Sämtliche Werke 9-10

Part 20

Chapter 203,751 wordsPublic domain

„Iwan, erlaube mir, noch etwas zu fragen: Hat denn wirklich jeder Mensch das Recht, wenn er auf die übrigen Menschen blickt, zu entscheiden, wer von ihnen es wert ist zu leben, und wer es nicht mehr wert ist?“

„Wozu hier die Frage nach der Würdigkeit hineinmischen? Diese Frage wird in den Herzen der Menschen meistens durchaus nicht auf Grund der Würdigkeit entschieden, sondern auf Grund ganz anderer, viel natürlicherer Dinge. Was aber das Recht betrifft – wer hat denn nicht das Recht, zu wünschen?“

„Doch nicht den Tod des anderen?“

„Und warum schließlich nicht auch den Tod? Und warum sich denn selbst belügen, wenn alle Menschen so leben und am Ende auch anders überhaupt nicht leben können. Fragst du das wegen meiner Worte: ‚Das eine Geschmeiß wird das andere verschlingen!‘ Erlaube dann, in solch einem Falle auch dich zu fragen: Hältst du auch mich wie Dmitrij für fähig, das Blut des Äsop zu vergießen, nun, sagen wir, ihn zu erschlagen, wie?“

„Was fällt dir ein, Iwan! Nicht mit einem einzigen Gedanken habe ich daran gedacht! Und auch Dmitrij halte ich nicht für fähig ...“

„Nun, auch dafür hab Dank,“ sagte Iwan lächelnd. „Wisse, daß ich ihn immer beschützen werde, doch meinen Wünschen lasse ich im gegebenen Falle die vollste Freiheit. Also auf Wiedersehen bis morgen. Verurteile und betrachte mich nicht als einen Verbrecher,“ fügte er mit einem Lächeln hinzu.

Sie drückten sich so fest die Hand, wie sie es vorher noch nie getan hatten. Aljoscha fühlte, daß sein Bruder sich als erster ihm einen Schritt näherte, und daß er das unbedingt mit einer bestimmten Absicht tat.

X. Beide zusammen

Als Aljoscha das Haus seines Vaters verließ, fühlte er sich noch niedergeschlagener und bedrückter, als er vorhin bei seinem Eintritt gewesen war. Sein Verstand schien ihm gleichsam ganz zerstückt und zerstreut zu sein, und zu gleicher Zeit fühlte er, daß er sich fürchtete, das Verstreute zu vereinigen und sich über die allgemeine Ursache und Bedeutung aller quälenden Widersprüche, die er an diesem Tage empfunden hatte, klar Rechenschaft abzulegen. Es war ein bedrückendes, unerklärliches Gefühl, das fast an Verzweiflung grenzte, und das Aljoscha noch nie in seinem Herzen empfunden hatte. Über allen anderen quälenden Zweifeln und Rätseln stand wie ein Berg die eine verhängnisvolle, unlösbare Frage: Womit wird es zwischen dem Vater und dem Bruder dieses furchtbaren Weibes wegen enden? Jetzt war er selbst Augenzeuge gewesen und hatte sie beide in ihrer Eifersucht gesehen. Doch unglücklich, wirklich und furchtbar unglücklich konnte nur Dmitrij sein: ihn erwartete zweifellos großes Leid. Nun aber erwies sich auch, daß es noch andere Menschen gab, die all dieses gleichfalls anging und vielleicht noch viel mehr anging, als Aljoscha sich früher gedacht hatte. Es stellte sich plötzlich sogar etwas Rätselhaftes heraus. Sein Bruder Iwan war ihm einen Schritt näher getreten, was er solange schon gewünscht hatte, und siehe, jetzt fühlte er plötzlich, daß ihn diese Annäherung erschreckte. Und jene Frauen? Wie sonderbar: vorhin war er so unruhig und befangen gewesen, als er sich zu Katerina Iwanowna aufgemacht hatte, nun aber beeilte er sich selbst, schneller zu ihr hinzukommen, ganz als ob er erwartete, bei ihr Rat zu finden. Und doch war es jetzt schwerer, den Auftrag auszurichten als vorhin: die Geldangelegenheit war endgültig entschieden, und Dmitrij, so sagte sich Aljoscha, würde sich jetzt für ehrlos und hoffnungslos verloren halten und darum sich auch in nichts mehr zügeln, sondern sich geradeaus, kopfüber in den Abgrund stürzen. Und zudem hatte er noch befohlen, Katerina Iwanowna auch die letzte Szene zu erzählen.

