Sämtliche Werke 9-10

Part 19

Chapter 193,792 wordsPublic domain

„Ist recht so, sollst ihn auch lieben.“ (Fedor Pawlowitsch war bereits stark berauscht.) „Hör, Aljoscha, ich sagte deinem Staretz vorhin eine Grobheit. Nun, ich war erregt. Aber in diesem Staretz steckt doch Scharfsinn, er kann wirklich geistreich sein, was meinst du, Iwan?“

„Warum nicht.“

„Doch, doch, _il y a du Piron là dedans_. Das ist ein Jesuit, ein russischer, versteht sich. Als edles Wesen, das er ist, kocht in ihm dieser gewisse verborgene Unwille darüber, daß er sich verstellen muß ... den Heiligen spielen.“

„Aber er glaubt doch an Gott.“

„Nicht für ’ne halbe Kopeke! Und du wußtest das nicht? Er sagt es doch allen selbst, das heißt, nicht allen, sondern nur allen klugen Leuten, die zu ihm kommen. Dem Gouverneur Schulz hat er ganz offen gesagt: ‚_credo_, weiß aber selbst nicht, woran.‘“

„Unmöglich!“

„Genau so, sag ich dir. Aber ich achte ihn sehr. Es ist etwas Mephistophelisches in ihm, oder richtiger, etwas aus Lermontoffs ‚Helden unserer Zeit‘ ... Arbenin oder wie der Kerl da heißt ... das heißt, sieh mal, er ist ein Lüstling; er ist dermaßen Lüstling, daß ich auch jetzt noch für meine Tochter zittern würde, oder für meine Frau, wenn sie zu ihm beichten ginge. Weißt du, wenn er davon erzählt ... Einmal, vor drei Jahren, lud er uns zu sich zum Tee ein, Tee mit einem pikfeinen Likörchen (die Damen schicken ihm alles zu), wie er aber dann von den alten Zeiten zu erzählen begann, da haben wir uns nur den Leib gehalten vor Lachen ... Besonders wie er eine Halbgelähmte geheilt hätte. ‚Wenn’s nur meine Füße erlaubten,‘ sagte er, ‚würde ich Ihnen ein gewisses Tänzchen vortanzen‘ ... Nun, wie? Wie findet ihr ihn? ‚Hab in meinem Leben den Leuten nicht wenig blauen Dunst vorgemacht,‘ sagt er. Vom Kaufmann Demidoff hat er sich runde Sechzigtausend eingezogen.“

„Wie, gestohlen?“

„Der brachte sie zu ihm wie zu einem heiligen Menschen: ‚Verwahr sie, morgen ist bei mir Haussuchung.‘ Nun, der verwahrte sie denn auch. ‚Du hast doch,‘ sagt er darauf, ‚die Sechzigtausend für die Kirche gespendet.‘ Sagte ihm: ‚Ein Schuft bist du.‘ ‚Nein,‘ sagt er, ‚bin kein Schuft, bin nur eine weit angelegte Natur‘ ... Übrigens, das war nicht er ... Das war ein anderer. Ich hab sie nur verwechselt ... ohne es selbst zu bemerken. Nun, jetzt noch ein Gläschen und dann Schluß, nimm die Flasche fort, Iwan. Ich habe gelogen, warum hast du mich nicht unterbrochen, Iwan ... und gesagt, daß ich lüge?“

„Ich wußte, daß Sie es selbst sagen würden.“

„Du lügst, das hast du aus Bosheit nicht getan, nur aus Bosheit. Du verachtest mich. Du bist hergekommen zu mir und verachtest mich jetzt in meinem eigenen Hause.“

„Ich werde sehr bald fortfahren; der Kognak ist Ihnen nicht gerade zuträglich.“

„Ich hab dich himmelhoch gebeten, nach Tschermaschnjä zu fahren ... auf ein, zwei Tage, du aber fährst nicht.“

„Morgen, wenn es Ihnen so sehr darum zu tun ist.“

„Wirst ja doch nicht fahren. Du willst hier auf mich aufpassen, mich bespionieren, siehst du, was du willst, eine böse Seele bist du, und darum wirst du auch nicht fahren.“

Der Alte hörte nicht auf. Er hatte jene Phase der Trunkenheit erreicht, in der viele bis dahin friedliche Trinker sich plötzlich ärgern wollen.

