Part 19
Oder Wilde reiste, wenn er London und die Lords leid war, auf acht Tage nach Paris, wo er ständig eine große, nur selten benutzte Wohnung auf dem Boulevard des Capucines unterhielt, und wo alte Freunde und neue Freuden seiner warteten.
So lebte damals dieser Mensch, der nach seinem eigenen Ausspruch sein +Genie+ an sein Leben, an seine Werke nur sein +Talent+ ausgegeben hat, und alle Welt war entzückt von ihm oder beneidete ihn.
Wer drei Jahre später als diese Zeit, da sein Glück im Zenit stand, nur gewagt hätte, den Namen „Wilde“ in einem Salon Londons auszusprechen, wäre gesteinigt worden. Der Mann dieses Namens, dem einst der König von England kordial verschmitzt die Hand gedrückt hatte, saß zusammengekauert in einer Art Kaninchenstall, im Zuchthause zu Reading, und mußte mit der kahlen Hand, an der einst die bunten Ringe funkelten, alte Säcke flicken und Taue zerpflücken. Er war vom Schwurgericht zu London als Verderber der Jugend, als sittenloser, unmoralischer Mensch zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Seine Haltung vor den Geschworenen war glänzend und ein letztes Leuchten der Ritterlichkeit, die im Dandytum steckt. Er widerrief kein Wort von dem, was er geschrieben hatte, und zuckte nur leise nervös mit den Schultern, als der Urteilsspruch ihm in die Ohren klang, während draußen der sittliche Pöbel Londons vor dem Gerichtsgebäude bei der Nachricht kannibalische Freudentänze aufführte. Und er ging aufrecht, ohne daß seine Füße schauderten, in die Nacht der Gefangenschaft, die ihn vernichtete.
Viele +schlechte+ Psychologen haben sich damals gewundert und wundern sich noch heute darüber, daß Wilde nicht die Frist bis zu seiner Verhaftung, die das Gericht -- vielleicht absichtlich -- in die Länge zog, benutzte, um ins Ausland zu fliehen. Was ihn daran hinderte, war einmal die grausige Neugier, die Leiden zu schmecken, nachdem er alle Freuden durchgekostet hatte, die teuflische Lust, in den Schatten zu gehen und die andere düstere Hälfte des Daseins zu betreten. Und zum andern war es das brünstige Verlangen des, der sich schuldig fühlt, nach Gerechtigkeit, ob sie ihn auch auslöschen mag, der Schrei des einzelnen, der seine Macht und damit sein Recht überschritten hat, nach Sühne, dieser seltsame +soziale+ Trieb im Verbrecher, der einen Raskolnikow zur Anzeige seiner Mordtat, einen Wilde zur Anerkennung und Abbüßung seiner ihm gleichsam von ihm selbst verhängten Strafe treibt. Weil er nicht wie Krupp bei uns den Mut hatte, +selber+ einen Strich durchs Leben zu ziehen, hatte er dafür etwas nicht minder Gutes, nämlich die fixe Idee, nach der Zuchthauszeit ein neues Leben zu beginnen und mit neuen Kunstwerken die Schmach, die auf der schwarzen Tafel seiner Vergangenheit stand, fortzutilgen und sich so wiederum die Welt zu erobern.
Wie unmenschlich er unter dem mittelalterlichen Vollzug seiner Strafe gelitten, das wird jedem aus seiner Ballade vom Zuchthause zu Reading fürchterlich in die Ohren gellen. Nur eine kleine Geschichte sei hier noch erwähnt, die man nicht erzählen und anhören kann, ohne von Wut ergriffen zu werden: Es war in der ersten Hälfte seiner Leidenszeit. Wilde wurde nebst mehreren anderen aus dem Zuchthause zu Wandsworth nach Reading transportiert. Man mußte den Zug wechseln, und der Trupp der Sträflinge stand eine Weile wartend auf dem Bahnsteig einer kleinen Station. Ein paar Kaufleute gingen auf und ab und sprachen wohl über die beste Möglichkeit, der Konkurrenz den Hals zu brechen. Plötzlich bemerkt einer Wilde unter den Kurzgeschorenen. „Das ist ja Oskar Wilde!“ ruft er, geht auf ihn zu und spuckt ihm, der ihn, ohne zu zucken, aus seinen großen, glaskugelartigen Augen ansieht, mitten ins Gesicht hinein. Dieser Mensch, den die Gesellschaft frei laufen ließ, hätte siebenmal den Galgen verdient.
