Säugethiere vom Celebes- und Philippinen-Archipel
Part 5
Hiernach könnte man obige Stelle, dem Sinne nach übersetzt, etwa so wiedergeben: In Indien sind die Hauer gebogen und einen Cubitus lang. Die beiden unteren gehen vom Rüssel aus, die beiden oberen von der Stirn, wie die Hörner beim Kalbe. Auch Flower & Lydekker (Intr. Mamm. 1891, 287) sagen, dass die oberen Eckzähne „resemble horns rather than teeth“, und andere neue Autoren drücken sich ähnlich aus, man kann daher kaum zweifeln, dass Plinius Kunde vom Babirusa gehabt habe.
ZAHNFORMEL.
Die allgemein angenommene Zahnformel für das adulte Babirusa Männchen ist
i 2/3 c 1/1 p 2/2 m 3/3
(siehe z. B. Giebel: Säugeth. 1855, 231; Nehring in Rohdes Schweinezucht 4. Aufl. 1891, 6; Flower & Lydekker: Intr. Mamm. 1891, 287). Blainville (Ostéogr. Onguligr. Sus 1847, 160) sagt m 5/6, bildet aber nur 5/5 ab (pl. V und VIII), und Gray (Cat. Carn ... Mamm. 1869, 348): „Premolars 3/3 · 3/3; the front one very small, and early deciduous“. [47] Thatsache ist, dass beim Babirusa, zwar nur ausnahmsweise, aber doch relativ häufig, 6 Backenzähne vorkommen; meistens, wenn auch nicht immer, ist der vorderste (3.) Praemolar der überzählige. Das Dresdner Museum hat unter 12 adulten Schädeln einen, der links oben den 3. Praemolar, links unten aber einen 4., zu hinterst stehenden, abnorm gestalteten Molar hat (Nr. 1191); ebenso besitzt die Landwirthschaftliche Hochschule in Berlin unter 7 adulten Schädeln einen (Nr. 485) mit einem überzähligen vordersten Praemolar links oben und unten (Nehring: Landw. Jahrb. 1888, 48 und briefl.); das Museum für Naturkunde in Berlin unter 15 (davon 5 aus meinen Sammlungen) einen mit einem überzähligen oberen linken vordersten Praemolar; das Braunschweiger Museum unter 6 adulten einen, jüngeren, mit einem überzähligen vordersten Praemolar rechts und links, oben und unten (briefl. durch Herrn Grabowski); das Leidener Museum unter 11 adulten einen (Ex. a Jentink: Cat. Ost. IX, 164 1887 und briefl.) mit einem überzähligen vordersten Praemolar links oben; das Pariser Museum (unter 14 oder mehr) einen adulten weiblichen Schädel mit einem 4., zu hinterst stehenden, noch nicht durchgebrochenen Molar rechts und links, oben und unten (von der Reise der Astrolabe, briefl. durch Prof. Milne-Edwards; auf dieses Exemplar komme ich unten, bei der Bezahnung des Weibchens, zurück).
