Part 85
„Aber sie hätten doch selbiges Geld nie gefunden. Das hatte doch nur ich ihnen so gesagt, daß das Geld unter dem Kissen sei. Das war ja gar nicht wahr. Zuerst, seht mal, hatte es in der Schatulle gelegen, dann aber hatte ich Fedor Pawlowitsch gesagt, da sie doch nur mir ganz allein von der ganzen Menschheit vertrauten, daß es besser wäre, das Geld in die Ecke hinter die Heiligenbilder zu tun, denn dort würde es niemand suchen, besonders nicht, wenn einer Eile hat. Und so lag denn selbiges Paket bei ihnen dort in der Ecke hinter den Heiligenbildern. Es unter dem Kissen aufzubewahren, wäre aber doch ganz lächerlich gewesen. In der Schatulle ist es doch wenigstens verschlossen. Hier aber glauben jetzt alle, daß es unter dem Kissen gelegen hat. Man kann sich über die Dummheit der Menschen alleweil nur wundern. Also wenn nun Dmitrij Fedorowitsch selbigen Totschlag begangen hätten, so hätten sie doch nichts gefunden und wären entweder eilig fortgelaufen, da doch jedes Geräusch schrecken kann, oder sie wären arretiert worden. Alsomit hätte ich dann immer noch, am nächsten Tage oder noch in selbiger Nacht, zu den Heiligenbildern hinaufklettern und selbiges Geld nehmen und fortbringen können, und alles wäre auf Dmitrij Fedorowitsch gefallen. Darauf konnte ich immer hoffen.“
„Aber wenn er ihn nicht totgeschlagen, sondern nur durchgeprügelt hätte?“
„Wenn sie ihn nicht totgeschlagen hätten, so hätte ich das Geld selbstverständlich nicht zu nehmen gewagt, und alles wäre umsonst gewesen. Aber ich hatte hinwiederum auch solche Berechnung, daß, wenn sie ihn nur bis zur Bewußtlosigkeit schlagen, ich dann in der Zwischenzeit doch das Geld fortnehme und nachher Fedor Pawlowitsch einfach sage, daß Dmitrij Fedorowitsch und sonstig niemand das Geld genommen haben.“
„Wart ... du hast mich ganz verwirrt. So hat ihn also doch Dmitrij Fedorowitsch erschlagen, und du hast dann nur das Geld genommen?“
„Nein, nicht Dmitrij Fedorowitsch hat ihn erschlagen. Was! – ich könnte Euch ja auch jetzt noch sagen, daß Dmitrij Fedorowitsch der Mörder sei ... aber ich will jetzt nicht vor Euch lügen, denn ... denn wenn Ihr auch wirklich und wahrhaftig, wie ich selber sehe, bis jetzt noch nichts verstanden und Euch nicht vor mir verstellt habt, um die offenbare eigene Schuld auf mich zu wälzen, ganz unverschämt mir ins Gesicht, so seid Ihr doch ganz allein an allem schuld, denn Ihr wußtet von selbigem Morde und hattet mich ihn auszuführen beauftragt, selber aber verreistet Ihr, wiewohl Ihr alles wußtet. Darum will ich denn heute abend Euch ins Gesicht beweisen, daß hier der Hauptmörder nur Ihr allein seid, ich aber am allerwenigsten der Mörder bin, wenn auch ich es bin, der erschlagen hat. Der wahre aber und einzige rechtmäßige Mörder, das _seid Ihr_!“