„Was siehst du mich an? Was hast du für Augen? Deine Augen sehen mich an und sagen mir: ‚Betrunkene Fratze.‘ Mißtrauisch sind deine Augen, mit Verachtung blicken deine Augen ... Du bist hergekommen, weil du was ganz Besonderes im Sinne hast. Sieh, Aljoscha blickt einen an, und seine Augen strahlen dabei; der hat keine Hintergedanken. Aljoscha verachtet mich nicht. Aljoscha, du sollst Iwan nicht lieben!“

„Ärgern Sie sich nicht über meinen Bruder! Hören Sie endlich auf, ihn zu beleidigen!“ sagte plötzlich Aljoscha heftig.

„Was, wieso – ich, nun, meinetwegen. Ach, mein Kopf schmerzt. Nimm den Kognak fort, Iwan, zum drittenmal sag ich es dir schon.“ Er verstummte, wurde nachdenklich, und allmählich verzog sich sein Gesicht zu einem schlauen, breiten Lächeln. „Sei nicht bös, Iwan, ärgere dich nicht über den alten Taugenichts. Ich weiß, daß du mich nicht liebst, aber trotzdem ärgere dich nicht. Wofür sollte man mich auch lieben. Wenn du nach Tschermaschnjä fährst, werde ich dich besuchen, Delikatessen mitbringen. Ich werde dir dort ein Mädel zeigen, ich habe sie mir schon längst gemerkt. Vorläufig ist sie noch ein Barfüßchen. Aber laß dich dadurch nicht abschrecken, verachte sie nicht, die Barfüßchen – Perlen, sag ich dir!“

Und er drückte schmatzend einen Kuß auf seine Handfläche.

„Für mich,“ begann er plötzlich ganz belebt, als sei er im Augenblick nüchtern geworden, sobald er nur auf sein Lieblingsthema kam, „für mich ... Ach ihr! Kinderchen! Kleine Ferkelchen seid ihr! Für mich ... hat es sogar in meinem ganzen Leben kein einziges verächtliches Weib gegeben, das ist die Regel, an die ich mich halte! Könnt ihr das begreifen? Ach, wie sollt ihr denn das begreifen können: bei euch fließt ja noch Kindermilch anstatt Blut in den Adern, seid ja doch noch nicht mal aus dem Ei gekrochen! Nach meiner Überzeugung kann man in jedem Weibe ungewöhnlich viel, hol’s der Teufel, Interessantes finden, etwas, das man bei keiner einzigen anderen wiederfinden kann, – nur muß man es zu finden verstehen, das ist der Haken! Dazu gehört eben ein Talent! Unmögliche hat’s für mich überhaupt nicht gegeben: schon allein das, daß sie Weib ist, schon allein das – ist die Hälfte des Ganzen ... aber wie sollt ihr das begreifen! Selbst in den alten Jungfern findest du zuweilen noch so etwas, daß du dich über die übrigen Esel nur wundern kannst, wie sie sie nur haben alt werden lassen, ohne es überhaupt zu bemerken! Die Barfüßigen und Ausrangierten muß man ganz zuerst in Erstaunen setzen, – siehst du, so muß man sie anfassen. Und du wußtest das noch nicht? In Erstaunen muß man sie setzen, in eine Verwunderung, die zum Entzücken wird, die sie schließlich wie Begeisterung durchdringt, daß sich solch ein vornehmer Herr in solch einen Schmutzfink, wie sie, hat verlieben können. ’s ist wahrhaftig schön, daß es immer Hamiten und Herren auf der Welt geben wird, dann wird es auch immer solch eine kleine Scheuermagd geben, und immer auch einen Herrn für sie, das aber ist doch alles, was zum Lebensglück nötig ist! Wart ... hör mal, Aljoschka, mit deiner verstorbenen Mutter machte ich es ebenso, ich setzte sie gleichfalls in Erstaunen, nur kam es dabei anders heraus. Bin lange Zeit nicht zärtlich zu ihr, dann aber, wenn die Minute kommt – falle ich plötzlich vor ihr nieder, krieche auf den Knien vor ihr herum, küß ihr die Füßchen und bringe sie jedesmal, jedesmal – erinnere mich dessen noch wie heute – zu solch einem kleinen Lachen, solch einem trockenen, hellen, nicht lauten, nervösen ganz besonderen Lachen. Nur sie allein hatte solch ein Lachen. Ich weiß, daß damit bei ihr immer die Krankheit anfängt, daß sie morgen als Klikuscha rufen wird, und daß dieses kleine, trockene Lachen nichts weniger als Begeisterung bedeutet ... nun, einerlei, wenn auch Betrug, aber immerhin doch Begeisterung. Seht ihr, was das heißt, in allem so etwas zu finden verstehen! Einmal, weiß ich noch, war Beljäwski – ein hübscher, steinreicher Junge, hatte sich in sie verliebt und kam daher häufig zu uns ... Na ja, was ich sagen wollte, dieser Beljäwski also gab mir plötzlich in meinem eigenen Hause eine Ohrfeige, und zwar in ihrer Gegenwart. Als sie das sah, solch ein Lamm, – ich dachte, sie schlägt mich tot! ‚Jetzt bist du beschimpft,‘ schreit sie, ‚beschimpft, du hast von ihm eine Ohrfeige bekommen! Du hast mich,‘ sagt sie, ‚an ihn verkauft ... Wie hat er es wagen können, dich in meiner Gegenwart zu schlagen! Wage es nicht mehr, zu mir zu kommen, nie mehr, nie mehr! Geh sofort, fordere ihn auf Pistolen‘ ... So daß ich sie damals zur Beruhigung ins Kloster schleppen mußte, die heiligen Väter stellten sie durch Gebete wieder her. Aber, bei Gott, das hatte ich doch nicht von meiner kleinen Klikuscha erwartet! Nur einmal, höchstens einmal, es war noch im ersten Jahr: sie betete damals schon gar zu viel, besonders an den Feiertagen der Muttergottes, dann jagte sie sogar mich fort, in mein Kabinett – schlafen. Ich dachte, wart, werde diese ganze Mystik aus ihr heraustreiben! ‚Siehst du,‘ sage ich, ‚siehst du, das ist dein Heiligenbild, sieh, hier ist es, sieh, ich hab es abgenommen: und jetzt sieh, du hältst es für wundertätig, ich aber werde es jetzt gleich hier vor deinen Augen anspucken, und nichts wird dafür mit mir geschehen!‘ ... Wie sie das sah, Herrgott, denke ich: jetzt wird sie mich totschlagen! Sie aber sprang nur auf, krampfte die Hände zusammen, dann bedeckte sie mit ihnen das Gesicht, erzitterte am ganzen Körper und fiel zu Boden ... einfach so ... Aljoscha, Aljoscha! Was hast du, was fehlt dir?“