Es dürfte hieraus hervorgehen, dass der Babirusa sich bezüglich seiner Bezahnung in einem Übergangstadium befindet. Es kommen zwar 3 Praemolaren beim Zahnwechsel vor, allein der vorderste fällt fast immer wieder aus, wie schon Gray bemerkte; man kann daher p 3/3 nicht in die Zahnformel für das bleibende Gebiss aufnehmen. [48] Wenn Gray aber (l. c. 349) meint, dass dieser 3. Praemolar nur bei jungen Thieren noch zu finden sei, so irrte er, denn unser Schädel Nr. 1191 gehörte einem alten an. Ob in allen Fällen im definitiven Gebisse 3 Praemolaren auftreten, muss noch sicher gestellt werden, ich glaube es nicht; auch Nehring (Landw. J. 1888, 48) nimmt an, dass es gewöhnlich nicht der Fall sei. Diese Reduction zu 2 Praemolaren steht in Correlation zu der aussergewöhnlichen Entwicklung der Caninen, und das Erscheinen und ausnahmsweise Stehenbleiben des vordersten Praemolars ist als Atavismus aufzufassen. Wie der anomale 4., zu hinterst stehende, Molar (Dresdner und Pariser Museum) zu deuten sei, wüsste ich nicht zu sagen, da die Gattung Sus auch nur 3 Molaren hat; möglicherweise handelt es sich dabei nur um eine individuelle Variation ohne tiefere Bedeutung (auch beim Orang utan tritt bekanntlich relativ häufig ein 4. echter Molar auf, s. Mitth. Zool. Mus. Dr. II, 228 1877). Das Zusammentreffen eines p 3 sup. links mit einem m 4 inf. links bei Nr. 1191 sehe ich für zufällig an, da sich die Zahnreihen nicht etwa verschoben, sondern beide überzählige Zähne keinen Gegenzahn haben. Wie Blainville (l. c.) zu der Angabe „m 5/6“ kam, in Worten: „Les molaires ... se réduisent aisément et d’assez bonne heure à cinq en haut, à six en bas“, verstehe ich um so weniger, als er 14 Schädel besass (p. 136), unter denen 5/6 jedenfalls nur eine Ausnahme gewesen sein kann.
Das Milchgebiss des Babirusa ist nach Blainville (l. c. p. 160)
id 2/3 cd 0/1 pd 3/3,
in Worten: „Dans la première dentition ..., les incisives sont assez bien comme dans la seconde; mais par une singularité remarquable, il n’y a de canines qu’en bas ..., et l’on ne voit à la barre aucunes traces de la première fausse molaire de la deuxième dentition, mais seulement l’antépénultième, parfaitement en ligne avec les trois molaires de lait ...“ Nehring (Landw. J. 1888, 48) meint: „Im Milchgebisse scheint id 3 sup. ebenfalls zu fehlen, dagegen scheinen drei Milchbackenzähne, wie bei der Gattung Sus, vorhanden zu sein“ und er citirt dazu „Gray Hand-List ... Edent ... Mamm. 1873, Pl. 27, Fig. 1.“ Im Cat. Carn ... Mamm. 1869, 348 hatte Gray bereits von diesem Schädel Nr. 7180 gesprochen: „a small skull ... of a half-grown animal, which has developed its second true grinder, and which is without canines“ (scil. upper canines). Herr Thomas hatte die Güte mir mitzutheilen, dass es ein kleiner junger Schädel sei, halb so gross wie der von Gray darunter als Fig. 2 ebenso gross abgebildete, und dass er noch sein volles Milchgebiss (mit 3 Milchpraemolaren) besitze.
Ob die obige Formel des Milchgebisses keine Ausnahme erleidet, wird erst ein grösseres Material entscheiden können.
Anmerkung. Einer Eigenthümlichkeit am os sphenoidale des Babirusa möchte ich hier anmerkungsweise gedenken: Owen: (Anat. Vert. II, 469 1866) sagt: „A remarkable peculiarity is ... presented by the fossae at the inner side of the base of the pterygoids, which lead to sinuses communicating on one or both sides with the sphenoidal sinus“. Blainville erwähnt in seiner relativ ausführlichen Ostéographie (Onguligr. Sus 1847, 137) nichts davon, sowenig wie Turner (P. Z. S. 1848, 69), trotz seiner Genauigkeit bei dieser Schädelgegend am Schwein und Babirusa; andere Autoren schweigen darüber bis auf Gray und Heude. Gray (Cat. Carn ... Mamm. 1869, 348 und Hand-List Edent ... Mamm. 1873, 67) meint, die Gruben würden mit dem Alter des Thieres tiefer, und vielleicht besässe sie nur das Männchen. In Bezug auf Letzteres bemerke ich, dass ein adultes Weibchen des Museums (B 2523) die Höhlungen ausgeprägt zeigt. Neben dem Alter scheint ihre Tiefe auch individuell sehr zu variiren. Man findet die Gegend zwischen den Basen der laminae mediales des processus pterygoideus langgestreckter als bei Sus und mehr oder weniger, oft sehr stark vertieft und mit der kammerartig abgetheilten Keilbeinhöhlung communicirend; manchmal liegt diese ganz offen, manchmal, wenn auch weniger häufig, liegt die betreffende Knochenplatte wohl in einer Ebene mit dem Gaumen (wie bei Sus), aber man sieht durch ein grosses ovales Fenster in die Tiefe, manchmal ist die Gegend nur vertieft ohne Zugang zu der Keilbeinhöhlung. Beide Hälften sind auch nicht immer gleichmässig gestaltet. Heude (Mém. H. N. Chin. II, 2 p. 94 1892) bemerkt: „L’exhaussement de cette voûte est exagéré jusqu’à la destruction de l’os chez le Babyroussa“.