Der Dichter ist nach seiner Entlassung aus dem Kerker nicht wieder in die Höhe gekommen. Er hatte nicht mehr die Kraft, die ~vita nuova~, von der er geträumt hatte, zu beginnen. Das Sträflingsmal war ihm zu tief in die Seele gebrannt, als daß er den Mut zu neuen Werken gefunden hätte. Verkommen, vom Zuchthausbrei aufgetrieben und häßlich geworden, lebte er noch ein paar Jahre in Paris, oft so arm, daß er frühere Freunde um einen Absinth anborgen mußte, bis er im Nebelmonat des Jahres 1900 in einem kleinen Hotel im Quartier Latin verendete. Ein halb Dutzend Genossen aus alter Zeit geleiteten ihn, den einstigen Liebling von ganz London, zum Armenkirchhof; ein einziger Kranz hing an seinem Sarge. Er war von dem Wirte, bei dem er gewohnt hatte. „Meinem Pensionär!“ stand auf der Schleife gedruckt.
So endete dieser Mensch, dessen Leben viel mehr Bedeutung hat als seine Werke, dessen erste Tat nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus -- dies beweist seine Güte -- ein offener Brief war mit einem eindringlichen Protest gegen die Entlassung eines Gefängniswärters, der einem hungrigen Kinde ein paar Keks gegeben hatte, dessen witzige Stücke -- dies beweist seinen überlegenen Verstand -- von ihm alle spielend, meist wegen Wetten hingeschrieben wurden, und dessen Lieblingszitat -- dies beweist seine Vorurteilslosigkeit -- die Worte des greisen Königs Lear im Shakespeare waren: „Kein Mensch ist sündig; keiner, sag’ ich, keiner. Und ich verbürg’ es.“
Dostojewski
In der grauen Frühe eines Wintermorgens im Jahre 1849, in diesem Jahre voll von Ängsten, Qualen und Unterdrückungen für ganz Europa, wurde Fedor Dostojewski, eines reichen Arztes Sohn, gewohnt, fünfmal in der Woche sein Hemd zu wechseln, samt seinen Kameraden aus dem bleiernen Schlaf geweckt, den er auf der Pritsche in den feuchten Gefängniszellen von Schlüsselburg schlief. Aus wilden, garstigen Träumen, die wie zerfetzte Wolken über ihn herflogen, wurde er von Gendarmen wachgeschüttelt. Er wollte sich von dem Unrat der Nacht und der Unsauberkeit des Kerkers reinigen, aber der Mann in Uniform, eine Talgkerze in der Hand, wehrte ihm ab: „Es hat keinen Sinn mehr, Väterchen!“
Im selben Augenblick wußte Dostojewski, daß es zum Tode ging. Dem Gefühl der Erleichterung, das seine wie ein Grab eingefallene Brust für einen Augenblick emporhob, folgte sogleich eine entsetzliche Angst, die ihm den Schweiß auf die Stirn trieb. „Mein Gott! Mein Gott!“ sagte er nur, sich selbst ein Echo. Die Gefangenen wurden wie Schlachtvieh hinausgetrieben. Sie sahen sich beim Licht der Blendlaternen, die wie rote, entzündete Augen aus dem Morgennebel glänzten, aus dem Gefängnis zur Richtstätte wanken, zehn bis fünfzehn schlotternde, halb schon leblose Menschen, eine Schaufel voll für den Satan. Sie waren samt und sonders in die sogenannte Petraschewskische Verschwörung verwickelt gewesen, einen jener zahlreichen Versuche nach 1848, die in Frankreich errungenen Volksfreiheiten auch in östliche Länder zu verpflanzen, Experimente, die