Der Alte sprang erschrocken auf. Aljoschas Gesicht hatte sich seit dem Augenblick, da der Vater von seiner Mutter zu sprechen begann, allmählich verändert. Er wurde rot, seine Augen flackerten auf, und die Lippen erzitterten ... Der trunkene Alte schwatzte weiter, daß ihm der Speichel von den Lippen spritzte, und bemerkte nichts davon – bis zu dem Augenblick, da mit Aljoscha plötzlich etwas sehr Sonderbares geschah, und zwar wiederholte sich bei ihm genau dasselbe, was der Alte gerade von seiner „Klikuscha“ erzählte. Aljoscha sprang plötzlich auf, krampfte die Hände zusammen, bedeckte dann mit ihnen das Gesicht und fiel wie vom Blitz getroffen zurück auf den Stuhl; er erbebte plötzlich von einem hysterischen Anfall erschütternder Tränen und schluchzte lautlos. Die ungewöhnliche Ähnlichkeit mit der Mutter frappierte den Alten ganz besonders.

„Iwan, Iwan! Gib schnell Wasser,“ rief er erregt. „Das ist ganz wie sie, ganz genau so wie sie, wie damals seine Mutter! Bespritz ihn ein bißchen mit dem Wasser, so machte auch ich es mit ihr. Er weint wegen seiner Mutter ... wegen seiner Mutter ...“

„Ich glaube, seine Mutter war auch _meine_ Mutter, was meinen Sie wohl?“ stieß plötzlich in unbezwingbarer, zorniger Verachtung Iwan Fedorowitsch hervor.

Der Alte fuhr zusammen vor seinem lodernden Blick. Doch da geschah etwas sehr Sonderbares, allerdings nur auf eine Minute: der Alte schien wirklich vergessen zu haben, daß die Mutter Aljoschas auch die Mutter Iwans war ...

