Part 23
Man kann sich das herrliche Gefühl vorstellen, mit dem er im „Hotel zum Schwanen“ oder im „Englischen Hof“ zu Frankfurt am Main, wo er täglich zu Mittag aß, an der Table d’hote zwischen reisenden Engländern, Offizieren, Bankiers und Millionären saß, ohne irgend jemand den Hof machen oder sich überhaupt unterhalten zu müssen. Die Freude, daß das Geld endlich einmal an den Rechten in Deutschland gekommen war, soll bisweilen, wenn er den Schaum vom Champagner blies, aus seinen kleinen Augen gezwinkert haben. Ohne diesen Reichtum, der ihm die Freiheit gab, hätte er vielleicht dies Leben damals in Deutschland gar nicht überstehen können. Denn zumeist saß er verbittert und in sich geduckt wie einer, der nur auf die innere Stimme hört, und angewidert unter den Menschen seiner Zeit. Man erzählte sich, und wenn es auch bloß erfunden ist, so ist es doch gut erfunden, daß er im „Englischen Hof“ zu Frankfurt wochenlang täglich einen Taler vor sich auf den Tisch gelegt und dabei vor sich hingeknurrt hätte: „Den will ich den Armen schenken, wenn die Offiziere gegenüber heute von etwas anderem als von Pferden und von Weibern sprechen!“ Aber nach jeder Mahlzeit hätte er grinsend den Taler wieder zu sich gesteckt. Der Mangel an Ernst bei den meisten Menschen um ihn mußte ihn, der noch oder schon die Schauer der Unterwelt in sich verspürte und hinter allem und jedem die Flügel des Todes rauschen hörte, unsagbar quälen.
Zuweilen geschah es dann, daß dieser an einem Freitag zur Welt gekommene graue Geist beim Essen wohl wütend die „Times“ hervorholte und zu lesen begann, bis ein reicher Lord, der neben ihm saß und für den der Hausknecht sich englische Sprachbrocken einstudierte, ihn erfreut fragte: „~Oh, you speak English?~“, und der Philosoph mit einem kurzen „Nein!“ die Unterhaltung im Keim erstickte. Dazu kam, daß diesen von Natur schon ungeselligen Polyphem die völlige Teilnahmlosigkeit, welche die Mitwelt seinem Denken und Schreiben entgegenbrachte, noch mehr in Menschenhaß und Einsamkeit hineintrieb.
Das philosophische System Hegels hing damals wie eine Sonne über dem ganzen geistigen und künstlerischen Leben Deutschlands und gab allem, was erdacht und erdichtet wurde, sein Licht mit. Gerade diesen Hegel nun haßte Schopenhauer, wie Tag und Nacht sich hassen, und hat ihn so kräftig beschmäht, wie seit Luther keiner in Deutschland geschimpft hat. Die Folge davon war, daß er nicht einmal von den gelehrten Kreisen und den Besten seiner Zeit beachtet wurde. In Heines Schriften, der doch sehr belesen und stets auf Neues erpicht war, ist der Name „Schopenhauer“ nicht einmal genannt. Hebbel, sonst ein Vorposten der Generation um 1900, erwähnt ihn wenige Male, aber nur, um ohne Blick für seine Größe sich über ihn als einen philosophischen Sonderling lustig zu machen. Hegel selbst hat ihn völlig ignoriert.