BEWEHRUNG DER SAU.
Es scheint ziemlich allgemein angenommen zu werden, dass der weibliche Babirusa obere und untere Eckzähne besitze, nur weitaus schwächere als der männliche, geradeso wie dies bei den Geschlechtern der Sus-Arten der Fall ist. Gray allerdings hatte (P. Z. S. 1852, 131) gesagt: „The upper canines (in both sexes) coming out from the side of the jaw and bent upwards from the base, and then arched backwards“, später aber ist er anderer Ansicht geworden; 1868 (l. c. p. 42) und 1869 (Cat. Carn ... Mamm. 348) schweigt er darüber, und 1873 (Hand-List Edentate ... Mamm. p. 67) bemerkt er: „canines not developed in the females“. Dieses hatte schon Dupperey (Voy. Coq. 1826, 125) bemerkt: „Les ... femelles, qui n’avaient point de défenses ...“ Beides sollte sich wohl nur auf die oberen Hauer beziehen. Owen (Odontogr. 1840–1845, 547), Schlegel (Handl. I, 111 1857) und Nehring (Rohdes Schweinezucht 4. Aufl. 1891, 6) sprechen nicht vom weiblichen Gebisse. Wallace (Mal. Arch. D. A. I, 395 1869) sagt, dass das Weibchen die grossen Hauer nicht besitze, vielleicht meinte er aber, dass es kleinere habe. Folgende Autoren äussern sich positiv: Quoy & Gaimard (Voy. Astrol. I, 128 1830): „Les canines de la femelle sont très-courtes et ne font seulement que percer la peau“; sie bilden das auch sehr deutlich auf Pl. 23 nach dem Leben ab. W. Vrolik (Rech. Babyr. N. Verh. 1. Kl. k. Ned. Inst. Wet. X, 212 1844) spricht davon, dass die Caninen des Weibchens nicht verlängert seien. Blainville (Ostéogr. Onguligr. Sus 1847, 160), der eingehender und mit Abbildungen über den Babirusa handelt [49]: „On avait dit que la femelle manquait des défenses, mais elles sont seulement beaucoup plus courtes, les supérieures dépassent à peine les trous de la lèvre supérieure“. Er bildete auch (Pl. II) das Skelet des adulten Weibchens, das von 1829–1832 im Jardin des Plantes gelebt und dort geworfen hatte, ab; es ist von demselben Exemplare, das Quoy & Gaimard (l. c.) nach dem Leben (aber z. Th. fehlerhaft) dargestellt hatten. [50] Fitzinger (SB Ak. Wien L 1, 428 1864): „Eckzähne des Weibchens sehr kurz und auch die oberen, welche kaum einige Linien über die Durchbohrung der Schnauze hinausragen“. Die Angabe „einige Linien“ dürfte Fitzinger nur der Quoy & Gaimardschen Beschreibung aus Eigenem hinzugethan haben. Dies formte Brehm (Thierl. II, 743 1865) wiederum etwas um: „Beim Weibchen sind die Eckzähne sehr kurz, und die oberen, welche ebenso wie bei dem Männchen die Schnauze durchbohren, ragen kaum einige Linien über sie empor“, hat aber in der 2. Auflage (III, 560 1877) aus den einigen Linien „einen Centimeter“ gemacht, was der Herausgeber der 3. (III, 528 1891) dann noch in „kaum einen Finger breit“ abänderte, so dass der Zahn von Auflage zu Auflage ohne Grund gewachsen ist! Lydekker (Nat. Hist. II, 436 1894): „The female has small tusks“.
