichter, der das Rätsel vom Menschen nicht raten konnte, in den Abgrund hinunter. Und wenn ich die vielen Dichterknochen sah, die da unten bleichten oder wie alte vergessene vermoderte Bücher verfaulten, da wurde mir noch ungemütlicher zumute. Und darum beschloß ich, meinen Ehrgeiz darin zu suchen, möglichst ohne Maske auf dem Theater zu erscheinen und nicht ängstlich darauf zu passen, ob ich auch Dichter genug bliebe und die Schönheit und Poesie nicht dabei in Lumpen und Fetzen und Motten ginge, wie alte aus der Mode gekommene Kostüme. Wenn unsere Zeit, wenn unsere Bühne keinen +Dichter+ verlangt und erzeugt, gut, so gebe ich ihn, wie eine Schlafmütze oder einen Haarbeutel oder einen Vatermörder oder sonst etwas Altes, was wir nicht mehr tragen, hinter den Kulissen ab und komme als Richter, als Arzt, als Pastor, als Lehrer auf die Bühne heraus. Und die Gesinnung, die mich dazu treibt, helfen, raten, klären zu wollen, und meiner Zeit den Spiegel vorzuhalten: ‚Wohl euch oder weh euch! So seid ihr!‘, die wird jedes meiner Worte dann draußen auf der Szene +adeln+, so gut, als hätt’ ich es mir von Apollo und der tragischen oder komischen Muse selbst soufflieren lassen.“

So sprach der Mann, den wir in die Zukunft mitnehmen wollen, wie eine alte Standarte, mit der und unter der viele Siege gegen die Masse als „kompakte Majorität“ erkämpft worden sind. Und wenn man uns Anno 1950 fragt: „Was tragt ihr da für eine alte zerschossene und verstaubte Scharteke auf dem Rücken?“ so wollen wir antworten: „Es war der, den seine Zeit verlangte und der sie erfüllte, und darum trotz alledem: ~Ecce poeta!~“

Bismarck

Preußen und damit das neue Deutschland verdankt das, was es in der Welt bedeutet hat, Friedrich dem Großen und Bismarck. Diese beiden Genies, die wie durch ein Wunder ganz kurz hintereinander aus dem dürren märkischen Boden hervorwuchsen, haben das Deutschland unserer Tage geschaffen. Sie haben sehr viel Verschiedenes in sich gehabt, diese beiden Preußen, und es ist ein Glück gewesen, daß sie nicht zu gleicher Zeit in und um Berlin lebten, denn sie hätten sich sicherlich nicht er- und vertragen können. Der Alte Fritz war ein Freidenker und hat im ganzen Siebenjährigen Kriege kein einziges Mal gebetet. Bismarck nahm, hundert Jahre später, die Bibel mit nach Sedan und Paris und wechselte mit seiner puritanischen Braut Briefe über das Wesen der Erbsünde und darüber, ob sein Vater, der ein leichtlebiger Rittmeister gewesen, in den Himmel gekommen sei. Bismarck verstand im Gegensatz zu dem Sieger von Leuthen blutwenig von der Kriegskunst, und es ist eine ganz verkehrte Gewohnheit unserer Maler und Bildhauer, ihn, der seiner Profession nach Jurist war und bei jeder Parade oder Feier die Uniformstücke verwechselte, stets im Soldatenrock darzustellen. Schließlich hatte Bismarck, ganz anders wie jener große Monarch, der die Kunst und Kultur seiner Zeit kannte und genoß und alle Musen zu sich nach Sanssouci lud, kein Verständnis für die Kunst. (Gegen diese Behauptung spricht natürlich nicht, daß er die Klassiker zu zitieren wußte oder gelegentlich Beethoven pries.) Wenn der Alte Fritz noch im späteren Alter Rousseau zu verstehen suchte und ihn allnächtlich nach dem Tagewerk noch studierte, blätterte Bismarck, wenn er abends erschöpft heimkam und nach dem Essen mit Frau und Kindern und Hunden um den Kamin saß, zu müde zu sprechen, in Stindes harmlosen Geschichten von der Berlinerin Buchholz oder bestenfalls im Fritz Reuter herum, oder ließ sich, wenn er sich zu sehr geärgert hatte, ein paar Lieder aus dem „Trompeter von Säckingen“ vorsingen. Richard Wagners Bedeutung sah er nicht, Zola war ihm ein Greuel, und daß zu seiner Zeit eine Persönlichkeit wie Nietzsche gelebt hatte, erfuhr er ohne Erregung und ohne Interesse erst in Friedrichsruh. Das Theater war ihm gleichgültig, wenn nicht verhaßt, und die Malerei seiner Zeit war ihm, wenn nicht „Lenbach“ darunter stand, ebenfalls „Wurscht“, um seinen Ausdruck zu gebrauchen.

