Part 88
„Mein Freund, ich wollte dich ja nur erheitern. Aber ich schwöre dir, das ist die echteste Jesuitenkasuistik, und du kannst mir glauben, daß ich Wort für Wort wiederhole, was ich gehört habe. Gerade dieser Fall machte mir viel zu schaffen. Der unglückliche junge Mann kehrte nach Haus zurück und erschoß sich in derselben Nacht; ich wich natürlich nicht von seiner Seite und blieb bis zum letzten Augenblick bei ihm ... Überhaupt bieten mir diese Beichtkästlein der Jesuiten die liebste Zerstreuung in traurigen Lebensstunden. Da will ich dir doch noch einen Fall erzählen, ganz kürzlich erlebte ich ihn. Zum greisen Pater kommt so eine kleine, schmucke Blondine, eine Normannin, von etwa zwanzig Jahren. Ein Stück Natur, sag ich dir, die Formen wie gedrechselt, eine Schönheit – daß ihm der Mund wässert! Sie beugt sich nieder und flüstert dem Pater durch die kleine Öffnung ihre Sünde zu. ‚Was sagen Sie, meine Tochter, sind Sie schon wieder gefallen?‘ ruft der Pater entsetzt. ‚Oh, Sankta Maria, was höre ich: schon mit einem anderen! Aber wie lange wird sich das noch fortsetzen, und schämen Sie sich denn nicht!‘ ‚_Ah, mon père_,‘ antwortet die Sünderin, in Reuetränen aufgelöst: ‚_Ça lui fait tant de plaisir et à moi si peu de peine!_‘ Nun, kannst du dir solch eine Antwort vorstellen! Da trat selbst ich zurück: das war der Schrei der Natur selbst, das ist ja, wenn du willst, sogar besser als die leibhaftige Unschuld! Ich erließ ihr denn auch sofort die Sünde und wandte mich schon zum Gehen, war aber sogleich gezwungen, wieder zurückzukehren. Wie ich höre, flüstert ihr der Pater etwas zu: er bestellt sie für den Abend zum Rendezvous! Dabei war er ein Greis, ein Kieselstein – und war doch in einem Augenblick gefallen! Die Natur, die Wahrheit der Natur nahm wieder mal das ihrige! Was, biegst du schon wieder die Nase fort, ärgerst du dich schon wieder? Ich weiß wirklich nicht, womit ich es dir zu Dank machen könnte ...“
„Verlaß mich, du klopfst in meinem Hirn wie ein Albdruck, der nicht loszuwerden ist,“ stöhnte Iwan schmerzgepeinigt – in der Ohnmacht gegen seine Vision. „Du langweilst mich, du bist unerträglich und qualvoll! Viel würde ich dafür geben, wenn ich dich hinauswerfen könnte!“
„Ich rate dir nochmals, mäßige deine Ansprüche, verlange von mir nicht ‚alles Große und Schöne‘, und du wirst sehen, wie freundschaftlich wir uns beide einleben werden,“ sagte der Gentleman eindringlich. „Du ärgerst dich ja im Grunde nur deswegen über mich, weil ich dir nicht irgendwie in rotem Lichte, ‚donnernd und blitzend‘ und mit versengten Schwingen erschienen bin, sondern mich in so bescheidener Gestalt vorgestellt habe. Du bist gekränkt, erstens in deinen ästhetischen Gefühlen und zweitens in deinem Stolze: Wie, denkst du, wie wagt zu einem so großen Manne ein so lumpiger Teufel zu kommen? Nein, in dir steckt doch noch diese romantische Ader, die schon Belinskij so verspottet hat. Was ist da zu machen, junger Mann! Als ich mich vorhin zu dir aufmachte, da dachte ich schon einen Augenblick daran, mich zum Scherz als verabschiedeten Wirklichen Staatsrat vorzustellen, der im Kaukasus gedient hat, mit dem persischen Orden des Löwen und der Sonne auf dem Frack. Aber, offen gestanden, mir fehlte der Mut dazu, denn du hättest mich doch zweifellos schon allein dafür durchgeprügelt, daß ich gewagt habe, mir nur den besagten Stern des Löwen und der Sonne anzustecken und nicht mindestens den Polarstern oder den Sirius. Und immer wieder wirfst du mir vor, daß ich dumm sei. Aber, mein Gott, ich erhebe ja gar keinen Anspruch darauf, mich mit dir, was den Verstand betrifft, irgendwie gleichstellen zu wollen. Als Mephistopheles dem Faust erschien, da sagte er von sich, daß er das Böse wolle, doch stets nur das Gute schaffe. Nun, das mag meinetwegen sein wie es will, ich dagegen bin ganz das Gegenteil. Ich bin vielleicht der einzige Mensch in der ganzen Natur, der die Wahrheit liebt und aufrichtig das Gute wünscht. Ich war zugegen, als das am Kreuz gestorbene Wort in den Himmel einging und mit sich die Seele des ihm zur Rechten verschiedenen Schächers emportrug. Ich hörte das Freudejauchzen der Cherubim, die ‚Hosianna‘ sangen, und den Donnerschrei des Entzückens der Seraphim, von dem der Himmel und das ganze Gebäude der Welten erbebten. Und sieh, ich schwöre dir bei allem, was heilig ist, ich wollte schon in den Chor einstimmen, wollte mit allen Engeln aufjauchzen: ‚Hosianna!