Zu obiger Umschau wurde ich veranlasst durch ein kürzlich erhaltenes adultes, wenn auch nicht altes Babirusa Weibchen (B 2522, Skelet B 2523) von der Insel Lembeh, das keine Spur oberer Eckzähne hat, und selbstverständlich ist demgemäss auch die Rüsseldecke nicht durchbohrt. Der Oberkiefer trägt aber über der Stelle, wo die Alveole des oberen Eckzahnes sich befinden müsste, einen ganz ansehnlichen Knochenkamm, eine aufrechtstehende Krämpe. [51] Wenn auch die Grösse (Schädellänge 269 mm), der Befund der Schädelnähte und der Abschleifungsgrad der Zähne beweisen, dass ein adultes Exemplar vorliegt, so öffnete ich doch (rechts) den Knochen, um mich zu überzeugen, ob vielleicht eine Anlage zu einem Eckzahn oder das Rudiment einer Alveole vorhanden sei. Dies ist aber nicht der Fall. Tafel IX Figur 3 ist der Oberkiefer dieses Weibchens in n. Gr. abgebildet.
Im Unterkiefer sind kurze Eckzähne vorhanden, die 10 und 12 mm aus der Alveole hervorragen. Wir sahen oben, dass das Milchgebiss des Babirusa auch nur untere Caninen aufweist. Es ist, als ob das Material zu der ausserordentlichen Entwicklung des grossen oberen männlichen Hauers aufgespart bleiben sollte. Owen (Odontogr. 1840–1845, 548) sagt über das Babirusa Gebiss: „The molar series is speedily reduced to two premolars and three true molars. The great activity of the vascular matrix of the long tusks soon exhausts the conservative force of those of the adjoining small premolars“. Dieselbe Tendenz, die die Molaren reducirte, scheint auch die oberen Eckzähne des Milchgebisses zum Schwunde gebracht zu haben, und scheint im Stande zu sein, dies auch beim Weibchen bewirken zu können. Ich sage „zu können“, denn dass es Weibchen mit oberen Eckzähnen giebt, beweist das von Quoy & Gaimard und Blainville abgebildete Exemplar. Möglicherweise kommt ein oberer Eckzahn ausnahmsweise auch beim Milchgebisse vor.
Das Leidener Museum besitzt (Cat. ost. IX, 164 1887) zwei weibliche Babirusa Schädel, und Dr. Jentink hatte die Güte, sie in Bezug auf die oberen Eckzähne für mich anzusehen. Er theilte mir mit, dass das junge Exemplar keine Spur davon habe, das semiadulte links zwar einen 12 mm langen, rechts jedoch keine Spur; die Haken der Unterkiefer seien 12 und 14 mm, die Schädel 220 und 270 mm lang. Es scheint demnach, da das als semiadult bezeichnete Weibchen dieselbe Schädellänge aufweist wie das Dresdner adulte, dass es rechts auch keinen Eckzahn mehr bekommen haben würde, sonst müssten schon Spuren davon da sein.
Im Londoner Zoologischen Garten lebten u. a. zwei Babirusa Weibchen (P. Z. S. 1883, 463), von denen Eines geworfen hat (l. c. 1884, 55). Dr. Sclater schrieb mir freundlichst, auf meine Anfrage, „that our female Babirussa had no tusks, nor any signs of them“. [52] Ich glaube, dass dies nur auf die äussere Erscheinung Bezug haben soll; wie sich der Schädel verhält, habe ich nicht eruiren können. Im Britischen Museum befinden sich nach Herrn de Wintons mir gewordener gütiger Mittheilung, zweifellose weibliche Schädel ohne Hauer, aber es sind keine alten.
