Schattenbilder

Part 18

Chapter 183,732 wordsPublic domain

Von sämtlichen Werken, die er den Gebildeten aller Völker als Vermächtnis hinterlassen hat, ist seine Dichtung über die „Renaissance“ wohl das wertvollste, sicherlich das schönste. Die meisten, die uns durch die gewaltigste neuere Zeit unsers Geschlechtes, die wir kennen, hindurchführen, ziehen uns durch jene Welt wie durch ein Museum an Bildern und toten Steinen vorüber. Gobineau hat, ohne viel Eigenes hinzuzutun, jene Riesen im Guten wie im Bösen +selber+ zu uns sprechen lassen. Gerade das ist das Treffliche an seinen Szenen, daß er nur schildert, nicht richtet, etwa gar noch aus Rücksichten eines im 19. Jahrhundert, nicht im Cinquecento Geborenen. Ohne gelehrten Kommentar läßt er die Menschen und Übermenschen jener Zeit vor uns leben und sterben: Savonarola oder Karl den V. oder Cesare Borgia oder Julius den II., dem jenes tragische Geschick fiel, erst als Greis zum Herrn über Rom und über die Seelen zu werden. Des Tacitus bekanntes Erstgebot für den Geschichtschreiber ist hier erfüllt. Nicht eine Zeile im Text noch im Vorwort verrät uns den eigenen Standpunkt des Schilderers, der die Berichte der Chroniken sowie Briefe und Aufzeichnungen und Anekdoten aus dem ~cinquecento~ wie einst die Daten und Urkunden zu seiner Persergeschichte in Iran gesammelt hat, und sie nun in Dialogen lebendig zusammenreiht. Nichts von Abscheu oder moralischer Entrüstung über seinen Vorwurf ist aus diesen Szenen herauszulesen, und es ist kaum einem Historiographen gelungen, die Gestalten der Vergangenheit so getreu und klar in seinen Zauberspiegel einzufangen. Bei keinem seiner anderen Werke hat der Künstler Gobineau so schön dem Gelehrten beistehen und sein Wissen um die Dinge durch die seltene Gabe der Einfühlung in frühere Zeiten erwärmen können.

So schenken die Szenen Gobineaus uns ein Bild im Hochrelief von der „Renaissance“, das so wahr ist, wie es überhaupt ein Bildnis und Gleichnis sein kann, und wer an der Hand dieses Dichters jene Zeit, wie einst Dante an der Hand Vergils die Hölle, durchschritten hat, dem wird jedes andere Bild nur flüchtige Wassermalerei bedeuten gegen diese Erlebnisse.