Man kann sich denken, wie es in der Brust eines schon von Natur ernst und düster veranlagten Menschen, dessen großer Ehrgeiz durch völlige Nichtbeachtung oder Verhöhnung erstickt wurde, ausgesehen haben muß! Die Hölle, wo sie am tiefsten ist, muß silberweiß sein gegen die Nacht, in der dieser Geist jahrzehntelang gebrannt hat. Immer wieder ruft er sich die Namen aller großen Männer und Märtyrer zu, wie ein Krieger in der Schlacht seine Heiligen, um nicht vor Furcht oder Ekel wahnsinnig zu werden. Aber die Kraft seines Geistes und sein Mut, der es mit Tod und Teufel aufnahm, überstand dieses isolierte Leben über den Menschen seiner Zeit, das seinen besten Jünger Nietzsche später zerbrochen hat. Er wußte ganz genau, daß er den Prozeß, den er um sein Werk mit der Mitwelt führte, vor der Nachwelt gewinnen würde, und darum schrie er so lange: „Ich habe recht!“, bis ganz Deutschland ihn anstarrte. Freilich kam er so zerzaust und verwundet aus dem Streit heraus, daß sein Greisengesicht das entsetzlichste Antlitz ist, das wir Menschen kennen. Bismarck, der doch Mut für sieben hatte, ertrug den Anblick dieses Mannes schwer und saß als Gesandter beim Deutschen Bunde zu Frankfurt ungern im „Englischen Hof“, wenn jener steinerne Gast erschien.
Dreißig Jahre lang lebte Schopenhauer in der Geburtsstadt Goethes, mit dem er als Jüngling befreundet gewesen, und den er nun als einzige deutsche Gottheit neben Kant verehrte. Lebte da zusammen mit seinen Widersprüchen, seinen fixen Ideen, seiner Flöte und seiner genau von ihm abgemessenen Weichselrohrpfeife, seinem Pudel und seinem Weiberhaß, der wieder wie bei Hamlet zunächst daher rührte, daß seine Mutter in den neuen Umarmungen eines Hausfreundes den geliebten Vater vergessen hatte. Wie der finstere Alberich den Nibelungenhort hütete er seine Lehre für die Zukunft. Sein Stolz war, viel zu denken und wenig zu schreiben, und dies Wenige in einer so klaren und schönen Sprache, daß +jeder+ Deutsche, wofern er nur selbst denken will, es verstehen kann. Er rechnete damit, daß, wie von Hellas nur der Name und das Werk seiner Dichter und Denker übriggeblieben wäre, so auch, wenn Deutschland dereinst vergehen könnte, +sein+ Name und +seine+ Lehre wie die Platos die Jahrtausende überdauern sollte. Darum predigte er unserem Volke stets die Ehrfurcht vor seinen geistigen Führern vor, versuchte er vergeblich den Barbaren und Hyperboräern, unter denen wir hausen, Verehrung und Liebe für die Künste einzuposaunen.
Seine Lehre ist aufgeschrieben in dem Werk, dem er den Titel gab: „Die Welt als Wille und Vorstellung.“ Seine Ethik ist darum für uns Heutige von solcher Bedeutung, weil sie in der indischen und der ihr nah verwandten untergegangenen germanischen Religion, der Mystik, +wurzelt+, wie sie vor 600 Jahren zuletzt der Dominikanermönch Meister Eckehart öffentlich vor dem Dom zu Köln verkündet hat. Darum kann Schopenhauer jedem Deutschen, der sich in ihn versenkt und der ihm opfert, ein Seelsorger, ein Tröster und Berater über dies Leben hin werden. Und wer in der grauen Stunde des Todes die Hand nach ihm ausstreckt, der wird mit allen Heilsmitteln, die die menschliche Vernunft zu vergeben hat, von ihm gestärkt werden und ein schönes leichtes irdisches Ende haben.
Friedrich Nietzsche
Glücklicher Meister, du starbst, bevor jedes Maul dich beschwatzte, Gleich dem Läufer, der stolz seinen Staub überholt.
