Sämtliche Werke 9-10

Part 87

Chapter 873,805 wordsPublic domain

„Mein Freund, heute habe ich eine besondere Methode gewählt, ich werde sie dir später erklären. Wart, wo blieb ich denn eigentlich stehen, wovon sprach ich doch? Ach so! Also ich hatte mich damals erkältet, nur war das nicht bei euch, sondern noch dort ...“

„Wo dort? Sag, wirst du noch lange bei mir bleiben, kannst du nicht fortgehen?“ rief Iwan verzweifelt aus.

Er gab das Gehen auf, setzte sich wieder auf den gegenüberstehenden Diwan, stützte die Arme auf den Tisch und preßte die Fäuste an die Schläfen. Das nasse Handtuch hatte er sich schon vom Kopf gerissen und gereizt fortgeschleudert: es hatte natürlich nicht geholfen.

„Deine Nerven sind zerrüttet,“ bemerkte der Gentleman in unterhaltend-nonchalanter, doch vollkommen freundschaftlicher Weise, „du ärgerst dich sogar deswegen über mich, weil ich mich habe erkälten können. Indessen geschah es auf die natürlichste Weise. Ich eilte damals gerade zu einer diplomatischen Soiree bei einer höheren Petersburger Dame, die Frau Minister werden wollte. Nun, versteht sich: Frack, weiße Binde, Handschuhe, und dabei befand ich mich noch Gott weiß wo. Kurz, um auf die Erde zu gelangen, stand mir noch bevor, den Raum zu durchfliegen ... das ist natürlich nur ein Augenblick, aber ... braucht doch selbst ein Lichtstrahl von der Sonne bis zur Erde ganze acht Minuten, und da nun, stell dir vor, im Frack und in ausgeschnittener Weste! Allerdings können Geister nicht erfrieren, aber da ich mich nun schon einmal verkörpert hatte, so ... Mit einem Wort, man ist zuweilen leichtsinnig, und ich schoß ab. Aber dort im Weltenraum, in diesem Äther oder Wasser, wenn du willst, – ‚und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste‘ und so weiter – dort herrscht doch solch eine Kälte ... das heißt, was sag ich, Kälte! – das kann man doch überhaupt nicht mehr Kälte nennen – stell dir vor: hundertfünfzig Grad unter Null! Du kennst doch den bekannten Scherz der Dorfmädel: Bei dreißig Grad Kälte fordern sie einen Neuling auf, mit der Zunge über ein Beil zu fahren, die friert natürlich sofort an, und der Tölpel reißt sich die ganze Haut von der Zunge ab. Aber das ist doch bloß bei dreißig Grad, und nun denk dir hundertundfünfzig! Da brauchte man ja nur einen Finger ans Beil zu legen, und, ich denke, er wäre – wie nie gewesen ... wenn ein Beil nur dorthin gelangen könnte ...“

„Kann denn ein Beil dorthin gelangen?“ fragte Iwan Fedorowitsch ganz gedankenlos in der Zerstreutheit.

Er spannte seine ganze Kraft an, um seinen Fiebertraum nicht für Wirklichkeit zu halten und nicht endgültig in Wahnsinn zu verfallen.

„Ein Beil?“ fragte der Gast verwundert.

„Nun ja, was würde dort mit einem Beil geschehen?“ bestand Iwan Fedorowitsch eigensinnig und gereizt auf seiner Frage.

„Was mit einem Beil im Weltenraum geschehen würde? _Quelle idée!_ Wenn es irgendwohin weiter fortgeriete, so, denke ich, würde es alsbald anfangen, etwa in der Gestalt eines Trabanten um die Erde zu kreisen, ohne selbst zu wissen, warum. Die Astronomen würden den Auf- und Untergang des Beiles genau feststellen und alles Weitere berechnen. Man würde es in den Kalender eintragen, und das wäre schließlich alles.“

„Du bist dumm, ganz furchtbar dumm!“ sagte Iwan widerwillig. „Sei doch wenigstens etwas klüger, wenn du faselst, sonst werde ich nicht mehr zuhören. Du willst mich durch Realismus besiegen, willst mich überzeugen, daß du bist. Ich aber will nicht glauben, daß du bist! Und ich werde es auch nicht!“