„Wie das – deine Mutter?“ murmelte er verständnislos. „Wie meinst du das? Von welch einer Mutter sprichst du? ... ja, war sie denn auch ... Ach, richtig! Teufel! Sie ist ja auch deine! Ach, Teufel! Nun, das, mein Lieber, das war mir ganz entfallen, verzeih, ich aber glaubte, Iwan ... He–he–he!“

Ein trunkenes, halb sinnloses Lächeln zog wieder sein Gesicht in die Breite. Da hörten sie plötzlich vom Vorzimmer her Geräusch und Gepolter und lautes Geschrei: die Saaltür flog auf, und herein stürzte Dmitrij Fedorowitsch. Der Alte warf sich entsetzt zu Iwan:

„Er schlägt mich tot, er schlägt mich tot! Beschütz mich, beschütz mich!“ rief er heiser und klammerte sich angstvoll an den Rock seines Sohnes Iwan Fedorowitsch.

IX. Die Wollüstlinge

Gleich nach Dmitrij Fedorowitsch stürzten auch Grigorij und Ssmerdjäkoff in den Saal. Sie waren es gewesen, die sich ihm im Vorzimmer entgegengestellt hatten, um ihn nicht hereinzulassen (infolge der ausdrücklichen Anweisung Fedor Pawlowitschs, die dieser schon vor etlichen Tagen gegeben hatte). Grigorij benutzte es, daß Dmitrij Fedorowitsch unschlüssig stehen blieb, um sich im Saale umzublicken, und lief zu der Tür, die dem Eingange gegenüber lag, und die zu den anderen Zimmern, dem Kabinett und dem Schlafzimmer Fedor Pawlowitschs führte: er schloß beide Türflügel und stellte sich dann mit ausgebreiteten Armen davor, als ob er bereit gewesen wäre, diesen Eingang bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Als Dmitrij Fedorowitsch das bemerkte, stieß er einen heiseren, kurzen Schrei aus und stürzte sich auf Grigorij.

„Also dort ist sie! Dort hat man sie versteckt! Fort, Schuft!“

Er wollte Grigorij fortreißen, doch der stieß ihn zurück. Außer sich vor Jähzorn, holte Dmitrij Fedorowitsch weit aus und schlug den alten Diener mit aller Kraft aufs Haupt. Grigorij brach zusammen und fiel zu Boden, Dmitrij Fedorowitsch aber, der über ihn hinwegsprang, stieß die Tür auf und stürzte in die anderen Zimmer. Ssmerdjäkoff blieb im Saal zurück, war bleich und zitterte, und hielt sich ganz fern in einer Ecke.

„Sie ist hier!“ schrie Dmitrij Fedorowitsch. „Ich habe selbst gesehen, wie sie um die Hausecke bog, nur konnte ich sie nicht einholen. Wo ist sie? Wo ist sie?“

Dieser Schrei: „Sie ist hier!“ machte einen unglaublichen Eindruck auf Fedor Pawlowitsch. Die ganze Angst und der höllische Schrecken verließen ihn mit einemmal.

„Halt ihn, halt ihn!“ gröhlte er und jagte Dmitrij Fedorowitsch nach.

Grigorij hatte sich inzwischen erhoben, doch schien er noch nicht recht zu sich zu kommen. Iwan Fedorowitsch und Aljoscha liefen eilig ihrem Vater nach. Da hörte man im dritten Zimmer etwas fallen und klirrend zerschlagen: es war eine große Vase (keine von den teueren), die auf einem hohen Marmorsockel stand, und die Dmitrij Fedorowitsch beim Vorüberlaufen umgeworfen hatte.

„Pack ihn!“ schrie der Alte heiser. „Zu Hilfe! Polizei!“

Doch Iwan Fedorowitsch und Aljoscha holten schon den Alten ein und brachten ihn mit Gewalt in den Saal zurück.

„Wozu laufen Sie ihm nach! Damit er Sie unfehlbar erschlägt!“ rief Iwan Fedorowitsch zornig seinem Vater zu.

„Wanjetschka, Ljoschetschka, sie soll hier sein, hier, Gruschenka! Er sagt, er habe sie selbst gesehen, habe gesehen, wie sie hergelaufen ist ...“

Er verschluckte sich. Er hatte diesmal Gruschenka gar nicht erwartet, und nun machte ihn die plötzliche Nachricht, daß sie gekommen sei, ganz verrückt. Er zitterte am ganzen Körper und schien völlig von Sinnen zu sein.

„Sie haben es doch selbst gesehen, daß sie nicht gekommen ist!“ rief Iwan Fedorowitsch ärgerlich.