‘ Schon drängte es aus der Brust, schon wollte es sich von der Zunge losreißen ... ich bin doch, wie du weißt, sehr sensibel und künstlerisch empfänglich. Aber die gesunde Vernunft – oh, das ist die unheilvollste Eigenschaft meiner Natur – hielt mich auch hier in den pflichtschuldigen Grenzen zurück, und ich versäumte den Augenblick! Denn was, dachte ich im selben Augenblicke, was würde die Folge meines ‚Hosianna‘ sein? Es würde sofort alles in der Welt erlöschen, und kein einziges Ereignis würde sich mehr dort zutragen. Und so war ich denn einzig und allein aus Pflichtbewußtsein in meinem Dienst und infolge meiner sozialen Stellung gezwungen, das Gute in mir zu ersticken und bei den Schweinereien zu bleiben. Die Ehre des Guten nimmt jemand restlos für sich in Anspruch, mir aber ist ausschließlich das Gemeine zugewiesen. Aber ich beneide ihn nicht wegen der Ehre, auf Kosten anderer zu leben, ich bin nicht ehrgeizig. Warum aber bin nur ich allein von allen Lebewesen der Welt den Flüchen aller anständigen Leute geweiht und sogar ihren Fußtritten, denn, wenn ich mich verkörpere, muß ich mitunter auch diese Folgen auf mich nehmen. Ich weiß ja, daß es hierbei ein Geheimnis gibt, aber dieses Geheimnis will man mir um keinen Preis aufdecken, denn es wäre möglich, daß ich dann, wenn ich erraten hätte, um was es sich handelt, mein ‚Hosianna‘ gröhlen würde: und darauf verschwände sofort das notwendige Minus, und in der ganzen Welt höbe ‚Vernünftigkeit‘ an, und damit, versteht sich, hätte alles ein Ende, sogar die Zeitungen und sonstigen Blätter, denn wer würde dann noch auf welche abonnieren. Ich weiß ja, daß ich mich zu guter Letzt aussöhnen, einmal auch meine Quadrillion abgehen und dann das Geheimnis erfahren werde. Bis dahin aber – schmolle ich, verbeiße meinen Ärger und erfülle meine Bestimmung, das ist: Tausende zu verderben, auf daß sich einer rette. Zum Beispiel, wieviel Seelen hieß es da verderben, wieviel ehrenhafte Reputationen verunglimpfen, nur um den einzigen gerechten Hiob zu ergattern, mit dem man mich damals vor Olims Zeiten noch so hundsgemein beschummelt hat! Nein, solange das Geheimnis noch nicht aufgedeckt ist, gibt es für mich zwei Wahrheiten: eine, die dort bei ihnen und mir noch völlig unbekannt ist, und dann die andere, meine Wahrheit. Und noch weiß man nicht, welche von beiden reiner sein wird ... Bist du eingeschlafen?“
„Warum nicht gar!“ stöhnte Iwan haßerfüllt. „Alles, was es nur Dummes in meiner Natur gibt, was ich schon längst überlebt, in meinem Verstande durch- und durchgekaut und wie verwestes Aas fortgeworfen habe, – das trägst du mir wieder vor, als wäre es etwas ganz Neues!“
„Also wieder war’s nicht recht! Und ich glaubte sogar, dich schon allein mit der literarischen Fassung zu gewinnen: Dieses ‚Hosianna‘ im Himmel zum Beispiel, das nahm sich bei mir doch wirklich gar nicht so übel aus? Und dann zum Schluß dieser sarkastische Ton _à la_ Heine, wie, du findest das nicht?“
„Nein, ein solcher Lakai bin ich nie gewesen! Wie hat meine Seele einen solchen Lakai, wie du, hervorzubringen vermocht!“
„Mein Freund, ich kenne einen prächtigen, ganz reizenden russischen Junker: einen jungen Denker und großen Liebhaber der Literatur und Kunst, den Autor eines vielversprechenden Poems, das ‚Der Großinquisitor‘ betitelt ist ... Nur um ihn allein war’s mir zu tun!“
„Ich verbiete dir, auch nur ein Wort vom Großinquisitor zu sagen!“ unterbrach ihn Iwan zornig, heiß errötend vor Scham.