„Warum, warum soll _ich_ der Mörder sein? O Gott!“ rief Iwan, der wieder vergaß, daß er alles auf ihn Bezügliche bis zum Schluß der Unterhaltung hatte hinausschieben wollen, ganz verzweifelt aus: „Du meinst das immer noch wegen der Fahrt nach Tschermaschnjä? Halt, sage zuerst, wozu du mein Einverständnis brauchtest, wenn du die Fahrt nach Tschermaschnjä als Einverständnis angesehen hast? Wie wirst du das jetzt erklären?“
„Wenn ich erst einmal Eures Einverständnisses sicher war, so hätte ich gewußt, ob Ihr wegen selbiger Dreitausend auch kein Geschrei erheben würdet, wenn Ihr zurückkehrt – falls die Obrigkeit aus irgendeinem Grunde mich statt Dmitrij Fedorowitsch verdächtigen oder auch nur für ihren Helfershelfer halten sollte –, daß Ihr mich dann vor den anderen sogar noch verteidigen würdet ... Und wenn Euch dann das rechtmäßige Erbe zugefallen wäre, so hättet Ihr mich alsomit während des ganzen folgenden Lebens belohnen können, sintemal Ihr doch nur durch mich das Erbteil zu erhalten geruht hättet, denn wenn der Herr Agrafena Alexandrowna geheiratet hätten, so hättet Ihr doch nichts als eine lange Nase zu sehen bekommen.“
„Ah! So hattest du also die Absicht, mich auch fernerhin zu quälen, das ganze Leben lang!“ sagte Iwan, innerlich knirschend vor Wut. „Was aber dann, wenn ich nicht fortgefahren wäre und dich angezeigt hätte?“
„Was hättet Ihr denn dazumal anzeigen können? Daß ich Euch zugeredet hätte, nach Tschermaschnjä zu fahren? Das ist doch nur dummes Gerede! Und dann – Ihr wärt doch nach selbigem Gespräch entweder gefahren oder geblieben. Wärt Ihr geblieben, so wäre auch nichts geschehen, dieweil ich dann gewußt hätte, daß Ihr selbiges nicht wollt, und alsomit hätte ich auch nichts getan. Wenn Ihr aber verreistet, so vergewissertet Ihr mich auf selbige Weise dessen, daß Ihr vor Gericht nichts gegen mich auszusagen wagen würdet und mir selbige Dreitausend schenkt. Und Ihr hättet mir ja auch später nichts anhaben können, sintemal ich dann vor Gericht alles gesagt hätte. Das heißt, nicht, daß ich der Dieb oder der Mörder bin – das hätte ich nie gesagt –, sondern nur, daß Ihr selber mir zum Mord und Diebstahl zugeredet hättet, ich aber bloß nicht eingewilligt hätte. Seht Ihr jetzt, wozu ich dazumal Euer Einverständnis brauchte! Damit Ihr keine Möglichkeit habt, mich mit etwas in die Enge zu treiben, sintemal Ihr doch keinen einzigen Beweis vorführen könnt, ich hingegen wieder die Möglichkeit bekäme, Euch alleweil festlegen zu können: ich brauchte somit nur aufzudecken, wie sehr Ihr den Tod des Vaters gewünscht habt, und da habt Ihr mein Wort: im Publikum hätten mir alle geglaubt, Ihr aber hättet Euch dann Euer Leben lang schämen müssen.“
„So habe ich denn, sagst du, so habe ich denn seinen Tod _gewünscht_?“ fragte Iwan wiederum erbleichend.
„Zweifelsohne habt Ihr es, und mit Eurem Einverständnis habt Ihr mir selbige Tat stillschweigend erlaubt.“
Ssmerdjäkoff blickte ihn fest an. Er war sehr schwach und sprach leise und erschöpft, doch in seinem Inneren mußte etwas verborgen sein, das ihn antrieb und in ihm fortbrannte. Offenbar hatte er eine bestimmte Absicht – das fühlte Iwan.