„Aber vielleicht doch durch jenen Eingang?“

„Aber jener Eingang ist doch verschlossen, und der Schlüssel steckt, soviel ich weiß, in Ihrer eigenen Tasche ...“

Da erschien Dmitrij Fedorowitsch wieder im Saale. Er hatte natürlich jenen Eingang verschlossen gefunden, und der Schlüssel befand sich tatsächlich in Fedor Pawlowitschs Tasche. Die Fenster aller Zimmer waren gleichfalls geschlossen: folglich konnte Gruschenka unmöglich hinausgegangen sein.

„Halt ihn!“ schrie sofort Fedor Pawlowitsch kreischend auf, als er Dmitrij wieder erblickte. „Er hat dort bei mir im Schlafzimmer Geld gestohlen!“

Und im Augenblick hatte er sich von Iwan losgerissen, um sich wieder auf Dmitrij Fedorowitsch zu stürzen. Der erhob aber seine Hände und packte plötzlich den Alten an den beiden letzten Haarbüscheln, die ihm noch an den Schläfen geblieben waren, riß ihn kräftig zur Seite und schleuderte ihn dann aus aller Kraft zu Boden, worauf er dann dem Liegenden noch zwei-, dreimal mit dem Stiefelabsatz ins Gesicht schlug. Der Alte stöhnte ächzend. Doch schon bändigte Iwan Fedorowitsch seinen älteren Bruder, obgleich er längst nicht so stark war wie dieser und riß ihn fort vom Vater. Aljoscha half ihm dabei noch mit seiner kleinen Kraft, indem er den Bruder von vorne umklammerte.

„Mitjä, Wahnsinniger, du hast ihn ja totgeschlagen!“ rief Iwan.

„Das hat er auch verdient!“ schrie atemlos Dmitrij. „Wenn ich ihn aber noch nicht totgeschlagen habe, so werde ich ihn noch totschlagen. Werdet ihn nicht davor bewahren können!“

„Dmitrij, geh sofort hinaus!“ rief Aljoscha gebieterisch.

„Alexei! Sag du mir, dir allein werde ich glauben: War sie hier, oder war sie nicht hier? Ich habe selbst gesehen, wie sie am Zaun aus der Querstraße hierher einbog. Ich rief sie an, und da lief sie fort ...“

„Ich schwör es dir, daß sie nicht hier war, es hat sie hier überhaupt niemand erwartet!“

„Aber ich hab sie doch selbst gesehen ... Dann muß sie wohl ... Ich werde sofort erfahren, wo sie ist ... Leb wohl, Alexei! Dem Äsop jetzt von Geld kein Wort, zu Katerina Iwanowna aber unverzüglich, und sage unbedingt: ‚Er schickt seinen Abschiedsgruß! Gerade Abschiedsgruß, und seinen ergebensten Diener!‘ Beschreibe ihr die Szene!“

Inzwischen hatten Iwan und Grigorij den Alten aufgehoben und in einen Lehnstuhl gesetzt. Sein Gesicht war blutig, doch war er noch bei Besinnung und fing gierig die Schreie Dmitrijs auf. Er glaubte immer noch, daß Gruschenka sich irgendwo im Hause versteckt habe. Dmitrij Fedorowitsch warf noch einmal beim Fortgehen einen haßerfüllten Blick auf ihn.

„Ich bereue dein Blut nicht!“ rief er ihm zu, „hüte dich, Alter, und vergiß das nicht, denn auch ich werde etwas nicht vergessen! Verfluche dich, und sage mich von dir auf ewig los ...“

Damit verließ er das Zimmer.

„Sie ist hier, sie ist bestimmt hier! Ssmerdjäkoff, Ssmerdjäkoff,“ krächzte kaum hörbar der Alte und winkte mit dem Zeigefinger Ssmerdjäkoff zu sich heran.

„Sie ist nicht hier, begreifen Sie es doch, Sie verrückter Alter,“ schrie ihn plötzlich wutbebend Iwan Fedorowitsch an. „So, jetzt wird er auch noch ohnmächtig! Wasser, ein Handtuch! Schlaf nicht, Ssmerdjäkoff!“

Erschrocken lief Ssmerdjäkoff nach dem Wasser. Fedor Pawlowitsch wurde schließlich ins Schlafzimmer gebracht, ausgekleidet und ins Bett gelegt; dann bekam er noch eine kalte Kompresse auf den Kopf, der mit einem Handtuch umbunden wurde. Ganz schwach vom Kognak, von der starken Erregung und schließlich von den Schlägen, schloß er, sowie er das Kissen berührte, die Augen und schlief wahrscheinlich sofort ein. Iwan Fedorowitsch und Aljoscha kehrten wieder in den Saal zurück. Ssmerdjäkoff trug die Scherben der zerschlagenen Vase hinaus, Grigorij aber stand in finsterem Schweigen am Tisch.