Zar Nikolaus I., der absoluteste Monarch Rußlands, nur auf den Tod leiden konnte. Die Gefangenen trotteten stumm, ohne einen Seufzer von sich zu geben, auf das Peloton Soldaten zu, die in einer Ecke des Gefängnishofes bereitstanden, ihre Brüder kaltblütig umzuschießen. Man sah die Gewehre an ihren Beschlägen und Bajonetten in der Ferne hin und wieder aufblitzen. Trotz der Totenstille hatte man das Gefühl, als ob die Luft einen dumpfen Ton von sich gäbe. Die Gefangenen und die Soldaten näherten sich einander. Obgleich das Militär ganz stillstand, schien es den Verurteilten doch, daß sie ebenso langsam auf sie zukämen. In einer Entfernung von zwanzig Schritten vor den Bewaffneten waren drei Pfähle in die Erde gegraben, gegen die sich die Gefangenen anlehnen konnten. Auch war den Soldaten damit das Zielen erleichtert.
Man führte die drei ersten zu den Pfählen hin, zog ihnen die Todeskleider, lange, weiße Hemden, an und schob ihnen als Zeichen des Mitleids weiße Mützen über die Augen. Der Pope trat an jeden mit einem Kreuz heran. In einer geringen Entfernung zur Seite zu -- vor erst sechzig Jahren ist dies alles dem größten russischen Genie vor eigenen Augen begegnet! -- schaufelten ein paar Arbeiter emsig wie Aaskäfer den Opfern das Massengrab.
Dostojewski war als achter an der Reihe, er sollte also mit der dritten Abteilung zu den Pfählen hingehen. Er wußte, daß er nicht mehr als fünf Minuten zu leben hatte. Er hat später oft erzählt, daß ihm diese fünf Minuten als eine endlose Zeit und ein unermeßlicher Reichtum erschienen wären. Er habe sich diese Zeit sogar eingeteilt und +zwei+ Minuten davon bestimmt, sich von seinen Kameraden zu verabschieden, +zwei weitere+ Minuten dafür, um ein letztes Mal im stillen nachzudenken -- wer, wer hat den Mut, wenn er dieses liest, einem Menschen den Tod zu geben? Die übrige Frist, +eine+ ewige Minute, wollte er dazu benutzen, um noch einmal zum letztenmal um sich zu schauen. Die ersten zwei Minuten für den Abschied von den Kameraden seien schnell verstrichen, aber die beiden folgenden, die er für das stille Nachdenken angesetzt hatte, haben ihm endlos lang gedeucht. Es sei ihm +unmöglich+ gewesen, sich auszudenken, daß er jetzt noch lebte, in drei Minuten aber irgend etwas anderes irgendwo anders sein sollte. In der Nähe habe ein Turm gestanden, dessen vergoldetes Dach im ersten Morgensonnenschein geleuchtet habe. Dieses glitzernde Licht schien ihm schon zu jener neuen Natur zu gehören, und er glaubte, er würde in drei Minuten irgendwie mit ihm verschmelzen.
In diese fast schon irren und haltlosen fliegenden Gedanken des Verdammten da unten wurde plötzlich eine weiße Fahne an dem Turm emporgezogen. Auf einen Befehl ihres Offiziers ließen die Soldaten die schon erhobenen Gewehre sinken. Der dem Gefängnis vorstehende Major trat herzu und verkündete den schon zu drei Viertel toten Gefangenen, daß die Güte des Zaren das Todesurteil aufgehoben und sie zu zehnjähriger Zwangsarbeit in Sibirien begnadigt hätte.