„Aber ich fasele doch gar nicht, das ist doch alles wahr. Leider pflegt die Wahrheit immer etwas wenig geistreich zu sein. Du erwartest, wie ich sehe, entschieden etwas Großes und vielleicht sogar Wundervolles von mir. Das ist sehr schade, denn ich gebe doch nur das, was ich kann ...“

„Philosophiere nicht, Esel!“

„Wo ist denn da Philosophie, wenn meine ganze rechte Seite wie gelähmt war und ich nur noch krächzend ach und weh stöhnen konnte! War natürlich bei der ganzen Medizin: die Krankheit festzustellen, verstehen sie vorzüglich, den ganzen Prozeß erzählen sie dir wie an den Fingern her, schön, aber kurieren – das gibt’s nicht. Da stieß ich bei der Gelegenheit auch auf so einen von den begeisterten Studenten. Der sagte mir: ‚Wenn Sie auch sterben werden, so werden Sie dafür doch ganz genau wissen, an welcher Krankheit Sie, im Grunde genommen, gestorben sind!‘ Und dann noch Ihre neue Angewohnheit, zu Spezialisten zu schicken: ‚Wir stellen nur die Diagnose,‘ heißt es, ‚aber fahren Sie doch zu dem und dem Spezialisten, der wird Sie dann schon kurieren.‘ Der frühere Doktor, der alle Krankheiten kurierte, ist heutzutage ganz und gar verschwunden, aber ganz, sag ich dir, jetzt gibt’s nur noch Spezialisten, die fortwährend in den Zeitungen annoncieren. Nehmen wir an: Deine Nase ist krank. Schön, man schickt dich nach Paris; dort, heißt es, ist ein europäischer Spezialist, der nur Nasen kuriert. Du kommst nach Paris, er untersucht deine Nase: ‚Ich kann Ihnen,‘ sagt er, ‚nur das rechte Nasenloch kurieren, denn die linken Nasenlöcher kuriere ich nicht, das ist nicht meine Spezialität, aber fahren Sie doch, wenn ich mit Ihnen fertig bin, nach Wien, dort wird Ihnen ein besonderer Spezialist das linke Nasenloch kurieren.‘ Was tun? Ich griff zu den Volksmitteln. Ein alter deutscher Doktor riet mir, mich in der Badstube oben auf der Schwitzbank mit Honig und Salz abzureiben. Ich ging natürlich, allein schon, um ein überflüssiges Mal in die Badstube zu kommen, oder richtiger, einzig und allein darum, schmierte mich vom Nacken bis zum Hacken kräftig ein, aber von Nutzen – keine Spur. In meiner Verzweiflung schrieb ich an den Grafen Mattei nach Mailand, der schickte mir ein Buch und Tropfen, – Gott mit ihm. Und stell dir vor: Hoffs Malzextrakt half schließlich! Ich kaufte ihn ganz zufällig, halb aus Versehen, trank anderthalb Glas, und weg war alles, wie mit der Hand, ich hätte sofort tanzen können. Ich beschloß sogleich, ihm meinen Dank durch die Zeitung zu übermitteln. Jawohl: das Gefühl der Dankbarkeit war in mir zu Wort gekommen. Und nun, was glaubst du wohl, daraus entstand wiederum eine neue Geschichte: In keiner einzigen Redaktion wollte man meine ‚Danksagung‘ annehmen! ‚Es würde sich doch zu rückständig ausnehmen,‘ hieß es, ‚niemand wird daran glauben, _le diable n’existe point_. Lassen Sie es doch anonym drucken.‘ Nun, dachte ich, was ist denn das für ein Dank, wenn er anonym gesagt wird? Ich scherzte noch mit dem Büropersonal: ‚Nur an Gott glauben,‘ sagte ich, ‚ist in unserem Jahrhundert zu rückständig, ich aber bin doch der Teufel, an mich kann man doch –!‘ ‚Sehr wohl,‘ sagten sie, ‚wer glaubt denn nicht an den Teufel, aber es geht trotzdem nicht, es könnte der Richtung schaden. Oder, es sei denn, daß wir es als Scherz brächten?‘ Nun, als Scherz, dachte ich, wird es nicht geistreich sein. So ist es denn nicht gedruckt worden. Und wirst du’s mir glauben, das liegt mir noch immer auf dem Herzen. Selbst meine besten Gefühle, wie zum Beispiel die Dankbarkeit, sind mir formell verboten, und zwar einzig und allein wegen meiner sozialen Stellung.“

„Fängst du schon wieder mit deiner Philosophie an?“ Iwan knirschte innerlich vor Haß.