Es war schon sieben Uhr und es dunkelte bereits, als Aljoscha bei Katerina Iwanowna eintrat. Sie hatte ein sehr geräumiges und bequemes Haus an der Großen Straße gemietet. Aljoscha wußte, daß sie zusammen mit zwei Tanten wohnte; doch war die eine nur die Tante ihrer Stiefschwester Agafja Iwanowna. Das war jene schweigsame Person, die im Hause ihres Vaters, des Oberstleutnants, damals, als sie aus dem Institut nach Hause zum Besuch gekommen war, sie wie eine Magd bedient hatte. Die andere Tante dagegen war eine vornehme, doch gleichfalls arme Dame, eine Moskowiterin. Es hieß, daß sie beide in allen Dingen Katerina Iwanowna gehorchten und bei ihr nur als „Anstandsdamen“ wohnten. Katerina Iwanowna jedoch gehorchte nur ihrer Gönnerin, der alten Generalin, die krankheitshalber in Moskau geblieben war, und der sie wöchentlich zwei Briefe mit ausführlichen Nachrichten über sich schreiben mußte.

Als Aljoscha in das Vorzimmer trat und die Zofe, die ihm die Tür geöffnet hatte, ihn anzumelden bat, schien man im Saal von seiner Ankunft schon zu wissen (vielleicht hatte man ihn vom Fenster aus gesehen), nur hörte Aljoscha noch ein Geräusch wie von hastig forteilenden Frauenschritten und Kleiderrauschen: vielleicht liefen zwei oder drei Frauen aus dem Zimmer. Es schien ihm sonderbar, daß er durch seinen Besuch solch eine Aufregung hervorrief; er wurde aber sofort gebeten, in den Saal einzutreten. Es war das ein großes, elegant, durchaus nicht nach provinziellem Geschmack reich möbliertes Zimmer: kleine Sofas, Couchetten, Chaiselongues, kleine und große Tische waren geschmackvoll gruppiert; an den Wänden hingen Gemälde, Vasen und Lampen standen auf den Tischen und auf besonderen Ständern viele Blumen. Da die Dämmerstunde schon vorrückte, war es etwas dunkel im Saal; Aljoscha bemerkte aber doch auf dem Sofa, auf dem man augenscheinlich noch vor kurzem gesessen hatte, einen seidenen Überwurf und auf dem Tisch davor zwei unausgetrunkene Tassen Schokolade, Biskuit, eine Kristallschale mit blauen Weintrauben und eine andere mit Konfitüren. Es mußte jemand zu Gast gewesen sein. Aljoscha erriet, daß er einen Besuch gestört hatte und runzelte die Stirn; da aber wurde auch schon eine Portiere zurückgeschlagen, und Katerina Iwanowna trat mit schnellen Schritten auf ihn zu und streckte ihm beide Hände entgegen. Im selben Augenblick brachte das Mädchen zwei brennende Lichte und stellte sie auf den Tisch.

„Gott sei Dank, daß auch Sie endlich gekommen sind! Den ganzen Tag habe ich Gott gebeten, er möge Sie doch endlich zu mir schicken! Setzen Sie sich, bitte.“

Die Schönheit Katerina Iwanownas hatte Aljoscha schon früher frappiert, als ihn sein Bruder Dmitrij auf ihren ausdrücklichen Wunsch ihr vorgestellt hatte. Zu einem Gespräch war es damals zwischen ihnen nicht gekommen. Katerina Iwanowna hatte geglaubt, er sei verlegen geworden, und hatte daher, gleichsam um ihn zu schonen, die ganze Zeit nur mit Dmitrij Fedorowitsch gesprochen. Aljoscha hatte geschwiegen, beobachtet und vieles sehr gut erkannt. Ihn hatten das sichere Auftreten, die stolze Liebenswürdigkeit, das Selbstbewußtsein des hochmütigen Mädchens in Erstaunen gesetzt, und Aljoscha fühlte, daß es wirklich so war, daß Dmitrij nichts vergrößerte oder übertrieb. Er fand ihre großen, dunkelbraunen, feurigen Augen wundervoll und fand, daß sie besonders gut zu ihrem länglichen, blaß-gelblichen Gesicht standen. Doch war in diesen Augen, wie in den Linien der wundervoll geschnittenen Lippen etwas, in das sich sein Bruder wohl verliebt haben konnte, doch das er vielleicht nicht lange lieben werde. Diese Beobachtung teilte er dann auch seinem Bruder mit, als der nach dem Besuch in ihn drang und ihn bat, nicht zu verheimlichen, welch einen Eindruck sie auf ihn gemacht hatte.