Maupassant

So war der Mensch Maupassant: Ein gut gewachsener, breitbrüstiger, muskulöser Kerl mit schönem, starkem braunen Haar, einem gewöhnlichen Schnurrbart und ein Paar großen ernsten Augen. Nichts fiel auf in seinem Gesicht, das dutzendweise vorkam und vorkommt, und hätte sein Name nicht einen so großen literarischen Schatten hinter ihm hergeworfen, kein Mensch hätte sich auf der Straße nach ihm umgeblickt. Seine braunrote Hautfarbe sagte einem, daß dies ein Sportsmann sei, und den kräftigen Armen sah man an, daß er tage- und nächtelang mit seinem Ruderboot auf der Seine verbracht hatte. Das war die schönste Zeit seines Lebens, als er noch im Marineministerium herumfaulenzte, als er noch nicht „schreiben“ konnte und an den Fingern nur Schwielen von der Ruderstange, nicht von der Feder hatte, und mit lustigen Freunden und Freundinnen zwischen sechzehn und dreißig die Umgegend von Paris auf dem Fluß von Charenton bis Argenteuil fröhlich machte. „Wir waren meist zu fünf Strauchdieben“, erzählt er später selbst mit der Wehmut und dem Stolz, die einem im Alter überkommt, wenn man von +seiner+ verflogenen Jugend spricht. „Ich erinnere mich an so seltsame Abenteuer, so unwahrscheinliche Späße, daß sie heute niemand glauben würde. Man lebt heute so nicht mehr, selbst nicht auf der Seine, denn die tolle Phantasie, die uns beständig in Atem hielt, ist in den gegenwärtigen Seelen erloschen. Wir fünf besaßen einen einzigen Kahn, den wir mit großer Mühe erstanden hatten, und in dem wir gelacht haben, gelacht haben, wie wir nie wieder lachen werden.“ Das verlernte er immer mehr, das Lachen, mit jedem Tag, da er älter und reicher wurde. Aus dem jungen Burschen, bei dessen Liebesabenteuern ernste Männer wie Flaubert und Zola vom bloßen Zuhören Seitenstiche vor Lachen bekamen, kroch ein wohlbeleibter, ernster, blasierter Mann heraus, dem die Havannazigarre traurig wie ein Wurm im Munde hing, der „für keinen Groschen Poesie“ hatte, und aus dem das Lachen kurz und vertrocknet klang, wie aus einem, der den Witz schon kennt, dem er zuhören muß. Sein Geld machte ihm nicht die Freude, die er von ihm erhofft hatte. Er war als Schriftsteller ein größerer Geschäftsmann als Beaumarchais. „Ich schreibe keine Zeile unter einem Franc“, war seine Losung, und wenn er von Verlegern sprach, geschah es nie, ohne ein „diese Hunde!“ hinzuzufügen, und sein größter Ehrgeiz war, möglichst viele von ihnen zugrunde zu richten. Als Normanne schätzte er das Geld und konnte besser rechnen als drei Juden. So hatte er es in wenigen Jahren zu einem bedeutenden Vermögen gebracht; konnte sich eine Segeljacht, zwei Häuser, eines in der Normandie und ein anderes in Cannes und vierzehn Frauen in Paris halten. Konnte seiner Mutter Brillanten zu Weihnachten schenken und seinem Vater, der stets mindestens dreißig Meilen von ihr entfernt war, Zigarren schicken, wie sie die Königin von England nicht teurer rauchte, und hätte mit alldem glücklich sein können gleich Fortunatus mit seinem Glückssäckel.

Aber sein Reichtum machte ihn ebensowenig fröhlich wie Schopenhauer und weiland König Midas: die Ärzte und seine Fettsucht verdarben ihm den Appetit, indem sie ihm, dem Feinschmecker und Vielesser, eine strenge Diät auferlegten. Das Rosenwasser, in dem er, ein Liebhaber von Wohlgerüchen, täglich badete, roch er schließlich gar nicht mehr. Von den Frauen war er übersättigt, sein Ruhm machte ihm auf die Dauer keinen Spaß mehr, und die Arbeit, die Zola jung erhielt, machte Maupassant, der stets sehr schnell und mit zwölf Atmosphären Druck schrieb und schaffte, nur nervös. Dazu kam ein vermutlich schon ererbter Hang zur Melancholie, der von Jahr zu Jahr wuchs und ihn immer mehr überschattete. Aus ihm entstand seine große Verehrung für Schopenhauer, in dessen Pessimismus er die ihm passende Weltanschauung fand, aus ihm seine Liebe zur Einsamkeit und zur Schweigsamkeit, sein Menschenhaß und seine Lieblingsbeschäftigung, den Spießbürger, ohne „Pardon!“ zu sagen, auf die Zehen zu treten. So erschien er in den letzten Jahren seines kranken Lebens als der dekadente Sproß eines französischen Adelsgeschlechtes nach der Revolution, dessen brutale Herreninstinkte sich statt in Hofintrigen oder gefährlichen Liebesabenteuern oder Feldzügen damit befriedigen mußten, Verleger um Geld zu pressen oder dem Herrn Meier und Schulze das schmutzige Hemd aus der Hose zu ziehen oder sich über die schiefgetretenen Absätze des Fräulein Soundso zu mokieren: als der blasierte, sich ewig langweilende, verlebte, reiche junge Herr, für den alles, was über der Materie war, Phrase hieß und abgedroschen war, wie er an Maria Bashkirtseff schrieb, und gegen den Lord Byron wie ein Naturbursche wirkt. So traf ihn sein Geschick, das noch viel grausiger war als das von Oskar Wilde. Am Tisch seiner Mutter in Nizza brach der Irrsinn in ihm aus, und Ibsens „Gespenster“ wurden lebendig. Er hatte noch die geistige Kraft zu einem Selbstmordversuch, aber die Dummheit seiner Diener verhinderte dies. Nach anderthalbjähriger Passionszeit starb er in der Zwangsjacke im Irrenhaus bei Paris. Seine letzten Worte kurz vor dem Tode -- und man muß hierbei unwillkürlich an Goethes letzte vernehmlichen Worte: „Mehr Licht!“ denken -- waren: „Finster, ach wie finster!“ Kein Geistlicher hat ihn begleitet. Zola, der Mutige, hielt an seinem Grabe die Leichenrede.

