Sämtliche Werke 9-10

Part 84

Chapter 843,793 wordsPublic domain

P. S. Ich schreibe einen Fluch, und doch bete ich dich an! Das fühle ich in meiner Brust. Eine einzige Saite ist noch geblieben, und die klingt fort. Besser ist, man reißt das Herz entzwei. Ich werde mich töten, zuerst aber diesen Hund. Ich werde ihm die Drei entreißen, und sie Dir hinwerfen. Wenn ich auch als Schuft vor Dir stehe, so bin ich doch kein Dieb! Erwarte die Dreitausend. Bei dem Hunde unter dem Kissen. Ein rosa Bändchen. Nicht ich bin ein Dieb, sondern ich werde den Dieb, der mich bestohlen hat, erschlagen. Katjä, sieh nicht verachtungsvoll auf mich herab: Dmitrij ist kein Dieb, er wird nur einen Menschen erschlagen! Er hat den Vater getötet und sich selbst zugrunde gerichtet, um aufrecht stehen zu können und Deine stolze Verachtung nicht ertragen zu müssen. Und Dich nicht lieben zu müssen.

PP. S. Deine Füße küsse ich, leb wohl!

PP. SS. Katjä, bete zu Gott, daß mir die Menschen Geld geben mögen! Dann werde ich meine Hände nicht mit Blut besudeln! Gibt man es mir aber nicht – so lade ich eine Blutschuld auf mich! Töte Du mich!

Dein Sklave und Dein Feind D. Karamasoff.“

Als Iwan dieses „Dokument“ gelesen hatte, erhob er sich taumelnd: Er war überzeugt. So war denn der Bruder der Mörder und nicht Ssmerdjäkoff. Nicht Ssmerdjäkoff – das bedeutete, nicht er, Iwan. Dieser Brief erhielt in seinen Augen fast unbewußt sofort die Bedeutung eines klaren, unanfechtbaren Beweises. Jetzt gab es für ihn keinen Zweifel mehr an Mitjäs Schuld. Bei der Gelegenheit mag noch gesagt sein, daß Iwan niemals der Verdacht gekommen war, Mitjä hätte mit Ssmerdjäkoff zusammen den Mord begangen, ganz abgesehen davon, daß die Tatsachen eine solche Annahme nicht zuließen.