So nebensächlich vor dem Riesenlebenswerk des großen Mannes dies auch erscheint, so traurig ist es doch, daß er in keiner einzigen Kunst mitreden konnte, außer in der Staatskunst, wo er alles verstand; daß kein Haus, kein Stein aus seiner Zeit einen heute gewaltig oder lieblich an ihn in Berlin erinnert, wo er doch mehr als dreißig Jahre lang wie ein ungekrönter König gewirkt hat. Er hätte niemals dort hausen und herrschen brauchen, so weniges erinnert noch in Berlin an Bismarck. Nicht einmal den +Leichnam+ des Mannes, der für Preußen das Leben von Millionen Menschen +mehr+ wert war als Napoleon der Erste für Frankreich, hat man dorthin gebracht, und nachts fühlt man heute am Brandenburger Tor eher noch den Geist Friedrichs des Großen, als den Bismarcks herumspuken.

Es ist darum eigentlich sehr seltsam, daß Bismarck so wenig Verständnis und Liebe für die Kunst seiner Zeit, für die Kunst überhaupt gehabt hat, weil er im Grunde selbst aus dem Stoff, aus dem man Künstler bildet, zusammengemischt war und, nach einem Wort Hardens, aus „Goethes Geschlecht“ stammte. Vielleicht war nur die fehlende halbe Flasche Champagner, die -- er selbst hat es gesagt! -- jedem Märker und Berliner im Blute mangelt, schuld daran, daß er sich, blind und taub gegen die Musen, ganz von seiner gewaltigen Aufgabe verschlingen ließ. Wer ihn draußen in Freiluft sah, dem fiel immer gleich das Künstlerische, Sensible an ihm auf, der merkte, daß dieser Realpolitiker eigentlich die Augen eines Träumers im Kopfe hatte. Die Natur um sich herum sah er mit den Gefühlen eines Malers oder Poeten an, der weiß, daß er diese Schönheit um sich nur auf kurze Zeit in Pacht hat und sie darum dreifach mehr als die anderen Sterblichen genießt. Die graue Herbst- und Winterschönheit seines Nebelheims an der Elbe wußte er prachtvoll wie ein Balladendichter zu schildern.

Das war ja die Tragödie seines Körpers und seines Lebens, daß er, statt unter Blättern und Bäumen zu atmen, zwischen gelbem Papier und Menschen sein Dasein versitzen mußte, unter Ministern die einzig fühlende Brust, daß er, statt den Staren und Hirschen lauschen zu können, mit Windthorst und Richter und Bebel sich herumzanken mußte. Er hätte ja längst abgedankt und dies Amt, das er sich für sich selbst geschaffen hatte, verlassen, wenn er nur einen gesehen hätte, der es besser verstanden als er. Er hätte niemals den schmachvollen Tag seiner Entlassung abgewartet, wenn er nicht bestimmt voraus gewußt hätte, daß ein Caprivi nach ihm Dummheiten machen werde. So hielt ihn die Pflichttreue, diese heilige preußische Tugend, die er mit Kant, mit Friedrich dem Großen gemeinsam hatte, in den Sielen und an der Spitze bis zu jenem Tage, da er, ganz allein, eine gelbe Rose in der Hand vom Schloß in Berlin Unter den Linden ging, um den Möbelwagen vor das Kanzlerpalais zu bestellen. Er gehorchte wie eine Schildwache, nicht ein Tropfen vom Blut eines Wallenstein war in ihm, und wenn er auch daheim in der ersten Wut Spiegel zertrümmerte, wenn er auch gelegentlich in Zeitungsartikeln seinem Ärger, seiner Verbitterung Luft machte, eine Auflehnung gegen den Willen des Monarchen wäre ihm als Preußen ganz unmöglich gewesen. Denn jener unbedingte Gehorsam gegen den Vorgesetzten, das stumme Sichfügen in die Bestimmungen über einen, ist eben das Ideal, das aus Brandenburg Deutschland gemacht hat.