So aber war der +Dichter+ Maupassant, der in diesem Menschen hauste: ein Schüler Flauberts, ohne jede Tendenz das Leben erfassend und beschreibend, wie es ist, nackt und nüchtern, nicht beschönigend, nicht verhäßlichend. Das Entsetzen über den Naturalismus hatte sich schon in Frankreich gelegt, als Maupassant zu schreiben anfing, so daß er es nicht mehr nötig hatte, ein Programm aufzustellen und zu verteidigen, was seiner Kunst nur zugute kam. Er war der größte Meister im Erzählen, den die Neuzeit kennt, und seine Lust zu fabulieren ist unerschöpflich gewesen. Vor allem im Beschreiben der Natur, die er mit dem scharfen Auge des Jägers aufs Korn nahm, ist er groß. Wenn er eine Landschaft betrachtete, die er schildern wollte, kniff er gern, ganz wie ein Jäger, ein Auge zu und brachte sie dann in ein paar Strichen, ein schreibender Impressionist, aufs Papier. Ein Stück Natur, an dem Flaubert und Zola noch drei Seiten vollmalten, zeichnete er in drei Zeilen, daß man es sah, roch, hörte und schmeckte. Vor allem die Normandie, seine Heimat, mit ihren Apfelbäumen und ihrer kräftigen salzigen Seeluft, und die Riviera, seine Nervenweide, mit ihren Palmen und ihrem lauen, sinnlichen Duft, traf er wie ein Photograph, und manche seiner Bilder daher wirken, wenn man sie liest, mit der Anschaulichkeit von Ansichtskarten. Unter den Menschen, die aus der Kamera seines Gehirns herauskommen, gelingen ihm die harmlosen Bürger und stumpfsinnigen Bauern am besten, und von den Frauen die mondänen, leichtfüßigen, parfümierten. „Du mußt den Kerl, den du beschreiben willst, an seiner Nase packen und hin und her biegen, bis du ihn in dir hast“, hatte ihn einst Flaubert gelehrt. Maupassant befolgte diese Regel so gut, daß man seine Menschen oft atmen zu hören glaubt. Gern allerdings versetzt er seinen Bürgern, wenn er fertig mit ihnen ist, zum Schluß mit seiner vornehmen Künstlerhand noch ein paar Maulschellen, wie Policinell alle Puppen herunterhaut, ehe sie in den Kasten kommen. Am sichersten ist Maupassant in der Wahl seiner Farben und Beiwörter. Während die Parnassiens zu seiner Zeit oft tage- und nächtelang nach einem passenden Adjektivum wie nach einem verlorenen Kragenknöpfchen herumsuchten, fand er ohne Federlesen schnell das richtige Epitheton. Wie er denn überhaupt ungeheuer rasch im Produzieren war und in zehn Jahren neunundzwanzig Bände zusammengeschrieben hat. Er hatte +ebensolange+ dazu gebraucht, sich unter Flauberts täglichem Einfluß auf seinen Beruf vorzubereiten, und wenn er darum später die andern ganz langsam an ihren Büchern herumbauen und die Worte vorsichtig wie ein Apotheker prüfen und abwiegen sah, dann klimperte er wohl stolz mit seinen Goldstücken, blies den Rauch aus seiner kurzen Pfeife und sagte: „Seht ihr wohl, das kommt davon, daß ich mein Handwerk erst gelernt habe.“