„Gott bewahre mich davor! Aber es geht doch nicht, man muß sich doch zuweilen auch ein bißchen beklagen dürfen. Ich bin arg verleumdet worden. Da sagst du mir nun in jedem Augenblick, ich sei dumm. Daran erkennt man sofort, daß du noch ein junger Mann bist. Mein Freund, es kommt nicht immer nur auf den Verstand an. Ich habe von Natur ein gutes Herz und heiteres Gemüt, – ‚ich habe ja doch auch schon etliche Vaudevilles ...‘[28] Du scheinst mich ja entschieden für einen altgewordenen Chlestakoff[29] zu halten, indessen ist mein Schicksal ein viel ernsteres. Durch irgendeine zeitweilige Bestimmung, die mir eigentlich bis jetzt noch nicht recht in den Schädel will, bin ich dazu bestimmt, zu ‚verneinen‘, während ich doch aufrichtig gut und zur Verneinung total unbegabt bin. ‚Nein, geh mal und verneine,‘ heißt es da, ‚ohne Verneinung gibt’s keine Kritik. Was aber wäre denn das für eine Zeitung, in der es keine kritische Abteilung gäbe? Ohne Kritik gäbe es nichts als „Hosianna“. Fürs Leben aber ist „Hosianna“ allein zu wenig, dieses „Hosianna“ muß vorher unbedingt durch den Schmelzofen der Zweifel gegangen sein,‘ nun, und so weiter in dem Tone. Übrigens mische ich mich in diese ganze Sache nicht hinein, denn, schließlich, was geht’s mich an: nicht ich habe geschaffen, folglich trage auch nicht ich die Verantwortung. Na ja, da hat man denn also den Sündenbock ausgesucht, ihn gezwungen, in der ‚kritischen Abteilung‘ zu schreiben, und so gab’s dann Leben. Wir begreifen diese Komödie: Ich, zum Beispiel, verlange für mich einfach und geradezu Vernichtung. ‚Nein, du sollst leben,‘ heißt es da, ‚denn ohne dich würde es nichts geben. Wenn alles auf der Welt vernünftig wäre, so würde nichts geschehen. Ohne dich würde sich nichts ereignen, es ist aber nötig, daß es Ereignisse gibt.‘ Und so verbeiße ich denn meinen Ärger und diene, damit es Ereignisse gibt, und schaffe auf Befehl Unvernünftiges. Die Menschen aber –, die nehmen, und dazu noch bei ihrem unstreitigen Verstande, diese ganze Komödie für etwas Ernsthaftes! Darin besteht denn auch ihre Tragödie. Nun, und sie leiden natürlich, aber ... immerhin leben sie doch dafür, leben sie realiter, und nicht nur in der Phantasie! Denn gerade das Leiden – das ist ja das Leben. Was würde es ohne Leiden für Freuden geben, wo bliebe da die Befriedigung? Alles würde sich in ein endloses Gebet verwandeln. Zwar wäre das heilig, dafür aber auf die Dauer doch recht langweilig, denke ich. Nun, und ich? Ich leide, aber ich lebe doch nicht. Ich bin das _X_ in einer unbestimmten Gleichung. Ich bin irgendein Phantom des Lebens, das alle Enden und Anfänge verloren, und schließlich sogar selbst vergessen hat, wie es sich nennen soll. Du lachst ... nein, du lachst nicht, du ärgerst dich schon wieder. Du ärgerst dich fortwährend, du verlangst immer nur Kluges, ich aber kann dir nur sagen, daß ich dieses ganze Weltenraumleben, alle Titel und Ehren hergeben würde, nur um mich in die Seele einer sieben Pud schweren Kaufmannsfrau verkörpern und Gott Lichte stellen zu können.“

„Also auch du glaubst nicht mehr an Gott?“ fragte Iwan mit gehässigem Lachen.