Neben dieser Pflichttreue, die Bismarck veranlaßte, sich für Wilhelm I. täglich müde zu arbeiten, wie sie ihn ebenso dazu zwang, sich von Wilhelm II. wortlos abdanken zu lassen, ist es vor allem der Mut, in dem er dem Alten Fritzen um nichts nachstand. Er sprang selbst auf den Attentäter Kullmann zu, der ihn angeschossen hatte, und hielt ihn am Gelenk über dem Ärmel fest -- denn die +Haut+ eines solchen Menschen berührt man nicht --, bis die Polizei kam, den Mörder zu verhaften. Er ritt ganz allein Anno 71 in seinem allbekannten Kürassierrock durch den Triumphbogen nach Paris hinein, wo täglich Tausende Tod und Pest für ihn herunterbeteten, und rauchte ruhig seine Zigarre dabei, während die wütenden Weiber und Damen der Halle seinen Schimmel anspuckten. Er hatte schließlich den höchsten moralischen Mut, daß er stolz darauf war, am meisten gehaßt zu werden in Europa, allen Deutschen damit ein Beispiel gebend, Unbeliebtheit und Hohn zu überwinden.

Durch diese Eigenschaften, die er im Krieg und Frieden, in der Diplomatie wie im Parlament tagtäglich angesichts Deutschlands vormachte und vorlebte, ist er der größte Erzieher unseres Volkes gewesen, den die Geschichte kennt. Ja, man kann sagen, daß er wie ein Prometheus ganz +neue+ Deutsche geschaffen, und daß seit ihm unser Volk überhaupt ein ander Gesicht bekommen hat. Jeder, der Bismarck als Gesandten in den sechziger Jahren im Ausland kennenlernte, war erstaunt darüber, in ihm einen praktischen, klaren, entschlossenen Deutschen kennenzulernen. „Er ist gar nicht sentimental“, schrieb Mérimée ganz enttäuscht in Biarritz über ihn in sein Tagebuch. Namentlich die Franzosen, die seit Hoffmann und Heine die Deutschen immer als Träumer und Sterngucker angesehen hatten, die auch tagsüber noch die Schlafmütze über die Ohren trugen, waren ganz entsetzt, daß auf einmal einer kam, der rechnen konnte wie sie, und nach der fünften Flasche Sekt noch keine Träne vergossen hatte, ja noch genau wußte, was er bei der ersten gewollt hatte. Das unterschied Bismarck völlig von dem Freiherrn vom Stein, seinem geistigen Vorfahren in Preußen, daß er seinen Willen durchsetzen konnte. Früher war es Deutschland lange ergangen wie dem schüchternen Gast, der vor Bescheidenheit immer wartet, bis er auf einmal verdutzt sieht, daß alle Plätze besetzt sind. Bismarck setzte sich auf den ersten besten leeren Stuhl und erklärte dann laut: „Wo ich sitze, ist immer obenan.“ So hob er den deutschen Michel in den Sattel und führte jene gewaltige Metamorphose der Deutschen herbei, der das Ausland seit Jahren mit Staunen und mit Grollen zuschaut.