Iwan war vollkommen beruhigt. Am nächsten Morgen dachte er nur noch mit Verachtung an Ssmerdjäkoff und dessen höhnische Worte. Nach ein paar Tagen wunderte er sich sogar darüber, wie ihn die Beschuldigungen dieser Dienerseele so qualvoll hatten kränken können. Er beschloß, ihn zu verachten und zu vergessen. So verging ein Monat. Iwan Fedorowitsch zog weiter bei niemandem Erkundigungen über ihn ein, nur hörte er einmal davon sprechen, daß Ssmerdjäkoff sehr krank und nicht bei vollem Verstande sei. „Der wird mit Irrsinn enden,“ hatte sich einmal unser junger Arzt Warwinskij über ihn geäußert, und Iwan Fedorowitsch hatte sich diesen Ausspruch gut gemerkt. In der letzten Woche dieses Monats aber fing er selbst an, sich gesundheitlich sehr schlecht zu fühlen. Er hatte sich auch schon von dem Doktor, den Katerina Iwanowna aus Moskau verschrieben hatte, und der ein paar Tage vor der Gerichtssitzung angekommen war, untersuchen lassen. Und gerade in dieser Zeit hatten sich seine Beziehungen zu Katerina Iwanowna aufs äußerste zugespitzt. Sie waren wie zwei erbitterte Feinde, die sich nur ineinander verliebt hatten. Katerina Iwanownas Rückfälle in ihre frühere Liebe zu Mitjä, die zwar gewöhnlich nur kurz, doch dafür um so stärker waren, konnten Iwan geradezu rasend machen. Doch eines war dabei sonderbar: Bis zu jener bereits wiedergegebenen Szene bei Katerina Iwanowna, nachdem Aljoscha, von Mitjä kommend, mit ihm zusammen eingetreten war, hatte er, Iwan, sie noch kein einziges Mal während des ganzen Monats einen Zweifel an Mitjäs Schuld aussprechen hören, trotz aller ihrer „Rückfälle“ zu Mitjä, die ihm so maßlos verhaßt waren. Bemerkenswert ist ferner noch, daß Iwan, obwohl er fühlte, wie er Mitjä mit jedem Tage immer noch mehr haßte, zu gleicher Zeit sich doch klar bewußt war, daß er ihn nicht wegen dieser Rückfälle Katjäs haßte, sondern _einzig und allein deshalb, weil er den Vater erschlagen hatte_! Das fühlte er, und das wußte er. Nichtsdestoweniger war er ungefähr zehn Tage vor der Gerichtssitzung zu Mitjä gegangen und hatte ihm den Vorschlag gemacht, zu fliehen, – er hatte ihm seinen ganzen Plan auseinandergesetzt. Augenscheinlich hatte er diesen Plan schon lange ausgearbeitet. Hierbei gab es außer dem Hauptgrund, der ihn dazu bewogen hatte, noch eine andere Ursache, aus der er dies tat: Es war das die noch immer nicht vernarbte Streifwunde in seinem Herzen, die von dem einen kleinen Wort Ssmerdjäkoffs zurückgeblieben war: daß es ihm, Iwan, zustatten käme, wenn man den Bruder verurteilte, da er dann statt Vierzig-, Sechzigtausend erben werde. Deshalb hatte er beschlossen, ganze dreißigtausend Rubel allein von seiner Erbschaft zu geben, um dem Bruder die Flucht zu ermöglichen. Als er aber damals von ihm aus dem Gefängnis zurückgekehrt war, hatte ihn eine traurige, düstere Erregung überfallen: Er hatte plötzlich gefühlt, und er war sich des Gefühls immer bewußter geworden, daß er die Flucht nicht nur deswegen wünschte, um für sie die Dreißigtausend zu opfern, damit die Streifwunde in seinem Herzen vernarben konnte, sondern noch aus einem anderen, halb unbewußten Grunde. „Ist es vielleicht nicht, weil in der Seele auch ich ein ebensolcher Mörder bin?“ hatte er sich damals gefragt. Etwas Fernes, doch Brennendes vergiftete seine Seele. Vor allem hatte in diesem ganzen Monat sein Stolz gelitten, doch davon später ...

... Als Iwan Fedorowitsch nach seinem Gespräch mit Aljoscha an seiner Haustür angelangt war und, schon im Begriff, die Klingel zu ziehen, plötzlich sich entschlossen hatte, nochmals – zum drittenmal – zu Ssmerdjäkoff zu gehen, da hatte er unter dem Einfluß eines jäh ihn überkommenden, bebenden Unwillens gehandelt. Es war ihm plötzlich eingefallen, wie Katerina Iwanowna soeben noch in Aljoschas Gegenwart ausgerufen hatte: „_Du_ bist es, _du_, der mich überzeugt hat, daß er der Mörder ist! Nur dir allein habe ich es geglaubt!“ Als ihm diese Worte wieder einfielen, ergriff es ihn wie ein Kältegefühl, das ihn erstarren machte, und es war ihm, als würden seine Glieder steif: Nie im Leben hatte er ihr so etwas gesagt oder gar sie davon zu überzeugen gesucht, daß Mitjä der Mörder sei, er hatte doch noch in ihrer Gegenwart sich selbst verdächtigt, damals, als er von Ssmerdjäkoff gekommen war. Im Gegenteil, _sie_ hatte ihn daraufhin von der Schuld des Bruders überzeugt: Hatte sie ihm doch das „Dokument“ gezeigt, das Mitjäs Schuld bewies! Und nun plötzlich sagt sie: „Ich bin selbst bei Ssmerdjäkoff gewesen!“ Wann ist sie bei ihm gewesen? Iwan wußte nichts davon. Also war sie dann doch nicht so überzeugt von Mitjäs Schuld! Und was hatte Ssmerdjäkoff ihr sagen können? Unbändiger Zorn erhob sich in seinem Herzen. Er begriff nicht, wie er ihr vor einer halben Stunde diese Worte hatte durchlassen können. Er hatte schon den Griff des Glockenzuges erfaßt, doch plötzlich wandte er sich zurück und begab sich zu Ssmerdjäkoff. „Vielleicht werde ich ihn heute noch erschlagen,“ dachte er bei sich.