„Das heißt, wie soll ich dir sagen, wenn du nur im Ernst ...“

„Gibt es einen Gott oder gibt es keinen?“ schrie Iwan plötzlich wie in tierischer Wut auf.

„Ah, so fragst du im Ernst? Mein Lieber, bei Gott, ich weiß es nicht. Sieh, da habe ich ein großes Wort ausgesprochen.“

„Du weißt es nicht und siehst doch Gott? Nein, du bist nicht ein Ding für dich, du bist – _ich_, du bist _ich_ und sonst nichts! Schmutz bist du, nichts als meine Phantasie bist du!“

„Das heißt, wenn du willst, bin ich mit dir ganz derselben ... Philosophie, – das wäre der richtige Ausdruck, und auch im übrigen das Richtige und Gerechte. _Je pense donc je suis_, das weiß ich bestimmt, und was das übrige um mich herum betrifft, alle diese Welten, Gott, und sogar der Teufel selbst, – das alles ist für mich nicht bewiesen: ob es an und für sich, sozusagen selbständig besteht, oder einzig und allein meine Emanation ist, die folgerichtige Entwicklung meines _Ich_, das zeitweilig und individuell existiert ... mit einem Wort: ich breche lieber kurz ab, denn es scheint, daß du sogleich aufspringen und mich prügeln willst.“

„Könntest du nicht lieber irgendeine Anekdote erzählen!“ fragte Iwan krankhaft gequält.

„Das kann ich sehr wohl. Ich habe gerade eine Anekdote, die gut zu unserem Thema paßt, oder vielmehr keine Anekdote, sondern so eine Legende. Da wirfst du mir nun Unglauben vor: ‚siehst und glaubst doch nicht.‘ Aber, mein Freund, ich bin ja doch nicht allein so, dort bei uns sind jetzt alle ganz konfus geworden, und das nur infolge eurer Wissenschaft. Solange es noch Atome gab, fünf Sinne, vier Elemente, nun, da hielt sich alles noch irgendwie im Leim. Atome gab es ja auch in der Alten Welt. Als man aber bei uns erfuhr, daß ihr dort bei euch das ‚chemische Molekül‘ und das ‚Protoplasma‘ entdeckt habt, und weiß der Teufel, was sonst noch, – da fühlte man sich bei uns sozusagen wie begossen und wurde kleinlaut. Der denkbar größte Blödsinn hub an. Vor allem – Aberglauben, Klatsch! Klatsch gibt es ja bei uns ebensoviel wie bei euch, sogar noch ein wenig mehr – und dann zum Schluß die Anzeigen! Bei uns gibt es doch auch so eine Abteilung zur Kenntnisnahme gewisser ‚Nachrichten‘. Nun also, diese verrückte Legende, noch aus dem Mittelalter – aus unserem, nicht aus eurem –, und denk nur, selbst bei uns glaubt niemand an sie, außer den sieben Pud schweren Kaufmannsfrauen, das heißt wiederum unsere Kaufmannsfrauen, nicht eure. Alles, was bei euch ist, ist auch bei uns – das will ich dir mal aus purer Freundschaft aufdecken, obgleich es eines unserer Geheimnisse und euch mitzuteilen verboten ist. Also diese Legende handelt vom Paradiese. Es war einmal, heißt es, hier bei euch auf der Erde so ein Denker und Philosoph, der ‚alles verneinte, Gesetze, Gewissen, Glaube‘, vor allen Dingen aber – das zukünftige Leben. Er starb, glaubte _directement_ in Finsternis, Tod und Nichtsein zu geraten, aber siehst du wohl, da steht vor ihm – das zukünftige Leben. Er wunderte sich und ward ungehalten. ‚Das widerspricht meinen Überzeugungen,‘ sagte er. Nun, und dafür wurde ihm dann der Prozeß gemacht, und er wurde verurteilt ... das heißt, sieh mal, du mußt mich entschuldigen, ich gebe doch nur das wieder, was ich gehört habe, und es ist ja nur eine Legende ... Also man verurteilte ihn zu folgendem: in der Finsternis eine Quadrillion Kilometer zu durchwandern (bei uns rechnet man doch jetzt nach Kilometern), und erst wenn er diese Quadrillion Kilometer hinter sich hat, soll ihm das Paradiesestor geöffnet und alles verziehen werden ...“

„Aber was habt ihr in jener Welt sonst noch für Qualen, außer dieser Quadrillion?“ unterbrach ihn Iwan, plötzlich ganz eigentümlich belebt.