Wenn er bei den Frauen, die er schildert, mehr das Sinnliche an diesen merkwürdigen Wesen betont, wie dies übrigens die Franzosen von jeher getan haben, so geschah dies keineswegs aus Frauenhaß, und Nietzsche hatte unrecht, wenn er ihn darum so klug wie die Kirchenväter nannte, die bekanntlich die Frauen noch als Bestien und nicht als Menschen ansahen. Gerade aus den letzten Werken seines Lebens, aus den Romanen „~Fort comme la mort~“ und „~Notre cœur~“ klingt eine so tiefe Verehrung für die Frau als die natürliche Gefährtin des Mannes seit dem Paradiese heraus, eine so edle und zarte Art der Hingabe an das andere Geschlecht, daß man sich verwundern muß, wie man diesen Künstler jemals neben Strindberg als Frauenfeind hat nennen können. Freilich -- und hier rundet sich Maupassants nüchterner und darum grausamer Pessimismus -- wird auch +die Liebe+ nach seinem Bekenntnis keinen von der Einsamkeit befreien, in der ein jeder von uns lebt, leidet und stirbt. Diese trostlose Einsicht von dem Alleinsein des einzelnen, von dem Gefühl, daß wir alle einsame Feuer sind, kehrt stets als Refrain bei diesem Dichter wieder. Vor diesen großen, grauen Hintergrund sind fast alle seine Kreaturen gestellt, und vor ihm opfert ihr Schöpfer sie dem Leben oder dem Tode mit dem furchtlosen, verzweifelten, traurigen Mitleid des Pessimisten, indem er ihnen als einzigen Trost vor dem Ergrauen das große Wort des Buddhismus zuraunt: „Geh an der Welt vorüber, sie ist nichts!“

Lord Byron

In der Morgenstunde des ersten Dezembers 1900 erschien unter den ersten verdammten Seelen Oskar Wilde vor der Hölle. Er legitimierte sich als Verfasser der „Salome“, worauf man ihn ohne weiteres einließ und ihm eine bestimmte Zelle anwies. Er erkundigte sich sogleich bei dem Teufel, dem er zur besonderen Bedienung und Folterung überwiesen war, wann man in der Hölle Besuche mache oder empfange, und erfuhr zu seiner Freude, daß dies wie oben auf der Erde zwischen zwölf und ein Uhr oder abends um fünf Uhr geschehe und gestattet sei. Der Dichter lächelte dankbar gerührt, gab dem Teufelchen das letzte Frankstück, das er bei sich hatte, und erklärte, daß er zunächst seinen bewunderten Lord Byron besuchen möchte, und fragte, ob es weit zu ihm zu gehen sei. Worauf ihm der Bescheid zuteil wurde: „O nein, Sire, hier eben um die linke Ecke herum. Seine Lordschaft haben sich aus musikalischen Neigungen in der Nähe des deutschen Viertels angesiedelt!“

„~Well!~“ bemerkte Wilde und machte sich, nachdem er eine Stunde lang die nun einmal notwendigen Folterungen ausgehalten hatte, an die Toilette. Er schnitt sich die etwas zu lang gewachsenen Fingernägel und polierte sie, so gut es mit Stiefelwichse ging, die man ihm als Pomade hingestellt hatte. Zu einem Bade im Styx schien es ihm etwas kalt zu sein, und so verwendete er denn eine Stunde lang dazu, seine Krawatte zu binden, das +einzige+ Bekleidungsstück, das man ihm vergönnt hatte. Denn jeder darf dort unten nur das Stück von seinem ganzen Habit tragen, das ihm am +liebsten+ ist. Als die Höllenuhr zwölf schlug, machte er sich auf den Weg, nahm, um sich anmelden zu können, die schwarze Visitenkarte vorn von der Türe seiner Zelle, auf der mit seinem Blut geschrieben rot sein Name stand, und trat auf die endlos lange, schmale, finstere Gasse hinaus.

