Part 16
Geboren ward unser Meister im Jahre des Heils 1313, zu einer Zeit also, da der König der Deutschen, Heinrich der VII., zum letztenmal versuchte, unser von den schwäbischen Kaisern, den Hohenstaufen, verwüstetes schönes Land unter Germanien zu bringen, und da der Herr der Christenheit, der selige Papst Clemens V., die Residenz St. Peters nach Avignon verlegte und damit die babylonische Gefangenschaft der Kirche begann. Wie sich um die Ehre, einen Homer der Welt geschenkt zu haben, sieben Städte in Griechenland wie Kinder um eine Brezel gezankt haben sollen, wissen bei Boccaccio die drei Städte Paris, Florenz und Certaldo im Gebiet von Siena nicht genau, in welcher von ihnen der Meister zuerst seine Augen aufgeschlagen hat. Ich weiß es auch nicht und hinterlasse die Entscheidung darüber als ein rechtes Fressen den gelehrten Männern, die nach mir kommen und die die Kirchenbücher und Archive danach durchstöbern mögen, bis sie geschliffene Gläser vor den Augen tragen müssen. Tatsache ist, daß er einmal irgendwo geboren worden ist, und daß er darum eine Mutter gehabt haben muß, wenngleich keiner sie kennt und er selbst sie nicht mehr kannte. Ob sie, mag sie nun eine hübsche Pariserin oder eine kluge Florentinerin gewesen sein, von Lorbeeren geträumt hat, da sie mit ihm schwanger ging, gleich der Mutter Dantes, das vermöchte nur ihr Beichtvater zu sagen. Und der ist lange tot wie sie. Einige Feinde unseres Meisters, sonderlich die, die sich ihr Gewissen an den anzüglichen Stellen in seinen Schriften wund und blau stoßen, meinen zwar, seine Mutter habe geträumt, sie läge unter einem Eichenbaum auf einer grünen Wiese neben einer klaren Quelle und habe dort einen Sohn geboren. Der habe sich eine Weile von den Eicheln genährt, die vom Baume herniederfielen, und sich plötzlich, so schien es ihr, in ein Schwein verwandelt. Das Tier sei dann grunzend in den Quell gestiegen und habe mit seinem Rüssel die Erde aufgewühlt, also daß ein Morast aus der Quelle geworden sei, der die ganze Wiese überschwemmt hätte. Alles dies deuten sie sinngemäß auf Boccaccio, einzig aus Wut darüber, daß er einen sittenlosen Mönch einen Schelmen heißt und eine nichtsnutzige Frauensperson ein Nickel. Wie es aber in Wahrheit um seine Frömmigkeit bestellt war, das weißt du, Bruder, der du ihm oft die Beichte abgenommen hast, besser als alle die, die Dreck am Stecken haben und damit nach ihm schlagen, nun er sich nicht mehr wehren und ihnen eine Nase drehen kann, über die noch in sechshundert Jahren die Menschen lachen würden.