Dieses echte Stückchen einer absoluten Zarenlaune, diese grausame Galgenfrist, diese kurze halbe Stunde zwischen Tod und Leben hat Dostojewski, der schon von Geburt an Fallsucht litt, +für immer+ in seinen Nerven behalten. Die Spanne Zeit, in der er Abschied vom Menschendasein genommen hatte und in das stygisch kalte Wasser des Nichtmehrlebens untergetaucht war, hat sich ihm tiefer eingebrannt, als alles Elend, das nachher kam, die fünf Jahre lange Gefangenschaft in Sibirien und der Heeresdienst, den er als Gemeiner in der russischen Armee antreten mußte, bis ihn Alexander II., Rußlands edelster und unglücklichster Monarch, bei seinem Regierungsantritt begnadigte. Sibiriens Glut und Eis, die Öde seines Gefängnisses dort, des „Totenhauses“, zwischen Palisaden und Sträflingen, +niemals allein+ -- das war das gräßlichste dabei für diesen zarten Menschen! -- die Roheiten beim Militär, alles war leichter zu ertragen und zu vergessen als jene bangen Kirchhofsminuten vor dem Tode, da man ihm die Hoffnung, das letzte Gut des Ärmsten, unter den Füßen fortgeschaufelt hatte und er wie Dantes Verdammte „~senza ogni speranza~“ im Inferno, in der Luft, im Nichts schwebte.
Es ist leicht auszudenken, wie ein Mensch, der aus dieser Region her zum Leben, zu Menschen heimkehrt, als Schriftsteller schaffen und wirken wird. Eine so gerüttelte Seele muß unrein fließen und strömen, eine heruntergestürzte, soundso oft zersprungene und zerborstene Glocke wird anders klingen als eine, die hoch über allem Volke im Glockenstuhle hängt und nur am Feierabend und an Festtagen ihre Stimme erhebt. Was Dostojewski in die Zvilisation Rußlands nach Petersburg mitbrachte, als er gebleicht von Gefängnisluft, ergraut von Erniedrigungen aller Art, mit vierzig Jahren die Feder nahm, seinen ersten großen Roman zu schreiben, das war die tiefe Kenntnis des russischen Volkes, der russischen Seele. Wie kein Künstler, kein anderer Mensch mit Nerven und Geist in seinem Lande ist er durch ein gemeinsames Schicksal mit seiner Rasse, seinem Volke vermengt und verknetet worden. Tolstois Annäherungsversuche an das russische Bauern- und Volksleben wirken dagegen wie Spielerei, die Laune eines großen Mannes, der auch hinter dem Pflug und im Kittel ein Graf bleibt, und Gorkis Jugendschicksale wie die Wander- und Handwerksburschenjahre eines begabten jungen Menschen, der früh solchen Kreisen entwächst und schnell sein Ziel erreicht. Dostojewski wurde durch ein Geschick, das ihn zu den Paria warf, mit der Hefe seines Volkes vertraut und vermischt. Sechs Jahre seines Manneslebens verbrachte er auf dem Grunde, in der Tiefe zwischen russischen Leuten, durch nichts vor ihnen ausgezeichnet und gesondert, ihnen gleich an Armut, Nahrung, Kleidung und Schicksal.
Nach Petersburg heimgekehrt, fand er die Literatur seines Volkes vor allem durch Turgenjews Einfluß noch mehr europäisiert, als sie es schon durch Puschkin geworden war. Turgenjews erste gefällige Novellen, die nach Pariser Geschmack zugestutzt waren, beherrschten den Büchermarkt.