„Nun, aber wie steht’s denn mit der ‚geologischen Umwälzung‘? Erinnerst du dich noch? Das ist mir mal ein Dingelchen, das muß ich sagen!“
„Schweig! – oder ich schlage dich tot!“
„Wen, mich willst du totschlagen? Nein, erlaub schon, daß ich mich ausspreche. Deswegen bin ich ja überhaupt gekommen, um mir dieses Vergnügen zu bereiten. Oh, ich liebe über alles die lodernden Gedankenillusionen meiner stolzen, jungen, vor Lebensdurst bebenden Freunde! ‚Dort gibt es neue Menschen,‘ dachtest du noch im vorigen Frühling, als du dich hierher aufmachtest, ‚sie beabsichtigen alles zu zerstören und wieder bei der Menschenfresserei zu beginnen. Die Toren, warum haben sie _mich_ nicht gefragt! Wozu da so mühevoll zerstören! Das ist ja völlig überflüssig! Man brauchte doch nur einfach die Gottidee in der Menschheit zu vernichten, und alles würde nach Wunsch gehen! Das ist es, das allein ist es, womit man beginnen muß. Diese Blinden aber, die verstehen ja überhaupt nichts. Hat die Menschheit sich erst einmal ganz und gar, das heißt, ausnahmslos von Gott losgesagt (und ich glaube daran, daß diese Periode, als Parallele zu den geologischen Perioden, eintreten wird), so wird die frühere Weltanschauung, und vor allem die ganze frühere Sittlichkeit – ohne jede Menschenfresserei ganz von selbst fallen und dem Neuen Platz machen. Die Menschen werden sich zusammentun, um alles aus dem Leben zu ziehen, was daraus nur zu ziehen ist, doch unbedingt einzig und allein zum Zweck des Glückes und der Freude bloß hier in dieser Welt. Der Geist des Menschen wird sich in göttlichem, titanischem Stolz erheben, und dann wird der Menschgott erstehen. Indem er allstündlich und dann bereits grenzenlos die Natur durch seinen Willen und durch die Wissenschaft besiegt, wird er auf diese Weise allstündlich eine so hohe Befriedigung empfinden, daß sie ihm alle früheren Hoffnungen auf die himmlischen Befriedigungen ersetzen wird. Ein jeder wird wissen, daß er ganz und gar, daß er restlos sterblich ist, daß es keine Auferstehung gibt, und er wird den Tod stolz und ruhig wie ein Gott hinnehmen. Schon allein aus Stolz wird er einsehen, daß er nicht darüber zu murren hat, daß das Leben nur einen Augenblick währt, und er wird seinen Bruder lieben ohne die Bedingung der Gegenliebe. Die Liebe wird nur während des Lebensaugenblicks andauern, dafür aber wird das Bewußtsein ihrer Kürze ihr Feuer um ebensoviel verstärken, als es früher in der Hoffnung auf die endlose Liebe im Jenseits verdünnt wurde‘ ... nun und so weiter in der Art. Ganz allerliebst!“
Iwan saß, hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu und blickte zu Boden, doch allmählich fing er an, am ganzen Körper zu zittern. Die Stimme fuhr fort.