„Du wirst mit ihr glücklich sein; aber vielleicht ... wird es kein ruhiges Glück werden.“

„Das ist’s ja; solche Menschen bleiben wie sie sind, die geben sich nicht mit ihrem Schicksal zufrieden. Also du glaubst, daß ich sie nicht ewig lieben werde?“

„Nein, vielleicht wirst du sie ewig lieben; aber vielleicht wirst du mit ihr nicht immer glücklich sein.“

Als Aljoscha damals seine Meinung geäußert hatte, war er vor Ärger über sich, daß er den Bitten seines Bruders Gehör gegeben und so „dumme“ Gedanken ausgesprochen hatte, heftig errötet, denn sofort, nachdem er es getan, war ihm seine Äußerung furchtbar dumm erschienen, und es war ihm sehr peinlich gewesen, daß er so vorwitzig über eine Frau geurteilt hatte. Um wieviel größer war nun seine Verwunderung, als er jetzt schon beim ersten Blick auf die ihm entgegentretende Katerina Iwanowna fühlte, daß er sich damals vielleicht sehr versehen hatte. Ihr Gesicht strahlte diesmal von unverfälschter, offenherziger Güte, von gerader, lebhafter Herzlichkeit. Von dem ganzen früheren „Stolz und Hochmut“, die Aljoscha das erstemal so betroffen gemacht hatten, war jetzt nur noch eine kühne, edle Energie und ein gewisser klarer, mächtiger Glaube an sich selbst zu bemerken. Schon nach dem ersten Blick auf sie, schon nach den ersten Worten begriff Aljoscha, daß ihr die ganze Tragik ihres Verhältnisses zu dem von ihr so geliebten Menschen durchaus kein Geheimnis war, daß sie vielleicht schon alles wußte, alles. Und doch lag soviel Licht auf ihrem Antlitz, soviel Glaube an die Zukunft. Aljoscha fühlte sich plötzlich im Ernst vor ihr schuldig, und es war ihm fast, als ob er es mit Absicht geworden wäre. Sie hatte ihn sofort besiegt und angezogen. Außerdem fiel ihm auch schon nach ihren ersten Worten auf, daß sie sehr erregt war, was bei ihr nur selten vorkam; es war eine Erregung, die beinahe sogar einer Art Begeisterung glich.

„Ich habe Sie darum so sehnsüchtig erwartet, weil ich jetzt nur von Ihnen allein die ganze Wahrheit erfahren kann, nur von Ihnen allein!“

„Ich bin gekommen ...“ begann Aljoscha verwirrt, „ich ... er hat mich geschickt –“

„Ah, er hat Sie also geschickt; nun, das ahnte ich ja. Jetzt weiß ich alles, alles!“ rief Katerina Iwanowna mit aufblitzenden Augen aus. „Warten Sie, Alexei Fedorowitsch, ich werde Ihnen zuerst sagen, warum ich Sie so erwartete. Sehen Sie, ich weiß vielleicht viel mehr als Sie selbst; ich brauche nicht Nachrichten von Ihnen, sondern etwas anderes: ich will Ihre eigene, persönliche Meinung, ich will den Eindruck wissen, den er zuletzt auf Sie gemacht hat; ich will, daß Sie mir ganz aufrichtig sagen, ohne jede Ausschmückung, ganz brutal sogar (o, so brutal, wie Sie nur wollen!), wie Sie ihn jetzt, nach Ihrem heutigen Wiedersehen, selbst beurteilen. Das wird vielleicht noch besser sein, als wenn ich, zu der er nicht mehr kommt, mich persönlich mit ihm aussprechen würde. Verstehen Sie, was ich von Ihnen will? Jetzt sagen Sie mir, womit er Sie zu mir geschickt hat (ich wußte ja, daß er Sie zu mir schicken werde!); sprechen Sie ganz einfach, sagen Sie alles, bis aufs letzte Wort! ...“