Mit seinem Vater muß unser junger Boccaccio nicht gut gestanden haben, denn wo er seiner erwähnt, da geschieht es mit den Worten wie ‚ein fühlloser trübsinniger Greis‘ oder ‚ein roher, stets nur auf Gewinn bedachter Geizhals‘. Ausdrücke, über die man als unehrwürdige und unkindliche wahrlich mit ihm gram sein müsse, wenn anders man nicht bedächte, wie ein junger lebensfrischer Mensch, der Horaz und Ovid seine Kameraden nennen durfte, einen alten mürrischen Filz lieben sollte, der ihn über sechs Jahre lang zwang, kaufmännische Rechenkunst zu treiben, einzig aus dem Grunde, weil er sein Vater war. Und obgleich ein jeder Mensch dem jungen Boccaccio an den Augen ansah, daß er hinter dem Zahltisch Verse machte und abends im Bett Dante las, statt Zinseszinsen auszurechnen, so ruhte doch dieser sein nur auf das Geld erpichter Vater nicht damit, aus dem Sohn ein goldenes Kalb machen zu wollen. ‚Wenn du mehr zum Gelehrten taugst als zum Kommercemachen,‘ sagte er zum Sohn, als der von seinem Lehrmeister ihm als zu dumm zum Kaufmann wieder zugeschickt worden war, ‚so sollst du mir das Rechtsstudium ergreifen und die päpstlichen Gesetzsammlungen, das heilige kanonische Recht, statt deines gottvermaledeiten Dante auswendig lernen. Denn der Mensch ist auf der Welt da, um Gold zu machen, wie die Henne, um Eier auszubrüten. Und wer nicht das Vermögen seines Vaters zum mindesten verdoppelt, der ist ein Lumpenhund, ein Tagedieb, ein Schmarotzer, ein Taugegarnichts gewesen.‘
Mit diesen Zärtlichkeiten jagte der Alte unsern göttlichen Dichter in sechs weitere Sklavenjahre hinein, in denen Boccaccio sich vergeblich bemühte, die ~dicta Gratiani~ und die Dekretalen Gregors IX. in sein Gehirn unterzustopfen, das die Poesien aller Zeiten und Völker bereits in sich hereingeschmuggelt hatte. So daß er seit jenen Jahren einen wahren Haß gegen alles Juristische in sich verspürte, und wenn er eines Advokaten oder Notars ansichtig wurde, zu zittern begann, gleichwie ein Pferd, das von ferne ein Kamel herankommen sieht.
Kein Wunder war es demnach fast, daß unser Dichter, der von seinem Vater, wenn es eben anging, so weit weg lebte, wie Neapel von Florenz liegt, nicht mehr als fünf Tränen herausdrücken konnte, als ihm ein Bote die Nachricht brachte, daß dieser Vater an der Pest dahingegangen sei. Denn nun konnte er die Rechtsgelahrtheit mit gutem Gewissen denen überlassen, die besser damit fertig wurden als er. Er fuhr -- es verdreußt mich, dieses von ihm zu vermelden -- mit einer gewissen stillen Heiterkeit nach Florenz zurück und summte bisweilen Liedchen vor sich hin, die zu seiner schwarzen Trauerkleidung paßten wie eine Gitarre in eine Kirche. Und doch, wer von uns sündhaften Menschen hätte ihm darob lange böse sein können! Denn siehe, das Leben lag nun vor ihm so lustig und frei wie der dritte Tag des Dekameron: Er konnte jetzt dichten und singen von früh bis spät und selbst in der Nacht aufstehen und aus einem falschen Reim einen guten machen, denn am nächsten Tage hatte er ja nichts anderes, +schlechteres+ zu tun. Er konnte ein Haus führen und einen Schmerbauch tragen -- er nannte sich selber damals vor dem Spiegel ‚ein kleines Faß‘. Er konnte im Sommer in Certaldo Blumen zum Kranze und Worte zu Gedichten winden. Er konnte seinen Freund und Meister Petrarka zu sich laden, so oft er wollte und jener es ihm gewährte, und konnte mit ihm wochenlang über die großen Sänger und Männer des Altertums disputieren, eine Beschäftigung, die sie etwas vermessentlich ‚+Humanismus+‘ tauften, nicht anders als ob die Christenmenschen seither bis auf sie im Zustand der wilden Säue gelebt hätten!
Sein Glück vollkommen zu machen, war unser Boccaccio +nicht+ verheiratet, denn die Liebe seiner Fiammetta war nur ein Flämmchen und kein Kochofen geworden. Und wie sein Freund und Meister Petrarka die herrliche Laura nur wenige Male gesehen hatte, um sie dann unaufhörlich besingen zu können, so erging es auch unserm Dichter mit seiner Fiammetta, welche bekanntlich als Tochter König Roberts von Neapel ein Kind der Liebe war, was einige ja auch von unserm Boccaccio selber behaupten. Feststeht, daß Fiammetta schon verheiratet und Mutter war, als der Dichter am Ostersonnabend des Jahres 1338 in der San Lorenzokirche bei der Frühmesse zum ersten Male die schöne Neapolitanerin in grünem Kleide erblickte.