VIII. Der dritte und letzte Besuch bei Ssmerdjäkoff

Er hatte noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt, als ein scharfer, trockener Wind sich erhob, wie er auch schon am Morgen und Vormittag geweht hatte, und feinen, dichten, trockenen Schnee mit sich brachte. Der Schnee fiel zur Erde, ohne auf ihr haften zu bleiben, der Wind wirbelte ihn wieder auf, und bald begann ein wildes Schneetreiben. In jenem entlegenen Stadtviertel, wo Ssmerdjäkoff wohnte, gab es fast gar keine Straßenlaternen. Iwan Fedorowitsch schritt, indem er unwillkürlich und wie in einem Triebe den Weg verfolgte, durch die Dunkelheit, ohne das Schneegestöber zu bemerken. Der Kopf tat ihm weh, und qualvoll klopfte das Blut ihm in den Schläfen. In seinen Handflächen zuckte es zuweilen wie im Krampf. Das war alles, was er fühlte. Kurz vor dem Häuschen Marja Kondratjewnas erblickte er nicht weit vor sich ein kleines betrunkenes Bäuerlein, in kurzem, altem Wams, das brummend und schimpfend im Zickzack einherwankte. Dann hörte es plötzlich mit dem Schimpfen auf und begann mit heiserer, trunkener Stimme zu singen:

„Ach, mein Wanjka fuhr nach Piter[27] Will nicht warten hier auf ihn ...“

Nach der zweiten Strophe brach er aber ab und fing wieder jemanden zu schimpfen an, um darauf von neuem dasselbe Lied anzustimmen und wieder nach der zweiten Strophe abzubrechen. Noch bevor Iwan Fedorowitsch recht an ihn dachte, empfand er bereits einen wilden Haß auf ihn. Erst nach einer Weile kam er gleichsam zu sich, und sofort ergriff ihn unbezwingbare Lust, das Bäuerlein einfach mit der Faust niederzuschlagen. Dieses Bedürfnis nach einem wuchtigen Faustschlage ergriff ihn übermächtig. Gerade in diesem Augenblick war er ganz nahe an ihn herangekommen, und da stieß plötzlich das wankende Bäuerlein wuchtig mit der Schulter an Iwan Fedorowitsch. In rasender Wut stieß Iwan ihn zurück. Das Bäuerlein taumelte und fiel wie ein Klotz auf die hartgefrorene Erde; er stöhnte nur noch einmal: „Oh – oh, oh!“ und verstummte. Iwan trat an ihn heran. Jener lag auf dem Rücken und rührte sich nicht, schien jedenfalls besinnungslos zu sein. „Der wird erfrieren,“ dachte Iwan und ging seines Weges – zu Ssmerdjäkoff.

Im Flur flüsterte ihm Marja Kondratjewna zu, daß Pawel Fedorowitsch (Ssmerdjäkoff) sehr krank sei, daß er nicht nur zu Bett liege, sondern geradezu wie nicht bei vollem Verstande zu sein scheine und sogar den Tee habe er fortzuräumen befohlen, da er keine Lust habe zu trinken.

„Was, tobt er denn etwa?“ fragte Iwan Fedorowitsch grob.

„Ach wo! Ganz mäuschenstill ist er, nur sprechen Sie bitte nicht lange mit ihm,“ bat Marja Kondratjewna.

Iwan Fedorowitsch öffnete die Tür und trat in die Stube.

Geheizt war sie ebenso stark, wie das vorige Mal, aber es war in ihr sonst einiges verändert worden. Die eine Bank war hinausgeschafft, und an ihrer Stelle stand ein großer alter Lederdiwan, auf dem ein Bett mit ziemlich reinen weißen Kissen aufgeschlagen war. Auf diesem Bett saß Ssmerdjäkoff im selben alten Schlafrock. Der Tisch war vor den Diwan gerückt, so daß es jetzt im Zimmer sehr eng war. Auf dem Tisch lag ein dickes Buch in gelbem Umschlag, doch Ssmerdjäkoff las nicht in ihm, er saß auf dem Bett und tat, wie es schien, nichts. Mit langem, stummem Blick empfing er Iwan Fedorowitsch, ohne sich anscheinend auch nur im geringsten über dessen Erscheinen zu wundern. Er hatte sich sehr verändert, das Gesicht war mager und gelb geworden. Die Augen waren geradezu eingefallen, und die unteren Lider hatten bräunlich-bläuliche Schatten.