Als er so von Tür zu Tür herumtappte, begegnete ihm zu seinem Glücke Charon, der um diese Stunde den von dem ewigen Bellen und Anderketteliegen halb tollen Zerberus spazieren führen mußte. Der geleitete ihn brummend um die Ecke linkerhand, wobei der Zerberus, wie dies bei Hunden üblich, stehenblieb, vor die Behausung seiner Lordschaft, die um ein bedeutendes geräumiger war als die Zellen der Nachbarschaft. Auch hatte sie ein kleines, schwarzes Fenster nach der Straße zu, durch das Wilde vorsichtig hineinguckte, um sich zunächst über die Situation klarzuwerden.

Zu seinem Erstaunen entdeckte er, daß schon ein Besuch bei Byron war, und als er näher hineinguckte, sah er, daß es kein anderer als Shelley war, der dort, +bloß+ mit einem +Strohhut+ angetan, bei dem Lord, der seinerseits, vermutlich um seinen Klumpfuß zu verdecken, +nur hohe+, braune +Stulpstiefel+ trug, zu Gaste war. Die beiden saßen mit übereinandergeschlagenen, knöchernen Beinen sich an einem Tisch aus Ebenholz gegenüber. Shelley rauchte aus einer Pfeife roten Qualm, und Byron selbst trank aus einer riesigen Flasche Feuerwasser. Sie waren mitten in einem Gespräch, und Wilde, der dies seltsame Bild nicht aufstören wollte, hörte draußen, unter dem Fenster geduckt, wie Lord Byron mit etwas heiser gewordener Stimme seinem Freunde erklärte:

„Du magst sagen, was du willst, Percy, die Engländer sind die knotigsten Kerle, die Gott oben herumlaufen läßt. Sie haben uns beide, weiß der Teufel, so gepiesackt, daß mir der Aufenthalt hier, ohne die blödsinnige Hitze, fast wie ein Sanatorium vorkäme. Und was machen sie mit allem ihrem Gelde, das sie der ganzen Welt abnehmen, sag’ mir doch! Seife, Maschinen und gute Kleider. Das ist ihre ganze Kultur.

Es kommt noch so weit, daß ich mich vor Horaz und Tibull, diesen römischen Griechen und Halbdichtern, schämen muß. Neulich sagte mir schon Ovid im Klub ganz anzüglich: ‚Ihr seid jetzt schon reicher, als wir jemals gewesen sind.‘ Ich dachte an Manchester und konnte nichts erwidern. Wir verkommen, mein Freund, auf unseren Millionen, und schließlich bleibt nur noch Shakespeare von uns übrig, wie Hannibal von Karthago.

Unterbrich mich nicht! Die Kunst gilt ihnen keinen Sixpence mehr. Maler werden zu Anstreichern und Dichter zu Journalisten in London gemacht. Ich hatte mich vor den Aristokraten um meine ganze Lordschaft gebracht, als ich mein erstes Gedicht fertig hatte. ‚Aber dafür sind doch Schullehrer da‘, sagte mir meine Mutter ganz entrüstet, und ich war wie von selbst zu den Whigs geworfen. Jeder Tory sah mich seitdem wie einen Seiltänzer an.

Als ich mein erstes Drama, es war der ‚Manfred‘, herausgab, warnte mich der Herzog von Devonshire: ‚O, armer Mann, denken Sie an Ihre unsterbliche Seele, ehe Sie +Souffleur+ werden!‘ Es war am nämlichen Tage, als mir Goethe aus Deutschland schrieb: ‚Ich rechne es mir zur Ehre an, mit Ihnen in brieflichem Verkehr zu stehen. Ihre dramatischen Versuche werden im Lande Shakespeares sicherlich die große Anerkennung finden, die sie verdienen.‘

Jawohl, Herr Geheimrat, keine Schmiere hat sich drum bekümmert! Sieh dir doch ihr Theater an, Percy, zum Donnerwetter, wiewohl das Fluchen hier unten verboten ist, ehe du mich unterbrichst! Weißt du, was das Neueste auf englischen Bühnen ist? Dreifach verschiedenes Sonnenlicht, bunte Fräcke und echte Schneeflocken, die oben auf dem Schnürboden in einer Gefriermaschine hergestellt werden. Als jüngst Hamlet dort in halbem Mondlicht, umschneit, auf der Terrasse zu Helsingör erschien, rief man zum Schluß den Schnee statt des Hamlets heraus. Und als der Prinz gestorben war, lag er da, den Körper im Schatten, das Antlitz blau und die Hände rot beleuchtet, die Augen zur Decke gerichtet. Das andere war Schweigen. Im Hintergrunde hörte man sich Shakespeare dreimal knarrend im Grabe umdrehen.