„Fahre fort,“ sagte er, „erzähl weiter von jener Nacht.“
„Was ist denn da noch weiter zu erzählen? ... Und da liege ich denn so und höre plötzlich, wie wenn der Herr einen Schrei ausgestoßen hätte. Grigorij Wassiljewitsch war aber schon kurz vorher aufgestanden und hinausgegangen, und da höre ich, wie Grigorij auf einmal schreit, und dann ist wieder alles still, dunkel. Und so liege ich denn, warte, das Herz klopft, kann es nicht mehr aushalten. Da stand ich denn schließlich auf und ging, – sehe, rechts ist bei ihnen das Fenster nach dem Garten weit auf, ich gehe noch ein paar Schritt weiter nach links, um zu horchen, ob sie noch dort im Zimmer lebendig sind oder schon tot, und da höre ich, wie der Herr sich hin und her bewegen und stöhnen, also noch lebendig sind. Ach, denke ich! trat ans Fenster und rief den Herrn an: Ich bin es, sozusagen. Sie aber fahren auf: ‚Er war hier, er war hier, jetzt ist er fortgelaufen!‘ Also Dmitrij Fedorowitsch waren dagewesen. ‚Er hat Grigorij erschlagen!‘ – ‚Wo?‘ frage ich flüsternd. – ‚Dort, bei der Zaunecke!‘ zeigen sie und flüstern selber gleichfalls. – ‚Wartet,‘ sage ich. So ging ich denn zu selbiger Ecke und stieß denn auch dort beim Zaun auf den liegenden Grigorij Wassiljewitsch, der ganz blutüberströmt und bewußtlos war. So mußte es denn wahr sein, dachte ich sogleich bei mir, daß Dmitrij Fedorowitsch gekommen waren, und in selbigem Moment beschloß ich auch, alles zu beenden, sintemal Grigorij Wassiljewitsch, wenn er auch noch lebte, doch bewußtlos war und vorläufig nichts sehen noch hören konnte. Nur eine Gefahr war dabei, daß nämlich Marfa Ignatjewna inzwischen aufwachen könnte. Das fühlte ich wohl in diesem Moment, nur hatte mich selbige Gier schon so erfaßt, daß mir sogar der Atem wegblieb. Ich ging wieder zum Fenster des Herrn und sagte: ‚Sie sind hier, Agrafena Alexandrowna sind gekommen, sie lassen bitten, hereinkommen zu können.‘ Wie sie da am ganzen Körper zusammenfuhren, rein wie ein Kind! ‚Wo hier? Wo?‘ fragen sie, stöhnen nur noch vor Aufregung, selbst aber glauben sie noch nicht. – ‚Dort steht sie,‘ sage ich, ‚macht nur die Tür auf!‘ – Da sehen sie mich an, mir gerade ins Gesicht, ich stand draußen am Fensters, mein Gesicht war beleuchtet; und sie glauben und glauben auch wieder nicht, zu öffnen aber fürchten sie sich. ‚Jetzt fürchtet er sogar schon mich,‘ denke ich bei mir. Und – wie lächerlich: da fällt mir plötzlich ein, selbige Zeichen, die ‚Gruschenka ist gekommen‘ bedeuten, an den Fensterrahmen zu klopfen, _vor ihren Augen_ selbiges zu klopfen. Den Worten schienen sie nicht recht zu glauben, sobald ich aber selbige Zeichen geklopft hatte, da glaubten sie sofort und liefen eilig hin, um die Tür aufzumachen. Und sie machten auch auf. Ich wollte schon eintreten, sie aber stehen noch vor, wollen mit dem Körper mir den Eingang versperren, wollen mich nicht ganz hereinlassen. – ‚Wo ist sie? Wo ist sie?‘ fragen sie, blicken mich an und zittern. Nun, denke ich, wenn er schon mich fürchtet – so ist es schon schlimm genug. Und da wurden mir auch die Füße ganz schwach von selbiger Angst, daß sie mich vielleicht nicht zu sich hereinlassen oder um Hilfe rufen würden, oder Marfa Ignatjewna herbeigelaufen kommt, oder sonstig was geschieht, ich weiß schon nicht mehr, ich stand wohl selber ganz bleich vor ihnen. Da flüstere ich ihnen denn ganz leise zu: ‚Aber dort selbentlich, dort unterm Fenster, wie, habt Ihr denn,‘ frage ich, ‚sie nicht gesehen?‘ – ‚Aber so bring sie doch her, bring du sie doch her!‘ sagen sie. – ‚Aber sie fürchten sich doch gewaltig,‘ sage ich, ‚sie haben vom Geschrei Angst bekommen, sie haben sich hinterm Gebüsch versteckt, geht, ruft sie,‘ sage ich, ‚selber aus dem Fenster.‘ Da liefen sie denn zurück, traten ans Fenster, stellten das Licht aufs Fensterbrett: – ‚Gruschenka,‘ rufen sie, ‚Gruschenka, bist du hier?