„Du scheinst ja tatsächlich krank zu sein?“ sagte Iwan Fedorowitsch, als er eingetreten war, und blieb stehen. „Ich werde dich nicht lange belästigen, ich bleibe im Mantel. Nur – wo kann man sich denn hier setzen?“

Er trat an das andere Ende des Tisches, schob einen Stuhl heran und setzte sich.

„Warum siehst du mich so an, warum schweigst du? ... Ich bin nur mit einer einzigen Frage gekommen und, ich schwöre es, ich werde nicht eher fortgehen, als bis du mir geantwortet hast. Ist Fräulein Werchoffzeff bei dir gewesen?“

Ssmerdjäkoff schwieg lange, betrachtete ihn nur still die ganze Zeit, doch plötzlich winkte er mit der Hand ab und wandte das Gesicht fort zur Seite.

„Was hast du?“ fragte Iwan hart.

„Nichts.“

„Was heißt das?“

„Nun ja, sie ist hier gewesen, was geht das Euch an? Laßt mich in Ruh.“

„Nein, ich werde dich nicht in Ruh lassen! Du sagst es mir sofort, wann sie hier war!“

„Ich hab sogar vergessen, an sie auch nur zu denken,“ sagte Ssmerdjäkoff mit einem verächtlichen Lächeln. Und plötzlich wandte er wieder das Gesicht zu Iwan Fedorowitsch und blickte ihn mit einem so haßerfüllten Blicke an, als wäre er vor lauter Haß bereits irrsinnig geworden. Es war derselbe Blick, mit dem er ihn auch während seines zweiten Besuches vor einem Monat sekundenlang angesehen hatte.

„Wie seht Ihr denn selber aus, warum seid Ihr denn so abgemagert?“ fragte er boshaft.

„Was geht dich meine Gesundheit an, antworte darauf, wonach du gefragt wirst!“

„Aber warum sind denn Eure Augen so gelb geworden, das Weiße vom Augapfel ist ja ganz gelb. Quält Ihr Euch denn so gewaltig?“

Er lächelte verächtlich und brach dann in lautes Lachen aus.

„Hör, ich habe dir gesagt, daß ich nicht ohne Antwort fortgehen werde!“ rief Iwan maßlos gereizt.

„Was drängt Ihr Euch mir auf? Was quält Ihr mich eigentlich?“ fragte Ssmerdjäkoff mit leidendem Ton in der Stimme.

„Ach, Teufel, was gehst du mich an! Beantworte meine Frage, und ich gehe sofort.“

„Ich hab Euch nichts zu antworten.“ Ssmerdjäkoff senkte den Blick zu Boden.

„Sei versichert, daß ich dich zwingen werde, zu antworten,“ sagte Iwan.

„Was kommt Ihr mir alleweil auf den Hals!?“ fragte Ssmerdjäkoff und blickte ihn wieder an, doch lag nicht nur Verachtung, sondern geradezu Ekel vor ihm in seinem Blick. „Wohl weil morgen die Gerichtssitzung ist? Aber man wird Euch doch wegen selbiges nichts tun, dessen könnt Ihr versichert sein! Geht nach Haus und legt Euch ruhig schlafen. Ihr braucht ja nichts zu fürchten.“

„Ich verstehe dich nicht ... warum sollte ich mich vor morgen fürchten?“ fragte Iwan verwundert, und plötzlich überkam ihm tatsächlich eine sonderbare Angst, die ihn wieder wie ein Kältegefühl erfaßte. Ssmerdjäkoff maß ihn mit dem Blick.

„Ihr ver – steht mich nicht?“ fragte er gedehnt und vorwurfsvoll. „Was doch ein kluger Mensch davon haben kann, so eine Komödie aus sich selber zu machen!“

Iwan blickte ihn stumm an. Schon allein dieser ganz unerwartet hochmütige Ton, den dieser, sein früherer Lakei, jetzt plötzlich ihm gegenüber anzuschlagen wagte! ... In solchem Tone hatte er selbst das vorige Mal noch nicht zu sprechen gewagt.

„Ich sage Euch doch, Ihr habt nichts zu fürchten. Ich werde nichts gegen Euch aussagen, und es liegt auch gar keine Verdächtigung vor ... Da sieh doch einer, wie seine Hände zittern. Von wegen was gehn Euch denn die Finger so? Geht nach Haus, _nicht Ihr habt ihn erschlagen_.“

Iwan fuhr zusammen, ihm fielen Aljoschas Worte ein.