Aus alledem geht hervor, dass es weibliche Babirusas giebt, die nie obere Eckzähne bekommen, während sie bei anderen wohl, wenn auch schwach entwickelt, auftreten. Bemerkenswerth ist das Leidener Exemplar mit einem Eckzahne nur an einer Seite. [53] In dieser Beziehung befindet sich also der weibliche Babirusa vielleicht in dem Stadium des Überganges aus dem Besitz oberer Eckzähne in einen Zustand, in dem sie ihm ganz fehlen, und man würde dann annehmen können, dass es in einer ferneren Zukunft überhaupt keine weiblichen Individuen mit oberen Eckzähnen mehr geben wird; die Differenzirung der Geschlechter schritte demnach fort, wie auch nach der allgemein herrschenden Entwicklung nicht anders zu erwarten ist. Ob aber die Normalformel für den weiblichen Babirusa bezüglich der Eckzähne 0/1 oder 1/1 zu lauten habe, lässt sich erst sagen, wenn mehr authentische weibliche Schädel in den Sammlungen sein werden, um zu erkennen, ob 0/1 oder 1/1 die Ausnahme ist. Jedenfalls zeigt unsere Unkenntniss in diesem untergeordneten Punkte wieder, wie gewunden der Weg zur Wahrheit, und wie schwer es ist, ohne ein grosses Material selbst so einfache Fragen zu entscheiden.
13. SCIURUS TONKEANUS N. SP.
Tafel X Figur 1 (c. ¾ n. Gr.)
Sciurus Sc. leucomo M. Schl. similis, sed minor, macula collari albescenti pilisque auricularibus nigris nullis et supra caudaque flavescentior (umbrino-flavo-ochraceus Rdgw. III, 17).
Hab. Tonkean, insulae Celebes peninsula septentrionali-orientalis.
Nom. ind. siling.
Kleiner und farbiger als Sciurus leucomus Müll. Schl., von der nördlichen Halbinsel des Landes, von wo die Art aus der Minahassa und dem Gorontaloschen bekannt ist (Jentink Cat. XII, 25 1888). Von Sc. tonkeanus liegen mir nur platte Felle ohne Knochen vor, so dass genaue Maasse nicht zu geben sind. Das Fehlen der zwei hellen Halsflecke und der schwarzen Ohrbüschel, wie Sc. leucomus sie aufweist, unterscheidet tonkeanus leicht; an den Ohren ist ein Büschel nur angedeutet und hellbräunlich, wie die ganze Ohrberandung.
Aus der Leucomus-Gruppe sind nunmehr von Celebes drei, auch als Subspecies aufzufassende Formen bekannt:
leucomus Müll. Schl. von Nord Celebes, weberi Jent. von Central Celebes (Weber: Zool. Erg. I, 115 pl. VIII u. X, 1–3 1890–91) und tonkeanus von Nordost Celebes,
die an ihren geographischen Berührungzonen vielleicht mehr oder weniger in einander übergehen. Vom Süden des Landes ist, meines Wissens, noch kein Sciurus der Leucomus-Gruppe registrirt; ob der hier vorkommende nun Sc. weberi oder eine vierte Subspecies sei, wird die Zukunft lehren. [54]
Sc. weberi unterscheidet sich von tonkeanus durch einen schwarzen Rückenstreif und das Schwarz an den Ohren, sowie durch im Allgemeinen röthere Färbung.
14. SCIURUS LEUCOMUS MÜLL. SCHL.
Tafel X Figur 2 (unter ⅓ n. Gr.)