Daß dieser Mann, der, wie er selbst sagte, „dem teutonischen Teufel verschrieben war“, ein Genie gewesen, das sahen selbst die Windthorst und Richter ein, als sein gewaltiges Bild plötzlich wie ein Spuk verschwand und ihnen angesichts des +neuen+ Reichstages war, als hätten sie diesen Riesen nur geträumt. Sein Staatswerk hat ihn dank der völligen Unfähigkeit seiner Nachfolger nicht lange überlebt. Aber seine Persönlichkeit ist geblieben und wird wachsen ins Sagenhafte.

Etwas über Friedrich den Großen

Wie Achilles seinen Homer, der Halbgott den heroischen Sänger gefunden hat, so fand Friedrich der Große seinen Verkündiger, seinen Chronisten und Bildner in Adolf Menzel, einem zugleich nüchternen, trocknen, zugleich dämonischen Künstler. Und so war der große König auch, den er in seinen Bildern geschildert und wiedergeboren hat: Einerseits nüchtern, prosaisch, genau, ein Pflichtmensch und der erste Diener seines Staates -- „wir Märker haben alle unsere Normaluhr im Kopfe“, sagte Fontane -- und kalt und verdrossen und mit den Jahren immer schwerer und immer seltener zu schönen Aufwallungen geneigt --, „uns Märkern fehlt allen eine halbe Flasche Champagner im Blut und Temperament“, sagte Bismarck. Aber zugleich steckte eine unheimliche Dämonie, ein höllisches Feuer, eine überirdische Glut in dem alten wie in dem jungen Fritzen.

Es ist wohl allgemein anerkannt -- und nur auf den Schulbänken wurde es aus altmodischer Anständigkeit noch anders gelehrt --, daß Friedrich II. im Grunde keinen rechtmäßigen Anspruch auf die schlesischen Provinzen hatte. Gab es den überhaupt jemals, so hatte Brandenburg, wie selbst die Freunde des Königs zugeben mußten, doch längst durch feierliche Verträge darauf verzichtet. Nicht also Pakten und Pergamente, noch der Besitz des schlesischen Landes, sondern einzig +die Ruhmsucht+ war es, die Friedrich II. in drei blutige Kriege hinaustrieb. Immer wieder sucht er anderen und sich zu beweisen, welch eine edle Eigenschaft dieses sei, und wie alles Große in der Welt nur der Ruhmsucht seine Geburt verdanke. Aber der preußische Selbstregulator in ihm bewahrte ihn zugleich vor dem Schicksal Napoleons und lehrte ihn sich beschränken und sich Grenzen zu setzen. So machte er an der Oder halt: „Bis hierher und nicht weiter!“, während alle seine Bewunderer ihn am liebsten ganz Österreich hätten verschlingen und bis zum Ende der Welt vordringen sehen.

Er wagte Preußen dabei, das ist wahr, aber nicht wie ein tollkühner Spieler, sondern wie ein Mann bei der besten Chance, groß zu werden oder gering zu bleiben. Er trug während des ganzen Siebenjährigen Krieges, da es sich um Sein oder Nichtsein seines Landes handelte, immerwährend Gift bei sich, weil er wußte, daß in diesen Jahren Preußen und er ganz eins waren und er, wenn Preußen fiel, mitsterben mußte. Darum hätte er -- und dies ist seine wahre Größe -- nicht eine Sekunde lang ein St. Helena, nicht eine halbe Sekunde lang ein Amerongen erduldet. Und dies Bild ist das ergreifendste aus seinem Leben, wie er nach der Schlacht bei Kunersdorf, eine Weile von den Seinigen abgeschnitten, versteckt unter einer Brücke saß, sein Windspiel neben sich, dem er, um nicht verraten zu werden, die Schnauze zudrückte, während er in der anderen Hand ein Fläschchen mit Gift hielt, jeden Augenblick bereit, es zu leeren, falls er vom Feind entdeckt würde.