„Die Frage besteht jetzt also nur darin, dachte mein junger Denker: ob es möglich ist, daß eine solche Periode jemals anbricht, oder ob das ausgeschlossen ist. Wenn sie anbricht, so ist alles gelöst, und die Menschheit wird sich endgültig einrichten. Da dies aber, im Hinblick auf die in der Menschheit eingewurzelte Dummheit, vielleicht noch, nun ja, ganze tausend Jahre zum Durchdringen erfordern wird, so ist einem jeden, der schon jetzt die Wahrheit erkennt, im Grunde gestattet, sich völlig nach eigenem Gutdünken einzurichten, also nach neuen Grundsätzen. In diesem Sinne ist ihm ‚alles erlaubt‘. Und damit noch nicht genug: Selbst wenn diese Periode niemals anbrechen sollte, so ist doch, da es ja Gott und Unsterblichkeit sowieso nicht gibt, diesem neuen Menschen vollkommen erlaubt, Menschgott zu werden, wenn auch nur er allein in der ganzen Welt es wird. Und der kann sich dann in diesem neuen Range, versteht sich, mit leichtem Herzen über jede sittliche Schranke des früheren Knechtmenschen hinwegsetzen, wenn es nötig sein sollte. Für einen Gott gibt es kein Gesetz! Wohin Gott sich stellt – dort ist der Platz schon Gottes. Wohin ich mich stellen werde, dort wird sofort der erste Platz sein ... ‚Alles ist erlaubt‘ und damit – Punktum! Das alles ist ja sehr nett; nur fragt es sich, sollte man meinen, wozu er, wenn er nun einmal gaunern will, – wozu er da noch die Sanktion der Wahrheit haben will? – Aber so ist ja unser zeitgenössischer Russe: Ohne Sanktion kann er sich nicht einmal zu Schurkereien entschließen, dermaßen hat er die Wahrheit liebgewonnen ...“
Der Gast ließ sich offenbar immer mehr durch seine Schönrednerei fortreißen, jedenfalls erhob er die Stimme immer lauter und begann sogar, spöttisch zum Hausherrn hinüberzublicken; er konnte aber seine Rede nicht zu Ende sprechen: Iwan ergriff plötzlich wutbebend das Glas vom Tisch und schleuderte es auf den Redner.
„_Ah, mais c’est bête enfin!_“ rief jener aus, indem er vom Diwan aufsprang und mit den Fingern die Teespritzer von seinem Rock abknipste. „Da ist ihm Luthers Tintenfaß eingefallen! Selbst hält er mich für einen Traum und wirft dabei mit Teegläsern nach mir! Das ist ja Weiberart! Also hab ich richtig vermutet, daß du dich nur so anstelltest, als hieltest du dir die Ohren zu, in Wirklichkeit aber zuhörtest ...“
Ein starkes und beharrliches Klopfen an den Fensterrahmen wurde plötzlich von draußen her hörbar. Iwan Fedorowitsch sprang vom Diwan auf.
„Hörst du, mach lieber auf,“ rief der Gast aus, „das ist dein Bruder, Aljoscha, mit der allerunerwartetsten und wichtigsten Nachricht, dafür bürge ich dir!“
„Schweig, Betrüger, ich wußte früher als du, daß es Aljoscha ist, ich habe ihn vorausgefühlt und ... selbstverständlich kommt er nicht umsonst ... ich weiß, daß er mit einer ‚Nachricht‘ kommt!“ rief Iwan wie außer sich, wie rasend.
„So mach doch auf, mach auf! Draußen tobt der Schneesturm, er aber ist doch dein Bruder. _Monsieur, sait-il aussi le temps qu’il fait? C’est à ne pas mettre un chien dehors_ ...“
Das Klopfen dauerte fort. Iwan wollte schon zum Fenster stürzen, doch plötzlich war ihm, als wären seine Füße und Arme gefesselt. Er strengte sich aus allen Kräften an, wie um seine Fesseln zu zerreißen, aber vergeblich. Das Klopfen an den Fensterrahmen wurde immer stärker und lauter. Endlich: plötzlich zerrissen die Fesseln, und Iwan Fedorowitsch sprang auf vom Diwan. Er blickte sich wild im Zimmer um. Die beiden Lichter waren fast schon ganz heruntergebrannt, das Glas, mit dem er soeben nach seinem Gast geworfen hatte, stand vor ihm auf dem Tisch, und auf dem Diwan an der gegenüberliegenden Wand saß – niemand. Das Klopfen an den Fensterrahmen dauerte zwar noch fort, aber es war doch lange nicht so laut, wie es ihm kurz vorher im Traume geschienen hatte. Im Gegenteil, es wurde sogar sehr vorsichtig geklopft.