„Solltest nicht auch du dich lieber ins Bett legen und ein nasses Handtuch um den Kopf wickeln?“ wandte sich Aljoscha an Grigorij. „Tu’s nur, wir werden hier bei ihm bleiben; Dmitrij hat dich so unvorsichtig geschlagen ... gerade auf den Kopf.“

„Er hat mich geschlagen!“ sagte Grigorij finster und deutlich vor sich hin.

„Er hat auch den Vater geschlagen, nicht nur dich!“ bemerkte mit etwas spöttisch verzogenen Lippen Iwan Fedorowitsch.

„Ich habe ihn eigenhändig gebadet ... Er aber hat mich geschlagen!“ wiederholte Grigorij.

„Weiß der Teufel, wenn ich ihn nicht fortgezogen hätte, würde er ihn ja womöglich noch totgeschlagen haben. Wieviel brauchte es denn, um ihn totzuschlagen?“ raunte Iwan Fedorowitsch Aljoscha zu.

„Gott behüte davor!“ sagte Aljoscha.

„Warum soll er denn davor behüten,“ fuhr Iwan mit boshaft verzogenem Gesicht in demselben Geflüster fort. „Das eine Geschmeiß wird das andere Geschmeiß verschlingen, und damit geschieht ihnen beiden recht!“

Aljoscha fuhr zusammen.

„Ich werde selbstverständlich einen Totschlag nicht zulassen, wie ich ihn auch heute verhindert habe. Bleib du hier, Aljoscha, ich werde hinausgehen, mein Kopf schmerzt.“

Aljoscha ging ins Schlafzimmer zum Vater und saß an seinem Bett hinter dem Schirm ungefähr eine ganze Stunde. Plötzlich öffnete der Alte die Augen und blickte lange schweigend Aljoscha an; er schien sich des Vorgefallenen zu erinnern und nachzudenken. Mit einemmal aber drückte sich eine ganz ungewöhnliche Erregung in seinem Gesichte aus.

„Aljoscha,“ flüsterte er ängstlich, „wo ist Iwan?“

„Auf dem Hof, er klagte über Kopfschmerzen. Er bewacht uns.“

„Gib mir den kleinen Spiegel, sieh, dort steht er!“

Aljoscha gab ihm einen kleinen, dreiteiligen Spiegel, der auf der Kommode stand. Der Alte warf einen neugierigen Blick hinein und betrachtete sich dann aufmerksam: Die Nase war ziemlich stark geschwollen, und auf der Stirn war über der linken Augenbraue ein großer, blutunterlaufener Fleck.

„Was sagt Iwan? Aljoscha, mein Lieber, du mein einziger Sohn, weißt du, ich fürchte mich vor Iwan, ich fürchte Iwan mehr als Dmitrij. Nur dich allein fürchte ich nicht!“

„Sie brauchen sich auch vor Iwan nicht zu fürchten, Iwan ärgert sich nur, aber er wird Sie verteidigen und beschützen.“

„Aljoscha, aber er? Wollte zu Gruschenka laufen! Mein Engel, sag mir die Wahrheit; war Gruschenka vorhin hier, oder war sie nicht hier?“

„Niemand hat sie hier gesehen. Das war nur ein Selbstbetrug von ihm; sie ist überhaupt nicht hier gewesen!“

„Aber Mitjä will sie doch heiraten, denk nur, heiraten!“

„Sie wird ihn nicht nehmen.“

„Wird nicht, wird nicht, wird nicht, wird bestimmt nicht, um keinen Preis! ...“ rief der Alte freudig belebt immer wieder, als ob man ihm nichts Angenehmeres hätte sagen können. In der Begeisterung ergriff er Aljoschas Hand und preßte sie krampfhaft an sein Herz. In seinen Augen erglänzten sogar Tränen. „Das Heiligenbild, weißt du, dieses von der Mutter Gottes, von dem ich vorhin erzählte, nimm du lieber an dich, nimm es mit, wohin du willst. Und ich erlaube dir auch, wieder ins Kloster zurückzugehen ... ich scherzte ja nur, sei nicht bös. Mein Kopf schmerzt, Aljoscha ... Ljoscha, beruhige du mein Herz, sei ein Engel, sag die Wahrheit!“

„Sie fragen noch immer, ob sie hier war oder nicht?“ fragte Aljoscha traurig.