„Er sagte mir, ich soll Ihnen ... seinen Abschiedsgruß überbringen und sagen, daß er nicht mehr kommen werde ... und grüßen läßt.“

„Seinen Abschiedsgruß? Hat er das so gesagt, so sich ausgedrückt?“

„Ja!“

„Vielleicht flüchtig, nebensächlich, ohne so genau ans Wort zu denken?“

„Nein, er befahl gerade, ich solle dieses Wort überbringen: ‚seinen Abschiedsgruß‘. Er bat mich dreimal darum, damit ich es nicht vergesse.“

Katerina Iwanowna schoß das Blut ins Gesicht.

„Helfen Sie mir jetzt, Alexei Fedorowitsch; jetzt bedarf ich Ihrer Hilfe: Ich werde Ihnen zuerst sagen, was ich denke, und Sie sollen mir dann nur sagen, ob Sie es für richtig halten oder nicht. Also hören Sie: Wenn er Ihnen ganz flüchtig gesagt hätte, mir seinen Abschiedsgruß zu überbringen, ohne auf dem Wort zu bestehen, ohne es zu unterstreichen, so wäre alles aus ... Das wäre das Ende! ... Wenn er aber so besonders auf diesem Wort bestand, wenn er Sie so besonders beauftragt hat, mir gerade den _Abschiedsgruß_ zu überbringen – so muß er sehr erregt, vielleicht außer sich gewesen sein. Er entschloß sich vielleicht erst und erschrak vor seinem Entschluß! Er ist nicht festen Schrittes von mir fortgegangen, sondern hat sich hinab in den Abgrund gestürzt. Die ausdrückliche Betonung dieses Wortes kann ja nur Prahlerei gewesen sein.“

„Ja, ja!“ bestätigte Aljoscha lebhaft, „jetzt scheint es mir auch so.“

„Wenn das aber so ist, dann ist er noch nicht verloren! Er ist nur sehr verzweifelt; aber ich kann ihn noch retten. Warten Sie: Hat er zu Ihnen nicht noch etwas von Geld gesprochen, von dreitausend Rubeln?“

„Er hat nicht nur davon gesprochen, sondern das war es gerade, was ihn am meisten bedrückte. Er sagte, er sei jetzt ehrlos geworden, und jetzt wäre schon alles einerlei,“ antwortete Aljoscha erregt, da er fühlte, wie sich von neuem Hoffnung in seinem Herzen erhob, und daß es möglicherweise wirklich noch eine Rettung für seinen Bruder gab. „Aber wie ... wissen Sie denn etwas von diesem Geld?“ fragte er erschrocken und verstummte plötzlich.

„Schon lange und ganz genau. Ich telegraphierte nach Moskau und erfuhr sofort, daß man das Geld nicht erhalten hatte. Er hatte also damals das Geld nicht abgeschickt! Aber ich schwieg. In der vorigen Woche erfuhr ich dann, wie sehr er gerade damals das Geld nötig gehabt hatte, und wie sehr er es noch jetzt nötig hat ... Ich verfolge ja doch nur ein einziges Ziel: Er soll wissen, zu wem er immer zurückkehren kann, und wer sein treuester Freund ist. Er aber will nicht glauben, daß ich das bin; er will mich nicht einmal näher kennen lernen; er sieht auf mich nur wie auf ein – Weib. Diese ganze Woche hat mich nur die eine furchtbare Sorge gequält: Was soll ich tun, damit er sich nicht der Verausgabung dieser Dreitausend vor mir schämt? Oder mag er sich auch schämen, vor allen, vor sich selbst; aber vor mir soll er sich nicht schämen. Gott gesteht er doch alles, ohne sich zu schämen. Warum weiß er noch immer nicht, wieviel ich für ihn ertragen kann? Warum, warum kennt er mich nicht; wie wagt er es, mich noch immer nicht zu kennen, nach allem, was schon geschehen ist? Ich will ihn auf ewig retten; mag er mich meinetwegen als seine Braut vergessen! Und nun fürchtet er sich vor mir – wegen seiner Ehre? Ihnen alles zu sagen, hat er sich doch nicht gefürchtet; warum habe _ich_ denn bis jetzt noch nicht dasselbe Vertrauen verdient?“

Die letzten Worte sprach sie mit Tränen in den Augen; Tränen rollten ihr über die Wangen.