So sehr aber trug unser Poet ihr Bild in seinem Herzen, daß er erst, als viele Jahre hinter diesem Blick lagen, noch einmal sein Herz an ein Weibsbild, eine schöne und reiche Witwe zu Florenz, verlor. Diese aber, die drei andere Männer im Sinne hatte, sah nicht das Feuer des Prometheus in seinen Augen, sondern nur den Gran-Sasso seines Bauches, und wies seine Werbung mit spitzen und garstigen Reden ab. Ein Ofen, der keinen Abzug hat, der qualmt und raucht, bis allen die Augen laufen, und so unser Meister auch nach dieser Niederlage: Er schrieb jene Schmähschrift gegen die Weiber, genannt „Corbaccio“, in der er selber wie ein wütender, alles zerhackender Rabe auf das Geschlecht der Frauen, dem doch auch seine gepriesene Fiammetta angehörte, losfuhr und sie allesamt beschimpft hat, daß man es, wenn man dies Buch gelesen, leicht mit tausend Xantippen aufnehmen könnte, so viele häßliche Worte und Gründe hat er einem damit gegen sie in den Mund gegeben. Recht wie ein Herodes unter die Kinder fällt unser Boccaccio hier zwischen die Frauen, und er hat sich für diese eine, die ihn +nicht+ nahm, an ihnen allen gerächt als ein persischer Wüterich, der das Meer mit Ruten schlagen ließ. Und die Frauen müssen doch wohl da sein, wenngleich -- darin hat er recht! -- ohne sie viel weniger Sünden auf der Welt wären.
Von dem Alter des Meister Boccaccio kann ich dir, Bruder Ciani, weniger berichten. Und weißt du selbst ja auch mehr davon als ich. Denn du warst doch der wackere Soldat unserer Kirche, der du auf Geheiß deines Ordensmeisters Pietro de Petroni von Siena dich aufmachtest, um nach der Weisung dieses deines verstorbenen Oberen den fast fünfzigjährigen Boccaccio zur Buße und zur Umkehr von seinem sittenlosen Lebenswandel zu ermahnen. Du selbst hast es mir oft erzählt, wie er da unter der Wucht deiner Predigten zusammenschmolz wie eine Kerze, wenn der Wind über sie fährt, wie er weinte wie ein Kind, wenn er seiner lockeren Schriften und dann der Hölle gedachte, wie er in sich ging und es als Gottes Strafgericht hinnahm, daß seine drei Kinder, die er außer christlicher Ehe in die Welt gesetzt hatte, alle längst vor ihm dahingegangen waren. ‚Mein Töchterchen Violante ist gestorben,‘ schrieb er mir damals, ‚sie war fünfeinhalb Jahr alt. Von Kindern, die in diesem Alter sterben, glauben wir, daß sie Engel werden.‘ Du weißt es, mein Bruder, besser noch als ich, daß er seinen Frieden mit der Erde und dem Himmel gemacht hatte, als er selbst zweiundsechzigjährig zu Certaldo von Gott abberufen wurde. Du weißt, daß er mit jenen losen Geschichtchen von uns Mönchen oder Äbten oder Priestern nur diejenigen unserer Klerisei am Hemd gezupft hat, die es nicht besser verdient haben. Denn in unserer Zeit liegt die Geistlichkeit oft im argen, und manch einer von uns scheint mehr die Zotologie als die Theologie studiert zu haben, so daß es hohe Zeit ist, daß einer einmal kommt, diesen Augiasstall auszufegen und unsere Kirche an Haupt und Gliedern zu reformieren. Derowegen wollen wir unserm Boccaccio nicht über das Grab hinaus zürnen, der in seinen zehn Tagen des ‚Dekameron‘ eine Welt aufgebaut hat, die nicht anders ist als die, die unser Herrgott in sechs Tagen geschaffen hat, das ist voller Farben und Schatten, voller Freuden und Schmerzen und voller Tugenden und Schlechtigkeiten, alles durcheinander vermenget bis zum jüngsten Tage.