Alle ihre neuen Stücke sind um der Kostüme oder der Requisiten willen geschrieben, die darin getragen oder schnell wie faule Wechsel herumgereicht werden. Die Wegweiser nach Griechenland sind abgehauen worden, und wer heute in London fürs Theater schreibt, der muß zuvor zwei Jahre lang zu einem Taschenspieler in die Lehre gehen. Die Poeten in England werden samt und sonders zu Spitzbuben, die sich vom Verblüffen nähren. Auch den irischen, leider etwas byronisierenden Duckmäuser haben sie dazu gemacht, der da draußen hinter dem Fenster steht, und der sich einsperren ließ, statt ihnen davonzulaufen.“

Damit stieß Lord Byron mit seinem Klumpfuß die Türe auf und zog den erschrockenen Wilde an seiner Krawatte in die schwarze Kammer herein.

„Nichts für ungut, mein Bester!“ fuhr seine Lordschaft fort, „ich erkannte Sie schon lange an dem roten Schatten, den Sie drüben auf die Behausung meines Freundes Garrick warfen. Es freut mich, daß Sie endlich zu uns heruntergekommen sind. Hier, Percy, hast du den jungen Athener aus Dublin, dessen ‚Salome‘ ich dir zum vorigen ersten April geschenkt habe. Ein nicht übles Buch, wenngleich es mir ein wenig zu stark parfümiert ist und nach Paris riecht wie eine Sumpfente.

Nehmen Sie Platz! Rauchen Sie oder trinken Sie? Es wird Ihnen sicherlich bei uns gefallen, wiewohl Sie -- eine schlechte Wirkung vom Zuchthaus her! -- eine gewisse Neigung zum Pietismus in der Nase haben.

Ich werde Sie heute abend zum Klub der Gemütlosen abholen. Sie finden ein paar reizende Menschen dort: Béranger, Heine, Aristophanes, Poë, Goldoni u. a. Die Gesellschaft ist völlig international. Wir erzählen uns Fragmente aus unserm Leben. Mein Freund Schumann macht Musik dazu. Leider ist das Lachen dort, wie überall hier unten in der Hölle, verboten.

Wenn Sie Shakespeare sehen wollen -- gewöhnlich die erste Kuriosität für alle neu angekommenen Engländer --, so machen wir den kleinen Umweg über die Asphodeloswiesen, an dem Kessel der schlechten Mütter vorüber, in dem meine Mutter zu sieden den Jammer hat, während mein Vater auf dem Eis für die Jähzornigen ablagert. Shakespeare macht zwischen dem blühenden Schierling allabendlich mit Homer und Li-Tai-Pe seinen Spaziergang, da ihm die Gesellschaft des Sophokles wegen des ewigen Fachsimpelns, in das sie beide wider Willen stets hineingerieten, unerträglich geworden war.

Ich kann Sie leider nicht zum Diner begleiten, bei dem jeder Feinschmecker dazu verurteilt ist, die ihm +nicht+ zusagenden Speisen zu verzehren, da ich Ludwig dem II., dem Bayernkönig -- ~you know him!~ -- versprochen habe, ihm den siebzehnten Gesang meines ‚Don Juan‘ vorzulesen, den ich hier im Inferno geschrieben habe, und in dem ich die neuesten Engländer, ~made in Germany~, Spießruten laufen lasse. Seine höllische Herrlichkeit, der Satan +selbst+, haben mir zu Ehren in der Maske des ‚Kain‘ gleichfalls sein Erscheinen in Aussicht gestellt. Wenn Sie erst, wie ich heute, 75 Jahre in der Hölle gehaust und ihre Konventionen vergessen haben, werde ich Sie mit zu diesen intimen Zirkeln nehmen.“

Damit reichte der Lord seinem verlorenen bürgerlichen Bruder die Hand, boxte Shelley freundschaftlich zur Türe hinaus und begann -- darin bestand seine harte tägliche Pönitenz --, aus seinen Werken die mißlungenen Verse, die er nun nicht mehr ändern konnte, herauszusuchen und wehmütig zu betrachten.