„Ich muß Ihnen noch mitteilen,“ sagte Aljoscha mit zitternder Stimme, „was, kurz bevor ich herkam, geschehen ist.“

Und er erzählte ihr die ganze Szene; erzählte, daß ihn Dmitrij zum Vater mit der Bitte um Geld geschickt hatte, wie er aber dann selbst hereingestürzt war, den Vater verprügelt und ihm, Aljoscha, dann noch einmal und eindringlich befohlen hatte, den „Abschiedsgruß“ zu überbringen ... – „Und darauf ging er zu jener ...“ fügte Aljoscha leise hinzu.

„Und Sie glauben, daß ich das nicht überwinden kann? Er glaubt, daß ich’s nicht kann? Aber er wird sie ja nicht heiraten!“ Sie lachte nervös auf. „Kann denn ein Karamasoff ewig in dieser Leidenschaft bleiben? Das ist Leidenschaft, aber nicht Liebe. Er wird sie nicht heiraten, denn sie wird ihn nicht heiraten ...“ sagte sie wieder mit sonderbarem Lachen.

„Er wird sie vielleicht doch heiraten,“ sagte Aljoscha traurig, den Blick zu Boden gesenkt.

„Ich sage Ihnen, er wird sie nicht heiraten! Dieses Mädchen – ist ein Engel, wissen Sie das auch? Wissen Sie das?“ rief plötzlich in ganz auffallender Begeisterung Katerina Iwanowna. „Das ist das phantastischste aller phantastischen Geschöpfe! Ich weiß, wie bezaubernd sie ist, aber ich weiß auch, wie gut sie ist, wie charakterfest, wie edel. Warum sehen Sie mich so an, Alexei Fedorowitsch? Wundern Sie meine Worte, oder glauben Sie mir vielleicht nicht? Agrafena Alexandrowna, mein Engel!“ rief sie plötzlich jemandem zu, zur Tür des Nebenzimmers gewandt, „kommen Sie her zu uns, hier ist ein lieber Mensch, Aljoscha Karamasoff, er weiß alles, zeigen Sie sich ihm!“

„Ich wartete die ganze Zeit hinter der Portiere nur darauf, daß Sie mich rufen,“ antwortete darauf eine weiche, etwas süßliche Frauenstimme.