„Ich weiß, daß nicht ich ...“ stotterte er.

„Ihr – wißt – es?“ griff sofort Ssmerdjäkoff gedehnt auf.

Iwan sprang auf und erfaßte ihn an der Schulter.

„Sag alles, ekelhafte Amphibie du! Sprich alles aus! Gestehe!“

Ssmerdjäkoff war nicht im mindesten erschrocken. Er blickte nur in sinnlosem Haß Iwan in die Augen; sein Blick schien sich geradezu in ihn hineinzubohren.

„Dann also habt doch Ihr ihn erschlagen, wenn’s so ist,“ flüsterte er ihm plötzlich wie in überwältigendem Haß leise zu.

Iwan sank auf den Stuhl zurück, als hätte er sich besonnen. Ein böses Lächeln erschien auf seinen Lippen.

„Du redest immer noch von dem vorigen Mal? Auch das vorige Mal sprachst du schon ...“

„Auch das vorige Mal begrifft Ihr alles, als Ihr vor mir standet, und Ihr begreift ja auch jetzt alles.“

„Ich begreife nur, daß du verrückt bist.“

„Er wird es wahrhaftig nicht überdrüssig! Wir sitzen doch Auge in Auge, wozu da, sollte man meinen, einander Sand in die Augen streuen wollen und Komödie spielen? Oder wollt Ihr noch immer alles auf mich allein abwälzen, und das noch mir ins Gesicht? _Ihr_ habt ihn erschlagen, _Ihr_ seid der Hauptmörder, ich aber bin nur Euer Handlanger gewesen, Euer getreuer Diener, und nur auf Euren Wunsch habe ich die Sache ausgeführt.“

„Ausgeführt? Ja, hast du ihn denn erschlagen?“

Kälte überlief Iwan. Es war ihm, als ob in seinem Hirn etwas erschüttert wurde, und er erzitterte am ganzen Körper wie von einem Frostschauer. Da erst blickte ihn auch Ssmerdjäkoff verwundert an: Wahrscheinlich machte ihn schließlich doch die Echtheit des Schreckens, den er an Iwan bemerkte, stutzig.

„Ja, habt Ihr denn wahrhaftig nichts davon gewußt?“ stotterte er ungläubig, indem er ihn mit verzogenem Lächeln anblickte.

Iwan sah ihn immer noch unverwandt an, es war, als ob ihm die Stimme abhanden gekommen wäre.

„Ach, mein Wanjka fuhr nach Piter, Will nicht warten hier auf ihn ...“

klang es plötzlich in seinen Ohren.

„Weißt du was: Ich fürchte, daß du ein Traum bist, daß du als Gespenst hier vor mir sitzt,“ stammelte er.

„Hier ist keinerlei Gespenst, außer uns beiden, und dann ist hier noch ein gewisser Dritter. Zweifelsohne ist er jetzt hier, selbiger Dritte, zwischen uns beiden ist er.“

„Wer er? Wer ist hier noch? Welch ein Dritter?“ fragte Iwan Fedorowitsch erschrocken, indem er sich hastig umsah und mit den Augen jemanden in allen Ecken zu suchen begann.

„Dieser Dritte – das ist Gott, selbige Vorsehung meine ich, hier ist sie jetzt neben uns; nur sucht sie nicht, Ihr werdet sie nicht finden.“

„Das hast du gelogen, daß _du_ ihn erschlagen hättest!“ rief Iwan plötzlich wie rasend aus. „Du bist entweder irrsinnig, oder du willst mich nur reizen und dich über mich lustig machen, wie das vorige Mal!“

Ssmerdjäkoff beobachtete ihn immer noch ohne die geringste Furcht, beobachtete ihn und verfolgte jede Bewegung, jeden Gesichtsausdruck geradezu gierig. Er konnte noch immer nicht von seiner Ungläubigkeit lassen, er glaubte immer noch, daß Iwan „alles wisse“ und sich nur verstelle, um „alles auf ihn allein abzuwälzen“ und ohne sich auch nur zu schämen, ihm das noch ins Gesicht zu sagen.