„Das war kein Traum! Nein, ich schwöre es, das war kein Traum, das war, das war doch Wirklichkeit!“ rief Iwan Fedorowitsch aus. Darauf schritt er zum Fenster und öffnete es.
„Aljoscha, ich habe dir doch verboten, zu mir zu kommen!“ rief er wutbebend dem Bruder zu. „Sage in zwei Worten: was willst du? In zwei Worten, verstanden?“
„Vor einer Stunde hat Ssmerdjäkoff sich erhängt,“ antwortete Aljoscha von draußen.
„Geh zur Treppe, ich werde dir sofort aufmachen,“ sagte Iwan und ging zur Eingangstür, um Aljoscha hereinzulassen.
X. „Das hat Er gesagt!“
Als Aljoscha eingetreten war, teilte er Iwan Fedorowitsch mit, daß vor etwas mehr als einer Stunde Marja Kondratjewna atemlos bei ihm erschienen sei, mit der Nachricht, daß Ssmerdjäkoff sich das Leben genommen habe. „Ich ging hinein, um den Ssamowar abzuräumen, er aber hängt an der Wand am Nagel.“ Auf Aljoschas Frage, ob sie es schon der Polizei gemeldet habe, habe sie geantwortet: „Nein, noch nicht, niemandem, ich lief sofort los, ganz zuerst hierher zu Ihnen, zu Ihnen ganz zuerst, und ich lief so schnell ich konnte.“ Sie sei wie halb wahnsinnig gewesen, erzählte Aljoscha, und habe gezittert wie ein Espenblatt. Als Aljoscha mit ihr zusammen hingeeilt war, in die Hütte am Rande der Stadt, da hatte Ssmerdjäkoff immer noch an der Wand gehangen. Auf dem Tisch habe ein Zettel gelegen, auf den er geschrieben hatte: „Ich vertilge mich aus eigenem Wunsch und Willen, um niemanden zu beschuldigen.“ Aljoscha hatte den Zettel genau so auf dem Tische zurückgelassen, wie er ihn gefunden hatte, und war dann geradeswegs zum Polizeichef gegangen, um ihn vom Vorgefallenen in Kenntnis zu setzen, – „und von ihm kam ich sofort zu dir,“ schloß Aljoscha, der aufmerksam Iwan ins Gesicht blickte. Und die ganze Zeit, während der er erzählt hatte, hatte er keinen Blick von ihm abgewandt, als hätte ihn etwas, vielleicht ein gewisser Ausdruck im Gesicht des Bruders, betroffen gemacht.
„Bruder,“ rief Aljoscha plötzlich ganz erschrocken, „du bist bestimmt schwer krank! Du stehst da und siehst aus, als wenn du überhaupt nicht verstündest, was ich spreche.“
„Das ist gut, daß du gekommen bist,“ sagte Iwan, wie in Gedanken versunken, und als hätte er Aljoschas Ausruf gar nicht gehört. „Aber ich wußte ja, daß er sich erhängt hat.“
„Durch wen?“
„Ich weiß nicht, durch wen. Aber ich wußte es. Wußte ich es? Ja, er hatte es mir gesagt. Vor kurzem noch sagte er es mir ...“
Iwan stand mitten im Zimmers, und sein Blick haftete am Boden: er sprach immer noch wie in Gedanken versunken.
„Welcher er?“ fragte Aljoscha und sah sich unwillkürlich um.
„Er ist entwischt.“
Iwan erhob den Kopf und lächelte still.