Die Portiere wurde zurückgeschlagen und ... Gruschenka trat lachend ins Zimmer. Sie näherte sich dem Tisch. Aljoscha fühlte, daß ihn etwas durchzuckte. Er umklammerte sie geradezu mit seinem ganzen Blick und konnte die Augen nicht mehr von ihr abwenden. Das also war sie, sie, dieses furchtbare Weib, – das „Tier“, wie sich vor einer halben Stunde Iwan über sie geäußert hatte. Und nun stand vor ihm, wie es auf den ersten Blick schien – das gewöhnlichste und einfachste Geschöpf, ein gutes, liebes Wesen, zwar ein hübsches Weib, aber eines, das so ähnlich allen anderen hübschen, doch „gewöhnlichen“ Frauen war. Allerdings war sie schön, sogar sehr schön, – eine russische Schönheit, wie sie von vielen so leidenschaftlich geliebt wird. Sie war ziemlich groß, doch etwas kleiner als Katerina Iwanowna (da diese schon von sehr hohem Wuchs war), in der Gestalt recht voll, mit weichen, gleichsam „lautlosen“ Körperbewegungen, als ob dieselben, wie ihre Stimme, gleichfalls so sonderbar, fast süßlich ausgearbeitet wären. Sie kam nicht wie Katerina Iwanowna ins Zimmer, – mit munteren, festen Schritten; nein, unhörbar näherte sie sich ihnen. Keinen Schritt hörte man auf dem Fußboden. Weich ließ sie sich auf den Lehnstuhl nieder, weich rauschte ihr prächtiges schwarzes Seidenkleid, und verzärtelt hüllte sie ihren vollen, wie Schaum weißen Hals und ihre breiten Schultern in einen teuren schwarzen Schal. Sie war zweiundzwanzig Jahre alt, und ihr Gesicht drückte auch genau dieses Alter aus. Ihr Teint war sehr weiß, und nur ihre Wangen hatten einen blaßrosa Schimmer. Das Gesicht war vielleicht etwas zu breit, und der untere Kiefer trat ein wenig vor. Die Oberlippe war schmal und fein, doch die Unterlippe war voller und fast wie geschwollen. Aber ihr prachtvolles, reiches, dunkelblondes Haar, die dunklen, feingezeichneten Augenbrauen und ihre wundervollen graublauen Augen mit den langen Wimpern hätten selbst den gleichgültigsten und zerstreutesten Menschen, einerlei wo, in der Volksmenge, beim Spaziergang, im Gedränge auf der Straße gezwungen, plötzlich vor diesem Gesicht stehenzubleiben und es auf lange in der Erinnerung zu behalten. Am meisten machte Aljoscha der naive, gutmütige Ausdruck dieses Gesichts betroffen. Sie blickte ihn an wie ein Kind, freute sich über irgend etwas wie ein Kind, und sie „freute“ sich gerade, als sie sich ihnen näherte, wie wenn sie mit kindlich ungeduldiger, zutraulicher Neugier etwas Besonderes erwarte. Ihr Anblick machte das Herz froh, – das fühlte Aljoscha. Es war noch etwas in ihr, worüber er sich nicht hätte Rechenschaft geben können, vielleicht weil er es nicht verstand, etwas, das aber auch ihm sich unbewußt mitteilte, nämlich wiederum diese Weichheit, Zärtlichkeit der Körperbewegungen, diese katzenhafte Unhörbarkeit ihrer Schritte. Und doch war es eine starke, volle Gestalt. Unter dem weichen Schal zeichneten sich breite, volle Schultern ab, eine hohe, noch ganz jugendliche Brust. Dieser Körper hatte vielleicht die Formen der Venus von Milo, obgleich er auch jetzt schon in den Verhältnissen etwas übertrieben sein mußte, – das konnte man ahnen. Kenner russischer Frauenschönheit hätten vielleicht bei Gruschenkas Anblick gesagt, daß solche frische, noch jugendliche Schönheiten schon mit dreißig Jahren die Harmonie verlieren, daß auch das Gesicht dann schon verschwommen aussieht, daß um die Augen herum und auf der Stirn ungewöhnlich schnell kleine Fältchen entstehen und die Gesichtsfarbe ihre Zartheit verliert und rot wird. Mit einem Wort, daß es eine flüchtige Schönheit war, eine Augenblicksschönheit, die man so häufig gerade bei der russischen Frau findet. Doch daran dachte Aljoscha natürlich nicht in diesem Augenblick. Nur – wie bezaubert er auch war, so fragte er sich doch mit einer gewissen unangenehmen Empfindung: Warum zieht sie die Worte so in die Länge, warum kann sie nicht natürlich sprechen? Sie tat es augenscheinlich, weil sie diese gezogene und verstärkt-süßliche Aussprache schön fand. Das war natürlich nur eine dumme Angewohnheit schlechten Tones, die von ihrer geringen Bildung und von Kindheit an falschen Auffassung des Vornehmen zeugte. Und doch erschien Aljoscha diese singende Aussprache der Worte fast wie ein unmöglicher Widerspruch zu diesem kindlich-offenherzigen und gutmütig-freudigen Gesichtsausdruck, zu diesem stillen, glücklichen Leuchten ihrer Kinderaugen! Katerina Iwanowna zog sie sofort auf den Lehnstuhl neben sich und küßte sie entzückt mehrmals auf ihre lachenden Lippen. Sie schien in sie geradezu verliebt zu sein.