So: Mehr weiß ich dir nicht weder zum Ruhme noch zum Tadel des Meister Boccaccio zu berichten. Wer es besser kann, der mache es besser!“
Giordano Bruno
Dem einstigen Dominikanermönch, jetzigem Gefangenen des ehrwürdigen päpstlichen Inquisitionsgerichtes Giordano Bruno war soeben das Todesurteil verkündet worden. Am andern Morgen in der Frühe sollte er auf dem Blumenmarkt zu Rom als Ketzer lebendig verbrannt werden. „Gelobt sei Gott!“, das war das einzige, was der Bote des Gerichts aus dem Munde des Gefangenen auf seine düstere Botschaft hin gehört hatte. Nun lag Bruno wieder allein in seinem Kerker auf einem Bündel stinkenden Strohes, die Hand, an der die Kette war, unter seinen Rücken gebogen, die andere vor Frost in den langen Bart gekrampft, und hielt seine weiße Stirne in das Mondlicht, das durch das Gitterfenster kam, hinein, als hätte es ihn wärmen können. Nichts hörte man als das Klirren oder Schleifen der Kette, wenn er sich bewegte; einmal kam eine Ratte aus einem Loch in der Wand spaziert, lief ruhig an den Gefesselten heran, schaute ihm traurig zu, nahm einen Strohhalm mit und lief wieder zu ihren Kindern zurück, um ihnen ein grausiges Märchen von den Menschen zu erzählen. Stundenlang lag Bruno so da, schaute offenen Auges in den Mond und sprach mit sich selber. Und sein Leben wurde ihm in dieser letzten Nacht zu Bildern, die ihm die Abenteuer eines +fremden+ Menschen zu sein deuchten: Er sah sich als Kind auf dem einsamen Gehöft seines armen Vaters bei Nola mit Steinen spielen, da kein Geld da war, ihm Spielzeug kaufen zu können.
Er entsann sich noch der Nächte, wenn fern aus dem Dunkel ein roter Schein bis in seine Kammer geleuchtet und der Vater ihm erklärt hatte, daß zwischen Nola und Neapel, wo der Oheim wohnte, ein Berg wachse, der Feuer speie und bei Tag qualme wie ein Kamin, und daß der Teufel darin wohne.
Und dann sah er sich zu Neapel selbst als sechzehnjährigen Novizen, wie ihn das Kloster des heiligen Dominikus aufnahm, und er zuerst „Bruder Giordano“ genannt wurde. Dreizehn Jahre hatte er dort gelebt, erst immer in der Sakristei, drei Viertel des Tages verkniend und verbetend, und dann die letzte Zeit immer in der Bibliothek über Folianten und Büchern aus allen Ländern gebeugt. Die graue Zelle kam ihm wieder vor die Augen, drin er gefastet und gebetet und allen Kasteiungen zum Trotz böse Träume gehabt hatte; ein gelbes geschnitztes Kruzifix hatte als einziger Schmuck an der Wand gehangen, da er alle Heiligenbilder und selbst das der Madonna verschenkt hatte, um ganz allein mit seinem Gotte zu sein.
Er fühlte noch auf seinem Haupte die Kälte der Schere, mit der man ihm die nun längst überwachsene Tonsur in die braunen Haare geschnitten hatte, und fror noch beim Erinnern daran. Er hörte sich wieder als Priester die Messe lesen und die Beichte abnehmen bis zu dem Tage, da er wie ein Tier aus einer Falle im Dunkeln aus Neapel geflohen war und ziellos in der Welt umherziehen mußte.
Was hatte er denn Böses getan? Er hatte im Erasmus von Rotterdam und andern deutschen Büchern gelesen, sich von einem Bruder, der am Hof Karls V. gelebt, von Luther erzählen lassen und hatte ein paar Gedanken als Gedichte aufgeschrieben. „Wenn Ihr das verwünschte Schreiben sein lassen wolltet!“ hatte ihm der gute Prior immer in der Beichte vorgehalten. „In der Tinte steckt der Teufel wie Gott im Weine. Ihr braucht nur an beiden zu lecken, so merkt Ihr es. Ein Mönch muß ein Huhn sein, das seine eigenen Eier +selbst+ aufißt.“
„So wenig Ihr dem Strom gebieten könnt: ‚Fließe nicht mehr!‘ und wie Ihr die Vögel nicht am Singen, noch die Blumen am Blühen hindern könnt, es sei denn, Ihr macht ihrer Daseinsform ein Ende, so wenig könnt Ihr und kann ich dem Weltgeist, der aus mir klinget, den Mund verstopfen, ehrwürdiger Vater!“ war Brunos Antwort gewesen.