Die Pflichttreue, mit der er im Kriege allem, der kleinsten Parade wie der größten Schlacht, beiwohnte, ist allbekannt und seit jener Zeit zum preußischen Ideal geworden. Ebenso die Bestimmtheit und Entschlossenheit in Wort und Tat, die spartanisch-brandenburgischen Eigenschaften, die „Feldwebeltugenden“, wie Heine sagte, die der König schon als Kind zeigen konnte, dessen erster, uns erhaltener Brief -- er galt seinem freigeistigen Erzieher, und Fritz war damals fünfzehn Jahre alt -- so lautete: „Ich verspreche Ihnen, mein lieber Duhan, Ihnen jährlich, wenn ich über mein eigenes Geld verfügen kann, 2400 Taler zu geben und Sie immer noch ein wenig mehr zu lieben, als jetzt, wenn es mir möglich ist. Friedrich, Kronprinz.“

Kriegsmüde und verbittert war der Alte Fritz aus einem Krieg mit der ganzen Welt, die sieben Jahre lang mit allen Waffen des Hasses und der Hinterlist wider ihn gekämpft hatte, nach Berlin heimgekehrt. Man kannte ihn kaum wieder, so verwüstet sah er aus. Mit dem Humor, der noch in ihm hauste wie ein Käuzchen in einer Ruine, hat er sich selbst in einem Brief an eine Freundin beschrieben: „Auf der rechten Seite des Kopfes sind meine Haare grau; meine Zähne zerbrechen und fallen aus; mein Gesicht ist runzlig wie die Falbeln eines Weiberrockes, mein Rücken krumm wie ein Fiedelbogen und mein Geist traurig und niedergeschlagen wie ein Mönch des Trappistenordens.“

Er fuhr nach Potsdam hinaus, ließ sich ganz allein in der Kirche ein Tedeum vorspielen, daß keiner die Tränen sah, die er weinte, und ging dann stumm an seine Geschäfte. Er war ein Freigeist in allen religiösen Dingen; jahrelang hatte er Voltaire, den größten Atheisten jener Zeit, um sich, was ungefähr so wäre, als wenn Wilhelm der Zweite tagtäglich statt mit Hofpredigern und Dauerbetern mit Häckel verkehrt hätte. Alle Religionen sind gleich „gut“, erklärte er, „und wenn selbst Türken und Heiden mein Land peuplieren, will ich sie Moscheen bauen“, und erließ dann den berühmt gewordenen Bescheid an seinen Kultusminister, das schönste Fürstenwort, das es gibt: „In meinen Landen kann jeder nach seiner Fasson selig werden.“

Friedrich der Große ist gestorben an der traurigen Krankheit, an der alle großen Eroberer sterben, an der Menschenverachtung. Freilich die Schmeichler, diese Hofpest, wußte er sich gründlich vom Leibe zu halten. Schon sein ruppiger Vater, würdig ein Genie zum Sohn zu haben, duldete solche Kerle nicht. Als ihn einst ein Bürgermeister nach der auch bis ins zwanzigste Jahrhundert noch herrschenden Unsitte mit einer devoten lobesvollen Rede am Stadttor empfing, unterbrach ihn der König, indem er ihn dabei auf seinen dicken Bürgermeisterbauch im Sonntagsrock klopfte, mit den Worten: „Genug, Alter! Erkälten Sie sich Ihren Chimborasso nicht!“ Der alte Fritz konnte über Schmeichler so wütend werden, daß er seinen Krückstock nach ihnen warf. Anderseits gab es auch keine Majestätsbeleidigungen für ihn; er wußte, daß er zu groß war, als daß ihn die Kanaille hätte beleidigen können. Eine Schmähschrift, die einst an den Mauern Berlins wider ihn angeschlagen war, ließ er bekanntlich „niedriger hängen“, damit sie besser zu lesen sei.