Friedrich Nietzsche, der Künstler, ist plötzlich in das Deutschland nach 1870 wie ein Wolf in eine Hürde eingebrochen. Es läßt sich nicht mehr leugnen, daß er während der letzten Jahrzehnte und noch heute unser ganzes geistiges Leben bestimmt, mehr noch als dies, daß er eine ganz neue Gefühlswelt wachgerufen und heiliggesprochen hat. Darum vornehmlich ist er der Führer und Abgott des heutigen jungen Deutschlands geworden, nicht weil er alte Tafeln zerbrach -- das taten mit ihm Ibsen und andere noch viel krachender --, sondern weil er neue Tafeln aufrichtete und frische, blühende Worte und Werte daraufschrieb. In seinem Werk „Jenseits von Gut und Böse“, das leben wird wie die Evangelien, hat er den Punkt außerhalb der alten moralischen Welt der Vorurteile gefunden, von dem aus man diese ganze überkommene Welt der Moralität aus den Angeln heben und +umwerten+ kann. Indem er einen jeden an seinem Kragen packte und ihm an seinem höchst +eigenen+ Charakter Hamlets Weisheit: „An sich ist nichts weder gut noch böse; das Denken macht es erst dazu“ klar machte, nötigte er ihn, zu fühlen, wie widersinnig es ist, die Menschen in schwarze und weiße Schafe zu scheiden. So hat er unsere Strafgesetzgebung ihrer falschen pharisäer- und philisterhaften Moral zu entkleiden, unser Gesellschaftsleben auf ein freieres Fundament zu stellen versucht, und so hat er die Freiheit des Einzelmenschen gepredigt, Deutschlands zweiter +größerer+ Reformator als Luther. Das ist sein Eigenes, daß alle Erkenntnis ihm immer Erlebnis hieß, daß er aus einem Denker ein Dichter wurde und aus einem Philosophen ein Prophet. Er hat in seinem Zarathustra, diesem einzigen Werke, keinen Satz geschrieben, der ihm nicht aus der Tiefe seiner Empfindung wie eine Träne emporstieg. Seine ganze Liebe galt den Menschen der +Zukunft+, den neuen, den Übermenschen, die den Menschen, das unvollkommene traurige Erden- und Herdentier überwunden haben. Sein ganzer Haß galt der Vergangenheit und ihren falschen Werten, als da waren: Mitleid mit dem Schwachen und Hinfälligen, oder Sehnsucht nach dem Jenseitigen. Wie eine Stimme von einem andern Stern klingen dann seine Worte: „Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden. Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.“ Keiner vor ihm hat jemals so stark und unbedingt das Menschenleben gefeiert und gepriesen wie er. Und das war ihm die Krone des irdischen Lebens: Lachen und sich freuen und tanzen zu können. „Das Lachen sprach ich heilig; ihr höheren Menschen, +lernt+ mir -- lachen.“ Namentlich dieses hat man ihm lange Zeit bei uns in Deutschland sehr verübelt, wo man die Ehe, die Kindererziehung, den Beruf für entsetzlich ernste, trübselige und mit äußerster Schwerfälligkeit zu verrichtende Beschäftigungen hält, und wo man vor lauter Pflichten gegen andere die Pflichten gegen sich selbst vergessen hat. Dafür allein sind wir ihm zur ewigen Dankbarkeit verpflichtet, daß er uns gelehrt hat, alles Vergängliche einmal von oben herab, wie ein Vogel, wie ein Fliegender zu betrachten. Nicht frivol, wie Feindschaft und Unverstand gemeint haben. Der Mann, der sich und uns das Wort gegeben hat: „Was +uns+ das Leben verspricht, das wollen +wir+ -- dem Leben halten“, der niemals genießen +wollte+, ist vor diesem Schimpf, mit dem „+man+“ die Freien gerne bedenkt, für immer gerettet.