Und dann waren die Jahre in der kalten Fremde gekommen, wo kein Lorbeer wuchs und keine Pinien sich breiteten, wo die Menschen im Winter Felle wie die Tiere tragen mußten, und wo man selbst die Marmorsteinbilder umhüllen mußte, daß sie nicht vor Frost zersprangen. Wieviel Kälte hatte er, der Neapolitaner, in den finstern Nebelländern ausstehen müssen! Er sah sich wieder in Paris am Hofe des Königs und an der Universität dort Vorlesungen über die +Unendlichkeit+ der Welt halten, wie ein Storch auf einem Beine stehend, während die ihm feindlichen Professoren die Zuhörer zum Grunzen, Brummen, Heulen, Brüllen und Winseln aufreizten, bis Bruno ironisch sagte: „Fühlt ihr nun, welch ein tragischer Gedanke das ist, zu wissen, daß auf andern Sternen ähnliche Bestien leben?“
Und nach London träumte er sich wieder hin, wo er die glücklichste Zeit seines Daseins im Hause des französischen Gesandten verbrachte, der ihm in einem Dachstübchen Quarantäne gewährt hatte. Dort den geliebten Gestirnen zehn Meter näher, hatte Bruno seine höchsten Gedanken zu Papier gebracht, und die Stadt, in der damals Shakespeare lebte, war ihm trotz ihrer schwarzen Straßen, ihrem Kaufmannsgesicht und ihrem Biergeruch fest ans Herz gewachsen, weil er hier wie ein Vogel im Norden erst das Singen gelernt und seine schönsten Sonette gedichtet hatte.
Aber die Entrüstung der gelehrten Ochsen zu Oxford verscheuchte ihn auch von dort. Die Steine, die ihm die englischen Philosophen nachwarfen, fielen alle ins Meer, das sie wütend ob der Dummheit der Menschen verschlang. Der Schatten Luthers lockte Bruno nach Wittenberg, wo er zwei Jahre lang an der Universität den schweren deutschen Köpfen vergeblich das Fliegen beizubringen suchte. Nur Hamlet, den Dänenprinzen, soll er auf dem Gewissen gehabt haben.
Überall war er nur ein Fremdling, ein Vorübergehender, mehr in der Luft als auf der Erde zu Hause. Einige reckten wohl die Köpfe nach ihm in die Höhe, aber die meisten kümmerten sich so blutwenig um ihn, wie die Bauern, die den Acker pflügen, um die Kraniche zu ihren Häupten. Er hatte sein Vaterland und sein Volk verloren, und keiner um ihn war da, der seine Sprache verstand. Ahasver, der ewige Jude, findet überall doch die Seinigen, die er erkennt und die ihm von +Abraham+ her verwandt sind, aber Bruno fand in der Fremde und in seiner Zeit keinen einzigen, der ihm ähnlich war. Wollte er sich unterhalten, so mußte er nur große Tote, wie Luther und Kopernikus, aus ihren Gräbern emporziehen und mit ihnen Dialoge führen.
Man will ihn oft in warmen Sommernächten auf den Stufen der Schloßkirche zu Wittenberg, an die Luther seine Thesen anschlug, weinend sitzen gesehen haben wie einstmals Alexander den Großen auf dem Grabhügel des Achilles. Und wie jener diesen Heros um seinen Sänger beneidet hatte, so beklagte sich Bruno bei der Nacht, daß ihm ein Volk fehle, das seinen Ruhm wie den Luthers der Welt verkünde. Zur evangelischen Landeskirche, zu der Luthers Religion geworden war, überzutreten, daran hat er nicht eine Sekunde gedacht. Er hat das bis heute vergessene Wort von der „Deformation“ gebildet und, wie nach ihm Schiller, geglaubt, daß man, um religiös zu sein, nicht eine Religion bekennen müsse.