„Wir sehen uns heute zum ersten Male, Alexei Fedorowitsch,“ sagte sie ganz berauscht; „ich wollte sie kennen lernen, sie sehen, ich wollte selbst zu ihr gehen, sie aber kam schon auf meine erste Bitte zu mir. Ich wußte es ja, daß wir beide alles sofort gutmachen würden, alles! Mein Herz fühlte es voraus ... Man bat mich himmelhoch, diesen Schritt zu unterlassen, aber ich ahnte ja, daß hier die Rettung war, und täuschte mich nicht. Gruschenka hat mir jetzt alles erzählt und erklärt, alle ihre Absichten; sie ist wie ein guter Engel zu mir gekommen und hat mir Ruhe und Freude gebracht ...“

„Sie haben mich nicht verachtet, liebes, wertes Fräulein,“ sagte Gruschenka in ihrem gezogenen, singenden Tone und immer noch mit demselben freudigen Lächeln.

„Sagen Sie mir nie mehr, nie mehr so etwas, Sie schlimme Zauberin! Sie und verachten! Sehen Sie, ich werde gleich noch einmal ihre Lippen abküssen. Sie sind bei Ihnen ganz wie geschwollen, also damit sie noch mehr anschwellen, küsse ich sie, und werde sie wieder küssen, und wieder ... Sehen Sie, wie sie lacht, Alexei Fedorowitsch, wirklich, das Herz lacht einem, wenn man diesen Engel ansieht ...“ Aljoscha war rot im Gesicht und zitterte. Es war ein bebendes, unmerkliches Zittern.

„Sie hätscheln mich, liebes Fräulein, ich aber bin Ihrer Liebkosung vielleicht gar nicht wert.“

„Nicht wert! Sie soll ihrer nicht wert sein!“ rief wieder mit derselben Begeisterung Katerina Iwanowna. „Wissen Sie auch, Alexei Fedorowitsch, daß wir ein phantastisches Köpfchen haben, ein eigenwilliges, aber stolzes, überstolzes Herzchen haben! Wir sind edel, Alexei Fedorowitsch, wir sind großmütig, wissen Sie das auch? Wir waren nur unglücklich. Wir waren nur zu schnell bereit, einem unwürdigen oder vielleicht auch nur leichtsinnigen Menschen jedes Opfer zu bringen. Es war einmal einer, gleichfalls ein Offizier, wir gewannen ihn lieb und gaben ihm alles; das war schon vor langer Zeit, vor fünf Jahren war’s, er aber vergaß uns, er heiratete eine andere. Jetzt ist er verwitwet, jetzt hat er geschrieben und kommt schon her – und wissen Sie auch, daß wir ihn allein, nur ihn allein die ganze Zeit über geliebt haben, bis auf den heutigen Tag! Er wird herkommen, und Gruschenka wird wieder glücklich sein, doch all diese fünf Jahre lang war sie unglücklich. Und wer kann ihr denn etwas vorwerfen, wer kann sich ihrer Zuneigung rühmen? Nur dieser eine gelähmte Greis, dieser Kaufmann, – aber er war eher unser Vater, unser Freund und Beschützer. Er fand uns damals in der Verzweiflung, in Qualen, verlassen von dem, den wir über alles liebten ... sie wollte sich ja damals ertränken, der Alte hat sie doch gerettet, gerettet!“

„Sie verteidigen mich schon gar zu sehr, mein liebes Fräulein, Sie übertreiben,“ sang wieder Gruschenka.

„Ich verteidige? Wie soll ich darauf kommen, und darf hier überhaupt jemand etwas zu verteidigen wagen? Gruschenka, mein Engel, geben Sie mir Ihr Händchen, ach, sehen Sie doch, Alexei Fedorowitsch, dieses kleine, weiche, reizende Händchen! – Es hat mir Glück gebracht und mich wieder aufgerichtet und dafür werde ich es gleich küssen, so, so und so!“ Und sie küßte dreimal ganz verzückt Gruschenkas wirklich reizendes, vielleicht nur etwas zu volles Händchen. Gruschenka ließ es unter nervösem, doch hellem, reizendem Lachen geschehen: es war ihr augenscheinlich sehr angenehm, daß das „liebe Fräulein“ ihre Hand küßte.

„Vielleicht ist das doch etwas zu viel der Begeisterung,“ fuhr es flüchtig Aljoscha durch den Sinn. Er errötete. Sein Herz war die ganze Zeit so sonderbar unruhig.

„Beschämen Sie mich doch nicht, indem Sie mir so in Alexei Fedorowitschs Gegenwart die Hand küssen.“