Oskar Wilde

Wer im Februar des Jahres 1892 um die Mittagszeit auf dem Embanquement an der Themse in London auf und ab spazierte, der konnte fast täglich beobachten, wie ein höchst elegant gekleideter Herr in einem herrlichen Sealpelzmantel, eine Sonnenblume oder eine Pfauenfeder in der Hand tragend, gegen zwei Uhr vom Lunch aus einem der vornehmen Hotels am Strande dort heraustrat.

Er machte ein paar Schritte auf der Promenade, schaute aus seinen großen, glaskugelartigen Augen zerstreut oder phlegmatisch ein wenig dem Leben auf der Themse zu oder blickte dem Rauch seiner Zigarette nach, drehte seine von grünen und blauen Steinen funkelnden Ringe zurecht, pfiff schließlich einem Cab, drückte dem Bummler, der ihm den Schlag öffnete, einen Schilling in die Hand und rollte von dannen in den Hydepark oder irgendwohin, wo die große Welt sich amüsierte.

Dieser Mann im Sealpelzmantel mit der Sonnenblume und den bunten Ringen und der Zigarette und den großen, glaskugelartigen Augen war Oskar Wilde, der damals im Zenit seines Ruhmes stand und sich den „König des Lebens“ nannte, der 300000 Schilling im Jahre einnahm, die er bis auf den letzten Heller für sich und seine Lebensführung verbrauchte.

Von Hydepark fuhr er dann zum Tee zu irgendeiner Gräfin oder Fürstin, die ihn -- er war damals das Orakel des guten Geschmacks für die ganze Aristokratie Londons --über holländisches Porzellan oder altfranzösische Gobelins oder japanische Holzschnitte oder sonstige geldverschlingende Passionen um Rat fragte. Bisweilen traf er dort auch zufällig seine Gattin mit dem einen oder anderen seiner beiden Söhne. Man redete ein paar Worte zusammen: „Sie auch hier, Madame?“ -- „Du wirst ja ein hübscher Bengel, ~my boy~!“ und Oskar fuhr, sich mit einer geschickten Wendung einen „guten Abgang“ machend, von dannen. Zu einem Diner bei Lord Douglas oder Comte d’Orsay oder Fürst Metternich oder zu einem der vornehmen Klubs im Pall Mall, wo der Prinz von Wales verkehrte, und wo Wilde seinen Geist und sein Geld, beide unerschöpflich, an die vornehme Welt verspielte.

Oder es gab eine Premiere für ihn an jenem Abend, ach, ja richtig, „Lady Windermeres Fächer!“ wurde heute im St. James-Theater aufgeführt. Und er fuhr hin in +dem+ Gehrock Londons, mokierte sich hinter den Kulissen über die guten, beschränkten Leute, die da vorne vor Lachen tobten und Beifall brüllten, und trat schließlich vor den Vorhang, eine grüne Nelke im Knopfloch, die brennende Zigarette in der Hand und sagte so blasiert als nur möglich: „Ich konstatiere mit Vergnügen, daß das Stück dem Publikum zu gefallen scheint.“

Oder er fuhr mit ein paar Freunden oder noch lieber ganz allein in einem eigens zu diesem Zweck gekauften schlechten Anzug nach Whitechapel oder zu den Docks am Horizont der Riesenstadt hinaus und trieb sich bis zur Erschlaffung in den Opiumhöhlen herum und genoß das Laster mit geschlossenen Augen, wie ein Kind Süßigkeiten herunterlutscht.

Oder er gab ein Fest in seinem Hause, das mit Kunstschätzen vollgepfropft war wie ein Museum, bei dem es neu entdeckte Speisen gab, Premieren von Bowlenmischungen, und bei denen ein Diener ein Vermögen verwüstete, wenn er ein Sauciere fallen ließ.