‘ Selber rufen sie es, zum Fenster aber sich hinausbeugen, wollen sie nicht, keinen Schritt wollen sie von mir fortgehen, alles von wegen selbiger Angst, dieweil sie sich vor mir ganz gewaltig fürchteten, und darum wagten sie nicht, von mir fortzugehen. – ‚Aber seht doch, da sind ja Agrafena Alexandrowna,‘ sage ich, gehe zum Fenster und beuge mich selber ganz hinaus, ‚da sind sie ja, dort hinterm Holunderbusch, sie lachen Euch noch zu, seht Ihr denn wahrhaftig nicht?‘ Da glaubten sie mir mit einemmal, erzitterten am ganzen Leibe – waren doch schon gar zu gewaltig in sie verliebt. Und sie kamen ans Fenster und beugten sich selber weit hinaus. Da ergriff ich denn selbigen Briefbeschwerer, Ihr erinnert Euch seiner wohl noch, das ist doch ein Ding von drei Pfund, holte aus und hieb ihnen von hinten gerade auf den Scheitel mit der Ecke. Sie schrien nicht mal auf. Nur sanken sie plötzlich zusammen, ich aber hieb zum zweiten- und drittenmal. Beim drittenmal fühlte ich, daß ich durchgeschlagen hatte. Und da fielen sie plötzlich hin auf den Rücken, das Gesicht nach oben, ganz von Blut überströmt. Ich betrachtete mich darauf selber: ich war nicht mit Blut bespritzt. Ich wischte den Briefbeschwerer ab, legte ihn wieder hin, stieg auf einen Stuhl und nahm selbiges Geld, das hinter den Heiligenbildern lag, nahm das Geld aus dem Umschlag heraus, den Umschlag aber warf ich vor das Bett auf den Fußboden und daneben auch selbiges rosa Bändchen. Darauf ging ich in den Garten, aber mir zitterten noch immer alle Glieder. Ich ging geradeswegs zu selbigem Apfelbaum, in dessen Stamm die Höhlung ist, – Ihr kennt doch selbige Höhlung, ich aber hatte sie mir schon lange gemerkt; in ihr lag auch ein Lappen und Papier, die hatte ich auch schon lange vorbereitet. Ich wickelte selbige Summe in das Papier und dann in das Zeug und stopfte das Paket dann tief hinein. Dort hat es über zwei Wochen gelegen, erst nach dem Krankenhause nahm ich es heraus, selbige Summe meine ich. Nun, und darauf ging ich denn zurück und legte mich wieder in mein Bett und denke so in meiner Angst: ‚Wenn nun Grigorij Wassiljewitsch ganz totgeschlagen ist, so kann es verflucht gefährlich werden, ist er aber nicht ganz totgeschlagen und kommt er wiederum zu sich, so kommt alles wunderschön heraus, sintemal er dann bezeugen wird, daß Dmitrij Fedorowitsch gekommen waren und alsomit sowohl erschlagen als auch das Geld geraubt haben.‘ Und da fing ich denn an vor lauter Zweifel und Ungeduld zu stöhnen, um Marfa Ignatjewna aufzuwecken. Nun, und endlich wachte sie denn auch auf und kam zu mir gelaufen, wie sie aber sah, daß Grigorij Wassiljewitsch nicht da war, lief sie hinaus. Darauf hörte ich denn, wie sie einmal laut aufschrie im Garten. Nun, und dann ging es die ganze Nacht so weiter, ich aber war da schon ganz und gar beruhigt.“
Ssmerdjäkoff hielt inne. Iwan hatte ihm die ganze Zeit wie im toten Schweigen zugehört, ohne sich zu bewegen, ohne auch nur einmal das Auge von ihm abzuwenden. Ssmerdjäkoff dagegen hatte, während er sprach, nur von Zeit zu Zeit flüchtig zu ihm hingesehen, sonst aber immer zur Seite geblickt. Als er seine Erzählung beendet hatte, war er augenscheinlich selbst sehr erregt. Er atmete schwer. Auf seinem Gesicht trat Schweiß hervor. Doch war es unmöglich zu erraten, ob er nun Reue oder überhaupt etwas empfand.
„Wart,“ sagte Iwan, der noch ein wenig zu überlegen schien, „– aber die Tür? Wenn er die Tür erst für dich aufgemacht hat, wie hat dann Grigorij sie schon vor dir offen gesehen? Grigorij war doch vor dir in den Garten gegangen?“
Bemerkenswert ist, daß Iwan dieses mit der ruhigsten Stimme fragte, sogar in einem ganz anderen, auffallend friedlichen Tone, so daß, wenn in dem Augenblick jemand die Tür geöffnet und von der Schwelle sie gesehen hätte, dieser unbedingt geglaubt haben würde, daß sie beide vollkommen ruhig und friedlich über irgendeinen gewöhnlichen, wenn auch vielleicht interessanten Gegenstand miteinander sprächen.