Da machte sich Dostojewski mit im Zuchthaus erlerntem geduldigem, zähem Fleiß daran, noch einmal von neuem zu schreiben anzufangen, ganz ohne Vorbild und ohne Rücksicht auf den Geschmack und die Wünsche des gebildeten Publikums, das auf den Boulevards von Petersburg fast das gleiche wie auf denen von Paris verlangt. Es war die Seele seines Volkes, die russische Seele, die er sich in tausend Bildern und Gestalten vom Herzen schrieb, das eigentümliche gemeinsame Wesen dieses Menschenhaufens, der das weite, weite, weite Land von der Weichsel bis zur Wolga und darüber hinaus bis nach Sibirien bewohnt. Keiner hat die russische Seele, dieses unergründliche Mysterium eines Volkes, das uns verwandt und fremd ist, das Werden und Weben seines Wesens so erschöpfend geschildert wie Dostojewski. In tausend Saiten, auf tausend Seiten schlägt er das Melos seines Volkes an. In langen, auch darin seinem Lande ähnlich, weithinschweifenden Romanen -- sein größter Roman, die „Brüder Karamasow“, umfaßt mehr als sechzehnhundert Seiten, und dies war erst als +Prolog+ zu einem großen Roman gedacht -- schildert er die hervorragendsten Typen seines Vaterlandes. Durch ihre Ausdehnung allein wären diese Romane Dostojewskis Unika der Weltliteratur, wenn sie es nicht auch durch die Ausdehnung ihres Stoffes und der Figuren wären. Wir sehen in ihnen das heilige Rußland vor uns von einem Dichter umgepflügt, Menschen begegnen uns, die Tausende Rubel verschwenden und um eine Kopeke schreien und geifern können. Freunde, die ihre Geheimnisse, ihre Liebsten und die geweihten Kreuze auf ihrer Brust miteinander tauschen und hinterdrein einer dem anderen auflauern, um einander zu ermorden. Frauen, die sich jedem für Geld hingeben, in Palästen und Pelzen sitzen, um auf einmal alles zu verlassen und arm auf die Straße zu rennen. Säufer, die den Wodka literweise trinken und plötzlich in der dunklen Weise der Offenbarung des Johannes reden und in ein Kloster gehen, Bauern, die sich gut vertragen, und von denen unvermutet der eine den anderen um eine silberne Taschenuhr wie einen Hammel mit einem Messer von rückwärts abschlachtet, wobei er sich bekreuzigt und im stillen betet: „Herr, verzeihe mir um Christi willen!“ Männer, die sich jahrelang hassen und fremd aneinander vorübergehen, bis sie sich eines Abends in die Arme sinken: „Wir sind alle lächerlich gute Menschen.“
Die +Gegensätze+, die die menschliche Brust umspannen kann, kommen bei diesen breit angelegten, einen halben Erdteil umfassenden Menschen herrlich zum Ausdruck.
Wir lassen es uns heute meist bei dem +einen+ Typus, den Dostojewski in Raskolnikow geschaffen hat, dem russischen Intelligenzler, genügen, dem Mörderdilettanten, der seine Tat nicht tragen kann, vor einer Maus erschrickt, mit einem Kanarienvogel fühlt und eine alte Vettel ermordet, der sich in krankhaftem Ehrgeiz ein Napoleon dünkt und über diese einzige Untat, die er nicht zur Guttat in seinem Busen stempeln kann, ins Stolpern kommt. Dostojewskis andere „Helden“ -- er darf sie so nennen -- Idioten, Sträflinge, Abbilder Christi, die alle lieben und für alle Menschen leiden möchten, Träumer, Phantasten, von Dämonen Besessene, sind bei uns kaum bekannt. Das wundersam weiche Wesen dieser Leute, die zwischen Extremen hin und her fallen, die sich ihren Gefühlen noch rückhaltlos hingeben, die jeden Augenblick wieder ohne Vorurteile und ohne Bedenken sein können wie Tartaren, „aus dem Tartarus“, der Unterwelt Gekommene, kurzum +die russische Seele+ hat Dostojewski in seinen Werken vor allen anderen wiedererschaffen. Darum ist er der größte Dichter Rußlands, und für jeden Fremden, der diesem Volke nahekommen will, geht der Weg auch heute noch durch ihn und seine Werke hindurch.
Ibsen
„Die ungesungenen Lieder sind stets die schönsten.“ (Worte des Skalden in Ibsens „Kronprätendenten“.)