„Du hast ihn erschreckt, du Taube du. Du bist ein ‚reiner Cherub‘. Dmitrij nennt dich einen Cherub. Cherub ... Der Donnerschrei des Entzückens der Seraphim! Was ist ein Seraph? Vielleicht ein ganzes Sternbild. Vielleicht ist dieses ganze Sternbild aber auch nichts weiter als irgendein chemisches Molekül ... Gibt es ein Sternbild des Löwen und der Sonne, weißt du – das vielleicht?“
„Bruder, setz dich!“ sagte Aljoscha angstvoll. „Um Gottes willen, setz dich auf den Diwan. Du redest irre, leg dich hierher aufs Kissen, sieh so. Willst du nicht, daß ich dir ein feuchtes Handtuch um den Kopf lege? Vielleicht würde es dir davon besser werden?“
„Gib es her, es muß hier auf dem Stuhl liegen, ich warf es vorhin fort.“
„Hier ist es nicht. Aber beunruhige dich nicht, ich weiß schon, wo es hängt, da ist es,“ sagte Aljoscha, der in der anderen Ecke des Zimmers auf dem Toilettentisch ein reines, noch zusammengefaltetes, noch nicht benutztes Handtuch fand.
Iwan sah das Handtuch sonderbar an; seine Besinnung schien im Augenblick zurückzukehren.
„Wart!“ Er erhob sich. „Ich habe doch vorhin, vor etwa einer Stunde, dieses selbe Handtuch von dort, von demselben Platz genommen, mit Wasser angefeuchtet und mir um den Kopf gelegt, und dann habe ich es hierher auf den Stuhl geworfen ... wie kann es jetzt trocken sein? Ein anderes war nicht da.“
„Du hast dieses Handtuch um den Kopf gelegt?“ fragte Aljoscha.
„Ja, ich ging im Zimmer auf und ab, vor einer Stunde ... Warum sind die Lichte so herabgebrannt? Wie spät ist es?“
„Bald wird es zwölf sein.“
„Nein, nein, nein!“ schrie plötzlich Iwan auf, „das war kein Traum! Er war da, er saß dort, dort auf jenem Diwan! Als du ans Fenster klopftest, warf ich ihm das Glas an den Kopf ... dieses hier ... Wart mal, ich habe auch früher schon geschlafen und ... aber dieser Traum ist kein Traum! Auch früher kam es vor ... Weißt du, Aljoscha, ich habe jetzt Träume ... aber sie sind keine Träume, sondern ich sehe sie mit meinen Augen, sie sind Wirklichkeit: ich gehe, spreche und sehe ... dabei aber schlafe ich. Aber er saß hier, er war hier, hier auf diesem Diwan ... Er ist unglaublich dumm, Aljoscha, unglaublich dumm!“ Iwan lachte plötzlich auf und begann wieder auf und ab zu schreiten.
„Von wem redest du, Bruder? Wer ist so dumm?“ fragte Aljoscha bange.
„Der Teufel! Er hat sich jetzt angewöhnt, mich zu besuchen. Zweimal ist er schon bei mir gewesen, genau genommen sogar dreimal. Er will mich damit necken, weil ich mich, wie er glaubt, darüber ärgere, daß er nur ein einfacher Teufel ist und nicht der Satan, mit versengten Schwingen, von Donner und Blitz umgeben. Aber er ist nicht Satanas, das lügt er. Er ist ein Usurpator. Er ist einfach ein Teufel, ein lumpiger, kleiner Teufel. Er geht sogar in die Badestube. Kleid ihn aus, und du wirst sicherlich einen langen Schwanz an ihm finden, einen glatten, langen, wie an einer dänischen Dogge, eine Arschin lang, schwarzbraun ... Aljoscha, du bist wohl durchfroren, du warst draußen im Schneesturm, willst du Tee? Wie? Ist er schon kalt? Willst du, ich werde sofort den Ssamowar anmachen lassen. _C’est à ne pas mettre un chien dehors_ ...“
Aljoscha trat eilig zum Waschtisch, tauchte das Handtuch ins Wasser, beredete Iwan, sich wieder zu setzen und legte ihm darauf das Handtuch um den Kopf. Er selbst setzte sich neben ihn.