„Was Grigorij Wassiljewitsch da sagt, er hätte diese Tür offen gesehen, so hat ihm das nur so geschienen,“ sagte Ssmerdjäkoff mit spöttisch verzogenem Lächeln. „Das ist ja doch, ich sage Euch, kein Mensch, sondern sozusagen eine Abart von einem störrischen Wallach. Ohne so etwas gesehen zu haben, es ist ihm ja nur so vorgekommen, besteht er darauf, und den wird kein Mensch mehr davon abbringen. Das ist nun schon so ein ganz besonderes Glück für uns beide, daß er sich so darauf versessen hat, denn auf selbige Aussage hin wird man Dmitrij Fedorowitsch zu guter Letzt doch ganz sicherlich verurteilen.“
„Höre,“ unterbrach ihn Iwan Fedorowitsch zerstreut, wie wenn sich seine Gedanken wieder verwirrt hätten und er sich bemühte, irgend etwas zu erfassen. „Höre ... ich wollte dich noch so vieles fragen, ich habe aber vergessen ... Ich vergesse immer und verwirre mich ... Ja! Sag mir wenigstens das eine: warum machtest du das Geldpaket noch im Zimmer auf, und warum ließest du das Kuvert dort liegen? Warum brachtest du es nicht so fort wie es war ...? Als du davon erzähltest, schien es mir, daß du diese Handlung für selbstverständlich und sehr richtig hieltest ... warum aber – das verstehe ich nicht ...“
„Selbiges habe ich aus einem, wie man sagt, ganz speziellen Grunde getan. Denn ein Mensch, der alles weiß und kennt, wie beispielsweise ich, der selbiges Geld schon früher gesehen hat, der vielleicht noch selber geholfen hat, das Bändchen umzubinden, und mit eigenen Augen zugesehen hat, wie das Kuvert versiegelt und mit der Aufschrift bedacht wurde, aus welchem Grunde wird dann dieser Mensch, wenn, sagen wir, er erschlagen hat, das Paket noch aufbrechen und bei seiner Eile das Geld nachzählen, wo er doch schon sowieso ganz genau weiß, was drin ist? Nein, wenn der Räuber beispielsweise einer wie ich gewesen wäre, so hätte er das Paket in die Tasche geschoben, ohne selbiges noch weiter zu untersuchen, und wäre damit verduftet. Hinwiederum hätten Dmitrij Fedorowitsch ganz anders gehandelt: sie wußten von selbigem Geldpaket nur das, was ich ihnen gesagt hatte, selber aber hatten sie es nie gesehen; alsomit hätten sie, wenn sie es, wie man meint, unter dem Kissen gefunden hätten, gleich hier an Ort und Stelle aufreißen und sich vom Inhalt überzeugen müssen, ob denn in ihm auch wahrhaftig selbige Summe drin ist. Das Kuvert aber hätten sie dort liegen lassen, ohne in der Eile nachzudenken und sich zu sagen, daß selbiges Stück Papier gegen sie als Beweis dienen kann, dieweil sie doch nicht zu stehlen gewöhnt sind, denn sie haben doch in ihrem Leben sicherlich noch nie etwas gestohlen, da sie doch ein geborener Edelmann sind. Wenn sie sich aber in diesem Fall auch entschlossen hätten, das Geld zu stehlen, so wäre selbiges für sie, also ihrer Meinung nach, doch nicht wie ein Diebstahl gewesen, sondern sozusagen: ‚Bin gegangen, um mein gestohlenes Eigentum zurückzunehmen,‘ wie sie das ja auch früher in der ganzen Stadt gesagt haben, daß sie gehen und von Fedor Pawlowitsch ihr Eigentum nehmen würden. Selbigen Gedanken habe ich auch bei meinem Verhör dem Staatsanwalt nicht gerade klar und deutlich gesagt, aber ich habe ihn mit anderen Bemerkungen, und als ob ich selber nichts davon begriffe, so geschoben und so gelenkt, daß er schließlich wie von selbst darauf kommen mußte und alsomit nicht ich es ihnen gesagt hätte, so daß der Herr Staatsanwalt sich vor lauter Freude bloß die Oberlippe geleckt hat ...“
„Und das alles, das alles hast du in dieser kurzen Zeit überlegen können?“ fragte Iwan Fedorowitsch ganz entsetzt vor Verwunderung. Wieder sah er Ssmerdjäkoff erschrocken an.