„Was für Qualen? Ach, frage lieber nicht danach! Früher gab es noch dies und das, jetzt dagegen hat man sich fast nur auf die abstrakten, auf die geistigen Qualen verlegt, so – ‚Gewissensbisse‘ und ähnlicher Blödsinn. Das ist gleichfalls von euch eingeführt, infolge der ‚Milderung‘ eurer Sitten. Und wer hat dabei gewonnen? Gewonnen haben nur die ‚Gewissenlosen‘, denn was können ihnen Gewissensbisse anhaben, wenn sie überhaupt kein Gewissen besitzen? Dafür müssen jetzt die anständigen Leute darunter leiden, die noch etwas Gewissen und Ehre im Leibe haben ... Das sind so die Reformen auf unvorbereitetem Boden, und die dazu noch nach anderen Einrichtungen kopiert werden, – nichts als Schaden kommt dabei heraus! Da ist doch das frühere Feuerlein eine ganz andere Sache ... Nun also, dieser zur Quadrillion Verurteilte stand, sah und legte sich dann quer auf den Weg hin: ‚Ich will nicht gehn, aus Prinzip werde ich nicht gehn!‘ Nimm die Seele eines russischen Atheisten und mische sie mit der Seele des Propheten Jonas, der drei Tage und drei Nächte lang im Bauche des Walfischs schmollte, – da hast du den Charakter dieses Denkers, der sich quer über den Weg legte.“

„Auf was legte er sich denn dort hin?“

„Nun, es wird doch wahrscheinlich etwas dagewesen sein, auf was man sich hinlegen konnte. Du lachst doch nicht?“

„Bravo!“ rief Iwan, immer noch in derselben angespannten Belebung. Er hörte mit auffallendem Interesse zu. „Nun, was? und liegt er auch jetzt noch?“

„Das ist’s ja, daß er nicht mehr liegt. Er lag fast tausend Jahre lang, da stand er plötzlich auf und ging.“

„So ein Esel!“ rief Iwan unwillkürlich aus und lachte nervös auf – schien aber dabei immer noch alle Sinne wie im Krampfe anzuspannen, um sich über ein gewisses Etwas klar zu werden oder zu kombinieren. „Kommt denn das nicht auf eins hinaus, ob man ewig liegt oder eine Quadrillion Kilometer geht? Das wäre doch ein Marsch von einer Billion Jahren?“

„Sogar noch viel mehr! Schade, ich habe keinen Bleistift und kein Papier bei mir, sonst könnte man es sofort berechnen. Aber er ist ja schon längst angekommen, und hier erst beginnt die Anekdote.“

„Wie das – angekommen? Wo hat er denn die Billion Jahre hergenommen?“

„Du denkst nun wieder an unsere jetzige Erde! Aber diese Erde hat sich doch vielleicht selbst schon billionenmal wiederholt. Nun, sie hat sich eben ausgelebt, ist vereist, ist gesprungen, auseinandergeplatzt, in kleine Stücke zersprengt, hat sich in ihre Grundelemente zerlegt, dann ward wieder ‚eine Feste zwischen den Wassern‘, und so weiter, dann wieder ein Komet, wieder eine Sonne, aus der Sonne wieder eine Erde, – aber diese Entwicklung hat sich doch vielleicht schon unzählige Mal wiederholt, und immer genau in ein und derselben Form, alles bis aufs Tüpfelchen genau so wie es war. Eine Langweile, sag ich dir, die geradezu kränkend unanständig ist ...“