Denn sein Leben ist das eines Märtyrers gewesen: Als Sohn eines Pfarrers und als Sproß einer ganzen Pastorengeneration bestimmte ihn sein Dämonion dazu, der stärkste Gegner des Christentums zu werden, den es seit Voltaire gegeben hat. Zur Geselligkeit geneigt, trieben ihn Krankheit und grausame Schmerzen von allen Menschen fort in die eisige Öde der Gletscherwelt oder an das einsame blaue Meer. Von den Frauen, mit denen seine zarte, edel gezüchtete Seele sich gerne vermischte, scheuchte ihn späterhin vermutlich jene schlimmste Ansteckung zurück, die den schönen Anschluß der Geschlechter zu Gift macht. Auf die Freundschaft angewiesen wie kaum ein germanischer Mann vor ihm, mußte er, der von Jahr zu Jahr sich wandelte, alle Kameraden und Freunde hinter sich lassen und war schließlich unverstanden und ganz allein in der Einsiedelei und Wüste seiner Gedanken und Gefühle, von Teufeln und Tieren umlebt wie der heilige Antonius in der Versuchung. „Aber, was tun Sie hier den lieben langen Tag?“, fragte ihn die Frau eines einstigen Freundes, als sie ihn zwischen Kühen auf einem blumenübersäten Wiesenabhang im Engadin träumend fand. „Ich fange Gedanken“, war seine lächelnde Antwort.
Das war also aus dem vielversprechenden, glänzenden jungen Gelehrten geworden, einer, der dichtet und in den Himmel stiert und dem Herrgott die Zeit stiehlt. Keiner hatte ein volles Verständnis für ihn, nirgends fand er einen Widerhall, und als endlich der heißersehnte Ruhm ihn aus seiner Einöde für die ganze Welt emporriß, war es zu spät geworden. Irgendwo in der Fremde, in einer großen Stadt, in der er auch nicht eine einzige Seele kannte, ergriff ihn der Wahnsinn. Irgend ein gleichgültiger Mensch holte ihn von der Straße fort, als er, sich nach Liebe sehnend, ein Droschkenpferd umarmte. Er hatte nicht mehr die Kraft des Bewußtseins, von dem Gift, das er für den letzten Fall bei sich hatte, zu nehmen, und so fiel er denn in die gütigen Hände seiner barmherzigen Schwester, die ihn, das heißt seinen irren Kadaver, bis zum Ende seines Daseins weiterpäppelte. So mußte er, der den freien Tod gelehrt hatte und das Wort: „Stirb zur rechten Zeit!“ noch zehn elende Jahre auf der Erde fristen. Bei einem Gewitter im Sommer 1900, zu Beginn des Jahrhunderts, von dem er prophezeite, daß in ihm Europa über seine Lehren in Krämpfe fallen werde, unter Donner und Blitz, ist er gestorben und nieder zur Hölle gefahren. „Zur Erde will ich wieder werden, daß ich in der Ruhe habe, die mich gebar“, hatte er einst gesprochen. Und so hat man ihn auf dem Friedhof neben dem Pfarrhause, das ihn wie einen Drachen, der es verschlingen sollte, erzeugt hatte, zur Ruhe bestattet. So sehr hat er das Leben lieb gehabt, daß in ihm am Ende eine längst vergessene heidnische Lehre wieder zur Gewißheit wurde, die Lehre von der ewigen Wiederkunft, nämlich, „daß alle Dinge ewig wiederkehren und wir selber mit, und daß wir schon ewige Male dagewesen sind, und alle Dinge mit uns“. Das war die letzte Erkenntnis, die ihm sein Dasein brachte, die ihn quälte, wenn er sich bewußt wurde, daß auch der kleinste Mensch ewig wiederkommen wird, und die ihn zugleich beseligte, wenn er seines eigenen Heldenlebens gedachte. Mit diesen zwiespältigen Gefühlen, die er in Liedern und Dithyramben sich zusang, ist er vom Leben geschieden, mit irren Schritten schon durch den Vorhof des Todes tappend.
Kein Denkmal verkündet noch in deutschen Landen mit steinernem Munde seinen Ruhm. Aber Könige werden sterben und Reiche dahinsinken, doch sein Name wird noch über ferne Jahrhunderte glänzen.
Von
Herbert Eulenberg
erschienen als weitere Bände der „Schattenbilder“ im Verlage von Bruno Cassirer, Berlin
Neue Bilder
*
Letzte Bilder
*
Bühnenbilder
*
Sterblich Unsterbliche
*
Jeder Band in Ganzleinen 7 Mark
Bruno Cassirer / Verlag / Berlin