„Wartet mal,“ sagte er schließlich mit schwacher Stimme. Er zog langsam seinen linken Fuß unter dem Tisch hervor und machte sich daran, die Hose aufzukrempeln. Der Fuß stak in einem Pantoffel und einem langen weißen Strumpf. Ohne sich zu beeilen, band er die Hosenbänder los und schob dann seine Finger tief in den Strumpf hinein. Iwan Fedorowitsch sah ihn an – und plötzlich fuhr er wie in konvulsivischem Schreck zusammen.

„Er ist irrsinnig!“ stieß er keuchend hervor, und aufspringend prallte er zurück an die Wand, an die er sich wie in sinnlosem Entsetzen kerzengerade andrückte, mit starrem Blick auf Ssmerdjäkoff. Dieser jedoch ließ sich keineswegs verwirren, er fuhr ruhig fort, im Strumpfe zu suchen, als bemühe er sich immer noch, mit den Fingern etwas in ihm zu erfassen und herauszuziehen. Endlich hatte er es gefaßt, und nun begann er zu ziehen. Iwan Fedorowitsch sah, daß es irgendwelche Papiere sein mußten oder ein ganzes Paket Papiere. Ssmerdjäkoff zog es hervor und legte es auf den Tisch.

„Hier,“ sagte er, und seine Stimme klang geradezu sanft.

„Was?“ fragte Iwan zitternd.

„Wollt Ihr nicht selber nachsehen,“ sagte ebenso sanft Ssmerdjäkoff.

Iwan trat an den Tisch, ergriff bereits das Paket, um es aufzuwickeln, doch plötzlich zog er seine Finger zurück, als hätte er etwas Scheußliches, Furchtbares und Ekelhaftes berührt.

„Die Finger zittern Euch ja immer noch wie im Krampf,“ bemerkte Ssmerdjäkoff und wickelte dann selbst, ohne sich zu beeilen, das Papier auf. Im Umschlag lagen drei Pakete regenbogenfarbener Hundertrubelscheine.

„Hier sind alle, die ganzen Dreitausend, Ihr braucht nicht nachzuzählen. Nehmt es,“ forderte er Iwan auf, mit einem Kopfnicken auf das Geld weisend. Iwan ließ sich auf den Stuhl sinken. Er war kreidebleich.

„Du hast mich erschreckt ... mit diesem Strumpf ...“ sagte er mit ganz eigenartigem Lächeln.

„Habt Ihr es denn bis jetzt wirklich, wahrhaftig nicht gewußt?“ fragte ihn Ssmerdjäkoff noch einmal.

„Nein, ich habe es nicht gewußt. Ich habe immer gedacht, Dmitrij sei es. Bruder! Bruder! Ach!“ Er umklammerte plötzlich seinen Kopf mit beiden Händen. „Hör, sage: Hast du ihn allein erschlagen? Ohne den Bruder oder zusammen mit ihm?“

„Im ganzen nur mit _Euch_ zusammen; mit Euch zusammen habe ich ihn erschlagen. Dmitrij Fedorowitsch aber sind ganz und gar unschuldig.“

„Gut, gut ... Von mir später. Warum zittere ich nur so? ... Ich kann kaum die Worte aussprechen ...“

„Damals wart Ihr alleweil so kühn: ‚alles‘, sozusagen, ‚ist erlaubt‘, jetzt aber sieh doch einer, wie erschrocken Ihr seid!“ stotterte Ssmerdjäkoff verwundert. „Wollt Ihr nicht Limonade trinken, ich werde sogleich bestellen. Selbige kann sehr erfrischen. Nur müßte man vorher dies hier zudecken.“

Und er wies wieder mit einem Kopfnicken auf das Geld. Er bewegte sich bereits, um aufzustehen, Marja Kondratjewna zu rufen und bei ihr die Limonade zu bestellen, doch suchte er noch nach etwas, womit er das Geld hätte zudecken können. Da er aber nichts fand, und das Taschentuch, das er zu dem Zweck hervorzog, wieder ganz vollgeschnaubt war, so nahm er vom Tisch jenes dicke gelbe Buch, das auf ihm lag, und bedeckte damit das Geld. Mechanisch las Iwan Fedorowitsch den Titel: „Die Predigten unseres von Gott erleuchteten Paters Issaak Ssirin“.