Diese Art hat bekanntlich einen grossen weisslichen Fleck jederseits am Hinterhals und auch Schwarz an den Ohren. Von dem Weiss am Halse sagt Anderson (Anat. Zool. Res. I, 252 1878): „The series in the Leyden and Paris Museums from the Celebes prove that the white on the side of the neck is not always present, for one specimen shows it disappearing and in another there is no trace of it, and others lead from the one to the other extreme, but when this neck spot is fully developed it forms a great violet-white lappet.“ Mir liegen 16 Exemplare von Main (10), Manado (1), Lotta (3) und Amurang (2) in der Minahassa, 2 von Gorontalo und 2 von der Insel Lembeh bei Kema vor. Bei manchen Weibchen ist der helle Fleck fast mehr ausgeprägt als bei den Männchen, allein dieser Character hat, wie die Exemplare ergeben, Nichts mit dem Geschlechte zu thun, auch Nichts mit der Jahreszeit oder der Localität, denn Individuen z. B. vom Februar und von demselben Orte (Main) zeigen weniger gut und sehr gut ausgeprägte Flecke. Anderson constatirte nur die Thatsache des in verschiedenem Grad ausgeprägten Halsschmuckes bei verschiedenen Exemplaren, wenn in seinen Worten auch vielleicht liegt, dass er meint, der weisse Fleck variire in seiner Ausbildung individuell, und es habe der Grad der Ausbildung keinen Bezug auf einen andern Factor. Ich halte jedoch dafür, dass es ein Alterscharakter ist, wenigstens hat ein kleines und, wie auch der Schädel beweist, jugendliches Exemplar von Amurang (B 622) keine Andeutung des Weiss, dagegen ein grosses und, wie der Schädel beweist, adultes von ebendaher (B 621) einen gut ausgeprägten weissen Fleck. Ebenso ist ein Exemplar von Main (B 2745) mit wenig ausgebildetem Flecke noch jünger, wie die Zahnbeschaffenheit, die geringe Schädelgrösse und der Zustand der Schädelnähte beweisen. Ich glaube daher, dass diese Exemplare meine Auffassung begründen können. Auf der anderen Seite zeigt von den 2 Exemplaren von Gorontalo das eine (B 168) keine Spur von Weiss, und es ist nach dem Schädel ein ganz altes Individuum, und das andere (B 857), ebenfalls adult, hat den Fleck nur sehr schwach entwickelt. Dass die oben namhaft gemachten 2 jungen Exemplare von Amurang und Main innerhalb einer Serie von 18 (wenn wir die 2 von Gorontalo ausser Betracht lassen) nur „zufällig“ kein oder wenig Weiss haben sollten, scheint mir ausgeschlossen zu sein, und es muss daher für die Gorontaloschen nach einer anderen Erklärung gesucht werden. Es ist nun auffallend, dass die adulten Exemplare des Leidener Museums (Jentink: Notes Leyden Mus. 1883 V, 130) von Panibi, Modelido und Limbotto bei Gorontalo (Nr. 12, 13 und 16) auch wenig oder gar kein Weiss haben, während die adulten Exemplare aus der Minahassa (Nr. 1–5) es gut entwickelt zeigen. Allerdings haben die von Tulabello und Paguat im Gorontaloschen (Nr. 9–11) das Weiss sehr gut entwickelt [55] und dieses widerspricht dem, dass der weisse Fleck im Gorontaloschen fehle. Sollte hier vielleicht eine Übergangsform von der typischen weissfleckigen der Minahassa zu einer noch unbekannten ungefleckten südlicheren Form vorliegen, wie Sc. tonkeanus vom Nordosten, aber mit Schwarz an den Ohren? In der Berührungzone zweier solcher Subspecies dürfte der betreffende Charakter mehr oder weniger ausgeprägt sein. Immerhin wird man annehmen können, dass die weissfleckige Form sich aus der ungefleckten differenzirt habe, da Junge der gefleckten noch heute ungefleckt sind, wenn auch Sicherheit über diese Frage erst durch ein grösseres Material gewonnen werden kann. Träfe meine Vermuthung nicht zu, so läge in Sc. leucomus eine in Bezug auf die Halsflecke noch nicht stabil gewordene, oder eine in der Abänderung begriffene Art vor.
Die zwei Exemplare von leucomus von der Insel Lembeh, die leicht aus den mir vorliegenden vielen Festlandexemplaren von typischen leucomus herauszukennen sind, zeigen eine mehr ins Braune spielende Färbung. Es scheint dieser Unterschied jedoch zu geringfügig und durch zu wenig Exemplare als constant belegt, um eine Abtrennung zu rechtfertigen.