Im Frühsommer 1886 saß wie gewöhnlich nachmittags um diese Zeit ein älterer, ziemlich beleibter Herr im schwarzen, sorgfältig abgebürsteten Gehrock, mit langen weißen Haaren und mit ebensolchem Bart an den Backenseiten seines Professorengesichts vor einem Tisch im Café Opera in München. Kaffee und Kognak standen neben ihm, und auf den beiden Stühlen ihm zur Seite lagen hochaufeinander Haufen von Zeitungen und bunten Wochenblättern. Er hatte soeben mit dem letzten Schluck Kognak die letzte Zeitung erledigt und guckte nun aus kleinen verschmitzten Äuglein starr vor sich hin, während hinter seiner hohen wuchtigen Stirne die Gedanken über das Gelesene wie Mäuschen im Speicher hin und her liefen. In diesem Augenblick setzte sich ein etwa zehn Jahre jüngerer Herr, ein gemütlicher, korrekter Fünfziger mit den Worten: „Sie erlauben doch!“ zu ihm an seinen Tisch.
„Bitte sehr, Herr Leutnant oder Herr Hauptmann -- ich werde das nie auseinanderhalten können --, ich wollte ohnedies gehen.“
„Ach! Sie sind’s, pardon, Herr Doktor Ibsen!“ sagte der Jüngere, der kein anderer war (wie es in seinen Erzählungen hieß) als der Dichter Martin Greif, der, nachdem er sich als Offizier unter seinem wirklichen Namen „Herman Frey“ hatte pensionieren lassen, nun in München wie Ibsen als vogelfreier Greif und Dichter lebte.
„Also, wie geht’s Ihnen denn, Herr Doktor, was machen Sie, was schreiben Sie jetzt?“ fragte Greif weiter.
„Ich weiß es nicht recht,“ meinte Ibsen, „und Sie?“
„Ja, ich habe soeben meine beiden Hohenstaufendramen ‚Heinrich der Löwe‘ und ‚Die Pfalz im Rhein‘ vollendet und bin nun an den Vorstudien zu meinem ‚Konradin‘. Kommen Sie nur einmal vormittags auf die Bibliothek! Da können Sie mich hinter Büchern und alten Manuskripten schwitzen sehen. Erst muß man die Historie intus haben, ehe man ans eigentliche Dichten herangehen kann. Wissen Sie, einen ‚Konradin‘ muß man schreiben, wenn man überhaupt die Hohenstaufen sich vornimmt. Das ist der Gipfel, die blutige Krone des Ganzen. Und gibt es wohl in der ganzen Welt etwas Tragischeres als diese edle, reine Jünglingsgestalt, die seiner Ideale voll gen Italien ziehet, seine Väter zu rächen und zu erfüllen, und die welsche Hinterlist in Neapel unter dem Beil des Henkers verenden ließ?“
„Ich weiß es nicht,“ warf Ibsen mit seiner hohen spitzen Stimme ein, „mir ist er freilich so gleichgültig wie Ihnen vermutlich Olaf der Heilige, der sein Reich an Knut den Großen verlor und im Meer ertrunken sein soll, was auch keine schöne Todesart ist.“
„Ja, Sie sind eben kein Deutscher, Herr Doktor, verzeihen Sie, aber wenn unsereins schon als Kind von Barbarossa und den anderen großen Hohenstaufen erzählen hört, vibriert es in ihm vor Begeisterung, und wenn er Konradins bejammernswertes tückisches Schicksal nur liest, dann muß er gar mit den Tränen kämpfen.“
„Das mag sein, Herr Greif, aber aus Kindern werden schließlich doch einmal Männer. Und die pflegen bei uns in -- Norwegen wenigstens ganz andere Interessen zu haben als die Kreuzzüge, die Hohenstaufen und Olaf den Heiligen. Und am Ende sind die Theater wohl auch bei Ihnen nicht +nur+ für die Kinder aufgebaut!“
„Ich weiß, Sie sind auch einer von den ganz Modernen mit Ihrer ‚Nora‘ und Ihren ‚Gespenstern‘ und wie die Sachen alle heißen mögen, mit denen Sie die Menschheit verbessern wollen. Nicht um ein I-Tüpfelchen werden Sie die Welt anders bekommen durch Ihre Dramen. Alles bleibt schließlich beim alten.“
„Wie zu Zeiten Konradins,“ entwaffnete ihn Ibsen lächelnd.