„Erbarmt Euch! Kann man denn so etwas in den paar Sekunden überlegen! Es war doch alles schon voraus überlegt.“
„Nun ... dann hat dir also der Teufel selber geholfen!“ rief Iwan Fedorowitsch aus. „Nein, du bist nicht dumm, du bist viel klüger, als ich dachte ...“
Er erhob sich vom Stuhl, offenbar in der Absicht, zur Beruhigung seiner Nerven ein paarmal im Zimmer auf und ab zu gehen. Er fühlte, daß er die beklemmende Stimmung nicht mehr ertragen konnte. Da jedoch der Tisch den Weg versperrte und er sich zwischen dem Tisch und der Wand fast hätte durchquetschen müssen, so sah er sich nur einmal wie zerstreut um und setzte sich dann wieder hin. Vielleicht war diese Hemmung, daß er nicht hatte gehen können, der Grund, warum er plötzlich dermaßen gereizt auffuhr, als wäre die Wut übermächtig in ihm geworden.
„Höre, du unseliger, du niedriger Mensch! Begreifst du denn wirklich nicht, daß ich, wenn ich dich nicht totschlage, es nur deswegen nicht tue, weil ich dich zu morgen, zur Gerichtssitzung aufbewahre! Gott sieht,“ rief Iwan aus und erhob die rechte Hand, „daß vielleicht auch ich schuldig bin, vielleicht habe ich tatsächlich den geheimen Wunsch gehabt, daß ... der Vater sterben möge, aber ich schwöre dir, so schuldig, wie du glaubst, bin ich nicht, und vielleicht habe ich dich überhaupt nicht dazu angespornt. Nein, nein, ich weiß, ich habe es nicht getan! Aber gleichviel, ich werde mich morgen selbst anzeigen, morgen vor Gericht, ich habe es schon beschlossen! Ich werde alles sagen, alles! Wir werden beide vor die Richter treten! Und was du auch gegen mich vor ihnen aussagen solltest, was du auch gegen mich bezeugst – ich nehme alles auf mich, denn ich fürchte dich nicht! Ich werde selbst alles bestätigen! Aber auch du wirst vor dem Gericht alles gestehen müssen! Du mußt, du mußt es, wir werden zusammen gehen! So wird es sein!“
Iwan sprach es feierlich und energisch, und schon allein an seinem glänzenden Blick sah man, daß es so sein werde.
„Krank seid Ihr, das sehe ich, ganz krank. Eure Augen schimmern ja ganz gelb,“ sagte Ssmerdjäkoff, doch sprach er es ohne jeden Spott, sogar eher mitleidig.
„Zusammen werden wir gehen!“ wiederholte Iwan, „willst du aber nicht mitkommen, einerlei, so werde ich allein alles bekennen.“
Ssmerdjäkoff schwieg eine Weile, als dächte er nach.
„Nichts wird von alledem geschehen, und Ihr werdet auch nicht hingehen,“ sagte er schließlich in einer Weise, als ob sein Ausspruch jeden Einwand ausschließe.
„Du verstehst mich nicht recht!“ sagte Iwan Fedorowitsch vorwurfsvoll.
„Ihr werdet Euch gar zu sehr schämen, alles von Euch einzugestehn. Und noch mehr als Ihr Euch schämen werdet, wird es unnütz sein, dieweil doch ich sagen werde, daß ich Euch nichts von alledem oder auch nur etwas Derartiges gesagt hätte, und daß Ihr entweder irgendeine Krankheit hättet – wonach es ja auch ganz aussieht – oder aber daß Euch das Brüderchen so leid täte, daß Ihr Euch für dasselbe opfern wolltet und daher das alles gegen mich ausgedacht hättet, sintemal Ihr mich alleweil nur für so viel wie eine Mücke gehalten habt, und nicht für einen Menschen. Und wer wird Euch denn glauben, und habt Ihr denn auch nur einen einzigen Beweis?“
„Hör mal, dieses Geld hast du mir doch jetzt gezeigt, um mich zu überzeugen.“
Ssmerdjäkoff nahm das Buch der „Predigten unseres Issaak Ssirin“, das das Geld bedeckte, und schob es beiseite.