15. SCIURUS ROSENBERGI JENT.
Tafel X Figur 3 (c. ⅓ n. Gr.)
In dem Fehlen der schwarzen Ohr- und der hellen Halszeichnung kommt Sc. tonkeanus überein mit Sc. rosenbergi von den Sangi Inseln, allein dieser ist fast einförmig braun (wenigstens contrastirt die Farbe des Bauches und des Rückens nicht so stark wie bei tonkeanus und leucomus), und der Schwanz ist rostroth mit Schwarz, scheint auch buschiger. Mir liegt eine Serie von 17 Exemplaren vor, und zwar 9 von Gross Sangi und 8 von Siao, von welchen beiden Inseln Jentink die Art beschrieben hat (Notes Leyden Mus. I, 38 1879). Er sagt zwar: „Sanghi-islands, Siao“, und später (l. c. V, 129 1883, sowie Cat. XII, 23 1888) erfahren wir, dass die Typen sowohl von den Sangi Inseln, als auch von Siao sind, woraus nicht hervorgeht, dass Gross Sangi gemeint sei, allein ich glaube dies annehmen zu können. Keinenfalls vermag ich eine Differenz in den Exemplaren von diesen beiden Hauptinseln der Sangi Gruppe zu constatiren, es sei denn, dass einige von Gross Sangi ein wenig farbiger erscheinen. Zwei von Siao haben lange weisse Schwanzenden. Auf Gross Sangi ist der inländische Name tumpara, auf Siao tenggahe.
Es liegen mir nun gleichzeitig je 5, kürzlich erhaltene Exemplare von den südlich von Siao, nördlich von Celebes gelegenen Inseln Tagulanda (oder Tagulandang) und Ruang (oder Gunung api) vor, zwei Inseln, die nur c. 4 km von einander entfernt sind (und von mir im Jahr 1871 bei Gelegenheit einer Eruption des Ruang besucht wurden, s. Nature IV, 286 1871); diese 10 unterscheiden sich auf den ersten Blick von den Gross Sangi- und Siao-Exemplaren durch ihre roströthere Färbung auf der Ober- und Unterseite.
16. SCIURUS TINGAHI N. SP.
Tafel X Figur 4 (c. ⅗ n. Gr.)
Sciurus Sc. rosenbergi Jent. simillimus, sed rufescentior.
Hab. In insulis Tagulanda et Ruang (ins. Sangi).
Nom. ind. tingahi.
Ein jüngeres Exemplar von Tagulanda ist schwärzlich auf dem Rücken. Ein Exemplar von Gross Sangi (B 500) fällt zwar auch durch seine röthliche Nüance auf, aber erreicht nicht die Intensität des Rostroth von tingahi, auch kann, wenn man die Exemplare nach den Fundorten zusammen und nebeneinander legt, gar kein Zweifel darüber obwalten, dass die von Tagulanda und Ruang bedeutend röther sind. Wir haben es daher hier mit einer insularen Abänderung zu thun. Wenn diese Form nicht insular isolirt wäre, sondern z. B. auf dem Festlande von Celebes vorkäme, auf eine nicht durch Gebirge oder sonst isolirte geographische Provinz beschränkt, so könnte sie als Subspecies aufgefasst werden, wie leucomus und tonkeanus, die ich nur wegen unserer Unkenntniss der Begrenzungzonen als Species hingestellt habe, da die betreffenden zwei verwandten Formen möglicherweise mehr oder weniger in einander übergehen, was bei insularer Isolirung nicht möglich ist. Siao liegt von Tagulanda c. 25 km entfernt. Die 1871 und 1893 auf Siao und Gross Sangi gesammelten Exemplare differiren in der Färbung nicht im Mindesten von einander. Insulare Abänderungen, wie Sc. tingahi eine bietet, werden vielleicht später mithelfen, den Gründen solcher leichten Differenzirungen nachzugehen, was wir heute noch nicht vermögen.
Diese insularen Formen führen uns zu einer Anderen, vom nicht fernen Palawan, einer Insel, die politisch zu den Philippinen gehört.
17. SCIURUS STEERI GTHR.