„Schön, schön, aber was geschah dann, als er ankam?“

„Tja, kaum hatte sich ihm das Paradies erschlossen, kaum war er eingetreten, – versteh: noch war er keine zwei Sekunden im Paradiese gewesen ... nach der Uhr berechnet, nach der Uhr (obgleich seine Uhr, meiner Meinung nach, in seiner Tasche sich inzwischen schon in ihre Grundelemente hätte auflösen müssen) – also, wie gesagt, er war noch keine zwei Sekunden im Paradiese gewesen, als er schon ausrief, daß man für diese zwei Sekunden nicht nur eine Quadrillion, sondern quadrillionmal eine Quadrillion Kilometer gehen könne, auch wenn man diese womöglich noch in die quadrillionste Potenz erhöbe! Mit einem Wort, er sang sein ‚Hosianna‘, verstand aber darin nicht maßzuhalten, so daß dort einige von etwas edlerer Gesinnungsart ihm in der ersten Zeit nicht einmal die Hand reichen wollten. Der war ihnen denn doch gar zu eifrig zu den Konservativen übergegangen. Eine russische Natur. Wie gesagt: eine Legende. Als was gekauft, als das verkauft. Das also wäre noch so ein Beispiel von den bei uns verbreiteten Begriffen über diese Dinge.“

„Jetzt habe ich dich gefangen!“ rief Iwan plötzlich mit geradezu kindlicher Freude aus, als hätte er sich endlich einer bestimmten Sache erinnert. „Diese Anekdote von den Quadrillion Jahren, – die habe ich mir selbst ausgedacht! Ich war damals siebzehn Jahre alt, ich war noch im Gymnasium ... ich hatte damals diese Anekdote verfaßt und erzählte sie darauf einem Mitschüler, Korowkin hieß er, das war in Moskau ... Diese Anekdote ist so charakteristisch, daß ein anderer Autor ganz ausgeschlossen ist! Ich hatte sie nur fast vergessen ... aber jetzt habe ich mich ihrer unbewußt wieder erinnert, – sie ist mir ganz von selbst wieder eingefallen, ich selbst habe mich ihrer erinnert, und nicht du hast sie mir erzählt! Wie man sich eben zuweilen einer Sache unbewußt erinnert, wie einem plötzlich tausend Dinge einfallen, selbst wenn man zum Schafott geführt wird ... sie ist mir im Traum wieder eingefallen. Und dieser Traum bist du! Ja, nichts als ein Traum bist du, du existierst überhaupt nicht!“

Der Gentleman lachte:

„Gerade die Heftigkeit, mit der du mich ablehnst, sagt mir, daß du trotzdem an mich glaubst.“

„Nicht im geringsten! Kein Hundertstel glaube ich!“

„Aber ein Tausendstel doch. Die homöopathischen Bruchteile sind ja vielleicht gerade die stärksten. Gestehe nur, daß du, nun, sagen wir, ein Zehntausendstel doch glaubst ...“

„Keinen Augenblick!“ fuhr Iwan jähzornig auf. „Übrigens ... wünschte ich, an dich zu glauben!“ fügte er plötzlich sonderbar hinzu.

„Aha – a! Das ist mir mal ein Eingeständnis! Aber ich bin gutmütig, ich werde dir auch hierbei helfen. Also höre: Ich habe dich gefangen, nicht du mich! Ich habe dir absichtlich deine eigene Anekdote erzählt, die du so gut wie vergessen hattest, damit du jeglichen Glauben an mich verlörest.“

„Du lügst! Der Zweck deines Erscheinens ist, mich zu überzeugen ... daß du bist.“

„Stimmt. Aber das Schwanken, das Zweifeln, die Unruhe, der Kampf des Glaubens mit dem Unglauben, – das ist doch für einen gewissenhaften Menschen, wie du zum Beispiel, mitunter eine solche Qual, daß er sich lieber erhängt. Gerade weil ich weiß, daß du ein Körnchen Glauben an mich hast, tröpfelte ich dir jetzt eine gehörige Portion Unglauben ein, indem ich dir diese Anekdote erzählte. Ich lenke dich jetzt zwischen Glauben und Unglauben abwechselnd hin und her, und verfolge dabei natürlich meinen besonderen Zweck. Wie gesagt: eine neue Methode. Denn sobald du endgültig jeden Glauben an mich verloren haben wirst, wirst du sofort anfangen mir ins Gesicht zu versichern, daß ich kein Traum sei, sondern wirklich existiere. Ich kenne dich doch. Und dann werde ich eben mein Ziel erreichen. Mein Ziel aber ist ein edles. Ich werde nur ein winziges Körnchen Glauben in dich werfen, und daraus wird eine Eiche erwachsen, – und noch dazu solch eine Eiche, daß du, mit diesem Baume in der Brust, dich noch zu den Einsiedlern und den makellosen Jungfrauen wirst gesellen wollen, denn im geheimen willst du das, sogar sehr. Wirst noch Heuschrecken essen und dich in die Wüste schleppen!“