Das Gefühl der Verlassenheit und dieses heimatlose Leben ins Leere hinaus, das sein Kopf und sein Herz, die in ihm gleich stark waren, führen mußten, hatten ihn schließlich nach Italien zurückgetrieben. Die Sehnsucht nach dem Volk, das die Sprache redete, die er schrieb, lockte ihn mit zauberhafter Macht über die Alpen. Wie das irrende Schiff, das am Magnetberg zerschellt, zog es ihn, der im unendlichen Kosmos herumtrieb, in die gefährliche Heimat zurück. „Wie dumm!“ pflegen die klugen Leute hierbei zu sagen, aber die noch klügeren fügen hinzu: „Wie traurig und wie notwendig!“
In der Heimat geriet er in das Netz der Inquisition. Er ward festgenommen und lag nun sieben Jahre lang in Rom im Kerker, um seine Lehren zu widerrufen. Aber wie konnte er widerrufen, was er doch wußte, daß die Erde nicht die Welt sei und daß unendlich viele Sterne über uns brennen, und der Boden, aus dem wir wachsen, nur ein winziges Teilchen des Alls ist, und daß unsere Erde schon Milliarden Jahre vor Christi Geburt gelebt hat! Seine einzige Sünde war die, daß seine beiden Augen schon so weit sahen wie die Fernrohre Anno 1910 und so hielt er denn in jener letzten Nacht vor seinem Tode, ohne ein Quentlein Reue zu verspüren, noch einmal Zwiesprache mit den Sternen, die durch sein Kerkerfenster schauten, und die er alle bei ihren Namen kannte wie die Menschen ihre Kinder.
Als der letzte erloschen war, kam der Kerkermeister, löste ihn wie ein Tier von seiner Kette, und Bruno wurde zum Scheiterhaufen geschleppt und fand den Tod des Phönix, nach dem er sich in seinen schönen Liedern gesehnt hatte. Seine Asche aber zerstäubte als eine Saat, die in kommenden Jahrhunderten emporwuchs.
Denn genau dreihundert Jahre nach jenem Tage, da Bruno ohne ein Wort des Widerrufs, ohne einen Laut des Schmerzes seinen Leib der Flamme preisgab, stand auf dem nämlichen Platze in Rom eine gewaltige Menschenmenge, das +junge+ Italien, und jubelte dem eben auf der Stätte seines Scheiterhaufens enthüllten Denkmal Brunos zu. Der Unterrichtsminister, ein dicker Herr im Frack, hielt eine glänzende Lobesrede auf diesen +einzigen+ Philosophen Italiens. Die Sonne aber wurde bei all dem Lärm neugierig, blickte durch die Februarwolken hindurch und las die Inschrift auf dem Monument: „Dem Giordano Bruno das von ihm vorausgeschaute Jahrhundert hier, wo der Scheiterhaufen gebrannt hat“, sah sich die Menschen an, und verbarg sich weinend wieder hinter dem Gewölk.
Zur Würdigung Molières
„Es gibt nur +ein+ Genie unter uns, Majestät; es ist Molière.“
Boileau zu Ludwig dem XIV.
Goethe hat sich zwei gleichgroße kritische Verdienste erworben: Er hat die Augen seiner Mitwelt auf den damals wenig beachteten Rembrandt gelenkt, und er hat die überragende Bedeutung Molières, dieses größten Galliers, erkannt. „Ich kenne und liebe Molière seit meiner Jugend“, hat er einmal zu Eckermann gesagt, „und habe während meines ganzen Lebens von ihm gelernt. Es ist nicht bloß das vollendete künstlerische Verfahren, was mich an ihm entzückt, sondern vorzüglich auch das liebenswürdige Naturell, das hochgebildete Innere des Dichters. Ich lese von Molière alle Jahre einige Stücke, so wie ich auch von Zeit zu Zeit die Kupfer nach den großen italienischen Meistern betrachte. Denn wir kleinen Menschen sind nicht fähig, die Größe solcher Dinge in uns zu bewahren, und wir müssen daher von Zeit zu Zeit immer dahin zurückkehren, um solche Eindrücke in uns aufzufrischen“.