„Was sagtest du mir vorhin von Lisa?“ begann Iwan wieder. (Er wurde sehr gesprächig.) „Mir gefällt Lisa. Ich sagte dir etwas Gemeines über sie. Das war aber gelogen, sie gefällt mir ... Ich fürchte für Katjä, für die fürchte ich morgen am meisten. Wegen der Zukunft. Sie wird mich morgen aufgeben und mit den Füßen zertreten. Sie glaubt, daß ich aus Eifersucht Mitjä ins Verderben bringen werde, also ihretwegen! Ja, das glaubt sie! Nun, darum erst recht nicht! Morgen kommt das Kreuz, aber nicht der Galgen. Nein, ich werde mich nicht erhängen. Weißt du auch, Aljoscha, daß ich mir niemals das Leben werde nehmen können! Etwa aus Niedrigkeit nicht? Ich bin kein Feigling. Aus Lebensdurst! Vor Durst, vor Sehnsucht nach dem Leben, wirklich zu leben!! Woher nur wußte ich, daß Ssmerdjäkoff sich erhängt hat? Ja richtig, er hat es mir gesagt ...“
„Und du bist fest überzeugt, daß hier jemand gesessen hat?“ fragte Aljoscha.
„Dort auf jenem Diwan, in der Ecke. Du hättest ihn sofort verscheucht. Und du hast es ja auch getan: als du erschienst, verschwand er. Ich liebe dein Gesicht, Aljoscha. Wußtest du, daß ich dein Gesicht liebe? Er aber – das bin ich, glaub mir, Aljoscha, ich selbst. Alles Niedrige, alles Gemeine und Verächtliche meines Ich! Ja, ich bin ein ‚Romantiker‘, er hat mich beobachtet ... Trotzdem ist es eine Verleumdung. Er ist unglaublich dumm, aber gerade damit nimmt er einen. Er ist schlau, tierisch schlau, er wußte, womit er mich rasend machen konnte. Er neckte mich die ganze Zeit damit, daß ich an ihn, wie er behauptet, glaube, und damit zwang er mich, ihm zuzuhören. Wie einen kleinen Jungen hat er mich betrogen. Übrigens hat er mir auch viel Wahres über mich gesagt. Ich selbst hätte mir das alles nie eingestanden. Weißt du, Aljoscha, weißt du,“ fügte Iwan plötzlich ernst und dabei auffallend vertraulich hinzu, „ich wünschte, daß _er_ wirklich er wäre und nicht ich!“
„Er hat dich müdgequält,“ sagte Aljoscha, der den Bruder voll Mitleid ansah.
„Geneckt hat er mich! Und weißt du, geschickt hat er es getan, unglaublich geschickt. ‚Das Gewissen! Was ist das Gewissen? Ich mache es selbst. Warum aber quäle ich mich dann? Aus Gewohnheit. Aus universaler menschlicher Gewohnheit, die den Menschen seit mehr als siebentausend Jahren im Blute sitzt. So laßt uns doch endlich uns davon entwöhnen und seien wir Götter.‘ – Das hat _er_ gesagt, das hat _er_ gesagt!“
„Und nicht du? Nicht du?“ rief Aljoscha unwillkürlich aus und blickte dem Bruder hell in die Augen. „Nun, dann laß ihn, vergiß ihn, versuch, ihn ganz zu vergessen! Mag er alles mit sich fortnehmen, was du jetzt verfluchst, mag er dann nie mehr wiederkommen!“
„Ja, aber er ist boshaft. Verspottet hat er mich, Aljoscha. Frechheiten hat er sich mir gegenüber erlaubt!“ sagte Iwan, gleichsam zuckend unter dem Schmerz der Kränkung. „Doch er hat mich verleumdet, in vielem hat er mich verleumdet. Mir ins Gesicht log er über mich, – über mich, mir ins Gesicht! ‚Oh, du gehst jetzt hin und wirst eine Heldentat der Tugend vollführen, du wirst erklären, daß du den Vater erschlagen hast, daß der Lakai auf dein Geheiß den Vater erschlagen habe‘ ...“
„Bruder,“ unterbrach ihn Aljoscha, „besinne dich: nicht du hast ihn erschlagen. Das ist nicht wahr, was du sagst!“
„Das sagt er, er, und er weiß das. ‚Du gehst hin und wirst eine Heldentat der Tugend ausführen, glaubst aber dabei gar nicht an die Tugend – das ist es, was dich erbost und quält, deswegen bist du auch so rachsüchtig.‘ – Das hat _er_ mir über mich gesagt, er aber weiß, was er sagt ...“