„Und sie bewegt sich doch, hat schon Galilei, glaube ich, im Kerker gesagt. Sie können doch nicht im Ernst ein Weiterschreiten der Menschheit leugnen.“
„Fällt mir auch gar nicht ein! Ich konstatiere nur, daß es nicht Sache des Theaters ist, Politik zu treiben und Tagesfragen zu erledigen. Dafür sind die Zeitungen da, die da in zwei hohen Bergen um Sie liegen. Dafür ist die Bühne zu schade, sind die Schauspieler zu schade, und ist das Publikum zu schade.“
„So, das ist ja kurz und bündig, wie Sie mich zu den Toten werfen. Und dabei habe ich mir, Sie wissen, ich mag meine Stücke +selber+ nicht sehen, das +einzige+ darauf eingebildet, daß sie kein totes Theater sind, sondern so lebendig wie Sie und ich Gott sei Dank noch sind. Und daß sie darum ihr Publikum, ihr großes Publikum finden werden. Denn sie sind Geist von unserer Zeit, und ich bin, wenn ich mich einmal in meiner früheren Berufssprache so ausdrücken darf, nur der große Destillator gewesen, der die Zeit um mich, wie ich sie sehe, filtriert und den Extrakt daraus in seinen Stücken wiedergegeben hat. So etwas Ähnliches sagt wohl auch, wie ich mich aus meiner Studentenzeit entsinne, ein gewisser Shakespeare im ‚Hamlet‘, glaube ich, wo er die Kunst des Schauspiels als ‚Spiegel und abgekürzte Chronik des Zeitalters‘ bezeichnet. Ich befinde mich also auch für Sie in nicht allzu schlechter Nachbarschaft.“
„Hm!“ knurrte Greif, „vom Standpunkt des Publikums aus können Sie alles entschuldigen: Seiltänzer, Bauchredner, Operetten, Schwänke, Possen, Ballettänzer, Taschenspielereien -- -- --“
„Und auch meine Stücke, nicht wahr?“ unterbrach ihn Ibsen freundlich. „Ja, aber um des Kuckucks willen, warum schreiben wir denn eigentlich unsere Stücke, wenn nicht des leidigen Publikums wegen? Damit wir sie im Spind liegen haben oder bei Cotta oder Brockhaus oder Reclam oder Hegel in Kopenhagen mit oder ohne Goldschnitt auf dem Lager verstauben lassen? Sie sollen doch gelesen werden von möglichst vielen und aufgeführt werden, wo nur ein Vorhang und Soffitten hängen. Die meisten von uns -- Ihre Finanzverhältnisse mögen glücklicher liegen -- wollen doch davon leben, wie jeder andere Arbeiter von seiner Arbeit. Von dem Gezeter über die Dummheit oder Faulheit des Publikums wird keiner auf die Dauer satt, geschweige denn fett.“
„So, also Anpassung an den Massengeschmack, Konzession dem Schaupöbel aus Liebe zum täglichen Brot oder Kuchen! Pfui, Herr Doktor, in das Horn der Tantiemenmacher stoßen Sie mit hinein! Die künstlerische Gewissenlosigkeit der französischen Boulevardstückfabrikanten wollen Sie zur Maxime für uns dramatische Dichter erheben! Nein, da mache ich nicht mit, ganz und gar nicht! Lieber wollte ich verhungern, ehe daß ich aus Rücksicht auf Tagesruhm oder Theaterdirektoren oder das Goldene Kalb irgendwie Zugeständnisse machen würde.“