„Nein, nein, nein, ich glaube dir, nur höre: Geh selbst zu Gruschenka, oder versuch sie sonst irgendwie zu sehen; frag sie schnell, so schnell als möglich, errat es selbst mit deinen Augen: Zu wem will sie, zu mir oder zu ihm? Wie? Was? Kannst du’s, oder kannst du’s nicht?“

„Wenn ich sie sehen sollte, werde ich sie fragen,“ sagte Aljoscha halblaut und ein wenig verwirrt.

„Nein, sie wird es dir nicht sagen,“ unterbrach ihn der Alte, „sie ist zu schlau dazu. Sie wird schließlich noch dich zu küssen anfangen und sagen, daß sie dich will. Sie ist eine Betrügerin, sie ist schamlos, nein, du darfst nicht zu ihr gehen, darfst nicht, hörst du!“

„Und es wäre auch wirklich nicht gut, Papa, wirklich nicht.“

„Wohin schickte er dich vorhin, rief dir noch zu: ‚Geh hin!‘ als er hinauslief?“

„Er schickte mich zu Katerina Iwanowna.“

„Nach Geld? Er will Geld haben?“

„Nein, nicht nach Geld.“

„Er hat kein Geld, keine Kopeke. Weißt du, Alexei, ich werde mich noch in dieser Nacht bedenken, du aber geh jetzt. Vielleicht triffst du auch sie ... Nur komme du morgen unbedingt wieder her, morgen früh, unbedingt. Ich werde dir morgen ein Wörtchen sagen; wirst du kommen?“

„Gut, ich werde kommen.“

„Wenn du aber kommst, dann mach so, als ob du von selbst kämest, um mich zu besuchen. Sag niemandem, daß ich dich gerufen habe, und Iwan sag kein Wort davon!“

„Gut.“

„Aber jetzt geh, mein Engel, vorhin tratst du für mich ein, werd es dir mein Lebtag nicht vergessen. Morgen aber werde ich dir etwas sagen ... nur muß ich noch etwas nachdenken.“

„Wie fühlen Sie sich denn jetzt?“

„Morgen, morgen steh ich auf, werde ganz gesund sein, ganz gesund, ganz gesund! ...“

Als Aljoscha über den Hof ging, fand er seinen Bruder Iwan auf der Bank an der Hoftür. Er saß und schrieb mit der Bleifeder etwas in sein Notizbuch. Aljoscha teilte ihm mit, daß der Vater aufgewacht und bei voller Besinnung sei und ihm erlaubt habe, zur Nacht wieder ins Kloster zurückzukehren.

„Aljoscha, es würde mir sehr lieb sein, dich morgen früh zu treffen,“ sagte, sich erhebend, Iwan ungemein freundlich – mit einer Liebenswürdigkeit, die Aljoscha ganz unerwartet kam.

„Ich werde morgen bei Chochlakoffs sein,“ sagte Aljoscha, „und vielleicht werde ich dann auch zu Katerina Iwanowna gehen, wenn ich sie jetzt nicht antreffen sollte ...“

„Und jetzt gehst du also zu Katerina Iwanowna? Um den ‚Abschiedsgruß‘ zu überbringen?“ fragte Iwan plötzlich lächelnd. Aljoscha wurde verlegen.

„Ich habe, glaube ich, alles aus seinen Worten, die er dir noch zurief, erraten – und noch aus einigen früheren Äußerungen ... Dmitrij hat dich bestimmt gebeten, zu ihr zu gehen und zu sagen, daß er ... nun ... nun ... mit einem Wort, seine ‚Reverenz‘ macht?“

„Wanjä! Womit wird diese ganze furchtbare Geschichte mit dem Vater und Dmitrij noch enden?“ fragte Aljoscha angstvoll seinen Bruder.

„Das läßt sich nicht voraussagen. Mit nichts vielleicht; die Geschichte wird verjähren. Dieses Frauenzimmer ist ein – Tier. Jedenfalls muß man den Alten im Hause bewachen und Dmitrij nicht ins Haus lassen.“