„Ah! So mühst du Folterknecht dich um mein Seelenheil?“

„Man muß doch wenigstens irgend einmal auch ein gutes Werk tun. Aber ärgern tust du dich – hü! Das tust du wahrlich, wie ich sehe.“

„Narr! ... Doch sag’: hast du schon einmal auch solche versucht, die nur von Heuschrecken leben, siebzehn Jahre lang in der Wüste beten, mit Moos bewachsen?“

„Mein Täubchen, das ist ja das einzige, was ich bis jetzt getan habe! Die ganze Erde und alle Welten vergißt du, sag ich dir, wenn du dich einmal an einen solchen geheftet hast! Ein solcher Brillant ist denn doch gar zu kostbar. Eine einzige solche Seele ist mitunter ein ganzes Sternbild wert! – wir haben doch unsere eigene Arithmetik. So ein Sieg ist dann auch etwas teuer! Stehen doch einige von ihnen in ihrer Entwicklung, bei Gott, nicht unter dir, wenn du mir das auch nicht glauben wirst. Solche Abgründe von Glauben und Unglauben können sie in ein und demselben Augenblick erfassen, daß, Hand aufs Herz, man zuweilen meint, es fehlte nur noch ein Härchen, und der Mensch fliegt hinab – ‚kopfüber mit den Beinen in die Höh‘, wie der Schauspieler Gorbunoff sagt.“

„Nun, und? Bist mit langer Nase abgezogen?“

„_Mon ami_,“ bemerkte der Gast belehrend, „mit einer langen Nase abzuziehen, ist mitunter immerhin besser, als ganz ohne Nase, wie noch vor kurzem ein kranker Marquis, den wahrscheinlich ein Spezialist behandelt hatte, in der Beichte seinem Geistesvater, einem Jesuiten, gestand. Ich war zugegen – ganz allerliebst, sag ich dir! ‚Pater,‘ ruft er, ‚gebt mir meine Nase wieder!‘ und schlägt sich vor die Brust. – ‚Mein Sohn,‘ antwortet der alte Fuchs salbungsvoll, ‚alles geschieht nach den unerforschlichen Ratschlüssen der Vorsehung, und großes Leid zieht zuweilen einen großen, wenn auch uns Menschen zuerst unsichtbaren Vorteil nach sich. Wenn ein strenges Geschick Sie Ihrer Nase beraubt hat, so ergibt sich daraus für Sie wenigstens der Vorteil, daß Ihnen hinfort niemand mehr wird sagen können, Sie seien mit einer langen Nase abgezogen.‘ – ‚Heiliger Pater, das ist kein Trost!‘ ruft der verzweifelte Marquis, ‚ich würde im Gegenteil überglücklich sein, mein ganzes Leben lang jeden Tag mit einer langen Nase abzuziehen, wenn sie nur an der richtigen Stelle säße.‘ – ‚Mein Sohn,‘ sagt der Pater seufzend, ‚man darf nicht alle Erdengüter zugleich verlangen, das wäre schon Murren wider die Vorsehung, die Sie selbst hierbei nicht vergessen hat: denn wenn Sie so zum Herrn emporschreien, wie Sie es soeben getan haben, daß Sie mit Freuden bereit wären, Ihr ganzes Leben lang mit langer Nase abzuziehen, so hat die Vorsehung mittelbar auch diesen Ihren Wunsch schon im voraus erfüllt: denn indem Sie Ihre Nase verloren, zogen Sie doch gewissermaßen mit einer langen Nase ab ...‘“

„Pfui, wie dumm!“