„Dieses Geld nehmt an Euch und bringt es fort,“ sagte Ssmerdjäkoff, tief Atem schöpfend.
„Selbstverständlich werde ich es fortbringen! Aber warum gibst du es denn jetzt mir, wenn du dieses Geldes wegen erschlagen hast?“ Iwan blickte ihn verwundert und fragend an.
„Jetzt brauch ich es überhaupt nicht mehr,“ sagte Ssmerdjäkoff mit unsicherer Stimme und winkte müde mit der Hand ab. „Ich hatte früher einmal so einen Gedanken ... daß ich mit selbiger Summe ein anderes Leben anfangen könnte, in Moskau, oder noch besser, im Auslande ... das war einmal so eine Idee. Hauptsächlich aber darum, weil doch ‚alles erlaubt ist‘. Das habt Ihr mich dazumal ganz richtig gelehrt, und gut habt Ihr es mir erklärt: denn wenn es keinen ewigen Gott gibt, so gibt es überhaupt keine Tugend, und dann braucht man sie ja auch gar nicht. Das habt Ihr vollkommen richtig bemerkt. Das habe auch ich eingesehen.“
„Mit eigenem Verstande?“ fragte Iwan mit verzogenem Lächeln.
„Dank Eurer Führung.“
„Und jetzt hast du also angefangen an Gott zu glauben, wenn du das Geld zurückgibst?“
„Nein, das habe ich nicht angefangen,“ murmelte Ssmerdjäkoff.
„So, – warum gibst du es dann zurück?“
„Ach was ... genug davon ... das hat nichts damit zu tun ...“ Ssmerdjäkoff winkte wieder mit der Hand ab. „Ihr sagtet doch dazumal selber alleweil, daß alles erlaubt sei, warum seid Ihr dann jetzig so aufgeregt, Ihr selber, meine ich? Ihr wollt ja sogar hingehen und gegen Euch selber aussagen ... Nur wird davon nichts geschehen! Ihr werdet nichts gegen Euch aussagen!“ wiederholte Ssmerdjäkoff überzeugt und mit fester Stimme.
„Du wirst es sehen!“ sagte Iwan.
„Das kann ja gar nicht geschehen. Klug seid Ihr sehr, Geld liebt Ihr auch, das weiß ich. Achtung und Ehre liebt Ihr gleichfalls, denn Ihr seid sehr stolz. Weiberschönheit liebt Ihr über alle Maßen, am meisten aber doch, reich zu leben und vor niemandem den Hut ziehen zu müssen – das liebt Ihr sogar am allermeisten. Ihr werdet doch nicht dumm sein und Euer Leben auf alle Zeiten verpfuschen – solche Schande vor Gericht auf Euch nehmen! Ihr seid am allermeisten wie Fedor Pawlowitsch, von allen seinen Kindern seid Ihr ihm am ähnlichsten, ganz seine Seele habt Ihr.“
„Du bist nicht dumm,“ sagte Iwan gewissermaßen verwundert; plötzlich schoß ihm das Blut glühend ins Gesicht. „Ich glaubte zuerst, du seiest dumm ... du hast doch jetzt im Ernst gesprochen?“ fragte er, mit einem ganz anderen Blick als bisher Ssmerdjäkoff betrachtend.
„Nur aus Eurem selbigen Stolz habt Ihr geglaubt, daß ich dumm sei. Nehmt das Geld.“
Iwan nahm die drei Geldpakete und schob sie in die Tasche, ohne sie in etwas einzuwickeln.
„Morgen werde ich es vorweisen, wenn wir vor Gericht sind.“
„Es wird Euch dort doch niemand glauben. Als ob Ihr jetzt nicht selber Geld genug hättet, da habt Ihr eben aus dem eigenen Beutel selbige Dreitausend mitgenommen, und weiter nichts.“
Iwan stand auf.
„Ich sage es dir nochmals, daß, wenn ich dich nicht totgeschlagen habe, es nur geschehen ist, weil ich dich zu morgen noch nötig habe. Behalte das, vergiß es nicht!“