Alle Künstler behandelte er wie seinesgleichen. „Um Gottes willen,“ heißt es in einem Briefe an Voltaire, „schreiben Sie mir nur als Mensch, und verachten Sie mit mir Titel, Namen und allen äußeren Prunk.“ Aber im ganzen war ihm das Menschengeschlecht, „diese verruchte Rasse, der wir angehören“, wie er sich ausdrückte, völlig zuwider geworden. Seine Preußen hatten schließlich den Drill so sehr in den Knochen, daß sie ihm wie Sklaven, nicht mehr wie Menschen vorkamen. Die Handvoll Personen, die er geliebt, starben fast alle vor ihm, und so lebte denn der einsame Philosoph in Sanssouci ohne eine Menschenseele zwischen Bedienten, Hunden, Affen und Papageien. Die Zeit, die er einst der Kunst, vor allem der Musik, geweiht hatte, verschlang nun gänzlich der Staatsdienst. Er starb ganz einsam, ohne Priester, ohne einen Verwandten, in den Armen eines Dieners, während draußen im Vorzimmer zwei Lakaien sich um die Wachskerzen, die sie aus den Leuchtern gestohlen hatten, zankten. Er wollte neben seinem Schlosse zwischen seinen Windspielen bei Nacht bestattet werden. Aber die sogenannte Pietät seiner Nachfolger verhinderte dies.

So starb dieses Genie, der größte Hohenzollernfürst, dessen Lebenswerk über Jena und Sedan hinaus gehalten hat.

Napoleon

In zwei Aufnahmen

~a~) die positive Aufnahme

Schon Goethe hatte sich über die Weisheit: „Für einen Kammerdiener gibt es keinen Helden“ tüchtig geärgert und laut erklärt, daß dieses immer nur die Schuld des Kammerdieners wäre, der über dem Allzumenschlichen seines Herrn, das er täglich sieht, größenblind geworden sei. Wer über einem Menschen in Unterhosen den Sieger von Austerlitz vergißt, der hat eine Lakaienseele und ist zu nichts Größerem geboren, als mächtigen Herren die Stiefel auszuziehen und abzuputzen. In einer die Helden hassenden Zeit haben wir Napoleon, den Heine und Byron immer nur den Großen schlechthin nannten, mehr als uns recht war, mit Kammerdieneraugen betrachten sehen: So von Shaw, dem nichts zu groß ist, um es nicht klein zu kriegen, so von Sardou in seinem Kulissenreißer „Madame Sans-Gêne“ und von manchen anderen. Nicht mehr mit der Kinderphantasie unserer deutschen Pastoren vor hundert Jahren haben die Schreiber unserer Zeit Napoleon geschaut, etwa als einen Werwolf, der von Menschenblut lebt oder ein wildes Tier, das aus der Felseneinsamkeit Korsikas ausgebrochen war, um Europa zu dezimieren und die Welt auf den Kopf zu stellen.

Nein, im Gegenteil, man hat in unseren Tagen den gewaltigen Zwergen, der am Anfang unserer ganzen bürgerlichen Zeit steht, für diese jetzige Bürgerwelt zurecht photographiert, ihn vermenschlicht und unter uns andere gebracht, ihm bestens sein Absonderliches, nicht sein Ausschließliches abgeguckt. So bekamen wir einen Napoleon zu sehen, wie er noch heute unter uns herumlaufen könnte, ohne sehr in der Menagerie der Menschen aufzufallen: einen Mann, der gern schnupfte, viel und alles durcheinander aß, Käse nach der Suppe und Äpfel zum Schellfisch, der bei dem Schauspieler Talma Stunden im Repräsentieren nahm, und einen dicken Bauch hatte, der eifersüchtig und abergläubisch wie ein Italiener war, parvenühaft seine Familie auf alle Throne Europas zu kleben suchte, der Französisch sprach wie ein Bauer bei uns Hochdeutsch, der die Schlacht bei Leipzig infolge von Magenschmerzen verlor, und der sich auf der Insel Sankt Helena mit dem gleichen Ungestüm mit einem unbedeutenden Gefängniswärter wie einstmals mit Blücher, mit Metternich oder dem Kaiser von Rußland herumzankte.