„Ich will keine Limonade! Von mir später. Setz dich und sage, wie hast du das gemacht? Sage alles ...“

„Es wäre besser, wenn Ihr den Mantel ablegtet, sonst werdet Ihr ja ganz in Schweiß geraten.“

Iwan Fedorowitsch riß seinen Mantel ab, als wäre es ihm erst jetzt eingefallen, daß er ihn noch anhatte, und warf ihn, ohne sich vom Stuhl zu erheben, auf die Bank.

„Also sprich jetzt bitte, sage alles!“

Er schien ganz ruhig geworden zu sein. Er wartete mit der vollen Überzeugung, daß Ssmerdjäkoff jetzt _alles_ sagen werde.

„Ihr meint, wie selbiges geschehen ist?“ fragte Ssmerdjäkoff aufseufzend. „Auf die allernatürlichste Manier wurde es gemacht, auf selbige Eure Worte hin ...“

„Von meinen Worten später,“ unterbrach ihn wieder Iwan, doch sprach er die Worte bereits mit fester Stimme klar und deutlich aus, als wäre er wieder ganz Herr seiner selbst. „Erzähle nur ausführlich, wie du es gemacht hast. Alles nach der Reihenfolge. Vergiß nichts. Die Einzelheiten sind die Hauptsache, vor allem vergiß nicht die Einzelheiten. Also bitte.“

„Ihr fuhrt fort, und selbigen Tages fiel ich in den Keller ...“

„War es ein Anfall, oder stelltest du dich nur so an?“

„Versteht sich doch von selbst, daß ich mich dazumal nur so anstellte. In allem habe ich mich nur so angestellt. Ich ging selbige Treppe ruhig hinab, bis ganz nach unten und legte mich dann hin, und als ich lag, da erst stieß ich selbiges Geheul aus. Und dann schlug ich um mich, bis man mich hinaustrug.“

„Erlaub! Und auch später, am Tage nach dem Morde und die ganze Zeit im Krankenhause hast du dich verstellt?“

„Nicht die Spur! Gleich am anderen Morgen, alsomit noch vor dem Krankenhause, bekam ich einen echten Anfall, und der war so stark, wie ich einen seit Jahren nicht mehr gehabt habe. Zwei Tage lang war ich ganz und gar bewußtlos.“

„Gut, gut. Fahre fort, erzähl weiter.“

„Man legte mich auf selbiges Bett hinter der Bretterwand. Das hatte ich schon im voraus gewußt, daß man mich wiederum dorthin bringen werde, denn Marfa Ignatjewna hat mich jedesmal, wenn ich krank war, dort hinter selbige Bretterwand bringen lassen, um mich bei sich ganz in der Nähe zu haben. Sie ist alleweil sehr gut zu mir gewesen, von meiner Geburt an. In der Nacht stöhnte ich, aber nur leise. Ich erwartete Dmitrij Fedorowitsch.“

„Wieso erwartetest du ihn? Wußtest du, daß er zu dir kommen werde?“

„Warum denn zu mir? Ich erwartete, daß sie ins Haus kommen würden, denn es gab für mich überhaupt keinen Zweifel mehr daran, daß sie in selbiger Nacht kommen würden, dieweil sie mich krank wußten und keinerlei Nachrichten hatten. Also mußten sie zweifelsohne selber über den Zaun klettern, um etwas, was es auch sei, anzurichten.“

„Wenn er aber nicht gekommen wäre?“

„Dann wäre auch nichts gewesen. Ohne sie hätte ich mich auch zu nichts entschlossen.“

„Gut, gut ... sprich deutlicher, beeile dich nicht, aber die Hauptsache – laß nichts aus!“

„Ich erwartete, daß sie Fedor Pawlowitsch totschlügen ... das stand für mich alleweil fest ... sintemal ich sie schon so zubereitet hatte ... in den letzten Tagen ... Und die Hauptsache – selbige Zeichen waren ihnen bekannt geworden. Sie mußten alsomit bei ihrem Mißtrauen und Jähzorn, die sich doch in jenen Tagen noch gewaltig aufgehäuft hatten, mittels selbiger Zeichen ganz zweifelsohne in das Haus eindringen. Das war doch klar. Und so erwartete ich sie ...“

„Erlaub!“ unterbrach Iwan wieder. „Wenn er ihn aber nun erschlagen hätte, so hätte er doch das Geld genommen und wäre damit fortgegangen: das hättest du dir doch sagen müssen? Was wäre dann noch für dich übriggeblieben? Ich verstehe dich nicht.“